9

Der Tunnel führte nicht senkrecht abwärts. Tarn erwartete das auch nicht. Dieser Tunnel war von Yuuzhan Vong eingerichtet worden, und sie taten nie etwas in geraden Linien.

Aber das, und die Tatsache, dass er durch Durabeton gebohrt worden war, bedeutete auch, dass Tam nach unten klettern konnte, statt einen Sturz zu riskieren.

Ein weiterer Schrei drang zu ihm herauf, diesmal lauter. Ein paar Meter weiter unten war der Durabeton zu Ende, und er hatte die Planetenoberfläche erreicht, dann kam wieder Durabeton; es sah aus, als gäbe es unterhalb des Kellers noch weitere Stockwerke − Ebenen, die vielleicht nicht durch die öffentlichen Turbolifts und Notfalltreppen zugänglich waren, und der Yuuzhan-Vong-Eindringling hatte sie gefunden. Es war hell genug, dass Tam sehen konnte, und er fand überall kleinere Löcher in den Wänden; er nahm an, die steinfressenden Organismen, die die Tunnel hergestellt hatten, hatten erst in alle Richtungen gegraben und dann Bilder oder andere Daten übermittelt und dem Yuuzhan-Vong-Spion, der sie beherrschte, die Möglichkeit gegeben, seinen oder ihren Hauptgang in die richtige Richtung zu graben.

Er fand eine größere Nische, die etwa zwei Meter tief und einen Meter hoch war. Am Boden lag eine moosähnliche Substanz; so etwas hatte er schon öfter gesehen, es war eine Art von Schlafunterlage. Es gab auch gelatineartige Beutel, von denen er wusste, dass sie gewisse speziell gezüchtete Geschöpfe enthielten, die ihren Zweck erfüllten, wenn man sie aus dem Gel herausließ. Er hatte selbst einige davon gehabt, als er noch den Yuuzhan Vong diente.

Dann hörte er einen weiteren Schrei, und dann Stimmen, die sprachen. Er kletterte langsamer weiter, um keinen Lärm zu verursachen.

Ein paar Meter weiter öffnete sich das Loch zu einer Kammer. Lichter flackerten dort rot und blau und ließen eher auf einen Computerschirm als auf Deckenbeleuchtung schließen.

Und dann konnte Tarn eine der Stimmen verstehen. Es war eine Männerstimme, und sie sprach Basic mit dem abgehackten Akzent und dem seltsamen Rhythmus, den Yuuzhan Vong verwendeten, wenn sie nicht offenbaren wollten, wer sie wirklich waren.

»Wo ist der echte Kristall?«, fragte der Spion.

Es gab keine sofortige Antwort. Dann erklang ein weiterer Schrei. Der andere Sprecher schien ebenfalls männlich zu sein, aber seine Stimme war von Schmerzen verzerrt. »Er ist weg. Man hat ihn bereits zu den Rohrjägern gebracht.«

»Die Rohrjäger-Abscheulichkeiten befinden sich immer noch in dem flachen Gebäude. Sie haben noch nicht auf uns geschossen. Sie lassen den Leuchtkristall in dem anderen Gebäude, obwohl es hier viel mehr Wachen gibt?«

»Ja, ja …« Ein weiterer Schrei erklang. Dieser dauerte endlos und verklang erst, als dem zweiten Mann die Luft ausging.

Tarn verzog das Gesicht. Er musste sehen, was dort unten los war, bevor er handeln konnte. Aber obwohl er eine Weile hier am Ende des Ganges verharren konnte, die Beine gegen die Seiten gestützt, war er nicht imstande, sich in dieser Haltung nach unten zu beugen, um aus dem Gang herauszuspähen. Dazu war er nicht gelenkig genug.

Dann fiel ihm ein, dass er nicht unbedingt auf seine eigenen Augen angewiesen war. Schnell nahm er seine leichte Holocam vom Hals, befestigte den Gurt so, dass die Kamera baumelte, die Linse zur Seite gerichtet, der Kontrollschirm nach oben zu ihm. Er stellte die Linse auf Weitwinkel, dann ließ er die Kamera in den Gang und ein wenig darüber hinaus baumeln.

Auf dem Schirm konnte er den Raum darunter sehen. Es schien, dass der Gang in einer Ecke des Raums endete. Das Zimmer selbst war voll mit Computern, aber in einer Ecke gab es eine Tür, die wahrscheinlich zu einem Flur oder einer Treppe führte, und in der entgegengesetzten Ecke befand sich eine Art Behälter. Er hatte etwa die Größe der Dusche in einer Erfrischungseinheit und war wie eine Dusche von transparenten Wänden umgeben; auf dem Boden des kleinen Raums befand sich ein Haufen von etwas, das wie zerbrochene Transparistahlsplitter aussah.

Neben der Kammer mit den Glaswänden stand ein Stuhl. Darauf saß ein Bothan, der an Händen, Armen und Füßen gefesselt war. Über ihn beugte sich ein Mann in einem Mechanikeroverall.

Einen Moment hielt Tarn den Bothan für tot. Er hatte überall im Gesicht und am Körper, wo dieser nicht von Kleidung bedeckt war, unregelmäßige Höcker. Dann erkannte Tarn, dass sich diese Höcker bewegten.

Käfer. Noch während Tarn zusah, hob der Mechaniker die Hand an die Stirn des Bothan. Es war ein deutliches Knirschen zu hören, und der Bothan schrie abermals. Als der Mechaniker die Hand senkte, gab es auf der Stirn des Bothan einen weiteren zuckenden Höcker.

Wolam, wo bleibst du? Aber Tarn erkannte, dass er weder darauf warten konnte, dass Wolam die Sicherheitskräfte herbrachte, noch diesen Prozess beschleunigen konnte. Der Bothan könnte inzwischen sterben, und dieser Tod würde schwer auf Tams Gewissen lasten.

Aber was sollte er tun? Er dachte darüber nach, was ihm zur Verfügung stand. Eine handgroße Holocam, mehrere Datenkarten, ein Komlink, eine kleine Vibroklinge, die er immer dabeihatte, weil er sich dann besser fühlte, ohne wirklich zu wissen, wie man das Ding im Kampf einsetzte.

Und sein Hirn. Ein Hirn, das nicht immer sonderlich effizient arbeitete.

Er steckte sich das abgeschaltete Vibromesser zwischen die Zähne. Der Raum drunten war nur von Computerschirmen erhellt. Die Schreie des Bothan würden leise Geräusche übertönen. Und er war ein starker Mann − kein Kämpfer, aber er verfügte über die Größe und die Muskelmasse, die Kämpfer häufig bewunderten.

Die Holocam setzte er auf dem Sims mit dem Moos ab. Er spulte zurück, bis er eine vor Kurzem aufgenommene Szene erreichte, dann stellte er sie so ein, dass sie diese Szene in einer Sechzig-Sekunden-Endlosschleife abspulte.

Er wartete, bis er eine weitere Frage hörte, die Antwort, und dann den Schrei. Als der Schrei begann, ließ er sich langsam in den Raum am Ende des Gangs darunter hinab.

Nun hätte der Mechaniker − ein Agent der Yuuzhan Vong, vielleicht einer ihrer Krieger − sich nur umdrehen müssen, um Tarn zu sehen. Ein Blick, ein Angriff, und Tarn wäre tot gewesen.

Aber der Mechaniker drehte sich nicht um. Er beugte sich näher zu dem Bothan, um zu beobachten, wie dieser sich quälte. Tarn, der an seinen Armen baumelte, löste eine Hand und geriet dadurch ins Schaukeln, aber die zusätzliche Reichweite brachte seine Zehen in Kontakt mit dem Boden. Als er einen Augenblick später dank der Kraft seines Handgelenks aufhörte zu schaukeln, ließ er los und stand auf dem Boden.

Und kniete nieder. Und schlich sofort zur Seite des Raums, wo er sich in den tiefen Schatten einer Reihe unbeleuchteter Computerterminals duckte. Er nahm die Vibroklinge aus dem Mund und hielt sie so, dass er den Schalter unter dem Daumen hatte.

Er war immer schon für seine Größe eher unauffällig gewesen. Jetzt fürchtete er, dass er trotz seiner besten Anstrengungen immer noch nicht unauffällig genug war.

»Also noch einmal. Wo ist der Kristall …«

Eine Stimme erklang aus dem Tunnel, den Tarn gerade erst verlassen hatte, eine Frauenstimme mit dem leicht schleppenden Akzent der Corellianer: »Ja, wir werden den Vong eins verpassen.«

Der Mechaniker riss den Kopf hoch und drehte sich um. Man sah ihm keine Empfindungen an, aber seine Körpersprache kündete deutlich von Schreck und Verwirrung.

Die Stimme ging weiter: »Es ist egal, wie schwer sie uns treffen. Wir verfügen über zwanzigtausend Jahre galaktischer Zivilisation, auf die wir zurückgreifen können. Das können sie niemals zerstören.«

Der Mechaniker rannte unter das Loch, dann sprang er nach oben.

Tarn eilte vorwärts und schaltete das Vibromesser ein. Er konnte die gequälte, erschrockene Miene des Bothan durch die Blutrinnsale sehen, die über das Gesicht des Mannes liefen. Tarn schnitt die Fesseln des Mannes durch, und sie fielen herunter. »Laufen Sie«, flüsterte Tarn.

Aus der Tunnelöffnung erklang erst ein Knirschen, dann hörte man hasserfüllte Worte in der Sprache der Yuuzhan Vong und dann ein Kratzen, als der Mechaniker wieder herunterstieg.

Und da war er, der Augenblick der Entscheidung, eine Initiative, die ergriffen werden musste oder eben nicht. Mit dieser Situation kam Angst, mehr Angst, als Tarn je empfunden hatte, selbst als er Gefangener der Yuuzhan Vong und überzeugt gewesen war, dass jeder Augenblick sein letzter sein würde.

Er drehte sich um und rannte zurück zu dem Loch. Als er nach vorn sprang, sah er die Beine des Mechanikers herunterkommen.

Die Füße des Mechanikers berührten den Boden, und er wollte sofort losrennen. Tarn warf sich mit seiner beträchtlichen Masse gegen ihn, riss ihn mit sich in die Ecke des Raums und stach dabei wild mit der Vibroklinge auf ihn ein, trat und schrie und schlug. Er spürte Blut an seiner Messerhand, spürte Finger um sein linkes Handgelenk.

Dann wurde das Handgelenk gnadenlos herumgedreht, wie von einer Maschine, und Tarn lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Er spürte Schmerzen wie von einer Explosion in seinem linken Arm, und als er den Kopf drehte, konnte er sehen, dass die Schulter ausgerenkt war, der Knochen aus dem Gelenk gehebelt.

Er hatte zu große Schmerzen, als dass er sich bewegen konnte, beinahe zu viel, um hören zu können, aber er verstand dennoch die Worte des Spions: »Du kämpfst wie ein Kind.«

Dann erklang das Zischen eines Blasters, ein ganzer Schwall von Geräuschen, als ein Gewehr, das auf Autofeuer gestellt war, zu schießen begann. Blut spritzte über Tarns Rücken.

Der Mechaniker fiel auf Tarn. Die Hand des Spions, das Vibromesser noch fest umklammert, schlug neben Tarns Ohr auf dem Boden auf.

Tarn versuchte nach oben zu schauen. Die Tür zum Raum stand offen, und uniformierte Sicherheitsoffiziere strömten herein. Bel ihnen war eine dunkelhaarige Frau, die er schon hin und wieder im Stützpunkt gesehen hatte: Iella Wessiri, Leiterin des Nachrichtendienstes für diese Operation, die Frau von General Antilles.

Sie kniete sich vor ihn, und einer ihrer Männer rollte die Leiche des Mechanikers weg. »Tarn?«, fragte sie. »Können Sie mich hören?«

»Ich werde jetzt ohnmächtig«, kündigte er an.

Und genauso war es.

 

Aphran-System, Aphran IV

 

Sie holten Han und Leia in der ruhigsten Stunde der Nacht ab, stürmten ihr Schlafzimmer und richteten Blaster auf sie, bevor die beiden auch nur aus dem Bett taumeln konnten.

Han starrte in die Scheinwerfer, die an ihren Gewehren befestigt waren.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte er. Seine Stimme war ruhig, die Worte wie beiläufig.

Der Anführer der Eindringlinge, nur eine Silhouette hinter den Lichtern, antwortete: »Han Solo, Leia Organa Solo, Sie werden angeklagt, Identifikationen gefälscht, Waren geschmuggelt, sich unter falschem Vorwand in den aphranischen Raum begeben und Verbrechen gegen die Staatsgewalt begangen zu haben.«

»Ist das alles?« Han winkte ab. »Das kann ich innerhalb von ein paar Stunden erledigen.«

»Los, ziehen Sie sich an.«

Han und Leia standen auf und begannen im Halbdunkel, nach ihrer Piratenaufmachung zu suchen.

 

R2-D2 trillerte.

C-3PO, der gerade eine Selbstdiagnosesequenz im Kribbelmodus durchführte, bemerkte die Unruhe in der wohlklingenden Äußerung seines Kollegen und reaktivierte sich. Innerhalb einer Sekunde waren seine Motivatoren und die anderen Systeme erwacht.

Sie befanden sich, wo sie gewesen waren, als er seine Teilabschaltung vorgenommen hatte: in dem nun leeren Steuerbordfrachtraum des Millennium Falken. »Was sagst du? Einen Bypass an was?«

Das Unheil verkündende Scheppern von der Außenluke des Frachtraums machte eine Antwort unnötig.

»Oje, oje.« Es gab doch sicher in seinem Speicher eine Prozedur für den Umgang mit Eindringlingen, aber das Einzige, was dem Protokolldroiden einfiel, war davonzulaufen und sich zu verstecken.

Der Astromech pfiff erneut, nun eindeutig gereizt wegen der Verzögerung. R2-D2 beugte sich nach vorn in den Transportmodus und rollte aus dem Frachtraum in den kreisförmigen Flur, der Zugang zu den meisten Bereichen des Falken bot.

C-3PO folgte ihm. »Könntest du nicht ein wenig langsamer werden? Das hier ist wirklich ein würdeloses Tempo.«

Er folgte dem Astromech in den Teil des Hecks, von dem aus man Zugang zu den Fluchtkapseln des Falken hatte. R2-D2 stand bereits an der am weitesten nach Backbord gelegenen Kapsel und hatte seinen Manipulatorarm benutzt, um den Zugangsknopf zu drücken. Die Tür glitt teilweise auf und verklemmte sich dann. Auf der Anzeige vorn stand FEHLFUNKTION. Aber der Astromech tippte in einem Rhythmus auf den Knopf, den C-3PO nicht erkannte, und die Tür glitt vollständig auf.

Der Lärm, den sie dabei verursachte, ging unter in dem Ächzen der Frachtluke an steuerbord, die aufgerissen wurde, und in Rufen wie »Beginnt mit der Durchsuchung«, und »Schafft all dieses Zeug hier raus!«

C-3PO stieg hinter R2-D2 in die Kapsel. »Das hier ist vollkommen unangemessen«, sagte er. »Meister Han und Mistress Leia tun doch nichts Illegales!«

Der Astromech pfiff, während er die Bedienungselemente in der Kapsel aktivierte.

»Oh, tatsächlich? Nun ja, ich nehme an, was illegal ist, wird jeweils von den lokalen Autoritäten definiert, also ist es wohl zu Abweichungen gekommen, die tatsächlich einen Verstoß gegen die hiesige Gesetzgebung darstellen.« Ein Trillern. »Was, absichtlich?«

Die Luke zur Fluchtkapsel schloss sich.

 

Eine Stunde bevor der Morgen dämmerte, öffnete R2-D2 schließlich die Kapseltür und glitt wieder hinaus. Es war still im Millennium Falken; die Wände der Bucht schützten das Schiff vor dem Wetter, und es knarrte nicht einmal unter dem Druck von Windstößen. »Wie ausgesprochen unangenehm«, sagte C-3PO.

Trillern.

»Nein, ich werde nicht still sein.«

Trillern.

»Nun gut, um der Sicherheit willen werde ich leiser sprechen, aber ich werde nicht damit aufhören.«

C-3PO folgte dem Astromech ins Cockpit. R2-D2s halbrunder Kopf drehte sich einmal ganz um sich selbst, als er sich anschaute, welches Bild sich vor den Fenstern des Cockpits bot.

Es waren keine Wachen zu sehen, aber das Trillern des Astromech machte C-3PO auf die Holocams aufmerksam, die so platziert waren, dass sie die Luken an backbord und steuerbord und die Rampen im Blickfeld hatten, ebenso wie die obere Luke.

»Ja, R2, es sieht aus, als müssten wir hier bleiben.«

Der Astromech trillerte abermals, diesmal dringlicher.

»Nein, sie haben sicher keine Holocam aufgestellt, um die geheime Luke aus der falschen Fluchtkapsel zu überwachen.«

Trillern.

»Hast du den Verstand verloren? Ich kann nicht alleine dort hinausgehen! Man würde mich einfangen und in Ersatzteile zerlegen.«

R2-D2s Antwort war diesmal nicht so wohl tönend. Es klang wie Luft, die durch die fetten Lippen eines Hutt gezwungen wird.

»Das ist ausgesprochen unangemessen. Mir ist klar, in welcher Gefahr sich Meister Han und Mistress Leia befinden. Ich möchte einfach nicht abgeschaltet werden.«

Trillern.

»Ja. Vielleicht stehen auch sie ihrer Abschaltung gegenüber.«

C-3PO rang mit der Idee, die der Astromech ihm übermittelt hatte. Es war klar, worin seine Pflicht bestand, aber er verfügte nicht über die dazu notwendigen Fähigkeiten. Dennoch, er musste Han und Leia retten.

Das bedeutete jedoch, sich selbst körperlicher Gefahr auszusetzen. Er hatte das im Lauf von Jahrzehnten häufig getan, für gewöhnlich unter Protesten, die sein Selbsterhaltungsprogramm ihm eingab, aber diesmal war es mehr.

Die Vorstellung, man könnte ihn so heftig angreifen, dass sein geistiger Prozess für immer beendet würde, erfüllte ihn mit einer seltsamen Programmierungsstatik, die es ihm schwer machte, sich auch nur zu bewegen.

Andererseits war der Gedanke, dass Han und Leia ähnlichen Schaden hinnahmen, noch schlimmer, und gestattete ihm, seine Glieder wieder benutzen zu können. »Was soll ich tun?«

Trillern.

»O nein!«

 

Die verborgene Luke im unteren Rumpf des Falken glitt auf. Schimmernde Droidenbeine schoben sich nach unten und wackelten vergeblich, als sie den Boden der Landebucht mehrere Meter weiter unten suchten. »Ist es noch weit, R2?«

Der Astromech pfiff ihm zu.

C-3POs Oberkörper erschien, dann der Kopf, als er in stetigem Tempo durch die Luke abgeseilt wurde. Er hielt sich an einer grauen Schnur fest, die mehr nach einem Elektrokabel als nach Kletterausrüstung aussah. Tatsächlich war die Verdickung unter seiner Hand ein Datenkabelstecker. C-3PO schaute hinunter auf den Durabeton. »Oh, ich darf gar nicht hinsehen. Bitte beeil dich.«

Einen Augenblick später berührten seine Füße den Boden. Das Kabel senkte sich weiter abwärts und sammelte sich in unregelmäßigen Spiralen am Boden.

R2 pfiff ungeduldig.

»Ja, ja, ich gehe ja schon.« C-3PO bewegte sich mit der übertriebenen Vorsicht eines Diebes in einer Holokomödie zu der Mauer, die dem Heck des Falken am nächsten lag. Dann drehte er sich um und schlich an der Wand entlang zur Ecke, drehte sich abermals und schlich auf das Tor der Bucht zu, von der aus man die Straße erreichen konnte. Seine Fotorezeptoren hielten eifrig nach anderen Holocams Ausschau, aber er sah keine außer denen, die R2 erwähnt hatte.

Er steckte das Kabel in den Datenport am Tor. Nun sollte R2-D2 theoretisch imstande sein, seine Magie an dem Computer zu wirken, der den Zugang zu dieser Bucht regelte.

Der Astromech gab ein vergnügtes Trillern von sich, eine kleine Siegesfanfare.

»Hervorragend, R2! Und − was? Ich soll was tun?«

 

»Wir müssen wissen«, sagte der Mann auf der anderen Seite des Tischs, »warum Sie hier sind und was Sie hier wollen.« Er war von mittlerer Größe und hatte einen dunklen, kurz geschnittenen Bart.

Und dunkle Schweinsäuglein, stellte Han fest.

Der Mann trug die Uniform der militärischen Sicherheitskräfte von Aphran, aber er sprach Basic mit einem Akzent, als käme er von den Planeten des Korporationssektors.

»Wir sind hier, um die Wirksamkeit einer Reihe von Kostümen zu testen, die auf Commenor produziert werden«, sagte Han. »Und deshalb muss ich unbedingt wissen, wie Sie uns durchschaut haben. Unsere Geldgeber werden das wissen wollen, damit sie die Kostüme beim nächsten Mal besser machen können.«

»Das ist nicht komisch«, sagte der Mann.

»Wie heißen Sie, Kumpel?«

»Ich bin Mudlath, Captain Mudlath, von der Exosicherheit von Aphran.«

»Also das ist wirklich komisch. Sehen Sie, es fehlt Ihnen nicht an einem Sinn für Humor.«

Leia warf ihrem Mann einen warnenden Blick zu. So würde er wahrscheinlich alles noch schlimmer machen; seine Spötteleien konnten die Situation kaum verbessern.

Sie saßen in einem Raum mit Durabetonwänden tief in der Basis des Raumhafens um einen Tisch. Han und Leia hatte man die Hände auf dem Rücken gefesselt, und ihre Fußfesseln waren mittels schnittsicherer Seile von einem halben Meter Länge miteinander verbunden. Sie saßen an einer Seite des Tischs, Captain Mudlath hockte ihnen gegenüber. Zwei seiner Männer, die sehr unfreundlich dreinschauten, standen links und rechts der einzigen Tür.

»Ich freue mich, dass Sie sich in Ihrer derzeitigen Situation wohl genug fühlen, um Witze zu machen«, sagte Mudlath. »Und nun sollten Sie es zugeben: Sie sind hier wegen einer militärischen Aktion, die gegen die Yuuzhan Vong gerichtet ist, obwohl Sie wissen, dass alles, was Sie tun, die Bevölkerung dieses friedlichen Planeten in Ihren destruktiven Krieg hineinziehen könnte.«

Han dachte nach. »Ist destruktiver Krieg nicht irgendwie doppelt gemoppelt? Da ich noch nicht einen einzigen konstruktiven Krieg erlebt habe, muss ich das annehmen.«

Mudlath, eindeutig gereizt, wandte seine Aufmerksamkeit Leia zu. »Sie wollen Ihre Situation doch sicher verbessern, indem Sie sich kooperativer verhalten als Ihr Mann.«

»Nun, er ist verärgert«, erklärte Leia. »Und da hat er ganz Recht. Wir haben diese Verkleidung verwendet, um Ihrer Bevölkerung jegliche Unannehmlichkeiten zu ersparen. Wenn die Yuuzhan Vong wissen, dass wir hier sind, werden sie kommen, aber wenn sie es nicht wissen, werden sie sich weiterhin fern halten. Wir haben an Sie, an Ihr Wohlergehen, gedacht, und Sie vergelten es uns mit Feindseligkeit. Mein Mann hat allen Grund, verärgert zu sein.«

»Ein interessanter Gedanke«, gab Mudlath zu. »Aber das erklärt immer noch nicht, wieso Sie überhaupt hier sind. Ich brauche die Namen von allen, mit denen Sie seit Ihrer Ankunft gesprochen haben.«

»Oje.« Leia dachte nach. »Nun, da war der Offizier, der uns als Erster angesprochen hat. Der Mann von der Raumhafenbehörde. Ich habe ihm unsere Dokumente übermittelt, und er hat uns einen Leitstrahl zugewiesen.«

»Stimmt.« Han nickte. »Er war freundlich. Anders als Sie, Captain. Dann war da die Dockmeisterin, die uns vor unserer Bucht getroffen hat. Rulacamp, nicht wahr?«

»Eine ältere Frau«, sagte Leia. »Nicht besonders gesprächig.«

»Und ihr Helfer, der meine Narbe so interessant fand.«

Captain Mudlath seufzte und stützte das Kinn in die Hand. »Wollen Sie mich zwingen, strengere Maßnahmen zu ergreifen?«

»Sprechen Sie von Folter?« Han wurde lebhafter. »Nun … wenn Sie unbedingt wollen. Aber sie werden sich wirklich anstrengen müssen. Ich will etwas, was ich noch nicht erlebt habe. Ich wurde von Darth Vader persönlich gefoltert.«

»Ebenso wie ich«, sagte Leia. »Noch bevor wir uns kennen gelernt haben.«

»Sie würden wirklich einiges aufwenden müssen, um es besser zu machen als er.«

»Bringt sie raus.« Mudlath klang plötzlich müde. »Wir werden unsere Antworten später erhalten, und wahrscheinlich auf sehr unangenehme Art.«

 

C-3PO bewegte sich von der Bucht weg, in der man den Millennium Falken eingeschlossen hatte. Es war eine Stunde vor Sonnenaufgang, also fiel er ein bisschen weniger auf, als es vielleicht bei Tageslicht für einen glänzend goldenen Droiden der Fall gewesen wäre, aber er fühlte sich dennoch wie eine Zweimeterleuchtstange.

Um seinen Hals hing eine Tasche, gefüllt von R2-D2, mit Gegenständen, von denen der Astromech annahm, sie könnten bei seinem Auftrag nützlich sein. Er nahm jetzt einen davon heraus, einen Datenblock, und öffnete ihn. Er schaltete auf Audio. »R2? Kannst du mich hören?«

Auf dem Schirm erschien das Wort JA.

»Oh, ich bin so erleichtert! Also stören sie nicht mehr die Kom-Frequenzen?«

SIE STÖREN SIE IMMER NOCH INNERHALB DER BUCHT. ABER DU HAST MICH DIREKT MIT DEM TÜRCOMPUTER VERBUNDEN, UND ICH SENDE DURCH IHN AN EINE KOM-EINHEIT AUSSERHALB DES STÖRFELDES.

»Ich brauche keine Einzelheiten. Ein einfaches Ja oder Nein hätte genügt.«

INKORREKT. DIE ANGEMESSENE ANTWORT WÄRE GEWESEN: NEIN, SIE STÖREN IMMER NOCH DIE KOMMUNIKATIONSFREQUENZEN, UND DANN HÄTTEST DU DICH GEWUNDERT, WIE ICH MIT DIR KOMMUNIZIERE.

»Deine höllische Ergebenheit an Einzelheiten wird noch meine Logikschaltkreise überladen. Versuch es noch mal mit einer einfachen Antwort: Was mache ich jetzt?«

WO BIST DU?

C-3PO sah sich um und nahm Informationen auf. Er befand sich an der Ecke zweier Raumhafenstraßen, in denen der Fußgänger- und Landspeederverkehr nun schnell zunahm. Er sah Menschen, Nichtmenschen, Droiden, selbststeuernde Transporter, Luftspeeder, Frachtspeeder.

Und Straßenbezeichnungen − sie waren oben an Pfosten angebracht. »Ich befinde mich offenbar an der Ecke von Längsstraße Vierzehn und Querstraße Fünf.«

GEH WEITER ZUR SÜDWESTECKE VON LÄNGSSTRASSE 25 UND QUERSTRASSE 10.

»Woher werde ich wissen, welches die Südwestecke ist?«

WENN ES DIR GELINGT, DORT INNERHALB DER NÄCHSTEN SIEBEN STANDARDSTUNDEN ZU ERSCHEINEN, IST OSTEN DIE RICHTUNG, IN DER SICH DIE SONNE BEFINDET.

»Sehr komisch. Haha.« Verärgert bis in seinen kybernetischen Kern machte sich C-3PO auf in die bezeichnete Richtung.

 

Han gab seine Versuche mit der Tür auf. Er ging zu der Pritsche, die an der Wand angebracht war, und setzte sich hin. »Ich kann das Zugangspaneel nicht aufkriegen«, beschwerte er sich. »Das Ding ist gebaut wie eine Gefängniszelle.«

»Das hier ist eine Gefängniszelle«, sagte Leia.

»Das erklärt vieles. Kannst du etwas tun? Mit der Macht?«

»Sicher, wenn ich mein Lichtschwert hätte.« Leia stellte sich in die Mitte des Raums, betrachtete die Luftschächte und den Schlitz in der Tür, der zweifellos dafür vorgesehen war, Essen hindurchzuschieben. »Das ich, wenn du dich erinnerst, zusammen mit deinem Lieblingsblaster zurückgelassen habe, weil sie beide leicht zu erkennen sind. Aber gib mir eine Minute.« Sie schloss die Augen und versuchte, sich in die Macht zu versenken, zu spüren, was immer sie ihr zeigen würde.

Sie konnte Lebewesen rings um sich her spüren, Hunderte, Tausende, zu viele, um sie zu zählen, wie es in jedem dicht bevölkerten Bereich der Fall war. Es gab keine Spuren von Energie der Dunklen Seite, keine Leuchtfeuer oder Anomalien, auf die sie sich konzentrieren konnte. Es gab allerdings die Tür, und obwohl Leias telekinetischen Fähigkeiten viel weniger ausgeprägt waren als die der meisten Jedi, verfügte sie doch über einige. Sie konzentrierte sich also auf die Tür und versuchte, ihre innere Struktur zu verstehen, wie die Macht sie ihr zeigte.

Sie konnte die metallische Kraft der Tür spüren und nahm kleine Unterbrechungen wahr, die wahrscheinlich bewegliche Teile waren. Bald schon hatte sie die Querriegel entdeckt, die verhinderten, dass die Tür aufschwang. Andere, weniger beeindruckende Verriegelungen waren dahinter angebracht, um zu verhindern, dass diese Querriegel sich verschoben.

Sie zupfte an dem unteren davon und spürte, wie er sich durch ihre Anstrengung ein wenig bewegte. Indem sie sich intensiver konzentrierte, spürte sie, wie er einen Moment herausrutschte, nur einen Moment, bevor eine andere Energie ihn wieder zurückzog.

Leia versuchte es noch einmal mit dem oberen Riegel. Auch ihn konnte sie einen Moment herausziehen, aber nicht lange genug, um den Hauptriegel aus der Position zu bringen.

Sie seufzte und öffnete die Augen. »Keine Chance«, sagte sie. »Jedenfalls nicht ohne viel Übung. In zwei oder drei Tagen komme ich vielleicht mit einem der Riegel zurecht. In ein paar Wochen könnte ich wahrscheinlich beide gleichzeitig schaffen und dieses Ding öffnen.«

»Schon gut«, sagte er. »Wir kommen schon irgendwie hier raus.«

»Und wie?«

»Keine Ahnung.«