Kapitel 15

Vom (Alb-)Traumhaus ans Ende der Welt

Ich weiß ja, mich haben schließlich fast alle residentes vorgewarnt, dass die Bauweise der portugiesischen Häuser nicht so ganz dem gewohnten deutschen Standard entspricht.

Damit kann ich im Prinzip leben. Es macht mir beispielsweise gar nichts mehr aus, wenn ich im Winter trotz gewaltig prasselnden Kaminfeuers friere. Dagegen kann man etwas tun: Es gibt Wärmflaschen, es gibt Heizdecken, es gibt dicke Pullover und Wollsocken. Das hat zwar nicht mehr unbedingt etwas mit der Vorstellung zu tun, man lebe im warmen Süden. Aber wenn es denn hilft! Man sollte allerdings – kleiner Tipp – »vergessen«, davon zu erzählen, wenn man mit Deutschland telefoniert. Erstens glaubt’s daheim sowieso niemand, und zweitens sollen alle Zweifler ihre Erfahrungen gefälligst selbst machen.

Womit ich allerdings nur schwer leben kann: »Meine« wunderschöne quinta, das Casalinho do Outeiro, zeigt sich im zweiten Winter leider ein bisschen inkontinent. Mit anderen Worten: Wenn es regnet, regnet es nicht nur aufs Dach, sondern auch ins Haus.

Dona Isabela ist scheinbar einsichtig, sie verspricht mehrmals und nachdrücklich: »Ich werde mit Senhor Marco reden. Er wird das Dach richten lassen! Ganz sicher!«

Es passiert jedoch nichts.

Nicht nur im kleinen Flur zur Küche läuft das Wasser von der Wand. Nach ein paar Regentagen tropft es, an immer mehr Stellen, auch im Wohnzimmer von der Decke. Und in meinem Arbeitszimmer. Am Ende im Schlafzimmer.

Nun gibt es wirklich Schöneres, als auf einer feuchten Matratze zu nächtigen. Ich weiche auf die Gästecouch aus – dem mittlerweile einzigen Raum, in dem es weder von der Decke tropft noch Rinnsale an den Wänden zu sehen sind. Muss daran liegen, dass in diesem Raum im Erdgeschoss auch noch überall azulejos, Fliesen, sind.

Mit jedem Regentag werde ich wütender. Dona Isabela tangiert das allerdings nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Sie weiß zu berichten, dass sie früher im kleinen Torhaus wohnte, und dass es dort, nachdem ein Baum aufs Dach gestürzt war, wochenlang reinregnete. Sie hat das damals eigentlich gar nicht so schlimm gefunden. Mit anderen Worten: Es passiert nichts in Bezug auf mein Problem.

Vielleicht mag sie es gern feucht? Oder es war ein heißer Sommer, und der Regen brachte willkommene Abkühlung?

Ich will jedenfalls endlich ein trockenes Haus. Mir ist es ziemlich egal, ob Dona Isabela irgendwann einmal im Feuchten genächtigt und das anscheinend auch noch genossen hat. Ich will es jedenfalls nicht. Ich genieße es auch nicht.

Verschiedene Nachfragen bei Dona Isabela ergeben: Senhor Marco ist gerade verreist. Wofür ist sie Verwalterin? Kann sie da nicht selbst entscheiden? Schließlich handelt es sich um eine dringend notwendige Reparatur. Nicht um eine erweiterte Luxusausstattung. Sondern um etwas Grundlegendes. Nämlich ein dichtes Dach überm Kopf.

»Das geht nicht, Dona Isabela«, schimpfe ich. »Meine Bücher werden nass, überall riecht es modrig und muffig. Es tropft auf Elektrogeräte in der Küche, auf Fernseher und Stereoanlage. Und – das ist das Schlimmste – auf den Computer. Ich habe es satt, seit Wochen ständig alles mit Müllsäcken und Plastikplanen abzudecken! So kann ich nicht arbeiten! Und wenn ich nicht arbeite, gibt es kein Geld!«

Ah – dieser Satz scheint zu wirken. Es geht um die Mietzahlung. Da wird Dona Isabela plötzlich hellhörig. Nun kommt Bewegung in die Sache. Zumindest ein bisschen.

Es erscheinen zwei Herren, in feine Anzüge gekleidet, die sich, sehr fachmännisch dreinschauend, das Dach von außen und von innen – also innerhalb meiner vier Wände – ansehen.

Kurz vorher hat es zu regnen aufgehört. War ja klar. Man weiß also nicht exakt, an welchen Stellen das Wasser übers Dach einsickert. An den frisch gestrichenen Wänden sieht man es eher. Da fällt jede Wasserschliere auf.

Längere Konferenz im Garten. Erst zu zweit, dann mit Dona Isabela. Danach kommt sie freudestrahlend zu mir: »Morgen kommt jemand zur Reparatur. Sie können sich darauf verlassen.«

Ich lebe lange genug in Portugal (selbst wenn es erst zwei Jahre sind), um zu wissen: Morgen heißt nicht unbedingt morgen. Es kann auch bedeuten: übermorgen. Oder in einer Woche. Oder in quinze dias, was unserem »in zwei Wochen« entspricht. Das wiederum kann heißen: irgendwann einmal. Oder: nie.

»Wie sicher ist das mit ›morgen‹?«, frage ich nach.

»Ganz sicher!«

In diesem Fall habe ich Glück: »Morgen« ist tatsächlich am nächsten Tag. Die beiden Herren steigen mir, diesmal in Arbeitskleidung gewandet, aufs Dach. Was sie da oben genau tun, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sie mit einer Art silberner Folie, die erhitzt werden muss, die undichten Stellen abdecken. Danach kommt – es regnet nämlich gerade mal nicht! – ein ziegelfarbener Anstrich darüber, der nochmals extra Schutz bieten soll.

Der nächste Regenguss zeigt: Es funktioniert. Die Frage ist nur: Wie lange funktioniert es? Zum Glück haben wir erst einmal einige Wochen sonniges Wetter. Aber ich bin auf der Hut. Noch ist der Winter nicht vorbei. Noch kann viel passieren.

Kurz nach Weihnachten beginnt es erneut heftig zu regnen. Nun muss man wissen (ich wusste es vorher nicht), dass man Dacharbeiten nur dann durchführen kann, wenn es nicht regnet. Ich decke vorsichtshalber alles Wichtige im Haus mit Plastik ab. Wenigstens bleibt diesmal das Dach über dem Schlafzimmer heil, ich muss also nicht auf feuchten Matratzen und in klammen Decken schlummern.

Trotzdem kann es so nicht weitergehen, selbst wenn Dona Isabela mittlerweile eine Erklärung anbietet:

»Wissen Sie«, sagt sie, »Senhor Marco ist halt schon ziemlich alt. Und weil er weiß, dass seine Kinder nach seinem Tod die quinta verkaufen werden, möchte er nichts mehr investieren.«

Erst glaube ich, ich hätte mich verhört. Oder ihre Worte falsch verstanden. Dann wird mir klar: Sie meint es wirklich ernst. Ich zweifle nicht nur an meinem, sondern vor allem an Dona Isabelas Verstand.

Kann das mein Problem sein? Wegen der geldgierigen Erben von Senhor Marco soll ich in einem Haus leben, in dem das Wasser die Wände herunterrinnt und das Dach undicht ist?

So kann es nicht weitergehen. Also höre ich ab sofort auf, die Miete zu bezahlen. Ich teile dies vorher ausgesprochen höflich Senhor Marco direkt mit, auf Portugiesisch und Französisch, denn meine Freundin Petra spricht beide Sprachen fließend. Senhor Marco ist, wie ich mittlerweile herausgefunden habe, nämlich kein Portugiese, sondern Franzose.

Es passiert – erst mal – nichts.

Der Regen hört langsam auf. Der Frühling kommt. Es passiert immer noch nichts.

Mitte März kommt Senhor Marco zu Besuch auf die quinta. Natürlich bin ich auf eine heftige Auseinandersetzung gefasst. Schließlich habe ich drei Monate lang keine Miete bezahlt.

Senhor Marco reist wieder ab. Ohne das Gespräch mit mir gesucht zu haben. Lediglich Dona Isabela kommt danach bei mir vorbei: »Ich soll Ihnen ausrichten«, sagt sie, »dass Sie ihm die Miete endlich bezahlen sollen.«

»Sonst nichts?«

»Nein, sonst nichts.«

»Tja, dann …«

Kleine Notiz am Rande:

Im Grunde ist meine Entscheidung schon vor Wochen gefallen.

In den vergangenen Tagen bin ich mit sehr offenen Augen durchs Haus gelaufen, habe mir all jene Stellen angeschaut, die eindeutig Mängel aufweisen. Schließlich wusste ich ja, dass der Vermieter zu Besuch kommen würde.

Die Liste war ziemlich lang. Nicht nur die undichten Stellen im Dach, sondern etliche Fenster und Türen, die wegen der großen Feuchtigkeit nicht mehr richtig schließen; mittlerweile, im zweiten Winter, auch verschiedene großflächige Schimmelflecken in den Ecken und an manchen Wänden. Alles – Kleidung, Schuhe, Taschen, Bettwäsche, sogar die Bücher – muffelt. Riecht modrig. Manches ist verschimmelt und taugt nur noch für den Müll. Ich will das einfach nicht mehr. Es steht also wieder einmal ein Umzug an. Der vierzehnte in meinem Leben.

Ich habe mich schon umgesehen und war ein paarmal bei Freunden im Alentejo. Die Gegend mag ich, da hätte ich auch gleich gute Nachbarschaft. Aber die Angebote waren spärlich und zu teuer. Noch mehr Miete ausgeben will ich auf keinen Fall, außerdem möchte ich mich verkleinern. Für mich allein brauche ich kein Riesenhaus mit mehr als 120 Quadratmetern.

Es gibt nur zwei Bedingungen: Garten ist ein Muss. Und: Mein neues Heim darf nicht zu weit vom Meer entfernt liegen. Alles andere? Wird sich fügen.

»In der quinta halte ich es nicht mehr aus«, verkünde ich beim monatlichen Forumsstammtisch. »Also macht euch besser darauf gefasst: Vielleicht ziehe ich ins Alentejo oder sogar an die Algarve!«

Entsetzte Blicke. »Aber das kannst du doch nicht machen?! Dann sehen wir uns ja gar nicht mehr!«

»Hier in der Gegend ist es eben einfach zu teuer – zumindest für das, was ich mir vorstelle.«

Am nächsten Tag bekomme ich einen Anruf von einem Stammtisch-Bekannten: »Ich glaube, ich habe was für dich gefunden! Ich schicke dir gleich den Link!«

Ich schaue – und staune: Da wird ein Häuschen angeboten, wie für mich gemacht. Ein großer Garten, zweieinhalb Zimmer, kleiner Pool – und das Tollste: der Blick direkt auf den Atlantik. Auf den Leuchtturm am westlichsten Punkt Europas. Aufs Cabo da Roca. Hier war früher das Ende der bekannten Welt.

Die Miete ist in etwa das, was ich auch in der quinta bezahle. Also: Termin vereinbaren und Freundin Petra alarmieren, denn vier Augen sehen mehr als zwei.

Casa dos Dois Pinheiros steht auf den bunten azulejos, die am Eingang angebracht sind. Der Hausherr selbst ist noch nicht da, wohl aber die Maklerin, Dona Margarida. Es regnet in Strömen, als wir zur Besichtigung vorbeikommen.

Das Erste, was Petra sagt, ist: »Wenn du das hier wirklich bekommst, musst du dir noch einen Hund zulegen. Das Grundstück ist ja riesig!«

Mal sehen.

Das Haus ist nicht ganz so riesig, aber hat wirklich Flair. Alles ein bisschen verwinkelt, mit Stufen zwischen den einzelnen Räumen. Küche und Wohnzimmer sind ein großer Raum – genau so, wie ich es mag.

Mit Argusaugen schauen wir in jeden Winkel, in jede Ecke: Ist irgendwo ein Schimmelfleck? Sei er auch noch so winzig klein – denn dann verzichte ich lieber. Riecht es etwa nach lixívia, dem portugiesischen Allheilmittel gegen Schimmel, Schmutz und alles andere, was gebleicht besser aussieht? Der geringste »Duft« würde bedeuten: Nichts wie weg, hier will ich nicht wohnen. Schließen Fenster und Türen? Jeder Spalt am Fenster heißt: Es zieht – und ist im Winter kalt und feucht. Sieht man etwa gar Wasserstreifen an den Wänden? Aha – dann wäre das Dach nicht dicht.

Wir entdecken keine Mängel. Keine Flecken, kein Schimmel. Kein modriger Geruch, nicht mal in den Küchenschränken oder im begehbaren Kleiderschrank (wollte ich immer schon mal haben!).

Alles ist liebevoll eingerichtet. Genau das ist aber leider ein Manko: Denn ich habe bekanntlich Möbel. Warum wird in Portugal immer alles möbliert vermietet?

»Meinen Sie denn«, taste ich mich an Dona Margarida heran, »dass das Häuschen auch leer zu haben ist?«

»Da muss ich nachfragen, aber ich denke schon.«

»Und wie hoch ist die Miete genau?«

»Machen Sie sich keine Sorgen«, meint Dona Margarida, »da kann man sicher nochmals darüber reden.«

Da kann man darüber reden? Wie kommt das denn?

Ein paar Minuten später weiß ich den Grund: Hausherr Senhor Filipe möchte keine Quittungen ausstellen. Mit anderen Worten: Er verzichtet darauf, das Finanzamt mit Abgaben für seine Mieteinnahmen zu belästigen.

»Das ist natürlich verhandelbar«, raunt mir Petra zu. »Biete erst mal mindestens hundert Euro weniger!«

Ob das klappt? Bis jetzt habe ich meine Miete noch nie »verhandeln« können. In Deutschland geht so etwas gar nicht, und in Portugal hat es sich bislang auch noch nicht ergeben. Bei der ersten Wohnung waren wir in Zeitdruck und dachten nicht daran, auch António nicht, der diese Landessitte sicher kennt. Und von dem Häuschen in der quinta waren wir so begeistert, dass uns ebenfalls nicht nach Handeln und Schachern zumute war.

»Doch«, bestärkt mich Dona Margarida, »fragen kostet nichts!«

Okay, wenn die beiden meinen …

Senhor Filipe ist einverstanden. Unter einer Bedingung: »Ich möchte einen Mietvertrag über fünf Jahre«, sagt er. »nicht nur für ein Jahr. Ich bin es leid, ständig neue Mieter zu suchen.«

Na, wenn das nicht in meinem Sinn ist!

So bekomme ich den Mietvertrag für die Casa dos Dois Pinheiros. Erst Wochen später übrigens fällt mir auf: »›Haus der zwei Kiefern‹ – wo sind die denn? Ich sehe nur eine, direkt vor dem Eingang.«

»Die andere«, erklärt Senhor Filipe, »ist vor ein paar Wochen im Sturm umgestürzt. Ich musste sie fällen lassen.«

Es geht dann alles sehr schnell über die Bühne. Mitte April werden meine Sachen gepackt. Ich verlasse das Casalinho do Outeiro mit ein bisschen Wehmut im Herzen, aber vor allem viel Vorfreude auf mein neues Zuhause. Jens und seine Spedition sind natürlich wieder dabei. Kurz vor dem portugiesischen Nationalfeiertag am 25. April, dem Dia de Liberdade, ziehe ich in Azóia ein.

Die erste Nacht ist allerdings ein bisschen sehr chaotisch: Die Schrauben fürs Bettgestell sind nämlich verschwunden (und tauchen prompt zwei Wochen später in einer Kiste auf). Also: Schlafen auf dem Sofa ist angesagt, was ich hasse und was meinem Rücken so gar nicht guttut. Aber ich bin müde genug und schlafe wie ein Stein.

Leider muss ich außerdem eiskalt duschen. Beklagen kann ich mich bei niemandem – das scheint bei neuen Wohnungen mein Schicksal zu sein –, denn Senhor Filipe ist geschäftlich unterwegs. Erst als er wiederkommt, erfahre ich den kleinen Trick bei der Dusche: Kalt- und Warmwasserhahn sind beim Bau vertauscht worden. Wenn man es weiß, kein Problem.

Außerdem hat Senhor Filipe eh mein Herz erobert (im ehrenwertesten Sinn!): Erstens hat er die ganze Woche vor meinem Einzug gewerkelt, weil er mir Haus, Garten und Pool perfekt übergeben wollte. Zweitens hat er mir bereits einen Gärtner besorgt, denn die fast tausend Quadratmeter Grund mit Rasen und Hecke und Blumenbeeten schaff ich nicht allein. Ich kann seine Gartenwerkzeuge benutzen, meint er, auch den Rasenmäher. Bestens. Drittens: Als ich am Umzugstag ins Haus komme, finde ich auf der Küchentheke einen Blumenstrauß, zwei Gläser, eine Flasche vinho tinto, einen Korkerzieher (der Mann denkt mit!) und einen Brief von Senhor Filipe: »Welcome home, Christina.«

Er wünscht mir alles Gute und freut sich darauf, nicht nur Hausherr und Nachbar zu sein, sondern dass wir gute Freunde werden.

Was will man mehr?!

Im Dorf weiß man schnell Bescheid, dass Senhor Filipe eine neue Mieterin hat. Nach zwei Tagen grüßt man sich; wenn ich die Dorfstraße entlangfahre, winkt man mir zu.

Eine Nachbarin entdecke ich auf dem kleinen Bauernmarkt, der an jedem Wochenende und an Feiertagen drei Kurven weiter in Richtung Colares stattfindet: Dona Joana ist knapp achtzig Jahre und ist – wie mir Senhor Filipe verrät – eine der reichsten Frauen im Dorf. Ihr gehören etliche Häuser und Grundstücke. Aber sie verkauft auf dem Markt Blumen, Eier, Gemüse aus dem eigenen Garten.

Nebenan am Stand bekomme ich von einer anderen Nachbarin, Dona Glória, frische Erdbeeren und so wichtige Dinge wie Zwiebeln und Knoblauch, denn die habe ich natürlich beim Umzug nicht mitgenommen.

Meine Portugiesischkenntnisse bekommen einen echten Schub. Senhor Filipe spricht zwar perfekt Englisch, die neuen Nachbarn jedoch nicht. Das hindert aber niemanden daran, mich anzusprechen, mich zu fragen, wie es mir geht. Und: Hilfe anzubieten, wenn irgendetwas fehle. Etwa Dona Nelinha, die Frau des über achtzigjährigen Bauern Senhor Narciso (der neben zahlreichen Hühnern einen Esel und Schafe sein Eigen nennt. Doch dazu später mehr!).

»Tá boa?«, fragt sie mich. Und dann gleich nach meinem Alter.

Wieder einmal verwechsle ich fünfzig und fünfhundert (ich lerne es wohl nie!) und behaupte stolz: »Tenho quinhentos e dois anos!« – »Ich bin 502 Jahre alt!«

Klar, dass sie kichert.

»Não, desculpe se faz favor. Naturalmente tenho cinquenta e dois anos!« – »Nein, entschuldigen Sie bitte. Natürlich bin ich zweiundfünfzig Jahre!«

Dann soll ich raten, wie alt sie ist. Schwierig, aber ich schätze sie mal auf fünfundsechzig.

»Nein, nein«, sagt sie stolz. »Ich bin eben achtzig geworden.«

Ich gratuliere ihr zu ihrem jugendlichen Aussehen. Sie freut sich – und meint dann: »Wenn Sie irgendein Problem haben, Dona Cristina, wir sind Ihre Nachbarn, bitte kommen Sie zu uns. Mein Mann und ich helfen Ihnen gern!«

Im Café am Dorfplatz ist der Treffpunkt für alles und alle. Wer hier sitzt, auch nur ein Stündchen, sieht alles Wichtige passieren. Hier werden die Pakete abgegeben, falls ich mal nicht zu Hause bin, wenn der Postbote kommt. Gegenüber in der winzigen Markthalle verkaufen Bäuerinnen jeden Morgen Gemüse und Obst, am Ortseingang ist ein kleiner Metzgerladen: Der talho kommt einmal die Woche und bietet frisches Fleisch und chouriços. Einmal wöchentlich kommt der Käsewagen nach Azóia. Und ein mobiles Postamt.

Landleben – aber ich genieße es.