33
Ich stand auf der Stufe an der Rückwand des Wagens, der sich langsam in Bewegung setzte; alles andere kam zum Stillstand. Zeit, Gedanken, Bedeutung – alles hielt an. Maggie. Hier.
Sowohl Tom als auch mein Führer von den Wilden trotteten herbei; der Wilde gestikulierte, ich solle in den gelben Wagen steigen, damit er die Tür schließen konnte; Tom versuchte … was? Mich dazu zu bringen zu verstehen. Ich konnte es nicht verstehen, gar nichts.
»Maggie? Hier? Aber wie …«
»Ich habe ihr gesagt, dass sie nicht herkommen soll!«, meinte Tom aufgebracht. »Aber hast du je versucht, dich mit dieser Frau anzulegen? Verdammt, sorg endlich dafür, dass dieser dumme Wagen anhält!«
Aber er hielt nicht an; er wurde schneller. Die Pferde trabten über die Ebene, sie folgten der marschierenden Armee. Der Wilde wagte es immer noch nicht, mich zu berühren; noch etwas, das ich nicht verstand. Tom hatte keine derartigen Skrupel. Er packte mich an meinem heilen Arm und zog mich von den Stufen des Wagens. Wir kullerten beide in den Staub. Der Wilde heulte auf und zog sein Messer.
»Nel!«, schrie ich. »Nel, nel! Er ist mein verdammter Pisspott von einem nel! Ka!«
Der Soldat, dessen geringer Vorrat an Geduld offenbar aufgebraucht war, hob mich auf, trottete dem Wagen hinterher und schob mich hinein. Dann blickte er sich ängstlich um, als wollte er sich vergewissern, dass ihn niemand dabei beobachtet hatte. Tom rannte hinter uns her und sprang ebenfalls herein. Eine Sekunde später wurde die Tür zugeschlagen, und ich hörte, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte. Sofort warf sich Tom gegen die Tür und brüllte: »Lasst uns raus! Verdammt sollt ihr sein!«
»Hör auf«, sagte ich und packte ihn. »Was ist mit Maggie? Warum ist sie hier? Weshalb bist du hier? Wie …«
»Lass mich los, Peter, oder du wirst dir noch wünschen, du hättest es getan!« Tom funkelte mich von der hohen Warte herab an, die ihm seine Körpergröße verlieh, die Fäuste geballt und sein Gesicht purpurn vor Zorn. Ich ließ ihn los.
Er stand noch ein paar Augenblicke da, keuchend und funkelnd und die Fäuste ballend. Schließlich sagte er: »Das ist hauchdünnes Holz. Ich kann diesen Wagen auseinandernehmen! Ich wette vier zu eins, dass ich es kann!«
»Ja, aber das machst du nicht. Wenn du es jetzt tun kannst, kannst du es auch später tun, und ich will zuerst ein paar Antworten. Bitte, Tom. Ich brauche deine Hilfe!«
Das beruhigte ihn, wie es immer gewesen war. Tom war der geborene Helfer, wie unfähig er auch sein mochte. Der Zorn auf seinem Gesicht verflüchtigte sich. »Nun, ich brauche auch Antworten, aber in der Zwischenzeit fahren wir immer weiter von Maggie weg!«
»Wo ist sie?«
»In einem Versteck, mach dir darüber keine Sorgen. Ich habe einen Hüttenbewohner dazu gebracht, sie über Nacht aufzunehmen. Habe gesagt, sie wäre meine verwitwete Schwester. Die Wilden belästigen die Hüttenbewohner nicht, sie wollen das Königinnenreich nur verlassen. Du hast recht, Peter, ich kann diesen Wagen genauso gut in einer halben Stunde auseinandernehmen und zurückgehen und Maggie holen. Hast du etwas zu essen? Weshalb bist du nicht in einem Kerker? Oder tot?«
Ich war nicht in einem Kerker, ich war nicht tot, und ich hatte – was genauso überraschend war – etwas zu essen. Der Wagen war sehr viel kleiner als die anderen fünf, nur mit einem niedrigen Tisch und ein paar Teppichen ausgestattet, die an der gegenüberliegenden Wand lehnten und offensichtlich aus dem Palast gestohlen worden und noch zusammengerollt waren. Auf dem Tisch standen ein Früchtekorb, zwei Brotlaibe, ein gelber Käselaib und ein paar Flaschen Wein. Tom warf sich auf den Boden, nahm sich einen Apfel und kaute darauf herum, während er den Wein beäugte.
»Tom«, sagte ich und hörte die Verzweiflung in meiner Stimme, »bitte erzähl mir, was passiert ist. Beginn am Anfang und lass nichts weg.«
»Das ist immer am besten«, stimmte er zu. Der Apfel war nach drei Bissen verschwunden. Er entkorkte eine Weinflasche, leerte sie in zwei Schlucken und riss ein Stück Brot ab. »Nun, nachdem mich die Wilden bewusstlos geschlagen und dich entführt hatten, hat sich deine Großmutter um mich …«
»Meine was?«
»Deine Großmutter«, sagte Tom geduldig. »Geht es dir gut, Peter? Sie hatte dich gerade oben auf den Klippen über dem kleinen Strand aufgespürt, und ihr beiden habt euch unterhalten, als die Soldaten der Wilden kamen – erinnerst du dich?«
Mutter Chilton. Sie, die sich auf irgendeine Weise in eine zaudernde Alte verwandelt hatte, sodass die Soldaten sie als zu wertlos, um sich damit zu befassen, abgetan hatten. Später war sie zurück zu Tom gegangen und hatte ihm erzählt, sie wäre meine Großmutter.
»Ich … ich erinnere mich jetzt«, brachte ich hervor.
»Gut. Ich dachte gerade eine Minute lang, dass vielleicht etwas mit deinem Gehirn nicht stimmt, dass die Bastarde dich gefoltert haben oder so. Sie haben dich nicht gefoltert, oder? Weshalb nicht? Ich dachte, der Wilde, dessen Gesicht von Schatten zugerichtet wurde, wollte …«
»Tom«, sagte ich verzweifelt, »bitte erzähl mir deine Geschichte. Ich erzähle dir meine anschließend.«
»Nur dass du«, sagte er in einem seiner plötzlichen, beunruhigenden Anfälle von Gerissenheit, »mir nicht alles davon erzählen wirst, oder? Das tust du nie. Nun gut, deine Großmutter hat mir den Kopf verbunden und mir ein paar Kräuter zu kauen gegeben; die haben mich recht gut wiederhergestellt. Das ist eine nützliche Großmutter, die du da hast, Peter. Ich frage mich, weshalb du sie nicht früher erwähnt hast. Dein Vetter George hat mir erzählt …«
»Mein … mein …«
»Hast du mir nicht aufgetragen, meine Geschichte vollständig zu erzählen?«, fragte Tom, ganz der Vernünftige. »Dann unterbrich mich nicht so oft. Deine Großmutter und ich sind in der Hütte oberhalb der Klippen untergekommen, in jener Nacht, in der ich wieder gesund geworden bin. Ich habe noch nie so gut und so lange geschlafen. Nicht einmal, als Fia … na ja. Als ich aufgewacht bin, war George da, und die beiden haben mir erklärt …«
»Wie hat George ausgesehen?«
Tom starrte mich an. »Weißt du nicht, wie dein eigener Vetter aussieht?«
»Ich … ich habe ihn eine ganze Weile nicht mehr gesehen.«
»Oh. Na, dann tut es mir leid, dir sagen zu müssen, dass er ganz schön gealtert ist. Er sieht alt genug aus, um dein Vater sein zu können. Graues Haar, grüne Augen. Aber immer noch stark wie ein Berg. Tatsächlich habe ich mich gefragt, ob er es in einem fairen Kampf mit mir aufnehmen könnte, und ich hätte es wirklich gern herausgefunden, aber es ist unpassend, mit Leuten zu kämpfen, die einem helfen. Auf jeden Fall haben mir George und deine Großmutter erklärt, dass die Wilden dich wollten, weil sie glauben, du könntest den Pfad der Seelen zum Land der Toten betreten. Nun, es sind Wilde; sie würden alles glauben. Nicht dass nicht eine Menge Frauen in Almsburg auch denselben Unsinn glauben würden! George hat mir auch erklärt, dass es die Rebellion gegen die Wilden wirklich gibt, und du mir nur gesagt hast, das würde nicht stimmen, um mich zu schützen. Das solltest du nicht tun, Peter, ich kann mich um mich selbst kümmern.«
Er warf mir einen finsteren Blick zu und verschlang dann einen ganzen Laib Brot. Ich war sprachlos.
»George hat mir gesagt, das Beste, was ich jetzt tun könnte, wäre es, deine Frau zu suchen und … Weshalb hast du mir nie erzählt, dass ihr verheiratet seid, Peter? Ich hätte dir nicht wegen Fia die Hölle heiß gemacht – nicht dass diese verlogene Schlampe es letzten Endes wert gewesen wäre, und wenn ich daran denke, wie niedergeschlagen ich eine Weile ihretwegen war … Das ist verdammt gutes Brot. Willst du etwas vom anderen Laib?«
»Nein.«
»Na gut. George wollte, dass ich nach Haryllburg gehe, wo du deine Frau zurückgelassen hast, und mich um sie kümmere, aber was für eine Aufgabe ist das für einen Mann, wenn eine Rebellion stattfindet? Trotzdem dachte ich, dass ich dort zunächst einmal hingehen und dir dann eine Nachricht von ihr bringen könnte. Aber als ich ihr von dir erzählt habe, hat sie mir einen Topf an den Kopf geworfen, und dann hat sie geweint, und dann hat sie geschworen, dass sie mit mir kommt. Und obwohl ich versucht habe, mich mitten in der Nacht hinauszuschleichen, hat sie mich gehört und ist mitgekommen. Sie und dein kleiner Bruder. Frauen!«
Mein »kleiner Bruder«. Jee. Ich konnte mir alles vorstellen: Maggies Wut, Toms Bestürzung, Jees sture Versessenheit darauf, überall hinzugehen, wo Maggie hinging. In meinem Kopf drehte sich alles.
»Der Junge allerdings – er ist wirklich nützlich. Er hat Schlingen gelegt und beinahe so viel Beute gemacht wie der alte Wolle immer – was ist mit Wolle passiert?«
»Er ist weggelaufen.«
»Oh. Zu schade. Der gute, alte Wolle. Also, meinst du, dass wir jetzt hier ausbrechen sollten?«
Ich sammelte meine Gedanken. Es war kein leichtes Unterfangen. Tom hatte mich ziemlich verwirrt. Ich sagte: »Nein. Nein, Tom, hör mir zu. George hat dir nicht alles gesagt, weil er nicht alles wusste. Ich werde jetzt nicht abhauen. George hatte recht; der Junghäuptling will mich haben, weil er glaubt, ich könnte den Pfad der Seelen zum Land der Toten betreten. Er will, dass ich ihm beibringe, wie das geht. Früher oder später wird er nach mir schicken. Ich glaube, ich bin der Einzige, der ihm so nahe kommen kann, verstehst du?«
»Ja!« Tom blickte sich im Wagen um, beugte sich zu mir heran und flüsterte mir ins Ohr: »Du wirst dicht an ihn herankommen, und dann wirst du ihn umbringen können! Guter Plan! Nur werden sie dich entwaffnen, oder? Und …« Er ließ die Worte ausklingen, zog sich zurück und warf einen bedeutungsvollen Blick auf den Stumpf meiner Hand.
Ich beugte mich dicht an sein Ohr und hauchte: »Die Kräuter meiner Großmutter.«
»Ahhh.« Er nickte und lächelte.
Gift ergab für ihn einen Sinn, zumindest wenn es von einer Frau kam. Frauen benutzten Kräuter, Frauen waren abergläubisch, und mit Frauen ging man ins Bett, man heiratete sie nicht. Männer benutzten Messer, und Männer schlossen sich Rebellionen an, und dies war ein großes Abenteuer, aufregend und wichtig. Wir würden den Junghäuptling töten, Tom und ich. Sein impulsives Gehirn dachte nicht an das, was als Nächstes geschehen würde, wenn wir mit einem solch unmöglichen Plan tatsächlich Erfolg haben sollten. Tom blickte nicht so weit voraus, dass ihm eine Bestrafung oder die Folgen für das Königinnenreich in den Sinn gekommen wären oder das zwangsläufige Schicksal der kleinen Prinzessin Stephanie. Er lebte von Augenblick zu Augenblick.
Aber war ich da so anders? Ich wusste auch nicht, was auf dieser Reise ins Heimatland des Junghäuptlings geschehen würde. Alles, was ich hatte, waren die Befehle meines Vaters – der vielleicht oder vielleicht auch nicht der Mann gewesen war, der sich als mein Vetter George ausgab –, die besagten, dass ich dem Junghäuptling die Hexenkunst beibringen sollte. Meine Befehle waren …
»Es bleibt nur die Frage«, sagte Tom, während sich sein Gesicht umwölkte, »was ist mit Maggie?«
… am Leben zu bleiben, bis man mich retten konnte, und …
»Wenn man es sich genau überlegt, kann sie aber wirklich nicht mit uns kommen«, sagte Tom.
… zu tun, »was immer du kannst, bring nur niemanden und nichts aus dem Land der Toten zurück«.
Tom sagte: »Es wird viel zu gefährlich für eine Frau, meinst du nicht?«
Wie sollte ich dem Junghäuptling etwas beibringen, das man nicht lehren konnte?
»Viel zu gefährlich«, wiederholte Tom. »Maggie wird zurückbleiben müssen. Ich wollte nicht einmal, dass sie so weit mitkommt. Immerhin sollte eine Schwangere wirklich besser auf sich achtgeben.«