Leuchttürme einer Epoche
Ob man die Epoche zwischen 500 und 1500 n. Chr. nun eher positiv oder eher negativ betrachtet, ihre Leuchttürme sind die gotischen Kathedralen, einige davon weltweit bewundert. Wenn heute Architekten ihre größte Herausforderung in himmelstürmenden Wolkenkratzern sehen, wenn im 19. Jahrhundert Industriebauten und Bahnhöfe ihre Paradeaufträge darstellten – im Mittelalter waren es die großen Kathedralen. Die ehemalige Abteikirche Saint-Denis bei Paris oder die Kathedralen Notre-Dame in Paris und Amiens, in Chartres und Reims sind, stellvertretend für viele, nur einige der Bauten aus Frankreich, wo der Architekturstil seinen Anfang nahm. Oft wird als Geburtstag der Stilepoche der 14. Juli 1140 genannt, als im Benediktinerkloster Saint-Denis, das als Grablege und Hauskloster der französischen Könige zu enormem Reichtum und Prestige gelangt war, die Arbeiten an einem neuen Chorbau für die romanische Abteikirche begannen. Das geschah auf Betreiben des Abtes Suger, der nicht nur Wegweisendes begann, sondern die Kunde davon auch emsig verbreitete – und sich selbst in einem Fenster des neuen Chores verewigen ließ.
Abt Suger handelte gleichzeitig auf ideeller und realer Grundlage. Real war die Konsolidierung des französischen Königtums, das kurz zuvor noch Mühe gehabt hatte, sich bei einem eher kleinen unmittelbaren Herrschaftsgebiet (der Île-de-France rund um Paris, die Krondomäne) von den umliegenden Fürsten abzusetzen, über deren Territorien es eine Oberherrschaft beanspruchte. Ob der englische König mit seinen Besitzungen auf dem europäischen Festland, ob die Grafen von Flandern oder der Champagne oder die Herzöge von Anjou, der König hatte mächtige Widersacher und kontrollierte keineswegs all das, was wir heute unter Frankreich verstehen. Seit dem 12. Jahrhundert aber konnten die Könige ihre Machtposition Stück für Stück ausbauen. Ideelle Grundlage des königlichen Universalanspruchs auf ganz Frankreich aber war das Kloster Saint-Denis: Hier lag mit dem Märtyrer Dionysius von Paris der Missionar Frankreichs begraben, außerdem der Vater Karls des Großen. Auf den ersten Kaiser des Mittelalters gründeten die französischen Könige ihren umfassenden Machtanspruch. Je besser sich der umsetzen ließ, desto großzügiger versorgten die Könige ihr Hauskloster mit Zuwendungen und desto aufwendiger konnte Abt Suger bauen.
Betrachtet man im direkten Vergleich, quasi nebeneinander, eine romanische und eine gotische Kirche, so kann man noch heute ohne großes Wissen in Architektur- und Kunstgeschichte mühelos nachvollziehen, welcher Baustil der modernere ist. Romanische Kirchen wirken viel archaischer, gotische Kathedralen dagegen unübersehbar ehrgeizig zum Himmel strebend und architektonisch ausgeklügelt. Zunächst beschritt die gotische Baukunst neue Wege in einer Weise, die Alt und Neu kombinierte, nicht zuletzt im Hinblick auf die im Mittelalter so wichtige Wertschätzung des Alten, das nunmehr mit moderner Herrlichkeit ergänzt wurde. Sugers Kirchenumbau von Saint-Denis verhalf der Gotik zum Durchbruch, und immer öfter wurden Kirchen im neuen Stil umgestaltet oder völlig neu errichtet. Die bekanntesten Stilmerkmale der Gotik sind Rippengewölbe und Strebewerk, Spitzbogen und Maßwerk, die zwar nicht neu erfunden wurden, aber in ihrer Kombination zu charakteristischen Erkennungszeichen der Stilepoche wurden.
Bald waren es nicht mehr nur die Klöster, sondern stärker noch die Städte, die sich mit neuen Kirchen schmückten. Die Städte blühten zu jener Zeit auf, entwickelten großes Selbstbewusstsein, und ihre Bischöfe und Bürger nahmen viel Geld in die Hand, um zu bauen. Mit Größe und Reichtum wuchs auch ihr Stolz, und das Erreichte wollte man nach außen darstellen. Eitelkeit galt damals mehr als heute als verwerflich, weil sündhaft – aber wer mochte schon Einwände dagegen erheben, dem Herrn eine prachtvolle Kirche zu bauen? Und der daraus erwachsende, nicht minder unchristliche Neid anderer Städte war aus christlicher Sicht durchaus zu verschmerzen, wenn die Neider dann selbst prächtige Kirchen errichteten. Schließlich schwand damit der Grund für den Neid, und gleichzeitig wurde Gott mit jedem neuen Kirchenbau nur noch mehr gepriesen, und das war beides ganz im Sinne des Glaubens. Zwei Fliegen mit einer großen Klappe also.
Je mehr gotische Kathedralen sich imposant aus dem Häusermeer erhoben, desto größer wurde der Druck auf solche Städte, die dergleichen noch nicht vorzuweisen hatten. Wie davor und danach bestand immer Konkurrenz zwischen Städten, sodass Fachleute für den Kirchenbau immer wieder neue Aufträge bekommen konnten, wenn sie durch die Lande zogen. In Frankreich wurden in den drei Jahrhunderten nach Sugers Umbau von Saint-Denis an die einhundert Kathedralen errichtet, dazu ein halbes Tausend anderer großer Kirchen. Nur: Wenn jede Prachtkirche von der folgenden überboten werden sollte, wenn dem höchsten Turm ein noch höherer, dem prächtigsten Fensterschmuck ein noch prächtigerer, dem längsten Kirchenschiff ein noch längeres und dem höchsten Kirchendach ein noch höheres folgen sollte, dann wurde dieses frömmelnde Potenzgehabe immer ehrgeiziger, teurer und bautechnisch komplexer.
Die heute beschauliche Provinzstadt Beauvais in der Picardie, 90 Kilometer nördlich von Paris auf dem Weg nach Amiens gelegen, zählte damals zu den reichsten Städten Frankreichs, bedingt durch den Aufschwung seines Tuchgewerbes im 11. Jahrhundert, der die Stadt erblühen ließ. Als Sitz des gleichnamigen Bistums besaß Beauvais daneben große religiöse und politische Bedeutung. Zudem profitierte man vom Machtausbau der Krone im französischen Norden, seit die Normandie den Engländern wieder entrissen worden war und der Sieg über das englisch-kaiserliche Heer 1214 bei Bouvines den französischen König enorm gestärkt hatte.
Die ruhigeren, sichereren Zeiten kamen Stadt und Bistum wirtschaftlich zugute; für ihre Autonomie aber bedeutete der königliche Machtzuwachs eine Bedrohung, denn die Zentralisierungsbestrebungen der Krone kollidierten mit dem Unabhängigkeitsdrang von Beauvais. Die Bischöfe von Beauvais waren gleichzeitig Stadtherren und Grafen, also Fürstbischöfe, seit Anfang des 13. Jahrhunderts vom exklusiven Rang eines Pair de France. Die Gruppe der Pairs bestand aus zwölf Fürsten, sechs davon Bischöfe, die direkte Lehnsmänner des Königs waren. Auf ihre Autonomie legten Bistum und Stadt allergrößten Wert, auf die eigenen Maßeinheiten und vor allem die eigene Münzprägung sowie die Unabhängigkeit in der Rechtsprechung war man ungeheuer stolz. Da schien eine neue Kathedrale als geeignete Maßnahme, als weithin sichtbares Zeichen dafür zu dienen, dass die Bischöfe der königlichen Machtausdehnung nicht tatenlos zusehen, sondern ihre Eigenständigkeit bewahren wollten. Zumal die benachbarten Bischofsstädte längst mit gotischen Kathedralen punkten konnten. Ein Neubau unterstrich aber keineswegs nur den Anspruch kirchlicher Unabhängigkeit gegenüber der Krone, sondern ebenso die weltliche Macht des Bischofs in seinen Landen. Immerhin konnten die Bischöfe durch den wirtschaftlichen Aufschwung mehr Mittel auf den Kirchenbau verwenden, zumal in friedlicheren Zeiten die Aufwendungen für Verteidigungszwecke erheblich geringer ausfielen. Nur war der Kirchenbau nicht in wenigen Jahren zu bewerkstelligen, sondern ein Projekt für viele Jahrzehnte und damit anfällig für sich ändernde Verhältnisse.
Wer heute Beauvais besucht, kann die frühere Stellung der Bischofsstadt kaum nachvollziehen, denn im Zweiten Weltkrieg ließ das Bombardement der deutschen Luftwaffe nicht viel von der alten Herrlichkeit übrig. Die Kleinstadt in der Picardie wurde nach dem Krieg weitgehend neu aufgebaut. Dass jedoch die gotische Kathedrale als Rumpfkoloss existiert, hat nichts mit dem Krieg zu tun, sondern mit dem Ehrgeiz der Stadt und ihrer Bischöfe, dem die politischen Entwicklungen entgegenstanden. Der Niedergang der Stadt begann schon im Mittelalter, und zwar ungefähr zu jener Zeit, als der Neubau der Kathedrale in Angriff genommen wurde. Und weil sich der Niedergang städtischer Souveränität und bischöflicher Herrlichkeit ebenso schleichend vollzog, wie der Bau der neuen Kathedrale sich in die Länge zog, weil beides in enger Wechselwirkung zueinander stand, lässt sich das Bauprojekt und sein Misslingen als Ausdruck und Symbol dieses Niedergangs begreifen, als Abgesang auf die schwindende Unabhängigkeit von Beauvais.
Nähert man sich der Kathedrale Saint-Pierre von Osten, ist man tief beeindruckt von der schieren Größe und dem Gewirr der äußeren Strebepfeiler, die wie eng aufgesetzte Spinnenbeine den Chor umstehen. Beim Weitergehen entlang der Südseite der Kirche aber weicht der erste Eindruck einer gewissen Verwirrung, weil dem Chor zwar ein nicht minder beeindruckendes Querhaus folgt, dann aber plötzlich Schluss ist. Weil das Langhaus fehlt, ist die Kirche nur halb so groß wie geplant und wirkt amputiert. Steht man vor dem überaus eindrucksvollen Hauptportal an der zur Stadt ausgerichteten Südseite und schaut dahin, wo sich eigentlich das Langhaus befinden müsste, erblickt man noch dazu stattdessen einen kläglichen Rest der viel kleineren und älteren romanischen Vorgängerbasilika. Sie stammt aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts und wird Basse-Œuvre genannt, also etwa Niedrigbau – im Unterschied zum Hochbau, Haute-Œuvre, der gotischen Kirche. Wie in vielen anderen Fällen wurde auch in Beauvais an dem einen Ende mit dem Neubau begonnen, während an dem anderen die alte Kirche weiter benutzt wurde. Bei Bauzeiten von zumeist vielen Jahrzehnten ist das nicht verwunderlich.
Im Inneren beschleicht den Besucher dieselbe Mischung aus Staunen und Bedauern. Beim ersten Blick in den Chor und zur Decke beeindrucken die schieren Ausmaße – Beauvais besitzt das höchste gotische Gewölbe: 48 Meter hoch thront es über dem lichtdurchfluteten, schwerelos wirkenden Chor. Aber auch wenn man die störenden Holzkonstruktionen übersieht, die die Mauern stützen und Säulen unterstützen müssen und beim Rundgang immer wieder im Weg stehen, erkennt man bei eingehender Betrachtung weitere Ungereimtheiten und Brüche, die sehr viel älter sind. Die Säulenbögen des Chorumgangs, hinter denen sich die obligatorischen Altarnischen befinden, werden zur Vierung hin sehr schmal, weil sie von zusätzlichen Stützsäulen halbiert werden. Die Säulen der Vierung, wo sich Chor- und Querhaus treffen, sind uneinheitlich ausgestaltet. Das Gewölbe der Vierung ist erkennbar improvisiert, es handelt sich um eine recht einfache Holzkonstruktion. Und vor allem prangt da, wo die Vierung ins Langhaus übergehen sollte, eine massive Wand mit einer scheußlich-modernen Orgel. Mehr als ein Stummel des Langhauses wurde nie gebaut. Was hat verhindert, dass diese Kirche zur Vollendung fand? Wieso gelang es den Bischöfen von Beauvais nicht, dieses Monument ihrer Unabhängigkeit und Bedeutung zu vollenden?