12
Goldfisch

bild02.jpg
DomDaniel sah Marcia kommen und huschte in einen dunklen Hauseingang. Unsichtbar oder nicht, er wollte kein Risiko eingehen. Unsichtbarkeit ist kein Zustand, auf den man sich verlassen kann, am wenigsten unter Zauberern – und am allerwenigsten unter Außergewöhnlichen Zauberern. Und auf selektive Unsichtbarkeit ist noch weniger Verlass.
Aber Marcia ließ sich nicht täuschen. Sie entdeckte im Hauseingang die schwachen Umrisse der Gestalt mit dem vertrauten Zylinderhut, bemerkte das Funkeln des Rings mit dem Doppelgesicht – der sich, wie sie wusste, nur sehr schwer unsichtbar machen ließ – und die Dunkelkröte, die, fett und schnaufend, auf der Eingangsstufe hockte. Da hatte sie die endgültige Gewissheit, dass sich Alice nicht getäuscht hatte. DomDaniel war hier. Aber Marcia schenkte ihm keine Beachtung. Jetzt zählte nur das Versprechen, das sie Septimus gegeben hatte. Sie musste den entführten Jungen retten, und zwar schnell, denn sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass es Septimus nicht lange hinter der Ecke aushalten würde.
Die Aufgabe wurde ihr dadurch erleichtert, dass die vier Hexen sie nicht kommen sahen – sie waren immer noch in ihrem stummen Streit gefangen. Der war ausgebrochen, als sie aus der Tropfhöhle aufgetaucht waren und Linda behauptet hatte, Jakey sei ihr persönlicher Diener, mit dem sie tun und lassen könne, was ihr beliebe. Die Hexenmutter hatte widersprochen und erklärt, dass er für den ganzen Zirkel da sei, aber davon wollte Linda nichts wissen: Sie habe sich den Jungen als Erste geschnappt, also gehöre er ihr. Und damit basta. Auf dem Weg durch den Lotterweg wurde der Streit immer hitziger, und als sie in die Vordere Straße einbogen, artete er in einen regelrechten Hexenkampf aus. Veronica ergriff Lindas Partei, weil sie zu große Angst davor hatte, das Gegenteil zu tun, und Daphne, für die Linda jetzt eine Holzwurm-Massenmörderin war, schlug sich auf die Seite der Hexenmutter. Linda hatte die Hexenmutter mit dem ersten Stummzauber belegt, doch die hatte es ihr mit gleicher Münze heimgezahlt. Gleich darauf hatten sich Daphne und Veronica genau im selben Moment gegenseitig mit einem Stummzauber belegt. Mit dem Ergebnis, dass jetzt alle vier Hexen stumm waren.
Marcia brauchte nicht lange, um die Lage zu erfassen. Stummzauber werden auch Goldfischzauber genannt, weil die Betroffenen immer angestrengter zu schreien versuchen und dabei wie ein Goldfisch den Mund auf- und zuklappen, ohne dass ein Laut herauskommt. Und in diesem Moment sahen die vier Hexen aus wie eine bedauernswerte Goldfischfamilie, die aus ihrem Glas gefallen war.– mitten unter ihnen der bedauernswerte Jakey, der als Erster, kaum dass ihn Simon übergeben hatte, mit einem Stummzauber belegt worden war.
Bei Marcias Erscheinen huschte ein Hoffnungsschimmer über Jakeys Gesicht. Linda ging sofort zum Angriff über. Einen stummen Fluch ausstoßend, stürzte sie sich auf Marcia und riss dabei Jakey mit, den sie noch im Zaubergriff hatte.
Marcia wich dem Angriff mühelos aus. »Aber, aber, Linda, wer wird denn so fluchen«, sagte sie (wie alle Zauberer konnte Marcia Lippen lesen). »Wenn du brav bist und den Jungen loslässt, könnte ich dich eventuell von dem Stummzauber befreien.«
Wir brauchen Ihre Hilfe nicht, Sie dusselige Kuh! Lindas Mund klappte stumm auf und zu. Wir haben einen Zauberer, der viel mächtiger ist als Sie.
Und was für einen!, brüllte Veronica tonlos.
»Meint ihr etwa den mächtigen Zauberer, der sich in dem Hauseingang da hinten verkriecht, weil er zu große Angst hat, sich zu zeigen?«, fragte Marcia gelassen.
DomDaniel beschloss, das Weite zu suchen, bevor sich die Lage weiter zuspitzte. Er schlüpfte aus dem Eingang und eilte die Vordere Straße entlang, um nach Simon Ausschau zu halten, den er vorausgeschickt hatte, um »ein anständiges Pferd« zu besorgen, »das uns nach Hause bringt, Heap«.
Marcia bemerkte mit Erleichterung, wie sich die Dunkelgestalt entfernte – Septimus war außer Gefahr. Sie wandte sich wieder Linda zu und sagte: »Ich gebe dir drei Sekunden, um den Jungen freizugeben. Tust du es nicht, werde ich selbst deinen Griffzauber aufheben. Nach dem Ehrenkodex der Zauberer muss ich dich aber warnen: Eine Zwangsaufhebung kann gewisse Personenschäden hervorrufen.«
Sie blöde lila Ziege!, brüllte Linda stumm.
»Eins, zwei, drei …«
Linda hob den Griffzauber rasch auf.
Jakey Fry sah Marcia mit großen Augen an – die Zauberin hatte ihn gerettet. Tränen der Dankbarkeit stiegen ihm auf. Danke, formte er mit den Lippen, vergessend, dass er stumm war.
»Nichts zu danken«, entgegnete Marcia.
Linda gab Marcia einen scharfen Stoß in die Rippen. Und was ist mit Ihrem Versprechen?, fragte sie und deutete auf ihren Mund.
»Ich habe gar nichts versprochen«, antwortete Marcia.
Doch, Sie verlogene alte Schachtel!, tobte Linda.
Marcia kehrte der Hexe den Rücken und sagte zu Jakey Fry: »Sollen wir dafür sorgen, dass du wieder sprechen kannst?«
Linda trat ganz dicht an Marcia heran und spitzte die Ohren, während die den Umkehrzauber sprach.
Marcia schloss mit den Worten: »Was vorbei ist, ist vorbei, ich gebe dich nun frei.« Dann warf sie eine kleine Lichtkugel in die Luft, die zischend um Jakeys Kopf herumfuhr, seine Lippen streifte und ihn dabei so kitzelte, dass er laut lachen musste.
Mit einer blitzschnellen Bewegung pflückte Linda die Kugel aus der Luft und drückte sie sich auf den Mund. »Geschafft!«, frohlockte sie. »Sie sind doch nicht so schlau, wie Sie gedacht haben, wie?«
Marcia sagte nichts. Die Hexenmutter entriss Linda die Kugel, und während sich Daphne und Veroncia darüber in die Haare gerieten, wer als Nächste an die Reihe kommen sollte, brachte Marcia Jakey schnell weg. Als sie um die Ecke bogen, hagelte es hinter ihnen Flüche.
Septimus wartete bereits nervös, doch als er Marcia und Jakey sah, strahlte er über das ganze Gesicht. »He, alles in Ordnung?«, fragte er Jakey.
»Ja«, murmelte der Junge. Und für den Fall, dass die Zauberin nun ihrerseits beschließen sollte, ihn als Gefangenen zu nehmen, gab er Fersengeld und flitzte, so schnell er konnte, davon.
Marcia und Septimus sahen verdutzt zu, wie die dürre Gestalt Jakey Frys den Lotterweg hinuntersauste, vor einer der baufälligeren Pensionen schlitternd zum Stehen kam, sich gegen die Haustür warf und verschwand.
Jakey rannte hinauf in das Zimmer, das er sein Zuhause nannte. Zum Glück war sein Vater nicht da. Vom Fenster aus beobachtete er, wie seine lila gekleidete Retterin und der Junge, der ihn gefragt hatte, ob alles in Ordnung sei, die Straße herunterkamen. Als sie unter seinem Fenster vorbeigingen, schaute die Zauberin zu ihm herauf und lächelte ihn an – und da begriff Jakey, wer sie war. Ein Lächeln breitete sich über sein Gesicht. Er konnte unmöglich ein solcher Nichtsnutz sein, wie sein Vater immer behauptete. Auch er musste etwas wert sein, sonst hätte sich die Außergewöhnliche Zauberin aus der Burg nicht die Mühe gemacht, ihn – Jakey Fry, eine kleine, unbedeutende Schiffsratte – zu befreien.