Kapitel 12

Wien, Dienstag, 12. November

Theresa sah in die dienstägliche Chianti-Runde und hob ihr Glas.

»Kinder, mir geht es gut.«

»Gleich wird es dir noch besser gehen.« Boris zog ein paar Umschläge aus seiner Jacke und fächerte sie auf dem Tisch auf.

»Unsere Flüge nach Florenz. Wir starten morgen um 18 Uhr.«

»Aber … Ich dachte, wir fahren mit dem Auto, wie kommst du dazu?« fragte Paul hastig und fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Bitte, lasst mich ein einziges Mal für euch bezahlen. Außerdem habe ich nur Flugmeilen eingelöst, war also gratis. Jetzt können wir zusammen reisen. Sonst wären wir stundenlang in drei Autos dahingetuckert.« Mit leuchtenden Augen verteilte er die Tickets.

Flora warf einen Blick darauf. »Oh, erste Klasse! Ich freu mich auf den Champagner.«

»Boris, du bist ein Schatz. Danke«, sagte Theresa. »Dein toller Preis ist in der Aufregung total untergegangen.«

»Ach, ist doch egal.«

»Sei nicht immer so verdammt bescheiden.« Flora stand auf und ging in die Küche, aus der es verdächtig zu qualmen begonnen hatte. »Leute, es tut mir leid, ich glaube, meine Quiche ist hinüber.«

»Das kann nicht dein Ernst sein! Endlich mal was Französisches und dann … Ich komme und schaue, ob sie zu retten ist.« Paul sprang auf und rannte Flora hinterher. Er kam mit einem Stück geschwärzten Speckkuchens zurück, biss hinein und rief über die Schulter: »Sei froh, dass du dein Geld mit dem Fotografieren von Essen verdienst und nicht mit dem Kochen. Du würdest verhungern, ma chère.«

»Wir heute auch?«, fragte Leon.

»Ach was! Paul, wenn du schon stehst, bitte rufe den Japaner an und bestelle eine Runde Sushi«, sagte Theresa. »Und ab morgen gibt es jeden Tag wunderbares italienisches Essen. Ach, ich freu mich! Weg von allem hier, weg von Mördern, Einbrechern und Verfolgern. Weg von den Gedanken an dieses unglückselige Bild.«

»Wirst du wegen der ›Krönung‹ wirklich nichts mehr unternehmen? Wir haben doch bereits so viel herausgefunden«, bemerkte Boris enttäuscht.

»Nein, die Polizei soll sich darum kümmern. Ich will nur noch nach Florenz fliegen, ein paar Museen besuchen und deine Auszeichnung feiern.« Theresa drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

Arcetri, Februar1639

Carissimo et illustrissimo mio amico!

Teuerster Freund!

Mit Freuden habe ich Euer letztes Schreiben gelesen. Auch von mir gibt es vieles zu berichten. Seit etwas mehr als einem Monat habe ich einen neuen Gehilfen. Meine Sehkraft ist inzwischen so schwach, dass ich jemanden brauche, der mir bei der Korrespondenz hilft. Es ist der junge Vincenzo Viviani. Seine jugendliche Lebensfreude, sein Enthusiasmus, seine Neugierde sind so überschwänglich, dass ich – davon angesteckt – mit meiner Arbeit besser als je vorankomme.

Vincenzo ist zwar erst siebzehn Jahre alt, aber von so großer und schneller Auffassungsgabe, dass ich ihn als meinen Meisterschüler betrachten und ihn in all dem unterrichten werde, was der Klerus verbietet. Er ist der legitime Nachfolger eines Galileo Galilei und wird das Wissen um den Mittelpunkt des Universums weitertragen, mein Lebenswerk zu Ende führen. Die Arbeit mit ihm ist wie ein Jungbrunnen. Giusto verewigt ihn schon auf unserem Bild.

Ich wünschte, Ihr hättet auch einen Helfer, der Eure Lebensgeister wieder so erwecken kann.

Ich werde mich bald wieder melden, den nun übernimmt mein guter Vincenzo das Schreiben für mich.

Lebt wohl und bewahrt mir Eure Zuneigung!

Euer G.