36
Der Treck hatte auf einer weitläufigen Hochlandwiese angehalten, die dicht mit wilden Bergblumen bestanden war. Zerklüftete, schneebedeckte Gipfel ragten im Norden und Süden auf, aber ich konnte unmittelbar vor uns im Westen einen hohen Pass über die Berge erkennen. Jenseits des Passes schien die untergehende Sonne rot wie ein blutiges Leuchtfeuer. Die Luft war stechend kalt.
Überall auf der Wiese brannten Kochfeuer und Fackeln. Die sechs Wohnwagen mit ihren erschöpften Pferden kauerten an einem Ende. Die Tiere waren inzwischen wochenlang bergauf gelaufen. Diener eilten zwischen den bemalten Wagen hin und her. Auf der übrigen Wiese lagerte die Armee der Wilden. Jeder Kader aus zwölf Wilden saß mit seinem Hauptmann an einem eigenen Feuer, wo sie aßen, sangen und sich unterhielten. Selbst für einen Fremden klangen die Stimmen überglücklich. Diese Soldaten kehrten heim. Mein Wächter und ich machten uns auf den Weg zwischen den Feuern hindurch, und dieses eine Mal interessierte sich niemand für mich.
Am anderen Ende der Wiese, kurz vor einem steilen Anstieg in ein kleines Tal, waren vier oder fünf Zelte aus Tierhäuten aufgeschlagen. An der geschlossenen Klappe des größten dieser Zelte standen zwei Wächter stramm. Anders als die einfachen Soldaten, an denen wir gerade vorbeigekommen waren, beäugten mich diese Wächter feindselig, furchtsam, voller Ehrfurcht. Was glaubten sie über mich zu wissen? Was glaubte der Junghäuptling zu wissen?
Mir wurde die Brust eng, drückte mir auf die Lunge. Das Atmen fiel mir schwer.
Einer der Soldaten rührte sich, um vorzutreten und mich grob zu durchsuchen. Anders als mein Wächter hatte er keinerlei Skrupel, mich zu berühren, und ich war froh, dass ich keines von Jees gestohlenen Messern bei mir hatte. Der Wilde fand mein kleines Rasiermesser, zuckte voller Abscheu die Schultern, nahm es mir aber nicht weg. Er bellte etwas, das ich nicht verstand. »Klef klen«, sagte mein Wächter zu mir. Die Sprache benutzte dasselbe Wort für »kommen« und »gehen«. »Geh jetzt.« Zögernd näherte ich mich dem Zelt. Als niemand mich aufhielt, hob ich die Klappe und ging hinein.
Kohlen glühten in einer kleinen Feuergrube in der Mitte des Zelts. Die hintere Klappe war offen und gab einen herrlichen Blick auf den Sonnenuntergang über dem Tal darunter frei. Dicke Pelze bildeten in einer Ecke ein Lager. Zwei Männer standen neben der Feuergrube. Einer war der Junghäuptling, dessen dunkles Haar locker um die Schultern fiel; sein mächtiger Körper in der ärmellosen Felltunika verströmte einen starken Geruch nach Schweiß und Straße. Bei seiner Hochzeit im Palast hatte er einen bunten Federumhang und Armbänder aus Gold und Edelsteinen getragen, die nun alle fehlten. Der ältere Mann trug Kleider nach Art des Königinnenreichs, Hemd und Hosen aus grobem Stoff, aber seine Stiefel hatten Metallkappen wie die der Wilden. In der Düsternis konnte ich die Gesichter der beiden Männer nicht erkennen.
Sollte ich mich hinknien? Ich würde es nicht tun – ich konnte nicht. Nicht vor diesem Mann, der mein Königinnenreich und Königin Carolines Tochter an sich gerissen hatte, dessen Vater ich den Tod gebracht hatte.
Tarek, Sohn von Solek, Sohn von Taryn schien nicht zu erwarten, dass ich mich hinkniete. Er wandte leicht den Kopf, um mich zu mustern, und seine blauen Augen fingen das Licht des Feuers ein. Nur Wilde hatten so blaue Augen wie das Meer unter einer leuchtenden Sonne. Aber in seinem Blick stand nichts Wildes. Kein Zorn, kein Rachedurst, nicht einmal die kalte Grausamkeit der Männer vom Seelenrankenmoor. Tarek betrachtete mich mit kühler, kluger Neugier. Er blickte mich an, wie mich einst Königin Caroline angeblickt hatte, oder wie man einen Hammer oder eine Ahle oder einen Feuerstein anblickte: ein nützliches Werkzeug, das vielleicht hilfreich war, um ein Ziel zu erreichen.
Der ältere Mann sagte mit einem starken, fremden Akzent: »Ich bin Perb. Ein Übersetzer. Der Junghäuptling heißt dich willkommen, Antek.«
Ich sagte nichts, weil ich Angst hatte, dass alles, was ich sagte, falsch sein würde. In der Stille knackte ein Holzscheit in der Feuergrube. Ich zuckte bei dem plötzlichen Geräusch zusammen. Der Junghäuptling lächelte kalt und sagte, ohne auch nur einmal den Blick von mir zu wenden, etwas, das für mich zu schnell war, sodass ich nur ein paar Worte aufschnappen konnte.
»Er sagt, du sollst keine Angst haben, Antek«, übersetzte Perb. »Tarek will dir nichts antun.«
Weshalb nicht? Ich hatte seinen Vater getötet, so viele Soldaten aus dem Land der Toten zurückgeholt, dass die erste Armee der Wilden geschlagen worden war, einen seiner Sänger-Soldaten verstümmelt, und ich hatte – so musste es ihm zumindest vorkommen – meinen Hunden befohlen, drei weiteren die Kehle herauszureißen. Wie konnte Tarek mir nichts antun wollen? Ich stellte fest, dass ich bis jetzt nicht ganz an die Worte meines Vaters geglaubt hatte: »Die Wilden foltern nicht. Für sie ist es unter ihrer Würde.« Und auch nicht an diese andere, verheerendere Aussage: »Er will die ›magischen Illusionen‹, von denen er glaubt, dass du sie geschaffen hast, um seinen Vater zu schlagen. Er glaubt, dass du eine Hexe bist, und dass du ihm beibringen kannst, es ebenfalls zu werden.«
Unter Tareks Selbstbeherrschung musste sich Hass auf mich verbergen, eine rasende Wut sogar. Ich würde aufpassen, dass ich sie nicht weckte.
Perb sagte: »Du solltest jetzt Fragen stellen, Antek.«
Ich sollte Fragen stellen? Ich stieß hervor: »Was ist ein Antek?«
»Ein Begriff des Respekts für den dritten der drei menschlichen Zustände.«
»Welche sind das?«
Tarek fuhr dazwischen, und diesmal bekam ich seine Worte mit: Was sagt der Antek?
Perb übersetzte. Perbs Aussprache konnte ich schlechter folgen als der von Tarek, vorausgesetzt, der Junghäuptling sprach nicht zu schnell. Ich hatte Tareks Diktion bei seinem Vater aufgeschnappt, als ich Roger, der Narr der Königin, gewesen war. Perb war weder ein Wilder noch jemand aus dem Königinnenreich. Und so schleppte sich unsere dreiseitige Unterhaltung dahin, ohne dass einer der beiden Männer wusste, dass ich einem Teil dessen, was Tarek sagte, folgen konnte, ehe Perb es übersetzte. Aber je mehr ich hörte, desto mehr verwirrte es mich.
»Die drei Zustände des menschlichen Seins sind erstens: Soldat; zweitens: Mutter; drittens: Antek. Und alle sind derselbe Zustand.«
Was gar nichts erklärte, auch nicht, was mich zum Antek machte oder weshalb ich einer war. Genauso wenig, weshalb man hier von mir erwartete, dass ich Fragen stellte. Ich sagte: »Was sind alle anderen? All die Leute, die keine Soldaten oder Mütter oder Anteks sind?«
»Sie sind Sklaven«, sagte Perb. Tarek ergänzte etwas, und Perb fügte hinzu: »Und sie verdienen es, Sklaven zu sein.«
»Weshalb?«
»Weil sie nicht die drei menschlichen Zustände erreicht haben.«
Das war nicht hilfreich. Ich versuchte es mit einer anderen Herangehensweise. »Wer im Königinnenreich ist ein Antek?«
»Nur du. Sonst hätte das Königinnenreich Gewehre.«
Das ergab keinen Sinn. Ich hatte kein Gewehr. Ich sagte: »Dann ist … ist jeder sonst im Königinnenreich ein Sklave?«
»Natürlich. Und ihr verdient es, Sklaven zu sein, weil ihr es habt geschehen lassen.«
»Aber wir haben Soldaten. Und wir haben Mütter …«
»Ihr habt keine Mütter von Soldaten der Wilden. Euer Königinnenreich ist erobert. Geschlagene Soldaten sind Sklaven.«
Meine Laune verschlechterte sich. »Vor zwei Jahren hat die Armee der Blauen eure geschlagen. Hat das Lord Solek zum Sklaven gemacht?«
Zum ersten Mal zeigte Perb eine Regung. Er wirkte entsetzt. »Das kann ich nicht übersetzen!«
Tarek sprach zu ihm, und Perb antwortete. Ich hörte genau zu und konnte dem Großteil dessen folgen, was Perb sagte. Es war nicht das, was ich gesagt hatte. Perb erklärte, dass ich nicht wollte, dass meine Mutter zur Sklavin erklärt würde.
Meine Mutter. Auf einmal stand sie gestochen scharf vor meinem inneren Auge, und nun gab es zwei davon: die Frau in dem lavendelblauen Kleid, die mich auf ihrem Schoß barg, und den versunkenen, stillen Körper im Land der Toten mit Blut auf dem Kleid. Beide Bilder waren scharf genug, um durch Glas zu schneiden, unnatürlich deutlich, und beide zerfetzten mir den Verstand.
Perb sagte: »Bist du krank, Antek?«
»N…nein.«
»Tarek gesteht dir zu, dass deine Mutter keine Sklavin ist. Und du hast deine sechs Fragen gestellt. Nun wirst du antworten.«
Sechs Fragen. Sechs Wohnwagen, die mit der Armee gezogen waren, Kader mit je zwölf Soldaten. Offenbar war Sechs eine wichtige Zahl für die Wilden. Und ich wusste noch immer nicht, was ein Antek war.
Tarek sagte: »Frag ihn, wo das Hexenland liegt.« Perb übersetzte.
Was würden sie glauben? Mein Vater hatte mir aufgetragen, die Annahme des Junghäuptlings zu unterstützen, dass ich ihm die Hexenkunst beibringen konnte, bis es so weit war, dass die Hisafs meines Vaters mich retten würden. Bisher war keine Rettung gekommen. Mein Leben, ebenso wie das von Tom und Jee, hingen davon ab, dass ich Tarek davon überzeugte, das Unmögliche tun zu können.
Ich sagte: »Das Hexenland liegt jenseits des Mondes, unter der Sonne.« Und ich hielt den Atem an.
Tarek nickte, als würde das tatsächlich einen Sinn ergeben, aber seine blauen Augen waren nachdenklich. Ich würde nicht mit allzu vielen derlei fantasievollen Antworten durchkommen.
»Er fragt, wie lange du geübt hast, um deine Kunst zu erlernen.«
»Seit ich ein kleines Kind war.«
»Wie lange hast du geübt, um Soldaten aus dem Hexenland herzubringen?«
Also hatte mein Vater sich nicht in dem geirrt, was Tarek wollte. Lord Robert Hopewell hatte das Gleiche von mir gewollt. Tarek besaß die unmittelbare, einfache praktische Herangehensweise seine Vaters. Er würde sogar den Mörder seines Vaters akzeptieren, wenn er dadurch eine zweite Armee gewann, um die Welt zu erobern, und er würde davon ausgehen, dass sein Vater es gutheißen würde.
»Antek, ich habe gefragt, wie lange es gedauert hat, um zu lernen, wie …«
»Sehr lange. Jahre.«
Perb übersetzte, und Enttäuschung trat auf das Gesicht des Junghäuptlings. Sie war einen Augenblick später verschwunden.
Perb sagte: »Wie lange dauert es, ihm diese Kunst beizubringen? Denn er ist kein kleines Kind.«
Ich konnte nicht von Jahren sprechen. Diese Antwort würde er schlicht nicht hinnehmen. Ich wusste nicht, welche Antwort mir am besten dienen würde. Ich schwafelte: »Das hängt davon ab.«
»Wovon hängt es ab?«
»Davon, mit wie viel unentdecktem Talent seine Lordschaft geboren wurde.« Mutter Chiltons Stimme flüsterte am Rande meines Verstandes: »Caroline hat die Seelenkünste studiert, aber sie hat kein Talent.«
Perb übersetzte. Tarek sagte etwas, das ich nicht verstand, aber ehe Perb übersetzen konnte, sagte ich: »Ich bin jetzt dran. Das waren sechs Fragen, die ich beantwortet habe.«
Perb blickte überrascht drein. »Nein, es waren fünf.«
»Du hast mich gefragt, ob ich krank bin. Das war eine Frage.«
Perb machte ein finsteres Gesicht. Tarek wollte wissen, was ich gesagt hatte. Perb übersetzte, und der Junghäuptling brach plötzlich in bellendes Gelächter aus. In seinen Augen leuchtete Anerkennung. Meine blinzelten vor Erleichterung, aber in die Erleichterung mischte sich Abscheu.
Ein weiterer Herrscher, der meine Findigkeit schätzte, der mich aber töten würde, wenn ich ihm nicht mehr als Findigkeit lieferte. Wie Königin Caroline. War es immer so bei jenen, die Macht besaßen?
Perb sagte säuerlich: »Dann stell deine sechs Fragen.«
Mit welchen Antworten wäre mir am besten gedient? Ich musste Tareks Denkweise begreifen, wenn ich das alles überleben wollte. Ich sagte: »Wenn der Junghäuptling wünscht, dass ich ihn unterrichte, weshalb hat er mich von seinem Leutnant – dem Soldaten, der einst einer seiner Sänger gewesen ist – im Dorf Almsburg foltern lassen?« Noch während Perb übersetzte, konnte ich abermals das geknotete Seil um meine Schläfen spüren, das enger wurde, bis ich schrie …
Perb sagte: »Um den hat man sich gekümmert.«
»Wie …«
»Er hat seine Befehle übergangen. Du wirst ihn nicht wiedersehen.«
Ich nickte. Perbs Miene verriet mir viel mehr als diese zehn Worte. Es war eine Warnung, was mit mir geschehen würde, wenn auch ich mich nicht an Befehle hielt. Ich sagte: »Kann ich meine beiden Diener behalten, sobald wir Tareks Königinnenreich erreichen?«
Perb verzog das Gesicht. »Es ist ein Königreich, kein Königinnenreich. Indem er eure Prinzessin geheiratet hat, hat Tarek euer Land aus der unnatürlichen Barbarei befreit.«
»Unnatürliche Barbarei! Ist es natürlich, eine Sechsjährige zu heiraten?«
Perb sagte, ohne zuerst für Tarek zu übersetzen: »Der Prinzessin wird nichts geschehen. Wir sind keine Wilden, Antek.«
»Du bist gar nichts – weder ein Mann des Königinnenreichs noch einer der Wilden. Du bist wie ein Maultier, weder Pferd noch Esel.«
»Ich werde gut bezahlt«, sagte Perb kühl, »was mehr ist, als du erwarten kannst. Du hast dir bereits viel Freiheit herausgenommen, indem du jenen Jungen aus dem Hexenland hergebracht hast. Ich rate dir, nicht noch mehr zu riskieren.«
Jee. Die Wilden glaubten, dass Jee, der unbemerkt an ihrer Wache vorbeigeschlüpft war, um sich in meinen Wagen zu schleichen, aus dem Hexenland kam. Kein Wunder, dass mein Wächter so viel Angst vor ihm hatte, während die anderen Soldaten sich sehr bemühten, so zu tun, als gäbe es ihn nicht. Diese beiden Schwachpunkte musste ich mir merken: Angst (»Ein Hexenkind!«) und Arroganz (»Es gibt keinen anderen Weg, auf dem dieses Kind unsere Linien durchdrungen haben könnte.«). Sie könnten sich noch als nützlich erweisen.
Tarek, dessen blaue Augen sich verdunkelten, wollte wissen, was wir gesprochen hatten. Perb erklärte, dass ich mich nach dem Wohlergehen seiner neuen Königin erkundigt hatte – was weder eine Lüge noch die Wahrheit war – und auch nach dem Schicksal meiner Diener.
»Das Schicksal seiner Diener hängt vom Erfolg seines eigenen Unterrichts ab«, sagte Tarek.
Toms und Jees Leben hingen von etwas ab, das ich nicht leisten konnte. Sie waren beide Geiseln meines hoffnungslosen Narrenspiels.
Perb sagte: »Stell deine letzten drei Fragen.«
Aber ich war plötzlich dieses sinnlosen Rituals müde. Ich konnte das nicht schaffen. Mein Vater würde mich nicht rechtzeitig retten. Tom und Jee und ich würden sterben, und das Beste, worauf ich hoffen konnte, war, dass mein Vater zumindest damit recht gehabt hatte, dass die Wilden Folter als etwas erachteten, das ihren merkwürdigen Ehrenkodex unterlief. Aber sowohl Tarek als auch Perb starrten mich erwartungsvoll an, und ich musste etwas fragen.
»Wann wird die Unterweisung beginnen?«
»Morgen.«
»Wann werden wir das … das Königreich erreichen?«
»Nach zwei weiteren Zwölftagen auf der Straße.«
»Was ist der größte Wert für Seine Lordschaft?«
»Wir benutzen keine Titel. Du wirst ihn als Tarek, Sohn von Solek, Sohn von Taryn ansprechen, wenn du ihn überhaupt ansprechen musst. Und der wichtigste Wert ist Disziplin.«
Perb übersetzte all das. Tarek hörte zu, dann blickte er mich unmittelbar an. In meiner eigenen Sprache sagte er: »Du jetzt gehen.«
Also verstand er einige meiner Worte, wie ich auch einiges seiner Rede verstand. Hatte er meine Beleidigungen gegen sein Volk mitbekommen? Wenn dem so war, hatte sich die Erkenntnis nicht auf seinem Gesicht gezeigt.
Disziplin.
Perb führte mich zum Ausgang, wo mein Wächter wartete, um mich zu dem hellgelben Wagen zu führen.