6 Das Mädchen, das nicht Emmanuelle sein sollte
Die Hand, die nicht den Hut hielt, drückte die Tür auf, und hinter dem Rahmen, an seinem Schreibtisch sitzend, nahm Carvalho Gestalt an. In der Hand hielt er noch immer den Telefonhörer, der auf sein Gespräch mit Dorotea hinwies. Er schaute auf und blickte gleich wieder hinunter, um die wunderliche Erscheinung vor seinen Augen in vollem Umfang zu erfassen. Biscuter stand im Sonntagsstaat vor ihm, strich sich die Ärmel seines Sakkos glatt und rückte sich in Erwartung seines Urteils den Krawattenknoten zurecht.
»Schneiderei Modelo, zwei in einem. Sakko mit zwei gleichen, farblich zusammenpassenden Hosen, um sie abwechselnd zu tragen, damit sie nicht so schnell abnutzen. Ich bin ziemlich dürr, habe aber Plattfüße, und die Oberschenkel scheuern mir die Hosen durch.«
Biscuter hatte also auch Oberschenkel.
»Und der Hut? Warum so elegant, Partner?«
»Mir fehlt die Erfahrung eines Mannes von Welt, aber ich weiß, wie man um etwas bittet. Das Gesicht als Spiegel der Seele reicht nicht, auch die Kleidung beeinflusst die Stimmung der Menschen, mit denen man zu tun hat. Ein adretter Anzug und gutgeputzte Schuhe. Und ein Hut. Seit meiner Jugend trage ich gern Hüte. In Wahrheit habe ich gelogen, als ich sagte, ich sei kein Mann von Welt. Ich war es, bis ich mich hier einschloss, freiwillig natürlich, ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Chef.«
Biscuter, offensichtlich in Laune, alte Erinnerungen heraufzubeschwören, nahm sich einen Stuhl.
»Ich war, ich wiederhole, war ein Mann von Welt. Weder Tag noch Nacht bargen Geheimnisse für mich. Ich klaute nur vom BMW aufwärts. Ich kann mich in jeder Welt zurechtfinden, in achtzig Welten.«
»Es reicht mir, wenn du dich in der Welt der Künste, des Theaters, des Films und des ausschweifenden Nachtlebens dieser Stadt zurechtfindest, wo du dich ja deiner Meinung nach so gut auskennst«, sagte Carvalho mit einer gewissen Ungeduld. »Merk dir diesen Namen, Helga Singer oder die argentinische Emmanuelle, und wenn du aus einer Künstlergarderobe oder einem Nachtlokal trittst und dir ein Clochard über den Weg läuft, dann frag ihn nach Palita. Was sagt dir die argentinische Emmanuelle? Dir ist bekannt, dass es eine ganze Reihe von Emmanuelle-Filmen gab. Es fing mit einer Holländerin an, später folgte die schwarze Emmanuelle, die asiatische, und so wie es aussieht, gab es auch einen Wettbewerb, bei dem die argentinische Emmanuelle gesucht wurde. Bei dem Wettbewerb haben sich junge Schauspielerinnen beworben, und ich will wissen, was aus einer von ihnen geworden ist. Aus Helga Singer, das war ihr Pseudonym. Mit richtigem Namen hieß sie Helga Muchnik.«
»Jüdin. Ich kann Ihnen jetzt schon sagen, dass sie Jüdin war. Sie haben mal ein Buch über Juden verbrannt, das Muchnik hieß.«
»Das war der Name des Verlags, und ich habe es aus dem einfachen Grund verbrannt, weil es ein Buch war. Ich will wissen, was aus Helga geworden ist. Sie war die Jugendliebe eines gewissen Rocco, und möglicherweise ist er es, der sie sucht, daher das Mitwirken von Dorotea Samuelson.«
»Ich werde sie finden, Chef.«
»Du kannst sie im Leichenschauhaus finden, da liegt sie. Sie ist tot. Ich will, dass du mir hilfst, ihr Leben zu rekonstruieren. Von dem Moment, als sie nach Spanien kam, bis zu dem, als sie in der Metro-Station Urquinaona aufgefunden wurde, niedergestochen.«
»Ah. Conditio humana! Wer sich nicht selbst helfen will, braucht nach seinem Tod die Hilfe der anderen, um sich selbst zu finden.«
»Konfuzius?«
»Nein, Chef, von mir.«
Ohne die Passanten oder die Straße eines Blickes zu würdigen, das Ziel fest vor den Glupschaugen, bewegte sich Biscuter über die Ramblas. Er bog in die Escudillers ein und ließ das Restaurant Los Caracoles hinter sich, wo auf einem Rost vor der Tür in aller Ruhe die Hähnchen vor sich hin brutzelten.
Er betrat ein Treppenhaus, das früher einmal mit Portier, Marmorstufen und bronzenem Geländer geprotzt hatte. Er vergewisserte sich, dass die Pförtnerloge leer war und niemand mehr dort saß, der seit dem letzten großen Krieg – dem in Korea zum Beispiel – tot war, stieg die trostlosen, altersschwachen Treppenstufen auf Zehenspitzen hoch, um ihnen keinen weiteren Schaden zuzufügen, und nahm sich in Acht, unter keinen Umständen das Geländer anzufassen, auf dem der fettige Schmutz unzähliger Hände eine Farbschicht hinterlassen hatte, der auch der allgemeine Verfall nichts anhaben konnte. An der Tür ein Porzellanschild: Gualterio Sampedro, Künstleragent. Drei Riegel wurden aufgeschoben, bevor sich die Tür mithilfe von Gualterio Sampedros langer, violett geäderter Nase öffnete.
»Kenne ich Sie?«
»Josep Plegamans Betriu, alias Biscuter. Wir sind uns im Knast begegnet, Gualterio.«
»Biscuter, was für ein bescheuerter Spitzname. Du musst ein ziemlicher Schwachkopf gewesen sein.«
Er öffnete die Tür, und Biscuter betrat ein Museum der archäologischen Fotografie. Auf dem Tisch und an den Wänden Hunderte von Schnappschüssen alter Schauspieler oder Leuten, die es zu sein schienen. Auf Biscuters Gesicht lag ein seltsam verschwörerisches Lächeln. Der alte, schlechtgelaunte Mann, dessen Ohren von genauso vielen Äderchen durchfurcht waren wie seine Nase, schaute wie ein cholerischer Hund auf, um den Eindringling zu mustern. Biscuter sang:
Ich hab die Nacht in einem Traum verbracht,
und dieser Traum erzählte mir von Liebe,
der Liebe zu dem göttlichen Bild,
das ich einst in meinem Herzen trug.
»Haben die Verrückten heute Freigang?«
Biscuter öffnete die Arme.
»Gualterio!«
Der Mann lehnte sich in seinem Sessel zurück und stoppte mit einem Arm Biscuters Avancen.
»Sie kriegen keinen müden Heller von mir. Ich habe meinen Gläubigern bereits gesagt, dass sie mich so lange nicht nerven sollen, bis Argentinien seine Auslandsschulden bezahlt hat und Barcelona die Hauptstadt von Deutschland ist. Wenn die argentinische Regierung irgendwem Geld schuldet, dann kann ich das auch.«
»Der Schnee der Zeit färbte meine Schläfen silbern, aber erkennst du mich wirklich nicht? Erinnerst du dich nicht an Biscuter? Die Tortillas, die ich im Gefängnis von Lérida für dich gemacht habe, als du wegen Schmuggelei gesessen hast? Die Julepe-Partien in Madame Victorias Haus in Andorra? Der Hurenbock aus der Pampa, wie ihr mich nanntet, weil ich meine Rute gefaltet reingesteckt und erst nach dem dritten Fick wieder rausgezogen habe?«
Gualterio schien sich zu erinnern. Es gelang ihm. Aber es waren keine guten Erinnerungen.
»Gefaltet reingesteckt hast du ihn bestimmt nicht. Madame Victoria meinte, du hättest einen so Kleinen, dass es kaum zu glauben ist. Das Klatschmaul. Du sahst aus wie eine gerade erst mit der Zange rausgeholte Missgeburt. Ich hatte noch nie einen Häftling gesehen, der weniger widerstandsfähig war als du. Hat es Antonio, der schwarze Muskelprotz, geschafft, dir den Arsch aufzureißen?«
»Nein. Weder er noch sonst einer. Trotz des schäbigen Milieus habe ich viele als gute Freunde in Erinnerung, auch Antonio, den schwarzen Muskelprotz, der sich geweigert hat, sich zu waschen, bis man ihn aus der Untersuchungshaft entlassen würde. Zu dem Zeitpunkt saß er bereits zehn Jahre in Untersuchungshaft.«
»Gute Freunde, Partys, geklaute Luxuskarossen, Puffs, Kartenspiele, nur ausgesagt hast du damals nicht für mich. Du hast mich nicht aus dem Bau geholt, als es um die Sache mit der Minderjährigen ging.«
»Dich aus dem Bau holen, ich? Aber wenn ich doch selbst um ein Haar in den Knast gewandert wäre, ohne dass ich irgendwas getan hätte! Außerdem war die Kleine elf Jahre alt, Gualterio.«
Gualterio machte eine Hundertachtzig-Grad-Drehung in seinem Sessel, und mit dem Rücken zu Biscuter fing er an, sich zu rechtfertigen:
»Sie war dreizehn, mit dreizehn ist eine Frau eine Frau. Was hast du da eben gesungen?«
»Hast du die Nacht in Madame Victorias Haus vergessen, als sie uns am Morgen mit diesem Lied weckte, dieser Zarzuela? Hast du das wirklich vergessen?«
»Ich erinnere mich. Was willst du sonst noch von mir?«
Biscuter ließ den Blick über die vielen Fotos der Toten ohne Grab schweifen. Er holte tief Luft, um sich Mut zu machen.
»Man sieht, dass es dir nicht schlecht ergangen ist und dass du aufgehört hast, Zigaretten und Duralex-Geschirr zu schmuggeln.«
»Keiner will mehr geschmuggeltes Duralex-Geschirr, und geraucht wird auch immer weniger. Aber du bist bestimmt nicht hier, um mich an diese trüben Zeiten zu erinnern.«
Biscuter dachte nach und lenkte das Gespräch auf eine konkrete Bestandsaufnahme ihrer gemeinsamen Erlebnisse in Andorra und im Gefängnis von Lérida, den Ausgangspunkten für die Schmuggelei des Argentiniers und Biscuters protzige Automarken. Was ihn zutiefst bewegte, ja sogar zu Tränen rührte, ließ Gualterio gleichgültig; genaugenommen, war er erst gelangweilt und dann genervt von der Situation. Der passende psychologische Moment für eine kleine Überraschung, folgerte Biscuter.
»Hast du schon mal von Helga Singer gehört, der argentinischen Emmanuelle? Eine Landsmännin von dir. Sie wollte Künstlerin werden und ist nach Barcelona gezogen. Zu der Zeit hast du bereits als Künstleragent gearbeitet.«
Gualterio drehte sich in seinem Sessel und sah Biscuter mit ernster Miene an. Er war nicht mehr gelangweilt. Auch nicht genervt. Selbst die kleinen Äderchen in seinem Gesicht waren blass geworden, und etwas Ähnliches wie Tränen schimmerte in seinen geröteten Augen auf.
»Und das fragst du mich? Wusstest du nicht, dass diese Frau mein Leben ruiniert hat?«