17. Kapitel
Ach, meine kleinen Mädchen! Es ist so wichtig, dass ihr lernt, klar und deutlich zu sagen, was ihr meint. Das ist das größte Geschenk, welches ihr euch selber und euren Lieben machen könnt...
...so sprach die alte Heilerin Nora von Loch Lomond in einer kalten Nacht zu ihren drei jungen Enkelinnen.
Gregor trieb sein Pferd zu einer schnelleren Gangart an.
Es fühlte sich wundervoll an, wieder auf dem Pferde rücken zu sitzen, die kühle, feuchte Luft zu atmen, die schwer vom Duft der nassen Erde war, und das Flüstern der Bäume im Wind zu hören. Es war zu schade, dass Venetia ihre Reitkleidung nicht mitgebracht hatte; dies war genau die Art von Ausritt, die sie liebte, weil dabei alle Sinne angesprochen wurden.
In seiner Vorstellung sah er sie vor sich herreiten, sah, wie ihr Pferd unter ihr tänzelte, sah den schelmischen Ausdruck in ihrem Gesicht, wenn sie sich umdrehte und ihm über ihre Schulter hinweg zulachte.
Zum ersten Mal seit ihrer Unterhaltung am Vortag lächelte Gregor.
Er drehte sich zu der Kutsche um, die langsam die Straße entlangholperte, wobei Chambers sorgfältig vermied, durch die tieferen Furchen und die matschigen Stellen zu fahren. Selbst aus der Entfernung konnte er das Gemurmel von Miss Platts ununterbrochenem Geplapper hören. Venetia und Ravenscroft würden wahrscheinlich bereit sein, die Frau umzubringen, noch bevor sie das Haus von Venetias Großmutter erreichten.
Die Ledervorhänge der Kutsche waren zurückgezogen. Wenn er auf gleicher Höhe mit der Kutsche ritt, konnte er durch das Fenster einen Blick auf Venetia erhaschen, deren braunes Haar mit viel zu wenigen Nadeln hochgesteckt war, sodass ihr zahlreiche Locken in den Nacken hingen. Auf ihrem Gesicht lag ein schmerzlicher Ausdruck, während Miss Platt munter vor sich hin schwatzte.
Venetia konnte nicht das Haus verlassen, ohne dass sie auf jemanden stieß, der ihr sein Leid klagte. Wahrscheinlich hätte er Mitleid mit ihr haben sollen, da sie so viele hilflose Menschen anzog. In der Vergangenheit - noch vergangene Woche, obwohl das eine Ewigkeit her zu sein schien - hätten sie gemeinsam über die alberne Miss Platt gelacht.
Er wäre neben der Kutsche hergeritten und sein Blick hätte Venetias getroffen, dann hätte sie sofort seine Gedanken gelesen, und er ihre. Nun mied sie seinen Blick und mied auch ihn.
Plötzlich wurde es dunkel in ihm, und ihm verging jede Lust zu lächeln. Er vermisste die alten Zeiten, und ein Teil von ihm hatte Angst, es würde nie mehr so sein wie damals. Erst seit er es kaum noch zu hören bekam, war ihm klar, wie sehr er Venetias Lachen liebte. Sie gluckste auf die liebenswerteste Art fröhlich vor sich hin, ihre Augen leuchteten wie funkelndes Silber, und ihre Mundwinkel bogen sich ganz zauberhaft nach oben.
Verdammt, verdammt, verdammt! Es war ungerecht, dass Ravenscrofts gedankenloses Verhalten zu einer solchen Entfremdung zwischen ihnen geführt hatte. Gregors Hände schlossen sich fester um die Zügel, und er gab seinem Pferd die Sporen, um einen größeren Abstand zwischen sich und die Kutsche zu legen.
Seit sie gemeinsam im Gasthof gewohnt hatten, nahm er sie auf eine völlig andere Art wahr. Er bemerkte tausend Dinge, die ihm vorher niemals aufgefallen waren. Wie sich ihr Haar im Nacken kringelte. Wie süß sie duftete. Wie sie ihren Kopf auf die Seite legte, wenn sie aufmerksam zuhörte ... Und all diese Dinge machten sie plötzlich für ihn zu mehr als einer Freundin.
Es war, als hätte er sie all die Jahre durch dunkles Glas gesehen, und nun wären die Schatten fortgewischt worden, und er betrachtete sie zum ersten Mal im hellen Sonnenlicht. Venetia Oglivie, seine beste Freundin auf der ganzen Welt, die Frau, an die er niemals einen erotischen Gedanken verschwendet hatte, war schön. Es war nicht die grelle, zimperliche Schönheit der verwöhnten Damen der Gesellschaft, sondern die üppige, bodenständige Schönheit einer echten Frau.
Diese Erkenntnis hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht und ihn ungeschickt und übervorsichtig im Umgang mit ihr gemacht. Obwohl sie zu dickköpfig war, um es zuzugeben, musste ihr klar sein, dass sie mit ihm als Ehemann besser dran war als mit jedem anderen. Er kannte sie, schätzte sie, und sie war ihm wichtig. Er war eine gute Partie und konnte bestens für sie sorgen. Nach der Hochzeit konnte er seine Ställe in Lancashire vergrößern und dort all die Pferde unterbringen, von denen er wusste, dass sie sie gerne kaufen wollte. Was konnte sie sich sonst noch wünschen?
Er erinnerte sich, dass sie einen Wutanfall bekommen hatte, als er ihr ankündigte, dass er sie heiraten würde, und zog eine Grimasse. Obwohl sie eigentlich keine andere Wahl hatte als eine Ehe mit ihm, verdiente sie einen richtigen Antrag. Das war es, was jede Frau sich wünschte.
Gregor seufzte. Vielleicht würde er in der Abgeschiedenheit und Ruhe des Hauses ihrer Großmutter von vorne anfangen und ihr erklären, welche Vorteile es für sie hatte, wenn sie mit ihm verheiratet war. Sie war noch nicht bereit, sich einzugestehen, in welch schlimmer Notlage sie sich befand, aber wenn sie erst einmal so weit war, würde sie sicher noch einmal ernsthaft über sein Angebot nachdenken. Ihr blieb nichts anderes übrig.
Dieser Gedanke heiterte ihn auf, und mit leichterem Herzen ritt er um die nächste Kurve. „Brrr!“
Ein leichter Jagdwagen steckte seitlich der Straße im Matsch fest. Der Passagier und sein Kutscher standen daneben. Der Passagier, ein Mann in mittleren Jahren in einem teuren olivbraunen Mantel, trat gerade heftig gegen das Rad des Wagens.
Gregor lachte.
Der Mann drehte sich um und schien erstaunt zu sein, als er Gregor sah. „Es tut mir leid, dass Sie Zeuge meines kleinen Zornausbruchs waren“, entschuldigte sich der Mann und kam auf Gregor zu, um ihm die Hand zu reichen. „Ich bin Sir Henry Loudan.“
Der Händedruck des Mannes war fest und der Blick seiner grauen Augen klar und direkt. Seine Schläfen waren bereits leicht ergraut, und in seinen Augenwinkeln lagen Strahlenkränze von kleinen Fältchen, als würde er häufig lachen.
„Guten Tag“, grüßte Gregor ihn lächelnd. „Ich bin Gregor MacLean. Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, wenn ich nicht absteige, aber der Boden sieht ziemlich weich und matschig aus.“
Bekümmert schüttelte Sir Henry den Kopf und betrachtete seine schmutzigen Schuhe. „Ich hätte auch das Pferd nehmen sollen und nicht den Wagen, aber ich bin auf jeden Fall froh, dass Sie da sind. Wir stecken hier seit einer Stunde fest, und nicht eine Menschenseele ist seitdem vorbeigekommen. Ich fing an zu befürchten, wir müssten die restlichen vier Meilen bis Eddington laufen.“
Kritisch betrachtete Gregor die schlammige Straße. „Der Boden ist hier verdammt nachgiebig, nicht wahr?“
Der Mann nickte. „Auf der anderen Straßenseite ist es nicht so matschig. Ich wünschte, das hätten wir gewusst, bevor wir stecken geblieben sind.“
„Ich frage mich, ob der festere Streifen breit genug für eine Kutsche ist.“ Hinter sich hörte Gregor Ravenscrofts Kutsche nahen. Genau in dem Augenblick, in dem sie um die Kurve rumpelte, dirigierte er sein Pferd in die Mitte der Straße. Chambers erfasste die Situation auf den ersten Blick und brachte die Kutschpferde zum Stehen.
Die Tür wurde geöffnet, und Ravenscroft kletterte heraus, ohne auf Dreck und Matsch zu achten.
„Mr. West!“ Miss Platt streckte den Kopf aus dem Fenster. „Seien Sie vorsichtig! Ich fürchte, Ihre Füße werden nass, wenn Sie dort stehen bleiben. Sind wir stecken geblieben? Hoffentlich müssen wir nicht aussteigen und zu Fuß gehen, denn ich habe keine Wanderstiefel bei mir und würde meine Röcke ruinieren. Meinen Sie nicht, dass es bei diesem Wetter einfach schrecklich wäre, zu Fuß zu gehen?“ Sie setzte sich wieder, ihre Stimme war aber immer noch zu hören, wahrscheinlich redete sie jetzt auf Venetia ein.
Mit besorgter Miene kam Ravenscroft auf Gregor zu. „MacLean! Lassen Sie uns tauschen. Was halten Sie von einer warmen, gemütlichen Fahrt in der Kutsche, während ich an Ihrer Stelle den Elementen trotze? Es muss schrecklich kalt auf dem Pferd sein und ... “
„Nein“, erwiderte Gregor knapp und wandte sich wieder an Sir Henry. „Ich bin sicher, wir können Sie bis nach Eddington mitnehmen. Dort können Sie wahrscheinlich ein Pferd mieten und Ihre Reise fortsetzen.“
„Das wäre wunderbar.“ Sir Henry sah Gregor dankbar an. „Ich bin furchtbar in Eile, und genau dann kommt immer etwas dazwischen, nicht wahr?“
„So ist es“, stimmte Gregor ihm zu.
„Mylord?“, rief Chambers vom Kutschbock herunter. „Sollen die Damen nicht besser aussteigen? Wenn wir von der Straße rutschen, könnte sich die Kutsche überschlagen.“
„Sie haben recht. Ich werde den Damen heraushelfen.“ Gregor ging zur Kutsche und öffnete die Tür.
Als das Sonnenlicht ins Innere des Wagens fiel, verwandelten sich Venetias Augen in pures Silber. Gregor streckte die Hand aus. „Ihr werdet für einen Moment aussteigen und warten müssen, während wir die Kutsche über diese gefährliche Stelle bringen.“
Venetia zögerte, dann nickte sie und legte ihre Hand in seine. Der leichte Druck ihrer Finger ließ eine heiße Welle durch seinen Körper laufen. Er packte fester zu, als sie auf die Tür zukam, und für einen atemlosen Moment tauchten ihre Blicke ineinander.
Ohne nachzudenken, schlang er den Arm um ihre Taille und hob sie aus der Kutsche. Sekundenlang hielt er sie an sich gepresst, sodass sich jede Rundung ihres Körpers an ihn schmiegte.
Ihre Wangen begannen zu glühen, ihre Augen weiteten sich. „Gregor!“, hauchte sie und sah sich verwirrt um.
Ihre Verlegenheit brachte ihn zur Vernunft, er stellte sie auf die Füße und trat widerstrebend einen Schritt zurück.
Um Venetia und Gregor herum herrschte angespannte Stille. Ravenscroft starrte finster vor sich hin, Chambers und Sir Henrys Kutscher waren angestrengt mit ihren Pflichten beschäftigt, und Sir Henry schaute mit verständnisvollem Gesicht in eine andere Richtung.
Gregor verbeugte sich leicht vor Venetia. „Ich wollte nicht, dass du mitten im Matsch stehst, und habe dich darüber hinweggehoben. Hier ist es, äh, weniger dreckig.“
Sie schaute nach unten. Gregors Blick folgte ihrem. Sie stand bis fast zu den Knöcheln im Wasser, denn er hatte sie mitten in eine Pfütze gestellt.
Venetia schürzte ihre Röcke und trat aus der Lache heraus, wobei ihre Stiefeletten schmatzende Geräusche machten. „Ich weiß deine Bemühungen zu schätzen, MacLean.“
„Hallo, Lord MacLean!“ Inzwischen stand Miss Platt in der offenen Kutschentür, offenbar bereit, in seine Arme zu springen. „Ich bin fertig zum Aussteigen.“
Venetia gluckste vor Lachen, das sie mit einem Husten zu verbergen suchte.
Nachdem er ihr einen kurzen, strafenden Blick zugeworfen hatte, forderte Gregor über seine Schulter hinweg Ravenscroft auf: „Seien Sie bitte so nett, Miss Platt aus der Kutsche zu helfen, Mr. West. “
„Ich? Aber ...“
Gregor sah ihn warnend an.
Der jüngere Mann schluckte. „Oh, natürlich.“ Er ging durch die Pfützen zur Kutsche, blieb weit, weit von dem Wagen entfernt stehen und streckte Miss Platt nur die Spitzen seiner Finger entgegen, sodass sie sich gerade eben daran festhalten konnte.
Sie blinzelte zum Boden. „Dort kann ich nicht hintreten. Es ist matschig. “
Ravenscroft zog seine Hand weg. „Gut.“ Er wandte sich an Gregor. „Miss Platt will lieber in der Kutsche bleiben, wenn sie sich überschlägt.“
„Das habe ich nicht gesagt!“, widersprach sie verärgert. Erneut streckte er seine Hand aus, blieb aber ebenso weit entfernt stehen wie zuvor.
Gezwungen, sich irgendwie zu behelfen, stand Miss Platt gleich darauf neben Venetia am Straßenrand. Die Schuhe der beiden Frauen waren dreckig, ihre Füße nass.
Gregor wandte sich Chambers, Ravenscroft und Sir Henry zu. „Wenn wir dafür sorgen, dass die Kutsche langsam vorwärts rollt und sie ein wenig von der Seite stützen, sollte es uns gelingen zu verhindern, dass sie von der Straße rutscht.“
„Das könnte funktionieren“, vermutete Sir Henry. „Als meine Kutsche anfing zu rutschen, ließ ich dummerweise anhalten, und dann versanken die Räder im Matsch. Als das erst einmal geschehen war, half nichts mehr.“
„Dann sind wir uns also einig, was zu tun ist“, stellte Gregor mit einem Nicken fest.
„Ich bitte um Entschuldigung“, mischte sich Venetia vom Straßenrand aus ein. „Aber ich würde es anders machen.“ „Meine liebe Venetia“, erwiderte Ravenscroft lächelnd. „Ich bin sicher, wir wissen, wie wir die Kutsche über dieses Straßenstück bekommen, ohne ... “
„Wie würdest du es machen?“, unterbrach ihn Gregor, ohne auf seinen erstaunten Blick zu achten.
„Wenn die Kutsche langsam fährt, können die Räder einsinken. Ich würde es schneller machen.“
Sir Henry sah beeindruckt aus. „Sie hat recht. Der Schwung könnte die Kutsche am Steckenbleiben hindern.“ Nachdenklich nickte Gregor. „Wir werden Venetias Rat annehmen. Chambers, fahren Sie rasch und in gleichmäßigem Tempo über dieses Straßenstück. Vielleicht kann Ihr Kutscher neben den Pferden herrennen und sie zusätzlich ein wenig antreiben, Sir Henry? Wir anderen werden die Kutsche von der Seite stützen, sodass sie nicht von der Straße rutscht.“
Sobald Gregor, Ravenscroft und Sir Henry sich neben der Kutsche aufgestellt hatten, trieb Chambers die Pferde an, die sich sofort in Bewegung setzten.
Der große Wagen rumpelte los, während Sir Henrys Kutscher das vordere Pferd am Zaumzeug vorwärts zog. In der Kurve war die Straße zur Seite hin ein wenig abschüssig.
„Jetzt“, befahl Gregor und stemmte seine Schulter gegen die seitliche Wand der Kutsche.
Ravenscroft und Sir Henry taten es ihm nach. Die Kutsche bewegte sich gleichmäßig vorwärts ... blieb dann stecken und rutschte ein wenig zur Seite.
„Stärker schieben“, ordnete Gregor an und biss seine Zähne zusammen, während er sich abmühte, die Kutsche daran zu hindern, in den Dreck zu rutschen.
Venetias Vorschlag war genau richtig gewesen. Die Pferde schafften es, die Kutsche in Bewegung zu halten, und innerhalb weniger Momente hatten sie das völlig verschmutzte Straßenstück hinter sich und festeren Boden erreicht. Chambers hielt den Wagen an.
Als Gregor Venetias erleichtertes Gesicht sah, zwinkerte er ihr ohne nachzudenken zu.
Ohne jedes Zögern zwinkerte sie zurück.
Gregor lächelte in sich hinein und fand das Leben plötzlich nicht mehr so düster.
Schwer atmend lehnte sich Sir Henry gegen die Kutsche. „Das war doch mal ein guter Plan“, stellte er grinsend fest. „Ich wünschte, Sie hätten alle sehen können, wie ich versucht habe, dieselbe Stelle zu passieren. Die ...“Er stieß sich von der Kutsche ab. „Rutscht der Wagen? Es fühlte sich eben an, als hätte er sich bewegt.“
Wie als Antwort auf seine Worte, schaukelte die Kutsche ein bisschen.
„Chambers!“, rief Gregor.
Der Reitknecht wandte sich um und schaute über die Kutsche hinweg nach hinten. „Mylord?“
„Bewegt sich die Kutsche?“
„Nein, Mylord. Wir stehen so fest wie ...“ Wieder schaukelte die Kutsche, und dieses Mal war gleichzeitig ein gedämpfter Schrei zu hören.
„Großer Gott!“, sagte Sir Henry und trat einen Schritt von der schwankenden Kutsche weg. „Was zur Hölle ist das?“
„Oh, nein!“ Venetia eilte herbei, griff nach den Ledergurten hinten an der Kutsche und versuchte aufgeregt, sie zu lösen.
„Was tun Sie da, um Himmels willen?“, erkundigte sich Ravenscroft verwirrt.
Hastig griff Gregor nach dem obersten Gurt und öffnete ihn. Krachend fielen die Koffer, die hinten an der Kutsche befestigt gewesen waren, in einem Haufen auf den Boden. Der Koffer, den Venetia für Miss Higganbotham mit nach London nehmen sollte, kippte auf die Seite, dann sprang der Deckel auf. Heraus quoll ein Berg aus Seidenwäsche und Kleidern, wild strampelnden Strümpfen und Schuhen und einem wippenden Unterrock, als Miss Elisabeth Higganbotham Hals über Kopf aus dem Koffer in eine große Pfütze fiel.
„Elisabeth“, riefen Venetia und Sir Henry gleichzeitig. Und sahen sich anschließend mit weit aufgerissenen Augen erstaunt an.
„Ich ... ich ... ich bin schmutzig!“, jammerte Miss Higganbotham. Matsch tropfte aus ihren goldenen Locken und durchnässte ihr Kleid vom Nacken bis zum Saum. Dicke Dreckstücke blieben an ihrer weißen Haut kleben und verschmierten ihr Gesicht.
Zum Schrecken und Erstaunen aller Anwesenden fiel Sir Henry Loudan mitten in der Pfütze auf die Knie, riss sie in seine Arme und küsste sie atemlos.
Viel später am selben Nachmittag erkannte der Squire, mit welcher Entschlossenheit seine Tochter „ihr Leben ruinierte“, wie er es nannte. Fast den ganzen Tag lang war er auf seinem Pferd Mrs. Blooms schwerer Kutsche gefolgt und hatte sich darüber geärgert, dass es nur so langsam vorwärtsging. Bei diesem Tempo würden sie eine weitere Nacht in einem Gasthaus verbringen müssen, ein Gedanke, der den Squire in Verzweiflung stürzte. Er hatte davon geträumt, die nächste Nacht in seinem eigenen Stadthaus zu verbringen. Mit frischen Laken, dicken Matratzen und den Diensten eines Kochs aus York, wo er selber geboren und aufgewachsen war. Dann würde er Elisabeth in Sicherheit gebracht haben, sicher vor ihrer unausgegorenen Leidenschaft, und das Leben konnte endlich ruhig und normal weitergehen.
Trotz ihrer jähzornigen Art hatte Mrs. Bloom gezeigt, dass sie ein gutes Herz hatte. Während der einzigen kurzen Rast, die sie bisher gemacht hatten, war Elisabeth zusammengekauert in der Ecke der Kutsche sitzen geblieben, die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, eine Hand an die Stirn gepresst, als wollte sie demonstrieren, dass sie unter heftigen Kopfschmerzen litt. Der Squire dachte, dass sie nur Theater spielte, aber Mrs. Bloom war geneigt zu glauben, dass sie, nach allem, was sie mitgemacht hatte, überreizt war. Zunächst war sie von ihrem „Verlobten“ getrennt worden, dann hatte sie einen Unfall erlitten und schließlich tagelang im Gasthaus festgesessen.
Schließlich war Elisabeth in ihrer Ecke der Kutsche eingeschlafen, ihr Kopf fiel nach vorne, die Kapuze bedeckte ihr Gesicht und schirmte sie von der Sonne ab. Mrs. Bloom hatte sich als sehr fürsorglich erwiesen und dafür gesorgt, dass niemand sie weckte.
Ein Holzschild kündigte einen weiteren Gasthof an der Straße an. Der Squire seufzte, als Mrs. Bloom ihre fleischige Hand aus dem Fenster streckte und mit einem weißen Taschentuch wedelte, um dem Kutscher zu signalisieren, dass sie eine weitere Pause wünschte.
Großer Gott, die Frau musste die schwächste Blase von ganz England haben. Leise vor sich hin brummend, nickte der Squire zustimmend und hoffte, die Rast würde nicht zu lange dauern. Die Kutsche bog elegant in den Hof des Gasthauses ein, und der Squire folgte auf seinem Pferd. Er beschloss, draußen zu warten, während Mrs. Bloom ihren Bedürfnissen nachging und danach einen kleinen Imbiss einnahm.
Der Squire informierte Mrs. Bloom über seine Absicht, als der Kutscher die Tür öffnete und sie ausstieg.
„Wie Sie wollen“, erwiderte sie leichthin. „Obwohl es schlecht für Ihre Verdauung ist, wenn Sie den Tee auslassen.“
„Ich bin sicher, ich werde es überleben. War Elisabeth eine bessere Gesellschaft als ich?“
„Das kann man nicht behaupten! Das Kind hat bis jetzt nichts anderes getan als geschlafen. Sie ist still wie eine Maus. Wenn ich nicht sehen könnte, dass sie atmet, wüsste ich nicht, ob sie lebt oder tot ist. Ich hoffe, nach dem Schlafen wird sie sich besser fühlen.“ Mit diesen Worten ging Mrs. Bloom in den Gasthof, wo sie vom Wirt und seiner Frau begrüßt wurde, die beide offensichtlich über den wohlhabenden Gast begeistert waren.
Der Squire schaute durch das offene Fenster in die Kutsche und betrachtete seine Tochter. Wie Mrs. Bloom es beschrieben hatte, war sie von Kopf bis Fuß in ihren blauen Umhang gehüllt, fest schlafend, und kein Laut außer ihrem tiefen, gleichmäßigen Atem war zu hören. Das arme Kind. Er war ein wenig streng zu ihr gewesen, aber nur zu ihrem eigenen Wohl.
Er ritt um die Kutsche herum und überprüfte an der Vorderseite die Räder und das Zaumzeug, als der Hufschlag nahender Reiter ihn den Kopf wenden ließ.
Auf rassigen Pferden, um die der Squire sie sofort beneide-te, ritten drei Männer in den Hof. Zwei von ihnen waren sehr groß, dunkelhaarig und in schlichtes Schwarz gekleidet. Der Dritte war blond, von schmalerem Körperbau und auffallend modisch angezogen, wobei sein Mantel und seine Stiefel eindeutig aus London stammten.
Sie hielten vor der Tür zum Gasthaus, einer der Männer schwang sich vom Pferd und nahm seinen Hut ab. Das abendliche Sonnenlicht fiel ihm auf den Kopf, machte die weiße Strähne in seinem dunklen Haar und in erstaunlichem Kontrast dazu die glatte Haut seines Gesichts deutlich sichtbar.
Überrascht blinzelte der Squire mit den Augen. Er kannte dieses Gesicht, die scharfen Linien von Nase und Kinn.
Der Squire schwang sich von seinem Pferd und ging zu den Männern. „Guten Abend, Gentlemen! Ich möchte nicht stören, aber sind Sie zufällig mit Gregor MacLean verwandt?“
Der Mann, der neben seinem Pferd stand, warf seinen beiden Begleitern einen raschen Blick zu, bevor er nickte. „Ja, das sind wir.“ Er hatte einen starken schottischen Akzent. „Gregor ist unser Bruder. Ich bin Hugh MacLean. Das sind meine Brüder. Alexander und ...“, Hugh sah den blonden Mann an, „... Dougal.“
„Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Squire Higganbotham. Ich hatte gehofft, Lord MacLeans Londoner Adresse zu erfahren, damit ich ihm für den Gefallen danken kann, den er mir und meiner Tochter erwiesen hat.“
Der blonde Mann, Dougal, stieg von seinem Pferd. Seine grünen Augen leuchteten hell im Sonnenlicht. „Haben Sie eben gesagt, unser Bruder hätte Ihnen einen Gefallen getan?“
„Uns allen. Wir saßen wegen des Schnees in einem Gasthaus fest. Er half uns, die Reparatur der Kutschen zu organisieren. Er und sein Reitknecht kümmerten sich um die verletzten Pferde, und er sorgte bei der Abreise dafür, dass unser Gepäck sicher befestigt wurde. Er war in vielerlei Hinsicht sehr hilfsbereit.“
Hugh rieb mit den Fingerspitzen seine Stirn, als hätte er Schwierigkeiten, die Worte des Squires zu verstehen. „Hilfsbereit? Sind Sie sicher, dass es mein Bruder war? Er hat eine Narbe ...“
Der Squire zog mit seinem Zeigefinger einen senkrechten Strich an der linken Seite seines Gesichts entlang.
„Hm.“ Verwundert schüttelte Hugh seinen Kopf. „Ich kann nicht glauben, dass er es war.“
„Warum nicht?“, erkundigte sich der Squire verwundert.
„Es ist nicht gerade typisch für Gregor, hilfsbereit zu sein.“ „Hatte Gregor irgendeine Verletzung? Vielleicht eine Wunde am Kopf?“, mischte sich Dougal ein.
„Nein.“
„Hmm. Ich dachte, das könnte der Grund für seine Veränderung sein, aber möglicherweise war es Miss Oglivies Einfluss.“ „Oglivie? Wer ist das?“, wollte der Squire wissen.
Dougal zog beide Brauen in die Höhe. „Die Frau ist etwa so groß.“ Er hielt die Hand in Schulterhöhe. „Braunes Haar? Graue Augen? Ein wenig füllig? Sie müsste mit Gregor zusammen reisen und mit einem Mann namens Ravenscroft.“
„Allerdings! Sie sprechen von Lord MacLeans Mündeln, Mr. und Miss West.“
Ein angespanntes Schweigen folgte.
Alexander starrte so finster vor sich hin, dass der Squire vorsichtshalber einen Schritt zurücktrat. „Entschuldigen Sie bitte“, brummte Alexander schließlich, „sagten Sie, die Wests?“ Der Squire nickte.
Erneut sahen die Männer einander bedeutungsvoll an, was dem Squire einiges Unbehagen bereitete. „Sie scheinen erstaunt zu sein, was ich nicht verstehe. Wer ist dieser Ravenscroft? Und wer ist Miss Oglivie? Ich habe noch nie von ihr gehört, doch Sie scheinen zu denken, dass sie haargenau aussieht wie Miss West...“
„Ach, guter Mann!“ Dougal lächelte, machte einen Schritt nach vorn und schüttelte dem Squire herzhaft die Hand. „Das ist nur eine höchst unbedeutende Familienangelegenheit. Ich nehme an, Sie wissen nicht, wohin unser Bruder momentan unterwegs ist?“
„Mr. West sagte, sie wollten Miss Wests Großmutter in Stirling besuchen.“
„Wir kennen ihr Anwesen“, sagte Alexander, der alles andere als glücklich erschien.
„Gut.“ Der Squire zögerte. „Das ist seltsam. Ich weiß nicht, warum es mir nicht vorher aufgefallen ist, aber Mr. West sprach von der Großmutter, als wäre er nicht mit ihr verwandt.“
Achselzuckend wandte Dougal sich um und machte Anstalten, wieder auf sein Pferd zu steigen. Sein Bruder Hugh tat es ihm nach. „Ich kenne Mr. West sehr gut“, erklärte Dougal. „Er ist ein ziemlicher Dummkopf.“
„Vielen Dank für Ihre Hilfe“, brummte Alexander und lenkte sein riesiges Pferd in Richtung der Straße. Seine Brüder folgten ihm.
„Ihnen einen guten Abend“, rief Dougal dem Squire über die Schulter zu.
„Warten Sie“, rief der Squire und hastete ihnen hinterher, aber die Männer waren bereits durch das Tor geritten, und das sich rasch entfernende Hufgetrappel zeigte, wie eilig sie es hatten.
Was war da los? Warum waren MacLeans Brüder auf der Suche nach ihm? Und warum waren sie so überrascht gewesen, als sie von seinen Mündeln gehört hatten? Wenn sie seine Brüder waren, mussten sie doch seine Mündel kennen?
Der Squire schaute hinüber zum Gasthaus und wünschte sich, er könnte Mrs. Bloom fragen. Sie hatte häufig mit Miss West gesprochen, ebenso wie Elisabeth. Ah! Seine Tochter könnte etwas über die plötzlich so geheimnisvoll erscheinende Miss West wissen. Sie hatten ein Zimmer geteilt, und Frauen neigten dazu, sich einander anzuvertrauen.
Er eilte zur Kutsche und öffnete die Tür. Seine Tochter schlief immer noch tief und fest und atmete ruhig ...
Dem Squire stockte der eigene Atem in der Kehle. Kein Geräusch? Elisabeth schnarchte, seit sie ein kleines Kind war. Selbst wenn sie im Sitzen schlief, schnarchte und keuchte sie, als müsste sie mühsam nach Luft ringen.
Er streckte die Hand nach ihrem Umhang aus. Hätte er es nicht besser gewusst, würde er denken ...
Mrs. Bloom hörte seinen Aufschrei drinnen im Gasthaus, wo sie vor dem Feuer saß und gerade die erste Tasse Tee an die durstigen Lippen hob. Voll Bedauern stellte sie ihre Tasse wieder ab, griff nach ihrem Mantel und hastete hinaus auf den Hof.
Neben der Kutsche stand der Squire, die Hände zornig zu Fäusten geballt, das Gesicht vor Wut gerötet.
Und vor ihm, in den vertrauten blauen Umhang gehüllt, stand nicht Miss Elisabeth Higganbotham, sondern ihre braunhaarige Zofe.
„Sie ... Sie ... Sie ...“ Der Squire schien nicht in der Lage zu sein, Worte für das zu finden, was er ausdrücken wollte.
Mrs. Bloom eilte an seine Seite. „Also wirklich!“, sagte sie zu dem unglücklichen Mädchen. „Wie konnten Sie nur? Wo ist Miss Higganbotham? Erklären Sie uns das augenblicklich'.“
Obwohl völlig verängstigt, war Jane ihrer Herrin treu ergeben und stimmte von ganzen Herzen mit der dramatischen Miss Higganbotham darin überein, dass ihr Vater grausam und unmenschlich war, wenn er sie von ihrem geliebten Henry trennte.
Jane hielt es für ein Verbrechen, dass jemand die liebliche und fantastische Miss Higganbotham zum Weinen brachte.
Niemand konnte so hübsch wie Miss Higganbotham weinen. Ihre Haut blieb fleckenlos, ihre Augen klar, und ihre Nase wurde niemals rot, wie die von anderen weinenden jungen Damen.
Jane war dem Zauber ihrer Herrin völlig verfallen, ganz besonders seit Elisabeth ihr unter Tränen gesagt hatte, der Squire plane, in London eine ältere, gesetztere Zofe für seine Tochter einzustellen. So waren also Janes Tage mit ihrer geliebten Herrin gezählt.
Da sie ohnehin nichts zu verlieren hatte, hatte Jane sich bereit erklärt, Elisabeths Platz in der Kutsche einzunehmen. Auf diese Weise konnte sie ihre Liebe zu ihrer wunderschönen Herrin beweisen, bevor sie zurück aufs Land geschickt wurde. Natürlich war sie auf die Zornesröte und das Wutgeschrei des Squires vorbereitet gewesen.
Dann aber unterbrach Mrs. Bloom den Squire mitten in seinem Wortschwall mit einem plötzlichen: „Das bringt uns nicht weiter.“
Der Squire, schlagartig sprachlos, stand mit finsterem Blick da und rührte sich nicht.
„Wenn Sie erlauben, Squire Higganbotham, würde ich gern mit Miss Jane sprechen.“ Sie warf dem inzwischen zitternden Mädchen einen harten Blick zu. „Allein.“ Damit streckte sie den Arm aus, packte Jane beim Ohr und führte sie unverzüglich ins Gasthaus.
Was dort drinnen passierte, sollte der Squire niemals erfahren. Vom Hof aus hörte er nur lautes Geschrei und das Geplapper eines weinenden Mädchens.
Schließlich marschierte Mrs. Bloom wieder aus dem Haus, wobei sie der Wirt und seine Frau voller neu erwachtem Respekt beobachteten. „Bitte sagen Sie dem Kutscher, dass er uns nach Stirling bringen soll, Squire Higganbotham.“
„Natürlich, aber ...“
„Fahren Sie mit mir, und ich werde Ihnen erzählen, was Ihre dumme Tochter getan hat. Aber beeilen Sie sich, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ Mit einem kämpferischen Blick fügte Mrs. Bloom hinzu: „Wir werden beide retten, Ihre Tochter und Miss Platt, denn ich fürchte, auch sie ist auf eine Bande gewöhnlicher Abenteurer hereingefallen.“