Klüngel in der Quinta
Auf Neudeutsch sagt man Networking dazu. In Köln nennt man es liebevoll Klüngel; etwas pikiert spricht man anderswo von Vetternwirtschaft oder »Vitamin B«, unfreundlich sogar von Seilschaften oder böswillig von einer »Besetzungscouch«. Gemeint ist aber immer dasselbe: Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der weiß, wo man etwas günstiger bekommt. Oder der einen Bekannten hat, der einem einen Gefallen schuldig ist. Wobei »Gefallen« nicht mal eine größere oder etwa gar kriminelle Angelegenheit bedeuten muss. Wir sind hier ja nicht beim Paten und der Mafia.
Beziehungen sind das A und O in Portugal. Jeder Portugiese weiß das von klein auf und fängt deshalb schon als Kleinkind an, sich seine cunhas aufzubauen. In der Familie sowieso, und weil man hier sehr oft, gerade auf dem Land, noch in Großfamilien lebt – drei Generationen unter einem Dach sind keine Seltenheit –, wird da schon mal eine vernünftige Basis gelegt. In der Nachbarschaft und im Dorf kommen dann noch Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, Schwägerin und Schwager und selbstverständlich deren Familien hinzu. Flugs ist man so mit dem ganzen Dorf mehr oder weniger verbandelt, cunhas eben.
Optimal wird es, wenn der eine oder andere vom Dorf in die Stadt zieht, vielleicht in einer Behörde oder gar bei der Polizei arbeitet. Oder in einer Firma, die günstigerweise genau das Autoersatzteil herstellt, dass man selbst gerade braucht. Klar, dass man diese cunhas aus- und benutzt.
Kleine Notiz am Rande:
Das portugiesische Wort cunhas bedeutet »Keile«. Auf gar keinen Fall sollte man jedoch den Fehler begehen, einen Zusammenhang mit dem deutschen Begriff »Klassenkeile« oder »Keile beziehen« herzustellen. cunhas sind genau das Gegenteil!
Ich selbst habe schon etliche dieser Spezialbeziehungen. Meine kulinarischen beispielsweise, bei denen ich weiß, wer hervorragende lulas recheadas zubereitet, oder wo ich mestre Zé treffen kann, um frischen Fisch zu bestellen. Oder die zu Handwerkern: Mein Automechaniker kennt einen Elektriker, und der weiß von einem Lackierer, und dieser wiederum hat, das stellt sich im Smalltalk heraus, einen Cousin, der bei der GNR, also der Polizei, arbeitet.
Dazu kommen viele kleine Alltagssituationen. Im Grunde sind das nämlich auch cunhas, denn so, genau so, fängt man an, sich ein Netz von Personen aufzubauen, die man kennt, die man freundlich grüßt, mit denen man vielleicht mal eine bica nimmt oder mit denen man ein imperial oder einen vinho tinto trinkt. Und wenn man da mal einen Tipp braucht oder eine Putzfrau sucht oder sonst um guten Rat verlegen ist, kann es gut sein, dass genau einer von jenen behilflich sein kann oder jemanden kennt … Sie wissen schon.
Es reicht schon, dass ich zum zweiten oder dritten Mal ins Postamt komme, und schon brauche ich beim Abholen eines Pakets nicht mehr meinen Ausweis vorzuzeigen. Oder die Dame hinter dem Schalter erkennt einen und winkt einen deshalb nach vorne. Das klappt natürlich nur dann, wenn vor einem in der Schlange nicht noch weitere Bekannte der Schalterdame stehen. Andere Postkunden – zum Beispiel Touristen – hätten dann vermutlich wenig zu melden. Man hält ein Schwätzchen, denn schließlich muss man sich austauschen, um auf dem Laufenden zu sein. Und jeder muss natürlich alle eigenen cunhas pflegen. Auch die Schalterdame …
Am besten ist es natürlich, wenn cunhas so ablaufen, dass man selbst gar nicht mal erst in »Vorleistung« treten muss. Und genau das passiert António und mir.
Seit einigen Wochen treffe ich mich regelmäßig mit Petra. Sie ist Physiotherapeutin, und ich bin bei ihr in Behandlung. Wir sind uns sympathisch geworden, treffen uns auch privat, plaudern viel miteinander. Petra ist eine sehr engagierte Tierschützerin, und so bleibt es natürlich nicht aus, dass wir uns über ihren »Nebenjob« unterhalten: Sie selbst hat fünf Vierbeiner und sucht immer Menschen, bei denen sie noch den einen oder anderen Hund aus dem Tierheim oder von der Straße unterbringen kann.
Ich hätte schon ganz gern einen Hund, und zwar einen großen, aber ein großer Hund in der Wohnung geht einfach nicht. Leider aber haben wir in São Domingos de Rana bekanntlich aber nur eine Wohnung und kein Haus mit Garten. Schade.
Ein paar Tage nach diesem Gespräch komme ich zu Petra in die Praxis, und sie strahlt übers ganze Gesicht.
»Was ist passiert?«, will ich wissen. »Hast du im Lotto gewonnen?«
»Nein – aber ich weiß vielleicht ein Haus für euch! Ganz in der Nähe, in Cascais!«
Ich kann es kaum glauben.
»Das ist doch bestimmt teuer – in Cascais sind die Mieten ja …«
»Das hier nicht«, freut sich Petra. »Es steht auf dem Gelände eines alten Gutshofs, einer quinta. Mit Riesengarten. Es gibt sogar einen Pool!«
Ich kann es kaum glauben. Interessiert bin ich natürlich – man weiß ja nie: Es könnte ja etwas dran sein. Abends berichte ich António, der ebenfalls skeptisch ist.
»Preiswerte Miete in Cascais?«, fragt er stirnrunzelnd. »Und dann noch mit Pool? Das gibt es nicht!«
»Aber andererseits, querido«, meine ich, »anschauen kostet nichts!«
Findet António auch.
Also frage ich beim nächsten Termin in Petras Praxis nochmals nach.
Sie lächelt verschmitzt. »Ich muss mal telefonieren!« Verschwindet nach draußen. Ich höre sie mit jemandem auf Portugiesisch verhandeln. Dann kommt sie strahlend wieder: »Ihr könnt euch das Haus in den nächsten Tagen anschauen. Dona Isabela weiß Bescheid – hier hast du ihre Telefonnummer.«
Ich kann es kaum erwarten, nach Hause zu kommen.
António greift gleich zum Telefon.
»Und?« Mann, bin ich gespannt.
»Wir haben morgen einen Besichtigungstermin«, sagt er freudestrahlend zu mir.
Ich kann es kaum glauben, dabei weiß ich doch mittlerweile, wie das läuft in Portugal: Man kennt jemanden, der jemanden kennt, der einen Cousin hat, dessen Schwägerin eine Tante hat, deren Bruder einen Immobilienmakler kennt, der zufällig gerade ein Haus frisch angeboten bekommen hat und der bereit ist …
Über ganz so viele Ecken läuft es bei uns aber nicht: Dona Isabela ist schlicht und einfach ebenfalls in Petras Praxis zur Behandlung. Da unterhält man sich eben mal. Auch über Häuser.
In der Rua dos Platanos, der Platanenstraße, sind viele große Villen. Hinter undurchdringlichen Hecken und hohen Mauern verborgen, ganz am Ende der Straße, ist eine Toreinfahrt. Daran ein Marmorschild, etwas verwittert: Casalinho do Outeiro steht dort eingraviert. António übersetzt: »Kleines Gut am Hügel«.
Wo ist hier ein Hügel? Ich sehe auch keinen Gutshof. Die schmale Schotterstraße führt durch eine Allee, vielleicht 150 Meter. Alte Bäume, tief hängende Äste.
»Ob da ein Umzugs-Lkw durchkommt?«
Rechts ein Zaun, dahinter ein verwilderter Garten. Links unbebautes Gelände, ein altes Mäuerchen. Dahinter, vielleicht hundertfünfzig Meter weiter, ein paar Baustellen; hier entsteht eine neue schicke Wohnsiedlung.
Am Ende der Zufahrt sehen wir ein lang gestrecktes Gebäude, weiß gekalkt, mit den typischen blauen Umrandungen von Fenstern und Türen. Der Weg macht eine scharfe Rechtskurve und führt am Gebäude entlang. Wieder eine Kurve, dann eine Toreinfahrt: Wir stehen vor der quinta. Vor unserem künftigen Zuhause?
Rechts und links neben der Einfahrt sind Torhäuser errichtet: das eine mit winziger Grundfläche, aber zwei Stockwerke hoch. Das andere ebenerdig, mit ummauertem kleinem Garten. Es ist einfach bezaubernd: Überall wachsen prächtig blühende Bougainvilleen, ranken sich Glyzinien und Efeu an den Hausmauern empor. Leider aber wohnt da jemand, wie man an der Wäscheleine erkennt, die voll behängt ist mit frisch gewaschenen Handtüchern und Kleidungsstücken.
»Vielleicht ziehen die ja aus?«
Wir fahren mit dem Auto ins Gelände hinein, da kommt uns schon eine junge Frau entgegen: Dona Isabela. Sie ist, das weiß ich von Petra, die Verwalterin. Wir parken, steigen aus – und sind einfach nur begeistert.
»Genau so möchte ich wohnen«, platze ich heraus. »Wir werden doch nicht etwa Glück haben? Was meinst du, querido?«
António kann es ebenfalls kaum fassen: »Wenn hier wirklich etwas frei ist, und dazu der Preis stimmt – wir wären verrückt, nicht hier einzuziehen!«
Dona Isabela begrüßt uns und bittet uns erst einmal in ihr eigenes Haus. Es steht mitten im Gelände, umgeben von hohen Kiefern, Kakteen. Kleine Torbögen führen verwinkelt zu schmalen Pfaden, alles ist über und über bewachsen mit den violetten Blüten der Bougainvilleen. Dazwischen hübsch angelegte Beete. Dona Isabelas Haus ist einfach eine Wucht: Der Eingang öffnet sich zu einem Mini-Korridor, rechts führen ein paar Stufen in die kleine Küche, links geht es zu einem riesigen Wohnzimmer. Eine große zweiflügelige Terrassentür mit Sprossenfenstern führt ins Freie. Oben sind, direkt unter dem Dach, wie in einem kleinen Turmaufbau, noch zwei winzige Räume: das Bad und das Schlafzimmer von Dona Isabela.
»Vom Bad aus kann ich sogar das Meer sehen«, sagt sie.
Das kann ich leider nicht beurteilen und muss es deshalb glauben, weil ich mich dafür nicht unbedingt in die Badewanne setzen wollte. Schließlich möchten wir als potenzielle Mieter zeigen, dass wir eine gute Kinderstube haben.
»Da drüben ist das Haus, das vermietet werden soll«, sagt Dona Isabela. António und ich können es nicht fassen: Genau das lang gestreckte Gebäude, auf das wir gerade eben zugefahren sind. Es ist das mittlere zwischen dem zweistöckigen kleinen Torhaus und einem weiteren Häuschen mit ebenfalls zwei Etagen, das durch eine Terrasse mit »unserem« Haus verbunden ist.
»Schau mal, das sind azulejos«, begeistere ich mich. Die ganze Terrasse ist über und über mit wunderschönen Fliesen verziert.
Dona Isabela freut sich, dass die quinta uns so gefällt. Sie zeigt uns das ganze Gelände, und dann flippe ich beinahe aus: Ein Kiespfad führt zwischen Rasenflächen entlang und direkt auf einen Pool zu. Keine größere Badewanne, kein runder Plastikpool. Sondern ein Becken, in dem man richtig schwimmen könnte. Wenn man denn hier wohnen dürfte. Sogar ein Poolhaus gibt es, mit Sonnenliegen und -schirmen.
»Das muss einfach klappen«, flüstere ich António zu. »Sieh zu, dass es klappt! Rede mit ihr!«
»Mach ich ja«, raunt António zurück. »Lass uns mal das Haus anschauen!«
Dona Isabela holt die Schlüssel, und wir gehen gemeinsam zum Haus. Es ist wirklich verlockend. Frisch gestrichen, eine kleine Küche, ein renoviertes Badezimmer. Die Miete ist in Ordnung: 50 Euro mehr als jetzt, aber dafür hätten wir ein ganzes Haus mit parkähnlichem verwunschenem Garten und – den Pool! Wir überlegen hin und her, aber: Es ist einfach zu klein. Nur zwei Zimmer. Vor allem: Wir haben eigene Möbel, das Haus gibt es aber nur komplett ausgestattet.
Unsere Enttäuschung ist groß. Nein: riesig.
Dona Isabela scheint auch traurig zu sein. Sie scheint zu überlegen.
»Wären Sie denn bereit«, fragt sie António, »ein bisschen selbst Hand anzulegen?«
Klar sind wir bereit. Aber welchen Grund sollte es dafür geben? Das Haus ist doch renoviert?
»Ja«, sagt Dona Isabela, »das hier schon. Aber das Nebenhaus ist ebenfalls frei, nur muss da halt noch eine Menge gemacht werden. Deswegen steht es noch nicht zur Vermietung.«
Anschauen kostet bekanntlich nichts.
Wir wandern gemeinsam über die azulejo-Terrasse. Gehen vier Stufen hinunter. Stehen vor einem Eingang, der mit einem zwar vertrockneten, aber ausbaufähigen kleinen Felsgarten bestückt ist. Rechts neben der Tür eine Nische, in der eine Bodenvase mit vertrockneten Pflanzen steht. Dona Isabela schließt die Tür auf.
Ein gefliester Vorraum, in den locker meine Schlafcouch passt. Übernachtungsmöglichkeit für unsere Gäste? Dahinter öffnen sich zwei Rundbogenfenster in den riesigen Wohnraum. Ein großer Kamin – da könnte man zwar keinen Ochsen, aber bestimmt ein leitão, das berühmte portugiesische Spanferkel, am Spieß braten. Ein kleiner Flur führt weiter in die Küche. Na ja: Küche kann man es nicht nennen. Besser: ein Raum, in dem man bestens eine Küche einrichten kann.
Vom Wohnzimmer schwingt sich eine Holztreppe nach oben zu einer Galerie, da sind noch zwei kleine Zimmer – mein Arbeitszimmer? Das andere mit kleiner Terrasse und gemauerten Stufen wieder nach unten: unser Schlafzimmer?
Uralte Möbel stehen herum, zerbrochen. An den Wänden hängen Gemälde – der Vormieter war Hobbymaler. Alles ist etwas heruntergekommen. Trotzdem sind António und ich uns einig: Das ist es! Daraus kann man etwas machen, das wird unser Paradies.
Mit Dona Isabela werden wir uns schnell einig. Dieses Häuschen ist größer als das uns zuerst angebotene. Ein ganzes Stück größer. Aber weil wir selbst renovieren wollen – nur den Maler stellt uns Dona Isabela –, bekommen wir es für die gleiche Miete. Natürlich muss erst mit dem Hausherrn Rücksprache gehalten werden.
»Aber das wird kein Problem sein«, sagt Dona Isabela. »Senhor Marco ist bestimmt einverstanden! Vor allem, wenn Sie selbst mit anpacken!«
Am nächsten Abend haben António und ich Grund zum Feiern, gemeinsam mit Petra: Wir bekommen das Häuschen. Aber:
»Eine Bedingung allerdings gibt es noch«, grinst Petra.
Aha, wusste ich es doch, denke ich geschockt. War ja klar, dass es da noch einen Haken gibt!
»Wenn das klappt, müsst ihr einen Hund aus dem Tierheim holen«, sagt Petra.
Na – das ist ja beinahe Ehrensache …
Es wird viel zu tun geben. Aber das ist eine Arbeit, die Spaß machen wird. »Und zur Erfrischung«, träume ich bereits laut vor mich hin, »hüpfe ich zwischendurch in den Pool.«
»Wohl eher nicht«, grinst António. »Wir haben jetzt Oktober. Wenn alles klappt, ziehen wir Ende Dezember um. Da ist es sogar in Portugal zu kalt zum Schwimmen …«
Wir haben uns das Ganze natürlich noch genauer angesehen: Das Dach scheint relativ neu zu sein. An den Innenwänden gibt es keinerlei Spuren von Wassereinsickerung vom Dach her; die Wände sind relativ sauber, vor allem ohne Schimmelflecken. Sie müssen zwar geweißelt werden, klar, aber das übernimmt der Hausherr.
Der Riesenkamin wird den Wohnraum einigermaßen heizen. Vor dem Haus ist, direkt neben der Eingangstür, ein Schuppen, in dem wir das Brennholz stapeln werden. Künftig kaufen wir das Kaminholz nämlich getrocknet und tonnenweise (hier wird nicht per Kubikmeter geliefert) und nicht mehr in feuchten Plastiksäcken aus dem Supermarkt.
Für die beiden kleinen Räume oben werden wir uns Gasöfen oder Ölradiatoren zulegen. Und eine Heizdecke kommt her. Das ist ein Muss. Auf jeden Fall.
Und dann geht alles Knall auf Fall: Am folgenden Montag kommt die erste Spedition für einen Kostenvoranschlag. Siehe da – es ist João, der eigentlich Jens heißt und vor einem guten halben Jahr beim Ausladen meiner Möbel in São Domingos geholfen hat. Von dessen Sprachkenntnissen António so begeistert war. Weil er uns bereits kennt, macht er uns einen guten Preis.
Sind das jetzt auch cunhas?
Außerdem hat António seine Beziehungen ebenfalls spielen lassen: Ein Arbeitskollege hat einen Cousin, der Küchenbauer ist. Senhor Alfredo sieht sich die jetzt leere Küche an, misst alles aus und macht uns ein orçamento, einen Kostenvoranschlag. Ich staune über den günstigen Preis.
Wir sind einverstanden, und Senhor Alfredo schwört: »Bis Weihnachten baue ich Ihnen die Schränke und passe sie mit der Arbeitsplatte in der Küche ein. Herd und Backofen sind ebenfalls kein Problem, denn ich habe einen Schwager, der betreibt ein Elektrogeschäft mit Haushaltsgeräten. Und sein Bruder schließt Ihnen alles an. Sie müssen nur den Umzug organisieren!«
Schon wieder cunhas – ich wusste doch, dass das in Portugal unerlässlich ist!
Kleine Notiz am Rande:
Die ersten wirklichen Erfahrungen mit portugiesischen Handwerkern sind übrigens nicht viel anders als in Deutschland: Wenn sie sagen, sie kommen, kommen sie nicht.
Andererseits: Die Küchenmöbel haben wir nach Maß bestellt, und sie sind einen Tag vor dem vereinbarten Termin fertig.
Dafür ist der Maler ein bisschen daneben. Er kommt, arbeitet zehn Stunden – und ich stelle am Abend fest: Er hat um die noch an der Wand hängenden Bilder, die wir schön finden und die deshalb von Dona Isabela nicht abgehängt wurden, herum gemalt. Also muss er nochmals kommen. Tut er auch, entschuldigt sich vielmals und streicht abermals die Wände. Diesmal richtig.
Für die anderen Arbeiten – Gas und Wasser sowie das Fliesenlegen in Küche und Bad, für Wasserhähne und Neueinbau von Waschbecken und Toilettenschüsseln – veranschlagen Klempner und Fliesenleger (eine cunha von Senhor Alfredo beziehungsweise Dona Isabela) eine Woche. Und rücken, nachdem sie uns dreimal terminlich hängenlassen, dann mit vier Mann an und schaffen es in vier Tagen. Kann man nicht meckern.
Kaum zu glauben, aber es klappt wirklich alles: Kurz vor Weihnachten ist im Haus, in der Casalinho de Outeiro Nr. 4, alles fertig. Sogar die PTelecom war pünktlich da. Manchmal geschehen Wunder in Portugal.
António bittet mich dringend: »Ich möchte den Umzug diesmal allein stemmen. Du hast letztes Mal alles gemacht. Flieg doch über die Feiertage heim nach Deutschland – und wenn du wiederkommst, ist alles erledigt!«
Dieses Angebot ist verlockend. Weihnachten in Deutschland bei meiner Familie ebenfalls. Nicht weil ich Schnee und Kälte vermisse. Aber meine Lieben wiederzusehen, mich mit Freunden spontan auf ein Glas Wein zu treffen – das würde mir schon gefallen. Keine Kisten einpacken zu müssen, kein Nervenbündel zu sein, ob alles klappt und wie es klappt und warum es nicht klappt. Ich muss zugeben: Das wäre sehr angenehm.
Das einzig Schlimme: Ich werde nicht mit meinem Liebsten Weihnachten und Silvester feiern können. Zumindest dann nicht, wenn ich einen günstigen Flug ergattern will. Alle Maschinen, die am 31. Dezember nach Lissabon fliegen, sind ausgebucht.
»Ich werde doch sowieso arbeiten müssen, querida«, meint António, »also ist es besser, wenn du bei deiner Familie und deinen Freunden bist, als hier wieder im Chaos zwischen Kisten und Gepäck. Lass uns doch lieber nach dem ganzen Stress ein paar Tage gemeinsam nach Madeira fliegen – auf unsere Insel!«
Gute Idee!
Ich komme am 1. Januar mittags am Flughafen an.
»Alles hat bestens geklappt«, berichtet António. »Natürlich steht noch viel herum. Aber das wollen wir ja gemeinsam aufräumen!«
Stimmt, und ich bin ja auch gut erholt. Allerdings weiß António noch zu berichten: Bedauerlicherweise ist kein heißes Wasser verfügbar. Im ganzen Haus nicht, und Dona Isabela ist über die Feiertage nicht da, sonst hätte man vielleicht bei ihr im Badezimmer – mit Meerblick – Asyl finden können.
»Ich fahre seit Tagen in unsere alte Wohnung und dusche dort«, berichtet António. »Ich weiß nicht, warum das hier nicht funktioniert, aber morgen rufe ich gleich Senhor Alfredo an!« Der war nämlich zwischen Weihnachten und Neujahr ebenfalls nicht erreichbar.
Die Handwerker haben zwar den Heißwasseranschluss (den Boiler mit den Gasflaschen) angebracht – aber es tut sich nichts. Zum Duschen fahren wir also mal eben ein Viertelstündchen und zwölf Kilometer. Einfache Strecke. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Der Rest des Hauses aber ist perfekt.
Ich muss zugeben, António hat mit seinen cunhas gute Arbeit geleistet. Abfall und Sperrmüll sind entsorgt – und das waren ganze Berge. Die Schwester eines Freundes hat ihm ihre Putzfrau »geliehen«: Das Holz der Treppe und Galerie ist eingelassen und sieht fast wie neu aus. Küche und Bad sind geputzt, alles blitzt und blinkt.
Nur das heiße Wasser fehlt.
Sogar die neue blaue massive Holztür zur Auffahrt hin ist fertig geworden und eingehängt. Die hatte ich mir gewünscht, weil unser Häuschen das erste an der Straße ist und als Einziges einen Ausgang zur Auffahrt hat. Wir sind sozusagen für jeden Bösewicht und Räuber die erste Anlaufstelle.
António hat zusätzlich für eine »Alarmanlage« gesorgt: Weil es in der gesamten Casalinho do Outeiro keine Türklingeln an den einzelnen Häuschen gibt, hat er mir als Weihnachtsgeschenk eine Schiffsglocke angebracht. Wenn ich die läute, ist das so laut, dass die Polizei wegen Ruhestörung und Lärmbelästigung anrückt. Eine lustige Idee und die Aufschrift »Titanic 1912« nehme ich als gutes Omen. Sogar Holz für den Kamin ist bereits geliefert und gestapelt. Ein Feuerchen im Kamin flackert fröhlich vor sich hin.
Nur das heiße Wasser fehlt.
Wir checken nochmals gemeinsam die Gasflaschen. Sie sind voll.
Senhor Alfredo ist endlich mal selbst am Telefon und sagt: »Ich komme heute Nachmittag.«
Er kommt aber nicht.
Das heiße Wasser fehlt weiterhin, und ab morgen können wir nicht mehr in die alte Wohnung, weil wir (es ist mittlerweile der 10. Januar) offiziell ausgezogen sind und die Schlüssel abgegeben haben.
Am nächsten Morgen schwört Senhor Alfredo: »Ich komme noch heute Nachmittag. Ganz bestimmt!«
Bis dahin gibt er uns aber einen Tipp: Wir sollen doch mal am neuen Boiler nachschauen. Da gäbe es ein kleines Kästchen und da drin seien die Batterien für die »intelligente Zündung«. Sie könnten sich durch den Transport gelockert haben.
Senhor Alfredo braucht nicht mehr zu kommen. Die gelockerten Batterien sind jetzt fest, und wir können heiß duschen, heiß baden und sogar mit heißem Wasser Geschirr spülen.
Dafür hat ein paar Wochen später der Wasserzufluss in der Toilette eine Macke. Das Wasser rinnt und rinnt. Unsere Do-it-yourself-Methoden bewirken nichts, ein Klempner muss her. Denn sonst steigen unsere Wasserkosten ins Unermessliche, außerdem denken wir umweltbewusst: Wasser ist nicht zum Verschwenden da.
Es ist ein Donnerstagnachmittag.
Ich meine: »Lass es uns heute erledigen, querido, dann kommt vielleicht einer Anfang nächster Woche.« Ich spreche aus Erfahrung – deutscher und portugiesischer. Hatten uns die Klempner denn nicht dreimal versetzt?
António greift zum Anzeigenblatt Dica, einer wahren Fundgrube des Wissens und voller Kleinanzeigen. Er findet dort mehrere Angebote von Klempnern und ruft einen an, der mit dreißig Jahren Berufserfahrung prahlt. Der Mann ist erreichbar (wie haben wir das eigentlich früher gemacht, als es noch keine Handys gab?) und sagt: »Kein Problem, ich schau mal schnell … ah ja. Ich bin gleich in Ihrer Nähe und komme anschließend sofort vorbei!«
Der Klempner kommt wirklich innerhalb von fünfzehn Minuten. An einem Donnerstagnachmittag gegen 17 Uhr.
Kleine Anmerkung: Es handelt sich nicht um einen Klempner-Notdienst, der in Deutschland horrendes Geld verlangen würde. Sondern um einen ganz normalen Handwerker. Ich fasse es nicht: Um 17 Uhr kommt der noch?
Der Mann braucht für unser Toilettenproblem etwa eine Stunde. Er muss zweimal das Haus verlassen und zum Auto gehen, um Ersatzteile zu holen. Er berechnet für seine Arbeit nur 15 Euro! Zwar muss er auch zwei neue Teile einbauen, die etwa 35 Euro kosten. Aber die zahlt unser Vermieter.
Bei der üblichen Plauderei mit dem Handwerker erfahren wir, dass der Sohn des Klempners PC-Experte ist und einen eigenen kleinen Laden hat. Unsere cunhas in Sachen Handwerker sind damit vervollständigt.
Wir haben einen Klempner (mit Notdienst).
Einen Holzhändler, der das Kaminholz auch ordentlich stapelt (und nicht nur einfach vors Haus kippt, wie es hier durchaus auch üblich ist).
Einen Computertechniker, einen Elektriker, einen Fliesenleger, einen Maler, einen Küchenbauer. Und einen Waschmaschinen-Anschließer, denn das machte der Klempner auch gleich. Da war nämlich ein kleines Schlauchteilchen beim Umzug verlorengegangen.
Dazu noch die kulinarischen cunhas.
Kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, oder?