40

»Ich habe von dem weißen Stein geträumt«, sagte Tarek zu mir. Sein Gesicht war ruhig wie immer, aber in seinen Augen leuchtete Triumph. »Ich habe alles getan, was du mir aufgetragen hast, und letzte Nacht ist das Abbild des Steins in meinem Traum erschienen, von einem Ring aus Messern umgeben.«

»Ja«, sagte ich und versuchte zu lächeln. Natürlich hatte er davon geträumt. Man musste an etwas nur lang und fest genug denken, dann träumte man früher oder später davon: rote Eber, tanzende Hütten, wahnsinnige Schwestern, weiße Steine mit rosigen Adern. »Ihr macht Fortschritte, mein Lord.«

»Aber sehr langsam, Antek. Deine Aufgabe ist es, mir beizubringen, eine Armee aus dem Hexenland in mein Königreich zu bringen. Nur von einem weißen Stein zu träumen, ist weit von diesem Ziel entfernt.«

»Das ist es tatsächlich. Aber wie lange habt Ihr gebraucht, ein großer Krieger zu werden?« Disziplin.

»Krieg ist nicht Hexenkunst. Wie lange hast du gebraucht, um zu lernen, die Armee herbeizuholen, die meinen Vater getötet hat?«

Ich achtete nicht auf das Glitzern in seinen leuchtend blauen Augen, aber mein Herz fing an, langsam und fest zu hämmern. »Es hat Jahre gedauert, mein Lord. Das habe ich Euch erzählt.«

»Du siehst nicht so alt aus.«

»Ich habe sehr jung begonnen.«

»Als du der Narr einer Königin gewesen bist?«

Er hatte mehr über mich herausgefunden. Bei wem?

Tarek fuhr fort: »Wie kommt es, dass ein Antek, der über so mächtige Hexenkunst verfügt, das Spielzeug einer Frau wird oder in der Asche eines Herdes schläft.«

»Ich habe nicht in der Asche eines Herdes geschlafen.«

»Mindestens einmal wurdest du dort gesehen. Roger Kilbourne, ich will nicht die Messer mit dir kreuzen. Unterrichte mich schneller.«

Es war ein unmissverständlicher Befehl. Ehe ich antworten konnte, fügte er hinzu: »Oder zeig mir zumindest, dass du tun kannst, was man von dir behauptet.«

»Mein Lord? Ich weiß nicht …«

»Ich glaube, du weißt es. Genug von weißen Steinen und ›George‹-Gesängen. Zeig mir, hier und jetzt, dass du wirklich ein Antek bist. Geh ins Hexenland und bring etwas zurück.«

»Das habe ich bereits getan.«

»Du sprichst von dem Hexenkind, dem Diener deines Dieners. Du hast das Kind aus dem Hexenland mitgebracht.«

»Ja.« Sollte er es doch glauben, es erhöhte den Wert, den er mir zumaß.

»Aber ich habe nicht gesehen, wie du es tust. Geh jetzt ins Hexenland, während ich dir zusehen kann, und bring etwas mit.«

Wir starrten einander an. Meine Gedanken rasten. Ich war so weit entfernt vom Seelenrankenmoor, dass meine Schwester mir sicher nicht erscheinen würde, wenn ich den Pfad der Seelen betrat. Und wenn mir etwas Bedrohliches begegnete, konnte ich sofort zurückkehren. Jedoch hatte mich mein Vater ausdrücklich davor gewarnt, etwas mit mir zu nehmen. Und Mutter Chilton …

Plötzlich erfüllte mich Zorn. Tu dies, tu das, sagte man mir, aber wie konnte ich mich an so widersprüchliche Befehle halten? Ich war ein Hisaf. Ich würde selbst entscheiden. Die Entscheidungen meines Vaters hatten ihm lediglich eine tote Frau und die Gefangenschaft in diesem rätselhaften Galtryf beschert. Konnte irgendeine Entscheidung, die ich traf, schlimmere Folgen haben?

Aber es gab immer noch meine Angst. Ich hatte Angst, wieder den Pfad ins Land der Toten zu betreten.

»Mein Lord«, sagte ich, und selbst in meinen Ohren klang mein Getöse schwach und dünn, »die Künste eines Anteks kann man nicht übereilen. Wenn es Zeit ist, werde ich …«

»Du wirst es jetzt tun. Oder ich werde glauben, dass du es nicht tun kannst.«

»Mein Lord …«

»Tarek, darf ich stören?«

Es war einer der Hauptleute des Junghäuptlings, ein älterer Krieger mit einem kurzen Federumhang, der über seine Felltunika geworfen war, und in seinem Gesicht stand Dringlichkeit. Man unterbrach unsere Stunden sonst nie. Das tarekische Wort für »stören« war tatsächlich dasselbe wie für »angreifen«.

»Klef«, sagte Tarek.

»Mar-gar-ait ist tot.«

Lady Margaret. Tot.

Tarek fragte: »Ermordet?«

»Das kann ich nicht sagen.«

Tarek fragte: »Meine Königin?«

»Hat keinen Schaden genommen.«

Die beiden blickten sich an. Ihre teilnahmslosen Gesichter teilten dennoch einiges mit, von dem ich wusste, dass ich es nicht deuten konnte; ich war keiner von ihnen. Aber mir war klar, dass man Tarek nicht wegen des Todes einer »Sklavin« gestört hätte, wenn sich nicht noch etwas anderes ereignet hätte. Er sagte: »Ich werde kommen.« Dann blickte er mich an. »Und du wirst auch kommen, Antek.«

Tarek und sein Hauptmann marschierten aus dem Zelt. Seine Wache begleitete ihn in perfektem Gleichschritt. Ich folgte ihnen und wurde sofort von meiner eigenen überraschten Wache eskortiert. Als der Junghäuptling durch das Lager schritt, wurden die Soldaten still und sprangen in Habachtstellung auf, die linke Faust in die Luft erhoben. Sogar die Kochfeuer schienen das Knacken zu unterlassen. Daher hallten Stephanies hohe, hysterische Schreie deutlich durch die Nachtluft.

Vor ihrem Zelt gab Tarek einen Befehl, und unsere Wachen blieben zurück. Der Hauptmann zog sein Messer und postierte sich im Eingang. Nur Tarek und ich konnten das Zelt seiner Kindsbraut betreten.

Sie saß kreischend auf dem mit einem Teppich bedeckten Boden und versuchte, ihre dünnen Arme um den Leichnam von Lady Margaret zu legen. Die Amme kauerte neben den beiden und redete auf sie ein: »Euer Gnaden, bitte, kommt. Euer Gnaden … Lämmchen …« Auf Lady Margarets Kleid war kein Blut, und an Kopf oder Gliedern war keine Verletzung zu sehen. Aber ihr Gesicht war zu einem Ausdruck des Entsetzens verzogen.

Wie lange war sie schon tot? Wenn ich jetzt sofort den Pfad der Seelen betrat, ehe sie in die geistlose Ruhe der Toten entglitt …

Ich betrat den Pfad der Seelen nicht.

Tarek sagte scharf: »Staif-ain-ii! Ka!«

Das kleine Mädchen blickte zu ihm auf, kreischte lauter als zuvor und vergrub den Kopf an der Schulter ihrer Amme. Ihr schmaler Körper zitterte unbeherrscht. Sie hörte nicht auf zu schreien.

Tarek sagte über den Lärm hinweg zu mir: »Übersetze. Frage die Sklavin, was sich hier zugetragen hat.«

Ich trat vor und legte der Amme eine Hand auf die Schulter. Sie blickte zornig auf, dann erkannte sie mich und kam ganz durcheinander. Sie hauchte: »Der Hexennarr …«

Es war keine Zeit, mit ihr über ihre Namenswahl zu streiten. Ich sagte mit erhobener Stimme, um Gehör zu finden: »Seine Lordschaft will wissen, was … Euer Gnaden, bitte hört mit diesem Kreischen auf!«

Meine Worte hatten nicht mehr Wirkung als die von Tarek. Unwillkürlich sank ich auf den Boden, nahm die Prinzessin aus den Armen ihrer Amme – wie wagte ich es, so etwas zu tun! – und flüsterte ihr leise ins Ohr: »Ich weiß, was Ihr gesehen habt. Hört Ihr mich, Stephanie? Ich weiß, was Ihr gesehen habt. Ihr seid nicht mit dem Monster allein.«

Ich wusste nicht, was sie gesehen hatte. Aber meine Worte machten einen Unterschied. Sie bebte und schluchzte immer noch, aber ihr Kreischen hatte aufgehört. Das Alleinsein ist oft der schlimmste Teil der Schmerzen. Die Prinzessin klammerte sich an mich, ihre Tränen nässten mein Hemd, mein Haar und meinen Mund.

Tarek sagte, irgendwo zwischen Erleichterung und Ekel: »Gut, Antek. Nun finde heraus, was sich hier zugetragen hat.«

Über die bebenden Schultern der Prinzessin hinweg befragte ich die Amme, die mich eifersüchtig beäugte, noch während sie ihre Geschichte vortrug: »Lady Margaret und ich haben Ihre Gnaden zu Bett gebracht, und dann hat sich Lady Margaret auf ihr Lager gelegt, sie war so erschöpft, und ich habe die Sachen Ihrer Gnaden gewaschen …«

Ein Becken mit Wasser stand in einer Ecke; auf dem Boden davor lag ein kleiner Stapel von nassem weißem Leinen ausgebreitet.

»… als sich Lady Margaret plötzlich auf ihrem Lager aufsetzte und schrie – sie, die sich nie beschwert oder auch nur einen Seufzer aufgrund der Umstände von sich gegeben hat, in denen wir hier auf dieser unheiligen Reise leben müssen … Lady Margaret schrie: ›Nein! Nein!‹ Und mein Lämmchen wachte im selben Augenblick auf und schrie ebenfalls: ›Nein!‹, genau im gleichen Augenblick! Dann sank meine Lady zusammen, tot wie ein Eimer Steine. Und Ihre Gnaden brüllte nur noch!«

Ich übersetzte, und Tarek wandte sich an seinen Hauptmann, der nach wie vor am Zelteingang stand. »Dafür hast du mich hergeholt, Sufgek? Weil eine Sklavin gestorben ist und ein Kind erschreckt hat?«

Die Amme wollte wissen: »Was hat er gesagt?« Ich hörte nicht auf sie.

Sufgek zeigte keine Regung, aber er erwiderte: »Beide sind im gleichen Augenblick vor Angst erwacht. Es könnte Hexerei sein.« Sein Blick wandte sich mir zu.

Tareks Blick ging auch zu mir, der ich mit einem panischen Kind dasaß, das in meinen Armen zitterte. Einen Augenblick lang wurden seine leuchtend blauen Augen nachdenklich.

»Nein«, sagte er schließlich. »Das ist nicht mehr als Frauen-Blimct. Sufgek, du hättest nicht meine Unterweisung stören sollen. Klef.« Er marschierte aus dem Zelt, der Hauptmann trat hastig zur Seite und ließ ihn durch. Über die Schulter sagte Tarek zu mir: »Antek, kehr an dein Feuer zurück.« Die Zeltklappe fiel.

Ich hatte nur ein paar Augenblicke. Stephanie murmelte ich zu: »Was habt Ihr in Eurem Traum gesehen?«

»Nein! Geh nicht!«

Sie war kurz davor, wieder zu kreischen. Ich hasste mich dafür, aber ich sagte: »Wenn Ihr laut werdet, wird Tarek zurückkommen. Das wollt Ihr doch nicht, oder?«

»Nein.« Und dann fuhr sie mit einem unterdrückten Heulen fort: »Du hast gesagt, du weißt, was ich gesehen habe.«

Schnell sagte ich: »Ihr habt ein Mädchen mit einer Krone gesehen, oder? Und sie hat etwas Schlimmes gesagt?«

Mit den Armen klammerte sie sich fest an mich. Die Zeltklappe ging auf. Mein Wächter rief laut: »Antek. Klef. Klef.«

»Geh nicht!«, heulte Stephanie.

»Ich muss.« Wenn man mich aus dem Zelt schleifen würde, verschlimmerte sich ihr Kreischen bestimmt. »Aber ich werde morgen wiederkommen. Und Ihr müsst daran denken, Ihr seid nicht allein. Ich kann gegen das böse Mädchen mit der Krone kämpfen.«

Ich stand auf, und die Amme nahm sie mir ab. Mein Wächter war tatsächlich in ein Zelt voller Frauen eingedrungen, woran sich ablesen ließ, wie weit er gehen würde, um Befehle auszuführen. Doch er berührte mich nicht. Ich folgte ihm zurück an unser Feuer.

Tarek hatte schon begonnen, an meinen vermuteten Kräften zu zweifeln. Er hatte mich offenbar davon freigesprochen, mit Hexenkünsten Lady Margarets Tod bewirkt zu haben. In diesem Fall lag er sowohl richtig als auch falsch. Lady Margarets Tod mochte tatsächlich den Seelenkünsten geschuldet sein, aber nicht den meinen.

Tom und Jee warteten am Feuer. Tom sagte mit großen Augen: »Die Prinzessin … Ihre Gnaden …«

»Hat sie was?«, fragte Jee dringlich. Sein ganzer hagerer Körper war angespannt nach vorn gebeugt.

»Nein, Jee, sie hat nichts. Aber Lady Margaret ist tot – sie ist im Schlaf gestorben. Die Prinzessin war aufgebracht, das ist alles.«

Er entspannte sich; Lady Margaret bedeutete ihm nichts. Auch Tom nicht, der eine langwierige Nacherzählung vom Stapel ließ, wie die Tante irgendeines Mädchens aus Almsburg im Schlaf gestorben war. Aber Lady Margaret hatte mir etwas bedeutet. Wieder sah ich sie am Hof, wie sie die Damen von Königin Caroline zur Ordnung rief. Wie sie in einer Winternacht am Herdfeuer die Laute spielte. Wie sie mich bewusstlos in einem Gang des Palastes gefunden und mich in ihren Gemächern in Sicherheit gebracht hatte, wo sich ihre eigene Dienerin um mich gekümmert hatte. Ich sah sie bei Stephanies ungeheuerlicher Hochzeit, wie sie dem Bräutigam getrotzt hatte, indem sie würdevoll hinter der Amme her aus dem Thronraum gegangen war. Wie sie mit der kleinen Prinzessin an einem Feuer in den Bergen saß und mich gedrängt hatte, »Ihrer Gnaden zu helfen«. Und nun war Lady Margaret durch furchterregende Künste, die ich nicht verstand, von einem Traum ermordet worden.

Habt eine friedliche Ruhe, meine gute Lady, dort im Land der Toten.

»Peter«, sagte Jee leise, während Tom fröhlich weiterplapperte. »Ich habe es getan. Ich habe Alysse getroffen. Sie lässt dir das schicken.« Seine kleine, warme Hand schloss sich kurz über meiner, und dann hielt ich ein Päckchen, das in Blätter eingeschlagen und mit einer Ranke verschnürt war.