Natürlich ist die Liebe schuld …
Es schneit. Und schneit. Seit Stunden wirbeln dichte weiße Flocken vor dem Fenster. Die Landschaft sieht ganz verzaubert aus. Alles ist mit einer weißen Decke aus Schnee bedeckt. Winterwunderland.
Nein, es handelt sich hier nicht um ein Weihnachtsmärchen. Sondern um meine erste Begegnung mit Madeira. Im weitesten Sinne zumindest.
Auf Madeira als Reiseziel bin ich durch Zufall gekommen. Natürlich ist allen Wissenden bekannt: »Zufälle gibt es nicht!«
Also gut, Tatsache ist: Eine gescheiterte Beziehung im herbstlichen Deutschland bringt mich dazu, möglichst einen Urlaub über Weihnachten in der Sonne zu planen. Dieses Jahr bitte keine Familie.
Keinen deutschen Christbaum, keinen Weihnachtsmarkt samt Glühwein und Bratwurst. Vor allem keine fürsorglich-neugierigen Menschen, die sich immer wieder nach meinem Befinden erkundigen.
Nach Madeira sind etliche preiswerte Flüge im Angebot. Und nachdem ich da schon immer mal hinwollte (der Portugalvirus!), gibt es nur eines: sofort buchen und dann nichts wie raus aus Kälte und Liebeskummer!
Ein traumhaftes Hotel hoch über dem Meer soll dazu beitragen, dass ich mich wieder wohlfühle. Ich möchte die »Insel des ewigen Frühlings« erforschen und wieder zu mir selbst finden.
Es ist ganz und gar nicht eingeplant, was dann passiert.
Ein ortskundiger Portugiese sorgt nämlich dafür, dass ich mich erneut verliebe.
Zunächst in Madeira, später in ihn. So fing alles an.
Das Winterwunderland vor meinem Abflug auf die atlantische Blumeninsel ist zwar hübsch anzuschauen. Aber ich kann dem heute so ganz und gar nichts abgewinnen. Denn leider sind nicht nur Häuser und Bäume, Parks und Gärten dick verschneit. Sondern auch alle Straßen. Die Schneepflüge räumen zwar zügig, aber in den Verkehrsnachrichten spricht man von Winterchaos und langen Staus. Mein Flug geht um neun Uhr morgens; das heißt: einchecken spätestens um halb acht. Das heißt weiter: Abfahrt zum Flughafen Stuttgart im Normalfall um sieben Uhr. Aber bei diesem Wetter? Werden wir überhaupt durchkommen?
Sicherheitshalber sollte man vielleicht mindestens zwei Stunden mehr einplanen. Hoffentlich klappt alles – ich bin mehr als nervös und gestresst. Das liegt nicht daran, dass ich unter Reisefieber leide. Ich habe einfach keine Lust, dieses Jahr Weihnachten in Deutschland zu verbringen. Mit all den unangenehmen Erinnerungen.
Die Fahrt zum Flughafen ist ein leichter Albtraum. Ständiger Blick auf die Uhr, ob wir rechtzeitig ankommen. Diese Sorge ist allerdings wirklich völlig überflüssig: Der Flug nach Funchal wird nicht nur einmal verschoben. Es wird 11 Uhr, 14 Uhr, 16 Uhr. Immer wieder werde ich vertröstet. Das fängt gut an. Aber endlich ist es so weit – ich bin unterwegs nach Madeira.
Ich erspare Ihnen den Bericht über die etwas länger als üblich dauernde Anreise. Es sieht so aus, als ob mein Madeiraurlaub nicht unter einem guten Stern steht. Wegen schlechten Wetters müssen wir nämlich auf Gran Canaria ausweichen. Erst am nächsten Morgen geht es weiter, und das Chaos an den Flughäfen auf den Kanaren und Funchal und danach mit dem Mietwagen ist eine Story für sich. Ich finde es außerdem überhaupt nicht angebracht, dass Madeira mich mit einem Regensturm begrüßt.
Erst als ich fast sechsunddreißig Stunden später als geplant endlich im Hotel in Ponta do Sol ankomme, finde ich ein bisschen zur Ruhe. Und treffe zum ersten Mal auf António, der hier im Hotel Manager ist.
Bei Liebeskummer badet man ja gern ein wenig in Selbstmitleid. Mir geht es zumindest so. Nach ein paar Tagen und weil auf Madeira wirklich alles passt – ja, da sieht es dann schon ganz anders aus.
Die Regenstürme sind vorbei, die Sonne strahlt vom knallblauen Himmel, kein Wölkchen ist zu sehen. Es ist sogar warm genug, dass ich am Weihnachtstag in den Pool springen kann. Dazu kommt die beeindruckende Landschaft: Die schmale Straße rund um die Insel, teilweise als Tunnel in den Fels gehauen, führt hoch über dem Atlantik entlang und bietet nach jeder Kurve einen grandiosen Ausblick. In der Inselhauptstadt Funchal lässt es sich bestens bummeln. Überall grünt und blüht es. Madeira ist wirklich herrlich. Gerade im Winter, und es erweist sich als perfekte Therapie gegen Liebeskummer.
Dass sich zudem ein netter Portugiese – der Manager aus meinem Hotel – um mich bemüht, krönt den Aufenthalt.
António hat eine kleine Inselrundfahrt mit mir gemacht.
»Darf ich dich zum Abschluss noch auf einen ganz speziellen Drink einladen?«
»Aber gern! Der typische Wein der Insel, also der Madeira, ist das aber nicht, oder?«
»Nein – das wäre ja langweilig, den kann man ja überall haben«, meint António. »Wir gehen in eine kleine Bar, die nur Einheimische kennen.«
In der Serra da Água, zwischen Ribeira Brava und São Vicente, links genau in einer unübersichtlichen Kurve, steht ein unscheinbares Haus. Eher ein etwas größerer Schuppen. Kein Mensch würde darin eine Kneipe vermuten. Es fällt allerdings auf, dass sowohl auf der schmalen Straße als auch auf dem zum Parkplatz umfunktionierten Hinterhof eine Menge Autos wild durcheinanderstehen. Alte und neue, sogar ein paar Luxusschlitten sind dabei. António stellt meinen kleinen Leihwagen dazu.
Im Schuppen ist die Hölle los. Ich bin die einzige estrangeira, rundherum nur Madeirenser. Es gibt eine winzige Theke, eigentlich nur ein Brett vor dem Eingang in einen kleinen Raum. Dahinter stehen zwei junge Frauen und ein älterer Mann. Ohne Pause produzieren die drei poncha. Einen Krug nach dem anderen.
Dazu isst man Erdnüsse, die man ganz frisch aus der Schale pult. Die Reste lässt man auf den Boden fallen. Genau wie Zigarettenasche und Kippen. Es stört niemanden – es gehört einfach dazu. Selbst wenn es aussieht wie bei Hempels unterm Sofa. Es wird geraucht, geredet, gelacht. Irgendwann holt jemand eine Gitarre raus, fängt an zu singen – und alle singen oder summen wenigstens mit.
Das erste Glas poncha schmeckt teuflisch gut. Leider auch das zweite – oder waren es gar drei? Man hätte sich danach sicher nicht mehr ans Steuer setzen dürfen, aber nachdem alle anderen auch fuhren …
Poncha bleibt mir in bester Erinnerung. Nach dem ersten Glas gibt es nämlich den ersten Kuss.
Kleine Notiz am Rande:
Poncha ist – selbstverständlich neben dem Madeirawein – das Nationalgetränk der Insel. Lecker, aber man sollte nicht mehr als maximal zwei genießen. Denn Poncha ist ziemlich stark.
Man nehme als Zutaten für 1 Glas: den Saft von einer Zitrone, den Saft von einer Orange, zwei Esslöffel Honig, 2 cl weißen Rum sowie eine geheime Menge aguardente de cana-de-açúcar. Mit anderen Worten: ganz nach Gusto. Dann alles mit einem Holzquirl vermischen – fertig. Genießen.
Ich habe wieder Spaß am Leben. Wie sagt man so schön? Auch andere Mütter haben hübsche Söhne …
Genau.
António ist ein netter Urlaubsflirt. Mehr habe ich nicht geplant, ich habe gar nichts geplant.
Mehr will ich auch nicht.
Was ich allerdings unbedingt will: wiederkommen.
Nicht wegen António, selbst wenn mir das keiner glauben wird. Sondern weil ich Madeira einfach wunderschön finde.
Mit meiner Freundin Anna fliege ich ein paar Monate später wieder auf die Insel. Und wie es der Zufall will (natürlich wissen wir alle: Zufälle gibt es nicht!), wohnen wir im selben Hotel – es ist einfach zu schön dort. Aber António arbeitet nicht mehr hier. Wo er abgeblieben ist? Wir sehen beide überhaupt keinen Grund, die anderen Angestellten hochnotpeinlich zu befragen.
»Ist nicht schlimm«, meine ich, »wir wollen schließlich die Insel erkunden, und das geht ohne Herrenbegleitung.«
Das findet Anna auch.
Allerdings: Bereits am zweiten Abend, als wir in einer Strandkneipe in Ribeira Brava bei Gambas und Wein sitzen, kommen zu vorgerückter Stunde noch ein paar Portugiesen ins Lokal.
António ist dabei, und diesmal funkt es gewaltig zwischen uns.
Anna spricht bereits vier Tage später davon, das Aufgebot zu bestellen. Ganz so schnell geht es zwar nicht, aber ich fliege in den kommenden Monaten mehrmals nach Madeira. Aus dem Urlaubsflirt wird eine Fernbeziehung, wir planen und überlegen, und letztendlich trifft António die Entscheidung: »Ich komme nach Deutschland!«
Es wird nicht einfach. Wir verstehen uns gut, unternehmen viel gemeinsam. António ist begeistert von meiner Heimat. Zumindest anfangs. Aber: Im Hotelgewerbe ist kein Job für ihn zu bekommen. Obwohl er mehrere Sprachen spricht, darunter auch Französisch, tut sich nichts, auch im nahen Frankreich nicht. António geht auf die Sprachenschule, aber Deutsch ist – wie Portugiesisch – wahrlich nicht leicht zu erlernen. Er will arbeiten, unbedingt – aber in seinem Beruf ergibt sich nichts. Über Wochen und Monate hinweg.
António jobbt im Straßenbau, in einer Gärtnerei; glücklich ist er nicht dabei. Mir geht es ähnlich: Mein »stolzer Portugiese« ist traurig geworden, es ist nicht nur Heimweh, es ist saudade. Das Gefühl, das jeder Portugiese kennt, wenn er außerhalb seiner Heimat lebt. Wobei, das lerne ich später, als ich in Portugal lebe, saudade nichts mit Heimat zu tun hat. Sondern eher mit einem allgemeinen Gefühl der Sehnsucht – nach einer verlorenen Liebe, nach der glorreichen Vergangenheit, der großen Zeit Portugals.
»Schwer erklärbar«, meint António ebenso wie seine portugiesischen Freunde. Ich finde immerhin heraus, dass das Wort als unübersetzbar gilt – dass nur Portugiesen es kennen und wissen, woran sie leiden.
Es nutzt nichts, dass wir andere Portugiesen kennenlernen – obwohl einer von ihnen eine Kneipe hat und so für die unerlässlichen kulinarischen Heimatgefühle sorgt; er hat sogar Stockfisch auf der Speisekarte, er schenkt Sagres und Superbock aus – portugiesische Biere. Aber wenn sie dann zusammensitzen, haben sie alle gemeinsam saudade.
Es hilft wenig, dass António hin und wieder nach Hause fliegt. Wenn er zurückkommt, dauert es ein paar Wochen, und er schiebt wieder Frust. Weil er nicht in seinem Beruf, den er über alles liebt, arbeiten kann. Weil er zwar Deutschland mag, meine Freunde ebenfalls, aber mit der Sprache nicht klarkommt. Fast zwei Jahre geht das so. Auf und ab, Liebesglück und saudade.
Ein Lichtblick tut sich auf: Portugal richtet 2004 die Fußballeuropameisterschaft aus. António hat in Lissabon ein Spitzenangebot in seinem Job bekommen. Wir überlegen, dass wir den anderen Weg gehen, dass ich nach Portugal ziehe. Die Liebe ist bekanntlich eine Himmelsmacht. Sie sorgt dafür, dass wir nicht nur alles rosarot sehen und auf Wolken schweben, sondern sie überwindet zudem so manche Ländergrenze. Zunächst von Madeira nach Deutschland, dann von Deutschland nach Portugal.
Warum eigentlich nicht?
Mir ist es zwar nicht völlig egal, wo ich wohne. Aber es hält mich nicht sehr viel in Deutschland. Meine Freunde sind weit verstreut, meine Familie lebt in Bayern – mehr als vierhundert Kilometer von mir entfernt. Ob ich also drei Stunden Flugzeit oder vier Stunden Autobahnfahrt auf mich nehme – das macht im Grunde keinen großen Unterschied.
Und meine Arbeit?
Den Nebenjob werde ich ohnehin bald kündigen. Der war von vornherein nur auf bestimmte Zeit angelegt. Meine Hauptarbeit, also journalistisch tätig zu sein, kann ich überall dort tun, wo es Computer und Internet gibt.
»Die gibt es in Portugal«, versichert António. Hätte es auch auf Madeira gegeben. Aber da hätte ich vielleicht nach ein paar Monaten den Inselkoller bekommen. Da ist mir das kontinentale Portugal eindeutig lieber. Wer weiß, was passiert wäre, wenn ich nach Madeira umgezogen wäre. Wir hatten das ja durchaus ins Auge gefasst.
Jetzt haben wir immerhin fast zwei Jahre zusammengelebt – Probezeit sozusagen. Was die Zukunft bringen wird, lässt sich eh nicht voraussagen. Beziehungen gehen auch in Deutschland gut – oder laufen schief. Sonst hätte ich António gar nicht kennen- und lieben gelernt.
Sind nicht aller guten Dinge drei? Erst entliebt, dann in Madeira verliebt und nun in António die große Liebe gefunden. Für Glück und ein gutes Leben gibt es keine Garantie. Emotionen können sich ändern, das weiß jeder, der ein wenig Lebenserfahrung hat.
Ich weiß: Ich würde mir selbst in ein paar Jahren Vorwürfe machen, wenn ich in Deutschland bliebe, wenn ich die Chance nicht beim Schopf ergreifen würde.
Für mindestens zwei Jahre bin ich finanziell abgesichert. António hat einen krisensicheren Job: Im Hotel- oder Restaurantgewerbe findet er immer Arbeit. Gerade in Lissabon. Wenn es da nicht klappt, dann eben an der Algarve.
Wir denken uns: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.
Portugal – wir kommen!