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Die alte Frau, irgendeine Art Dienerin, trug ein einfaches braunes Kleid und eine weiße Kappe, ganz ähnlich wie Maggie. Der Stoff war allerdings wertvoller als alles, was Maggie jemals getragen hatte, und die weiße Kappe war mit den verschlungenen Buchstaben C und S bestickt. Das breite, faltige Gesicht der Dienerin wurde erst rot und dann weiß und dann wieder rot, während sie meine Fragen beantwortete.
»Seid Ihr sicher, dass Euch nichts fehlt, Gevatterin?«
»Es … mir gut … gut gepolstert … Lass mich einfach …«
»Ich könnte Wasser holen. Oder Bier.«
»W…wein?«
»Nein.« Wein gab es in unserem Gasthaus nicht.
»Dann … nicht.« Ihre Atmung beruhigte sich.
»Ich bin Peter Forest, der Besitzer dieses Gasthauses. Woher kommt Ihr, Herrin?«
Zu meiner Überraschung stöhnte sie auf. »Fort! Alles fort!« Sie legte die Hände über die Augen.
»Fort? Was ist fort?«
Sie stieß eine Flut von Worten aus, von der ich nur jedes dritte verstand. »Anwesen … Feuer … Kind … meine Herrin … alles, was übrig ist … Kind …«
Ich legte ihr eine beschwichtigende Hand – meine einzige Hand – auf den Arm. »Ein Feuer? Im Anwesen Eurer Herrin hat es gebrannt?«
»Nein!« Und abermals kam ein Strom von gequälten Worten. Diesmal erkannte ich nur drei. »Zerstört … Armee … Wilde.«
Wilde. Eine Armee der Wilden.
Ich packte sie so fest am Arm, dass die Frau tatsächlich zu reden aufhörte. »Eine Armee? Von wilden Kriegern in Felltuniken? Und Ihr kommt aus dem Westen?«
»Ja, Junge. Lass das!«
Ich ließ sie los. Sie stand bebend von der Bank auf, starrte mich an, und ich erhob mich ebenfalls.
»Es tut mir leid, Gevatterin. Eure Neuigkeiten haben mich überrascht. Seid Ihr … seid Ihr sicher? Eine Armee der Wilden marschiert aus dem Westen heran, von jenseits der Berge, und zerstört unterwegs Siedlungen? Wisst Ihr, wer sie sind?«
Sie schüttelte den Kopf, starrte mich nach wie vor an, und plötzlich kam ein hohes Wimmern aus dem Wohnwagen. Ein Säugling. Die alte Frau watschelte fort. Noch einmal packte ich sie mit meiner heilen Hand.
»Bitte, Herrin, nur noch eine Frage, und …« Aber sie schüttelte mich ab und stieg in den Wohnwagen, wo sie die Tür hinter sich schloss. Ich konnte einen kurzen Blick auf ein düsteres Inneres werfen, das üppig mit Teppichen und bestickten Kissen und einer geschnitzten Holzwiege ausgestattet war.
Die Amme hatte mir nicht verraten, wessen Armee aus Westen heranmarschierte. Aber ich wusste es.
Einen langen Augenblick starrte ich die geschlossene Tür des Wagens an, ohne sie oder etwas anderes im Hof zu sehen. Ich sah nur die Vergangenheit. Dann klärte sich meine Sicht, ich öffnete die Tür zum Gasthof und ging hinein.
Unser Schankraum war klein, mit langen Tischen, die den Platz zwischen dem Kamin und der Tür füllten. Zwei Männer saßen dort. An diesem schönen Sommermorgen brannte kein Feuer im Kamin, obwohl in der Küche dahinter natürlich eines prasselte, und die beiden Fenster standen in der leichten Brise offen. Eine kleine Stiege führte zu den oberen Zimmern. Ein Mädchen kam die Stufen herab, eine Hand als Stütze an der Wand, als könnte sie hinfallen. Der jüngere der beiden Männer – beide in Samtgewänder gekleidet, die von der harten Reise verknittert und schmutzig waren – sprang vom Tisch auf, um ihr zu helfen.
»Joanna! Pass auf!«
»Es geht gut.« Sie lächelte ihn an, ein zittriges Lächeln voller Liebe. Ihr Akzent war für mich leichter zu verstehen als der der Diener draußen. Das Mädchen hatte ein schlichtes Gesicht; sie war sehr hager und in ein Brokatgewand gekleidet, das an Hüften und Bauch zu locker saß. Sie hätte schwanger sein können, aber ich nahm stattdessen an, dass sie erst sehr kürzlich entbunden und sich noch nicht ganz erholt hatte. Ihr junger Ehemann führte sie zum Tisch, wo der ältere Mann saß und an Maggies Brot und Käse herumzupfte.
Der junge Mann sagte: »Ist das alles, was es gibt? Joanna kann das nicht essen.«
Joanna erwiderte bebend: »Ich könnte das Brot versuchen.« Schweiß glitzerte auf der blassen Stirn der Frau, obwohl es im Zimmer nicht sehr warm war. Ihre Augen glänzten zu sehr.
Der junge Mann sagte verzweifelt: »Die Frau des Gastwirts hat uns Frühlingslamm versprochen. Das könntest du essen, nicht wahr, Liebes? Es ist so zart. Es würde einfach hinunterrutschen und dir Kraft geben.«
»Ja, Harry.« Es kostete sie gewaltige Anstrengung, ihr süßes Lächeln aufrechtzuerhalten. Auf einmal griff sie nach der Tischkante. »Wenn ich nur für einen Augenblick nach draußen könnte …«
Harry half ihr hinaus. Der ältere Mann sah mich an. »Frag doch, ob …«
»Ich bin Peter Forest, der Besitzer dieses Gasthauses«, sagte ich, wie ich es so oft gesagt hatte, niemals ohne einen leichten Unglauben. Er hielt mich für einen Diener, und so fühlte ich mich auch häufig.
»Es tut mir leid, Herr. Lord Carush Spenlow. Wann wird der Lammeintopf fertig sein? Wir müssen so bald wie möglich wieder aufbrechen.«
Der Lammeintopf lief noch herum. Ich sagte mit so viel Autorität, wie ich aufbringen konnte: »Eintopf braucht Zeit, Lord. Und man hat mir gesagt, dass sowohl Ihr als auch Eure Maultiere sich mindestens einen halben Tag ausruhen müssen.«
»Richtig, richtig.« Lord Carush erhob sich, sein Schwert stieß dabei gegen die Tischkante. Er blickte sich um, setzte sich wieder und starrte auf sein Brot und seinen Käse hinab. Plötzlich brach es aus ihm hervor: »Meiner Schwiegertochter geht es nicht gut. Gibt es einen Apotheker im Dorf?«
»Nein, ich fürchte nicht.«
»Wo ist der nächste Physikus?«
»Vermutlich in Morsburg, zwei harte Tagesritte im Osten.«
»Habt Ihr hier eine Hebamme?«
»Ja, die Gevatterin Johns. Sie ist sehr fähig.«
»Schickt bitte sofort nach ihr.«
»Ja, mein Lord.«
Wir blickten uns an. Schatten zogen hinter seinen Augen vorbei. Er wusste genauso wie ich, dass es herzlich wenig gab, was selbst die begabteste Hebamme tun konnte, wenn Lady Joanna Kindbettfieber hatte, und genauso wenig ein Arzt. Der junge Harry Spenlow würde allzu bald Witwer sein, und der Säugling im vergoldeten Wohnwagen mutterlos. Ich sagte: »Mein Herr, Ihr seid schnell bei Nacht gereist. Was gibt es Neues aus dem Westen?«
»Habt Ihr es nicht gehört? Ich habe versucht, es jedem zu erzählen, den wir unterwegs getroffen haben. Eine Armee zieht über die Berge. Sie plündern unterwegs Anwesen, schlachten unsere Tiere, um sich zu versorgen, schleppen unsere Besitztümer fort, verbrennen unsere Häuser. Eine Armee von Wilden – sie sehen in ihren Fellen und Federn kaum wie Menschen aus und haben schreckliche Waffen, die sie Gewehre nennen. Die Waffen verschießen Metallstücke mit großer Geschwindigkeit und Wucht. Mein Herr, so etwas habt Ihr noch nicht gesehen oder etwas dergleichen!«
Doch. Das hatte ich.
Lord Carush fuhr fort. »Sie haben mein Anwesen bis auf die Grundmauern niedergebrannt, und wir sind gerade noch mit dem Leben davongekommen. Meine unglückliche Köchin … Die Wilden haben auch die Anwesen meiner Nachbarn abgefackelt, so habe ich es zumindest gehört, obwohl wir vom Bergadel weit voneinander entfernt leben und mich nur Läufer darüber in Kenntnis gesetzt haben. Aber schaut doch nicht so drein, mein Herr. Alles, was ich gehört habe, deutet darauf hin, dass die Wilden keine Dörfer niederbrennen und auch kein gemeines Volk zu Schaden kommen lassen. Nur den Adel.«
»Weshalb?«
Er zuckte mit der wütenden Hilflosigkeit eines Mannes die Schultern, der daran gewohnt war, dass man sich an seine Befehle hielt. »Vielleicht sind sie alle wahnsinnig oder schwachsinnig. Aber wahrscheinlicher ist, dass sie eine Warnung an den Palast schicken wollen: ›Wir vernichten Euren Adel, bis wir bekommen, was wir wollen.‹«
»Und was ist das?« Mein Herz hatte mit einem langsamen Pochen begonnen, schmerzhaft wie Steine, die einer nach dem anderen auf meine Brust herabfielen.
Der Provinzlord wurde langsam ungeduldig, sich mit einem Gastwirt vom Land zu unterhalten, als wären sie gleichgestellt. Aber er antwortete mir. »Wisst Ihr das nicht? Man hat den Wilden Prinzessin Stephanie versprochen, damit sie den Sohn ihres Häuptlings heiratet. Vor drei Jahren, ehe Königin Caroline als Hexe verbrannt worden ist. Nun holen sie sich die Prinzessin. Die Armee wird von Lord Soleks Sohn angeführt, dem Junghäuptling.«
»Aber …«
»Bitte kümmert Euch um den Lammeintopf!«
»Ja, mein Lord.« Ich wandte mich um, wollte zurück zum Schafstall stolpern, und die letzten Worte von Carush Spenlow holten mich ein, als ich hinaus unter die Sonne trat. Sein Ton war entschuldigend, ihm tat es leid, dass er mir gegenüber so grob gewesen war. Er war ein guter Mann.
»Der Bote vom Anwesen meines Nachbarn hat auch gesagt, dass die Wilden außer der Prinzessin noch jemanden suchen. Sie haben Bedienstete befragt, auch meine Köchin. Die natürlich nichts gewusst hat. Grobiane!«
Mein Herz stand vollkommen still.
»Wen … wen suchen …«
Lord Carush schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Jetzt, bitte, den Lammeintopf.«