Kapitel 11
Wien, Montag, 11. November
Endlich hatte er es! Jetzt musste er so schnell wie möglich nach Hause, er konnte es nicht erwarten, das Bild zu untersuchen, sein Geheimnis zu lüften. Er legte den fünften Gang ein und trat aufs Gas.
Dieser idiotische Schlager! Hätte er ihm das Bild nicht zu seinem Preis geben können? Nein, er wollte verhandeln, ihn nochmals treffen, andere Interessenten kontaktieren – ohne über den wahren Wert informiert zu sein. Als er Schlager mit der Pistole gedroht und eine weitere Verhandlung abgelehnt hatte, hatte er nur gelacht. Ein dummer Mann, der nicht wusste, wann es genug war.
Dieses Blut überall … Er hasste Blut.
Wieso waren die Menschen derart töricht? Auch die schwangere Frau damals. Niemals würde er den Anblick vergessen, wie sie dalag und endlich den Mund schloss. Dabei hatte der Tag damals gut begonnen. Nie hätte er sich träumen lassen, die Aufzeichnungen des alten Gutsverwalters zu entdecken. In einem Nebengebäude des Schlosses Schwarzbergen, dem Marstall, war er am Dachboden fündig geworden. Ganze Kisten voller Dokumente!
Nächtelang hatte er sie durchsucht – bis er die Liste der Käufer in den Händen hielt. Sofort war er zu diesem Dreiseitl gefahren, um endlich sein Bild zu holen. Und dann brüllte sie so … Brüllte so ohrenbetäubend laut.
»Wir wären wegen der Fenster hier.«
Theresa führte die zwei Arbeiter in die Küche, setzte sich und sah zu, wie sie die Bretter abnahmen, das restliche Glas entfernten und den Rahmen ausmaßen. Sie rührte gedankenverloren in ihrem Kaffee, blendete die hämmernden Männer aus und freute sich über das Licht, das in die Küche fiel.
Als die Handwerker weg waren, holte sie ihre Yogamatte. Seit Langem verspürte sie wieder Lust, ein paar Übungen zu machen.
Sie war endgültig aus diesem bösen Traum erwacht. Der Mord an Wenz war geklärt und ihr Bild war an seinem Tod nicht schuld gewesen. Das ließ die Gewissensbisse, die sie geplagt hatten, verschwinden. Und Trauer um Schlager? Nein, wenn er Wenz nicht getötet hätte, wäre er selbst nie zum Verfolgten geworden.
Draußen verzogen sich die letzten Wolken. Nach ein paar Asanas und dem abschließenden Gruß an die Sonne war sie so entspannt, dass sie sich sogar auf die Slackline wagte. Und zum ersten Mal wurde sie nicht abgeworfen! Ein herrlicher Tag, sie hatte ihre innere Ruhe und Ausgeglichenheit wiedergefunden.
Noch dazu war heute Faschingsbeginn. Das schrie nach Farbe.
Theresa ging ins Wohnzimmer, kramte alle
Buntstifte hervor und begann, ihre Illustrationen
zu kolorieren.
Die Regenbogenmaschine färbte mit ihrer Wunderspritze den Himmel bunt. Genauso fühlte sie sich jetzt – voller Regenbogen. Sie lächelte und überlegte, wieso man eigentlich fröhlich war, wenn man die farbigen Streifen sah, bedeuteten sie doch, dass es irgendwo regnen musste.
Sie steckte die fertigen Zeichnungen in ein großes Kartonkuvert, um sie an ihre Freundin zu schicken. An der Verlagspräsentation konnte sie selbst leider nicht teilnehmen, weil sie noch in Florenz sein würde. Das fand sie zwar schade, doch die Freude, endlich wieder ein Projekt zu Ende gebracht zu haben und vor allem endlich wieder in Italien zu sein, wog alles auf. Theresa beseitigte das Morgenchaos, steckte sich einen halben Muffin in den Mund und bemerkte, dass er schimmelig war. Verflucht – zwei davon hatte sie Dino in den Kindergarten mitgegeben. Sie sah auf die Uhr, die Pause war längst vorbei. Armer Dino, hoffentlich würde er nicht krank werden. So kurz vor der Italienreise. Sie beschloss, ihn gleich zu holen.
Theresa verließ das Haus und stieg in ihren Sharan. Leon war mit dem Porsche zur Arbeit gefahren, was ihr insgeheim auch lieber war, denn richtig bequem fand sie den Flitzer nicht. Als sie den Kindergarten erreichte, riss sich Dino, der mit der Gruppe gerade von einem Spaziergang zurückkam, freudig von der Hand der Erzieherin los und rannte zum Wagen.
»Hallo Mama, du bist schon da?«, rief er durch das Fenster.
»Geht es dir gut?« Theresa suchte in seinem Gesicht nach Zeichen einer Lebensmittelvergiftung.
»Alles super.«
»Auch im Bauch?«
»Ja, wieso?«
»Nur so.« Theresa war erleichtert. »Was willst du heute tun? Ich bin mit meiner Arbeit fertig, jetzt gehöre ich allein dir.«
»Basteln wir ein Faschingskostüm? Ich will mich als Skelett verkleiden.«
Roboter oder Astronaut wären Theresa nach all den Toten zwar lieber gewesen, aber da es Dinos Wunsch war und er nach ihrem Muffin-Fauxpas etwas gut hatte, widersprach sie nicht.
Zu Hause machten sich beide mit einem schwarzen T-Shirt von Leon, einem Anatomiebuch und weißer Farbe an die Arbeit. Als Theresa schließlich den Pinsel weglegte, meinte Dino: »Da fehlt noch was!«
»Was denn?«, fragte sie und zählte verunsichert die Rip-pen nach.
»Na, der Knochen hier unten.« Dino deutete auf das Becken.
Grinsend antwortete Theresa: »Nein, da gibt es keinen.«
»Doch, was hab ich denn da sonst?«
»Keinen Knochen.«
»Doch, doch, doch! Und den will ich auch am Kostüm!«
Wie war es schön, sich über solch banale Dinge den Kopf zu zerbrechen. Endlich war wieder Normalität in ihr Leben eingekehrt.
Theresa überlegte, ob sie nachgeben sollte. Wenn Dino allerdings mit dem Skelett-T-Shirt auf ein Faschingsfest in der Nachbarschaft ginge, würde sie sich zu Tode genieren. Nein, kein Penisknochen!
»Weißt du was, ruf Papa an!« Das musste unter Männern ausgemacht werden.
Während Dino mit Leon, der plötzlich immer
erreichbar war, sprach, beobachtete Theresa ihren
unbeschwerten Sohn.
Glücklicherweise hatte er sich von den Aufregungen der letzten Tage nicht sonderlich aus der Ruhe bringen lassen. Am ehesten noch von dem Monster, aber nur ein bisschen. Er war ein stoischer kleiner Kerl, genau wie sein Vater. Und Leon konnte seinen Sohn sicherlich überzeugen, der Wissenschaft keine neuen Erkenntnisse zu schenken.
Arcetri, Dezember 1637
Carissimo et illustrissimo mio amico!
Teuerster Freund!
Euer letzter Brief hat mich sehr erheitert, vielen Dank dafür. Denn Aufmunterung brauche ich hier, in meinem Kerker in Arcetri. Ja, jetzt beginnt wieder diese triste, kalte Zeit, wo ich selbst meine schöne Villa nicht als Heim betrachte, wo die Dunkelheit der Tage auch meine Seele verfinstert. Ich bin kein Kind des Winters, welches das Weiß des Schnees freudig begrüßt, nein, in mir regt sich genau das Gegenteil von Glück, wenn es so wie heute Nacht zu schneien beginnt. Der Schnee reicht nun eine gute Spanne hoch, und er fällt weiter. Ich spüre schon, wie auch die Kälte meine Knochen hochkriecht. Das Heizen strengt mich schon zu sehr an, ich werde das Heilige Offizium bitten, mir einen Gehilfen zu bewilligen, doch Ihr wisst ja, wie widerwillig sie auf all meine untertänigst vorgetragenen Anfragen reagiert haben. Daher setze ich keine allzu große Hoffnung darauf.
Das größte Glück für mich wäre es, wenn der Winter nur eine Woche dauern würde und die Sonne dann wieder mein Haus erwärmte. Doch ich als Wissenschaftler weiß am besten, dass die Gesetze der Natur unumstößlich sind. Wir haben eben keine Möglichkeit, die Welt etwas wärmer werden zu lassen, so sehr ich es mir wünschen würde. Aber sobald ich aufgehört habe zu zittern, also in drei Monaten, werde ich an unserem Werk weiterarbeiten.
Monsù Giusto besucht mich regelmäßig und unser Bild wächst vor meinen Augen. Er ist wahrlich ein vortrefflicher Künstler. Ich markierte ihm, wo die großen Drei stehen sollen und er versucht nun, ihre Antlitze nach meiner mageren Beschreibung zu malen.
Und der Eitelkeit meiner Bewacher schmeichelt er auch. Nie werden sie die wahren Hintergründe des Bildes erfahren.
Der Schmuggel der ›Discorsi‹ wurde bis dato nicht entdeckt. Ein Zwiespalt macht mir etwas zu schaffen. Auf der einen Seite sehne ich herbei, dass mein Manuskript alsbald verlegt werden möchte.
Doch dann wird der Kirche schwanen, dass ich etwas Verbotenes getan habe. Andrerseits hoffe ich, dass es nicht zu bald geschehe, um nicht einer noch strengeren Bewachung zu unterstehen, welche unsere Arbeit gefährden könnte.
Lassen wir Gott entscheiden, was Ihm am genehmsten ist. In jeder Hinsicht.
Euer G.