Kapitel 12

Endlich legal – »Ich habe die Residência!«

Ein Jahr bin ich schon in Portugal. Nun raffe ich mich tatsächlich auf: Ich möchte endlich »legal« hier sein. Dazu brauche ich den sogenannten cartão de residência. Den zu erlangen ist, wie mir all jene residentes versichern, die diese Prozedur bereits hinter sich haben, ein behördlicher Akt, der nicht immer leicht zu bewältigen ist. Bei dem man Stunden, wenn nicht gar Tage auf der Ausländerbehörde zubringen darf. Irgendwann will ich das hinter mir haben. Also gut: Gehen wir es an!

António muss leider arbeiten, deshalb kann er nicht mitkommen. Ich entdecke allerdings deutliche Erleichterung in seinen Gesichtszügen. Ämter und Behörden sind so ganz und gar nicht seine Sache, selbst wenn es um ihn selber geht. Wenn ich nur daran denke, was das für ein Theater war, als er seinen Ausweis erneuern lassen musste! Der Verwaltungsakt selbst – eine Sache von ein paar Minuten. Aber bis António sich endlich aufgerafft hatte! Da sind alle Portugiesen irgendwie gleich: Am liebsten kommen sie möglichst wenig mit dem Staat und seinen Organen in Berührung. Bei Polizeikontakt kann ich das ja nachvollziehen. Vor allem, wenn man ein schlechtes Gewissen hat. Oder gerade auf frischer Tat ertappt wurde. Aber beim Antrag für ein Ausweispapier?

»Wenn ich aber doch arbeiten muss …«, bedauert er mich. »Da kann man nichts machen!«

Kein Problem: Eine Freundin begleitet mich. Petra lebt schon lange in Portugal. Vor allem: Sie spricht perfekt Portugiesisch. Ich habe nämlich ein bisschen Bammel, dass im Verlauf der Amtshandlung möglicherweise Fragen und Ausdrücke fallen, die sich meinen Sprachkenntnissen entziehen. Behördendeutsch ist ja auch kein richtiges Deutsch, und ich vermute stark, dass es sich beim Behördenportugiesisch um ein ähnlich kompliziertes Kauderwelsch handelt. Da würde mir sogar ein Englisch sprechender SEF-Beamter nichts nützen: Auch Behördenenglisch dürfte für den normalen Menschen gewisse sprachliche Hürden haben.

Selbstverständlich sind wir bestens vorbereitet. Finden wir zumindest. Petra ist Schweizerin, ich bin Deutsche – das wäre doch gelacht, wenn wir nicht alle Unterlagen beisammenhätten. Das Wichtigste ist natürlich der Antrag. Portugals Behördenapparat ist möglicherweise etwas langsam und umständlich. Aber perfekt organisiert und aufs Modernste ausgerüstet. Deshalb kann man alle Formulare, die man braucht, aus dem Internet herunterladen. Auf manchen Seiten ist die Benutzerführung sogar in englischer Sprache. Dennoch merke ich schnell: Es ist eine hervorragende Idee, dass Petra mitkommt. Sie spricht nämlich auch ein bisschen Behördenportugiesisch. Schließlich hat sie nicht nur mit Ämtern und Botschaften, sondern sogar mit Notaren zu tun gehabt.

Erster Anlauf.

Gemeinsam fahren wir an einem strahlenden Junimorgen zur SEF (Serviço de Estrangeiros e Fronteiras) nach Cascais.

»Lass uns möglichst früh da sein«, meint Petra. »Lieber trinken wir nachher noch gemütlich Kaffee und frühstücken, bevor wir bis mittags anstehen müssen.«

»Kein Problem!« Ich finde das auch besser. »Außerdem gibt es morgens sicher eher einen Parkplatz. Schließlich kommen die Touristen aus Lissabon immer erst am späten Vormittag in Cascais an.«

Draußen vor dem Eingang zur SEF stehen die Antragsteller in einer langen Schlange. In einer sehr langen Schlange. Viele Dunkelhäutige sind dabei, meist aus Brasilien, aber viele kommen aus anderen ehemaligen Kolonien Portugals: Angola, Mosambik, Guinea-Bissau. Moldawier, Russen und Ukrainer sind auch da, Vietnamesen und Chinesen – alle wollen dasselbe: zum Ausländeramt. Das hat seinen Sitz in Cascais in der Rua da Misericórdia, in der Mitleidsstraße also. Ein Omen? Will man uns bewusst machen, dass wir bald Mitgefühl nötig haben werden, wegen unseres behördlichen Ansinnens?

Als EU-Bürger dürfte man eigentlich gleich durchmarschieren, sagt Petra. Das tut man aber als höflicher Mensch nicht, weil man merkt, dass die Schlange schnell vorrückt. Sie verringert sich nämlich in kürzester Zeit zu ein paar wenigen Menschen vor einer zweiten Eingangstür. Dort steht ein Uniform tragender Herr, der eine ausgesprochen wichtige Funktion innehat (und solche Herren oder Damen gibt es in jeder, aber wirklich jeder staatlichen Behörde in Portugal): Der Herr »sortiert vor«. Er entscheidet, ob man A, B, C oder D ist. Und gibt die entsprechenden und hier ebenfalls überall üblichen Nummernzettel aus. Was diese Buchstaben bei der SEF genau bedeuten, habe ich allerdings bis heute nicht herausfinden können. Es gibt zwar eine Beschreibung, aber ich hatte, obwohl ich immer gleichbleibend EU-Bürgerin bin und immer dasselbe wollte, abwechselnd schon alle vier Buchstaben auf meinem Nummernzettel stehen. Manchmal gibt es sogar von Hand geschriebene Post-it-Zettel …

Wir kommen in den Wartesaal. Dort tummeln sich, und das praktisch zu jeder Tageszeit, etwa hundert Leute: Alt und Jung, Groß und Klein. Kreischende Kinder – worüber sich niemand aufregt. Ruhige Kinder, über die man sich freut. Portugiesen, die als offizielle »Hilfesteller« für Einwanderer und Residenten arbeiten und Aktenberge ihrer Klienten mit sich herumschleppen. Stimmengewirr aus aller Herren Länder. Bange oder nervöse Blicke, gelangweilte Mienen oder aufgeregtes Herumfuchteln. Für Unterhaltung ist allerdings auch anderweitig gesorgt: Wartezeit und etwaige Langeweile werden dadurch verkürzt, dass es in diesem Raum einen riesengroßen Flachbildschirm gibt. Einerseits dient er dazu, die Anwesenden zu informieren, welche senha gerade an welchen Schalter gebeten wird. Es gibt Ansagen auf Portugiesisch, Englisch und Russisch – den Unterschied bekomme ich allerdings nicht mit, denn alle drei sind gleich unverständlich. Selbstverständlich läuft außerdem noch das Fernsehprogramm. Irgendein Nachrichtensender und natürlich Werbung.

Halleluja: Wir haben vom Herrn in Uniform die Nummer zwei bekommen. Siehe da – dem Bildschirm entnehmen wir, dass Nummer eins bereits dran ist. »So ein Mist«, meint Petra. »Die zwei Euro Parkgebühr hätten wir uns sparen können. Ein Euro wäre genug gewesen. Das scheint ja heute schnell zu gehen.«

»Ich gebe dir trotzdem einen Dankeschönkaffee aus«, sage ich. »Und wenn wir gleich ins Café nebenan gehen, müssen wir sowieso länger parken.«

Tatsächlich geht alles in Windeseile:

Um 9.05 Uhr hatten wir draußen auf der Straße am Ende der Schlange angefangen.

Um 9.15 Uhr trafen wir auf den »Herrn der Nummern«.

Um 9.25 Uhr waren wir am Schalter.

Um 9.35 Uhr wieder draußen und im nächsten Café.

Das rasende Tempo lag leider daran, dass mein vom Internetportal der Ausländerbehörde heruntergeladener Antrag nicht gültig war. Keine Ahnung, aus welchem Grund. Auch Petra blickt nicht durch. Man hat uns aber freundlicherweise mit richtigen Formularen versorgt. Die sollen wir ausfüllen und wiederkommen.

Nun heißt es: Fragebogen lesen. Verstehen. Mit richtigen Antworten versehen. Zwei Fotos besorgen (habe ich sicherheitshalber schon). Kopien von Pass und Personalausweis und meines Krankenversicherungsnachweises machen (ebenfalls schon erledigt). Weil ich keinen Arbeitsvertrag vorweisen kann, will das Ausländeramt die Auszüge meiner portugiesischen Bank der letzten drei – »Ach nein, besser der letzten sechs!« – Monate sehen. Man will sichergehen, dass ich dem Staat nicht zur Last falle.

Das wäre dann alles.

Wenn ich mit dem ausgefüllten Fragebogen wieder hinmarschiere, muss ich die Kopien mitbringen, aber auch die Originale vorzeigen. Die hatte ich heute leider nicht dabei. Und danach dauert es angeblich nur zwei Monate, bis ich meine portugiesisches Ausweispapier in Händen halte …

Zweiter Anlauf. Eine Woche später.

Wieder sind wir recht früh am Morgen da, werfen wieder zwei Euro in die Parkuhr. Die Menschenschlange ist nicht viel kürzer als bei unserem ersten Besuch. Diesmal sind wir aber unhöflich und drängen uns vor. Wedeln mit unseren Papieren und geben zu Kund und Wissen, dass wir EU-Bürger sind. Und schon zum zweiten Mal hier. Es klappt!

In Nullkommanichts sind wir an der zweiten Eingangstür, der Nummernzuteiler in Uniform zieht uns eine senha. Diesmal haben wir Nummer drei, und Nummer zwei ist bereits »in Behandlung«. Leider dauert der Fall etwas länger. Oder sollte da jemand heimlich eine Kaffeepause machen? Vierzig Minuten müssen wir warten. Dann gehen wir zum Schalter. Wir legen meine Papiere vor. Die Fotos.

Weitere fünf Minuten später: Die Sachbearbeiterin drückt mir einen blauen Zettel in die Hand.

»Das ist alles?«, frage ich Petra etwas verwirrt. »Und was ist das jetzt?«

»Es steht doch darauf«, grinst sie. »Das ist deine vorläufige residência. Mehr bekommst du heute nicht.«

»Aber in spätestens sechzig Tagen«, mischt sich die Dame hinter dem Schalter ein, »bekommen Sie eine Mitteilung zugeschickt, dass Sie Ihren cartão de residência bei uns abholen können.«

Auf diesen Erfolg leisten wir uns natürlich wieder einen Besuch im Café. Schließlich müssen wir die Parkgebühren ausnutzen.

Dritter Anlauf. Diesmal allein.

Mitte Juni bin ich bei der SEF gewesen und habe das blaue Papier in die Hand gedrückt bekommen, auf dem steht: sechzig Tage gültig. Wobei kein Mensch auch nur irgendeine Ahnung hat, was denn nun passiert, wenn man ohne blauen Zettel in eine Kontrolle gerät. Wird man dann verhaftet? Was geschieht, wenn die Gültigkeit des Wischs abgelaufen ist, man aber das »echte« Dokument noch nicht in Händen hat? Muss man dann in den Kerker? Wird man ausgewiesen?

Calma, calma. Nur die Ruhe.

Insider wissen auf jeden Fall: Es handelt sich nicht um sechzig normale Tage – also etwa zwei Monate. Sondern um sechzig Arbeitstage. Mithin also ungefähr drei Monate. Mit einer kleinen Verspätung von weiteren vier Wochen liegt dann endlich die Benachrichtigung im Briefkasten: Ich kann meinen cartão de residência abholen. Ich möge bitte 2,54 Euro mitbringen. Außerdem meinen deutschen Pass und natürlich den blauen Wisch.

Insider wissen: Das Geld sollte man am besten genau abgezählt dabeihaben. Wehe, man hat etwa gar eine Banknote dabei – selbst wenn es nur ein 5-Euro-Schein ist –, die im Amt gewechselt werden müsste. Keine Chance. Es kann passieren, dass man dann zur nächsten Bank geschickt wird, um mit dem abgezählten Münzgeld zurückzukommen und zahlen zu können. Die Bank hat schon geschlossen? »Dann gehen Sie bitte in einen der umliegenden Läden.«

Leider kennen alle Geschäftsinhaber diesen Tipp und haben deshalb im Schaufenster ein Schild hängen, dass man hier kein Geld wechseln könne. Was man aber durchaus kann: etwas kaufen und dann beim Wechselgeld darauf achten, dass genau 2,54 Euro in passenden Münzen vorhanden sind.

Die Büros der SEF in Cascais haben von 8.30 bis 16.30 Uhr geöffnet.

Insider wissen: Entweder kommt man pünktlich um 12 Uhr kurz vor der Mittagspause oder kurz vor Büroschluss ins Amt. Optimal ist es, wenn man spätnachmittags kommt und abends außerdem ein Fußballspiel ansteht: Dann wollen alle unbedingt pünktlich nach Hause (oder in die Kneipe), um ihren Verein spielen zu sehen.

Ich bin aber leider noch kein Insider. Mir wird nur berichtet, dass man auch bei der Abholung des Ausweispapiers den »Herrn der Nummern« eine senha ziehen lassen muss, dass aber dann alles sehr schnell geht. »Ganz bestimmt! Du wirst staunen, wie schnell du wieder draußen bist!«

Ich komme so gegen 14 Uhr an, zeige die Benachrichtigungskarte vor und darf, so weit meine theoretische Annahme, sofort an den richtigen Schalter. Aber grau ist alle Theorie: »Sofort« heißt bei meinem ersten Versuch, dass mal eben zehn oder zwölf Leute vor mir an der Reihe sind, die alle dasselbe Begehr haben: Sie wollen alle »nur« ihre Dokumente abholen.

Der Mann in Uniform gibt mir den Tipp: »Kommen Sie später am Nachmittag wieder. Da ist weniger los.« Er würde mir gleich ein neues Nümmerchen mitgeben, aber ich verzichte dankend. Heute habe ich keine Lust mehr.

Kleine Notiz am Rande:

Wenn ich mit meiner »Legalisierung« ein bisschen länger gewartet hätte, wäre die ganze Prozedur nicht mehr nötig gewesen. Aber: Wer kann das ahnen?

Seit Oktober 2006 nämlich wird auch in Portugal EU-Recht umgesetzt. Genauer: das Aufenthaltsrecht jedes EU Bürgers innerhalb der Europäischen Gemeinschaft. Und dafür braucht man keinen cartão de residência mehr.

Leider war ich ungefähr ein Vierteljahr zu früh dran. Jetzt ist alles viel einfacher: Man marschiert einfach zur Câmara Municipal seines Wohnorts, also zum Rathaus, und meldet sich dort an. Man bekommt dann ein certificado de registro, zahlt dafür etwa 15 Euro. Hätte ich also ein bisschen mehr löhnen müssen. Aber dafür wäre die ganze Prozedur auch vermutlich in längstens einer Stunde erledigt gewesen.

Vierter Anlauf.

Wieder allein, aber diesmal gerüstet: Ich habe Lesestoff dabei.

Die Menschenschlange vor dem Gebäude ist ziemlich lang. Es ist bereits kurz vor halb zwei Uhr nachmittags, und ich beschließe: Auch ohne Petras Begleitung wird Frechheit siegen! Also marschiere ich an der langen Schlange vorbei, direkt zum Pförtner. Ich bekomme die Nummer 28. Nicht nur Lektüre habe ich heute mitgebracht, sondern außerdem guten Willen und Zeit sowieso. Das ist auch gut so. Denn als ich in den Wartesaal komme, trifft mich – nach einem Blick auf den Flachbildschirm – beinahe der Schlag: Nummer acht ist gerade »in Behandlung«.

Na ja, hin und wieder geht es recht schnell. Außerdem möchte ich endlich »legalisiert« sein und das anhand eines Dokumentes beweisen können.

Fünfunddreißig Minuten später. Es hat sich nichts, aber auch gar nichts getan. Vom Wartesaal aus kann man, das ist geschickt eingerichtet, nicht genau sehen, was sich so an Hin und Her, Rein und Raus vor der Tür zum Schalterraum tut. Andererseits habe ich schon ein wenig Erfahrung mit Portugal und den Portugiesen. Also frage ich den freundlichen Herrn in Uniform, ob er vielleicht mal nachfragen könnte. Er kann. Leider kommt er mit schlechten Nachrichten zurück: »Es ist so, senhora: Zwar kommen noch alle dran, sonst hätten wir die Nummern nicht ausgegeben. Aber Sie sind ziemlich spät dran gewesen. Kann also gut sein, dass Sie bis kurz vor Feierabend warten müssen!«

Ich gebe auf. Darauf habe ich heute wirklich keinen Bock. Da nutzt auch mein Buch nichts. Nicht mal nach einem Kaffee ist mir.

Fünfter Anlauf.

Dieses Mal nutze ich Insiderwissen. Mit anderen Worten: Kurz vor 12 Uhr stehe ich vor der Ausländerbehörde. Wieder eine lange Menschenschlange. Weil die Tür aber offen steht, schlängle ich mich vorbei und hoffe auf ein Einsehen des Pförtners.

Leider kommt alles ganz anders.

Drei freundliche Herren der polícia werfen eben rigoros alle raus, die sich rund um den »Herrn der Nummern« drängen. Das sind eine ganze Menge Leute. Die polizeiliche Anweisung lautet: »Bitte ganz ordentlich in der Schlange anstellen, sonst gibt es gleich Probleme!«

Ich muss dermaßen entgeistert geschaut haben, dass sich einer der Beamten meiner erbarmt: »Keine Sorge«, sagt er (auf Englisch), »Sie sind bestimmt EU-Bürgerin. Bitte stellen Sie sich trotzdem in die Schlange, wir holen Sie da gleich raus!«

Und tatsächlich: Zwei Minuten vor 12 Uhr kommt ein weiteres Mitglied der polícia und fragt nach Bürgern aus der EU. Die winkt er alle nach vorne. Schleust uns zum Pförtner. Es ist 12.07 Uhr, und ich habe Nummer fünf bekommen. Nummer drei ist bereits dran.

Neben mir steht ein älterer Herr – die Nummer vier. Wir warten. Gemeinsam. Die polícia teilt mit, dass Schwangere und Frauen mit Kindern bevorzugt abgefertigt werden. Ein anderer Uniformierter gibt deshalb gelbe und grüne Nummernzettel aus.

Mein Zettel ist leider weiß. Der ältere Herr und ich warten. Gemeinsam.

Mittlerweile werden ein paar Sitzplätze frei. Ich nehme sicherheitshalber Platz. Auf der Anzeigetafel für die Abteilung EU-Bürger tut sich nichts. Der ältere Herr mit der Nummer vier geht schon zum dritten Mal nach vorne in der Hoffnung zu erfahren, was denn nun eigentlich los ist.

Schwangere und Frauen mit Kindern strömen stetig in den Schalterraum und wieder hinaus. Weitere Menschen drängen sich in den Wartesaal. Kleine Jungen spielen kreischend mit Feuerwehrautos, kleine Mädchen heulen prophylaktisch einfach nur so mit.

Auf der Anzeigetafel tut sich nichts. Wir warten.

Ich nehme Blickkontakt mit dem Pförtner auf, der so etwa alle zehn Minuten in den Wartesaal kommt und namentlich nach bestimmten Personen fragt. Ob Dona Carla Filomena Ferreira, Senhora Cecília Ana Maria Silva oder Senhor Holger Muller – alle kommen dran.

Herr Nummer vier und ich allerdings nicht.

Der Pförtner hält zwar den Blickkontakt mit mir, hebt aber ratlos die Schultern.

Herr Nummer vier schaut gottergeben zum gefühlten zweitausendeinhundertdreiundzwanzigsten Mal auf seine Armbanduhr.

Es ist 13 Uhr. Wir warten.

Plötzlich tut sich was auf der Anzeigetafel. Schalter D möchte jetzt an Tisch sechs endlich den Antragsteller Nummer vier haben.

Herr Nummer vier freut sich. Ich freue mich mit ihm. Jetzt kann es auch für mich nicht mehr wirklich lange dauern.

13.05 Uhr. Auf der Anzeigetafel erscheint meine Nummer. Beim Hineingehen treffe ich Herrn Nummer vier, wir lächeln uns siegesgewiss zu.

Zehn Minuten später ist es so weit: Ich habe meine selbstverständlich abgezählt bereitgehaltenen 2,54 Euro abgeliefert. Im Gegenzug habe ich das »heilige Papier« erhalten. Ich habe einen schwarzen Zeigefinger, denn ohne Fingerabdruck bekommt kein Portugiese sein bilhete de identidade und keine residente seinen cartão de residência.

Es ist mir eine wahre Freude, allen noch in den Räumen der SEF Anwesenden – ob informiert oder nicht – beim Hinausgehen ein fröhliches bom fim de semana zu wünschen.

Und dann gehe ich erst mal auf eine bica. Oder besser noch: Ich bestelle einen café com cheirinho – da ist nämlich ein kleiner Schuss Alkohol drin. Den habe ich mir jetzt wahrlich verdient. Meine »Legalität« muss schließlich gefeiert werden.

Das Dumme ist: Wenn man umzieht, muss man seinen cartão de residência natürlich mit der neuen Adresse versehen lassen. Man braucht selbstverständlich auch dann einen neuen cartão, wenn der alte abgelaufen ist. Beides war der Fall, und das führte bei mir zu leichten Horrorvorstellungen. Aber alles hat sich verbessert. Na ja, fast alles.

Einfach nur zur SEF fahren, anstellen, Nummer ziehen und dann warten – das geht nicht mehr. Man muss jetzt telefonisch einen Termin vereinbaren. Kein Problem. Man kommt bei der Nummer sogar relativ problemlos durch. Das Vereinbaren eines Termins soll dafür sorgen, dass man nicht mehr so lange warten muss. Theoretisch.

Aber wie ich schon früher erfahren durfte: Grau ist alle Theorie. Vor allem bei der Ausländerbehörde.

Anfang August rufe ich also an, um einen Termin zu vereinbaren. In der Hoffnung, dass ich wegen der Urlaubszeit nicht so lange warten muss. Bekanntlich sind im August alle in Portugal in Urlaub. Einheimische wie Ausländer, Residenten wie etwaige Antragsteller.

Meine alte residência läuft am ersten September ab, es wäre also gut, wenn ich meinen Termin vorher bekäme.

Keine Chance. Ich bekomme den 16. September zugeteilt, um 10 Uhr morgens.

»Aber meine residência ist dann schon abgelaufen!«, protestiere ich.

»Não faz mal – das macht nichts!«, wird mir entgegnet. »Vorher haben wir keinen Termin frei!«

Dann diktiert man mir noch eine lange Liste an Dokumenten, die ich unbedingt dabeihaben soll. In Ordnung. Sie werden wissen, was sie tun. Macht ja im Grunde nichts, dachte ich. So habe ich wenigstens Zeit, schöne Fotos machen zu lassen, und alle Papiere ordentlich zusammenzubekommen.

Am 16. September marschiere ich also wieder einmal in die Rua da Misericórdia. Der erste, sehr erfreuliche Eindruck: keine lange Schlange, die sich um den Häuserblock windet. Eher eine mickrige Schlange von vier Personen, die im Eingangsbereich steht, weil bekanntlich da derjenige sitzt, der die senhas austeilt.

Ich nenne meinen Namen. Man findet mich in einer mehrseitigen Liste, gibt mir eine Nummer (29!) mit einem B und erzählt mir, diese Nummer würde dann aufgerufen.

Na gut, denke ich. Es ist ja erst dreiviertel neun, ich habe ja noch ein bisschen Zeit. Termin ist ja erst um zehn Uhr. Da warte ich halt ein wenig.

Ziemlich genau um 10 Uhr werde ich zu einer neuen Rezeption gerufen, die man im Wartesaal aufgebaut hat. Da sind zwei Damen tätig, die jeden überprüfen: »Haben Sie alle Dokumente dabei?«

Aber klar doch. Diesmal habe ich es richtig gemacht. »Meine« Dame will genau die Kopien und Unterlagen haben, die laut Information von der SEF-Internetseite nötig sind. Nicht allerdings jene, die in der umfangreichen Liste standen, die mir am Telefon genannt worden war.

Man wusste also ganz und gar nicht, was man tat.

Trotzdem war ich natürlich – ich lebe ja nun schon einige Zeit in Portugal – auf alle Eventualitäten vorbereitet. Hatte also wirklich alle Dokumente dabei. Die Dame überprüft also, stellt fest, alles ist da – ich freue mich.

Aber prompt werde ich mit einem neuen Antrag versehen – mein aus dem Internet heruntergeladener Antrag gilt nicht mehr, und ich soll mir eine neue senha holen. Diesmal nicht B, sondern aus völlig unerklärlichen Gründen bekomme ich den Buchstaben E.

Habe ich in der kurzen Zeit etwa meine Staatsbürgerschaft verloren? Bin ich keine EU-Bürgerin mehr? Welche Logik steckt dahinter?

Meine Nachfrage ergibt: »Das ist schon in Ordnung. Sie sind ja aus der Europäischen Union.« Aha. Okay, wenn man das zu mir sagt. Sie wird wissen, was sie tut.

Nach etwa einer halben Stunde ist es dann so weit: Tisch Nummer sechs ist mir zugeteilt. Die Sachbearbeiterin nimmt meine Papiere entgegen, schaut entsetzt auf meine residência und sagt: »Da müssen Sie einen komplett neuen Antrag stellen, denn Ihre residência ist ja bereits abgelaufen!«

Wie bitte!? Ich erkläre, dass ich genau das vor ungefähr sechs Wochen am Telefon kundgetan habe. Dass mir mitgeteilt worden sei, das würde nichts ausmachen. Weil ja alles in den Akten stünde.

»Hm – da muss ich nachfragen!« Mit anderen Worten: Die Sachbearbeiterin verschwindet irgendwo im Gebäude.

Das wird wieder mal dauern, denke ich.

Aber sie kommt nach fünf Minuten zurück. Mit freudiger Botschaft: »Es geht doch! Aber nur ganz knapp – weil Sie eben genau quinze dias über dem Stichtag sind.«

Fünfzehn Tage? Ich rechne schnell nach: 1. September plus fünfzehn – okay: 16. September. Warum aber diese fünfzehn Tage? Lieber nicht nachfragen. Den Mund halten. Keinesfalls schlafende Hunde wecken.

Mir fällt auf jeden Fall ein Stein vom Herzen. Wenn ich nur an diese lange Prozedur beim ersten Mal denke …

Weiter geht’s. Sie sieht sich meine extra angefertigten neuen Passfotos an.

»Die können wir nicht verwenden, die sind zu groß!«

Mein Einwand, dass ich sie extra habe anfertigen lassen, wird weggewischt. »Schauen Sie doch, Dona Christina« – aha, wenigstens so weit sind wir schon! –, »Ihre Fotos passen nicht auf den cartão.« Sie demonstriert das sehr anschaulich.

»Und was machen wir jetzt? Einen neuen Termin?«

»Nein, nein«, versichert sie mir. »Hier in der Nähe ist eine foto máquina. Da lassen Sie schnell neue Fotos machen.«

Sie beschreibt mir den genauen Weg. »Wirklich ganz in der Nähe, das dauert nur fünf Minuten.« Okay – ich lasse mich darauf ein. Eines allerdings kläre ich sofort ab: »Muss ich dann wieder eine senha ziehen?«

»Natürlich nicht, Sie können gleich zu mir hereinkommen!«

Ich marschiere also aus dem Gebäude, laufe um zwei Ecken auf die »Hauptstraße« in Cascais: Nichts ist zu sehen. Keinerlei Hinweis auf eine foto máquina. Aber ein Polizist mit schick verspiegelter Sonnenbrille auf einem vierräderigen »Motorrad« kommt des Weges. Den stoppe ich.

Er weiß allerdings nichts. Aber er ist sehr hilfsbereit, denn: »Espera um momento, se faz favor!« Er fährt fünf Meter weiter nach links, um einen vor seinem Geschäft stehenden Juwelier zu fragen, wo denn hier der Fotoautomat sei. Der weiß Bescheid (klar, mit einem Laden um die Ecke der SEF), und nachdem die foto máquina genau im Eingangsbereich meiner Versicherungsagentur steht (wie ich jetzt sehe), finde ich da sogar hin.

Kleine Notiz am Rande:

Fotos aus einem Automaten habe ich, glaube ich, zuletzt vor etwa dreißig Jahren machen lassen. Als Jux in der Schulzeit. Gemeinsam mit meinen kichernden Freundinnen und mit vielen Grimassen. Wir haben uns totgelacht.

Aus der Erfahrung des allerersten Führerscheinfotos bin ich allerdings klug geworden: Fotos für Dokumente lasse ich lieber bei einem richtigen Fotografen anfertigen. Gern auch im Schnellstudio, aber nicht mehr von einem Automaten. Denn was da rauskommt – nein danke! Man sieht immer aus wie aus einer Verbrecherkartei. Oder wie eine verkaterte Schnapsleiche.

Egal: Bevor ich den ganzen Prozess bei der SEF noch einmal von vorne beginne …

Ich setze mich also in den Automaten und befolge ganz brav, was die Maschine mir sagt. Ich soll als Erstes einen 5-Euro-Schein hineinschieben.

Resultat: keines.

Dasselbe noch einmal.

Resultat: keines.

Aber wenigstens spuckt der Automat das Geld jeweils wieder aus.

Ich marschiere also ziemlich aufgebracht wieder aus dem kleinen Fotokabuff. Suche ein »Opfer«, das ich befragen und das mir helfen kann.

Es ist allmählich kurz vor zwölf, und ich fürchte, dass meine Sachbearbeiterin gleich zum Mittagessen eilt. Sollte ich deshalb nervös oder genervt sein? Ich doch nicht.

Mein Blick fällt zufällig nochmals genauer auf den Fotoautomaten. Und was entdecke ich? Außen an der Box der Schnellfotomaschine gibt es ein Fach. Da liegen zwei Bögen mit jeweils vier Fotos drin. Ich sehe aus wie auf einem Fahndungsfoto. Aber: Die Fotos waren preiswert, äußerst preiswert sogar, weil der Automat meine fünf Euro nicht haben wollte. Und: Für die SEF reicht diese Qualität allemal!

Als ich das SEF-Gebäude erreiche, ist – wie könnte es anders sein – wieder eine kleine Menschenschlange entstanden. Zudem gibt es heftige, lautstarke Diskussionen.

Nicht von meiner Seite, sondern von ein paar Leuten, die sich vom »Herrn der Nummern« zum Narren gehalten fühlen. Man steht kurz davor, handgreiflich zu werden. Man spricht davon, die polícia zu rufen.

Die wütenden Streithähne verlassen schimpfend das Gebäude. Ich schaue harmlos zu, stehe endlich allein vor dem Pförtner.

Tatsächlich: Ich darf ohne weitere Umstände zu »meinem« Schalter. Nach knapp sieben Minuten nimmt mir die Sachbearbeiterin meine scheußlichen Fotos ab.

Sie fertigt ein Papierchen aus, dass ich ein neues Dokument beantragt habe – keinen blauen, sondern einen weißen Wisch diesmal. Und sie teilt mir mit, dass mein alter abgelaufener cartão de residência jetzt zusammen mit diesem Papierchen gültig sei, bis der neue fertig sei.

Jetzt muss ich nur noch auf die Benachrichtigung warten, dann darf ich noch einmal hin, zahlen, Fingerabdruck – und dann bin ich wieder »legal«.