|170|VIERZEHN

Die Carl Curtis, Tommys neue Schule, lag am östlichen Ende von Beverly Hills, gleich neben einem kleinen Park und einem Zoo, in dem man auf Ponys reiten und andere Tiere streicheln durfte. Die Schule war nicht annähernd so groß und herrschaftlich wie Ashlawn; nur ein Gebäude mit sieben Klassenzimmern, einem asphaltierten Hof und einem Swimmingpool.

Tommy kam es ganz und gar nicht wie eine Schule vor. Nicht einmal eine anständige Schuluniform gab es, nur blaue Sweatshirts, auf denen der Name der Schule aufgedruckt war. Der größte Unterschied aber bestand darin, dass Jungen und Mädchen gemeinsam hierher gingen und dass alle freundlich waren, sogar die Lehrer.

Bis auf zwei Männer unterrichteten nur Lehrerinnen. Der eine Mann war Mr. Curtis, der Direktor. Er hatte schwarzes Haar und ein sehr weißes Gesicht, trug eine Brille und stand jeden Morgen am Tor, um die Kinder zu begrüßen. Dann war da noch Mr. Badham. Er wurde von allen Baddy genannt, er riss dauernd Witze und erlaubte sich Späße, wie zur Mittagszeit von jemandem das Sandwich zu schnorren. Baddy war für den Sport zuständig. Am Anfang war Tommy nervös; Sport war auf Ashlawn nur der Vorwand für die Schläger gewesen, einen zu verprügeln, ohne selber in Schwierigkeiten zu geraten. Dank Baddy machte es aber allen Spaß, und geprügelt wurde nicht.

Unterrichtet wurden Leibeserziehung, Trampolinspringen, Basketball und zweimal die Woche Schwimmen. Die Jungen hatten sogar Boxen. Darin, stellte Tommy fest – wahrscheinlich, |171|weil er sich so oft auf Ashlawn hatte verteidigen müssen –, war er sogar ziemlich gut. In seinem ersten Kampf verpasste er einem Jungen namens Wally Freeman eine blutige Nase. Wally schien das nichts auszumachen und gab Tom den Spitznamen Floyd, nach Floyd Patterson, dem Boxweltmeister im Schwergewicht.

Jeder Tag begann mit dem Fahnensalut. Sie mussten sich im Hof aufstellen, die Hand aufs Herz, und den Fahneneid schwören. Zuerst war Tommy unschlüssig, ob er das als Brite mitmachen sollte. Aber er liebte das Sternenbanner und wollte kein Außenseiter sein, also stimmte er in den Chor ein, als sei er ein echter Amerikaner. Das hatte er doch schon immer sein wollen. Das war einfach moderner – cooler, wie Wally zu sagen pflegte –, als britisch zu sein. Man brauchte sich nur den neuen Präsidenten anzuschauen. Er war jung, lächelte meistens und hatte kleine Kinder und eine wunderschöne Frau. Der britische Premierminister hingegen, der sonderbare Mr. Macmillan, war ungefähr hundert und sah aus wie ein Walross, das seine Stoßzähne verloren hatte.

Auf der Carl-Curtis-Schule wurden eigene Wahlen abgehalten, zwei Jungen aus der Sechsten waren die Kandidaten. Der, der Senator Kennedy verkörperte, gewann haushoch. Das freute einige Lehrer nicht sonderlich, da die meisten Republikaner waren. Über das Ergebnis der echten Wahlen war Ray auch nicht sehr begeistert; auch er war Republikaner und konnte Senator Kennedy nicht ausstehen. Er sagte, der Mann sei ein Desaster und zu jung, um irgendetwas zu verstehen. Außerdem, und das sei viel schlimmer, sei er ein Roter, und das bedeutete, er würde den Russen nicht Paroli bieten, die Hunderte von gigantischen Raketen mit Atomsprengköpfen besaßen, die allesamt auf Amerika gerichtet waren. Am Ende der Straße, in der die Schule war, stand eine Fliegeralarmsirene, die jeden Monat getestet wurde. Man wollte sichergehen, dass sie funktionierte für den Fall eines |172|russischen Angriffs. Wally meinte, der käme höchstwahrscheinlich nachts, wenn alle schliefen.

Tommys Lieblingsfach war Englisch. Mrs Hancock war beeindruckt davon, wie viele Bücher er gelesen hatte, und bat ihn, der Klasse von einigen zu erzählen. Seine Lehrerin störte sich nicht daran, wenn er im Amerikanischen falsch buchstabierte oder trousers statt pants sagte. Manche Mitschüler neckten ihn wegen seines Akzents, den Mädchen allerdings schien er zu gefallen. Wendy etwa dachte sich immerzu komische Sachen aus, die er sagen sollte wie tomatoes can’t dance. Und weil sie einen langen blonden Pferdeschwanz hatte und mit Abstand das hübscheste Mädchen der Schule war, ließ Tommy sich darauf ein und sagte in seinem dicksten englischen Akzent: Tom-ahr-toes cahrn’t dahrnce. Daraufhin kreischte sie vor Lachen und versuchte, ihn zu imitieren.

Geschichte machte Tommy auch Spaß. Der Unterricht war nicht wie in Ashlawn, wo sie lange Listen von langweiligen Daten auswendig hatten aufsagen müssen und all die Könige und Königinnen von England. Der einzige König, den Mrs Hancock je erwähnte, war Georg III., von dem sie sagte, er sei der König gewesen, der seinen Verstand verloren habe und seine Kolonien dazu. Bald lernten sie, wie der Westen erobert worden war, die Eisenbahn gebaut und die Indianer geschlagen und zivilisiert worden waren.

In dieser Zeit bereitete sich Diane auf Remorseless vor, Drehbeginn sollte in wenigen Wochen sein. Sie nahm Schauspielunterricht bei Paramount und hatte etliche Termine, Kostümproben und Gespräche mit PR-Leuten. Sobald die Dreharbeiten begannen, sollte Miguel ihn zur Schule bringen und wieder abholen. Noch machte das Diane. Für gewöhnlich fuhren sie nach der Schule zu den Studios von Warner Brothers, wo sie Ray besuchten, der eine neue Staffel von Sliprock drehte.

Am Set mitzuverfolgen, wie ein Film gedreht wurde, war weit |173|weniger aufregend, als Tommy es sich vorgestellt hatte. Nach einer Weile fand er es sogar geradezu langweilig. Immerzu warten, während jemand das Licht einstellte oder das Make-up der Schauspieler nachbesserte. Und dann musste dieselbe Szene wieder und wieder gedreht werden. Der Dreh für eine Sendung, die nicht länger als eine halbe Stunde lief, dauerte ganze drei Tage.

Ray machte immer ein großes Theater, wenn sie am Set auftauchten. Beim ersten Besuch schleppte er Tommy überallhin und stellte ihn den anderen Schauspielern und den Leuten vor, die hinter der Kamera arbeiteten. Der Regisseur hob Tommy hoch, so dass er durch die Linse der Kamera sehen konnte. Der Kameramann erklärte, wie man es anstellte, dass es auch bei Sonnenschein aussah, als sei es Nacht. Das heiße Amerikanische Nacht. Viele Szenen, die draußen spielten, wurden in Wirklichkeit im Studio gedreht. Ein Mann war sogar einzig dafür angestellt, sich hinter den Büschen zu verbergen und sie zu bewegen, damit es aussah, als sei es windig.

An diesem Tag jedoch fuhren sie nicht zum Studio, sondern zu einer Ranch außerhalb der Stadt, auf der die aufregenden Actionszenen gedreht wurden. Tommy hatte sich schon den ganzen Tag darauf gefreut.

Es erfüllte ihn immer mit Stolz, wenn er Diane in dem neuen Wagen, den Ray ihr gekauft hatte, warten sah. Es war ein gelber Ford Galaxie Cabriolet mit schwarzen Ledersitzen. Viele Kinder auf der Carl Curtis hatten eine Mutter oder einen Vater, die beim Film arbeiteten. Aber keine von denen war zauberhafter als Diane. Wally Freeman nannte sie Zuckerpuppe. Diane sah wirklich umwerfend aus, sie trug ein blauweißgepunktetes Kleid und eine große Sonnenbrille mit einem weißen Rahmen. Das Haar hatte sie mit einem rosafarbenen Schal zusammengebunden. Tommy kletterte in den Wagen und gab ihr einen Kuss. Während sie in Richtung Sunset fuhren, schlüpfte er in andere |174|Kleider, die sie ihm mitgebracht hatte. Beim ersten Besuch hatte er Red McGraws Cowboyoutfit getragen. Er kam sich aber ein wenig albern vor, darum trug er jetzt meistens nur ein kariertes Hemd und seine neuen Jeans, die Dolores mindestens ein Dutzend Mal gewaschen hatte, damit sie verblasst und abgetragen aussah, genau wie Rays.

Bald bogen sie von der Hauptstraße auf eine kleine Straße in die Berge. Die Luft war warm und roch süß. Am Straßenrand wuchsen Kakteen; Echsen nahmen ein Sonnenbad auf den großen rosafarbenen Felssteinen, die in der Hitze flimmerten. Tommy erzählte von seinem Tag, dass er wieder beim Boxen gewonnen hatte. Er war aufgeregt und merkte erst nicht, dass Diane ihn gar nichts fragte, wie sie es sonst immer tat. Sie schien nicht einmal richtig zuzuhören.

»Geht es dir gut?«

Sie lächelte.

»Mir? Natürlich. Entschuldige, Liebling, ich bin nur ein wenig müde.«

Bei der Ranch parkten sie den Wagen zwischen den Trucks der Filmcrew. Einer der Regieassistenten ließ Ray wissen, dass sie angekommen waren, und ein paar Minuten später tauchte er auf, grinste und begrüßte sie mit dem üblichen Trara. Sie zogen los; auf einem staubigen Pfad ging es bis zum Drehort. Ray lief zwischen ihnen, seine Arme um ihre Schultern gelegt. Tommy glühte innerlich. Das Leben war voller Aufregung und Glück, und manchmal fürchtete er, es war zu schön, um wahr zu sein.

Ray erklärte, sie arbeiteten an einer Szene, in der Red McGraw von ein paar Gesetzlosen in einen Hinterhalt gelockt wurde und sich hinter ein paar Felsen versteckte. Dann musste er nach Amigo pfeifen, dem berühmten weißen Pferd, und aufspringen. Die Nahaufnahmen von Ray, schießend und pfeifend und sich auf den Sprung vorbereitend, waren bereits im Kasten. Jetzt filmten sie den Sprung von Cal Matthieson.

|175|Tommy hatte schon von Cal gehört. Er freute sich, ihn kennenzulernen, nicht nur weil er der Reiter, sondern auch weil er ein Halbindianer war, ein Blackfeet. Tommy hatte noch nie einen echten Indianer getroffen. Irgendwo hatte er gelesen, dass die Blackfeet der grausamste Stamm gewesen waren. Cal war nicht nur verantwortlich für die Pferde, er war auch Rays Stunt-Double. Das hieß, er musste so tun, als sei er Red McGraw, wenn ein Kampf stattfand oder Ray von einem Pferd oder von einem Dach springen oder andere gefährliche Dinge tun musste. Ray meinte, er könnte das alles selber, aber die Versicherungsleute des Studios verboten es ihm.

Cal Matthieson hatte die gleichen Sachen an wie Ray, hockte auf dem Felsen und gab dem Cowboy, der Amigo hielt, letzte Anweisungen. Cal sollte vom Felsen auf den Sattel des Pferdes springen, aus einer Höhe von etwa drei Metern. Der Cowboy nickte und führte Amigo ungefähr dreißig Meter weiter, wo sie umdrehten und warteten. Als alle bereit waren, gebot der erste Assistent Ruhe, und der Regisseur, der auf dem Kamerastuhl saß, rief: »Kamera los«, und: »Action!«

Cal pfiff, Amigo stellte die Ohren auf und fiel in Trab. Als er den Felsen erreichte, galoppierte er. Cal rannte über den Felsen, sprang in die Luft und landete direkt im Sattel. Amigo zuckte nicht einmal, sondern galoppierte weiter.

»Wow!«, entfuhr es Tommy. Alle drehten sich nach ihm um und sahen ihn an. Ihm fiel ein, dass er leise sein sollte, und er kam sich dumm vor und wurde rot. Allerdings schien es nicht so wichtig zu sein. Ray lachte, gab ihm einen Klaps auf den Rücken, alle jubelten Cal Matthieson zu, weil er den Stunt beim ersten Take geschafft hatte.

»Ist einfach, wenn du weißt, wie«, sagte Ray.

Die Sonne sank, das Licht wurde golden. Die Magic Hour begann, die Zeit des Tages, die Regisseure am liebsten hatten, denn alles sah dann auf Zelluloid schön aus. Ray musste noch |176|eine Szene drehen und in die Maske. Tommy und Diane schlenderten hinüber zu den Ställen, um sich die Pferde anzusehen. Nach ein paar Minuten ritt Cal Matthieson auf Amigo heran. Er lächelte und tippte an die Krempe seines Hutes.

»Das war sehr beeindruckend«, sagte Diane.

»Danke, aber der Kerl hier verdient auch Lob.«

Cal strich Amigo über den Hals. Das Pferd schnaubte und warf den Kopf nach hinten.

»Sehen Sie? Er spricht sogar Englisch.«

Sie lachten. Cal stieg ab und reichte beiden die Hand.

»Ich bin Diane, und das ist Tommy.«

»Schön, dich kennenzulernen, Tommy. Ich habe schon viel von dir gehört.«

Cal hatte glänzendes schwarzes Haar und freundliche braune Augen und Lachfältchen. Tommy wusste, dass Indianer in Wirklichkeit keine rote Haut hatten, aber Cals war noch nicht einmal braun. Er sah wie alle anderen sonnengebräunt aus. Seltsam, ihn in Rays Sachen zu sehen.

»Also, junger Mann, kannst du schon reiten?«

»Ich habe im Zoo einmal auf einem Pony gesessen.«

»Willst du es mal versuchen?«

»Auf Amigo? Wirklich?«

»Klar. Wenn deine Mutter es erlaubt.«

Tommy sah Diane an. Sie nickte. Cal kürzte die Steigbügel und hob ihn in den Sattel.

»Und – wie fühlt es sich an?«

»Super.«

»Okay. Jetzt galoppierst du da hinüber und springst über das Geländer«, sagte er.

»Ach, lieber nicht …«, fing Diane an. Dann bemerkte sie, dass Cal nur Spaß gemacht hatte, und lachte.

Cal zeigte Tommy die richtige Sitzhaltung, wie man die Zügel halten musste und dem Pferd zeigte, dass es losgehen sollte. |177|Als Amigo sich in Bewegung setzte, lief Cal nebenher, hielt ihn aber nicht fest, blieb nur an der Seite, damit Tommy sich sicher fühlte.

»Er ist wunderschön«, sagte Tommy.

»Er ist der beste Amigo von allen.«

»Du meinst, es gibt noch einen?«

»Es gibt vier. Die anderen können andere Dinge: fallen, springen, aushalten, wenn eine Pistole neben ihren Ohren abgefeuert wird. Dieser hier kann alles. Beweg deine Hüften ein wenig, so dass du dich im Rhythmus mitbewegst. So ist es gut. Versuch, um den Baum herumzureiten und dann allein zurückzukommen.«

 

Diane konnte langsam wieder frei atmen. Die Luft hier in den Hügeln war sauber und erfrischend, und die Welt erschien wieder freundlicher. Tommy so glücklich zu sehen hob ihre Laune. Er ritt auf einem schönen weißen Pferd auf den Baum zu, die Schatten der beiden verschmolzen im roten Sand. Mit verschränkten Armen ging Diane zu Cal Matthieson und stellte sich neben ihn. Er blickte sie kurz an und lächelte. Tommy war bei dem Baum angekommen und ritt herum, als hätte er schon sein Leben lang auf einem Pferd gesessen.

Als Ray sich zu ihnen gesellte – er lachte, küsste und umarmte sie –, musste Diane sich beherrschen, ihm keine Szene zu machen. Schon den ganzen Tag musste sie an sich halten, ihn nicht anzuschreien, diesen lügenden Schweinehund. Jetzt wollte sie nur noch reden und die Wahrheit herausfinden.

Vielleicht handelte es sich um ein Missverständnis.

Das Telefon hatte am Morgen geklingelt, als sie gerade das Haus verlassen und in den Wagen steigen wollte, der sie zum Studio bringen sollte. Dolores hatte in der Diele den Hörer abgenommen. Miss Diane! hatte sie ihr nachgerufen. Nur eine Nuance freundlicher, als sie einen Hund gerufen hätte.

|178|»Louella Parsons.«

»Für Ray?«

»Für Sie.«

Diane hatte mit der Frau noch nie gesprochen, geschweige denn, sie von Angesicht zu Angesicht gesehen. Plötzlich bekam sie Nervenflattern. Wie die meisten Menschen in Hollywood las sie die berühmte Kolumne im Examiner. Louella Parsons war Ende siebzig, und ihr Einfluss schwand, aber ein paar giftige Worte in ihrer Kolumne konnten noch immer das Ende einer Karriere bedeuten. Ihr Anruf hier bei Ray um diese Zeit konnte nur eines heißen: Louella wusste, dass sie zusammenlebten.

»Diane, meine Liebe, ich bin froh, Sie zu erreichen. Ich höre wunderbare Dinge über Sie.«

Die Stimme war unangenehm freundlich. Diane stellte sich eine fette und flaumige rosa Spinne vor.

»Wirklich? Das ist schön.«

»Ja-ha. Der liebe Herb ist so clever, finden Sie nicht auch? Und so ein netter Mensch. Sie und Coop. Ich kann es nicht erwarten. Vivian Leigh und Clark Gable noch einmal. Teurer, teurer Clark, Gott hab’ ihn selig. Ein furchtbarer Verlust. Kannten Sie ihn?«

Clark Gable war vor zwei Wochen an einem Herzinfarkt gestorben. Hollywood trug noch Trauer.

»Nein, ich –«

»Ein wunderbarer Mann. Er war immer in meiner Radiosendung.«

»Ja, ich –«

»Nun, meine Liebe, kommen wir zum Geschäftlichen. Mir hat jemand gezwitschert, dass Sie und Ray heiraten werden?«

»Na ja, wir –«

»Ach, Liebes. Seien Sie doch nicht so schüchtern. Louella können Sie es erzählen.«

»Wir wollen Weihnachten heiraten.«

|179|»Wunderbar. Gratulation. Ray ist ein Charmeur, nicht wahr? Und ich bin mir sicher, beim dritten Mal hat er endlich Glück. Übrigens, ich wusste gar nicht, dass er schon geschieden ist.«

Diane erstarrte.

»Diane? Hallo?«

»Na ja, eigentlich, ich –«

»Sie wussten doch, dass er verheiratet war?«

»Selbstverständlich. Louella, entschuldigen Sie, aber ich bin ein bisschen spät dran, ich habe eine Verabredung. Kann ich Sie später zurückrufen?«

»Aber natürlich, Liebes. Eines noch: Ihr Sohn –«

»Tommy.«

»Tommy … ich Dummkopf. Nur, damit ich keinen Fehler mache – wer ist sein Vater?«

Auf diese Frage war Diane dank der guten Dienste von Herb Kanter und Vernon Drewe vorbereitet. Sie hatten sich auf eine Story geeinigt.

»Sein Vater ist gestorben. Kurz nach Tommys Geburt.«

»Das tut mir leid. Wie schrecklich!«

»Ja.«

»Woran?«

»Bitte?«

»Woran ist er gestorben?«

»Tuberkulose.«

»Furchtbar. Sie müssen am Boden zerstört gewesen sein.«

»Ja.«

»Wie war sein Name noch, Liebes?«

»Louella, müssen Sie darüber schreiben? Ich möchte Tommy nicht aufregen.«

»Natürlich, meine Liebe. Nur als Hintergrundinformation – wie war der Name des Vaters?«

»David.«

»David Reed.«

|180|»Nein, David Willis.«

Diane legte auf. Sobald sie wieder in der Lage war, zu denken, rief sie Vernon Drewe an. Er versuchte sie zu beruhigen, sagte, sie habe alles richtig gemacht, und es gebe nichts, worüber sie sich sorgen müsse. Er kannte Louella gut und würde mit ihr reden, fügte er hinzu, sollte es doch Missverständnisse geben. Louellas Bemerkung über Rays Scheidung ließ Diane unerwähnt. Sie musste erst Ray fragen.

Tommy ritt zu ihnen zurück, der Himmel leuchtete rosa und orange hinter ihnen.

»Der Junge ist ein Naturtalent«, sagte Cal Matthieson.

»Ich glaube, Amigo passt auf ihn auf.«

»Ja, das ist wahr.«

»Gehört er Ihnen?«

»Amigo gehört sich selber, aber ich war da, als er geboren wurde. Herrje! Ich war auch da, als er gemacht wurde.«

»Und all die anderen Pferde? Gehören die auch Ihnen?«

»Einige. Die meisten gehören meinem Partner Don Maxwell. Man kann es nicht wirklich eine Partnerschaft nennen. Don gehört der Grundbesitz, und ich erledige die ganze Arbeit.«

»Wohnen Sie hier oben?«

»Ja. In einer kleinen Hütte auf der anderen Seite des Hügels. So nah an der Stadt wie nötig.«

Cal sah Diane an, dann lächelten sie beide. Für einen Augenblick schienen ihnen die Worte zu fehlen.

»Sie drehen demnächst einen Film mit Gary Cooper?«

»Ja. Die Dreharbeiten beginnen nächsten Monat.«

»Er ist der Beste.«

»Das sagen alle. Ich habe ihn noch gar nicht kennengelernt.«

»Ein sehr netter Typ. In Montana geboren, ist doch klar.«

»Stammen Sie aus Montana?«

»Wie haben Sie das erraten?«

Diane lachte. Tommy kam näher, und Cal Matthieson sagte, |181|er solle sich zurücksetzen und die Zügel ein wenig anziehen. Das Pferd kam direkt vor ihnen zum Stehen.

»Tommy, hast du mich angeflunkert, als du mir sagtest, du seiest noch nie geritten?«

»Nein, ehrlich nicht.«

»Nun, wenn es deine Mom erlaubt, könntest du hier oben ein paar Stunden nehmen.«

»Darf ich? Darf ich wirklich herkommen und reiten?«

»Du musst deine Mutter fragen.«

»Natürlich darfst du«, sagte Diane. »Wenn es Mr. Matthieson nichts ausmacht.«

»Mr. Matthieson macht es nichts aus. Apropos, ich heiße Cal.«

Bei Drehschluss war es bereits dunkel. Ray entließ den Fahrer vom Studio. Sie fuhren in Dianes Ford Galaxie am Ozean entlang nach Hause. Tommy schlief zwischen ihnen ein, sein Kopf auf Dianes Schulter. Sie legte ihren Arm um ihn, blickte auf den Horizont und sah zu, wie der purpurne Streif sich erst lila, dann schwarz färbte.

Ray beschwerte sich ohne Unterlass über den Regisseur, wie langsam und schlecht er war und immer die falsche Kameraposition wählte. Diane hörte nur mit halbem Ohr hin und murmelte eine kurze Erwiderung, als er sie fragte, wie ihr Tag gewesen war, bis er schließlich aufgab. Zwischen ihnen trat Schweigen ein, nur das Rauschen des Windes und vorbeirasender Autos war zu hören.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Ray.

»Nicht jetzt. Später.«

»Komm schon, Liebling, sag mir, was los ist.«

»Nicht jetzt!«

Zu Hause kam Miguel heraus, um sie zu begrüßen und den Wagen in die Garage zu fahren. Ray trug Tommy, der sich schlafend in seine Arme schmiegte, ins Haus und hinauf in sein |182|Zimmer. Er legte ihn aufs Bett und ließ ihn mit Diane allein. Tommy regte sich ein wenig, als sie ihn auszog und in einen Schlafanzug steckte. Eine dünne rote Staubschicht bedeckte sein Gesicht und seine Hände, aber sie brachte es nicht übers Herz, ihn zu wecken und zu baden. Sie befeuchtete einen Waschlappen mit warmem Wasser und wischte den gröbsten Schmutz ab. Danach schob sie ihn sanft unter die Decke, setzte sich neben ihn und schaute ihn an. Sie strich ihm das Haar aus der Stirn. Er wurde so schnell groß. Sie knipste die Nachttischlampe aus, beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Er roch nach Pferd. Manchmal durchfuhr sie ein stechender Schmerz in der Brust, so sehr liebte sie ihn.

Diane ging die Treppen hinunter. Ray hatte zwei Margaritas eingeschenkt und wartete im Wohnzimmer auf sie. Dolores kniete und legte ein Streichholz ins Feuer im Kamin. Sie erhob sich, strich die Schürze glatt und ging ohne ein Wort an Diane vorbei, warf ihr nur einen seitlichen Blick zu.

»Gute Nacht«, sagte Diane.

Dolores murmelte etwas Unverständliches und verschwand.

»Was hat diese Frau gegen mich? Was habe ich getan?«

»Nichts«, sagte Ray und kam auf sie zu. »Ich rede noch einmal mit ihr.«

Er nahm Diane in die Arme. Sie rührte sich nicht.

»Kommen wir zur Sache«, sagte er. »Was habe ich getan?«

Diane zögerte. Sie wollte sich nicht lächerlich machen oder neurotisch klingen. Er hielt sie an den Schultern, sah ihr in die Augen, als suche er nach einem Hinweis.

»Also, was ist?«, fragte er. »Sag schon.«

»Ray, bist du noch verheiratet?«

»Wie bitte?«

»Du hast gesagt, du bist geschieden. Stimmt das?«

»Liebling, mit wem hast du gesprochen?«

»Mit Louella Parsons.«

|183|»Jesus! Was hat diese verfluchte Schlampe gesagt? Diane, hör zu –«

»Bist du geschieden, Ray? Ja oder nein? Sag es mir!«

»Technisch gesehen noch nicht ganz, aber …«

»Du hast mich also angelogen.«

Diane versuchte den Verlobungsring abzuziehen, aber das verdammte Ding gab nicht nach.

»Diane –«

»Du hast gelogen! Und könnten wir vielleicht auch noch klären, von welcher Scheidung wir sprechen? Geht es um Frau Nummer eins oder Frau Nummer zwei?«

»Diane, um Himmels willen, lass es mich erklären.«

Sie konnte den Ring schließlich abstreifen und schlug ihn auf die Tischplatte. Die Gläser erzitterten, der Margarita schwappte über.

»Besser, du hast ihn zurück.«

Sie wollte aus dem Zimmer gehen, aber Ray packte sie am Handgelenk.

»Hör mir doch zu, Diane.«

»Ich höre.«

»Die Papiere können jeden Tag hier sein. Alles ist besiegelt. Ich muss nur unterschreiben. In einer Woche oder zwei bin ich –«

»Du hast gesagt, du bist geschieden, und du bist es nicht.«

»Es tut mir leid, aber es handelt sich um eine Formalität –«

»Ach, ist das so? Und die andere Ehe? Die hast du ganz vergessen zu erwähnen? War das auch nur eine Formalität?«

»Diane, wir waren Kinder. Die Ehe hielt zehn Monate.«

»Und darum, glaubtest du, müsstest du sie nicht erwähnen?«

»Na ja, ich –«

»Und bei Nummer zwei hat es ein bisschen länger gehalten? Elf Monate oder hast du ein Jahr geschafft?«

»Liebling, tu das nicht.«

|184|»Sag nicht Liebling zu mir.«

Ray nahm ihren anderen Arm und hielt sie so, dass sie sich nicht bewegen konnte.

»Lass mich los!«

»Diane, sieh mich an. Sieh mich an!«

Er hatte ein Blitzen in den Augen. Einen Moment glaubte sie, er würde sie schlagen.

»Ich liebe dich mehr als irgendjemanden sonst. Du und Tommy, ihr seid jetzt mein Leben. Wir sind nicht alle so perfekt wie du. Ich habe viele Fehler in meinem Leben begangen, von denen ich wünschte, ich könnte sie rückgängig machen. Aber von dir und mir weiß ich, wie gut wir zusammenpassen. Wir gehören zusammen. Liebling, ich würde alles für dich tun. Und für Tommy. Herrgott, Diane, ich würde für euch beide sterben.«

Das waren die Worte, die alles entschieden. Obwohl Diane noch zu stolz und wütend war, um Ray zu zeigen, welche Wirkung sie hatten. Wenn er nur von seiner Liebe zu ihr gesprochen hätte, hätte sie ihn weiter leiden lassen. Vielleicht hätte sie (sie hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt) sich Tommy geschnappt und hätte Ray verlassen. Die Tatsache, dass er in seiner kitschigen B-Movie-Liebeserklärung ihren Sohn erwähnt hatte, ließ alle Vorsätze bröckeln. Wut erfasste sie. Nicht auf ihn, sondern auf sich selbst. Sie schlug ihn hart ins Gesicht.

Ray zuckte mit keiner Wimper. Als sei es das, was er verdiente. Diane sah, wie sich seine Wange rot färbte, und fing an zu weinen. Er hielt sie und küsste sie auf die Stirn. Er führte sie zum Sofa, sie setzte sich auf die Kante, er nahm neben ihr Platz und schwieg, während sie in seinen Armen weinte.

Als Diane ihre Sprache wiedergefunden hatte, stand er Rede und Antwort auf all ihre Fragen zu seiner Ehe und beschwor, wie leid es ihm tue, dass er nicht ehrlich gewesen war. Der einzige Grund dafür sei seine Angst gewesen, das zu verlieren, was für ihn die größte Liebe seines Lebens sei.

|185|Eine Stunde später führte er sie die Treppe hinauf ins Schlafzimmer, zog sie aus und küsste ihren Nacken und ihre Brüste. Diane war wie versteinert und stolz und verwirrt zugleich. Sie konnte ihm immer noch nicht verzeihen. Was dann folgte, in den dunkelsten Stunden der Nacht, war ihre Strafe für seine Lügen.

Ihrer körperlichen Liebe haftete etwas Brachiales an, als sei sie eine schlafende Kreatur, deren Kraft und Beherrschung sie beide erregte. In jener Nacht öffnete Diane den Käfig. Sie schlug Ray und grub ihre Nägel in seine Haut, bis er blutete, sie riss an seinem Haar und packte seinen Penis so heftig, dass er vor Schmerz aufschrie. Die schlafende Kreatur, die sie schließlich verschlingen würde, war geweckt und auf Beute aus.