Wie ein monströser
Eingriff in die Schöpfung
DIE KREUZUNG VON AFFE UND MENSCH
In den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts stellte die noch junge Sowjetunion für Wissenschaftler ein wahres Mekka dar. Hier schien möglich, woran anderswo kaum zu denken war, weil der bolschewistische Staat die Bedeutung der Wissenschaft als Katalysator für die gesellschaftliche Entwicklung als maßgeblich ansah und sie entsprechend unterstützte – und das als erstes Land überhaupt. Fachübergreifend träumten Forscher gemeinsam mit den kommunistischen Machthabern von einer Zukunft, in der die sozialistische Gesellschaft die Früchte technologischer und wissenschaftlicher Errungenschaften unterschiedlichster Art würde ernten können. Da ist es kaum verwunderlich, dass sich Forscher aus aller Welt in der Sowjetunion die Klinke in die Hand gaben, um an dieser stürmischen Entwicklung Anteil zu nehmen und vielleicht davon zu profitieren.
Zwischen der Oktoberrevolution 1917 und dem Ende der Zwanzigerjahre entstand so eines der größten Wissenschafts- und Forschungssysteme der Welt. Die enormen Investitionen in Forschungsinstitute und Projekte sind erstaunlich unter dem Aspekt, dass das Land nach Revolution und Bürgerkrieg daniederlag und es vielerorts am Nötigsten mangelte. Viele Wissenschaftler wurden sogar privilegiert versorgt: zum einen um eine Abwanderung der dringend benötigten Fachleute zu verhindern, zum anderen weil man Investitionen in die Wissenschaft als in Bälde ertragreich einschätzte. Wessen Arbeit für vielversprechend erachtet wurde, erhielt trotz schlechter Versorgungslage mehr Lebensmittel als andere, konnte trotz Kollektivierung sein Haus behalten und musste weder Militärdienst leisten noch zum Arbeitseinsatz ausrücken. Noch war dabei gleichgültig, ob man proletarischer oder bürgerlicher Abstammung war, ob man an der Revolution teilgenommen hatte oder nicht, auf welcher Seite man im Bürgerkrieg gestanden hatte.
Zunächst aus der dezentralen Wissenschaftslandschaft des zaristischen Russland weiterentwickelt, wurde der Forschungssektor zwar nach und nach zu einem immer stärker zentralisierten System, in dem der sozialistische Staat bestimmte, was in Forschung und Wissenschaft geschah. Zunächst aber konnten, trotz allen Misstrauens seitens der Bolschewiki, die »bürgerlichen« Wissenschaftler aus der Zarenzeit ihre Arbeit weitgehend ungehindert fortsetzen, da der sozialistische Staat seine eigenen »proletarischen« Wissenschaftskader erst noch heranzüchten musste. In Ermangelung verfügbarer marxistisch indoktrinierter Forscher griff die Sowjetunion auf die alte Garde zurück und ließ sie weiterarbeiten. Es handelte sich also um eine Übergangsphase, die bis Ende der Zwanzigerjahre dauerte und die der Wissenschaft eine erstaunliche Autonomie verschaffte – zunächst.
Nach und nach entstanden diverse Regierungsinstitutionen, die nebeneinander für bestimmte Gebiete zuständig waren, und auch diese Zersplitterung der staatlichen Zuständigkeiten kam der Autonomie der Forschung zupass, weil sie mehr Freiheiten bot als zentralisierte Entscheidungswege. Die altgedienten Wissenschaftler taten also gut daran, etwaige Vorbehalte gegen die neuen Machthaber zu überwinden, um ihre Arbeit fortsetzen zu können. Viele passten ihr Forschungsgebiet auch flugs der neuen Marschrichtung und Erwartungshaltung an, und sei es nur durch einen neuen Namen für das längst getaufte Kind. Und mancher Wissenschaftler schreckte auch nicht davor zurück, die neuen Verhältnisse zu nutzen, um sich zum Nachteil von Fachkollegen ideologisch zu profilieren oder gar die wissenschaftliche Konkurrenz zum eigenen Vorteil unverhohlen zu denunzieren. Unerlässlich für die Förderung eines Instituts oder Forschungsvorhabens aber waren Fürsprecher im zuständigen staatlichen Gremium.
Ein Forschungsgebiet wurde in der Sowjetunion besonders gefördert und erlebte eine Blüte, die die Kollegen weltweit vor Neid erblassen ließ: die Genetik. Die Erforschung der Erbanlagen von Pflanze, Tier und Mensch sollte, beispielsweise auf dem Gebiet der Nutzpflanzenzüchtung zum Zweck der Ertragssteigerung, dem rückständigen Land den Sprung in die Moderne erleichtern. Alsbald aber rückte auch der menschliche Genpool ins Blickfeld, wie es zu dieser Zeit auch in anderen Ländern der Fall war. Um 1900 hatte international der Aufschwung der Eugenik eingesetzt, also der Forschung über Eingriffe in die menschliche Biologie auf der Grundlage humangenetischer Erkenntnisse. Vielerorts befassten sich Wissenschaftler, meist ausgesprochen unbekümmert, mit den Aussichten, die die Anwendung der Genetik bot: von der Ausrottung gefürchteter Erbkrankheiten bis zur genetischen Optimierung ganzer Völker durch strenge Züchtung und Auswahl nach darwinistischen Prinzipien.
Ethische Vorbehalte spielten in den Überlegungen der meisten Eugeniker allenfalls eine nachrangige Rolle. Erst die eugenische Forschung im nationalsozialistischen Deutschland, dort unter dem Label »Rassenhygiene«, mit ihren menschenverachtenden Auswüchsen sollte die Disziplin nachhaltig diskreditieren und strengeren ethischen Vorgaben unterwerfen. Zuvor war vieles möglich und wurde manches versucht, was uns heute abwegig, abstoßend und verwerflich erscheint. Einer der Väter der russischen Eugenik, Nikolai Konstantinowitsch Koltsow, veröffentlichte 1922 im frisch gegründeten Russischen Eugenischen Journal einen Artikel mit dem vielsagenden Titel »Die Verbesserung der menschlichen Natur«. In diesem Umfeld reger Forschungstätigkeit, staatlicher Begünstigung und euphorischer Hoffnungen, was die praktische Anwendbarkeit von Forschungsergebnissen betraf, konnte ein russischer Biologe ein Experiment in Angriff nehmen, das zuvor noch nie gewagt worden und bislang auch nicht vermittelbar gewesen war. Dass es der sowjetische Staat war, der dieses Experiment ermöglichte, ist kein Zufall.