McKnight hatte recht gehabt. Private Eldon Harker sah so glatt und unangreifbar aus wie geschliffener Granitstein. Nicht ein Riss. Nach dem, was Danny erzählt hatte, hatte Tom sich einen verstohlen blickenden Jungen vorgestellt, dessen eigennützige Lügen für alle durchschaubar waren. Stattdessen erschien ein Mann, den die Marine für eine Rekrutierungskampagne hätte nutzen können. Aufrechte Haltung, attraktiv, seine Antworten selbstbewusst, kein Anflug von Arroganz. Der Typ war der perfekte Zeuge und hervorragend vorbereitet.
Richards stellte ihm routinemäßig ein paar Eingangsfragen, die ihn als den makellosen, standhaften Soldaten porträtieren sollten, dann begann er, die Ereignisse zu rekonstruieren.
»Hatten Sie den Eindruck, dass irgendjemand in der Gruppe auf dem Hof verdächtig oder gefährlich war?«
»Nein, Sir. Sie waren alle zu ängstlich.«
»Hatten Sie unter den Irakern einen einbeinigen Mann bemerkt?«
»Ja, Sir, das hatte ich.«
»Sie haben ihn gesehen?«
»Ja, Sir.«
»Wann zum ersten Mal?«
»Sofort, Sir.«
»Und Sie haben sofort bemerkt, dass er nur ein Bein hatte?«
»Nein, Sir, nicht sofort. Er schien nicht still stehen zu können, und dann bemerkte ich, dass ihm ein Bein fehlte und die Krücke am Boden neben ihm lag.«
»Sie erkannten genau, dass es sich um eine Krücke und nicht um ein Gewehr handelte?«
»Haben Sie Lance Corporal Bedford darauf aufmerksam gemacht?«
»Ja, Sir. Ich habe es versucht, aber er schrie herum und hörte nicht zu.«
»Wen hat er angeschrien?«
»Die Leute, die wir bewachten, Sir. Die jammernden Frauen.«
»Und was hat er geschrien?«
»Dass sie das Maul halten sollen.«
»Was genau?«
»Er nannte sie hajji-Huren und sagte ihnen, sie sollten verdammt noch mal ihr Maul halten.«
Je länger das Verhör dauerte, desto niederdrückender wurde es. Alles, was Harker beschrieb, jeder Moment, jedes Wort und jede Nuance entsprach dem, was Delgado bereits berichtet hatte. McKnight tat sein Bestes und erhob Einspruch. Der eine oder andere wurde aufrechterhalten, doch die Aussagen des jungen Soldaten waren schonungslos, und mit jeder Antwort schaufelte er mehr Erde auf Dannys Sarg. Tom fiel es schwer, die Zweifel, die ihm kamen, zu ignorieren, sosehr er es auch versuchte. Vielleicht hatte Danny all das tatsächlich von sich gegeben. Vielleicht war er blind gewesen vor Wut.
Als Richards fertig war, konnte man die dunkle Wolke, die über der Verteidigung hing, beinahe sehen. Kelly und Gina saßen schweigend und mit gesenktem Blick da.
Im Kreuzverhör bohrte McKnight nach, versuchte lose Enden zu finden, an die er anknüpfen konnte, doch mit wenig Erfolg. Er stellte Harker die Möglichkeit in Betracht, dass er sich vielleicht verhört hatte, zu viel Lärm und Verwirrung geherrscht hatten, um sicher sein zu können, dass er selbst zu aufgeregt und ängstlich gewesen war, um sich derart deutlich erinnern zu können. Aber Harker stockte an keiner Stelle, wiederholte nur ruhig und beharrlich, was er bereits gesagt hatte.
|318|Schließlich gingen sie zu dem über, was danach geschehen war. Nach achtundvierzig Stunden war Harker bereits zum ersten Mal von NCIS-Ermittlern verhört worden, und McKnight fragte, ob er sich in dieser Zeit oder danach mit Sergeant Delgado ausgetauscht habe. Harker verneinte. Einzig und allein nach dem Vorfall hätten er und Delgado in Dannys Gegenwart noch einmal miteinander gesprochen.
»Ich hatte den Befehl, es nicht zu tun, Sir. Es war ein Befehl, den habe ich befolgt.«
McKnight begab sich zum Tisch, sein Assistent reichte ihm ein Dokument. Langsam schritt er zurück zum Zeugenstand.
»In Ihrer ersten Aussage, Private Harker, haben Sie weit weniger spezifische Angaben über Lance Corporal Bedfords Äußerungen gemacht, bevor Sie beide das Feuer eröffneten. Warum?«
»Ich wollte ihn nicht in Schwierigkeiten bringen, Sir.«
»Sie wollten ihn nicht in Schwierigkeiten bringen?«
»Ja, Sir.«
»Sie sagten aus – und ich zitiere: Es war zu laut. Alle schrien und kreischten. Ist das korrekt?«
»Es herrschte viel Geschrei, Sir, aber er schrie lauter, so dass ich ihn gut verstehen konnte.«
»Sie haben also gelogen.«
»Nein, Sir, ich wollte einen Kameraden schützen.«
»Indem Sie die Unwahrheit sagten.«
»Indem ich nicht die volle Wahrheit sagte, Sir.«
»Wir sollen Ihnen also das, was Sie einmal gesagt haben, nicht glauben, aber das, was Sie später gesagt haben, schon, als die Mordanklage gegen Sie fallengelassen wurde?«
Richards sprang auf. »Einspruch!«
»Stattgegeben.«
McKnight formulierte neu, verfolgte denselben Pfad, aber es war offensichtlich, dass er nicht weiterkam. Harker präsentierte |319|sich als ehrenhafter Mann, der gezwungen war, zu entscheiden, ob er einen Kameraden schützen oder die Wahrheit sagen sollte. Wieder und wieder, ohne eine Miene zu verziehen, verneinte er, dass er sich mit Sergeant Delgado be- oder abgesprochen habe. Die Spitzfindigkeiten und Einschüchterungen seitens der Verteidigung schienen Colonel Scrase zu irritieren. Mehrmals schritt er ein, fragte McKnight, worauf er hinauswolle, und ermahnte ihn, zum Punkt zu kommen. Harker verließ den Zeugenstand mit der Aura tapferer Glaubwürdigkeit. Sogar Tom fiel es schwer, an ihm zu zweifeln.
Die Stimmung beim Abendessen im Marco’s, dem kleinen italienischen Restaurant zwei Häuserblocks vom Hotel entfernt, war gedrückt. Nur die Familie saß beisammen, Dutch und Gina, Danny und Kelly – und Tom. Keiner verlor ein Wort über die Anhörung.
Dutch bemühte sich, die anderen mit einer Geschichte über seinen Golfpartner Doug aufzuheitern, der für eine tausend Dollar teure Routineuntersuchung nach Bangkok geflogen war.
»Die stecken diese kleinen Kameras in einen hinein«, sagte er. »Eine in den Hals und die andere in den …«
»Dutch, bitte«, sagte Gina. »Wir essen.«
»Gut, ich erspare euch die Einzelheiten.«
»Hoffentlich.«
Als sie das Restaurant verließen, strahlte der Himmel über ihnen rosa, Kondensstreifen kreuzten sich, und die Luft war mild und erfüllt vom Duft von Jasmin. Dutch lief voraus, seinen Arm um Kelly gelegt. Tom und Danny gingen beide neben Gina, sie hatte sich bei ihnen eingehakt und zog sie an sich. Sie schwiegen. Tom wunderte sich über das Leben, dass es einen solchen Komplott schmiedete, damit die Menschen erst im Unglück einen gewissen Frieden fanden. Vielleicht gab es einen vorgegebenen, unerbittlichen Code der Vergebung, der derartige Dinge festschrieb.
|320|Diese sentimentalen Gedanken verflogen, als sie in Toms Zimmer gemeinsam die Nachrichten sahen. Das Geschehen im Gerichtssaal wurde unvoreingenommen geschildert, Eldon Harkers ruhige, überzeugende Aussage sprach für sich. Der Reporter bezeichnete McKnights Kreuzverhör als erbarmungslos aggressiv. Schweigend verfolgten sie den Bericht. Tom wusste, dass sie alle ein und denselben Gedanken hatten: Dieser Tag war für die Anklage entscheidend gewesen.
Im Sender schien man der Ansicht gewesen zu sein, dem Bericht fehle die nötige Ausgewogenheit, und beendete ihn darum mit dem Ausschnitt aus einem Interview mit – wie es hieß –, dem Bestsellerautor Truscott Hooper, der für seine Thriller gefeiert wird. Und da war er! Der gute alte Troop! Vorteilhaft ausgeleuchtet, saß er wie ein Viersternegeneral hinter seinem mächtigen Schreibtisch.
»Daniel Bedford ist ein anständiger junger Mann«, sagte er. »Unser Land ist auf solche Männer angewiesen. Krieg ist ein schmutziges und verwirrendes Geschäft, und wenn Sesselscharfschützen etwas anderes behaupten, dann dient es niemandem. Unseren Helden den Rücken zu kehren, wenn es brenzlig wird, sie wie gewöhnliche Verbrecher zu behandeln, dafür sollten wir uns schämen.«
»Was weiß der schon?«, sagte Danny. »Ich kenne ihn nicht einmal.«
»Liebling, er will nur helfen«, sagte Kelly.
Danny, Kelly und Gina sagten gute Nacht und zogen sich in ihre Zimmer zurück. Dutch fragte, ob er noch einen Moment bleiben könne, er wolle sich die Sportergebnisse ansehen. Tom hatte nichts dagegen. Das erste Mal, dass sie alleine waren, und es war mehr als nur ein wenig merkwürdig.
»Kann ich dir einen Drink anbieten?«, fragte Tom. »Es gibt Kaffee oder Limo.«
Dutch lachte. »Nein, danke. Hör zu, ich bin nur geblieben, weil ich dir danken will.«
|321|Tom runzelte die Stirn. »Wofür?«
»Dass du es uns so leicht machst – nun ja, das ist nicht das richtige Wort. Für keinen von uns ist es leicht. Nein, ich danke für deine Unterstützung. Ich kann dir gar nicht sagen, wie viel es Danny und Gina bedeutet. Und mir auch.«
»Ihr habt viel mehr getan als ich.«
»Nein. Ich weiß, wie schwer es all die Jahre für dich gewesen sein muss. Ich weiß, dass du nicht davon begeisterst warst, als Danny sich freiwillig zur Armee meldete, und dass es einen Keil zwischen euch trieb. Es war seine Entscheidung, aber ich kann nicht so tun, als ob ich ihn nicht beeinflusst hätte. Jetzt denke ich, ich trage auch Schuld an dem, was passiert ist.«
Tom wusste nichts zu entgegnen.
»Egal. Ich wollte dir nur sagen, was auch immer zwischen dir und Danny vorgefallen ist, der Junge liebt dich.«
Tom lächelte. Ein wenig unbeholfen streckte er die Hand aus und klopfte Dutch auf die Schulter.
Für einen Moment schwiegen sie; nur das Geplapper eines Sportreporters erfüllte das Zimmer.
Tom räusperte sich.
»Also, wie schätzt du die Lage ein?«
Dutch seufzte und schüttelte müde den Kopf. »Nach dem heutigen Tag? Nicht gut. Aber morgen muss Ricky in den Zeugenstand, er wird uns nicht schaden.«
Am nächsten Tag würde McKnight beginnen, den Fall aus Sicht der Verteidigung darzustellen. Ricky Peters, der von der Hüfte abwärts gelähmt war, würde im Rollstuhl in den Gerichtssaal geschoben werden, um seine Aussage zu machen. Er war der Hauptzeuge, an ihm hing alle Hoffnung.
Die beiden Männer plauderten noch eine Weile, dann meinte Dutch, es sei Zeit, ins Bett zu gehen. Sie schüttelten sich an der Tür die Hände und Dutch ging den Flur entlang. Tom zog sich aus, putzte die Zähne in dem engen Badezimmer und versuchte, |322|nicht an das zu denken, was Dutch in diesem Moment tat. Zu Gina ins Bett steigen. Neben ihr liegen. Die tröstende Wärme ihres Körpers neben sich. Jahre hatte er sich nicht mehr nach ihr gesehnt.
Am nächsten Tag beschwor ein Zeuge nach dem anderen, dass Danny ein großartiger und anständiger Kerl sei, ein tapferer Soldat. Ricky Peters sprach leise und wirkte wie ein kleiner Vogel mit einem gebrochenen Flügel, er saß gebeugt in dem Rollstuhl und erzählte im totenstillen Gerichtssaal von zwei Begebenheiten, bei denen Danny ihm das Leben gerettet hatte. Er erinnerte sich, wie Danny ihn im Arm gehalten und getröstet hatte, nachdem die Bombe explodiert war, und dass Delgado nach dem Vorfall in der Latrine ein anderes Verhalten an den Tag gelegt hatte. Es war eine beeindruckende, bewegende Vorstellung. Während der Mittagspause war Tom wieder optimistischer. Als sie sich zurück in den Gerichtssaal begaben, lief er neben McKnight.
»Das ist doch nicht schlecht angekommen«, sagte er.
McKnight verzog das Gesicht. »Tom, Sie müssen begreifen, was hier passiert. Ricky hat getan, was er tun konnte. Gäbe es Geschworene, hätte er sie zu Tränen gerührt. Aber es gibt keine Geschworenen. Scrase ist der Einzige, der zählt. Und er hat so etwas schon hundertmal gehört und gesehen. Nicht, dass es ihm egal ist, aber er will Tatsachen präsentiert bekommen. Keine Gefühle. Ricky war in jener Nacht nicht mit in dem Hof und hat nicht gesehen, was passiert ist. Das allein zählt für Scrase.«
»Glauben Sie, er wird an ein Militärgericht verweisen?«
»Im Moment ist es alles, was er tun kann. Es sei denn, es geschieht ein Wunder.«