Ein Fass ohne Boden

Die Brasilianer, die sich im Regenwald unter Fords Fittiche begaben, bildeten aber keine bloße Staffage im Urwald-Musterstädtle. Sie waren gleichzeitig seiner ideologischen Hartnäckigkeit ausgeliefert, denn Henry Ford wollte, dass sie nach seiner Fasson selig würden. Sie sollten sich sogleich den Regeln und der Disziplin des Unternehmens unterwerfen und den american way of life annehmen, was sich bei ganz anderen Lebensbedingungen und anderer Mentalität als kaum durchsetzbar erwies. Da jedoch ließ die Ford-Zentrale nicht mit sich reden. Allerdings waren die frisch engagierten Arbeiter weder feste Arbeitszeiten gewohnt noch ohne Weiteres gewillt, einer Werkssirene zu gehorchen. Ebenso wenig wollten sie auf Alkohol verzichten oder Kontrollbesuche zu Hause hinnehmen, mit denen Ford sicherstellen wollte, dass seine Arbeiter eine hygienische, gesunde Lebensweise führten. Ein Ergebnis der unsensiblen Reglementierung war ein enorm hoher Krankenstand und eine riesige Fluktuationsrate, die den chronischen Mangel an Arbeitskräften zusätzlich verschärfte.

Immer wieder gab es Unmut seitens der Brasilianer, der meist kulturell begründet war und sich gegen das Fremde am Leben und Arbeiten in Fordlandia wehrte. Nordamerikanische Effizienz widersprach dem Zeitgefühl der Einheimischen, die sich eher an den träge dahinfließenden Wassermassen des Tapajós orientierten, weshalb Pünktlichkeit oder gar eine Stechuhrdisziplin kaum durchsetzbar waren. Eine der Revolten, mit denen die Nordamerikaner zu kämpfen hatten, richtete sich denn auch gegen die als demütigend empfundene Stechuhr für die Arbeiter. Dass sich der Unwillen zum Widerstand auswuchs, war ebenso verständlich wie unausweichlich. Blutig wurde es 1930, als brasilianische Arbeiter gegen die Einführung des Cafeteria-Systems beim Mittagessen protestierten und verlangten, wie bisher bedient zu werden. Das war wohl eher Anlass als Ursache der ausbrechenden Unruhen, die vom brasilianischen Militär beendet werden mussten. Als später ein Vertreter des brasilianischen Bundesstaates Pará die Arbeits- und Lebensbedingungen vor Ort inspizierte, war er positiv überrascht und legte seinen Landsleuten nahe, statt aufzubegehren lieber Gott auf Knien für das zu danken, was Ford ihnen an Wohltaten zuteilwerden ließ.

Bei aller überheblichen Ignoranz den landestypischen Eigenheiten gegenüber: Wer in Fordlandia Arbeit fand, genoss Dinge, wie sie anderswo im Amazonas schlichtweg nicht zu finden waren. Die Lebensbedingungen waren hervorragend, die Ernährung vorbildlich. Nicht ohne Grund kamen daher die häufigsten Krankheiten, ob Wurmbefall, Nahrungsmittel- oder Vitaminmangelerkrankungen wie Beri-Beri, kaum vor, zumal beste medizinische Versorgung kostenlos verfügbar war. Auch Malaria und Gelbfieber waren seltener als anderswo im Amazonas. Die Löhne lagen weit über dem üblichen Orts­niveau, während Wohnen kostenfrei war und viele Lebensmittel von Ford bezuschusst wurden. Nur bedeutete die Arbeit in Fordlandia einen täglichen Kampf um die eigene kulturelle Identität – noch dazu im eigenen Land.

Als letzten Endes entscheidend für das Scheitern des Projekts erwiesen sich jedoch die Unzulänglichkeiten und Probleme, wo es um den eigentlichen Zweck des Unternehmens ging: die Gewinnung von Kautschuk im Plantagenanbau. Denn nicht einmal das Herzstück der Unternehmung, der Aufbau einer effizienten Kautschukplantage, war sachkundig vorbereitet. Schon die Auswahl des Ortes für die Pflanzung war dilettantisch erfolgt, weil das höher gelegene, hügelige Gelände erosionsgefährdet war und häufig im Morgennebel versank, was der Ausbreitung von Pflanzenkrankheiten Vorschub leistete. Außerdem war es schwierig zu bewirtschaften, und noch dazu wurde die erste Rate der Kautschuksetzlinge für die Plantage aus lauter Unkenntnis falsch und nachlässig gepflanzt, sodass fast alle Setzlinge eingingen. Die zuständigen, aber inkompetenten Mitarbeiter in Fordlandia folgten nämlich einem sehr simplen Rezept: Sie säten aus und erwarteten, dass ohne weitere Pflege starke Bäume heranwachsen würden, die in acht Jahren die Zapfreife erreichten.

Rückblickend mutet es abenteuerlich an, mit welcher Unbedarftheit ein Weltkonzern dieses Unternehmen in Angriff nahm und mit welcher Hartnäckigkeit er sich weigerte, aus eigenen Fehlern heilsame Schlüsse zu ziehen. Ford vertrat die Ansicht, jedermann mit Tatkraft und gesundem Menschenverstand könne sich in jedes beliebige Arbeitsgebiet einarbeiten und erfolgreich sein. Das erwies sich natürlich als allzu blauäugig, und man ist abermals erstaunt über die Ignoranz der Verantwortlichen, nicht zuletzt Henry Fords selbst. In Singapur hatte Henry Ridley über viele Jahre unermüdlich geforscht, um den Plantagenbesitzern detaillierte Anweisungen zu geben, wie die Setzlinge zu pflanzen und zu pflegen waren, wie und mit welchem Werkzeug und zu welcher Tageszeit das Zapfen der Bäume die größte Ausbeute garantierte und vieles mehr. Auch an anderen Orten der Welt wurden seit mehreren Jahrzehnten Erfahrungswerte mit dem Aufbau von Kautschukplantagen gewonnen, die sich Fords Männer ebenfalls hätten zunutze machen können. Aber dergleichen geschah einstweilen nicht.

Für das Gelände sprach, dass es die Heimat der südostasiatischen Kautschukbäume war, denn Fords Erwerbungen im Amazonas befanden sich nicht weit von der Gegend, wo genau ein halbes Jahrhundert zuvor Henry Wickham Samen des Hevea-Baumes gesammelt hatte. Diese Tatsache diente als Ausweis der besonders guten Eignung des Gebietes für die Zwecke einer Plantage. Schließlich stammte die überwältigende Mehrheit der Bäume in den ertragreichen überseeischen Kautschukplantagen der Briten, Franzosen und Niederländer von Samen dieser Provenienz ab.

In Dearborn war aber offensichtlich nicht bedacht worden, dass die Plantagenbäume in Singapur oder Malaysia unter anderen Bedingungen wuchsen als im Amazonas. Vor allem mussten sie keine Resistenzen gegen solche Schädlinge haben, die in Asien nicht vorkamen – dafür aber in Südamerika. Die natürlichen Feinde der hevea brasiliensis, insbesondere Blattrost und Netzwanze, aber auch bestimmte Raupen, Ameisen, Motten und Milben taten sich gütlich an der Monokultur der Plantagen und vermehrten sich entsprechend, während sie dem natürlichen Baumbestand des Regenwalds nur begrenzt gefährlich wurden, weil die Kautschukbäume vereinzelt wuchsen, weit verstreut zwischen zahllosen Bäumen anderer Sorte. Auf den Plantagen aber war der Anblick schrecklich, denn das Ungeziefer entlaubte die eigentlich majestätisch wirkenden Bäume komplett.