12

 

So unangenehm das Wetter des Planeten auch war, brachten sie die Night Caller dennoch auf die Oberfläche von Xobome 6, um dort ihre Untersuchung durchzuführen. Jesmin Ackbar blieb im Orbit auf Station, um sie bei Ankunft etwaiger Feinde warnen zu können.

Wedge blieb auf der Brücke und sammelte Informationen, während die Gespenster ihre Pflichten so schnell wie möglich erledigten. Wedge konnte sie als undeutliche Silhouetten sehen, die sich zwischen den schaukelnden X-Flüglern bewegten, während der Wind draußen Eispartikel gegen die Brückenfenster peitschte und seine Sicht behinderte. Er war sorgfältig darauf bedacht, dem in den Boden geschmolzenen Loch nicht zu nahe zu kommen. Der Gegenstand, der von dem Loch an die Decke geschweißt worden war, die Überreste eines Mannes, der einmal Captain Zurel Darillian geheißen hatte, hatten sich bei der Landung des Schiffes von der Decke gelöst und waren in den TIE-Hangar gefallen; Falynn Sandskimmer schien es nichts auszumachen, sie zu beseitigen.

Squeaky, der soeben einen Rundgang durch das Schiff beendet hatte, schien von dem, was er gesehen hatte, fasziniert. »Das ist alles so sauber, Sir. Der Kapitän muß mächtig auf Sauberkeit geachtet haben.«

Wedge warf ihm einen zweifelnden Blick zu. »Das ist gewöhnlich das Zeichen eines gestörten Bewußtseins … was hast du bezüglich der strukturellen Modifikationen feststellen können?«

»Da ist ziemlich viel umgebaut worden, Commander. Während die Tantive IV unter dem Brückendeck Luxussuiten eingebaut hatte, hat die Night Caller dieses Deck völlig abgeschafft. Ich nehme an, das ist geschehen, um im Bughangar zusätzlichen Platz für die vier TIE-Jäger zu schaffen. Außerdem hat man den Bug erweitert, die Rumpfpanzerung beiderseits vom Bug reduziert und elektronisches Gerät, das normalerweise dort zwischen den Wänden untergebracht sein sollte, anderswo eingebaut. Der obere Laderaum ist in einen Hangar für Skimmer umgebaut worden. Labors gibt es keine; dort sind die Luxusquartiere.«

Wedge nickte. »Das sieht aber nicht so aus, als ob man das nachträglich umgebaut hätte. Das Schiff ist schon so aus dem Dock gekommen.«

»Da bin ich Ihrer Ansicht, Commander.«

Janson, der an der Waffenkonsole stand, sagte: »Die haben eine ihrer Turbolaserzwillingskanonen im Bug aufgegeben und statt dessen einen Traktorstrahl eingebaut.«

»Das ist doch normal, die meisten Schiffe dieser Größe haben einen Traktor.«

Janson grinste. »Ich meine einen richtigen Traktorstrahl. Etwas, das eher zu einer Fregatte oder einem größeren Kriegsschiff passen würde, nicht bloß eine Einheit, mit der man gerade mal einen Jäger ein wenig durch die Gegend ziehen kann.«

Grinder, der interessiert über eine der Datenkonsolen auf der Brücke gebeugt dastand, rief: »O Commander.« Die Rangbezeichnung klang aus seinem Munde wie der Anfang zu einem Lied. Als er sich aufrichtete und herumdrehte, konnte Wedge sehen, daß der Bothaner seine Zähne in einem Fleischfresserlächeln freigelegt hatte.

»Ja?«

»Piggy ist so schnell zur Brücke vorgestoßen – o, das ist wirklich klasse. Die hatten keine Zeit mehr abzuschalten oder die Speicher zu löschen oder auch nur die primitivsten Sicherheitsmaßnahmen vorzunehmen. Die haben ein imperiales Holonetsystem neuester Bauart, für ein Schiff dieser Größe ein echter Luxus, und die Anlage war heiß – und doch haben sie keine Nachricht mehr absetzen können.«

Wedge sah ihn aus geweiteten Augen an. »Heißt das, daß die Flotte, von der dieses Schiff kam, überhaupt nicht weiß, daß es hier Ärger gegeben hat?«

»Genau das. Ich habe das Einsatzprofil aufgerufen, alle Befehle, den Dienstplan, einfach alles.«

»Und?«

»Das Schiff gehört Zsinj – «

»Das überrascht mich gar nicht.«

»Mich auch nicht. Aber für den Augenblick ist es Admiral Apwar Trigit zugeteilt. Es hat den Auftrag, Minen zu legen, Empionminen, das ist ein Typ, mit dem ich nicht vertraut bin – «

»Fragen Sie Kell. Ich glaube, er hat sie vor ein paar Stunden im Kopf umgebaut.«

»Wird gemacht. Jedenfalls hat die Night Caller den Auftrag, sie auszusetzen und ihre Hyperkommfrequenz nach Meldungen zu überwachen, daß sie ausgelöst worden sind, und Admiral Trigit von den Ergebnissen zu verständigen, wenn sie losgehen.«

»Weiter.«

»Ich habe auch ihren Einsatzplan, hauptsächlich Besuche in bündnisfreien Planetensystemen, um dort zu demonstrieren, daß Zsinj über Muskeln verfügt, und dann auch einige Routinetreffs mit Auftankschiffen. Nach Abschluß dieses Mineneinsatzes sollen sie diesen Zeitplan fortführen.«

»Zeigen Sie ihn mir.«

Grinder rief auf dem Bildschirm eine Liste auf. Wedge las die Liste der Planeten: »Viamarr 4, Xartun, Belthu, M2398, Todirium, Obinipor, Fenion. Können Sie mir den Kurs aufzeichnen?«

»Ich bin Ihnen schon ein gutes Stück voraus.«

»Das scheint wie eine kurze Zusammenfassung meiner jüngsten Kommandotätigkeit zu klingen.« Wedge sah sich die Sternkarte an, die Grinder aufrief. Der Kurs führte durch die Randplaneten außerhalb der augenblicklichen Einflußzone der Neuen Republik. »Und Trigit weiß nicht, daß wir dieses Schiff erobert haben.«

Grinder schüttelte den Kopf, was sein silbernes Fell wie ein Grasfeld wogen ließ. »Sir, er kann das unmöglich wissen.«

Wedge pfiff halblaut vor sich hin, während die ersten Elemente eines Planes in ihm Gestalt annahmen.

 

Die herrschende Kälte verwünschend, torkelten Cubber und Kell gegen die mit Orkanstärke wehenden Winde von Xobome 6 und erreichten schließlich das Heck der Narra.

Genau wie Squeaky es geschildert hatte, fanden sie dort in einer Vertiefung neben dem Hauptschubaggregat des Hauptantriebs ein quaderförmiges Kästchen mit den Dimensionen, die Kell in Erinnerung hatte. Dieses hier war schwarz und paßte sich damit den Komponenten der Antriebseinheit an, die es umgaben.

Die beiden Mechaniker sahen einander an. »Das gehört nicht hierher«, sagte Cubber. »Entfernen wir es.«

»Zuerst wollen wir es scannen, Cubber. Du erinnerst dich doch an meine zusätzliche Aufgabe?«

»O ja, ich warte dort drüben. Hinter dem Felsvorsprung.«

Kell zog das Sensorpack heraus, das Squeaky für ihn vor der Vernichtung des Stützpunkts geborgen hatte. Es war für die Entschärfung von Bomben optimiert, und Kell hoffte, daß es auch in dieser kalten Umgebung funktionieren würde. Er fuhr damit langsam über die Oberfläche des geheimnisvollen Kästchens und beobachtete dabei aufmerksam das Sensordisplay.

Das auf Wärmestrahlung basierende visuelle Display zeigte im Inneren des Kästchens komplizierte elektronische Bauteile, einige von der Art, wie man sie in modernen Kommanlagen benutzte, und nichts von dem Material, wie man es gewöhnlich in Bomben vorfand. Auf der der Shuttleoberfläche zugewandten Seite allerdings schien es eine Art Armatur zu geben.

Er winkte Cubber zu sich heran, packte das Kästchen vorsichtig und zog daran. Es leistete zuerst Widerstand, löste sich aber, sobald er mehr Druck ausübte, von dem Shuttle. Vier mechanische Gliedmaßen, jeweils einen halben Meter lang und in Greifhänden endend, hingen schlaff herunter.

»Ich denke, es ist tot«, sagte Cubber.

»Was wetten wir, daß die Bombe, die die Speicher unserer Droiden gelöscht hat, mit diesem Ding dasselbe gemacht hat?«

»Gar nichts. Gehen wir nach drinnen, wo es warm ist, und sehen nach.«

 

Jesmin blieb auf Orbit in Station; Falynn und Knirps bewachten etwas über fünfzig Offiziere und Mannschaften des Schiffes, die sich jetzt in dem Aufenthaltsraum im Heck drängten. Der Rest versammelte sich in einem kleinen Besprechungsraum, der sich an die Kapitänskajüte anschloß.

»Zunächst«, begann Wedge, »möchte ich denjenigen mein Lob aussprechen, die den Hauptanteil an der Eroberung der Night Caller hatten. Piggy, Face, Kell – hervorragende Arbeit.«

Allgemeiner Applaus folgte darauf, und dann fragte Piggy: »Darf ich das Schiff behalten?«

»Wenn Sie damit meinen als persönlicher Besitz, dann eindeutig nein. Aber wenn Sie das Kommando behalten wollen, dann wäre die Antwort vermutlich ja.«

Piggy sah ihn verblüfft an. »Das sollte ein Witz sein.«

»Nun, in der imperialen Marine oder der corellianischen Flotte wäre die Frage vermutlich ein Witz gewesen und an vielen anderen Stellen auch, aber in der Flotte der Neuen Republik ist sie tatsächlich ganz vernünftig. Das liegt daran, weil viele unserer Traditionen noch in den Piratenzeiten zu Anfang der Allianz wurzeln. Noch interessiert?«

Piggy nickte stumm. Verwirrung und Überraschung mischten sich in seinen Zügen.

»Sie müßten dann als erstes einen formlosen Antrag an das Flottenkommando schicken, Ihnen das Kommando über die Night Caller zu übertragen. Dann müßten Sie formell die Versetzung aus dem Sternenjägerkorps ins Flottenkommando beantragen. Ich hätte kaum eine andere Wahl, als Ihren Antrag zu genehmigen, und die Marine würde Sie mit fast hundertprozentiger Sicherheit akzeptieren. Man hält dort sehr viel von Offizieren, die Schiffe kapern, die man zur Flotte hinzufügen kann.

Anschließend würden Sie einen Schnellkurs in Marinetraditionen und der Führung kapitaler Schiffe bekommen und zum Lieutenant der Marine befördert werden … Und gleichzeitig eine provisorische Beförderung zum Kapitän erhalten. Wegen Ihres Mangels an Erfahrung würde man Ihnen in den ersten drei Monaten sehr einfache Einsätze zuweisen – beispielsweise Geleitschutz für Schiffskonvois mit nicht kriegswichtigen Gütern. Und allmählich – ich bin sicher, im Laufe eines Jahres – würde man Ihre Fähigkeiten erkennen und anfangen, Ihnen kritischere Einsätze anzuvertrauen und Ihre provisorische Beförderung bestätigen.

Aber lassen Sie mich hinzufügen, daß es nach meiner persönlichen Ansicht wirklich jammerschade wäre, einen vielversprechenden Jägerpiloten wie Sie zu einem Schlepperfahrer zu machen. Aber ich muß natürlich zugeben, daß da ein unverbesserlicher X-Flügler Jockey spricht.«

Janson lachte bellend, aber Wedge schien das überhaupt nicht zu hören, sondern fuhr fort: »Also, wie steht es, Piggy? Ein Kapitän in der Navy innerhalb eines Jahres? Immer noch interessiert?«

Piggy schwieg einen Augenblick und schüttelte dann langsam den Kopf. »Vielleicht bin ich ein Egoist. Aber alle erinnern sich an Lando Calrissian und Wedge Antilles und ihre Taten bei Endor. Aber wer erinnert sich an den Namen des Kapitäns oder des Kanoniers der Home One in derselben Schlacht?«

Wedge lächelte. »Ich zum Beispiel. Aber ich weiß schon, was Sie meinen. Und ich weiß es zu schätzen, daß Sie bei uns bleiben wollen.« Er wandte sich wieder den anderen zu. »Also schön. Zurück zur Night Caller und unserer augenblicklichen Lage. Cubber, Treibstoff?«

»Gut. Die Tanks der Night Caller waren fast voll, und das Schiff verfügt über Auftankvorrichtungen. Ich habe schon genug abgezapft, um die Narra und sämtliche X-Flügler mit Ausnahme der Maschine von Jesmin Ackbar nachzutanken.«

»Sobald wir hier fertig sind, lasse ich sie herunterkommen und schicke Myn hinauf. Dann können Sie sie auch auftanken.«

Jesmins Stimme kam aus der Sprechanlage auf dem Tisch. »Vielen Dank, Sir.«

»Oh – habe ganz vergessen, daß Sie zuhören. Grinder, haben Sie die Navigationsdaten überspielt?«

Der Bothaner nickte. »Wir können jederzeit aus dem System springen.«

»Phanan, wie sieht es bei Ihnen aus?«

Ton Phanan wirkte nicht mehr so blaß, wie das im Orbit der Fall gewesen war, aber noch genauso unglücklich. »Die haben meinen X-Flügler in Stücke geschossen.«

»Ich meine, Sie persönlich, Ihren physischen Zustand.«

»Oh. Soweit es meine natürlichen Körperteile angeht, waren die Schäden eher oberflächlich. Jedenfalls habe ich diesmal weder Gliedmaßen noch Organe verloren, und das ist doch recht angenehm, das kann ich Ihnen versichern. Aber die Schäden an den prothetischen Teilen sind noch nicht alle behoben. Mein linkes Bein erhält nicht die korrekten neuralen Inputs und hängt ein wenig nach, und meine rechte Hand funktioniert einigermaßen, aber wenn ich mit einem Datapad arbeite, gibt es irgendwelche Kriechströme, und dann spielt alles verrückt.« Phanan fuchtelte mit der Hand herum. Sie sah normalerweise wie eine ganz gewöhnliche Hand aus, aber jetzt zuckte sie ständig, und der Ringfinger bewegte sich wie von selbst, und hie und da ging eine Art Wellenbewegung über den Handrücken – ein unheimlicher Anblick. Phanan schien das Phänomen nicht zu stören. »Aber wenn ich noch ein wenig an den Schiffscomputern arbeite, sollte ich das schon wieder in Ordnung bekommen.«

»Cubber, Kell. Das Kästchen am Shuttle?«

Kell zuckte die Achseln. »Mit gelöschtem Gedächtnisspeicher ist das natürlich schwer zu sagen, aber ich nehme an, daß es sich dabei um eine Art parasitäres Kommunikationsgerät gehandelt hat. Es ist beweglich und mit einer Tarnschicht versehen und kann seine Farbe ändern, je nachdem, an welchem Fahrzeug es befestigt ist. Es verfügt auch über eine sehr schwache, sehr eingeschränkte Hyperkommfähigkeit … aber ich muß noch einmal sagen, jetzt, wo sein Speicher gelöscht ist, kann ich nicht feststellen, wohin es gesendet hat. Ich vermute, daß es von Schiff zu Schiff ging und gelegentlich seine augenblickliche Position an denjenigen übermittelt hat, der es ausgeschickt hat.«

Grinder schaltete sich ein: »Was natürlich ohne Belang ist, wenn es nur ein solches Ding gibt … aber äußerst wichtig, wenn die Hunderte oder Tausende bauen könnten. Auf diese Weise könnten sie eine ganze Landkarte von Anomalienhits aufbauen und alles mögliche herausbekommen. Schmugglerstützpunkte. Tiefraumtreffpunkte.«

»Und versteckte Allianzstützpunkte«, fügte Wedge hinzu. »Jesmin, tragen Sie das in dem Bericht nach, den wir ans Oberkommando schicken. Empfehlung an alle Schiffe …«

»Verstanden.«

Wedge sah auf den nächsten Punkt auf seiner Liste. »Also gut. Wir haben im Namen von Captain Darillian einen Bericht gefälscht, natürlich mit allen vorgeschriebenen Sicherheitschecks, und darin erklärt, daß er in dieses System gesprungen ist, den verlassenen X-Flügler gefunden und angenommen hat, daß der Pilot mit dem Schleudersitz ausgestiegen war, und deshalb einen Bergungstrupp ausgesandt hatte – und daß der X-Flügler dann in die Luft geflogen ist. Irgendeine Gemeinheit des ursprünglichen Piloten. Den Bericht haben wir abgeschickt. Wir hoffen, daß wir damit weitere Nachforschungen hinsichtlich des Xobomesystems abwenden können. Und jetzt werden wir uns ein wenig Zeit lassen und Sie abwechselnd auf Wache schicken, aber auch jedem Gelegenheit zum Ausruhen geben. Wenn wir alle das Gefühl haben, wiederhergestellt zu sein, starten wir.«

»Flaute, wir kommen«, sagte Kell.

»Nein, Mr. Tainer. Nicht Flaute. Zuerst werden wir drei unterschiedliche unbewohnte Systeme aufsuchen, um dort drei nicht explodierte Empionminen zu bergen. Anschließend fliegen wir in das Viamarrsystem.«

Kell runzelte sichtlich verwirrt die Stirn. »Aber wenn ich fragen darf, Sir – «

»Warum diese Planänderung? Weil das der Routenplan der Night Caller ist. Ladies, Gentlemen, ich handle aus eigener Initiative und schicke ein Ersuchen an das Oberkommando, meinen neuen Plan zu genehmigen. Und dieser Plan ist folgender: Wir sind soeben Mannschaftsmitglieder in der Flotte von Warlord Zsinj geworden, und wir werden das tun, was er uns auftragt, bis sich uns eine Gelegenheit bietet, einen Schlag gegen ihn zu führen.«

 

Kell kam mit dem schwarzen Jumpsuit eines TIE-Jägerpiloten aus seinem provisorischen Quartier – glücklicherweise war der Anzug groß genug für ihn gewesen – und trocknete sich das Haar.

In der Night Caller herrschte gespenstische Stille. Sie befanden sich immer noch auf dem Boden, also war da kein Zittern von den Maschinen zu verspüren, und das Schiff war massiv genug, um den Winden auf Xobome 6 Widerstand leisten zu können. Da sich der größte Teil der alten Mannschaft unter Bewachung in dem Aufenthaltsraum im Heck befand, und die Gespensterstaffel sich über das restliche Schiff verteilt hatte, gab es kaum Geräusche zu hören.

Er ging durch den Hauptkorridor, der durch das ganze Schiff verlief, nach vorn in Richtung auf die Brücke. Als er die Bugpartie fast erreicht hatte, hörte er aus einem Treppenschacht an der Backbordseite Stimmen.

Er ging ihnen nach. Auf Deck Eins fand er sich plötzlich vor der Kommunikationszentrale des Schiffes, einem kleinen Raum mit Kommunikationsgeräten, die alle Wände bedeckten.

Jesmin und Face saßen dort, und dann war da noch ein weiterer Mann – genauer gesagt ein Hologramm. Der Mann, dünn, glatt rasiert, mit einem Raubvogelgesicht, trug eine schneidig wirkende schwarze Uniform mit den Rangabzeichen eines imperialen Kapitäns. Er saß auf einem beeindruckenden Kommandosessel und unterstrich seine Worte mit theatralischen Gesten. »Man hat uns den Auftrag erteilt«, sagte er, »das Netz zu weben, das alle Rebellen erfassen wird, die das Glück hatten, der Vernichtung des Stützpunktes auf Folor zu entkommen und zu fliehen. Unser Auftrag: Empionbomben entlang der vier wahrscheinlichsten Fluchtrouten zu legen und dann im astrographischen Zentrum dieser Anordnung zu warten, um irgendwelche bedauernswerten Insekten zu schnappen, die in unsere Falle gehen.« Er beugte sich vor, und seine Augen funkelten. »Persönlich hoffe ich, daß einige der Geflohenen genug Zeit haben, Reparaturen vorzunehmen, bis sie in unsere Nähe kommen. Ich könnte wirklich einen Kampf gebrauchen.«

Die Gespenster lachten brüllend. Jesmin drückte einen Knopf auf der Hauptkonsole, und das Bild des Kapitäns erstarrte. Sein Gesichtsausdruck machte den Eindruck, als habe er die Betrachter mit seiner kleinen Enthüllung in ein wichtiges Geheimnis eingeweiht.

»Was ist das?« fragte Kell.

Face lehnte sich zurück und streckte sich. »Das ist unsere ehemalige Deckendekoration, Captain Zurel Darillian. Offensichtlich hat er das Log des Schiffes in vollem Holo geführt.«

»Er war eben von sich überzeugt.« Kell schüttelte den Kopf. »Das muß ja unheimliche Speichermengen beanspruchen.«

»Das Ego oder die Grafikdateien?« fragte Face.

Jesmin warf Face einen tadelnden Blick zu und nickte dann Kell zu. »O ja, das tut es ganz bestimmt. Aber ich dachte, wo Face doch Schauspieler ist, sollte er wirklich die darstellerische Leistung dieses Mannes zu sehen bekommen. Ich habe noch selten etwas so Aufgeblasenes, Selbstzufriedenes … Abstoßendes gesehen.«

»Oh, ich schon«, sagte Face. »Ich habe einmal auf Ysanne Isards Schoß gesessen.«

Kell und Jesmin starrten ihn an. »Du machst dich über uns lustig!« rief Kell dann.

»O nein, das tue ich nicht. Damals war gerade Siegen oder Sterben im ganzen Imperium zur Aufführung gekommen. Ich spielte einen kleinen Jungen, den Sohn zweier Patrizier der Alten Republik, und ich weiß, daß das Imperium die wahre Zukunft ist, und versuche, mit dem neuen Imperator zu entfliehen. Aber mein Dad sieht das anders und schießt von hinten auf mich, und ich sterbe in den Armen des Imperators und flehe ihn an, endlich den Rest der Galaxis zu erobern, damit man das Böse, wie es von meinen Eltern verkörpert wird, ein für allemal ausrotten kann…«

Jesmin lachte laut auf und hielt sich dann beide Hände über den Mund, während sie immer noch von Gelächter geschüttelt wurde. Als sie sich schließlich wieder unter Kontrolle hatte, sagte sie: »Face, das ist ja schrecklich.«

Face grinste. »Das war die alte Propagandamaschine. Man hat mich nach Imperial Center geschickt, ich meine nach Coruscant, um dort dem Imperator vorgestellt zu werden. Aber er war abberufen worden, weil es irgendwo ein Problem gab. Später hörte ich, er hatte gerade einen der ersten Berichte erhalten, in dem ihm geschildert wurde, wie gut die Allianz inzwischen organisiert war, und war deshalb nicht sonderlich gut gestimmt. Also brachte man mich statt dessen zu Ysanne Isard, und sie hat mich auf ihren Schoß gesetzt und mir gesagt, was für ein braver Junge ich doch sei.«

Kell war jetzt endlich damit fertig, sein Haar zu frottieren, und hängte sich sein Handtuch über die Schulter. »Und wie war das?«

»So ähnlich, wie wenn man von einem giftigen Reptil gestreichelt wird, das in der Maske eines Menschen steckt, nur nicht ganz so behaglich.« Face schauderte. »Es war wirklich ein schwerer Schlag für mich zu erfahren, nachdem ich in die Streitkräfte der Neuen Republik eingetreten war, daß die Sonderstaffel Isard getötet hatte – weil das nämlich hieß, daß ich dazu keine Gelegenheit mehr bekommen würde. Jedenfalls ist Captain Darillian im Vergleich mit ihr ein Nichts. Ein armseliger Knirps, der einen Minenleger für einen Warlord gesteuert hatte und damit das Höchstmaß seiner Leistung erreicht hat und am Ende von der Decke gekratzt werden mußte.«

Jesmin wandte sich wieder Kell zu. »Du solltest zusehen, daß du fertig wirst, Kell. Wir starten in einer halben Stunde.«

»Und wie soll das vor sich gehen? Ich meine, wo die meisten von uns doch zu den X-Flüglern zurückkehren. Wer wird da die Night Caller steuern, und wer wird sich um die Gefangenen kümmern?«

»Wir haben vier X-Flügler in dem Hangar oben gelandet und sie praktisch übereinander festgezurrt, damit sie hineinpaßten«, sagte Jesmin. »Und die Narra ist an die Korvette angedockt. Commander Antilles wird die Korvette steuern – er hat gesagt, er hätte früher einmal corellianische Frachter geflogen, und Phanan, Face, Grinder, Squeaky, Cubber und ich werden an Bord sein.« Ihre Stimme klang jetzt zuckersüß und unecht. »Ich denke, wir werden das schon schaffen.«

»Nun … meinetwegen. Meine Erlaubnis habt ihr.« Kell überlegte. »Sag mal, da wir ja Nachrichten an Warlord Zsinj schicken, wie wäre es denn, wenn wir ihn im Holonet anpeilen würden und auf die Weise herausbekommen, wo er ist?«

»Face hat dieselbe Frage gestellt«, sagte Jesmin. »Und das wäre auch wirklich ganz einfach, wenn wir auf die übliche Weise mit ihm kommunizieren würden. Aber die Night Caller benutzt für ihre Berichte nicht das Holonet. Wir haben Anweisung, auf spezifisch festgelegten Kursen Hyperkommsendungen abzusetzen.«

»Und das bedeutet, daß Zsinjs Schiff oder vielleicht auch nur Relaissatelliten irgendwo auf einem dieser Kurse sein können … und das kann Hunderte oder Tausende von Lichtjahren Unterschied bedeuten.«

Jesmin nickte.

»Deshalb bin ich Sprengkommando und nicht Kommunikation. Es ist viel einfacher, Sachen in die Luft zu jagen.« Kell vollführte eine übertriebene Ehrenbezeigung und ging.

In dem Korridor, der zu seinem provisorischen Quartier führte, sah Kell Wes Janson kommen. Die beiden Männer gingen wortlos, jeder angestrengt zu Boden blickend, aneinander vorbei.

Als er zu seinem Quartier kam, wäre er beinahe mit Donos zusammengestoßen, der aus der Kabine daneben kam. »Myn, wie geht es Shiner?«

Donos wirkte ausgeruht und ungewöhnlich gutgelaunt. »Shiner? Dem geht es gut. Warum?«

»Nun, neulich schienst du sehr besorgt um ihn, und da dachte ich, ob er vielleicht irgendwelche Schäden davongetragen hat, die ich reparieren kann.«

Donos schüttelte den Kopf. »Nein. Ich, äh, wir haben nur …« Er blieb kurz stehen und machte den Eindruck, als würde er seine Gedanken ordnen. »Kell, wir lassen sie immer draußen im harten Vakuum hängen. Ich bin eigentlich der Meinung, daß wir sie schützen sollten.«

»Richtig.« Kell versuchte, die Antwort mit Donos’ Verhalten vor ein paar Stunden in Einklang zu bringen, schaffte es aber nicht. »Also, ich bin jedenfalls froh, daß es ihm gutgeht.« Er schob seine Tür auf, trat in sein Quartier und ließ den äußerst unkommunikativen Lieutenant einfach stehen.

 

Sie brauchten beinahe zwei Tage dazu, die drei nicht detonierten Empionminen zu finden und sie im Bauch der Night Caller zu verwahren. Die X-Flügler-Piloten waren schichtweise im Einsatz, so daß jeder etwa gleich viel Schlaf bekam. Kell empfahl Wedge diverse Veränderungen und bekam einige Schichten auf der Korvette zugeteilt, in denen er und Cubber sie in die Tat umsetzten.

Sie schweißten Metallplatten etwa von der Größe der Solarflügel von TIE-Jägern zwischen die Fluchtkapseln, die an den Flanken der Korvette befestigt waren. Sie verstauten zwei der ballförmigen Fluchtkapseln im Laderaum im Rumpf und strichen die anderen mit derselben dunklen imperialen Farbe wie die TIE-Jäger. Anschließend flog Wedge persönlich die zwei verbliebenen TIE-Jäger nach draußen und dockte sie an den leeren Luken der Fluchtkapseln an. Das Endergebnis war, daß die TIE-Jäger, wenn man nicht ganz genau hinsah, wie Fluchtkapseln aussahen – und im übrigen schneller und sicherer gestartet werden konnten als aus dem Hangar im Bug.

Jetzt, wo die TIE-Jäger entfernt waren, konnten Kell und Cubber die Gestelle abmontieren, die man dort für sie angebracht hatte. Das so gewonnene Metall und weitere Teile aus dem Laderaum im Bauch des Schiffes benutzten sie dazu, neue Stützen und Schienen zu bauen, insgesamt drei Reihen, eine über der anderen, die alle ganz hinten im Hangar angebracht wurden.

Es würde einige Pilotenkunst erfordern, aber ein X-Flügler konnte jetzt mit Repulsorlifts rückwärts in den Raum am Bug einfliegen und sich dann von einem Mannschaftsmitglied zu Schienen leiten lassen, die für ihre Angriffsflügel gebaut waren. Sobald sie dann das Ende der Schienen erreicht hatten, konnte man sie mit heruntergelassenen Klammern sichern.

Damit verfügten sie über eine Anordnung von drei mal drei X-Flüglern, deren Angriffsflügel einander leicht überlappten. Sobald sich die Bugtore öffneten, konnten die X-Flügler von ihrer Säule in der Mitte aus blitzschnell und in relativer Sicherheit gestartet werden; aber die Leitschienen würden sicherstellen, daß es dabei nicht zu Unfällen kam.

Mit neuen X-Flüglern im Bughangar und zwei weiteren in dem Hangar oben konnte die Night Caller jetzt elf X-Flügler und zwei TIE-Jäger tragen.

Cubber kicherte und rieb sich die Hände. »Mehr als eine Staffel, und das nur infolge überlegener Ingenieurskunst.«

»Gar nicht schlecht«, sagte Wedge. »Gar nicht schlecht.«

Er griff nach dem nächsten Träger und drückte dagegen, schaffte es aber nicht, ihn zu bewegen. Er lächelte. Die Night Caller war einsatzbereit.