51

Dunkelheit

Kälte

Erstickender Dreck in meinem Mund

Würmer in meinen Augen

Erde, die meine fleischlosen Arme und Beine umschloss

Meine Schwester stand am Rande des Kiefernhains, nicht mehr als zwanzig Fuß von dem Punkt entfernt, an dem ich erschienen war. Nebel wirbelte um sie herum. Durch den dunklen Dunst starrten wir uns an, und zum ersten Mal war ihr Name in meinem Kopf. Der Name meiner Mutter.

Ich rief: »Katharine!«

Ihre Augen wurden groß. Sie mochte wahnsinnig sein und erfüllt von Zorn – »Sie ist zornig auf Roger, weil er lebt«, hatte Stephanie gesagt –, aber sie hatte genug Verstand, um einen Zorn zu erkennen, der sogar noch größer war als ihrer. Sie hatte keinen Schutz, und ich hatte letztlich keine Angst mehr. Sie wandte sich um und rannte unter die Bäume.

Ich stürmte ihr nach. Der dunkle Nebel stieg um mich herum auf, wurde dichter, bis ich nichts mehr sehen konnte. Aber ich konnte hören, und ich folgte dem Geräusch der brechenden Zweige und dem Trampeln durch das Unterholz. Sie hatte einen festen, lebenden Körper genau wie ich, und wie ich stolperte sie durch den Nebel.

»Katharine!«

Dann spürte ich sie in meinem Verstand, ein lautes Kreischen, das immer schriller wurde. Beinahe hörte ich auf, sie zu verfolgen – alles nur um diesen monströsen Lärm in meinem Gehirn loszuwerden. Das schreckliche Kreischen machte es mir schwerer zu hören, wohin sie lief, genauso wie der sich verdunkelnde Nebel es unmöglich machte, sie zu sehen. Daher war es pures Glück, dass der Stumpf meines Handgelenks ihren Körper streifte, und ich griff wild mit meiner anderen Hand nach ihr. Ich hatte sie.

»Nein! Nein! Nein!«

Es war der Schrei eines entsetzten kleinen Mädchens, und der Körper, der sich gegen meinen zur Wehr setzte, war schlank und leicht – »tot seit elf Jahren« –, der Körper eines Kindes. Aber sie hatte schon getötet wie der rücksichtsloseste Soldat und war nicht das, was sie zu sein schien. Keine ihrer Taten war kindlich gewesen. Verzweifelt rief ich mir diese Taten ins Gedächtnis, damit mein Zorn heiß genug blieb, um zu tun, was ich tun musste.

Lady Margaret, im Schlaf ermordet.

Stephanies Amme, ermordet.

Mein Vater, irgendwo gefangen.

Fia, die in meinen Armen auf groteske Weise zerfiel und schmolz.

»Stirb stirb stirb …«

»Nein!«, schluchzte Katharine. »Roger, nein!«

Ich warf sie mir über die Schulter und trug sie durch den Hain, zurück auf den Hügel, wo Tom und ich sie hatten auftauchen sehen. Sobald wir aus dem Hain herauskamen, ließ der Nebel ein wenig nach. Ich konnte erkennen, wohin ich ging. Meine Schwester hämmerte mit den Fäusten wirkungslos auf meinen Rücken ein. Das Kreischen in meinem Verstand ging immer weiter, so intensiv, dass es mich beinahe blendete, als wäre das Geräusch nur noch mehr dunkler Nebel. Aber der tatsächliche Nebel verschwand, als ich den Fuß des Hügels umrundete.

Hier war der Kreis der Toten, der Stephanie so geängstigt hatte. Der ganze Dunst hier hatte sich in dem wirbelnden Mittelpunkt des Nebels und um die Köpfe der Toten herum konzentriert. Alle fünfzehn Köpfe vibrierten. Ich konnte nicht aufhören, daran zu denken, wer sie sein mochten, jene Männer und Frauen, die gerade dabei waren, ihre Ewigkeit an die Gier des Seelenrankenmoors zu verlieren, weil ich sie nicht retten konnte. Schon wurde der kreisende Nebel zu einem Mahlstrom, der laut summte, schneller und schneller wirbelte.

»Deine Schwester ist im Mittelpunkt des Netzes«, hatte mir Alysse erzählt. »Die Hisafs wollen sie töten. Sie dürfen keinen Erfolg haben. Die Macht, die durch das Netz fließt – die stärkste Kraft der Welt –, darf nicht so plötzlich und stark gestört werden.«

Aber ich würde Katharines Macht nicht aus dem Netz entfernen; ich würde sie nur verteilen, sie unter vielen verstreuen, wie ein brüllender Fluss, der harmlos in die größere Masse des Meeres geleitet wird und so keine Dörfer unter sich begraben kann, keine Bäume entwurzeln, keine Unschuldigen töten.

»Nein, Roger! Nein!«

Ich durchbrach den Kreis der Toten und trug meine Schwester an den Rand des wirbelnden Mahlstroms, während sein Summen zu einem ohrenbetäubenden Kreischen anwuchs. Ihr schlanker Körper wand sich in meinen Armen. Katharine schlug mir auf den Rücken. Ich nahm sie von meiner Schulter und hob sie hoch, höher, als ich es mit meiner einen heilen Hand und dem Stumpf für möglich gehalten hätte.

Ich konnte es nicht tun.

Sie war nur ein Mädchen, ein Kind, wahnsinnig, ohne selbst die Schuld daran zu tragen, nur aufgrund der schrecklichen Umstände ihrer Geburt. Sie war meine Schwester, so übel ihre Zeugung auch gewesen sein mag. Und ich war kein Mörder – das war ich nicht. Ich konnte so etwas Ungeheures nicht tun, konnte meine Schwester nicht umbringen, was immer sie auch getan hatte. Meine Arme schmerzten, weil ich sie über meinem Kopf hielt, und ich schrie auf, ein wortloses Geräusch wie von einem Tier, das Schmerzen litt, Zorn, Ärger. Meine Schwester … ich konnte es nicht tun.

Dann hörte Katharine auf zu schluchzen und kreischte: »Dein Kind ist der eine! Dein Sohn! Und er wird mir gehören!« Und sie lachte.

Es war das Lachen, das mir die Knochen schaudern ließ, das meine Träume heimgesucht hatte … jenes Lachen … und sie wollte meinen ungeborenen Sohn.

Ehe sie mich aus dem Gleichgewicht bringen konnte, ehe sie wieder diesen Schrei ausstoßen konnte, bei dem ich mich vielleicht anders entschied …

Sie wollte meinen ungeborenen Sohn.

… sprang ich vor und warf sie in den Mahlstrom.

Ein großer Knall ertönte, als würde ein Blitz in den Boden fahren. Ich wurde geblendet, betäubt, von den Füßen geworfen. Als ich wieder sehen und hören konnte, als ich aufstehen konnte, waren die fünfzehn Toten in ihrem Kreis fort. Der Nebel war fort. Katharine war fort.

Das Gras war nicht einmal angesengt.

Ich stand in der ruhigen und leeren Landschaft und wusste, dass ich gewonnen hatte. Meine Schwester war zusammen mit den anderen fünfzehn in den Nebel der Zuschauer aus dem Seelenrankenmoor gezogen worden. So sehr sie sie auch gestärkt haben mochte, sie konnte mich nicht mehr quälen. Auch Maggie oder meinen Sohn nicht. Als ein eigenes Wesen hatte Katharine aufgehört zu existieren. Ich hatte gewonnen.

Ich stand auf dem leblosen Gras und weinte.

Nach einer Weile, ich wusste nicht, wie lange, hörte ich jemanden durch die Bäume des kleinen Hains auf der anderen Seite des Hügels brechen. Noch ein abtrünniger Hisaf, der zu spät kam, um meine Schwester zu retten? Ich wartete nicht ab, um es herauszufinden. Ich biss mir auf die Zunge und betrat den Pfad der Seelen. Im letzten Augenblick sah ich, dass es kein Hisaf war, der um den Fuß des Hügels kam, sondern noch einer der grauen Hunde, der im Land der Toten eigentlich nichts zu schaffen hatte.

Genauso wenig wie ich.

Ich kehrte auf dem Pfad der Seelen zurück ins Land der Lebenden. Der wehende Schnee war mittäglichem Sonnenschein gewichen, der von den Schneewehen zurückgeworfen wurde und blendete. Tom, Jee, Stephanie, Alysse und die Frau, die ein weißes Reh war, waren alle fort, nur die drei toten Hisafs, halb vom Schnee bedeckt, waren übrig.