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Borleias

 

Commander Eldo Davip, Kapitän der Lusankya, des größten Schiffs der Neuen Republik, das an der Verteidigung von Borleias beteiligt war, nahm den Turbolift hinunter zur Achse.

Die Achse war ein Flur, der mitten durch den Supersternzerstörer verlief, vom Heck bis zum Bug. Es war kein Fußgängerflur; in dem achteckigen Gang gab es einen Transporter unter der Decke, der auch schwerere Ausrüstung tragen konnte. Der Flur war weit genug, dass geschickte Piloten dort mit zwei X-Flüglern Flügel an Flügel hätten hindurchfliegen können.

Der Turbolift wurde langsamer, und Davip setzte eine dunkle Brille auf. Als die Tür sich öffnete, erwies sich diese Vorsichtsmaßnahme als sehr angemessen; direkt vor ihm schweißten Mechaniker einen weiteren Teil an die Vorrichtung, die nun die vorderen Teile der Achse füllte und den Gang in Richtung Bug blockierte.

Die Hülse der Vorrichtung bestand aus meterdicken Metallplatten. Jeder Teil dieser Hülse war hundert Meter lang und an beiden Enden offen, wobei das Bugende ein wenig schmaler war als das Heckende und gestattete, dass die Einzelplatten einander überlappten. Die Mechaniker schweißten sie an diesen Stellen aneinander.

In dieser Hülse befanden sich Metallkabel, die auf kunstvolle Weise durch feste Metallringe geflochten waren. Das Muster der Kabel und ihre sorgfältig überwachte Spannung sollten nicht nur helfen, die Hülse über die gesamte Länge gerade zu halten; sobald die Kabel an Ort und Stelle waren, wurden Behälter von der Größe von Frachtcontainern dazwischen angebracht und mit Kabeln befestigt, und dann brachten Spezialisten Instrumente an und stimmten sie sorgfältig aufeinander ab.

Das Ganze erstreckte sich über ein Drittel der Länge der Lusankya und war in diesem riesigen Schacht verborgen. Keiner der außergewöhnlichen visuellen Sensoren der Vong konnte feststellen, dass diese Vorrichtung hier hergestellt wurde, und keiner ihrer Strategen würde ahnen können, wozu das Ding gedacht war.

Davip seufzte. Die Benutzung dieses Gegenstands würde seinem prestigeträchtigen Kommando ein Ende machen. Aber Prestige würde nicht zählen, wenn die Yuuzhan Vong siegten, also überwachte er weiterhin den Bau der Vorrichtung und hoffte, dass alles gut gehen würde.

 

Auf dem Planeten drunten, im zweiten Stock des Biotikgebäudes, setzte Captain Yakown Reth sein Essenstablett mit lautem Klappern auf einen Tisch und ließ sich schwer auf die Bank davor fallen. Er versuchte nicht einmal zu verbergen, wie verärgert er war.

Ihm gegenüber strich Leutnant Diss Ti’wyn, der in Reths Staffel als Schwarzmond Zwei flog, sein Fell glatt, das sich plötzlich an seinem Hals gesträubt hatte. Diss, ein Bothan mit braunem und goldenem Fell, war sowohl nach bothanischen als auch menschlichen Maßstäben ungewöhnlich attraktiv und erhielt in gesellschaftlichen Situationen beneidenswert viel Aufmerksamkeit. »Was ist denn in deinen Overall gekrochen und hat dich in den Hintern gestochen?«, fragte er.

Reth schnaubte, wider Willen amüsiert. »Wir haben hier auf Borleias ein echtes Problem.«

Ti’wyn starrte ihn an. »Tatsächlich? Ich dachte, wir sind dabei zu gewinnen.«

»Hör auf mit den Witzen. Ich meine, es gibt noch Schlimmeres als zahlenmäßig unterlegen, belagert und zum Untergang verurteilt zu sein.«

»Oh.« Ti’wyn schnitt sich ein Stück von einer einheimischen Zinnfrucht ab und steckte es in den Mund. »Also erzähl schon.«

»Sprich nicht mit vollem Mund. Nein, Diss, das hier ist kein Witz.« Er senkte die Stimme, sodass man ihn am nächsten Tisch nicht verstehen konnte. »Ich denke, wir haben auf der Kommandoebene ein echtes Problem.«

»General Antilles? Er hat einen großartigen Ruf.«

»Hör mir zu. Du weißt, wer die Lusankya befehligt.«

»Eldo Davip.«

»Ein Versager ersten Ranges.«

»Ja, in Ordnung … aber bei dem großen Yuuzhan-Vong-Angriff vor ein paar Wochen hat er sich ziemlich gut geschlagen.«

»Das war Zufall, da bin ich sicher. Jedenfalls hat Ninora Birt einen Shuttle zur Reparaturstation der Lusankya eskortiert. Sie sagte, dass die Reparaturen nicht gut vonstatten gingen. Ganze Turbolaserbänke und Ionengeschützbatterien waren immer noch nicht funktionsfähig. Ich dachte nicht, dass die Lusankya beim letzten Einsatz so viele Treffer abbekommen hat. Wusstest du das?«

»Nein.«

»Was auf kolossale Fehlentscheidungen aufseiten von Commander Davip hinweist, von denen General Antilles entweder nichts weiß oder die er nicht korrigiert, was wiederum nichts Gutes über seine Fähigkeiten sagt.«

Ti’wyn zuckte die Achseln, aber er schaute nicht mehr so fröhlich drein.

»Und das ist erst der Anfang. Erinnerst du dich daran, als der Beirat hier vorbeigekommen ist?«

»Das war alles sehr geheim. Sie hatten eine kurze Besprechung mit Antilles und seinem Generalstab und haben sich dann wieder davongemacht.«

»Ein Mechaniker, der gerade zur Schwarzmond-Staffel versetzt wurde, war im Flur, als sie gingen. Er sagt, Berater Pwoe hätte vor Wut nur so gekocht. Pwoe sagte, dass Antilles sich geweigert habe, das Kommando auf Borleias zu übernehmen, und erst nachgab, nachdem er Forderungen an den Rat gestellt hatte.«

»Welche Forderungen?«

»Ich weiß nicht. Was würdest du denn verlangen?«

»Eine Yacht, lebenslangen Zugang zur Errant Venture …«

Reth schnitt die Wurst, die auf seinem Teller in Gewürzsoße schwamm. Das würde ihn ebenso wie dieses Gespräch seinen Appetit kosten. »Hör auf mit dem Blödsinn. Und dann ist da diese Jaina-Solo-Sache.«

Ti’wyn nickte zustimmend. »Wenn wir nur noch ein einziges Mal kreisen müssen, nur weil ihre Staffel als Erste landen darf …«

»Sie und ihre Piloten erhalten in jeder erdenklichen Weise eine Sonderbehandlung. Sie haben den ersten Zugriff auf Ersatzteile, den ersten Zugriff auf Bacta, volle Protonentorpedobestückung, sofortige Reparaturen an Sternjägern und Astromechs … Hast du je einen von ihnen hier essen sehen?« Reth zeigte auf die anderen in der Messehalle, in der die Tische dicht an dicht standen und ein gewaltiger Lärmpegel herrschte.

»Nein.«

»Sie haben ihren eigenen Aufenthaltsraum, und es heißt, sie haben ihren eigenen Küchenchef von der Rebel Dream

»Dem alten Schiff ihrer Mutter.«

»Dem alten Schiff ihrer Mutter. Die Zwillingssonnen-Staffel hat nichts getan, was die Schwarzmond-Staffel nicht auch getan hätte, sie können nichts, was wir nicht auch können, außer mit dem Namen wichtiger Eltern prahlen.«

»Immer mit der Ruhe, Yak. Es muss politische Gründe für diese Sache geben. Mit Politik funktioniert nichts richtig … aber ohne Politik funktioniert überhaupt nichts.«

Reth nickte widerwillig. »Aber es wird immer mehr, und das lässt mich wirklich Antilles’ Qualifikationen bezweifeln.«

»Leise, Mann! Du klingst wie ein Meuterer in Ausbildung.«

Reth bedachte seinen Stellvertreter mit einem breiten Grinsen. »Nein, das ist es nicht. Ich versuche nur rauszufinden, ob ich meine Versetzung beantragen soll, zu einer Staffel bei einer der anderen Flottengruppen. Ich bin noch nicht sicher, was ich tun werde. Wenn du irgendwas über die Dinge hörst, von denen ich gesprochen habe … na ja, du wirst die Ohren offen halten, nicht wahr?«

Ti’wyn wackelte mit seinen spitzen, übergroßen Bothanohren. »Mach ich doch immer.«

 

Transportschiff Fu’ulanh, im Orbit um Coruscant

 

In die weiten Falten ihrer Umhanghaut gehüllt, folgte die Gestalterin Nen Yim dem Kriegsmeister Tsavong Lah hinaus auf die Ganadote-Zunge. Sie befahl ihrem Kopfputz, sich ruhig zu verhalten, damit er Beobachtern nicht verriet, welcher Kaste sie angehörte.

Ganadoten waren immobile Geschöpfe. Sie kamen als flache, lang gezogene Muschel von etwa fünf Schritten Länge und Breite, einen Schritt hoch, zur Welt, und waren kaum weniger als ein Maul, ein Anus, ein Verbindungsgang zwischen beiden mit Öffnungen in seitlich liegende Magenkammern und eine Zunge.

Aber wenn sie herangewachsen und entsprechend ausgebildet waren, gaben sie hervorragende Eingangsrampen und Logen ab. Sie wurden von Dienern gefüttert, die Schnittkäferpanzer und anderen nahrhaften Abfall brachten und ihn direkt in die Magenventile der Ganadoten kippten, und mithilfe von Hormonen, die ihre Dimensionen änderten, konnten Ganadoten Vorräume mit Kuppeldecke oder in Kugelform bilden. Das Gewebe, das ihren Darmtrakt von innen überzog, war wunderbar durchscheinend, und eine angemessene Diät sorgte dafür, dass Ausscheidungen nur selten stattfanden.

Aber es war die Zunge, die ein Ganadote zu einem solch reizvollen architektonischen Geschöpf machte. Wenn ein Ganadote entsprechend ausgebildet war, konnte man auf diese Zunge hinaustreten und es durch Gewichtsverlagerung dazu bringen, sie auszustrecken, zu heben oder zu senken.

Und genau das tat Tsavong Lah nun. Sobald Nen Yim an der richtigen Stelle stand, veranlasste er die Ganadote-Zunge, sich über die große Kammer im Herzen seines lebenden Schiffs zu erstrecken, über die Menge hinweg, bis kurz vor die faserigen Blätter, die den Ausgang an der gegenüberliegenden Seite blockierten.

Tsavong Lah hob die Hände und warf den Umhang über die Schultern zurück. »Priester und Gestalter, Anbeter des Großen Gottes Yun-Yuuzhan, ich grüße euch und heiße euch willkommen. Bald schon werdet ihr von hier zum nahe gelegenen Borleias gebracht werden, wo mein Vater, Czulkang Lah, die Ungläubigen in die Verzweiflung und zur Niederlage treibt.«

Die Zuhörer, vielleicht dreißig, nach Kasten gleichmäßig verteilt zwischen Gestaltern und Priestern von Yun-Yuuzhan, erhoben die Stimmen zu Lauten der Anerkennung und Freude.

Nen Yim konnte viele Gesichter erkennen, darunter auch das des Gestalters Ghithra Dal, den sie des Verrats bezichtigt hatte, und das von Takhaff Uul, des Priesters, der sich in diesen letzten Wochen beinahe ständig, wenn auch insgeheim, in Ghithra Dals Nähe aufgehalten hatte.

»Wie ihr wisst«, sagte Tsavong Lah, »werdet ihr euch nach Borleias begeben, um den Planeten in Besitz zu nehmen, sobald er in unsere Hände fällt. Dieser grüne, üppige Planet, den die Ungläubigen kaum berührt haben, wird eure Belohnung für den Dienst an den Göttern und an den Yuuzhan Vong darstellen. Die Hälfte wird eine Domäne der Priester werden, die andere Hälfte soll den Gestaltern gehören, alle vereint in der Anbetung von Yun-Yuuzhan. Um diesen Planeten zu beanspruchen, braucht ihr dann nur noch eure mächtigen Tempel und eure wunderbar gearbeiteten Domänen zu errichten.

Leider werden Sie dabei versagen.«

Und nun begann die Rache des Kriegsmeisters, ausgedrückt in wenigen ruhig ausgesprochenen Worten.

Die Menge wurde still, und viele wandten sich einander zu und begannen aufgeregt miteinander zu sprechen.

»Ich freue mich darauf, jeden Tag zu erwachen, ohne den Geruch der Krankheit, der Verwesung meines eigenen Arms riechen zu müssen. Ich freue mich darauf, jeden Morgen in dem sicheren Wissen aufzustehen, dass ich den Göttern nicht missfallen habe − nur ein paar abtrünnigen Priestern und Gestaltern, die es gewagt haben, ihren Willen als den der Götter auszugeben.« Tsavong Lahs Stimme wurde dröhnend laut, und dann sah Nen Yim, wie sein breiter Rücken von der Emotion in seinen Worten zitterte. »Ich freue mich darauf zu wissen, dass jene, die zurückblieben, einig sind in ihrem Hass auf die Ungläubigen und sich nicht nur von ihrer Gier nach dem treiben lassen, was sie auf Kosten anderer erhalten können. Ich freue mich zu wissen, dass ihr bald nicht mehr hier sein werdet.«

»Nein, Kriegsmeister.« Das war die Stimme des Priesters Takhaff Uul, jung für seine Stellung und ehrgeizig weit über seine Jahre hinaus. »Es gab keinen solchen Verrat. So etwas dürfen Sie nicht denken. Nur in wahrem Dienst für Yun-Yuuzhan können Sie Ihren Arm, können Sie sich selbst davor retten, ein Beschämter zu werden.«

»Es gibt einige unter uns, die behaupten, Vertrauen sei eine Glaubensangelegenheit«, erwiderte Tsavong Lah. »Ich sage, Vertrauen ist eine Sache des Wissens, der Beobachtung. Finde jemanden, der vertrauenswürdig ist, und dann vertraue. Finde jemanden, der es nicht ist, und es gibt kein Vertrauen. Aber ich gebe euch eine Gelegenheit, euer Leben zu behalten. Takhaff Uul, vertraut Ihr unseren Göttern?«

Der junge Priester rief zu ihm hinauf: »Ja, Kriegsmeister.«

»Vertrauen die Götter Euch

»Was? Ich verstehe nicht.«

»Wenn die Götter Euch vertrauen, wenn sie darauf vertrauen, dass Eure Motive echt sind, wenn Ihr darauf vertraut, dass Ihr nur die Ehre der Götter und nicht Eure eigene im Sinn habt, bin ich sicher, dass sie Euch retten werden. Vor dem hier.« Er hob seinen Radankklauen-Arm und zeigte mit der Schere auf die riesigen Blätter, die den gegenüberliegenden Ausgang bedeckten.

Das war Nen Yims Stichwort. Unter ihrem Gewand strich sie über eine winzige Verwandte dieser gewaltigen Pflanze und veranlasste sie zu handeln. Die Pflanze tat es: Sie rollte die Blätter zu Röhren zusammen.

Das tat auch die Pflanze an der Tür, und so entstand eine dunkle Öffnung in der Wand dort, viermal so hoch wie ein Yuuzhan-Vong-Krieger, viermal so breit.

Ein Schnüffeln erklang aus der Öffnung, dann so etwas wie ein tiefes, gedämpftes Brüllen.

Etwas erschien.

Wie ein Yuuzhan Vong hatte es zwei Arme und zwei Beine. Aber es hielt sich geduckt wie ein Tier. Es hatte riesige Muskeln, fest genug, um sein gewaltiges Gewicht zu tragen, denn es war so groß wie die Öffnung, durch die es auftauchte. Es hatte Hauer, seine Zähne waren riesig, und sein Kopf drehte sich, als es die Gestalter und Priester vor sich entdeckte. Seine Blicke folgten diesen kleinen Geschöpfen mit der gespannten Aufmerksamkeit eines hungrigen Raubtiers.

»Das hier ist ein Rancor«, sagte Tsavong Lah. »Ein Tier aus dieser Galaxis. Ihr habt keinen ehrenvollen Tod durch unsere eigenen lebenden Waffen verdient. Wenn Ihr hier sterbt, sterbt Ihr nicht als Kämpfer, sondern als Futter für dieses Tier.«

»Was, wenn wir es stattdessen töten?« Das war die höhnische Stimme von Ghithra Dal.

»Dann werdet Ihr eine Weile länger leben«, sagte der Kriegsmeister. »Eine kurze Weile.«

Durch die Öffnung kam ein weiterer Rancor, dann erschienen ein dritter und ein vierter. Sie bewegten sich an den Wänden des Raums entlang, umkreisten ihre winzige Beute.

Tsavong Lah verlagerte ein wenig das Gewicht, und die Zunge zog sich zurück, brachte ihn und Nen Yim wieder ins Maul des Ganadote. Als die ersten Schreie erklangen, als das erste Brüllen von den Wänden widerhallte, wandten sie sich von der blutigen Szene drunten ab, und der Kriegsmeister führte die Gestalterin durch eine weitere Öffnung.

»Kriegsmeister, darf ich zwei Fragen stellen?«

»Sie dürfen.« Hinter der Öffnung begann ein langer, blutblauer Flur, und hier stießen Tsavong Lahs Leibwächter wieder zu ihnen, die in respektvollem Abstand vor und hinter ihnen gingen.

»Als Erstes: Wird es nicht zu einem Aufschrei der Priesterschaft von Yun-Yuuzhan und der Gestalter kommen?«

»Ein Aufschrei? Selbstverständlich. Ein Schrei nach Blut. Wenn man erfährt, dass ihr Transporter von Piloten von Borleias angegriffen wurde und alle Passagiere niedergemetzelt wurden, wird es einen gewaltigen Schrei nach Rache geben.«

»Ah.« Nen Yim ging einen Augenblick schweigend weiter, denn sie wusste, dass seine Antwort auch über ihr Schicksal entschied. »Sollte ich nicht mit ihnen gehen? Oder werde ich auf andere Weise den Tod finden?«

»Ich kann Sie nicht töten. Sie sind eine Leihgabe des Höchsten Oberlords Shimmra. Außerdem habe ich keinen Grund, Ihnen Schaden zuzufügen.« Sie betraten den Magenteil, in dem sich Tsavong Lahs privater Transporter befand. Die lidähnliche Wand an der anderen Seite war nun geschlossen und hielt die Atmosphäre dieses Bereichs intakt. Sie gingen zu dem rampenähnlichen Vorsprung des Transporters und stiegen in den Passagiermagen des Geschöpfs. »Ich bin zufrieden mit Ihnen, Nen Yim. Haben Sie vor, diese Geschichte weiterzuerzählen und damit Hass gegen mich zu erzeugen?«

»Nein.«

»Wenn Sie das täten, was würde geschehen?«

Sie dachte darüber nach, als sie sich auf ihren Platz setzte. Die fleischige Oberfläche des Sitzes bog sich um ihre Taille und ihren Oberkörper, um sie vor den Auswirkungen der zu erwartenden Beschleunigung zu schützen. »Ich würde so etwas nur dann tun, wenn ich Ihnen schaden wollte. Und selbst diesem Fall stünden die Worte einer diskreditierten Gestalterin gegen die eines Kriegsmeisters. Außerdem wäre ich tot, bevor ich Beweise erbringen könnte.«

»Und was für eine Verschwendung das wäre! Ihre Klugheit, in unserem Dienst genutzt, ist mehr als eine Entschädigung für den Verlust von Ghithra Dal und seinen Mitverschwörern. Werden Sie sie in unserem Dienst nutzen?«

»Ja.« Sie zögerte nicht. Tsavong Lah hatte von unserem Dienst gesprochen. Für sie bedeutete das die Yuuzhan Vong, nicht ihn persönlich, und das konnte sie mit ganzem Herzen schwören.

»Eines Tages, wahrscheinlich schon bald, wird das Saatschiff zu diesem Planeten zurückkehren und seine Transformation vollenden. Ich möchte, dass Sie zu Oberlord Shimmra zurückkehren und das Planetenhirn studieren. Tun Sie nichts, was den Göttern missfallen könnte … aber Sie sollten alles Wissen finden, das die Götter uns zugestehen.«

»Das werde ich tun, Kriegsmeister.«

»Dann sprechen Sie nicht mehr von Ihrem Tod. Er wird kommen, wenn der Zeitpunkt angemessen ist. Jetzt ist das nicht der Fall.«

 

Coruscant

 

Baljos Arnjak begann auszusehen, als würde auch er einer Vong-Formung unterzogen. Sein Bart wuchs und wurde zottig, und er hatte Farben, die von Hellbraun bis Schwarz reichten; er wirkte wie eine wilde Lebensform, die nicht von diesem Planeten stammte. Der orangefarbene Overall, den der Wissenschaftler trug, wenn er nicht in Yuuzhan-Vong-Rüstung unterwegs war, schien nun viel mehr Flecke zu haben, und einige davon hätten durchaus lebende Schimmel- oder Flechtenkulturen sein können. Aber diese Veränderungen und die Umstände, in denen die Gruppe sich befand, schienen ihm gut zu bekommen; seine Augen blitzten, und er wurde lebhafter. »Kommt herein, kommt herein«, sagte er nun und winkte die Jedi und Danni in Lord Nyax’ Lebenserhaltungsraum. Bhindi saß dort bereits auf einem Hocker.

»Sag mir, dass du etwas Neues gefunden hast«, verlangte Luke.

Baljos strahlte. »Ich habe etwas Neues gefunden. Siehst du, das hat überhaupt nicht wehgetan. Oder? Jetzt könnt ihr alle wieder gehen.«

»Du solltest die Jedi nicht necken«, sagte Bhindi.

»Und lass dich nicht für etwas loben, wenn du es nicht verdient hast. Ich bin diejenige, die die meisten Informationen aus den Eingeweiden dieser Instandhaltungsmaschinen zutage gefördert hat.«

»Das stimmt, Schaltkreis-Girl. Nicht, dass du imstande gewesen wärest zu interpretieren …« Baljos sah offenbar die Ungeduld auf einem Gesicht, wahrscheinlich dem von Tahiri, denn er verfolgte diesen Gedanken nicht weiter. »Wir können euch nun alles sagen, was ihr über Lord Nyax wissen müsst. Was Bhindi nicht in den Speichern der Maschinen gefunden hat, werden wir einfach erfinden.«

Luke lehnte sich gegen eine zerstörte Computerkonsole und verschränkte die Arme, als wollte er sich gegen das wappnen, was er nun erfahren würde. »Also, wer ist er? Und wozu wurde er modifiziert?«

Baljos nickte, als wären das genau die Fragen, die er erwartet hatte. »Er ist − oder er war einmal − ein Dunkler Jedi. Sein Name war Irek Ismaren.«

Luke runzelte die Stirn, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, das ist nicht möglich.«

»Wer ist Irek Ismaren?«, fragte Tahiri.

Luke nahm einen Datenblock aus dem Beutel an seinem Gürtel. »Wie Baljos schon sagte, war er ein Dunkler Jedi, noch in der Ausbildung. Entweder ein Sohn des Imperators oder eines gewissen Sarcev Quest − von einer Frau namens Roganda Ismaren. Sie war eine Verrückte, die ihren Sohn mithilfe von Computerimplantaten modifizieren wollte. Meine Schwester Leia ist ihm vor etwa fünfzehn Jahren auf Belsavis begegnet.«

Er öffnete den Datenblock und begann, Einträge durchzugehen. Die Datenbank in diesem kleinen Gerät war zwar nicht annähernd so umfangreich wie jene, die er im jeweiligen Versteck des Jedi-Hauptquartiers aufbewahrte, aber der Datenblock verfügte über ein gekürztes Verzeichnis aller Jedi, Sith, Machtsensitiven oder anderweitig mit der Macht verbundener Personen und aller Orte, die er im Lauf seiner langen Suche nach Wissen über den Jedi-Orden aufgesucht hatte.

Innerhalb von Augenblicken fand er die Datei, die er suchte. Ein Gesicht wurde auf dem Schirm schärfer: aristokratisch, gut aussehend, auf eine pubertäre Art noch unvollendet, gerahmt von lockigem dunklem Haar.

Das Gesicht eines jüngeren Lord Nyax.

Plötzlich fühlte sich Luke so bleich werden, wie es Lord Nyax war. Er zeigte Mara das Bild.

Sie nickte. Sie bemerkte ein paar Einzelheiten, die auf dem Schirm unter Ireks Namen angeführt wurden. »Er sollte inzwischen also um die dreißig sein.«

»Ja. Und von normaler Größe.«

»Das wäre er sicher auch«, unterbrach Baljos, »wenn er nicht den größten Teil der vergangenen Jahre in diesem Lebenserhaltungsraum verbracht hätte. Aber nun ist er körperlich jünger als sein chronologisches Alter. Seine Lebensprozesse wurden verlangsamt. Er wurde den ärztlichen Behandlungen unterzogen, die ich zuvor schon erwähnte, Behandlungen, die seine Knochen weit über den Punkt hinaus wachsen ließen, an dem sie sich hätten versiegeln sollen, und die ihm erheblich mehr Muskelmasse verliehen. Als er noch ein Baby war, ließ ihm seine Mutter einen Computer ins Hirn implantieren; das half ihm, sich genügend zu konzentrieren − oder vielleicht sollte man lieber von einer Monomanie sprechen −, um die Macht erheblich besser zu beherrschen, als es für sein Alter üblich gewesen wäre. Als er hier war, wurde der Computer verstärkt, um seine Beherrschung der Macht noch perfekter zu machen. Offensichtlich stimuliert dieser Computer das, was von seinem Hirn übrig ist, auf eine Weise, die der Beherrschung der Macht zuträglich ist. Er wurde mit Lichtschwertwaffen ausgerüstet, und ihre Benutzung war Teil der Kodierung seines Hirnimplantats …«

Luke klappte den Datenblock zu. »Wie ist das alles passiert?«

Bhindi sagte: »Es sieht so aus, als wäre er, nachdem er Belsavis verlassen hatte, zusammen mit seiner Mutter nach Coruscant gekommen, um sich hier zu verstecken … und mit ›hier‹ meine ich diese Einrichtung. Seine Mutter hat seine Fortschritte in der Macht sorgfältig überwacht und ihn ausgebildet, damit er der mächtigste Dunkle Jedi wird, den es je gab, und sie hat ihn Behandlungen unterzogen, die ihn viel größer und körperlich kräftiger machten. Sie hat auch dafür gesorgt, dass die Ysalamiri hergebracht wurden, um ihn zu verbergen, als seine Präsenz in der Macht stärker wurde.«

»Und dann ist etwas geschehen«, sagte Baljos. »Die Notizen sind nicht besonders klar, aber es sieht aus, als hätten sie einen Partner gefunden, einen anderen Dunklen Jedi, und irgendwann hatten Irek und der neue Partner einen Disput und duellierten sich. Der Partner wurde getötet, und Irek erhielt einen Lichtschwerttreffer direkt in den Schädel. Er starb.«

»Starb«, wiederholte Luke.

»Technisch gesehen«, fügte Baljos hinzu. »Keine Hirnaktivität mehr. Er fiel um und bewegte sich nicht mehr. Aber seine Mutter und der anwesende medizinische Droide konnten seine Körperfunktionen am Leben erhalten. Ihr Tagebuch wird an diesem Punkt ein bisschen schwerer verständlich − das ist nicht überraschend −, und sie wird im Lauf der Jahre immer verrückter, aber sie hat seinen Körper offensichtlich in einem scheintoten Zustand erhalten lassen, und sie ließ die medizinischen Droiden immer kompliziertere Komponenten in den Computer in seinem Kopf einbauen.«

Luke verzog das Gesicht. »Zu welchem Zweck?«

»Ich denke«, sagte Baljos, »sie wollte ihn wieder zu ihrem Sohn machen − eine unwahrscheinliche Aussicht, da die Teile des Hirns, die für das Gedächtnis und die weniger gewalttätigen Emotionen zuständig sind, zu Kohlenstoff verbrannt waren −, und sie wollte, dass er einmal zu einem neuen Führer des Imperiums würde. Sie war verrückt genug sich einzubilden, er könnte Imperator Irek werden, liebender Sohn, Dunkler Jedi und unbesiegbarer Tyrann.«

Luke wechselte einen Blick mit Mara. Sie ließ sich nicht anmerken, was sie empfand, aber er konnte ihre Gefühle durch die Macht spüren, wusste, wie angewidert sie von dieser Frau war, die ihren eigenen Sohn auf diese Weise so viele Jahre auf dem Metzgerblock gelassen hatte. »Was ist aus Roganda Ismaren geworden?«, fragte er.

»Die weibliche Leiche, die wir hier gefunden haben, war ihre. Wir haben Zellproben mit ihren Daten in den Dateien verglichen. Die Übereinstimmung ist eindeutig.«

Luke sah ihn ungläubig an. »Irek hat sie getötet?«

»Er ist nicht mehr Irek. Lord Nyax hat sie getötet. Er hat sie nicht erkannt. Sie war nur eine weitere sich bewegende Gestalt, die ihm in den Weg geriet, als er aus dem Tank ausbrach.« Baijos schüttelte den Kopf. »Eine unangenehme Angelegenheit. Bringt verrückte Wissenschaftler in Verruf.«

»Hat er irgendwelche Schwächen?«, fragte Mara.

»O ja.« Baljos nickte. »Er ist nicht ausgereift.«

»Ausgereift«, wiederholte Luke.

»Es scheint, dass ein Erdbeben Deckentrümmer auf mehrere Ysalamiri fallen ließ, sie getötet hat und die Einheit beschädigte. Er wachte auf, brach aus, tobte durch das Labor und floh. Aber es war ursprünglich geplant, dass er noch jahrelang hier drin bleiben sollte.« Baljos zeigte auf eine der Computerkonsolen. »All seine wichtige Programmierung befand sich dort, zusätzlich zu den wieder erzeugten ›Irek‹-Erinnerungen. Roganda hatte vor, sie ihm einzupflanzen, und das war noch nicht geschehen. Er verfügt über Instinkte und eine gewisse Kampfprogrammierung, und er hat eine untergründige Motivation − wie zum Beispiel Jedi zu suchen und sie zu töten, andere Anwender der Macht zu finden und sie zu beherrschen, das Universum zu erobern, solche Kleinigkeiten. Aber er hat kein Gedächtnis, keine taktischen Fähigkeiten … und er kann nicht sprechen. Ich glaube, er versteht Sprache nicht einmal.«

»Also können wir nicht einmal mit ihm reden.« Tahiri wirkte niedergeschlagen. »Vielleicht ist das eine Schwäche, aber es macht es für uns nicht einfacher. Man kann nicht mit ihm argumentieren.«

»Ich denke, danach bleibt noch eine Frage.« Luke steckte den Datenblock wieder in den Beutel und machte sich auf weitere schlechte Nachrichten gefasst. »Gibt es eine Möglichkeit, ihn zu retten? Sich mit ihm anzufreunden, ihm etwas über die Helle Seite beizubringen?«

Nun wurde Baljos wieder ernst. »Das glaube ich nicht. Beinahe alle Menschlichkeit ist aus seinem Hirn herausgebrannt. Er ist nur ein Raubtier, dessen einziges Ziel darin besteht, die Herrschaft zu behalten.«

»Na wunderbar«, sagte Luke.

 

Viqi verbrachte beinahe ihre gesamte Zeit in dem Raum, in dem die Hässliche Wahrheit untergebracht war. Sie kannte sich mit Technik nicht sonderlich gut aus, wusste aber genug über Maschinen − und konnte aus dem Computerspeicher des Schiffs noch mehr erfahren −, damit sie nach und nach begriff, was ihr hier zur Verfügung stand.

Die Hässliche Wahrheit war eindeutig raumtauglich, und die Diagnoseprogramme zeigten, dass das Schiff unbeschädigt und einsatzbereit war. Es hatte genügend Treibstoff und Batterien, um die Systeme zu starten und ihr sogar ein wenig Beleuchtung und hier und da kühle Luft zu liefern, und die Vorräte würden noch für mehrere Wochen ausreichen.

Das Problem war der Fluchtschacht. Er war während des Falls von Coruscant oder der Bombardierung danach eingestürzt. Brocken von Durabeton und Ferrobeton waren in den Schacht gefallen, dann hatten sich die Metallträger verzogen, mehr Schutt war auf die Träger gefallen, und die ganze Masse hatte sich zu einem undurchdringlichen Pfropf verbunden.

Mehrere Stockwerke oberhalb des verborgenen Hangars fand Viqi ein Loch, das ihr oberhalb des Pfropfs Zugang zu dem Fluchtschacht bot. Hier gab es Anzeichen, dass jemand an dem Pfropf gearbeitet hatte, gegraben und Durabetonblöcke in einen Büroraum auf dieser Ebene geschafft hatte. Sie nahm an, dass dieser Jemand der hübsche junge Mann gewesen war, der ihr den Lokalisator gegeben hatte.

Sie hatte sogar seinen Namen gefunden. In den Computeraufzeichnungen des Schiffs gab es Informationen über die Familie, der die Hässliche Wahrheit gehört hatte. Hasville und Adray Terson waren die Gründer von Terson Komfort-Transport gewesen, einer Lufttaxifirma; Viqi konnte sich gut an die allgegenwärtigen Fahrzeuge ihrer Flotte erinnern, hatte sie sogar während ihrer geheimen Aktivitäten im Auftrag der Yuuzhan Vong benutzt. Die Schiffsaufzeichnungen zeigten auch ein Foto ihres Sohns Hasray, des jungen Mannes mit der Fernbedienung.

Eine weitere traurige kleine Geschichte, dachte sie. Sie überlegte noch eine Weile. Sie konnte nicht spüren, wie traurig es war − alles andere als das; tatsächlich freute sie sich, denn das Opfer des Jungen bedeutete ihre Rettung.

Viqi verbrachte den größten Teil ihrer Zeit damit, die Kontrollen und Diagramme des Schiffs zu erforschen, aß von den Rationen, gewann ihre Kraft zurück. Hin und wieder musste sie sich nach draußen wagen − sehr leise, sehr vorsichtig −, um an der Öffnung des Ausgangsschachts zu arbeiten oder zu dem Raum weiter den Flur entlangzugehen, den sie als Erfrischungsraum benutzte.

An diesem Tag kam sie gerade von dort und spähte mit ihrer üblichen Vorsicht den Flur entlang. Es gab keinen Laut, kein Anzeichen von Bewegung. Langsam und vorsichtig machte sie sich auf den Rückweg zur Wohnung der Tersons.

Etwas schlang sich von hinten um ihren Hals und riss sie um. Sie landete auf dem Rücken, würgend und keuchend, und schaute nach oben … ins Gesicht von Denua Ku. Der Krieger hatte seinen Amphistab in einer Hand; das andere Ende der Waffe war um Viqis Hals gewunden.

Sie starrte ihn an. Er war tot; sie wusste, dass er tot war, er war in der Möbelfabrik gestorben. Aber jetzt starrte er auf sie nieder. Er hatte den Helm abgesetzt, sein Blick weder zornig noch freundlich. »Stehen Sie auf«, sagte er.

Sie kam mühsam auf die Beine, versuchte, ihre Miene, ihre Haltung, ihren Atem zu beherrschen. Als sie aufstand, gab der Amphistab sie frei. »Denua Ku«, sagte sie. »Ich dachte, Sie wären tot.«

»Ich bin geflohen.« Die Stimme des Kriegers klang bitter. »Meine Pflicht verlangte, dass ich zu meinem Kommandanten zurückkehrte und ihm sagte, was ich gesehen hatte − einen riesigen Jeedai. Nun, da meine Vorgesetzten informiert sind, kann ich zurückkehren, um mich diesem monströsen Ding zu stellen … und es töten oder von ihm getötet werden. Warum sind Sie nicht zu den Yuuzhan Vong zurückgekehrt und haben ihnen gesagt, was geschehen ist?«

Sie ließ ein wenig Verachtung in ihren Tonfall einfließen. »Ein Mensch allein, unterwegs auf den Dächern − hätte ich einen Korallenskipper zu mir winken sollen? Wissen Sie, was dann passiert? Man hat zweimal auf mich geschossen.« Das war eine Lüge; sie wagte sich nie auf die Dächer. Aber sie hatte die patrouillierenden Skips gesehen, hatte gesehen, wie sie auf alles schossen, was ein Bewohner des Planeten sein könnte.

»Also sind Sie hierher gekommen? Warum?«

»Ich kannte die Leute, die hier gewohnt haben.« Auch diese Lüge ging ihr glatt über die Lippen. »Hasville und Adray Terson und ihr Junge Hasray. Sie waren reich. Ich wusste, dass es in ihrer Wohnung konservierte Lebensmittel gab, und ich hatte mich nicht getäuscht. Ich wusste, das würde mir Zeit geben herauszufinden, wie ich zum Weltschiff zurückgelangen könnte, ohne mich dabei umbringen zu lassen. Wie haben Sie mich gefunden?«

Er griff unter seine Rüstung, in die Achselhöhle, und holte ein Geschöpf heraus − ein Insekt in der Größe eines von Viqis Fingernägeln. Es sah aus wie eine Art Käfer, hatte aber das Rot von arteriellem Blut. Obwohl seine Flügel gefaltet waren, vollendet seinem Panzer angepasst, vibrierten sie und ließen das kleine Geschöpf ununterbrochen summen.

»Das da ist ein Nisbat«, sagte der Krieger. »Wenn es sich in der Nähe eines seiner Brutgefährten befindet, erzeugt es diese Geräusche, die lauter werden, je näher es ihm kommt.«

»Und?«

»Und einer seiner Brutgefährten wurde Ihnen eingepflanzt.«

Viqi konnte nicht vermeiden, dass sie die Augen aufriss. »Etwas von dieser Größe befindet sich in mir …«

»Nein. Es wurde Ihnen implantiert, als es frisch geschlüpft war. Es kann nicht wachsen. Es kann nicht einmal vibrieren. Aber seine Brutgefährten können es spüren.«

»Ich bin … dankbar dafür. Dass es Ihnen gestattet hat, mich zu finden.«

»Hm.« Denua Ku klang weder zweifelnd noch so, als akzeptierte er ihre Erklärungen. »Und jetzt können Sie ins Weltschiff zurückkehren.«

»Das freut mich.«

»Nachdem wir den riesigen Jeedai getötet haben.«

Viqi erschrak. Sie ließ es sich nicht ansehen. »Soll ich ihn für Sie festhalten, während Sie ihn töten?«

Denua Kus Lippen zuckten in einem Lächeln. »Amüsant. Ist das in Basic so witzig wie in unserer Sprache?«

»Wenn unsere beiden Kulturen etwas gemeinsam haben, dann ist das die Ironie.«

Der Krieger hob eine Hand. Durch andere Türen im Flur kamen noch mehr Krieger − eine Gruppe von zwei Dutzend oder mehr, dachte Viqi.

Und sie hatten ein anderes Voxyn dabei. Dieses hier sah noch schlechter aus als die beiden zuvor; es war beinahe am ganzen Körper kränklich gelb, und seine Schuppen waren an einigen Stellen vollkommen abgefallen. Es hatte apathisch den Kopf gesenkt, und es machte sich nicht einmal die Mühe, nach dem Krieger zu schnappen, der ihm am nächsten war.

»Ah.« Viqi zwang sich zu einem Lächeln. »Das ist schon besser.«

»Kommen Sie.« Denua Ku führte die Gruppe auf die nächste Nottreppe zu.

Viqi folgte, ihr Lächeln starr, und ihre Gedanken überschlugen sich.

Sie würde eine Möglichkeit finden, ihnen zu entgehen. Sie würde dieses Nisbat aus ihrem Körper holen, wo immer es verborgen sein mochte. Sie hatte immer noch den Lokalisator an sich versteckt, und die Treppe zur Hässlichen Wahrheit war verschlossen, verborgen; sie würde dorthin zurückkehren können. Sie würde diesen Fluchtschacht frei räumen und sich mithilfe der Hässlichen Wahrheit endlich in Sicherheit bringen.

Und wenn es irgendwie möglich war, würde sie zuvor dafür sorgen, dass Denua Ku starb, starb, weil er es gewagt hatte, sie wieder zu zwingen, bei seinen Plänen mitzuarbeiten, obwohl ihre eigenen Pläne doch so viel wichtiger waren.

Sie ging hoch aufgerichtet und mit arroganter Miene weiter. Ganz gleich, wem sie half, ganz gleich, wie sie gekleidet war, sie entstammte immerhin der königlichen Familie von Kuat.