7
Lilys Herz machte einen Satz, als sie sah, wie Rule sich anspannte. Die Waffe im Anschlag, eilte sie die letzten Stufen hinauf. Dann hörte sie ihn jedoch jemanden mit normaler Stimme fragen, was er hier mache.
„Gute Frage“, sagte sie und ging langsamer. Verdammt, für einen weiteren Adrenalin-Cocktail war sie zu müde. Ihr Herz hämmerte immer noch, aber sie zitterte nicht mehr am ganzen Körper. Sie hoffte nur, dass sie nicht einfach zusammenklappen würde. „Man könnte auch fragen, wer, wie und warum, aber ich glaube, ich passe und sage gleich ‚Gute Nacht‘.“
„Ich tue mein Bestes, damit wir möglichst schnell ‚Gute Nacht‘ sagen können.“ Rule trat ein, und Lily bekam die Antwort auf zumindest eine ihrer Fragen.
In ihrem kleinen, einfach möblierten Wohnzimmer gab es nur einen Stuhl, doch darauf saß ihr unerwarteter Besucher nicht. Stattdessen hockte er auf dem Bodenkissen neben dem Couchtisch und spielte mit der Luft zwischen seinen Fingern. Er trug ein dunkelblaues Hemd ohne Kragen, das nur halb zugeknöpft war. Seine Füße waren nackt, und sein zimtfarbenes Haar hatte dringend einen Schnitt nötig. Den Kopf hielt er gesenkt, so dass sein Gesicht nicht zu sehen war, aber sie wusste, dass es herzzerreißend schön war.
Cullen sah auf. „Hallo, Liebes. Was für ein hässliches Kleid. Ist das dein Blut?“
Lily seufzte. „Ich weiß mit Sicherheit, dass ich die Tür abgeschlossen habe, und doch bist du hier. Uneingeladen.“
„Ach, ich habe mir gedacht, dass du nicht wollen würdest, dass ich draußen auf dem kalten Betonboden warte, und ich war ganz sicher, dass mir das auch nicht gefallen würde. Ich bin hier seit …“ Seine Finger standen still. „Großer Gott, es muss schon nach Mitternacht sein.“ Er musterte sie von oben bis unten mit funkelnd blauen Augen, an die sie sich immer noch nicht ganz gewöhnt hatte. Vor drei Wochen waren an dieser Stelle nur schorfige Augenhöhlen gewesen. „Du siehst aus, als hättet ihr einen schönen Abend gehabt. Wilder Sex?“
Sie ließ ein kehliges Knurren hören und ging in Richtung Küche. „Komm, Harry.“ Als Rule sie plötzlich hochhob, konnte sie gerade noch ein erschrockenes Kreischen zurückhalten. Das wäre peinlich geworden. „Tu das nicht, wenn ich bewaffnet bin.“
„Da hat sie recht“, sagte Cullen.
Rule setzte sie in einen überdimensionierten Sessel. „Die Waffe kannst du jetzt wegstecken. Ich kümmere mich um Harry und werde dann Cullen versuchen loszuwerden. Und bevor du dich aufregst“, sagte er und ging vor ihr in die Hocke, „denk daran, dass ich es gewöhnt bin, angeschnauzt zu werden, wenn ich anderen sage, was gut für sie ist.“
Cullen lachte leise. „Er meint den Rho. Der alte Herr erholt sich, aber in seinem Alter dauert es länger. Ist wirklich spaßig mit ihm. Letzte Woche hat er Rule den Arsch aufgerissen, weil er Netties Anweisungen bezüglich des Ratstreffens befolgt hat.“
Rule hatte ihr gesagt, dass er am letzten Donnerstag Clanangelegenheiten zu regeln hatte. Er hatte nicht gesagt, dass es ein Ratstreffen gewesen war. Er musste ihr nicht alles sagen, aber schließlich war sie jetzt Mitglied des Clans, oder etwa nicht? Hätte er es ihr denn nicht sagen können?
Sie sah ihm in die Augen, die unverwandt ihren Blick erwiderten. Dunkle Augen – nicht hellblau wie die seines Freundes – in einem Gesicht, das gut aussehend, aber nicht perfekt war. Die Nase war zu schmal, ein wenig zu lang. Die Lippen waren zu dünn, und die Ohren … Rules linkes Ohr war höher angesetzt als sein rechtes.
Komisch. Das war ihr noch nie aufgefallen.
Sie beugte sich vor, um vorsichtig ihre Waffe neben dem Sessel abzulegen. Dann richtete sie sich wieder auf, aber so, dass sie eins dieser asymmetrischen Ohren streifte. Gefühle stürzten auf sie ein wie eine Akrobatentruppe – hüpfend, rollend, über- und untereinander kletternd und nur mühsam das Gleichgewicht haltend. Und sie bemerkte, dass sie lächelte. „Ich muss mir wohl was ganz Besonderes einfallen lassen, um mit einem Wutanfall deines Vaters konkurrieren zu können. Ich glaube, das schaffe ich nicht.“
„Du bist selbst etwas ganz Besonderes.“ Er lehnte sich vor und gab ihr einen sanften Kuss. „Immer.“
„Sehr süß“, sagte Cullen. „Und normalerweise würde ich eurem Vorspiel gern zusehen, aber ich bin nicht ohne Grund gekommen. Also bitte, hört auf mit dem Geknutsche.“
„Ich bin zu müde, um ihn umzubringen“, sagte Lily. „Mach du es.“
„Nachdem ich Harry gefüttert habe“, sagte Rule und stand auf. „Der anscheinend keine sehr gute Wachkatze ist.“
Cullen schüttelte den Kopf, ohne den Blick von dem leeren Raum zwischen seinen Händen zu lösen. „Um Harry müsst ihr euch keine Sorgen machen. Den habe ich schon gefüttert.“
Und wirklich, statt sie böse von der Küchentür aus anzustarren, saß Harry neben dem Couchtisch und starrte Cullen an.
„Was hast du ihm gegeben?“, fragte Lily. Harry musste eigentlich Diät halten, auch wenn die Katze diesbezüglich mit dem Tierarzt nicht einer Meinung war.
„Schinken. Im Kühlschrank war einer, den hat er sehr gern gemocht. Bevor er wieder nach draußen gegangen ist, hat er sich satt gefressen. Ich habe ebenfalls ein Sandwich damit gegessen.“ Er hielt inne, um die Katze missbilligend anzusehen. „Hör auf.“
Rule schüttelte den Kopf, bückte sich und hob Lily wieder hoch, damit er sich mit ihr in den Sessel setzen konnte. Es war ein extra breiter, so dass sie beide darauf Platz hatten … wenn sie die Beine über seinen Schoß legte.
So zumindest hatte er sie jetzt hingesetzt. „Wir müssen über deine neue Angewohnheit reden, mich hin und her zu räumen, wie es dir passt.“
„Ich verspreche, später darfst du mich hin und her räumen.“
Sofort stellte sie sich vor, wie sie Rules langen, schönen Körper arrangieren könnte, und auf einmal schienen ihr ihre Schmerzen viel erträglicher.
Er wusste es, natürlich. Ihr Duft hatte es ihm verraten. Seine Mundwinkel kräuselten sich, aber seine Augen blickten weiter dunkel und ernst, als er ihr das Haar hinters Ohr strich. „Wenn du dich ausgeruht hast, nadia“, sagte er sanft.
Sie hob die Augenbrauen. „Wir werden sehen.“ Dann sah sie Cullen an und seufzte. „Komm zum Punkt. Du hast behauptet, es gebe einen.“
„Gleich. Das verdammte Biest mischt sich ein“, murmelte Cullen, der mit dem kleinen Finger wackelte, als würde er damit an etwas ziehen. „Früher hatte ich auch eine Katze“, fügte er hinzu, als würde das alles erklären. „Sie müssen überall ihren Senf dazugeben … da.“
„Cullen“, sagte sie gereizt, „was treibst du da?“
Er sah auf, grinste flüchtig und mit einem Schlag war er nicht mehr der nervtötende Verrückte, sondern ein attraktiver Mann, um den sich die Frauen rissen. „Ich habe mich mit ein paar umherschwirrenden Sorcéri angelegt, während ich auf euch wartete. Hier schwirren ziemlich viele herum, wenn man bedenkt, dass ihr keinen Netzknoten in der Nähe habt. Vielleicht liegt es am Meer … Aber ihr seid bestimmt jetzt nicht scharf auf eine theoretische Diskussion. Wollt ihr mal sehen?“
Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er die Handflächen nach außen, murmelte etwas – und dann sahen sie etwas, das aussah wie ein Tennisball aus sich windenden, leuchtenden Würmern.
Eine Sekunde später flackerte es und wurde wieder unsichtbar. Lily stellte fest, dass sie gegen ihren Willen beeindruckt war. „Das sind Sorcéri? Ich wusste nicht, dass du sie auch für uns Nichtzauberer sichtbar machen kannst.“
„Ein neuer Trick.“ Er sah zufrieden mit sich aus. „Noch habe ich nicht herausgefunden, wie man sie dauerhaft erscheinen lassen kann. Der Trick ist also nur begrenzt nützlich. Aber es ist trotzdem hübsch anzusehen, nicht wahr?“
Rule klang nicht ganz so zufrieden. „Ich dachte, es sei gefährlich, direkt und nicht mittels eines Zaubers mit ihnen Kontakt zu haben.“
„Diese hier sind ziemlich schwach. Und ich bin ziemlich gut. Ciao“, sagte er und klatschte in die Hände, offenbar, um die Energien loszuwerden, die er gesammelt hatte. Die Katze wandte den Kopf, als würde sie zusehen, wie etwas Unsichtbares in die Ecke neben der Garderobe schwebte.
„Katzen können sie auch sehen?“, fragte Lily.
Cullen zuckte mit den Achseln. „Manche. Deshalb haben so viele Hexen Katzen als Mitbewohner.“
Das musste sie erst einmal verdauen. „Und was du gerade gemacht hast – du hast irgendetwas an den Sorcéri verändert, oder? Du hast es doch nur mit ihnen gemacht, nicht mit uns.“
Cullen zog die Brauen hoch. „Normalerweise stellst du keine dummen Fragen. Ganz abgesehen davon, wie böse Rule auf mich sein würde, wenn ich etwas an ihm ohne sein Einverständnis magisch verändern würde, ist es verdammt heikel, Menschen direkt zu ändern. Ich gestehe auch, dass ich dazu nicht in der Lage bin. Und auch selbstverständlich niemand anderer in dieser Welt, es sei denn, wir haben, ohne es zu wissen, einen Feenlord unter uns. Aber du bist ja ohnehin immun, was uns zu der Feststellung zurückbringt, dass deine Frage dumm war. Was ist los mit dir?“
„Lily wurde von einem Dämon angegriffen“, sagte Rule ausdruckslos. „Er hat möglicherweise irgendeine Art von Rückstand hinterlassen.“
Cullen saß auf einmal ganz reglos da. Nur seine Augen bewegten sich und hefteten sich auf sie.
„Ich bin nicht besessen“, sagte sie ungehalten. „Nettie hat mich untersucht. Aber er hat etwas auf mir zurückgelassen. Ich weiß nicht wie, aber er hat es geschafft.“
„Geht es dir gut?“
„Abgesehen davon, dass man mich in meiner eigenen Wohnung nervt, wenn ich nichts weiter will, als ins Bett zu gehen … ja, es geht mir gut.“
Ein breites Lächeln erhellte sein Gesicht. „Das ist wunderbar. Wirklich wunderbar.“
Lily ließ ihren Kopf zurück auf Rules Schulter sinken. „Wie schaffe ich es, dass er geht?“
„Tut mir leid.“ Geschmeidig sprang Cullen auf, ganz und gar nicht so aussehend, als täte es ihm leid, und begann, auf und ab zu gehen. Cullen war ein Tänzer. Eigentlich war er ein Nackttänzer, ein Stripper. Auch wenn er einen zur Weißglut treiben konnte, es war ein Vergnügen, ihm zuzusehen, wenn er sich bewegte. Er war das von Natur aus anmutigste Wesen, das Lily je gesehen hatte. „Du weißt doch, was für ein selbstsüchtiger Mistkerl ich bin. Jetzt wirst du nicht mehr nein sagen können.“
„Nein sagen? Zu was?“
Rule ließ Cullen keine Zeit, zu antworten. „Er will bei der Jagd auf Harlowe mit dabei sein.“
Sie hob den Kopf, und ihr Blick traf Rules. Sie hatte angenommen, dass Cullen Nachforschungen auf eigene Faust anstellte, und sich gefragt, ob Rule wohl auf dem Laufenden war … aber gefragt hatte sie ihn nicht. Ganz offensichtlich hatte er es gewusst und es ihr nicht gesagt.
In ihrer Beziehung war es nicht immer einfach, die Loyalitäten zu klären. Sie sah zu Cullen. „Warum?“
„Wegen des Stabs, natürlich. Ich muss ihn finden und vernichten.“
Mitleidig verstummte sie. In der Gefangenschaft der wahnsinnigen Helen hatte Cullen Schreckliches erleiden müssen. Nur weil er durch Zauberkraft seinen Geist hatte beschirmen können, war es Helen unmöglich gewesen, mithilfe des Stabes seine Gedanken in Besitz zu nehmen – was ihr ganz und gar nicht gefallen hatte.
Man hatte ihm die Augen genommen. Er war in einen Glaskäfig gesperrt worden, den er nur gelegentlich in Ketten hatte verlassen können, damit man ihn verhören konnte. Er war geschlagen und wiederholt mit dem Tode bedroht worden.
Lily warf Cullen seinen Hass nicht vor, aber er machte ihn unberechenbar. Selbst wenn Zauberei nicht illegal wäre, wäre er ihr nicht nützlich gewesen. „Das kann ich nicht tun. Tut mir leid.“
„Ich rede nicht über irgendetwas Offizielles. Mach mich zu einem Berater, wie Rule. Du brauchst mich.“ Er rückte näher. „Ich kann dir helfen, ihn zu finden.“
„Ich habe bereits jemanden zum Finden in meinem Team.“
Er zog die Augenbrauen hoch. „Wenn du meinst, dass sie gut ist …“
„Moment mal! Warum sagst du ‚sie‘?“
„Reine Vermutung. Die meisten Finder sind Frauen.“ Während sie das noch verdaute, ließ er nicht locker. „Finder brauchen etwas Konkretes, von dem sie ausgehen können, und du hast nicht ein Stück von diesem abscheulichen Stab, mit dem sie arbeiten könnte, oder? Also muss sie versuchen, Harlowe zu finden, und der ist geschützt.“
„Was willst du damit sagen?“, fragte sie scharf.
„Ich habe in die Glaskugel gesehen und ihn gesucht. Er wird auf irgendeine Art beschirmt, wahrscheinlich durch den Stab.“
Wenn er recht hatte, würde Cynna ihrem Fall doch nicht so schnell den Durchbruch verschaffen können, wie Lily gehofft hatte. „Wenn ein Finder ihn schon nicht lokalisieren kann, wie willst du es dann schaffen?“
Sein Lächeln erinnerte sie an Harry. Selbstzufrieden. „Er ist nicht die ganze Zeit geschützt, und anders als ein Finder ist die Glaskugel nicht zeitlich gebunden.“
„Jetzt komme ich nicht mehr mit.“
„Beim Wahrsagen erhält man die Bilder durch die verschiedenen Elemente: Wasser ist Vergangenheit, Erde ist Gegenwart, Luft ist Zukunft, und Feuer bringt sie alle zusammen. Ich wahrsage mit Feuer, das heißt, dass ich möglicherweise Bilder aus der Vergangenheit bekomme, der Gegenwart und der Zukunft.“ Er schwieg, dann sagte er: „Vor zwei Tagen habe ich Harlowe in den Flammen gesehen. Jedoch ohne den Stab.“
„Vor zwei Tagen.“ Jähe Wut packte Lily. Sie schwang ihre Beine auf den Boden und setzte sich auf. „Da hast du aber lange gebraucht, um mich davon in Kenntnis zu setzen.“
„Du bist sauer“, stellte er fest. „Aber warum sollte ich verpflichtet sein, dich zu informieren, während du mir gar nichts sagst? Und komm mir nicht mit deiner Marke. Du kannst mich nicht zwingen, Informationen weiterzugeben, die das Gesetz nicht anerkennt.“
„Aber ich kann es“, sagte Rule, „und wenn nötig, werde ich es tun. Lily wurde heute Abend überfallen.“
Lange sahen sich die beiden Männer an, ohne ein Wort zu sagen. Sie schienen irgendeine komplizierte Botschaft auszutauschen, bis endlich Cullen sagte: „Wie gut, dass das nicht nötig sein wird. Wie ich schon sagte, deswegen bin ich hier. Ich habe zwei Tage gebraucht, um meine Vermutungen zu bestätigen. Und es hat sich herausgestellt, dass mein erster Eindruck richtig war. Harlowe war in der Hölle, als ich ihn gesehen habe.“
Lily blinzelte verblüfft. „Ich dachte … als du von Flammen sprachst, dachte ich, du meintest das Feuer, mit dem du wahrgesagt hast. Wenn er in der Hölle ist, kommen wir nicht an ihn ran.“
„Mach dich frei von diesen theologischen Märchen.“ Cullen ging zur Tür, an der Harry bereits mit zuckender Schwanzspitze wartete. „Ich meinte meine Wahrsageflamme, nicht das Schwefelzeug. Die Hölle ist kein Ferienort für tote Sünder. Diese hier zumindest nicht.“ Er streckte die Hand nach der Tür aus. „Zu der anderen kann ich nichts sagen.“
Diese Hölle? Die andere? Wie viele Höllen gab es denn? Lily rieb sich die Schläfen. „Harry darf so spät nicht mehr raus.“
„Nein?“ Cullen sah die Katze mit hochgezogener Augenbraue an. „Dann tut es mir leid – ihre Tür, ihre Regeln. Also … die Hölle. Du kannst sie auch ‚Dis‘ nennen, wenn dir das lieber ist“, sagte er und setzte sich wieder an den Couchtisch neben ihren Laptop. „So nennen ihre Bewohner diesen Ort, sagen einige meiner Quellen. Ich frage mich, ob sie diesen Begriff von Dante haben oder ob er von ihnen dazu inspiriert wurde. Wie dem auch sei, Dis ist die Welt der Dämonen.“
„Und du sagtest, Harlowe sei dort?“
„Ist, war oder wird dort sein, plus oder minus eine Woche oder so. Das passt perfekt zu dem Dämonenüberfall, nicht wahr?“
„Todsicher.“ Lily zuckte zusammen. Der Ausdruck wäre beinahe nur allzu treffend gewesen. „Woher wusstest du, wo er war?“
„Dämonen, Liebes. Ich habe ein paar Dämonen bei ihm gesehen.“
„Wir dachten, Sie sei vielleicht bei ihm“, sagte Rule. „Diese Welt liegt unserer am nächsten, und wir wissen, dass Sie versucht hat, ein Tor zur Hölle zu öffnen. Vielleicht hat Sie Harlowe zu sich gerufen, als der Versuch scheiterte.“
Cullen ließ sein Grinsen aufblitzen. „Dank unserer tapferen Heldentaten. Ich hatte allerdings nicht den Eindruck, dass Harlowe einer Ihrer treuen Anhänger ist, sondern eher ein Opportunist. Mir scheint es unwahrscheinlich, dass Sie sehr viel Zeit und Mühe an ihn verwendet. Aber irgendwie könnte er den Stab in die Hände bekommen haben, und als du …“, er nickte Lily zu, „Helen getötet hast, ist der Stab zu Ihr zurückgekehrt. Und Sie hat ihn einfach mitgenommen.“
Als du Helen getötet hast … ihre Hände, die den blonden Schopf packten und ihren Kopf auf den Steinboden der Höhle schlugen … Ein Gefühl von Schuld oder Aberglaube packte mit kalten Fingern ihre Eingeweide. Sie schüttelte den Kopf. Verdammt, sie würde sich nicht schuldig fühlen, nur weil sie getan hatte, was sie hatte tun müssen. „Du glaubst also, Harlowe könnte aus Versehen in der Hölle gelandet sein.“
„Möglich.“ Er winkte ab. „Doch das sagt uns nicht viel, und wir kommen vom Thema ab.“
„Und du bist jemand, der gern beim Thema bleibt.“
„Ich will mich nicht streiten.“ Er lehnte sich vor. Ein funkelnder Stein an einem Lederband rutschte aus seinem Hemd.
„Ist das ein Diamant?“, fragte Lily überrascht. Cullen schwamm nicht gerade im Geld. Rule sagte, er würde fast alles für alte Zauberbücher und Ähnliches ausgeben.
„Synthetisch. Hübsch, nicht?“ Cullen steckte ihn wieder in sein Hemd, stand dann auf und streckte sich – mehr wie eine Katze als der Teilzeitwolf, der er war. „Ich will dich nicht unter Druck setzen. Es ist spät, du bist müde, ein bisschen angeschlagen – und stehst meiner Bitte wahrscheinlich nicht sehr wohlwollend gegenüber. Aber bitte denke darüber nach: Wie willst du den Stab ohne mich zerstören?“
„Ah“, meldete sich Rule zu Wort. „Daran denkst du also.“ Er deklamierte leise: „Suus scipio scindidi – Id uri, uri, uri! – In niger ignis incendi – Aduri vulnus ex mundus.“
„Ganz genau. Und es freut mich, dass du das Indomitus kennst. So viele in dieser degenerierten Zeit kennen es nicht mehr.“
„Du hast es immer zitiert, wenn du betrunken warst.“
„Ich hatte schon immer ein gutes Gedächtnis“, sagte Cullen selbstgefällig.
„Worüber, um alles in der Welt, sprecht ihr beiden eigentlich? Die Kurzversion, bitte.“ Lily rieb ihre Schläfen und fragte sich, wann sie endlich ins Bett würde gehen dürfen. „Es hörte sich wie eine Art Gedicht an.“
„Bingo“, sagte Cullen. „Das Indomitus ist ein episches Gedicht, in Latein geschrieben – sehr altes Latein, nicht das, was die Clans heute benutzen. Nicht, dass wir heutzutage noch viel Latein sprechen“, fügte er mit offensichtlicher Missbilligung hinzu. „Englisch hat seinen Platz als Umgangssprache eingenommen, so wie bei den Menschen.“
Trocken sagte Rule: „Ich glaube, Lily hätte lieber eine Übersetzung und keine linguistische Debatte. Die Ereignisse in dem Gedicht sind Teil des Großen Krieges“, erklärte er ihr. „Der Teil, den ich zitiert habe, bezieht sich auf den Stab von Gelsuid, der ein Avatar der Göttin war, die wir nicht mit Namen nennen.“
„Irgendetwas sagt mir, dass ihr noch vom Ersten Weltkrieg redet. Du brauchst nichts zu erklären“, sagte sie hastig. „Clanlegenden kommen später dran. Sag mir nur, was dieses alte Gedicht mit dem Stab, auf den wir Jagd machen, zu tun hat.“
Cullen zuckte mit den Achseln. „Es ist natürlich derselbe Stab.“
„Ach, komm schon. Es gibt keinen Grund anzunehmen …“
„Als unser Schicksal in Helens sanften Händen lag, hast du nur gesehen, dass sie ein langes schwarzes Stück Holz in ihnen hielt. Ich aber habe etwas anderes gesehen.“
Damals hatte er keine Augen gehabt, aber Lily wusste, dass er trotzdem die Sorcéri „gesehen“ hatte. Offenbar war auch der Stab auf seinem magischen Radar erschienen. „Na schön, was hast du gesehen?“
„Eine Wunde, einen Riss, einen Sprung in der Materie der Welt. Der hölzerne Stab, den du gesehen hast, ist vielleicht eine Neuanfertigung, aber es ist ein sehr, sehr alter Riss in dem Stoff, aus dem die Realität besteht. Und deswegen brauchst du mich … um dieses Loch zu schließen. ‚Die Wunde ausbrennen‘, sagt das Gedicht.“ Diese Aussicht schien seine Stimmung zu heben. „Und ich kann mit Feuer gut umgehen.“
„Das stimmt“, bestätigte Rule. „Aber im Indomitus steht, dass er mit ‚schwarzem Feuer‘ verbrannt werden soll. Ich habe nie ein solches gesehen. Und ich weiß nicht, worum es sich überhaupt handelt.“
„Das Feuer der Magier. Es ist ein bisschen gefährlich. Bisher hatte ich noch nicht damit zu tun, aber ich bin dabei zu lernen, wie man damit umgeht.“
Wenn Cullen es amüsant fand, mit streunenden Sorcéri in ihrem Wohnzimmer zu spielen, wollte sie nicht wissen, was in seinen Augen „ein bisschen gefährlich“ war. „Ich hoffe, du lernst es weit genug entfernt von besiedeltem Gebiet.“
Vorwurfsvoll blickte er sie an. „Aber natürlich. Es wäre nicht ratsam, die Nachbarn mit gelegentlichem Feuer aufzuschrecken.“
Sie öffnete den Mund, um ihn auf weitere Gefahren hinzuweisen, die ein Feuer gewöhnlich mit sich brachte – und gähnte stattdessen. „’tschuldigung. Man sollte doch meinen, dass es mich wachhalten würde, wenn der Stoff, aus dem die Realität besteht, bedroht ist.“
„Mit anderen Worten“, sagte Rule, „gute Nacht, Cullen.“
Cullen lachte leise. „Okay, ich habe kapiert.“ Er trat nahe genug, um sich zu bücken und ihr einen Kuss auf die Wange zu geben. „Schlaf ein bisschen, Liebes. Du kannst mich mit Fragen löchern, wenn ich dich später weiterpiesacke.“
„Lass zur Abwechslung mal dein Handy eingeschaltet, dann werde ich das tun.“
„Für dich lasse ich es an.“ Er ging zur Tür.
„Cullen …“
„Ja?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Hast du deine Meinung über meine Mitarbeit geändert?“
„Was weißt du über Besessenheit?“
„Nicht viel. Die religiösen Obermacker sind sehr verschwiegen, was das betrifft. Schon immer. Wollen ihr Revier für sich allein haben, nehme ich an. Trotzdem ist mein Wissen, wenngleich lückenhaft, doch so umfangreich, dass ich dir jetzt nicht alles erzählen kann, da Rule mich gleich beim Nacken packen wird und rausschmeißt. Um was geht es denn genau?“
Lily wand sich innerlich, brachte aber schließlich die Frage doch über die Lippen: „Warum ist der Glaube ein Schutz?“
„Woher soll ich das wissen?“ Er lächelte. „Kleiner Scherz. Dass Glaube ein Schutz ist, ist mir neu.“
„Nettie glaubt es. So wie auch das FBI.“
Seine Brauen schossen in die Höhe. „Ach ja? Interessant … vielleicht hatte Der Exorzist ja doch recht.“ Mit einem Grinsen wandte er sich an Rule. „Weißt du noch, als der Film rauskam? Die Leute haben alles für echt gehalten. Ein Haufen Idioten kam aus den Löchern gekrochen und hat behauptet, Experten zu sein. Himmel, ich erinnere mich an diesen Arsch bei Phil Donahue. Der sagte, er habe Dutzende Male exorziert. Dutzende!“ Er kicherte.
Lily schnaubte. „Willst du mich für dumm verkaufen, Cullen? Der Exorzist kam raus, bevor ich geboren wurde. Du und Rule, ihr wart vielleicht schon raus aus den Windeln, aber noch nicht sehr lange.“
Cullen warf Rule einen rätselhaften Blick zu. „Ah, jetzt hast du mich erwischt. Ich mache mich gern wichtig, aber das war wohl ein bisschen zu offensichtlich, was?“
Aber er hatte nicht versucht, sich wichtig zu machen. Leichthin hatte er Rule auf eine gemeinsame Erinnerung angesprochen. Was absurd war. Lily sagte sich, dass sie sich lächerlich machte, stellte aber trotzdem die Frage. „Wie alt seid ihr eigentlich?“
„Habe ich dich überzeugt, dass ich ein gut erhaltener Hundertjähriger bin?“ Cullen lächelte, als wolle er sie aufziehen. „Oder vielleicht eher sechzig oder siebzig Jahre alt. Dann müsste ich im Buch der Rekorde stehen. Ich bezweifle, dass es noch einen anderen Stripper in meinem Alter gibt.“
Rule unterbrach ihn mit ruhiger Stimme. „Lass das.“
Lilys Magen fuhr Achterbahn – als wenn sie so plötzlich gefallen wäre, dass die Schwerkraft nicht hatte mithalten können.
Cullen seufzte. „Da bin ich wohl ins Fettnäpfchen getreten.“
„Ich wollte es ihr sagen, habe es aber immer aufgeschoben, weil ich auf den richtigen Moment gewartet habe, was definitiv nicht jetzt ist. Aber ich werde sie nicht anlügen. Oder dich lügen lassen.“
Lily fand ihre Stimme wieder. „Lügen? Worüber?“
Er strich ihr übers Haar. „Es tut mir leid, nadia. Ich hätte es dir sagen sollen.“
Ihr was sagen sollen? Ganz sicher nicht das, was er ihr jetzt anscheinend weismachen wollte. Das wäre absurd. Sie sprang auf. „Du bist nicht hundert Jahre alt.“
Ein Lächeln erschien auf seinen Lippen – jungen, festen Lippen. „Nein. Nicht ganz. Aber ich bin älter, als ich aussehe. Älter, als ich dich habe glauben lassen.“
Ihr Herz hämmerte. „Wie alt?“
„Vierundfünfzig. Cullen ist ein wenig älter.“
„Im Juni werde ich neunundfünfzig.“ Cullens Miene drückte deutlich sein Bedauern aus. „Ich hoffe, du hast bemerkt, dass ich dich nicht angelogen habe. Nicht richtig.“
Sie sah den großen, gut aussehenden jungen Mann an, der behauptete, älter als ihre Mutter zu sein, und schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nicht möglich.“
Keiner von beiden antwortete. Cullen guckte reumütig. Rule hatte sein undurchdringliches Gesicht aufgesetzt.
Sie meinten es ernst. Sie begann auf und ab zu gehen. „Wie kommt es, dass ich nie davon gehört habe? Wie habt ihr es geschafft, alle anderen die ganze Zeit über zu täuschen?“ Wie hatte er sie nur täuschen können?
Rule erhob sich. Er bewegte sich so geschmeidig. Einfach unmöglich, dass er vierundfünfzig Jahre alt war. „Wir haben einige extreme Maßnahmen ergriffen, um es geheim zu halten. Bis vor drei Jahren war es noch in fünf Staaten legal, uns ohne Warnung niederzuschießen. Wie wäre es erst gewesen, wenn die Menschen gewusst hätten, dass wir doppelt so alt wie sie werden?“
Doppelt so alt?
Lilys Herz schlug zu schnell, zu heftig. Ihr Kopf fühlte sich an, als sei er mit Watte ausgestopft. Sie hatte gewusst, dass Rule älter war, als er aussah – ungefähr so alt wie sie. Achtundzwanzig. Sein selbstsicheres Auftreten ließ darauf schließen, dass er das Alter, in dem man zwischen Unsicherheit und Größenwahn schwankt, hinter sich gelassen hatte. Mitte dreißig, hatte sie das erste Mal, als sie ihn sah, geschätzt. „In deinem Führerschein steht, dass du fünfunddreißig bist.“
„So“, sagte Cullen und steuerte zur Tür. „Ich will mir nur ungern nachsagen lassen, ich sei unsensibel, und gerade jetzt spüre ich, dass meine Anwesenheit nicht erwünscht ist.“ Er streckte die Hand nach dem Türgriff aus.
„Warte“, sagte Rule. „Kannst du hier drinnen ein paar Schutzzauber wirken? Sonst müssen wir Harry in die Kiste packen und zu meiner Wohnung fahren.“
„Klar. Ein echter Schutzzauber würde zu lange dauern, aber ein Sieh-mich-nicht-Zauber wird es sicher auch tun. Ein netter kleiner Zauber. Verbraucht nicht viel Kraft. Verwirrt die Sinne, so dass niemand den Ort sehen kann, an den ich ihn gebunden habe. Ich weiß allerdings nicht, ob er auch bei Dämonen wirkt.“
„Ich würde die Dämonen lieber draußen lassen.“
„Ich weiß nicht, ob das möglich ist“, sagte Cullen offen. „Manche glauben, dass heilige Symbole das bewirken können, aber ich bin skeptisch. Früher … aber wir können uns nicht auf das verlassen, was früher einmal war, nicht wahr? Auf jeden Fall habt ihr ja euer eigenes Alarmsystem installiert. Katzen hassen Dämonen. Harry wird sich sofort melden, wenn sich ihm einer nähert.“
Lily sah sich suchend nach ihrer Katze um, aber Harry war es offenbar leid geworden, in die Ecke zu starren. Er war nirgendwo in Sicht.
„Du entscheidest“, sagte Rule ruhig zu ihr.
Sie ballte die Hände zu Fäusten und bemerkte es erst, als sich ihre Nägel schmerzhaft in ihre Handflächen gruben. „Wir bleiben hier. Wenn sie mich auf der Hochzeit meiner Schwester gefunden haben, werden sie sicher auch wissen, wo du wohnst.“
„Cullen?“, fragte Rule.
„Es wird schon klappen. Hast du Rosmarin?“
„Reicht getrockneter?“
Sie brauchten sie nicht mehr. Lily hob ihre Waffe vom Boden auf. „Ich nehme eine Dusche.“
Cullen zog die Augenbrauen hoch. „Bewaffnet?“
„Deine Zauber wirken vielleicht nicht auf Dämonen, aber ich wette, meine Kugeln schon.“