15
Exakt um zehn Uhr siebenundfünfzig befand Lily sich im Aufzug nach unten und lehnte mit geschlossenen Augen an der Wand. Den Zustand der Müdigkeit hatte sie bereits hinter sich gelassen und befand sich nun in dieser aufgekratzten Stimmung, in der Lachen und Weinen gefährlich nahe beieinanderliegen.
Gut möglich, dass sie eher hätte gehen sollen. Na ja, ganz sicher hätte sie das tun sollen. Aber die Zeit drängte – vielleicht blieb ihnen nur ein Tag, bevor Harlowe wieder zuschlagen würde.
Die gute Nachricht war, dass Rule nicht da war, um ihr auf die Nerven zu gehen. Und die schlechte … nun, die schlechte war, das Rule nicht da war. Sie hatte sich daran gewöhnt, sich nachts an ihn zu kuscheln. Das würde sie an diesem Abend vermissen – zumindest in den wenigen Sekunden zwischen dem Moment, in dem sie sich hinlegte, und dem des Einschlafens.
Sie öffnete die Augen und streckte den Rücken, bevor sich die Aufzugtür öffnete. Das Gebäude hatte ein ganz anständiges Sicherheitssystem, eine Mischung aus Alt und Neu – eine Tür, die elektronisch bedient wurde, und einen Wachmann mit einer Besucherliste, in die man sich persönlich ein- und auszutragen hatte. Als er sie sah, machte er einen Witz über ihre „wirklich sehr geduldige Verabredung“. Sie warf einen Blick durch die dicke Glastür und sah dort Benedict warten.
Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, ein Taxi nach Hause zu nehmen. Doch das wäre dumm gewesen. Falls ihre Angreifer es heute Abend noch einmal versuchen sollten, würde sie wahrscheinlich im entscheidenden Moment gähnen müssen und wichtige Sekunden zum Reagieren verlieren. Also hatte sie die Kröte geschluckt und beschlossen, vernünftig zu sein. Brav hatte sie Benedict angerufen und ihn darüber informiert, dass sie nun kommen würde – genauso, wie man es ihr aufgetragen hatte.
Ihre Lippen wurden schmal. Rule fand sie bockig, weil sie zusätzlichen Schutz ablehnte. Da war schon etwas Wahres dran, gestand sie sich selber ein, als der Wachmann die Tür mit einem Knopfdruck öffnete. Aber seine überhebliche Art machte sie wütend. Er hatte eine Entscheidung für sie getroffen und dann den ganzen Tag gewartet, um sie damit zu überfallen.
Sie trat hinaus an die Luft, die noch wenig von einer herbstlichen Kühle hatte. Trotzdem wurde sie gleich munterer. Diese Luft war nicht erst gefiltert und aufbereitet worden. Sie war kein Verbrauchsprodukt, sondern einfach nur Luft.
Vielleicht war es aber auch die Tatsache, dass sie aus der Sicherheit hinaustrat und sich damit der Gefahr aussetzte, was ihr Herz schneller schlagen ließ. Wie auch immer. Einen Moment lang atmete sie ruhig die frische Luft ein und fühlte sich wacher als seit Stunden.
„Hier stehen wir zu exponiert. Gehen wir lieber zum Wagen.“
Sie warf einen Blick nach rechts, auf über hundertneunzig Zentimeter personifizierten Unmut. „Hallo, Benedict. Mir geht es gut, danke. Und selber?“
Sein Lächeln war so flüchtig, als sei er aus der Übung. „Schön, dich wiederzusehen. Vor allem, wenn du nicht blutest. Können wir jetzt zum Wagen gehen?“
Sie seufzte. „Wo … Moment mal, das ist doch mein Auto!“
„Ich fahre einen Jeep. Keine Türen, kein Schutz.“
„Ich nehme an, dass Rule dir den Schlüssel gegeben hat.“
„Du bist sauer.“
„Das hast du richtig erkannt. Aber nicht auf dich.“ Sie trottete hinter ihm her und fühlte sich wie ein Zwerg. Rule war groß, aber sein Bruder war geradezu riesig – 1,95 groß, 110 Kilo schwer – grob geschätzt – und jeder Zentimeter Körper so gestählt, dass man sich blaue Flecken an ihm stoßen konnte.
Sie sahen sich überhaupt nicht ähnlich. Bei Benedict erkannte man die menschlichen Vorfahren an der Haut – ein kupferner Ton, der auf amerikanische Ureinwohner schließen ließ, genauso wie sein schwarzes Haar, in dem hie und da erste Silberfäden zu entdecken waren, und seine dunklen Augen. Er trug Jeans, ein schwarzes T-Shirt und eine Jeansjacke, die sein Schulterhalfter verdeckte. Und, dem Himmel sei Dank, er trug nicht wie gewöhnlich auf dem Clangut die Schwertscheide, in der ein Meter Stahl steckte. „Was hast du bei dir?“
„So dies und das. Meine Hauptwaffe ist eine Sig Sauer.“
„Ich benutze auch eine Sig.“
„Gute Wahl. Ich wollte meine SAW mitbringen, aber möglicherweise hätte jemand meinen Wagen durchsucht. Verhaftet wäre ich nicht mehr zu viel nutze gewesen.“
„SAW … eine Squad Automatic Weapon. Redest du von einem Maschinengewehr?“
Er nickte. „Hat eine durchschlagende Wirkung.“
„Da kann ich mich wohl glücklicher schätzen, als ich gedacht habe.“
Sie erreichten ihren Toyota. Er nahm den Fahrersitz so schnell in Beschlag, dass ihr gar keine andere Wahl blieb, als widerwillig auf dem Beifahrersitz Platz zu nehmen. „Ich bin durchaus in der Lage zu fahren. Meine Reflexe sind fast so gut wie deine.“ In dieser Hinsicht kam sie nach ihrer Großmutter.
„Fast so gut wie Rules vielleicht.“ Er ließ den Motor an. „Nicht so gut wie meine.“
Sie sah ihn an und fragte sich, wie schnell er wohl tatsächlich war. Lily hatte ihn schon einmal in Aktion gesehen, aber damals war er ein Wolf gewesen – einer von vielen – und sie damit beschäftigt, zu schießen und auf sich schießen zu lassen. Abgesehen von Rule, hatte sie keinen vom anderen unterscheiden können. Deshalb verspürte sie jetzt eine gewisse berufliche Neugier, was Benedicts Fähigkeiten betraf. Wie war er wohl, wenn er einen Kampf in Menschengestalt austrug?
Nicht, dass sie es heute Abend herausfinden wollte. Sie legte den Sicherheitsgurt an. „Rule hat mir mal gesagt, dass er es besser gefunden hätte, wenn du der Lu Nuncio geworden wärst. Nicht nur, weil du älter bist als er. Sondern auch, weil du der bessere Kämpfer bist.“
Benedict gab ein leises, ungeduldiges Geräusch von sich. „Ich dachte, darüber wäre er hinweg.“
„Wie meinst du das?“
„Auch wenn ich ein besserer Kämpfer bin, macht mich das noch lange nicht zu einem besseren Lu Nuncio.“
„Der Lu Nuncio schützt den Rho und ist derjenige, der Herausforderungen annimmt und austrägt, oder nicht? Dann ist Kämpfen doch ein wesentlicher Punkt der Arbeitsplatzbeschreibung.“
„Darüber hinaus ist er der Thronfolger und wird irgendwann einmal Rho sein. Rule wird unsere Leute besser führen, als ich es je könnte.“
„Also fühlst du dich nicht übergangen?“
Er schwieg so lange, dass sie zu fürchten begann, sie hätte ihn beleidigt. Aber als sie ihm einen raschen Blick zuwarf, sah sie, dass er nachdachte, auch wenn seine Augen weiterhin aufmerksam auf die Straße, die Autos vor, hinter und neben ihnen gerichtet waren. Cop-Augen, dachte sie. Es war merkwürdig, diesen Blick an jemandem zu sehen, der sein ganzes Leben auf der anderen Seite des Gesetzes gestanden hatte – bis das Gesetz geändert wurde.
Schließlich, als er sich in den Verkehr auf der I-15 einfädelte, sagte er: „Du denkst an Mick. Er wollte Rho sein. Ich nie. Als unser Vater Rule als den Thronfolger bestimmte, war Mick zornig. Ich dagegen war erleichtert.“
Jetzt war es an Lily zu schweigen. Die Rücklichter des Wagens vor ihnen schienen sie mitzuziehen wie eine Perle, die auf eine Schnur gefädelt wird. Die Augen wurden ihr schwer. Sie lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze … um dann sofort wieder aufzuschrecken. Beinahe wäre sie eingeschlafen.
Ich vertraue ihm, dachte sie überrascht. Ganz tief in ihrem Inneren hatte sie beschlossen, dass sie sich auf Benedict verlassen konnte: Er würde auf sie beide aufpassen. Das sah ihr gar nicht ähnlich, und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte.
Anders als Rule – oder die meisten Menschen, die sie kannte – hatte Benedict weder das Radio eingeschaltet noch eine CD eingelegt. Vielleicht horchte er ebenso auf die Gefahr, wie er nach ihr Ausschau hielt. Also herrschte Stille, als sie durch den regen Verkehr der nächtlichen Stadt glitten. Der Schimmer der Armaturen, der das Dunkel des Wageninneren in sanftes Zwielicht hüllte, ließ mehr erahnen, als er enthüllte.
Warum hatte sie ihn nach seinen Gefühlen gefragt? Ohne Zweifel hatte auch er welche, aber er zeigte sie so wenig, dass sie sich fragte, ob er mehr als sie darüber wusste. Es war nicht sehr wahrscheinlich, dass er sich ihr gegenüber öffnen würde.
Und doch sagte ihr Instinkt ihr, dass sie ihm vertrauen konnte. Benedict hatte etwas Verlässliches an sich, etwas merkwürdig Friedliches. Er schien in sich zu ruhen.
Ganz anders als sie. Jetzt, da sie nicht mehr redete und nichts anderes tun konnte, als einfach dazusitzen, machte sich auch ihr noch immer nicht ganz geheilter Körper wieder bemerkbar. Sie rutschte auf ihrem Sitz hin und her, um eine Position zu finden, die ihre Schulter nicht belastete und Schmerzen vermied. Ihr Kopf arbeitete unentwegt weiter.
Endlich brach sie das Schweigen. „Ich würde dir gern eine Frage stellen, die nach euren Maßstäben möglicherweise unhöflich ist.“
„Unsere Maßstäbe sind gar nicht so verschieden von euren.“
„Dann ist die Frage vielleicht schlicht und einfach unhöflich. Es geht … um deine Tochter.“
Er warf ihr einen Blick zu. „Rule hat es dir also erzählt.“
„Heute Abend, ja. Und gestern Abend habe ich von … von der Sache mit dem Altern erfahren. Daran habe ich immer noch zu knabbern.“
„Das hat dich durcheinandergebracht.“ Eine einfache Feststellung, weder mitleidig noch wertend. „Was willst du über Nettie wissen?“
„War ihre Mutter deine Auserwählte?“
„Nein.“ Er stockte, bevor er weitersprach, aber nur den Bruchteil eines Atemzuges. „Ich traf Claire, als Nettie zwölf war. Wir hatten keine Kinder zusammen.“
Ein Dutzend weiterer Fragen lagen Lily auf der Zunge. Sie war sich ziemlich sicher, dass Benedicts Auserwählte gestorben war, aber wie und wann wusste sie nicht. Sie hätte gern gewusst, was passierte, wenn einer der Partner, die durch das Band der Gefährten aneinandergebunden waren, starb. Welche Auswirkungen hatte das auf den anderen?
Auch hätte sie ihn gern Persönliches gefragt. Hatte er Claire geliebt? Waren sie Freunde gewesen, nicht nur Liebende? Welche Grenzen hatte ihr Band gehabt? Hatten sich ihre Fähigkeiten auf die gleiche Art gemischt wie ihre und Rules?
Lily war beruflich daran gewöhnt, sehr persönliche Fragen zu stellen, oft gerade dann, wenn die Gefühle der Befragten tief verletzt waren. Aber dies war keine Befragung, und Benedicts Zurückhaltung war tief verankert. „Danke für deine Antwort“, sagte sie schließlich.
Ein Hauch von Belustigung klang in seiner Stimme mit. „Das war alles, was du wissen wolltest?“
„Nein, aber …“
Ihr Handy klingelte. Sie griff in ihre Tasche und nahm den Anruf an. „Ja?“
„Lily Yu?“, sagte eine ihr unbekannte männliche Stimme.
Sie runzelte die Stirn. Nur wenige Personen kannten diese Nummer. „Wer ist denn da?“
Er lachte leise. Ein angenehm männlicher Klang. „Ich glaube, wir haben noch nicht miteinander gesprochen. Ich bin Patrick Harlowe.“
Mit einem Schlag war sie hellwach. Sie setzte sich auf. „Wie nett, dass Sie anrufen. Ich bin auf der Suche nach Ihnen.“
„Das habe ich gehört.“ Er hatte eine dieser vollen Stimmen, die alles, was sie sagen, bedeutungsvoll und vertraulich klingen lassen. Wie ein Fernsehprediger, dachte sie. Oder jemand, der im Teleshopping nachts Küchenutensilien mit Erfolg verkauft. „Bisher haben Sie noch nicht viel Glück gehabt, was?“
„Noch nicht.“ Lass ihn reden. Sie würde sein Spielchen mitspielen und ihn weitersprechen lassen. Wenn man das schaffte, gaben die Leute immer mehr preis, als ihnen klar war. „Wie sind Sie überhaupt an diese Nummer gekommen?“
„Auf dieselbe Weise, auf die ich in letzter Zeit so viele andere interessante Dinge erfahren habe – ich habe sie von Ihr, die beinahe allwissend ist. Wäre das nicht auch in Ihrem Beruf sehr praktisch?“, fügte er hinzu. „Wenn Sie jeden Beliebigen beobachten oder belauschen könnten?“
„Das ist wahr. Aber Sie sagen ‚beinahe‘? Das bedeutet doch wohl, dass Sie nicht allwissend ist, oder? Lupi kann Sie nicht beobachten. Und mich auch nicht. Und Sie kann nicht mit Ihnen direkt sprechen.“ Oder konnte Sie es doch? Gott, wenn der Stab Harlowe tatsächlich telepathisch gemacht hatte und er jetzt in der Lage war, seine Anweisungen und Informationen direkt von Ihr zu empfangen …
„Sind Sie sich da ganz sicher?“, fragte er nachsichtig wie ein Lieblingsonkel seine vorlaute Nichte. „Aber in diesem Fall haben Sie recht. Sie ist nicht ganz allwissend. Doch wie Sie an diesem Anruf sehen, haben wir Mittel und Wege gefunden, uns an die wenigen Beschränkungen, die Ihr auferlegt sind, heranzutasten. Aber auch das Telefon hat seine Grenzen, finden Sie nicht auch? Es ist doch viel netter, wenn man sich persönlich kennenlernt.“
„Sollen wir uns zum Lunch verabreden?“, fragte Lily trocken. „Dann lassen Sie mich schnell mal in meinen Terminkalender schauen.“
„Lunch ist nicht so meine Sache.“ Er klang erheitert. Offenbar amüsierte er sich prächtig. „Wie wäre es denn jetzt gleich? Es ist vielleicht ein bisschen spät, aber ich bin so schrecklich beschäftigt in letzter Zeit.“
Lily warf Benedict einen Blick zu. Sein Gesichtsausdruck zeigte nichts als volle Konzentration.
Natürlich. Er hörte Harlowe ebenfalls zu. „Ich habe heute Abend noch nichts vor. Wo sollen wir uns treffen?“
„Ich fürchte, Sie müssen zu mir kommen. Und ich muss darauf bestehen, dass Sie niemanden darüber informieren. Niemanden, Lily – abgesehen von Ihrem Fahrer selbstverständlich.“
Er wusste, dass jemand sie fuhr? Lily sah Benedict an. Sie hatte die Fähigkeit, in Gedanken zu sprechen, nicht verloren, auch wenn sie nicht mehr in der Lage war, es zu hören: Werden wir verfolgt?
Er schüttelte den Kopf.
„Das gilt auch für Ihren Fahrer. Keine Anrufe. Wenn jemand von unserem kleinen Rendezvous erfährt, würde mich das kränken, und ich fürchte, ich mag nicht, wenn man mich kränkt. Und ich werde es auf jeden Fall erfahren, Lily.“ Seine Stimme wurde leise. „Die, der ich diene, kann Sie vielleicht nicht beobachten, aber das ist auch nicht nötig. Sie kann die anderen im Auge behalten, die Sie möglicherweise anrufen würden. Wie Ihre Kollegen beim FBI oder die Polizei … oder sogar Ihre Familie.“
Lilys Nacken war auf einmal schweißfeucht, als habe sie dort jemand mit einem nasskalten Tuch berührt. „Gut. Wo treffen wir uns?“
„Die Wegbeschreibung gebe ich Ihnen gleich. Zuerst aber will noch jemand mit Ihnen sprechen.“
„Warten Sie …“
Aber er hatte das Telefon bereits weitergereicht. An jemanden, dessen Stimme Lily vor Angst erstarren ließ.
„Lily?“ Beth Yu sprach, wie immer – schnell und fröhlich. „Patrick möchte, dass ich dir versichere, dass es mir gut geht. Warum, weiß ich auch nicht genau. Ich weiß noch nicht mal, warum er mich überhaupt hierher hat kommen lassen. Ich finde es hier überhaupt nicht schön. Aber das ist schon in Ordnung. Das hat Patrick gesagt. Er wird sich um mich kümmern.“
Die Kerzen waren halb heruntergebrannt. Sie hatten viel diskutiert und doch wenig beschlossen, und bald war es Zeit für Cullens zweiten Auftritt.
Eigentlich hatte er es nicht mehr nötig zu tanzen. Nicht für Geld zumindest. Rule hatte angenommen, dass er kündigen würde, als der Rho ihn auf die Honorarliste des Clans gesetzt hatte – „wie einen bescheuerten Rechtsanwalt“, hatte Cullen gesagt. Aber er war weiterhin aufgetreten, zwei Shows an zwei Abenden in der Woche. Er hatte Rule gesagt, er würde das Extrageld brauchen.
Auch wenn er es vielleicht selbst glaubte, Rule tat es nicht. Geld war für Cullen nie besonders wichtig gewesen. Für ihn war es lediglich ein Mittel gewesen, seine heiß geliebten Papierfetzen zu erstehen, Schnipsel aus alten Zauberbüchern und Ähnliches. Nein, Rule war zu dem Schluss gekommen, dass das Tanzen Cullen etwas gab, das er brauchte.
Aber im Moment war es einfach nur lästig. „Wir sollten bald zum Schluss kommen“, nutzte er die erste Gelegenheit, sich in die Gespräche einzuschalten. „Und seid vorsichtig mit dem, was ihr sagt, wenn der Zirkel erst einmal unterbrochen ist.“ Er war sich sicher, dass es noch viele andere Treffen nach diesem hier geben würde – vielleicht weniger formell, aber dafür ergebnisreicher.
„Mir ist immer noch nicht klar, was du erreichen willst.“ Ben war missgestimmt. „Was willst du von uns? Darüber zu reden, Sie zu bekämpfen, ist ja gut und schön. Aber Sie ist nicht hier.“
„Haltet die Augen auf“, sagte Rule ohne Umschweife. „Und die Nase am Boden. Findet heraus, ob euer Clan bestätigen kann, was ich über die Welten gesagt habe. Dass sie sich verschieben, sich verändern. Ich habe euch zum Beispiel von der Sichtung einer Todesfee in Texas erzählt.“
„Mutmaßlichen Sichtung“, korrigierte ihn Javiero. „Aber ich habe es überprüft, und die Zeugen scheinen glaubwürdig.“
„Was passiert in euren eigenen Territorien?“, fragte Rule. „Berichtet uns, wenn ihr irgendetwas Ungewöhnliches beobachtet. Versucht herauszufinden, was andere Andersblütige möglicherweise wissen oder vermuten. Du, Ben, könntest dich mit den Trollen in Verbindung setzen und sie fragen, ob sie auch Veränderungen festgestellt haben.“ Bens Clan hatte seinen Hauptsitz in Skandinavien, wo die einzige noch existierende Trollpopulation ansässig war.
„Trolle.“ Ben schnaubte. „Hast du schon einmal versucht, mit einem von ihnen zu reden? Genauso gut könnte man mit einem Baum sprechen wollen.“
„Da wir einmal beim Thema sind“, sagte jemand. „Ich biete mich an, mit den Dryaden zu reden.“
Dieser Witz erntete einiges Gelächter. Dryaden waren bekannt dafür, sehr schüchtern zu sein … und sehr liebeshungrig, wenn sie einmal ihre Schüchternheit überwunden hatten.
Ito schüttelte den Kopf. „Mit Trollen und Dryaden kenne ich mich nicht aus. Aber ich weiß, wie man mit Bäumen umgeht. Man redet nicht mit ihnen, man hört ihnen zu.“
Darauf schwiegen alle einen Moment peinlich berührt. Ito war beliebt, aber manchmal ein wenig exzentrisch.
„Wir schweifen ab“, sagte Randall. „Wenn wir nach Anomalien Ausschau halten sollen, ist das, als würden wir auf den Buchstaben S achtgeben. Wenn man erst einmal darauf achtet, sieht man ihn plötzlich überall. Natürlich werden die Leute merkwürdige Vorkommnisse finden, wenn sie danach suchen.“
„Der Buchstabe S kommt häufig vor. Merkwürdige Vorkommnisse sind, wie der Name schon sagt, merkwürdig. Ich will nicht wissen, ob eure Schwester einen neuen Haarschnitt hat … so merkwürdig er auch sein mag.“ Leises Lachen war zu hören. „Aber wenn ihr von Kreaturen oder Andersblütigen hört, die in unserer Welt nichts zu suchen haben, dann sollten wir die anderen davon in Kenntnis gesetzt werden.“
„Wem sollen wir davon Mitteilung machen? Dir etwa?“ Randall schürzte voller Verachtung die Oberlippe. „Das könnte dir so passen. Unsere Informationen werden dir als Argumente für deine Sache dienen und deine Chancen erhöhen, zum Kriegsherrn bestimmt zu werden, falls die Clans den megalomanen Plänen deines Vaters …“
„Sprich lieber nicht weiter.“ Rule saß vollkommen still. „Ich habe auch nicht darüber gesprochen, dass dein Vater es vorzieht, aus dem Hinterhalt zu töten, also solltest du …“
„Wenn alle damit einverstanden sind, stelle ich mich zur Verfügung“, sagte Stephen ruhig. „Ich erkläre mich bereit, diese Berichte zu sammeln und zu prüfen. Es sei denn, jemand von euch zweifelt an der Unparteilichkeit eines Etorri.“
Randall wagte es nicht, so weit zu gehen, aber er kniff die Augen zusammen, als er den Kopf herumriss, um Stephen anzusehen. „Du kaufst ihm also diese absurde Theorie ab, dass die Welten sich verschieben?“
„Bitte“, sagte Ito zu dem Mann, der neben ihm saß, „was bedeutet ‚abkaufen‘?“
Randall antwortete, den Blick weiter fest auf Stephen geheftet. „Glauben. Einverstanden sein. Davon überzeugt sein, dass einem kein Scheiß erzählt wird.“
Stephen blieb gelassen. „Die Etorri haben selber schon die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die Welten in Bewegung sein könnten. Noch bevor der Friedenszirkel einberufen wurde.“
„Warum?“, fuhr Randall auf. „Verdammt noch mal, habt ihr denn irgendwelche Beweise dafür?“
„Erstens stimmt es mit der Prophezeiung überein …“
Das ließ alle aufhorchen. „Welche Prophezeiung?“
„ … die Etorris lieben solchen mystischen Hokuspokus …“
„Wenn ihr die ganze Zeit von einer Prophezeiung gewusst und uns nichts gesagt habt …“
„Und zweitens“, sagte Stephen, „bin ich selber Zeuge der Großen Jagd in den nördlichen Wäldern gewesen.“
Es folgte Totenstille. Dann sagte Cullen in die Stille hinein: „Rule?“
Rules Kopf fuhr herum; seine Nüstern blähten sich. „Was ist?“
„Wir müssen den Zirkel sofort auflösen. Benedict hat den Panikknopf gedrückt.“