HELEN RUGGIERI
Eine Begegnung in Muse
Er sieht das Ortsschild. »Hey, lassen Sie mich hier raus«, sagt er. Er klettert aus dem Laster auf die Schotterstraße. Ganz in der Nähe badet Tabitha in der altmodischen Badewanne ihrer Tante. Johnny Adam sieht vom Dachfenster nebenan zu. Es ist heiß, Schweiß rinnt ihm über das Gesicht. Er hört Sirenen, und die fürchterliche Angst überkommt ihn wieder. Er ändert sein Tempo, geht - bam bam bam badada da da da da da - im Rhythmus der ersten Takte von >In the Mood<. Er beginnt zu tanzen, tanzt den guten alten Jitterbug mit einer unsichtbaren Partnerin.
Saul schlendert in der Augustsonne von Muse, Pennsylvania. Er sah sich in den leeren Straßen um und fragt sich, warum, zum Teufel, er hier ausgestiegen ist. Er geht vorbei an Eratos Bar, einem Krämerladen, einem leeren Geschäft. Er wandert unter Ahornbäumen über verfallene Bürgersteige, vorbei an einem grauen Haus mit schmiedeeisernem Gitter, vorbei an dem Haus mit der hölzernen Schaukel auf der Veranda, hört den schlurfenden Rhythmus von Johnnys Tanz, und er geht weiter.
Er versucht, sich an etwas zu erinnern, den Absender auf einem Briefumschlag, etwas, das er vor langer Zeit gesehen oder gehört hat, über Muse, Pennsylvania. Gedankenverloren geht er die Straße hinunter, hat plötzlich den Stadtrand erreicht. Die Felder neben der Landstraße sind voller wildem Senf, Ambrosia, Königskerzen, Goldruten, wilden purpurroten Astern und Heidekraut. Ein kleiner Lieferwagen überholt ihn und hält an der Böschung. Die Tür öffnet sich, ein langes wunderschönes Bein kommt heraus, dann folgt das zweite. Perfekt geformt, denkt er, vielleicht wie ein Bildhauer, fast zu perfekt, um wahr zu sein.
Ein leuchtendgelbes Oberteil bedeckt nur knapp zwei große Brüste, der Raum zwischen ihnen dunkel wie eine Höhle, die das Schicksal birgt. Langes schwarzes Haar lockt sich auf ihren Schultern. Er sieht ihr Lächeln, die schimmernden blauen Augen, und taumelt auf sie zu, angezogen von ihrem strahlenden Lächeln, die Zähne so vollkommen, leicht spitz, animalisch. Verlangen umhüllt ihn so intensiv, daß er sich auf die Lippe beißt. Sie legt den Kopf in den Nacken und lacht leise. Er ist gebannt vom Anblick ihrer Brüste, die unter dem leuchtendgelben Stoff erbeben. Er greift nach ihnen, sie schmiegen sich vollständig und vollkommen in seine Hände. Sie legt eine Hand auf seinen Brustkorb. Er führt sie rückwärts von der Straße, bis beide hüfthoch im Blumenmeer des Feldes stehen. Er zieht ihr den Top zur Taille herunter, der Anblick ihrer aufgerichteten Brustknospen verschlägt ihm den Atem, und er legt sie in die wilden Blumen, Samen und Pollen regnen herab, kleben auf ihren verschwitzten Körpern, während sie sich finden, ihre Brüste drücken sich in sein Fleisch, sein Schwanz drängt sich ihr entgegen, voller Selbstverachtung, Wut und dem überwältigenden Verlangen von Männern, die dem Tod ins Antlitz blicken.
Als er in sie eindringt, versinkt die Sonne hinter den Bergen, und Dämmerung legt sich über sie. Ihre blitzenden Zähne packen ihn, sie scheinen ihn vorsichtig zu liebkosen, die elfenbeinfarbene Schärfe ein Risiko, ihre Berührung der Pinselstrich eines Künstlers. All seine Zärtlichkeit und Furcht drängt in sie, und sie nimmt ihn in sich auf, hält ihn, ihr Atem versengt, sie summt leise ein altes Lied in sein Ohr, ein Lied, an das er sich kaum erinnern kann, denn die Glut ihrer Möse, seine eigene kalte Furcht, die Kraft ihrer Umarmung, sein Kampf, in sie zu dringen, vorbei an den scharfen Zähnen, Vorsicht, der Wunsch zu befriedigen, sie zu nehmen, sich zu befreien, den Ort der Ekstase zu finden, das langsame Erschauern seines Körpers, ihr leises Lied, der Wunsch, einen klaren Kopf zu behalten, die tödliche Sehnsucht danach, ihn zu verlieren.
Als er erwacht, ist es dunkel. Sein Kopf in ihrem Schoß, seine Nase gekitzelt vom krausen schwarzen Haar, ihrem feuchten erdigen Geruch. Ihre Brüste hängen über ihm und verdecken fast die Sterne. Er fühlt seinen Schwanz wachsen, sieht den aufgehenden Mond die perfekten Konturen ihrer Brüste malen. »Wer bist du«, fragt er. Sie beugt sich über ihn und nimmt seinen Schwanz in den Mund, ihre Hitze ist zugleich erregend und besänftigend. Ihre Brüste berühren sein Gesicht. Er nimmt eine Brustwarze in den Mund, und nahrhafte, süße Milch fließt. Er hat das Gefühl, zu ersticken, versucht, sich zu entziehen, sie hält ihn fest. Um nicht zu ertrinken, schluckt er, entspannt sich in ihrer Süße, ihrer
Wärme. Es ist gut. Ein seltsames Feuer, das aus seinem Bauch hochsteigt, läßt ihn erglühen. Er hört ihr Murmeln über sich, und Zufriedenheit durchflutet ihn, der dicke milchige Saft ihrer Brüste tröpfelt aus seinem Mund und wärmt seine Brust. Er muß aufstoßen, und sie summt leise, streichelt seinen Rücken, die Milch fließt noch immer, rinnt seine Brust hinunter, fängt sich im Haar zwischen seinen Schenkeln, zärtlich beugt er sich zurück, teilt ihre Lippen mit der Hand, die Milch auf ihnen leuchtet in der Dunkelheit. Auch sie scheint zu glühen, als ließe der Mond sie erbleichen, der Mond oder die Milch. Seine Eichel ist weiß von Milch, seine oder ihre - er weiß es nicht. Sie glüht wie ein Stern. Er dringt langsam in sie ein, unglaubliche Weichheit und Schwere, ein Saugen wie in einem Whirlpool, eine gefährliche Strömung zieht ihn hinein.
Er kämpft, will die Kontrolle nicht verlieren, sagt das große Einmaleins auf, versucht, sich von der faszinierenden Begierde abzulenken, bis er der Sicherheit ihres Wissens begegnet, und gegen seinen Willen reitet er sie wie eine Stute der Sonne entgegen, und sie mit ihm, ihr wildes Zittern liebkosend wie tausend Federn, saugende Tentakel, Millionen Flimmerhärchen geißeln ihn, bis er sich verliert in der Ekstase von Sankt Veit. Wellen, schwerelos, mühelos, Wonne und immer wieder Wonne, bis Zahlen keine Bedeutung mehr haben, und Tod ist sein Genuß, der in ihr pocht wie ein Leben in anderer Sphäre, und eins mit ihr war das Wissen der Zeit, sein eigener Tod und seine Auferstehung, und immer weiter reiten sie in die Sternennacht.
Bei Sonnenaufgang wird er wach, und sie ist fort. Er liegt dort und erinnert sich, bis die Sonne hoch am Himmel steht. Endlich steht er auf, bedeckt mit dem Pollen der Königskerze. Völlig verändert steht er da, ein goldener Mann, der im Licht der Sonne schimmert. Langsam geht er zum Feldrand, wo ein kleiner Bach fließt, und nach einer Weile wäscht er sich zögernd.
Saul wird auf einer Raststätte der Route 70 von einem Trucker mitgenommen. Er denkt an das, was im Blumenmeer geschehen ist, und weiß, es war das einzig Wirkliche in seinem Leben. Kein Traum, vielleicht eine Vision, von der die alten Seher sprachen, wissend, daß sie nicht wirklich war, nicht sein konnte, und dennoch wahr. Sie hatten keine Erklärungen versucht und die Widersprüche hingenommen, erzählten es jenen, die zuhören konnten, und behielten es für sich wie ein Glücksbringer, ließen sich in die Erinnerung daran zurückfallen, wie ein Schwimmer, der ins Wasser gleitet, ließen alles noch einmal geschehen, den Geruch, die Berührungen, alles.
Saul schließt die Augen, während der Laster nach Süden fährt, und sie gehen durch das Feld, seine Hände auf ihren Brüsten, ihre Hände auf seinen Brustwarzen, sie zieht ihn, er schiebt sie, wie in einem mittelalterlichen Tanz bewegen sie sich durch das goldene Feld, der üppige Duft der wilden Blumen, die sie unter ihren Schritten zermalmen, das Summen der Bienen in den goldenen Blumen, der Schmerzensschrei, der von jemand anderem zu kommen scheint, sie beugt sich über ihn, seine Augen rollen, es bleibt der leere weiße Blick jener, die den unfaßbaren Rausch solcher Begegnungen kennen.