|46|DREI

Tom bereute sogleich, dass er überhaupt hergekommen war. Er hatte den Mann noch nie gemocht. Noch weniger den Neid, der ihn überkam, wenn er ihn sah. Manche Leute holten das Schlechteste aus einem heraus. Truscott Hooper, Freunde, aber auch Speichellecker – beide waren an diesem Abend anwesend –, nannten ihn einfach Troop, saß in einer Ecke in dem vollen Saal an einem Tisch und signierte Bücher. Bewundernde Fans standen Schlange, manche kannte Tom. Sie sollten es doch eigentlich besser wissen.

Troop war auf Lesereise, er schlug die Werbetrommel für seinen neuen Bestseller, einen Thriller, der im Irak nach dem Einmarsch spielte. Er prangte auf der Titelseite von People Magazine dieser Woche, und Tom hatte ihn im Fernsehen in der Sendung Today gesehen. Das Buch wurde bereits verfilmt. Der Held war derselbe wie in den drei vorangegangenen Büchern, zugeschnitten auf den Geist der Zeit (Brad Bannerman, der ehemalige Agent einer Sondereinheit, gefährlich, aber mit dem Herz eines Dichters, war irrtümlicherweise unehrenhaft für eine verkannte Heldentat entlassen worden et cetera). Tom hatte keines der Bücher gelesen. Es war schwer genug, sie auf dem ersten Platz der Bestsellerliste stehen zu sehen, er wollte nicht auch noch zugeben müssen, dass sie ziemlich gut waren. Jedenfalls laut der Kritik. Nichts war ärgerlicher als ein schreibender Kollege, der Millionen Exemplare verkaufte und gute Kritiken bekam.

Kein vernünftiger Verleger würde einen so bekannten Autor wie Troop auf Lesereise nach Montana schicken. Weniger als eine Million Leute lebten hier, und die meisten hatten Besseres |47|zu tun, als Bücher zu lesen. Nein, Troops Anwesenheit an diesem Abend, die Rückkehr des berühmten Autors an den Busen seiner Alma Mater, der Universität von Montana in Missoula (der er offenbar bereits eine üppige Spende hatte zukommen lassen – man konnte die neuen Flügel der Bibliothek geradezu wachsen sehen), hatte nichts mit dem Verkauf von Büchern zu tun. Es war, so musste es sein, ein Akt herablassender Eitelkeit.

Troop war bei weitem der erfolgreichste Romanautor, den das Creative Writing Program der UM je hervorgebracht hatte. Als Tom sich Mitte der siebziger Jahre einschrieb, studierte Troop im dritten Jahr und war bereits berühmt. Er hatte Kurzgeschichten an The New Yorker verkauft und stand vor der Veröffentlichung seines ersten Romans. Mit seinen ein Meter fünfundneunzig Körpergröße überragte er buchstäblich alle und jeden. Wie immer war er auch an diesem Abend ganz in Schwarz gekleidet. Es war eine Art Markenzeichen. Der schwarze Bart und das wallende schwarze Haar waren ein wenig angegraut, aber das, musste sich Tom eingestehen, verlieh ihm nur noch mehr Seriosität. Beide waren sie Mitte fünfzig, aber Tom sah man es an.

Wochenlang hatten Plakate mit Troops attraktivem Gesicht die ganze Stadt geschmückt. Der Vortrag heute Abend im größten Auditorium der Universität war ausverkauft gewesen. Manche Leute hatten stehen müssen. Die Rede war geradezu aufreizend geistreich, bescheiden und interessant gewesen, und beim Applaus am Ende hatten die Scheiben der Fenster gezittert. Zum Champagnerempfang anschließend war man nur mit Einladung zugelassen.

Tom suchte einen geeigneten Platz, wo er sein Glas abstellen konnte, er wollte gehen, als er die Frau bemerkte, die direkt vor ihm stand. Sie lächelte zaghaft und hatte offenbar versucht, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, während er Troop missmutig beobachtet hatte.

|48|»Sie sind Thomas Bedford, nicht wahr?«

»Ja, der bin ich. Entschuldigen Sie, ich …«

Die Frau reichte ihm ihre Hand, und er schüttelte sie ein wenig zu heftig. Seine fünf Jahre alte Dokumentarfilmserie über die Geschichte und Kultur der Blackfeet-Indianer war erst kürzlich wieder auf PBS ausgestrahlt worden. Vielleicht erkannte sie ihn deshalb. Vielleicht hatte sie auch einen seiner seltenen Vorträge an der UM besucht. Sie war auf unauffällige Weise hübsch. Ende zwanzig, schätzte er, vielleicht dreißig. Heller Teint mit vielen Sommersprossen, volles braunes Haar, das sie mit einem Seidenschal zusammengebunden hatte. Tommy zog seinen Bauch ein und lächelte.

»Karen O’Keefe«, sagte sie. »Wir haben denselben Zahnarzt. Ich habe Sie dort vor ein paar Wochen gesehen.«

»Ah.«

Er versuchte seine Enttäuschung zu verhehlen. Eine peinliche Pause entstand.

»Hat Ihnen der Vortrag gefallen?«, fragte sie.

»Ach, Troop macht immer eine gute Figur.«

»Sie sind befreundet?«

»Nicht direkt. Wir haben denselben Kurs für Kreatives Schreiben hier besucht. Er war ein paar Jahre weiter als ich«, fügte Tom noch hinzu.

»Ich könnte ihm eine reinhauen.«

Jetzt war Tom neugierig. Er lachte.

»Wirklich. Warum?«

»Ach, ich weiß nicht. Diese ganze gespielte Bescheidenheit. Ein Blinder mit Krückstock sieht, dass sein Ego so groß ist wie der Mount Everest. Wenn er einen einzigen guten Satz schreiben könnte, würde ich vielleicht großzügiger urteilen.«

Tom lächelte, bemüht, nicht allzu zufrieden auszusehen.

»Schreiben Sie?«, fragte er.

»Ich mache Filme – wie Sie. Nur, dass Sie ein Filmemacher |49|und Autor sind. Ich würde nie behaupten, dass ich mich auf Ihrem Niveau bewege. Ihre Serie über Blackfeet habe ich übrigens sehr gerne wiedergesehen. Und ich liebe das Buch. Großartige Arbeit. Sozusagen bahnbrechend. Ich habe es einem Dutzend Leuten gegeben.«

»Danke. Das macht wahrscheinlich die Hälfte des Verkaufs.«

Ein Fan. Tom war das nicht gewöhnt. Manchmal, ja, bekam er einen Brief, aber es war Jahre her, seit er eine Begegnung wie diese gehabt hatte. Beinahe fehlten ihm die Worte.

»Wie kommt es, dass ein Engländer sich so für den Westen begeistert?«, fragte Karen O’Keefe.

»Oh, das ist eine lange Geschichte.«

Das hielt ihn nicht davon ab, sie zu erzählen. Er beherrschte sie perfekt:

Seine Begeisterung für Cowboys und Indianer im Kindesalter; wie er auf dem Lande aufgewachsen und wie ihn, als er schließlich in den Staaten gelandet war, das bloße Ausmaß der Wirklichkeit umgehauen hatte; dann seine Faszination, als er die brutale Wahrheit, die sich hinter all den Mythen und Legenden verbarg, entdeckt hatte.

»Sie meinen, die wahre Geschichte des Westens?«

»Ja. Ich erinnere mich noch an meine erste Reise zum Little Bighorn –«

»Tommy!«

Eine Hand umklammerte seine Schulter. Er wandte sich um, und im selben Moment drückte Troop ihn so fest an sich, dass Toms Brille verrutschte. Glücklicherweise hatte er sein Glas geleert, sonst wären sie beide nass geworden. Die Anrede Tommy hatte ihm einen Schock versetzt. Er hatte geglaubt, diesen Namen für immer im Internat abgelegt zu haben. Zusammen mit seiner Unschuld und vielem anderen.

»Hallo, Troop«, sagte er. »Wie geht es dir?«

»Gut, Mann. Gut! Jetzt, wo ich dich sehe, noch besser.«

|50|Troop gab ihn etwas frei, hielt Tom aber noch immer mit seinen riesigen behaarten Händen an den Oberarmen und betrachtete ihn.

»Du siehst gut aus, Mann. Trainierst du?«

»Nein. Noch nie getan und werde es auch nie tun.«

»Wie geht es deiner umwerfenden Frau – Jan, stimmt’s?«

»Gina. Wir haben uns vor fünfzehn Jahren getrennt.«

»Verdammt. Tut mir leid. Du hattest eine Tochter, richtig?«

»Einen Sohn. Daniel.«

»Daniel. Wie geht es ihm?«

»Okay, nehme ich an. Ich sehe ihn nicht sehr oft. Gerade ist er im Irak.«

»Journalist?«

»Nein, Marinesoldat.«

»Offizier?«

»Unteroffizier.«

»Zum Teufel auch.«

»Kommen wir da nicht alle hin?«

Tom wandte sich Karen O’Keefe zu, die sie beide mit einem ironischen Lächeln beobachtete. Er stellte sie einander vor, und ihm entging nicht, wie Troop sie mit seinen dunklen Augen fixierte und ihren Arm mit einer Hand umschloss, als er ihr mit der anderen die Hand schüttelte und sie länger als nötig hielt. Bill Clinton machte es genauso, das hatte Tom im Fernsehen gesehen.

»Karen ist eine deiner größten Fans«, sagte Tom.

»Über Geschmack lässt sich nicht streiten«, sagte Troop.

»Um die Wahrheit zu sagen: Ich habe noch kein Wort von Ihnen gelesen«, sagte Karen O’Keefe. Sie gefiel Tom von Minute zu Minute besser.

»Nun, das ist auch in Ordnung.«

»Zu testosterongetränkt, fürchte ich.«

»Und das können Sie beurteilen, obwohl Sie noch nie ein Wort von mir gelesen haben.«

|51|»Sie dürfen es weibliche Intuition nennen.«

Troop lächelte, aber der Ausdruck in seinen Augen war hart.

»Darf ich das?«

Er wandte sich an Tom.

»Wohnst du noch in Missoula?«

»Komme einfach nicht weg.«

»Ein schöner Platz. Ich habe mir gerade ein Haus in den Bitterroots gekauft.«

»Großartig.«

»Nur eine Hütte. Aber ich möchte mehr Zeit dort verbringen. L. A. ist auf Dauer zu hektisch. Nun ja, hör zu, ich sollte – wie sagt man – umherwandern. Wir sehen uns später, Tom.«

»Und ob.«

Troop nickte Karen O’Keefe zu. Sie schenkte ihm ein Lächeln, das zugleich zuvorkommend und unverschämt war.

»So ein Idiot«, sagte sie, als Troop kaum außer Hörweite war. »Erinnern Sie mich daran, an Ihrer Rechten zu bleiben.«

Sie lachte, legte ihre Hand auf seinen Arm und ließ sie dort einen Moment lang.

Sie tauschten Telefonnummern und E-Mail-Adressen aus und verabschiedeten sich. Als Tom ging, unterhielt Karen sich mit einem grausam attraktiven Mann in ihrem Alter. Schon lange hatte er sich nicht mehr auf diese Art und Weise zu einer Frau hingezogen gefühlt. Anrufen würde er sie wahrscheinlich nicht. Nachdem Gina ihn verlassen hatte, hatte er zwei oder drei romantische Abenteuer gehabt, aber nichts von Dauer. Er lebte allein mit seinem Hund, und es gefiel ihm so. Manchmal fühlte er sich einsam und vermisste eine Partnerin, die körperliche Nähe. Nicht, dass viel von beidem am Ende mit Gina noch übrig gewesen wäre.

Das Haus, das sie gemeinsam gebaut hatten, lag an der Biegung eines Baches etwa eine Meile östlich der Stadt. Als er um die letzte Ecke bog, fiel das Scheinwerferlicht auf eine kleine |52|Gruppe Rehe mitten auf der Straße. Tom hielt und beobachtete die Tiere, bis sie zwischen den Bäumen verschwanden. Es war Frühlingsanfang und Neumond. Er stieg aus dem Auto und stand lange in der Auffahrt, betrachtete die Sterne und lauschte dem Rauschen des Baches.

Makwi rannte auf ihn zu wie immer, wenn er zur Tür hereinkam. Makwi war eine Promenadenmischung – schottischer Hirschhund, Windhund und Collie. In England oder Irland sagte man Lurcher dazu. Sie hatte ein scheckiges Fell und das größte Herz, das ein Hund haben konnte. Tom kniete sich hin. Sie schnüffelte an seinem Gesicht, er streichelte ihren Nacken und ihre Ohren und sagte ihr, gleich gehe er mit ihr spazieren. Die Hündin folgte ihm in die Küche und sah ihm zu, wie er sich ein Glas Milch einschenkte. Der Anrufbeantworter auf dem Tresen blinkte. Vier Nachrichten. Er drückte den Abspielknopf, wartete, bis das Band zurückgespult war, und zog sein Handy hervor. Er hatte es bei Troops Vortrag ausgeschaltet und vergessen, es wieder anzuschalten. Zwei Voicemails.

Alle sechs Nachrichten waren von Gina. Seit über einem Jahr hatten sie nicht miteinander gesprochen. Ihre Stimme klang angespannt und voller Sorge, weil sie ihn nicht erreichen konnte. Sie sagte nicht, warum sie so dringend mit ihm sprechen wollte. Das musste sie auch nicht. Es konnte nur einen Grund geben: Irgendetwas musste mit Danny passiert sein.