TERRY L. MCMILLAN
Berührungen
Ich hatte geahnt, daß an genau dem gleichen Platz vor mir schon jemand gewesen war, hatte aber diesem Gedanken keinen Raum gegeben, bis ich sie heute morgen an deiner Seite hängen sah wie eine Schultertasche. Und das, nachdem ich zugelassen hatte, daß du mich mit deinen langen braunen Händen überall berührtest und meinen Widerstand brachst, so daß ich mich fühlte, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen.
Zuerst sehe ich deine schlanken langen Beine über den holprigen grauen Bürgersteig auf mich zukommen, die silbrigen Splitter im Zement funkeln wie tanzende Sterne. Aber ich war nicht geblendet, obwohl du sie so typisch elegant und dennoch angeberisch bewegt hast. Und du hast mich schon mindestens einen halben Häuserblock weit kommen sehen und deine Quadratlatschen schienen sich plötzlich nicht mehr so leichtfüßig auf dem Asphalt zu bewegen wie neulich Nacht, als wir diesen Weg gemeinsam gingen.
Stimmt, ich war’s, die in jener Nacht anrief, um Hallo zu sagen, aber du hast gesagt, ich soll rüberkommen und mit dir und deinem Hund spazieren gehen. Das klang ziemlich harmlos, aber bestimmt hast du die ganze Zeit gewußt, daß ich eigentlich herausfinden wollte, wie warm es unter deinem Hemd war, und hinter deinem Reißverschluß, und ob deine Hände so zärtlich und kräftig waren, wie sie aussahen.
Ich hatte eigentlich gehofft, wir könnten den Spaziergang ausfallen lassen, weil ich nur langsam auf dich sinken und in dein Inneres kriechen wollte. Geh doch ein anderes Mal mit dem Hund.
Aber du hättest meine Beweggründe vermutlich wenig damenhaft gefunden, also stürmte ich in meinem weißen Jogginganzug rüber zu deiner Bude und versuchte, so verführerisch wie möglich auszusehen, ohne allzu begierig zu wirken.
Ich tupfte mir sogar ein wenig Parfüm hinter die Ohren, unter jede Brust und auf meine Ellbogen, um dich zu verlocken, falls du dich nicht so recht entscheiden könntest. In Wahrheit war ich ziemlich nervös, weil ich wußte, daß wir heute nacht nicht bloß rumquatschen würden wie bisher. Ich brauchte nur knappe fünf Minuten, um meine Zähne zweimal zu putzen, die Lippen anzumalen, meine Achselhöhlen zu waschen, Ohren und Bauchnabel mit Q-Tips zu reinigen (ich konnte ja nicht wissen, wie weit du gehen wolltest) und meine intimsten Zonen zu waschen und auch dort ein wenig Jasminöl hinzutupfen.
Obgleich es fast 33 Grad heiß war, gingen wir fünfzehn Querstraßen weit, und der Hund ließ einfach gar nichts aus. Dir schien das nichts auszumachen, oder du hast es nicht gemerkt. Du gabst mir die Leine, und obwohl ich einen ausgewachsenen Mann mit so einem Schoßhündchen albern finde, war ich ihm gegenüber nicht feindselig, während ich es so hinter mir herzerrte und wir weiter durch die schwüle Nacht wanderten. Im allgemeinen mag ich Hunde.
Als wir vom Bordstein auf die Straße traten, machte ich einen Satz und schrie, weil ein Blatt aussah wie ‘ne tote Maus; ich ließ die Leine fallen und griff nach deiner Hand. Du hast sie sanft gedrückt, obwohl du mich hinter dir herziehen mußtest, um deinen Hund wieder einzufangen, der den Bürgersteig entlangflitzte, an den Bäumen hochsprang und japste. Als wir ihn endlich hatten, waren wie beide außer Atem. Ich ärgerte mich, weil mein Jogginganzug verschwitzt war.
»Du hast Angst vor einer kleinen Maus?« fragtest du.
»Ja, die machen mich ganz kribbelig. Mir dreht sich der Magen um, und ich würd’ auf Stühle oder sonstwohin klettern, um ihnen zu entkommen.«
Dann erzähltest du mir, wie du eine in der Küche erwischt hast, während du deine Ravioli direkt aus der Dose gefuttert hast, wie du sie mit einem Besenstiel verletzt hast und sie dann die Toilette runterspülen wolltest, aber es ging nicht. Ich prustete laut los, aber ich wollte dich auch zum Lachen bringen.
Also erzählte ich dir, wie ich einmal auf dem Weg in die Sauna war und die Haustür schon hinter mir zuziehen wollte, als ich zufällig eine riesige Kakerlake auf meinem Küchentisch herumspringen sah. Ich schlug mit der rechten Hand gerade so fest zu, daß ich sie lahmlegte (ich habe zwar Angst vor Mäusen, aber Kakerlaken hasse ich). Ich wollte sie nicht sofort töten, weil ich gerade $ 9.95 für einen Kakerlakenkiller ausgegeben hatte, den ich über die Zeitung bestellt hatte, und rauskriegen wollte, ob das Zeug tatsächlich wirkt. Also stäubte ich etwas von dem Zeug auf ihren Kopf, als sie gerade wieder zu zappeln anfing und in irgendeiner Spalte verschwinden wollte. Sie gab nicht auf, also tat ich immer mehr von dem Pulver auf ihre Fühler. Nach weiteren fünf Minuten ging sie mir echt auf die Nerven, weil ich immer noch im Mantel dort stand, mit der Sporttasche über der Schulter, und weil meine Küche offensichtlich nur für Zwerge und Kinder gebaut worden ist, fing ich langsam an, vor Wut zu kochen. Deswegen beschloß ich, sie auch ein bißchen unter Dampf zu setzen. Zuerst zündete ich mir eine Zigarette an und verbrannte dann mit dem gleichen Streichholz ihre Fühler, aber das blöde Ding wollte immer noch in eine Ecke des Tisches entwischen. Ich war total sauer, weil der Kakerlakenkiller offensichtlich nichts taugte, also machte ich weiter, verbrannte sie schnell und vollständig, weil sie nicht so starb, wie sie sterben sollte.
Du fandst das fürchterlich komisch und lachtest dich fast kaputt. Mir gefiel es, dich lachen zu hören, aber ich war unsicher, ob du aus der Story vielleicht Rückschlüsse auf meine Persönlichkeit zogst: Folter und Mord und so.
Wir gingen noch ein paar Straßen weiter, redeten über dies und das, und der Hund rannte an jeden Baum, hob sein kleines weißes Bein und pinkelte, das war alles.
Unterdessen schwitzte ich und stellte mir vor, wie du deinen Kopf zwischen meine Brüste kuscheln würdest. Ich spüre den Kopf eines Mannes gerne dort, und seit langem hatte mich kein Mann derart zum Träumen gebracht. Ich habe dich nicht einmal gehört, als du wissen wolltest, ob ich die Temptations mag und in einem Puppentheater gewesen bin. Ich hab den Zusammenhang erst verstanden, als wir in deine Wohnung gingen.
Aber heute sahst du mich näherkommen wie bei einem Wettkampf im Tauziehen, nur war das Seil unsichtbar. Die Anziehungskraft war so enorm, daß wir schließlich dicht voreinander standen, und ich roch schließlich am anderen Ende des Seils deinen Atem. Du hast dich nicht wohl in deiner Haut gefühlt und dich mir halb zugewandt, als ich an euch vorbeirauschte. Du hast mich locker angelächelt hinter deiner dunklen Brille, und ich lächelte euch beiden zu, weil ich auf das Mädchen ja keine Wut hatte. Schließlich hatte ich nicht mit ihr die Nacht verbracht.
»Was machst du denn so frühmorgens?« wolltest du wissen. Ich fand, daß dich das eigentlich nichts anginge, schließlich hattest du letzte Nacht nicht angerufen, um zu sehen, wie lange ich auf war. Außerdem war es fast 10 Uhr morgens.
»Ich habe schon gefrühstückt, Wäsche gewaschen, und jetzt will ich gerade ins Blumengeschäft, um Erde zu kaufen, damit ich meinen Farn und den Gummibaum noch vor dem Straßenfest heute nachmittag umtopfen kann.«
»Oh, Entschuldigung, Marie, dies ist Carolyn«, sagtest du und fuchteltest mit deiner Hand wie ein Zauberer zwischen uns hin und her.
Wir nickten beide sehr damenhaft und verstanden deine Verlegenheit sehr gut.
»Warum läßt du deine Wäsche nicht von den Chinesen machen?« fragtest du.
»Weil ich sicher sein will, daß meine Klamotten sauber sind; ich lege sie gern ordentlich zusammen, so wie ich sie haben will. Und außerdem tue ich gern zusammen, was zusammen gehört.«
Du hast bloß genickt wie ein Depp. Für einen Augenblick sahst du so verdutzt aus, als hätte dich jemand mitten im Nirgendwo abgesetzt. Es schien dir nicht einmal etwas auszumachen, daß das Mädchen dabei war und mitbekam, wie deine Haltung arg ins Schwanken geriet. Mir auch nicht. Aber ich mußte von dir weg, weil ich jetzt deinen Körper riechen konnte und der Geruch sich langsam auf meine Haut legte, umhüllte, mir die Nase hochwanderte, in mein Hirn einschlug und sofort fast meinen Schädel zum Platzen brachte. Das war mir peinlich, also versuchte ich es zu überspielen und zog mein scharlachrotes Stirnband tiefer in die Stirn. Du hattest jedoch schon verstanden, was los war.
Meine Füße tragen mich von dir weg und ich tue so, als wolle ich einen Bus erreichen, den ich gerade kommen sehe. Meine Hände wischen den glühendroten Lippenstift von Mund und Wangen bei dem bloßen Gedanken, daß du sie noch einmal küssen könntest. Ich habe versucht, zu vergessen, wie gut du aussiehst. Gut. Viel zu gut. Ich hätte auf meine Ma hören sollen. »Laß dich nie mit einem Mann ein, der besser aussieht als du, der wird es dich spüren lassen.« Ich habe versucht, mich auf Blumenerde zu konzentrieren. Die Blätter meiner Pflanzen.
Aber schöne Männer haben mir noch nie gefallen, dachte ich, und paßte auf den holprigen Bürgersteig auf, nachdem ich mir den Zeh gestoßen hatte.
Du bist anders. Sprichst gutes Englisch. Läßt Puppen tanzen und sprechen und schreibst deine Anträge auf Stipendien selbst. Trinkst Kräutertee und rauchst keine Zigaretten. Verschränkst Arme und
Beine beim Sprechen und lehnst dich in den Sessel, so daß du auf der Kante sitzt. Scheinst über Worte nachzudenken, bevor du sie aussprichst. Ich habe dich dafür bewundert, daß du über Dinge nachdenkst, bevor du sie anpackst.
Ich war schon fast an der nächsten Straßenecke, als du hinter mir herriefst: »Verkaufst du irgendwas auf dem Straßenfest?«
Ich hatte dir neulich schon gesagt, daß ich Zucchini-Quiche machen wollte, wiederholte aber noch einmal: »Zucchini-Quiche« und winkte und versuchte, dieses blöde Grinsen festzuhalten, obwohl ich weiß, daß du auf diese Entfernung meinen Gesichtsausdruck gar nicht erkennen konntest.
Mir gefiel die Aufmerksamkeit, die du mir entgegenbrachtest, obwohl das Mädchen dabei war. Ich dachte, das hätte etwas zu bedeuten. Während ich in den Blumenladen zockelte und von einem Kaktus gestochen wurde, hoffte ich sogar, daß du später anrufen würdest, um mir zu erklären, sie wäre nur eine Freundin oder eine Kusine oder deine Schwester. Ich hoffte, du würdest sagen, dein Rücken täte dir weh oder so was, damit ich mit meinem Mandelöl rüberkommen und ihn massieren könnte. Ihn bearbeiten, meine Fingerkuppen tief zwischen deine Schulterblätter und entlang deiner Wirbelsäule eingraben, bis du dich ergeben würdest. Oder daß du mir vielleicht erzählen würdest, deine Brille sei kaputt und du könntest nicht sehen. Ich würde herüberkommen und dir vorlesen: Comicstrips oder die Bibel.
Jetzt bin ich auf diesem Bürgersteig unterwegs mit einer Tasche voller schwarzer Blumenerde bei dieser Hitze und gehe an deinem Haus vorbei. Ich zwinge mich, nicht auf deine schmuddeligen weißen Rolläden zu starren; also drehe ich meinen Kopf in die andere Richtung und benehme mich lächerlich und total auffällig. Ich war mir so sicher, daß ich dein Ein-und-Alles werden würde, schließlich hatte ich mich wie eine Dame benommen und nicht wie eine läufige Hündin.
Ich hatte echt nicht vor, heute irgend etwas umzutopfen, und das nur so gesagt, weil es sich irgendwie sauber anhörte. Mir war viel wichtiger, ob dich dieses Mädchen letzte Nacht genauso berührt hatte wie ich. Wahrscheinlich nicht, denn nur ich kann dich auf diese Art berühren. Aber als du da so auf dem Bürgersteig standest, gingen mir Bilder von uns durch den Kopf: Wir liegen uns in den Armen und winden uns wie Würmer und Raupen; du küßt mich, als hätte man dich dafür während der letzten Jahre bezahlt und dies wäre dein letztes Gehalt; und ich verliere den Kopf an deinem Körper. Ich höre noch immer deine heiseren Schreie wie ein Echo in meinem Kopf. Ich sehe meine Zunge deine Brust lecken und deine Hände meinen Rücken streicheln, als wäre ich aus Seide. Ich war Seide und du wußtest es. Du hast so verdammt gut gerochen. Und als ich kopfüber aus dem Bett fiel, hast du mich nicht festgehalten, sondern kamst hinterher.
Du sagtest nichts, als ich schrie und deinen Namen rief, nahmst dir Zeit für mich und hieltest mich in deinen Armen fest, in der Geborgenheit deiner Brust, und wolltest mich nicht fortlassen. Und als ich aufwachte, warst du der Traum, den ich zu träumen glaubte.
Und trotzdem bist du dort auf dem Bürgersteig, in der Hitze, mit einem anderen Mädchen an deinen
Arm gekettet, an meinem Haus vorbeigegangen, als wäre es die selbstverständlichste Sache auf der Welt. Dieser Mist macht mich rasend vor Wut.
Ich meine, sieh mal. Du hättest mich ja nicht kitzeln und so zum Lachen bringen müssen, den Verband an meinem verletzten Daumen wechseln oder an meinem Haar riechen und sagen, es würde wie ein kühler Wald duften.
Du hättest ja nicht zu sagen brauchen, es sei unwichtig, daß mein Busen so klein ist, und ich war erleichtert, das zu hören, denn meine Mutter hat immer gesagt, ein Mann sollte sich mehr dafür interessieren, wie du sein Leben ausfüllst als deinen BH.
Ich meine, wer hat denn gesagt, daß du mir die Puppen zeigen sollst, die du nach James Brown und Diana Ross und den Jackson Five gemacht hast? Wer hat gesagt, du sollst Jasmin-Kerzen anzünden und mir zwölf alte Temptations-Alben Vorspielen, nachdem du erzählt hast, dein Lieblingsalbum wäre >Ain’t too proud to beg<? Du hättest nicht auf den Barhocker klettern, dein Fotoalbum hervorkramen und mir das Privileg gönnen müssen, vier Generationen deiner Familie zu bewundern. Dich als kleiner schokoladenbrauner Wuschelkopf. Wieso hast du gedacht, ich wollte dich als Kind angucken, wenn ich dich als Mann doch erst drei Wochen kenne? Aber nein, du hast, während du mit diesem kleinen Köter Gassi gingst, schon zwei Monate beobachtet, wie ich den Schlüssel zu meiner Haustür umdrehte, bevor du dir gestattet hast, mehr als nur »Hallo« und »Guten Morgen« zu sagen.
Ich konnte mich dir niemals richtig begreiflich machen, oder? Ich habe dir, glaube ich, erzählt, daß ich Sonderschullehrerin bin und daß ich ab und zu Gedichte schreibe. Sogar eines für dich, aber ich bin froh, daß ich es dir nicht gegeben habe. Du wärst vor Einbildung wahrscheinlich geplatzt.
Aber vielleicht hätte ich dir von den Nächten erzählen sollen, in denen mein Kopf so leer ist, und über meine Träume, einfach so geliebt zu werden. Wie ich einem Mann immer mehr geben wollte als bloß eine Symphonie innerhalb und außerhalb des Schlafzimmers. Aber das ist so schwer.
Du hättest einfach deine Arme und Schultern nicht um mich legen sollen, als wäre ich dein Erstgeborenes. Du hättest mir keine Zärtlichkeit und Leidenschaft zeigen sollen.
War das nur Wollust? Ich habe nicht geschlafen, als du mein Gesicht immer weiter berührt und gestreichelt hast, als wäre ich aus Glas und du hättest Angst, ich könnte zerbrechen. Ich habe nur so getan, weil ich nicht wollte, daß du den Kokon zerstörst, den ich um mich gesponnen hatte. Ich ließ mich von dir berühren und wünschte mir, du würdest nie aufhören.
Vor drei Stunden habe ich meine Pflanzen trotzdem umgetopft. Ich habe drei Zucchini-Quiches gebacken, die mich 30 $ kosteten, aber nach heute morgen kann ich mir echt nicht vorstellen, draußen in der Hitze auf den Zementstufen zu sitzen und Quiche an völlig fremde Leute zu verkaufen. Und ich werde bestimmt nicht den ganzen Tag in diesem heißen Haus herumsitzen und Trübsal blasen.
»Wollen wir essen gehen?« frage ich eine Freundin. Sie hat kein Geld. »Ich zahle, komm einfach mit, okay?« Sie versteht, daß ich nicht wirklich hungrig bin, einfach irgend etwas essen will, gegen die innere Leere und um aus dieser Straße wegzukommen.
Die Straße füllte sich schon mit Leuten, die allen möglichen Schrott aus Dachstuben und Schränken und Kellern hervorgekramt hatten, den sie nicht zur Heilsarmee schleppen wollten. Es roch schon nach Barbecue und Popcorn und der Discjockey testete seine Boxen.
Es war sehr heiß und die Sonne brannte auf das Pflaster, die Hitze durchdrang die Schuhsohlen. Ich trage meine engsten Jeans und finde, daß ich heute nachmittag auf dem Weg zur Haltestelle besonders hübsch bin. Ich gebe mir viel Mühe, gut auszusehen. Nicht für dich oder die Allgemeinheit, sondern für mich. Da kommst du wieder daher, stolzierst auf mich zu mit diesem kleinen Schoßhund, der neben deinen großen Füßen herdackelt, aber diesmal sehe ich an deinem Arm nichts als schwarzes weiches Haar und einen aufgerollten rotkarierten Hemdsärmel. Ein ganzer Wald von schwarzen Haaren auf deiner Brust starrt mich an, und obwohl meine Knie nachgeben wollen, grabe ich meine Fersen tiefer in das Leder und stehe perfekt wie eine Tänzerin. Du lächelst mich an, bevor wir einander gegenüberstehen, und dann machst du eine deiner typischen Kehrtwendungen. Läufst einfach neben mir her, ohne dazu aufgefordert worden zu sein.
»Hallo«, sage ich und passe auf, daß meine Gangart, die ich so sorgfältig einstudiert habe, seit ich dich das erstemal bemerkte, nicht aus dem Takt gerät.
»Herr im Himmel, siehst du heute gut aus. Rosa und Rot sind eindeutig deine Farben.«
Ich lächle, weil ich weiß, daß ich gut aussehe, und obwohl ich kaum atmen kann, weil ich den Bauch einziehe, damit er so flach wie möglich ist, will ich nicht, daß du meinen Körper allzusehr anstarrst. Du hast schon viel zu viel von ihm gesehen. Stop, das nehme ich zurück. Ich will, daß du fasziniert bist, und du dich gut daran erinnerst, wie alles unter diesem Stoff aussieht, und wie es sich anfühlt, denn du wirst mir niemals wieder so nahe kommen. Weder bei Tag noch bei Nacht. Ich gehe auf den Bordstein zu.
»Wohin willst du?« fragst du und zeigst echtes Interesse. Und weil du glauben sollst, daß ich eine vielbeschäftigte Frau bin und diese kleine Episode mich nicht im geringsten aus dem Gleichgewicht gebracht hat, sage ich: »Ich bin zum Essen verabredet.« Ich wollte dir wirklich sagen, daß dich das einen feuchten Dreck angeht, aber nein, ich bin nicht nur höflich, sondern auch ehrlich.
Wir gingen sechs harte, heiße Querstraßen weit, und als wir endlich bei den Stufen der U-Bahn ankamen, beugtest du dich zu mir herunter, als ob du mich küssen wolltest, und ich starrte auf deine weichen, braunen und gespitzten Lippen, als wären sie voller Ausschlag und drehte den Kopf weg. Heute morgen hast du dieses Mädchen geküßt.
»Darf ich dich später anrufen?« fragtest du.
»Wenn du Lust hast«, sagte ich und verschwand die Treppe hinunter.
Als ich nach Hause kam, war es fast zehn Uhr, und die Straße war voller Jugendlicher, die Rollschuh liefen, Skateboard fuhren und zu der lauten Discomusik tanzten, die von beiden Enden der Straße herdröhnte. Kinder rannten herum und mit hellen Schreien der Begeisterung unter einem aufgedrehten, wassersprühenden Hydranten durch, während die Erwachsenen auf ihren Veranden saßen, Bier tranken und an Plastikbechern nippten. Meine Mitbewohnerin saß auf unserer Veranda, und ich ging zu ihr.
Obwohl es fast dunkel war, hielt ich zwischen all den kleineren nach deinem großen Körper Ausschau. Als ich dich nicht sofort finden konnte, war ich genervt, weil bei dir Licht brannte, und ich wußte, daß du bei all dem Krach und Gewimmel hier auf der Straße nicht in dem muffigen Apartment sitzen würdest.
Als ich dich auf der anderen Straßenseite gegen ein schmiedeeisernes Gitter gelehnt sah, stand ein anderes Mädchen ganz dicht neben dir. Du entdecktest mich über die dichte Menge von Teenagern hinweg, und ich hörte, wie du meinen Namen riefst, tat aber so, als würde ich dich nicht bemerken. Ich war zu stolz, um traurig zu sein oder eifersüchtig oder irgendso etwas Blödes.
Meine Mitbewohnerin erzählte, sie hätte bloß drei Stück von meiner Zucchini-Quiche verkauft, weil die Leute Angst hatten, sie zu kaufen. Die haben wohl gedacht, sie wäre innen grün. Mir war das verlorene Geld egal.
Ich war aufgedreht und verschwitzt, schleuderte die pinkfarbenen Pumps von den Füßen und ging die Treppe hinunter in den Wasserschleier des Hydranten zu den Kindern. Der harte Sprühregen war kühl und tröstlich auf meiner Haut. Mein ganzer Körper prickelte, als hätte ich gerade eine Massage bekommen. Und obwohl ich spürte, wie deine Augen mich verfolgten, drehte ich mich nicht um, um den Blick zu erwidern. Ich setzte mich wieder auf die Stufen, strich mir das Wasser aus der Stirn, den rosa Lippenstift von den Lippen, aß ein Stück meiner köstlichen Zucchini-Quiche und öffnete ein eiskaltes Bier. Der Schaum sprudelte aus der Flasche über meine Finger. Ich schüttelte ihn ab und lehnte mich gegen die Zementstufen, die gegen meinen Rücken scheuerten, als ich mich hin und her wiegte, und meine Finger schnippten zu der Musik.