24 Wegen Todesfall der Eigentümerin geschlossen
Weil die Calle de las Tapias so gut wie nicht mehr existierte, konnten sich auch keine Nachbarn versammeln und den seltsamen Tod von Pepita de Calahorra kommentieren. Längst sieht man nur noch stellvertretende Bürgermeister durch die Straße laufen, die einheimischen und ausländischen Stadtplanern erklären, wie man ein verwahrlostes Viertel voller Prostitution und Gesindel umgestalten kann. Urbane Zentren, Parkanlagen, Parkhäuser, die eine oder andere Sportstätte. Der Abriss des La Dolce Vita ist bereits beschlossen, und indem die zuständige Firma ein Schild mit der Aufschrift Enderrocs Siurana, Abrissarbeiten Siurana, aufgestellt hat, trägt sie ganz nebenbei auch zur katalanischen Sprachpolitik bei. Biscuter ist zur Leichenhalle in der Calle Sancho de Ávila gegangen, um Pepita de Calahorras Totenwache zu halten. Dorthin ist ihr toter Körper von der Poliklinik Peracamps überführt worden: Überdosis Heroin. Zur selben Zeit schleicht Carvalho um das alte Nachtlokal herum, aus dem verzweifeltes Maunzen dringt. Der zuständige Richter hat das Lokal verriegeln lassen, aber Carvalho reißt einfach ein Brett ab, und einen Moment später springen die zwölf bis vor Kurzem von Pepita protegierten Katzen aus der Öffnung, einige von ihnen noch misstrauisch, erstaunt über die Wirklichkeit, die sie jenseits ihres winzigen, glücklichen Reiches erwartet. Am meisten verwirrt sind die kleinsten und schwächsten unter ihnen, besonders eine sticht ihm ins Auge, ein kümmerliches, grünlich getigertes Kätzchen mit unterschiedlich farbigen Augen. Er lässt sich von einer inneren Regung leiten, will schon die Katze greifen, aber als das Tier den Kopf zur Seite neigt, um sich an seiner ausgestreckten Hand zu reiben, äußert Carvalhos Gehirn Bedenken gegenüber der Adoption und der damit verbundenen Störung seines Alltags. Blitzschnell zieht er die Hand zurück. Die Ermordung seiner Hündin Bleda vor mehr als zwanzig Jahren hat ihn gelehrt, dass es keine harmlosen, der üblichen Dimension des Todes angemessenen Schmerzen gibt. Carvalho musste bis zur Plaza André Pieyre de Mandiargues gehen, um auf die Reste der Prostitution im Barrio Chino zu treffen. Die Nutten hatten sich an die Ränder des Lumpenreservats zurückgezogen, das schon auf Enderrocs Siurana und die Spitzhacken wartete. Pepita habe nie Drogen genommen, erzählte ihm die Gaditana, sie sei übervorsichtig gewesen und habe große Angst gehabt, sich irgendwas Schlimmes einzufangen.
»Eine Überdosis? Pepita? Höchstens vom Málaga-Wein. Dem war sie tatsächlich verfallen.«
Cayetano war Carvalho von der Calle de las Tapias gefolgt und sah, wie der Detektiv von immer mehr betagten Nutten umringt wurde, die den Wunsch hatten, nützlich zu sein, wem oder was, das wussten sie selbst nicht. Alle waren enge Freundinnen von Pepita oder Juanita oder Paquita de Calahorra gewesen, der Name spielte keine Rolle mehr. Cayetano lief bis zur Calle San Pablo und schaute sich nach dem auf Kosten eines Teils der Calle Robadors offenen Platz um, einem Platz, der der Erinnerung an Salvador Seguí, dem Noi del Sucre, gewidmet war, einem von Banditen des Arbeitgeberverbands ermordeten Anarchistenführer. Er wurde noch immer ermordet, diesmal von den Stadtplanern, die ihm eine urbane Lücke gewidmet hatten – eingerahmt von erstaunten Wänden, Resten abgerissener Gebäude, armseligen, vom plötzlichen Sonnenlicht geblendeten Fassaden und einem menschlichen Potpourri aus Alten, Kindern, Jugendlichen zwischen zwei Gefängnisaufenthalten im Modelo und Polizisten, die aus pausenlos patrouillierenden Streifenwagen steigen, um sich die Beine und die Langeweile zu vertreten. Der Dicke saß auf einer für seinen Leibesumfang viel zu niedrigen Bank und würdigte den Bettler, der sich neben ihn setzte, keines Blickes.
»Treib es nicht zu weit, ché. Du hast das Geld eingesteckt, aber keine einzige unserer Abmachungen erfüllt.«
»Keine Sorge, ich erledige das auf meine Art. Ich mach das schon. Nur dieser Detektiv geht mir allmählich auf den Sack, er steht zwei Blocks weiter und plaudert mit Freundinnen von Pepita de Calahorra. Wieso eigentlich Überdosis? Sie hat keine Drogen genommen.«
»Was hab ich damit zu schaffen? Und um den Detektiv musst du dir keine Sorgen machen. Es ist alles unter Kontrolle. Ich weiß sogar, wo seine entfernte Familie wohnt, die einzige, die er hat, ein Onkel, der lange in Argentinien gelebt hat und ihn jetzt überreden will, dorthin zu reisen, um ein Problem für ihn zu lösen.«
»Dieser Onkel aus Amerika wohnt in einem Penthouse in der Calle Marina. Am Rand der Villa Olímpica. Ich weiß gern Bescheid über das, was ich mache.«
Trotz seiner Überraschung schaute der Dicke nicht auf. Er wollte das Treffen so schnell wie möglich beenden.
»Du musst den Scheiß auf dich nehmen.«
»Das mit Pepita nicht.«
»Das ist kein Scheiß. Das war ein tragischer Unfall. Du weißt, wovon ich rede. Helga und Rocco. Jetzt. Jetzt gleich. Du gehst zu Lifante und singst. Du hast es nicht ertragen, dass Palita dich mit diesem ergrauten, rothaarigen Zopfträger schikaniert hat, du singst noch heute, wenn nicht, bist du der Nächste.«
»Keine Sorge, Señor, keine Sorge. Ich mach das schon.«
»Deine Leiche wird nicht besonders schön aussehen, und finden wird sie auch keiner. Wer sollte sich für dein Verschwinden interessieren? Hast du Familie?«
»Ich hatte einen Großvater. Eltern. Eine Cousine.«
»Wo?«
»Im Süden.«
Cayetano stand auf und murmelte:
»Ich erledige das heute Nachmittag, spätestens morgen Abend.«
Cayetano lief entlang, was von der Calle Robadors geblieben war – gerade einmal zwei offene Kneipen für die letzten Liebesdienerinnen, auf der Straße alte, halbtote Sexsuchende, überall Schilder von Enderrocs Siurana. Er bog in die San Rafael ein, ließ das Restaurant Casa Leopoldo hinter sich und gelangte zu dem auf Kosten der Calle Aurora und der Calle Cadena offenen Platz. Er folgte der Calle Aurora bis zum verrosteten Wellblechtor eines Schuppens. Das Tor war nicht verriegelt, und Cayetano öffnete es so behutsam wie möglich, damit es nicht zu rostigem Staub zerfiel. Eine Halle mit nichts als Rattenscheiße darin, weiter hinten das helle Rechteck eines Innenhofs mit einem einzelnen Feigenbaum, und um den Feigenbaum herum Bienzobas, Aguader, Pérez, die Reme und der hoch aufgeschossene Pequeñito. Der Baum hatte es geschafft, hundert, zweihundert Jahre lang zu wachsen und sich durch den Schacht des Innenhofes zur Sonne zu strecken, und das nur durch das tropfende Wasser der Wäsche, zu einer Zeit, als die Häuser noch bewohnt waren.
»Wir dürfen diese Treffen nicht missbrauchen«, fing Bienzobas an. Er hatte nie jemandem ins Gesicht geblickt und würde auch diesmal keine Ausnahme machen. Hin und wieder betrachtete er seine Kollegen verstohlen aus dem Augenwinkel, um sicherzugehen, dass sie noch da waren, oder er nickte, um Remes Worte zu bekräftigen, die auch als Passionsblume vom rechten Ensanche bekannt war. Angesichts der aktuellen Situation sah Reme ihre wiederholt vorgebrachte These bestätigt: die Notwendigkeit einer dauerhaften Bettlervereinigung mit festen Normen und Statuten, wie es das Vereinsgesetz vorschreibt.
»Eine legale Vereinigung? Auf keinen Fall. Nicht mit mir«, hielt Pérez dagegen. »Die Demokratie hat mich hinter Gitter gebracht, und wir waren so naiv, eine Häftlingsvereinigung zu gründen. Jeder hat gesagt: ›Wie toll!‹ aber kaum haben wir was gefordert, wer bekam da Dresche, wer wurde da fertiggemacht? Die Kameraden von der Vereinigung. Wenn sie schon uns Knastbrüder verprügelt haben, könnt ihr euch ausmalen, was sie mit uns Herumtreibern anstellen. Die Knastbrüder haben einen Ort, eine Firma, das Gefängnis, sie besetzen einen physischen Ort. Aber was ist mit uns?«
»Wir sind hier, um zu hören, was den Kollegen Cayetano bedrückt, und nicht, um uns in irgendwelchen Theorien zu ergehen«, verschaffte sich Pequeñito Gehör, und Aguader kam ihm mit deutlichen Worten zu Hilfe.
»Una mica de seny, companys, que ens donaran una altra vegada pel cul i encara ens agradarà.«
Wie immer war der alte Aguader besorgt, dass man es ihnen in den Arsch besorgen könnte und es ihnen auch noch gefallen würde. Cayetano sah aus wie Jesus Christus, der gerade mithilfe von Machado und Joan Manuel Serrat vom Holzbalken gestiegen war.
»Die haben mich gekreuzigt. Die kommen und holen mich, heute ist der letzte Tag, dann verhaften sie mich, damit ich zwei Morde auf mich nehme. Wie soll ich das bloß durchstehen?«
»Wenn die Bullen dir die Hand auf die Schulter legen, egal auf welche«, verkündete Pérez, »verlangst du als Erstes einen Pflichtverteidiger.«
»Und kaum ist der Verteidiger wieder weg, schlagen sie dich windelweich.«
»Hauptsache, du verkaufst dich gut vor dem Richter.«
»Für die Richter sind wir Penner doch nur der letzte Dreck.«
»Hör auf mich, Cayetano.«
»Kollegen, ich habe euch zusammengerufen, um vom Tag danach zu sprechen. Stellt euch vor, ich werde verhaftet und nehme die Morde auf mich oder sie hängen mir sogar den Tod von Pepita de Calahorra an, der vom La Dolce Vita, die auch tot ist, an einer Überdosis gestorben, dann möchte ich, dass ihr der Presse erzählt, was ihr bei euren Nachforschungen herausgefunden habt.«
Es war der Moment von Bienzobas. Er nahm den Faden auf, ohne die anderen anzusehen – nicht zuletzt, weil er ein kleines Heft aus einer Tasche seiner ehemaligen Militärhose gezogen hatte und die Notizen darin fast mit den Pupillen streifen musste, um sie lesen zu können. Aber keiner der Anwesenden zeigte auch nur das geringste Anzeichen von Ungeduld, als wäre die Sache jetzt in guten Händen und als würde die Versammlung ihren Höhepunkt erreichen, sobald Bienzobas seine Aufzeichnungen und sein Sehvermögen aufeinander abgestimmt hätte.
»Barcelona, am soundsovielten des soundsovielten des soundsovielten ... Das Datum tragen wir am gegebenen Tag nach. Und hier kommt das Ergebnis vieler Stunden Arbeit in den unterschiedlichen Vierteln Barcelonas, die hier so würdig vertreten sind.«
Endlich hatten Bienzobas’ Augen und Gehirn einen Anknüpfungspunkt gefunden. Seine Kumpel ließen sich am Fuß des Feigenbaums nieder, und er begann mit seiner Rede.