Das Feuer war heruntergebrannt. Tommy blickte in die Glut. Er wusste, dass Danny ihn ansah und wartete, dass er fortfuhr, doch diese Wahrheiten und Bilder, die heraufbeschworen wurden, waren bald ein halbes Jahrhundert vergraben gewesen, und sie jetzt auszugraben war nicht leicht.
»Dad? Alles in Ordnung?«
Tom nickte und sah flüchtig zu seinem Sohn, dann in den Himmel. Der Mond war über sie hinweggewandert und hing jetzt flussaufwärts zwischen den steilen Ufern, an denen das Wasser ruhig dahinfloss.
»Ich werde alt. Frierst du auch?«
Danny schüttelte den Kopf.
Tom stand auf. Seine Knie waren steif, und er humpelte zum Zelt. Er zog einen Pullover aus dem Rucksack und zog ihn sich über, während Danny die letzten Holzstücke ins Feuer legte. Sie setzten sich und tranken Wasser aus Toms Flasche.
»Dad, du musst nicht weiterreden. Ich weiß, wie schwer es dir –«
»Ich möchte aber weitererzählen.« Er lachte. »Verdammt, jetzt wird es erst interessant.«
Viele Stunden und Tausende von Dollar hatte Tom in Therapien investiert, um sein Leben nicht mehr nur als eine Folge von Wenn-doch-nur zu betrachten. Wenn er doch nur dieses statt jenem getan hätte oder sein Temperament gezügelt oder seinen Mund in bestimmten Momenten gehalten hätte; wenn er doch nur irgendeine wichtige Begebenheit mit den Augen eines anderen |351|gesehen hätte, statt so verdammt überzeugt zu sein, dass er recht hatte; wenn er doch nur freundlicher zu Gina gewesen wäre und verständnisvoller; wenn ihn doch nur seine Wut nicht so übermannt hätte und sein Selbsthass, als sie ihn mit Danny verließ. Irgendwann hatte er begriffen, dass es nicht gerade sinnvoll war, die Dinge so zu betrachten – es sei denn, es half, dieselben Fehler nicht wieder zu begehen. Er war am Ende lediglich von larmoyantem Bedauern erfüllt gewesen, das ihn so erfüllte, bis kein Platz mehr für irgendetwas anderes vorhanden gewesen war.
Trotzdem war es schwer, zurückzuverfolgen, was Diane zugestoßen war, ohne an jedem Verbindungspunkt ein Wenn-doch-nur zu finden.
Ende der sechziger Jahre, kurz bevor er starb, hatte Herb Kanter einem Filmmagazin ein langes Interview über sein Leben gegeben. Die Journalistin hatte ihre Hausaufgaben gut gemacht, denn sie fragte auch nach Diane Reed, einen Namen, der selbst Filmexperten nur noch wenig bedeutete. Er erklärte, dass Diane sehr talentiert gewesen sei und ein tragisches Ende genommen habe, spekulierte, dass, wenn Jerry Giesler noch am Leben gewesen wäre, der Fall nie vor Gericht gekommen wäre.
Giesler war der legendäre Anwalt, der herbeizitiert wurde, wenn Hollywoods Größen bis zum Hals in Schwierigkeiten steckten. Er hatte eine Unzahl von Stars verteidigt: Errol Flynn, Robert Mitchum, Charlie Chaplin. Seinen letzten Triumph hatte er 1958, als Lana Turners Tochter Johnny Stompanato, den Mafia-Liebhaber ihrer Mutter, mit einem Küchenmesser erstochen hatte. Giesler war vor der Polizei am Tatort und sorgte dafür, dass die Storys von Mutter und Tochter übereinstimmten. Der Fall kam nie über eine gerichtliche Untersuchung hinaus, bei der Lana Turner die Vorstellung ihres Lebens gab. Das Urteil lautete auf Notwehr. Herb Kanter war offenbar der Meinung, dass Giesler das Gleiche für Diane hätte erreichen |352|können. Bedauerlichweise wurde in dem Moment, als er gebraucht wurde, eine Gedenktafel auf dem Forest-Lawn-Memorial-Friedhof für ihn aufgestellt.
Das größte Wenn-doch-nur kannte nur Tom. Wenn er doch nur seiner Mutter nicht gehorcht und die Wahrheit gesagt hätte. Aber Diane war so entschieden gewesen. In den fünfzehn Minuten, bevor die Polizei eintraf, bläute sie ihm immer wieder ein, was er zu sagen hatte, und er musste versprechen – Indianerehrenwort – dabei zu bleiben. Ohne ihre Absicht zu kennen, sah er ihr zu, wie sie die Waffe säuberte und fest in ihre Hand drückte, sie legte sogar sanft einen Finger an den Abzug und deponierte sie auf dem Bett. Schließlich ging sie zum Nachttisch, wischte den Griff ab und umfasste ihn erneut.
»Diane, was machst du da?«
»Du hast mich rufen hören, als du in der Küche mit Dolores warst, stimmt’s? Und du bist raufgekommen und hast uns streiten gehört. Du hast in der Tür gestanden und gesehen, wie er mich geschlagen hat. Okay? Tommy, sieh mich an. Das ist wichtig.«
Sein Blick wanderte zu Rays Leiche. Diane packte ihn an den Schultern und zwang ihn, sie anzusehen.
»Ich konnte mich von ihm befreien, bin hier rübergerannt, auf die andere Seite vom Bett, okay? Und ich habe den Revolver aus der Schublade genommen – ich habe ihn genommen. Nicht du! Und ich habe auf ihn gezielt und gesagt, er solle mir fernbleiben, genau wie du. Ich habe es gesagt, nicht du. Du hast nur von der Tür aus alles beobachtet, verstehst du? Tommy, hör mir zu!«
»Ja.«
»Dann habe ich gesagt, er solle den Safe aufmachen und die Pässe herausgeben, aber er rannte auf mich zu, und dann habe ich abgedrückt.«
»Aber Diane, das ist nicht –«
|353|»So war es. Ich habe es getan, nicht du. Wenn wir beide behaupten, dass es so gewesen ist, dann wird alles gut. Jetzt geh und wasch dir die Hände.«
Diese Geschichte erzählten sie den Polizeibeamten, die sie befragten, und sie blieben dabei, lange, nachdem Tom klar war, dass seine Mutter unrecht hatte und nicht alles gut werden würde.
Von Anfang an wusste er, Diane log nur, um ihn zu schützen. Später fragte er sich, ob es zwischen dieser und der anderen großen Lüge in ihrem Leben eine Verbindung gab. Vielleicht dachte sie, die Lügerei hatte ja schließlich funktioniert, jedenfalls so lange, bis die Wahrheit aufgedeckt werden konnte. Vielleicht hatte sie sich eingeredet, dass diese neue Lüge auch in beider Interesse war.
Nach Dannys Geburt überlegte Tom oft, ob er dasselbe tun würde: die Fingerabdrücke seines Kindes von einer Waffe abwischen und die Schuld auf sich nehmen. Er wusste es nicht.
Da er dazu neigte, sich selber die Schuld zu geben, fragte er sich auch, ob er Diane im Stich gelassen hatte. Er wusste, er hätte ihren Anweisungen mehr Aufmerksamkeit schenken sollen, denn ihre getrennt gemachten Aussagen waren voller Widersprüche, insbesondere in Bezug darauf, was Ray gesagt oder nicht gesagt hatte, bevor Diane den tödlichen Schuss abgefeuert hatte.
Die Polizisten waren freundlich, aber sie hörten nicht auf, ihm diese hinterlistigen Fragen zu stellen. Er erzählte ihnen, wo Diane und er die ganze Zeit gewesen waren, und wahrscheinlich viel mehr, als er hätte preisgeben sollen. Er sagte, wie nett Cal war, und erwähnte sogar, dass Diane im Zug gesagt hatte, dass er und sie vielleicht heiraten würden, wenn sie von Ray geschieden war. Damals merkte er es nicht, aber sie mussten hellhörig geworden sein.
Immer wieder wollten sie wissen, ob Diane ihn in irgendeiner |354|Weise instruiert hatte. Und es dauerte eine Weile, bis er begriff, dass sie nicht ihn im Verdacht hatten, sondern versuchten, es wie Notwehr aussehen zu lassen. Je mehr er versuchte, zu helfen, desto mehr verhedderte er sich in Lügen. Schließlich versuchte er, ihnen die Wahrheit zu sagen. Doch da wollten sie ihm nicht mehr glauben.
»Die Fingerabdrücke deiner Mutter sind auf der Waffe, nicht deine, Tommy.«
»Ich weiß, sie wollte die Schuld auf sich nehmen. Sie hat meine abgewischt – auch vom Griff an der Schublade. Ich habe geschossen. Sie müssen mir glauben.«
»Du bist sehr tapfer, Sohn, versuchst, deine Mutter zu verteidigen. Aber es passt nicht.«
»Aber es ist die Wahrheit!«
Diane blieb in Untersuchungshaft. Und bis Cal anreiste, auch Tom. Er galt als Hauptzeuge und wurde in ein Jugendgefängnis überführt. Er konnte sich nur noch daran erinnern, dass es nicht annähernd so schrecklich war wie das Internat in England. Ein oder zwei Jugendliche waren wirklich gemein, aber wenigstens gab es keine Psychopathen wie Whippet Brent.
Cal mietete ein Apartment in West Hollywood. Tom erinnerte sich noch, wie sie durch die Jalousien lugten, zu den Reportern und Fotografen, die in den ersten Wochen unter den Bäumen auf der Straße warteten und rauchten und lachten. Schließlich schienen sie das Interesse zu verlieren. Tommy ging wieder auf die Carl-Curtis-Schule und wechselte im Herbst auf die Junior High.
Diane wurde des Mordes angeklagt. Bei der Anhörung über die Festsetzung einer Kaution beschrieb die Anklage sie, so las Tom später in Zeitungsausschnitten, als kaltblütige Mörderin und deutete sogar an, dass Rays Tod nicht ein Akt häuslicher Gewalt war, sondern von Anfang an ein Rachefeldzug gegen Hollywoods Cowboyschauspieler. Der Richter war nicht überzeugt. |355|John Wayne und seine Freunde, sagte er, schliefen doch ruhig in ihren Betten. Trotzdem wurde der Antrag auf Freilassung auf Kaution abgelehnt. Arthur starb eine Woche später, ohne von den Schwierigkeiten seiner Tochter und seines Enkels erfahren zu haben.
Es dauerte etwas mehr als zwölf Monate, bis der Fall vor Gericht verhandelt wurde.
Als Tom die Zeitungsartikel Jahre später las, war er fasziniert, wie die Handlung und die Hauptpersonen manipuliert worden waren, damit sie in die Hollywoodschablone passten. Obwohl Rays Schattenseiten ein offenes Geheimnis gewesen waren, verlangte sein Ableben, dass man sich seiner als des tapferen Cowboys erinnerte, als des Fernsehlieblings der Nation, Red McGraw, der Rächer der Entrechteten.
Diane dagegen war die böse Verführerin, ehrgeizig und ohne Skrupel. Die englische Dirne, die eine glückliche Ehe zerstört und ihre unmoralische Vergangenheit verschwiegen hatte und darüber hinaus Ray mit seinem Stunt-Double, einem Mischling, betrogen hatte. Namenlose Quellen sprachen davon, wie die glühende Affäre in Arizona auf dem Set von The Forsaken begonnen habe und (das war das Unerfreulichste, denn alles in Hollywood wurde am Ende in Geld aufgewogen) der Film aufgrund des Skandals an den Kinokassen gefloppt war.
Cal mietete einen blauen Buick, und jeden Mittwochnachmittag fuhren sie nach der Schule ins Valley und besuchten Diane im Gefängnis. Vierzig Minuten waren erlaubt, und immer war eine Glasscheibe zwischen ihnen. Nur einmal durften sie sich in all diesen ersten Monaten berühren, als ein Richter die Sondergenehmigung erteilte und Diane und Cal in der kleinen Gefängniskapelle heirateten. Herb Kanter führte Diane zum Altar. Ansonsten waren nur der Kaplan anwesend und ein alter Mann mit einer dicken Brille, der Orgel spielte. Diane trug ein blassblaues Kleid und hielt ein Bouquet cremefarbener Lilien. |356|Sie lächelte tapfer, während alle anderen versuchten, die Tränen zu unterdrücken.
Die Verhandlung begann in der dritten Novemberwoche vor einer Jury aus neun Männern und drei Frauen. Tom durfte nicht dabei sein oder als Zeuge aussagen. Beide Seiten waren der Ansicht, das sei zu traumatisch, und die eidesstattlichen Aussagen seien ausreichend. Er wusste nicht, ob es noch einen anderen Grund gab. Dianes Anwalt dachte wahrscheinlich, es gebe schon genug Ungereimtheiten und sein Erscheinen im Zeugenstand werde alles nur schlimmer machen.
Die gefährlichste Zeugin der Anklage war Dolores. Am zweiten Tag erzählte sie dem Gericht mit tapferer und bebender Stimme, so wurde es in der Presse berichtet, dass Diane sie immer schlecht behandelt habe und unfreundlich zu ihr gewesen sei; dass Diane oft Ray angebrüllt und ihn mit Dingen beworfen habe, während Ray versucht habe, sie zu beruhigen, und wie gütig und liebevoll er zu Diane und besonders zu Tommy gewesen sei. Am Tag des Mordes, sagte sie, sei die Angeklagte ins Haus gestürmt, habe sie angebrüllt und bedroht; als Ray kam, habe Diane ihn mit Schimpfwörtern überschüttet. Sie sagte, sie habe einen Schuss gehört und sei die Treppe hochgelaufen und habe Diane gesehen, den Revolver in der Hand, wie sie ruhig auf Rays Leiche blickte; Diane habe sich zu ihr und Miguel umgeblickt; um ihr Leben fürchtend sei sie die Stufen runtergerannt und habe die Polizei gerufen.
Von dem Tag an hörte die Berichterstattung über den Prozess in Fernsehen und Zeitungen auf und wurde von einem anderen Mord überschattet, dem Anschlag auf den fünfunddreißigsten Präsidenten der Vereinigten Staaten. Von diesem Tag an war das Schicksal einer jungen britischen Schauspielerin für niemanden mehr von Interesse, außer für jene, die sie kannten.
Viele Jahre später, nachdem John und Rose gestorben waren und Cal nach Nevada gezogen war, erzählte er Tom, dass Diane |357|im Zeugenstand unkonzentriert gewirkt hatte. Die Anklage konfrontierte sie mit den Widersprüchen zwischen ihrer und Toms Aussage. Cal sagte, man konnte die Notwehrgeschichte geradezu auf dem polierten Boden des Gerichtssaals in tausend Stücke zerspringen hören.
Die Geschworenen brauchten nicht mehr als zwei Stunden, um einstimmig ein Urteil zu fällen, das der Rest der Welt (oder der Teil, der noch interessiert war) längst gefällt hatte. Die Beschuldigte war im Sinne der Anklage des Mordes schuldig. Diane wurden Handschellen angelegt, und sie wurde wieder in ihre Zelle geführt.
Etliche Monate dauerte es, bis die Berufung verhandelt wurde. Kaum eine Nacht verging, in der Tom nicht von einem schrecklichen Traum heimgesucht wurde. Seltsamerweise war er stets das Opfer. Er war in der Gaskammer, auf einen Stuhl gefesselt. Rauchwölkchen krochen an seinen Knöcheln und seinen Knien und Hüften empor. Er wachte schreiend auf, und Cal hielt ihn fest und legte sich zu ihm, bis er wieder eingeschlafen war.
Jeden Mittwochnachmittag fuhren sie ins Gefängnis. Tommy graute vor jedem Besuch. Diane war immer tapfer und voller Hoffnung, als handele es sich um ein einziges Missverständnis, das sich bald aufklären würde. Einmal, als er und Cal im Warteraum saßen, flog ein brauner Vogel durch die vergitterten Fenster. Vier große Ventilatoren hingen an der Decke, und sie sahen zu, wie sich der Vogel ihnen gefährlich näherte. Einer der Wärter fand ein Netz an einem der Pfosten und versuchte, den Vogel einzufangen. Am Ende trieb er die arme Kreatur in einen der Ventilatoren, und der Vogel fiel in einer Federwolke tot zu Boden.
Die Berufung wurde abgewiesen und das Datum für Dianes Hinrichtung festgesetzt. Jede Sekunde dieses letzten Besuches hatte sich in Toms Gedächtnis eingebrannt. Das Klirren und die |358|Stimmen, die im Korridor widerhallten; wie er dem fetten Wächter gefolgt war durch all die Türen und Tore; der Anblick Dianes, die ihn im Sonnenlicht der Zelle anlächelte, als die Wärterin die Tür öffnete. Und er hatte nur diese bodenlose Wut darüber verspürt, dass das Leben so war, wie es war.
Als ihre Zeit verstrichen war, saß er wieder im Warteraum, während Cal sich von Diane verabschiedete. Er kam zurück, Tom erhob sich, und Cal legte seinen Arm um ihn, und sie traten aus dem Zellenblock hinaus in die laue Abendluft. Über dem Gefängnis wogte ein riesiges Sternenbanner im letzten Sonnenlicht. Tom ließ es den ganzen Weg bis zum Auto und auch, als sie wegfuhren, nicht aus den Augen, als hätte es die Macht, das Bevorstehende aufzuhalten.
Zwei Tage später ging Diane in die Gaskammer.