Sie näherten sich dem Gerichtsgebäude in der Reihenfolge, die Brian McKnight festgelegt hatte. Dannys zwei uniformierte Militäranwälte gingen voran, Danny und Kelly, im achten Monat schwanger, folgten Arm in Arm. Dahinter, in eleganten Anzügen, McKnight und sein Assistent Kevon Nielsen. Danach Dutch und Gina, auch Arm in Arm. Tom zum Schluss.
Fernsehreporter und Zeitungsjournalisten warteten auf sie im Sonnenschein. Es war der zweite Tag der Anhörung. Tom hatte mit weniger Presse gerechnet. Auch die Sicherheit war verstärkt worden. Wohin man auch blickte, sogar auf den Dächern, waren Marinekorpssoldaten mit M16 postiert. Tom fragte sich, was sie erwarteten. Im Internet kursierten Morddrohungen gegen Danny und E-Mails, in denen Rache angekündigt wurde, nicht nur an Danny, sondern auch an Kelly und ihrem ungeborenen Kind. Camp Pendleton war an diesem heißen und wolkenlosen Maimorgen in höchster Alarmbereitschaft.
Die Reporter hatten Danny und seine Entourage entdeckt. In die Gruppe kam Bewegung, Mikrophone erhoben sich, Kameras wurden in Stellung gebracht.
»Okay, Leute«, sagte Brian McKnight leise. »Nicht vergessen, das Reden überlassen Sie mir.«
Er hatte sie genau instruiert, wie man den Spießrutenlauf an der Presse vorbei unbeschadet überstand. Keine Fragen beantworten, egal, wie provokativ oder freundlich sie waren. Sie wollten weder selbstgefällig noch ängstlich noch unwirsch wirken. Sich angemessenen Schrittes bewegen, nicht zu eilig und nicht zu langsam, erhobenen Hauptes.
|293|»Der Eindruck, den wir vermitteln wollen: Wir sind von der Unschuld dieses jungen Soldaten überzeugt, respektieren aber gleichzeitig das Rechtssystem, das verlangt, dass er vor Gericht erscheint.«
Es würde eine schwierige Sitzung werden. Der gestrige Tag war mit der Klärung verfahrensrechtlicher Fragen verstrichen. Heute fuhr die Anklage schwergewichtige Zeugen auf. Danny hatte den geisterhaften Blick eines Schlaflosen. Ein letztes Mal ging McKnight mit Danny und den anderen Anwälten Einzelheiten durch. Gina nahm Tom zur Seite und machte ihn besorgt darauf aufmerksam, dass Danny permanent das Gesicht verzog.
»Glaubst du, er ist sich dessen bewusst?«
»Ich glaube nicht. Er wird sich schon beruhigen.«
»Er sieht furchtbar aus. Hast du seine Fingernägel gesehen?«
Die Nägel waren bis aufs Nagelbett abgeknabbert. Tom versuchte Gina zu beschwichtigen. Jeder Richter, der sein Geld wert sei, wisse, das hänge mit den Nerven zusammen und sei kein Zeichen von Schuld oder Unschuld. Gina war nicht gänzlich überzeugt.
McKnight hatte darum gebeten, dass Danny seine Dienstuniform tragen durfte. Wie erwartet, wurde das Gesuch abgewiesen. Der Grund sei, erklärte er, dann dürfe derjenige auch seine Auszeichnungen tragen, und das sei das Letzte, was die Regierung wolle: den Eindruck erwecken, dass sie einen Helden auf die Anklagebank setzte. Danny trug also genau das Gleiche, was die anderen Militärangestellten trugen – eine normale Tarnuniform.
Tom sah, wie sein Sohn die Schultern straffte. Die kleine Prozession näherte sich dem Gerichtsgebäude. Über die orangefarbene Absperrung lehnten sich die Reporter, riefen Fragen und hielten Danny die Mikrophone und Kameras entgegen.
»Corporal Bedford! Sind Sie zuversichtlich?«
|294|»Daniel, hierher, bitte!«
»Kelly, wie geht es Ihnen? Wann kommt das Baby?«
»Junge oder Mädchen, wissen Sie es schon?«
»Meine Damen und Herren«, rief McKnight, während sie sich ihren Weg bahnten. »Wenn Sie uns bitte durchlassen würden! Nach der Anhörung beantworte ich Ihnen gerne Ihre Fragen.«
Endlich waren sie im Gebäude. Zwei Marinepolizisten schlossen die Türen, und das Tohuwabohu verstummte. McKnight genoss diesen Teil des Prozesses. Er lächelte beinahe, was Tom bei ihm noch nie gesehen hatte. Der Mann hatte Format, er würde kein Wort darüber verlieren, aber dass er dachte, Kellys Zustand sei ein gefundenes Fressen für die Medien, war nicht zu übersehen. McKnight legte seinen Arm um Kellys Schultern.
»Alles klar, junge Dame?«
Sie nickte tapfer.
»Kommen Sie, uns dürfen Sie es sagen, Junge oder Mädchen?«
»Gewinnen Sie, und ich werde es Ihnen verraten.«
Zwei weitere Militärpolizisten kontrollierten jeden, der den Gerichtssaal betrat. Der Mann mit dem Metalldetektor lächelte, als Kelly an der Reihe war, und ließ sie so durch. Der Raum war ihnen schon vertraut. Cremefarbene Wände und Holztäfelung, eine niedrige, weiße Decke und indirektes Licht. Die großen, roten Bürostühle waren so bequem, man konnte auf ihnen einschlafen. Die Regierungsanwälte befanden sich bereits an ihrem Tisch auf der anderen Seite des Gangs. Der Hauptankläger Major Richards nickte McKnight ernst zu.
Wendell T. Richards war ein hochdekorierter Golfkriegsheld von knapp zwei Metern mit einem stoischen, eiskalten Blick, genau wie Tom ihn aus seinen Western Comics erinnerte. Laut McKnight nannte man ihn »Maximus«, weil er der beste Rechtsgladiator der Regierung war.
Tom folgte Kelly, Gina und Dutch zu den der Familie zugewiesenen |295|Plätzen hinter dem Tisch der Verteidigung. Er fasste Danny bei der Schulter.
»Viel Glück, Junge.«
Für die Presse waren nur wenige Plätze vorgesehen. Die meisten Journalisten verfolgten die Verhandlung auf einem Bildschirm in einem anderen Gebäude. Es waren noch der Rechtsberater des Richters, ein Stenograph und ein Gerichtszeichner anwesend. Die Geschworenenbank war leer. Dannys Schicksal lag in den Händen eines Mannes, des Mannes, der jetzt den Saal betrat, um hinter dem getäfelten Podium vorne links Platz zu nehmen. Der Ermittlungsbeamte Colonel Robert Scrase war ein sanftmütiger Texaner mit einwandfreien Referenzen sowohl als Soldat als auch als Militäranwalt. Und obwohl beide Seiten das Recht gehabt hatten, seine Eignung anzufechten, hatte keine davon Gebrauch gemacht.
Richards hatte bereits gestern Nachmittag zwei Zeugen aufrufen lassen, Männer aus Dannys Kompanie, die schilderten, unter welchen Bedingungen sie im Irak in den Wochen operierten, die zu der Nacht der Tötungen führten. Tom konnte sich lebhaft den Terror vorstellen, der für viele Monate das Leben seines Sohnes bestimmt hatte. Abgesehen von ein paar Punkten, die McKnight klarstellen musste, blieben die Aussagen der beiden Soldaten unangefochten. Nun rief Richards Sergeant Marty Delgado in den Zeugenstand.
Nach dem, was Danny erzählt hatte, erwartete Tom Hörner und einen Hauch von Schwefel. Der Mann war muskulös und kahlrasiert. Als er den Zeugenstand betrat und den Eid leistete, wirkte er höflich und zurückhaltend, beinahe warmherzig. Natürlich war das alles Theater. Zweifellos war die Anklage genauso gerissen wie McKnight, wenn es darum ging, glaubwürdig zu wirken.
Richards verwendete die ersten fünfzehn Minuten darauf, Delgados makellose Laufbahn darzustellen, zu beschreiben, |296|welche Aufgaben er innehatte, und fragte nach dem Grund der Mission, die seine Einheit in jener Nacht zu erfüllen gehabt hatte. Schritt für Schritt ging er mit ihm die Ereignisse durch, die zu der Tötung geführt hatten: die Bombe am Straßenrand, das blutige Nachspiel, wie er und Danny die Drähte gefunden hatten und ihnen gefolgt waren.
»Wessen Entscheidung war es, dass Lance Corporal Bedford Sie begleitete?«
»Meine, Sir.«
»Sie haben ihn ausgewählt?«
»Ja, Sir.«
»Gab es einen besonderen Grund dafür?«
»Nach dem Attentat war er in einer ziemlich schlechten Verfassung nach dem Anblick seines verwundeten Freundes, des Gefreiten Peters.«
»Sie sagen in ziemlich schlechter Verfassung, wie verhielt er sich?«
»Er wirkte wütend. Irgendwie verstört. Ich machte mir Sorgen um ihn.«
»Hat er etwas gesagt, woran Sie sich erinnern können?«
»Ja, Sir. Er ließ Tiraden los, dass er diese hajji-Wichser kriegen, die hajji-Schweine umbringen würde, so was in der Richtung.«
»Hajji bedeutet?«
»Das ist eine beleidigende Bezeichnung für Iraker, Sir.«
»Ich verstehe. Ich kann mir vorstellen, dass es nach einer solchen Bombe, wenn Kameraden getötet oder verletzt werden, schwer ist, Ruhe und Selbstkontrolle zu bewahren.«
»Ja, Sir. Dafür werden wir aber ausgebildet. Egal, was passiert, man muss die Selbstkontrolle behalten.«
»Würden Sie sagen, dass sich Lance Corporal Bedford in jener Nacht unter Kontrolle hatte?«
»Nein, Sir, das würde ich nicht.«
»Wirkte er aufgeregter oder verstörter als die anderen?«
»Ja, Sir.«
|297|»Und darum befahlen Sie ihm, Sie zu begleiten, damit Sie ein Auge auf ihn haben konnten?«
»Ja, Sir. Ich machte mir Sorgen.«
»Haben Sie Lance Corporal Bedford je ähnlich reagieren sehen?«
»Nicht, dass ich wüsste, Sir.«
»Wie würden Sie sein Verhalten als Soldat allgemein beschreiben?«
»Ich würde sagen durchschnittlich, Sir.«
»Durchschnittlich.«
»Ja, Sir.«
»Gab es zuvor irgendeinen Anlass zur Beschwerde?«
»Ja, Sir, zwei, um genau zu sein.«
»Könnten Sie das für uns näher ausführen?«
Delgado legte für die nächsten fünfzehn oder zwanzig Minuten detailliert die beiden Vorkommnisse dar, die Dannys eingeschränkte Fähigkeiten als Soldat belegen sollten. Es hätte weniger Zeit in Anspruch genommen, wenn McKnight nicht immer wieder aufgesprungen wäre und Einspruch erhoben hätte. Beim ersten Zwischenfall handelte es sich um eine Suchaktion in einer Gegend, in der Geheimdienstberichten zufolge Bomben hergestellt wurden. Laut Delgado hatte Danny zwei Häuser nur unzureichend gesichert und seine Einheit in Gefahr gebracht. Zurück am Stützpunkt hatte er nicht zum ordnungsgemäßen Zeitpunkt Bericht erstattet. Delgado versuchte, dem Ganzen mit Verleumdungen gegen Danny und Ricky Peters mehr Würze zu verleihen. Colonel Scrase hielt McKnights Einspruch aufrecht, alle anderen lehnte er ab.
Richards widmete sich der Nacht der Tötung. Delgado musste beschreiben, wie Danny in den Kanal gerutscht, seine Wut noch heftiger geworden war und Delgado ihn wiederholt hatte ermahnen müssen, sich zu beruhigen und sich zusammenzunehmen; wie sie unter Beschuss genommen worden waren und |298|einen Mann in einer Tarnjacke mit einer AK-47 gesehen hatten. Das Bild, das Delgado von der Situation malte: Als sie auf den Bauernhof stürmten, befand sich Danny in einem Zustand der Rage. Darum, so Delgado, hatte er ihm befohlen, mit Harker die Iraker zu bewachen und nicht mit ihm das Haus zu durchsuchen.
Während der Durchsuchung wurde ein Gegner, so Delgado, getötet. Zwar habe er keine Tarnjacke angehabt, und eine solche Jacke sei auch nicht gefunden worden, er habe aber eine AK-47 bei sich getragen. Delgado glaubte, es habe sich um denselben Mann gehandelt, der zuvor auf sie geschossen hatte.
Richards fragte, was danach passiert sei.
»Als wir uns vergewissert hatten, dass das Haus sicher war, hörte ich aus dem Hof Rufe.«
»Wissen Sie, wer gerufen hat?«
»Ja, Sir. Ich ging ans Fenster im zweiten Stock. Es war Lance Corporal Bedford.«
»Konnten Sie hören, was er rief?«
»Ja, Sir. Er brüllte die Iraker an, sie sollten Ruhe bewahren. Manche von ihnen, vor allem die Frauen, hatten Angst und schrien durcheinander. Er sagte ihnen, sie sollten mit ihrem Wehklagen aufhören.«
»Was genau hat er gesagt?«
Delgado hielt einen Moment inne und blickte zu Colonel Scrase, als müsse er eine Erlaubnis einholen, um fortzufahren.
»Er sagte: Ihr verfluchten hajji-Huren, haltet verdammt noch mal das Maul.«
Tom beobachtete Danny. Sein Sohn rutschte auf seinem Sitz hin und her, er wollte widersprechen, aber McKnight legte beruhigend seine Hand auf dessen Arm. Als hätten nicht alle gehört, was Delgado gesagt hatte, wiederholte Richards es noch einmal. Dann fragte er Delgado, was Harker gemacht habe, und |299|Delgado behauptete, Harker habe Danny zweimal aufgefordert, sich zu beruhigen.
»Genau diese Worte hat er benutzt?«
»Ja, Sir. Er sagte: Beruhige dich, Mann. Dann: Um Himmels willen, beruhige dich.«
»Was haben Sie dann gesehen?«
»Lance Corporal Bedford schien noch erregter, und dann befahl er Harker, seine Waffe zu benutzen, und eröffnete das Feuer.«
»Was genau hat er gerufen?«
»Ich glaube: Nimm deine verfluchte Waffe.«
»Nimm deine verfluchte Waffe?«
»Ja, Sir.
»Und anschließend eröffnete er das Feuer?«
»Ja, Sir.«
»Auf Frauen, Kinder und alle, die sich in diesem Hof befanden?«
»Ja, Sir.«
»Und was tat Harker?«
»Er schoss auch, Sir.«
»Konnten Sie erkennen, wer von beiden zuerst geschossen hat?«
»Ja, Sir. Es war mit Bestimmtheit Lance Corporal Bedford.«
Kelly saß zwischen Tom und Gina. Sie schluckte und blickte zu Boden. Gina nahm ihre Hand. Richards hatte nur noch ein paar nebensächliche Fragen, um den Schrecken für alle deutlich zu machen. Danach überließ er den Zeugen der Verteidigung und begab sich zu seinem Platz.
McKnight fing behutsam an, so behutsam, dass Tom sich einen Augenblick fragte, was der Mann vorhatte. Allmählich aber zerstörte er die Glaubwürdigkeit von Delgado.
»Dieses Wort hajji, das Wort, das, wie Sie behaupten, Lance Corporal Bedford so oft benutzt hat, was bedeutet es?«
|300|»Wie ich schon sagte, es ist ein abfälliges Wort für Iraker.«
»Ja, ich habe gehört, was Sie gesagt haben. Aber was bedeutet es wirklich?«
»Ich glaube, man nennt eine Person so, die nach Mekka gepilgert ist.«
»Und das ist eine Beleidigung?«
»Nun ja, nicht wörtlich, aber –«
»Vielleicht nicht. Und ist Lance Corporal Bedford der Einzige, der dieses Wort gebraucht hat?«
»Nein, Sir.«
»Sie haben es auch aus dem Munde anderer gehört?«
»Ja, Sir.«
»Es ist ein Wort, das amerikanische Soldaten im Irak üblicherweise benutzen?«
Richards wollte Einspruch erheben, aber McKnight kam ihm zuvor.
»Ich werde es anders formulieren. Wurde das Wort hajji üblicherweise von Marinesoldaten gesagt, mit denen Sie zu tun hatten?«
»Nein, Sir, ich würde nicht von üblicherweise sprechen.«
»Manchmal, dann?«
»Ich denke schon.«
»Haben Sie es auch benutzt, Sergeant?«
»Nein, Sir.«
»Niemals?«
»Nicht, dass ich mich erinnere, Sir.«
»Sie erinnern sich also nicht, in der fraglichen Nacht, nachdem die Bombe explodiert war …« McKnight rückte seine Brille zurecht und las aus einem Dokument, das er in der Hand hielt, vor: »Lasst uns die hajji-Ärsche zur Strecke bringen. Sie erinnern sich nicht, das gesagt zu haben?«
»Nein, Sir.«
Zum ersten Mal wirkte Delgado nervös. McKnight fuhr fort |301|und focht Delgados Aussage über das an, was in jener Nacht vorgefallen war, was er Danny hatte sagen hören. Danach fragte er ihn, ob er sich möglicherweise verhört oder irgendeine Bemerkung falsch interpretiert habe. Er wollte den Eindruck ausräumen, dass Danny tatsächlich derart außer Kontrolle war, wie Delgado behauptet hatte. Wieso hatte Delgado es als zu unsicher betrachtet, einen derart gereizten Mann das Haus durchsuchen zu lassen, es aber als sicher genug befunden, ihn eine Menschengruppe im Hof bewachen zu lassen? Wie deutlich hatte Delgado das vom Fenster aus gesehen, was er zu sehen behauptet hatte? Hatte er im entscheidenden Moment, bevor sie das Feuer eröffneten, einen Mann beobachtet, der sich nach seiner Krücke bückte?
Diese letzte Frage beantwortete Delgado ohne Zögern mit nein.
McKnight hakte nach. Bei all dem Aufruhr, den jammernden Frauen, dem Gebrüll im Haus, wie konnte er da genau gehört haben, was Danny gerufen hatte? Konnte er sich verhört haben? Konnte er zum Beispiel falsch verstanden haben, was Danny Harker zugerufen hatte, bevor sie schossen? Hatte er vielleicht statt Nimm deine verfluchte Waffe zu rufen, Harker vor dem einbeinigen Mann warnen wollen und gerufen: Er hat eine verfluchte Waffe?
Delgado blieb bei seiner Aussage. Was er gehört und gesehen habe, habe er bereits ausgesagt.
Eine lange Pause entstand.
»Gibt es einen Grund dafür, dass Sie Lance Corporal Bedford nicht mögen?«
»Nicht mögen? Nein, Sir.«
»Aber Freunde waren Sie nicht.«
»Nein, eigentlich nicht.«
»Eigentlich nicht. Am Nachmittag des zehnten Januar, zwei Wochen vor der fraglichen Nacht, belauschten Sie eine Unterredung |302|zwischen Lance Corporal Bedford und dem Private Peters in der Latrine des Stützpunktes. Erinnern Sie sich daran?«
Delgado runzelte die Stirn und grinste, als sei das eine absurde Frage.
»Warum amüsiert Sie meine Frage, Sergeant?«
»Tut es nicht. Ich meine, ich … Nein, Sir. Ich erinnere mich nicht.«
»Eine Unterhaltung, in deren Verlauf Lance Corporal Bedford eine leichtfertige Bemerkung über die Größe Ihres Penis machte?«
»Nein, Sir.«
»Ich werde Ihre Erinnerung ein wenig auffrischen. Es war kurz, nachdem Sie vor diesen beiden Männern über Ihre beeindruckende Fähigkeiten beim Bankdrücken gesprochen hatten.«
»Daran kann ich mich nicht entsinnen.«
»Auch nicht daran, dass Sie bei den Latrinen ungewollt mithörten, wie Lance Corporal Bedford sagte, Sie hätten diese Angeberei nötig, weil Ihr Penis klein sei?«
»Nein, Sir.«
»Ich glaube, der genaue Wortlaut war …« McKnight bezog sich auf das Dokument in seiner Hand. »Er ist nicht größer als eine Eichel.«
Wendell Richards erhob Einspruch. Scrase wies ab, bat McKnight, er solle fortfahren, da er nun sein Argument vorgetragen habe, eine Bemerkung, die im Saal allgemeines Schmunzeln hervorrief.
»Worauf ich hinauswill, Sergeant Delgado, Sie haben Lance Corporal Bedford diese Bemerkung machen hören, und darum haben Sie ihn die folgenden zwei Wochen bis hin zur fraglichen Nacht immer wieder aus geringstem Anlass kritisiert. Ist dem so?«
»Nein, Sir. Dem ist nicht so. So etwas würde ich nie tun.«
»Das würden Sie nicht?«
McKnight wiederholte nun die beiden Anlässe, die Delgado zuvor moniert hatte. Was den ersten Vorwurf betraf, so zeigte sich, dass Danny sehr wohl sein Möglichstes getan hatte, um die Häuser zu sichern. Das Versäumnis, den Bericht pünktlich abzugeben, käme, wie der Sergeant widerwillig zugeben musste, immer wieder vor. Marty Delgado verließ den Zeugenstand und wirkte weit weniger beherrscht als noch zwei Stunden zuvor.
Die Sitzung wurde unterbrochen. Bei Sandwiches und Saft verfolgten Gina, Dutch, Kelly, Danny und Tom die Bilder der Nachrichten auf dem Fernsehbildschirm; wie sie das Gerichtsgebäude betraten und die Fragen der Reporter ignorierten. Die Reporterin fasste den Wortwechsel über den Penis von Sergeant Marty Delgado bis ins Detail zusammen, ohne eine Miene zu verziehen. Tom konnte sich die Heiterkeit im Presseraum lebhaft vorstellen.
Danny sah jetzt besser aus. Das Zucken in seinem Gesicht hatte aufgehört. Tom beobachtete ihn. Sein Sohn saß in einer Ecke mit Kelly, eine Hand auf ihrem Bauch, Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster auf die beiden. Der Anblick weckte eine ferne Erinnerung, Tom wusste sie nicht zu deuten und auch, dass es generell sicherer war, es gar nicht erst zu versuchen.
»Sie ist ein tolles Mädchen.«
Tom wandte sich um. McKnight stand neben ihm. Er kaute an einem Sandwich und musterte die beiden. Tom lächelte und nickte.
»Ja, das ist sie. Sie haben heute Vormittag gute Arbeit geleistet.«
»Es war ganz okay. Die anderen Befragungen werden schwieriger werden.«
»Sie meinen Harker?«
»Hm. Klettern Sie?«
|304|»Sie meinen, Felsen hinauf? Ab und an.«
»Manchmal gibt es keine Felsvorsprünge oder keinen Halt für die Fußspitzen. Man sucht also nach Rissen – einen kleinen Riss, in den man seine Finger stecken kann oder seine Fußspitze. Delgado hatte Risse. Der Nächste wird auch welche haben. Man muss sie nur finden.«