«Entsprechende Maßnahmen»

Die ganze Bahnfahrt über versuchte Sören, sich die bisherigen Geschehnisse noch einmal vor Augen zu führen. Was das Reichsmarineamt vorhatte, lag jetzt klar auf der Hand. Man wollte die weitere Aufrüstung der Flotte geheim halten und sich dafür der List bedienen, die zukünftigen Kiellegungen als Neubauten von Handelsschiffen zu tarnen. Damit dies möglichst unbeobachtet geschehen konnte, sollten diese Schiffe vorrangig in den nicht kaiserlichen Marinewerften gebaut werden. Aus den Unterlagen, die Waldemar Otte bei sich geführt hatte, ging hervor, dass die geplanten Schiffe noch einmal weitaus größer und leistungsfähiger als die bisherigen Linienschiffe der Marine sein würden. Wie Otte an die Unterlagen gekommen war, entzog sich Sörens Kenntnis. Auf jeden Fall unterlagen die Pläne der Geheimhaltung. Weder die baulichen Details noch die Existenz dieser ominösen Konten durften publik werden. Ottes eigentlicher Auftrag hatte wahrscheinlich darin bestanden, mit der Hapag über die Nutzung eines für den Norddeutschen Lloyd gebauten Passagierdampfers zu verhandeln. Hatte er diese Gelegenheit tatsächlich genutzt, um Ballin mit der Kenntnis des geheimen Vorhabens zu erpressen, oder ging es bei seinem Auftrag doch um mehr? Etwa um die Planung und Ausschreibungsbedingungen der zukünftigen Schiffe? Schließlich hatte er Kontakt zu dieser englischen Werft aufgenommen und wollte Informationen über die Fähigkeiten und Erfahrungen bezüglich des Turbinenantriebs sammeln. Natürlich hatte er nicht wissen können, dass Pirrie mit Ballin befreundet war, aber aus dem Brief, den Sören ja kannte, ging nicht hervor, ob er sein Wissen tatsächlich an die Engländer verkaufen wollte.

Wie auch immer, nachdem Ballin von Pirrie erfahren hatte, dass Otte mit seinem Wissen an die englische Werft herangetreten war, musste er das Reichsmarineamt oder eine Kontaktperson davon in Kenntnis gesetzt haben, und dort hatte man dann veranlasst, Waldemar Otte zum Schweigen zu bringen. Und genau in dem Augenblick war er selbst dem Täter in die Quere gekommen. So musste es sich abgespielt haben. Das erklärte auch, warum man ihm nachgestellt hatte. Alles nur, um an die Papiere zu gelangen. Inzwischen bezweifelte Sören, dass es irgendeinen Zusammenhang zu den Geschehnissen gab, die sich in der Silvesternacht auf St. Pauli abgespielt hatten. Im Gegenteil – eigentlich entlastete Otte, was den Vorwurf des Geheimnisverrats betraf, sein eigenes Verhalten, denn er hatte sich offiziell als Zeuge zur Verfügung gestellt. So etwas tat man nicht, wenn man Kriminelles im Schilde führte. Offen blieb eigentlich nur noch die Frage, was sich in besagter Nacht wirklich abgespielt hatte und warum Simon Levi hatte sterben müssen. Diese Frage beschäftigte Sören noch, als er Stunden später bei sich zu Hause in der Feldbrunnenstraße ankam.

Als Martin ihm die Tür öffnete, fiel Sören ein Stein vom Herzen. Es war also noch nicht zu spät. Erst dann registrierte er Martins sorgenvollen Blick, der nur bedeuten konnte, dass etwas vorgefallen war. Was machte er überhaupt hier? Mit einer unheilvollen Vorahnung stürzte Sören in den Salon.

«Was ist hier los! Wo ist Tilda?»

Agnes saß schluchzend auf dem Sofa und bekam keinen Ton heraus. Sie sah völlig verheult aus.

«Wo ist Tilda? Wo ist Ilka?» Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihm auf.

«Ilka ist oben in ihrem Zimmer. Sie schläft.» Martin wollte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legen, aber Sören drehte sich weg.

«Was ist geschehen? Wo ist Tilda?»

Martin deutete auf die Anrichte und den offenen Geigenkasten. Darin lag Mathildas Guarneri – jemand hatte das Griffbrett des kostbaren Instruments zerbrochen. Der Wirbelkasten baumelte nur von den Saiten gehalten herunter. Sören schossen unweigerlich Tränen in die Augen. «Nein», stammelte er. Dann bemerkte er den Zettel im Deckel des Kastens.

«Sie wissen, woran wir interessiert sind. Wir schicken morgen Mittag einen Boten, der die Dokumente abholen wird. Anderenfalls ergeht es Ihrer Gemahlin wie diesem Instrument.»

Sören wich jede Farbe aus dem Gesicht. Das also waren sie, die entsprechenden Maßnahmen, von denen auf dem Schiff die Rede gewesen war.

«Ich habe die Papiere schon geholt», sagte Martin. «Meinst du, es ist sinnvoll, die Polizei zu verständigen?»

Sören brauchte einen Moment, bevor er einen klaren Gedanken fassen konnte. «Nein», antwortete er schließlich. «Wir dürfen auf gar keinen Fall ein Risiko eingehen.» Er mochte gar nicht daran denken, was sonst mit Tilda geschehen würde. Dann erzählte er Martin, was er auf dem Schiff erfahren hatte.

 

Verstört blätterte Sören immer wieder durch die Dokumente, die Martin auf den Tisch im Salon gelegt hatte. Ein Haufen Papiere, der es eigentlich nicht wert sein sollte, ein Menschenleben dafür aufs Spiel zu setzen. Nur gab es jemanden, der das anders sah und der bereit war, für diese Dokumente zu töten.

«Sollen wir eine Abschrift anfertigen?», fragte Martin.

«Nein», entgegnete Sören, ohne den Blick zu heben. «Das ist nicht nötig. Alle wichtigen Informationen habe ich längst im Kopf.»

«Ich habe mir natürlich die Kontodaten notiert.»

«Soweit ich weiß, kennen sie den genauen Umfang des Materials überhaupt nicht. Man will nur jedes Risiko ausschließen.» Sören schüttelte fassungslos den Kopf. «Ich hätte nie gedacht, dass man so weit gehen würde … Es ist eine solche Schweinerei …»

Er musste an Tilda denken. An ihr letztes Gespräch, an ihre Umarmung, ihren Duft. Wo hielt man sie gefangen? «Wir dürfen kein Risiko eingehen. Sie sollen alles bekommen.»

Sören betrachtete die Pläne und Zeichnungen. Wenn man wusste, um welche Details es ging, konnte man die eingezeichneten Schlingertanks erkennen. Auch die Maße und Leistungsangaben stellten für ihn nun kein Rätsel mehr dar. Alles war plötzlich verständlich. Ein letztes Mal nahm er sich die persönlichen Briefe von Otte vor, aber er fand immer noch keinen Hinweis darauf, ob er tatsächlich geplant hatte, sein Wissen zu verkaufen. Abermals versuchte Sören, den Zettel mit Ottes handschriftlichen Notizen und die flüchtige Skizze zu entziffern. Es konnte sich nur um eine Wegbeschreibung handeln, ein Geflecht unterschiedlicher Straßen, angedeutet mit Abkürzungen, in Eile notiert. Die Worte konnten alles Mögliche bedeuten, nur der Name Friedrich stach ihm ins Auge, und plötzlich ging Sören ein Licht auf. Auf einmal wusste er, was ihn die ganze Zeit gestört hatte, was er übersehen hatte.

«Die Friedrichstraße … Altona …» Sören stand auf und suchte fieberhaft nach einem Stadtplan, den er schließlich in einer der Schubladen der Anrichte fand.

«Was ist? Was hast du?», fragte Martin und stellte sich neben Sören, der mit dem Finger die Straßenzüge auf dem Plan nachzeichnete.

«Ich Idiot», sagte Sören nur, und schlug sich mehrfach mit der flachen Hand gegen die Stirn. «Ich verdammter Idiot.» Auf einmal wurden die Schriftzeichen von Otte verständlich. Es waren Straßennamen, die Sören auf dem Plan ablesen konnte. Und es waren genau die Straßen aufgeführt, die rund um den Hof lagen, in dem Simon Levi erschlagen worden war. Eine Gegend, wo ein Straßenzug immer noch mehrere Namen haben konnte, einen auf der Hamburger und einen anderen auf der Altonaer Seite. Das war es gewesen, was Sören gestört hatte, als er mit Schmidlein vor Ort gewesen war, als er die Schmuckstraße in Richtung Große Freiheit entlanggeschaut hatte. Ab der ehemaligen Grenze hieß die Schmuckstraße Friedrichstraße. Langsam fügten sich die Puzzlesteine zusammen.

«Ich muss dringend mit Völsch sprechen. Diese vermaledeite Razzia … Das Haus, das man durchsucht hat … Wenn es in der Friedrichstraße liegt, dann wird mir einiges klar.»

«Und ich verstehe überhaupt nichts mehr», erklärte Martin und schüttelte verständnislos den Kopf.

«Ich habe mich die ganze Zeit über gefragt, ob es einen Zusammenhang gibt, einen Zusammenhang zwischen dem, was David widerfahren ist, also dem Verbrechen, das in der Silvesternacht auf St. Pauli geschah, und den Umständen, die zum Mord an Waldemar Otte geführt haben. Die Verbindung der Geschehnisse war bislang nur darin zu sehen, dass Otte der Zeuge war, aufgrund dessen Aussage David verhaftet wurde. Wir haben aber der Frage, was Otte dort gesucht hat und was Simon Levi dort verloren hatte, bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Es gibt nämlich ein weiteres verbindendes Glied. Und wenn ich mich nicht täusche, dann laufen dort alle Fäden zusammen: in der Friedrichstraße oder, besser gesagt, in der Schmuckstraße.»

«Ich kann dir immer noch nicht folgen.»

«Ganz einfach. Levi gehörte wahrscheinlich zu einer ganzen Gruppe von Männern, die man aus der Auswandererstadt herausgeschleust hat, damit sie sich auf St. Pauli amüsieren können. Für das Gelingen hat man einige Kollegen von Völsch bestochen. Entscheidend ist aber, dass zudem auch Beamte der Hamburg-Amerika Linie eingeweiht gewesen sein müssen. Ich nehme sogar an, dass unter ihnen die Drahtzieher zu finden sind und dass man die Auswanderer gezielt in ein bestimmtes Etablissement gebracht hat. Wenn es so ist, wie ich vermute, betreibt man vielleicht sogar selbst eine solche Lokalität, speziell für Personen aus dem geschäftlichen Umfeld der Reederei. Auch Waldemar Otte, der ebenfalls in geschäftlichem Kontakt mit der Hapag stand, hatte eine Wegbeschreibung bei sich, die in genau diese Gegend führt. Ob es sich um die gleiche Straße handelt, werde ich in wenigen Minuten wissen.»

Sören ging zum Fernsprecher und ließ sich mit der Polizeistation in der Auswandererstadt verbinden. Er hatte Glück. Nach wenigen Minuten hatte er Polizeileutnant Völsch am Apparat, und sein Gesichtsausdruck erhellte sich, als er die Adresse erfuhr, wo die Razzia stattgefunden hatte. «Ja, wir waren auf der richtigen Spur», bestätigte Sören, während er weiter in die Sprechmuschel lauschte.

«Nein, ich denke, ich habe des Rätsels Lösung. In dem Haus konnte die Polizei gar nichts finden, es erfüllt eine ganz andere Funktion … Ja, ich halte Sie auf dem Laufenden. Vielen Dank.»

Sören hängte den Hörer auf die Gabel und wandte sich Martin zu. «Es ist genau so, wie ich angenommen habe. Das Haus, das man durchsucht hat, steht in der Friedrichstraße. Direkt an der Grenze zwischen Hamburg und Altona.»

«Aber man hat dort bei der Razzia nichts finden können.»

Sören nickte. «Ja, weil man nach der falschen Sache gesucht hat, nach einer Gruppe von Personen, die sich verbotenen Dingen hingibt, Hasardspiel, Prostitution, was weiß ich. Das dortige Haus ist ein ganz gewöhnliches Mietshaus. Nun, ganz gewöhnlich nicht. Zumindest einige der dortigen Bewohner müssen Kenntnis davon haben, welchen Zweck es erfüllt.»

«Du sprichst immer noch in Rätseln.» Martin verzog hilflos das Gesicht.

«Als ich mit Willi Schmidlein vor Ort war», erklärte Sören, «sind uns ein paar Ungereimtheiten aufgefallen. Auf dem Hof an der Schmuckstraße, also auf der Hamburger Seite der Friedrichstraße, befindet sich ein großes, scheinbar verlassenes Gebäude, dessen Fenster vernagelt sind. Nach allem, was ich inzwischen weiß, sind sowohl diese ominöse Frau, von der David und Willi Schmidlein berichteten, sowie Simon Levi in dieses Haus geflüchtet. Ich habe sogar eine Tür gefunden, die allerdings von innen verriegelt war. Außerdem hatte man jede Menge Unrat vor dieser Tür aufgestapelt, so, als wenn man den Eingang verbergen wollte. Der Eingang des Hauses zur Straßenseite ist bestimmt seit mehreren Jahren nicht mehr benutzt worden, und einen anderen Zugang konnten wir nicht finden. Wir haben alle Seiten abgesucht. Von außen sieht alles so aus, als wenn das Haus seit vielen Jahren leer steht. Und genau das ist meines Erachtens auch gewollt.»

«Und der Zugang …»

«Befindet sich in besagtem Haus an der Friedrichstraße. Richtig.» Sören machte eine abtauchende Handbewegung. «Die Häuser sind nur durch den ehemaligen Grenzgang getrennt. Es ist gut denkbar, dass es einen geheimen Tunnel gibt, vielleicht einen ehemaligen Schmugglerweg, der die Keller beider Gebäude miteinander verbindet. Wir werden ja sehen …»

«Du willst da jetzt hin?», fragte Martin völlig entgeistert. «Was glaubst du dort zu finden? Nachdem entdeckt wurde, dass man verbotenerweise Männer aus der Auswandererstadt geschleust hat, dürfte das dortige Treiben vorerst eingestellt worden sein. Oder denkst du, dass man Tilda …?»

Sören zuckte mit den Schultern. «Es ist nur so ein Gefühl.»

«Wenn es wirklich so ist, wie du sagst, dann wäre es freilich ein idealer Ort, um jemanden zu verstecken.»

Sören merkte, dass Martin ihm den Strohhalm nicht nehmen wollte, an den er sich in diesem Augenblick klammerte. «Wir können hier doch nicht bis morgen Mittag tatenlos herumsitzen und Löcher in die Wand starren. Ich werde noch verrückt, wenn ich daran denke, was sie Tilda womöglich antun.»

«Gut, aber wie willst du vorgehen? Du kannst da nicht so mir nichts, dir nichts reinmarschieren und auf Verdacht den Keller des Hauses auf den Kopf stellen. Vor allem kannst du das nicht alleine tun. Wenn Tilda dort wirklich gefangen gehalten wird, dann gibt es mit ziemlicher Sicherheit auch ein paar Ganoven, die sie bewachen.»

«Was schlägst du vor?»

«Wir brauchen zumindest Rückendeckung. Wenn tatsächlich jemand von der Polizei in die ganze Sache verwickelt ist, dann kannst du nicht ausschließen, dass er es ebenso erfährt, wenn wir uns jetzt an die Polizei wenden.»

«Zumal wir davon ausgehen müssen, dass die betreffende Person über einen gewissen Einfluss innerhalb der Polizeibehörde verfügen muss. Sonst hätte man den Tod von Waldemar Otte nie so schnell als Unfall ad acta gelegt. Sehr wahrscheinlich wurde in diesem Fall von höchster Stelle interveniert. Das würde bedeuten, dass unser Mann zumindest an einer Schaltstelle sitzt und einen gewissen Einfluss hat.»

«Selbst wenn eine Anweisung von Reichsseite vorliegt, keine Hamburger Behörde wird es sich leisten können, einen Verbrecher zu decken, einen Mörder.»

«Und was ist mit Menschenraub?»

«Das kommt noch hinzu. Es ist alles schlimmer als wir dachten.»

Sören erwiderte nichts.

«Wir werden also ein entsprechendes Geschütz auffahren», erklärte Martin. «Ich werde Senator Sthamer verständigen. Als Präses der Polizeibehörde stellt er in der Stadt für uns die größte Autorität dar. Und ich habe noch etwas gut bei ihm.» Martin blickte zur Uhr. «Es ist zwar schon spät, aber angesichts der Dringlichkeit in dieser Sache wird er Verständnis dafür haben, dass ich ihn in seinem Privathaus aufsuche.»

Martin griff nach seinem Mantel. «Ich melde mich bei dir.»

 

Sören wollte sich zur Beruhigung seiner Nerven gerade einen Cognac einschenken, als es an der Tür klopfte. Martin konnte noch nicht zurück sein, und jemand anders erwartete er nicht, also nahm er vorsichtshalber seinen Revolver von der Hutablage der Garderobe, den er dort immer zur Sicherheit deponiert hatte. Tilda wusste von dem Versteck, aber wahrscheinlich hatte man sie sofort angegriffen. Außerdem war sie nicht groß genug, um einfach so auf die Hutablage greifen zu können. Sören steckte die Waffe in den Hosenbund und öffnete die Tür.

«Du hättest etwas sagen können», meinte Schmidlein vorwurfsvoll. Er war völlig außer Atem. «Alle gehen davon aus, dass du über Bord gefallen bist.»

«Das ist vielleicht gar nicht schlecht», entgegnete Sören. «Komm rein, ich muss mit dir sprechen. Es ist etwas vorgefallen.»

«So eine Schweinerei!» Schmidlein schlug wütend mit der Faust auf den Tisch, nachdem Sören ihn in kurzen Zügen über alles informiert hatte. «Auf jeden Fall benötigen wir ein paar Männer. Lass das meine Sorge sein. Ich trommele die Genossen zusammen. Wo treffen wir uns?»

«In dem Hofdurchgang an der Schmuckstraße.»

«Gut, gib mir eine Stunde Zeit.»