12
Ich sagte Tom nicht, wohin wir gingen, und er vergaß die Frage in der Aufregung, weil ein Hirsch aus der Deckung brach und keine zehn Meter vor uns vorbeihastete, von einem Wolf verfolgt. Tom stieß einen wilden Ruf aus und rannte ihnen hinterher, nur um keuchend und mit gerötetem Gesicht zurückzukehren.
»Peter! Hast du das gesehen? Na?«
»Ja. Was wolltest du tun, wenn du sie eingeholt hättest?«
»Oh, ich hätte sie nie einholen können«, sagte Tom fröhlich. »Aber es macht Spaß, es zu probieren.«
Kein Dummkopf. Ein Kind.
»Ich hätte ihre Spur noch viel weiter verfolgen können, weißt du. Ich behaupte, ich bin der beste Spurenleser im Königinnenreich. Mein Vater, der alte Pisspott, glaubt mir das nie. Hat mich nie Spuren lesen lassen und nicht einmal hin und wieder jagen. Nur auf diese stinkenden Schafe aufpassen.« Seine Stimme wurde bitter. »Tom Schwachkopf hat er mich genannt. Tom Halbhirn. Nur wegen dem einen Mal, als John Crenshaw und ich … Ich hasse Schafe. Ich hoffe, dass seine alle die Schwarzfäule bekommen und er selbst bald erstickt. Peter, du hast keinen Vater, oder?«
»Nein.«
»Da hast du Glück. Deine Mutter ist tot?«
»Ja.«
»Meine nicht, aber sie setzt sich nie für mich ein. Du kannst Frauen nicht vertrauen, weißt du. Es ist ein Spaß, mit ihnen ins Bett zu gehen, aber entweder betrügen sie dich oder wollen dich besitzen. Und sie weinen. Die halbe Zeit über meinen sie es nicht einmal ernst, nichts ist so wenig vertrauenswürdig wie die Tränen eines Mädchens. Die Waffen der Frauen nenne ich sie.« Tom brütete ganze zwei Minuten still am Feuer vor sich hin, ehe er grinste und fragte: »Welches der drei Mädchen, mit denen du im Bett warst, war die Beste?«
Die ganze Nacht marschierten wir mit doppelter Geschwindigkeit – oder so nahe an doppelter Geschwindigkeit, wie ich es schaffen konnte – in südöstlicher Richtung durch die Unbeanspruchten Lande. Meine Reise hierher vor zwei Jahren hatte nur zwei Wochen gedauert, aber ich war aus Gloria gekommen, der Hauptstadt des Königinnenreichs. Nun kam ich aus dem fernen Nordwesten, und Tom und ich waren schon seit drei Wochen auf der Straße. Der Mond nahm zu, er war halb voll. Dies machte die Nachtreise leichter, obwohl es vermutlich auch die Verfolgung durch die Soldaten der Wilden erleichtern würde.
Verfolgten sie mich tatsächlich? Wir sahen sie nicht wieder. Manchmal, wenn ich hinter Tom hermarschierte, steile Pfade emporstieg oder über bemooste Steine balancierte, während wir kleine Bäche überquerten, redete ich mir ein, dass der Junghäuptling Besseres zu tun hatte, als mich zu verfolgen. Er musste seine Kindsbraut fangen, Lord Robert Hopewells Armee schlagen, das Königinnenreich unterwerfen und besetzen. Er würde keine Soldaten erübrigen, um mich zu verfolgen.
Zu anderen Zeiten sah ich den Sänger, der zum Soldaten geworden war, mit drei weiteren Männern auf dem Boden des Hauses in Almsburg ausgestreckt, ihre Kehlen von Schatten herausgerissen. Sah, wie Lord Solek im Palast fiel, im grün gefliesten Hof vor dem verriegelten Tor der Königin, und mich verfluchte, als er starb. Sah, wie zahllose Soldaten der Wilden von den unverwundbaren Blauen getötet wurden, die der »Hexenjunge« – ich – aus dem Land der Toten zurückgeholt hatte. Zu diesen Zeiten dachte ich immer, dass der Junghäuptling mich bis in die entlegensten Winkel der Schöpfung verfolgen würde.
Was ich nicht wusste, aber verzweifelt hoffte, war, dass er mich nicht bis ins Seelenrankenmoor verfolgen würde. Soldaten sind die abergläubischsten Menschen der Welt. Gewiss hatten die Wilden inzwischen von den Leuten des Königinnenreiches gehört, was angeblich im Seelenrankenmoor geschah. Nicht einmal die wilden Bewohner der Unbeanspruchten Lande überschritten jene Grenze. Genauso wenig würde ich das tun, der ich wusste, was sich dort wirklich zutrug. Ich hoffte, dass die Wilden, sollten sie mir wirklich dicht auf den Fersen sein, umkehren würden, wenn ich sie davon überzeugen konnte, dass ich im Seelenrankenmoor Zuflucht suchte.
Aber ich wusste es nicht sicher.
Wie auch immer, wir sahen an jenem Tag keine Soldaten, und in der Nacht keine Lagerfeuer. Schatten kehrte nicht zurück. Ich vermisste ihn, diese warme Masse an meiner Seite. Und ohne den Hund hatten wir häufig kein Fleisch. Tom war ein guter Spurenleser, wie er es auch behauptet hatte, aber er besaß nicht Jees Geschick mit Schlingen und hatte keinen Bogen oder Pfeile, um sich an größerem Wild zu versuchen. Ich würde ihn nicht mit dem gestohlenen Gewehr schießen lassen. An diesem Abend gab es nichts zu essen außer einer Handvoll wilder Erdbeeren, die wir in den schrägen Strahlen der untergehenden Sonne gesammelt hatten. Mein Magen knurrte vor Hunger.
Tom sagte: »Das sieht wie ein richtiger Weg aus, Peter, nicht nur wie ein Jagdpfad. Er muss irgendwo hinführen. Gib mir etwas Geld, und ich werde einen Hof suchen und Brot kaufen.«
»Es ist kein Geld mehr da.«
»Kein Geld mehr?«, fragte er ungläubig, als wäre Geld etwas, das ich herstellen konnte, und ich hätte es irgendwie versäumt, das zu tun.
»Kein Geld mehr!«
»Oh.« Er dachte darüber nach. »Was machen wir da?«
Ich war müde. Ich war hungrig. Ich hatte Angst. Ich war es müde, mit hübschen Kindern zu reisen, um die ich mich kümmern musste: Tom, Cecilia. Und die Träume waren wieder da, suchten mich jede Nacht heim. »Stirb, mein Kind, stirb, stirb, mein Kleines, stirb, stirb …« Ich fuhr ihn an: »Was machen wird da? Wir werden hungrig sein.«
»Oh.«
Wir sprachen nicht mehr. Tom errichtete ein Lagerfeuer, legte sich hin und schlief sofort ein, ganz das gesunde, junge Tier, das er war. Ich lag wach, fürchtete den monströsen Traum, aber als ich schließlich in einen unruhigen Schlaf fiel, träumte ich stattdessen von Essen. Von duftendem Rosmarinbrot, frisch aus dem Ofen. Maggies dicker Erbsensuppe, in der knusprige kleine Fleischbällchen schwammen. Von Lammbraten, süßen Kuchen, auf denen geschmolzener Zucker glänzte, großen Schüsseln voller …
Krach!
Das Gewehr wurde irgendwo in den Wäldern zu meiner Linken abgeschossen. Ich sprang auf und tastete dümmlich nach meinem Gehstock – als ob der irgendetwas gegen die Waffen der Wilden bewirkt hätte! Die Morgendämmerung färbte den Himmel rot und orangefarben, und für mein entsetztes, vom Schlaf benommenes Gehirn wirkte es, als hätte das unsichtbare Gewehr diese Farben über den Himmel verteilt, wie sich bald auch mein Gehirn über das wilde Gras verteilen würde.
Krach!
Tom war fort.
Ich sprang auf, die Angst wich dem Zorn. »Tom!«
Krach!
»Tom, du Sohn eines Hurenbocks!«
Keine Antwort. Es dauerte weitere zehn Minuten, ehe er durch das Unterholz krachte und ein paar tote Rebhühner hochhielt; sein Gesicht leuchtete, das Gewehr hing schlaff in der anderen Hand. »Schau, Peter! Frühstück! Ich hab’s geschafft!«
»Du Trottel!« Ich war über ihm, ehe er wusste, worauf er sich einstellen musste, schlug ihm mit meiner einen heilen Hand ins Gesicht und auf die großen Schultern, schrie, dass er ein Dummkopf war, ein Vogelhirn, ein Klumpen hirnlosen Drecks …
Mit einem einzigen Schubs schob er mich von sich, sein Gesicht verletzt und verständnislos. »Was? Schau, Frühstück! Ich habe sie für uns getötet!«
»Du hast mit diesem Gewehr geschossen!«
»Es ist nicht schwierig. Ich habe es leicht herausgefunden. Du machst einfach …«
»Tom.« Ich zwang mich zur Ruhe. Ich – der bei Hartahs Schlägen, den Intrigen von Königin Caroline und Cecilias Launen mein Temperament im Zaum gehalten hatte – hatte die Kontrolle über mich verloren. Das konnten wir uns nicht leisten.
»Tom, das Gewehr hat großen Lärm gemacht. Wenn sich die Wilden irgendwo in ein paar Meilen Entfernung aufhalten, haben sie es gehört. Jetzt wissen sie, wo wir sind.«
»Ach, Katzenpisse. Ich habe die Seilbrücke durchgeschnitten.«
»Das war vor zwei Tagen! Sie können längst einen anderen Weg über die Schlucht gefunden haben.«
Er wurde mürrisch. »Ich habe in den Wäldern keine Spur von ihnen gesehen. Und ich hatte gedacht, du würdest dich über die Rebhühner freuen.«
Wie hatte er seine sechzehn Jahre überlebt? Ich entwickelte langsam Verständnis für den Vater, der ihn grob behandelt hatte. Tom hätte die Geduld einer Statue herausgefordert. Und doch blickte er mich so vorwurfsvoll an – so bedrückt, dass ich nicht erfreut war über die Rebhühner, die er zum Frühstück geschossen hatte.
Ich seufzte. »Schieß einfach nicht mehr mit dem Gewehr. In Ordnung?«
»In Ordnung. Aber ich glaube immer noch, dass die Wilden weit weg sind. Und ich behaupte, du hast noch nie ein so gutes Rebhuhn probiert, wie es das hier werden wird! Da wette ich vier zu eins!«
Er hatte recht. Es gibt keine bessere Soße als Hunger. Die fetten Rebhühner, die über einem Feuer aus Walnussholz gebraten wurden, mit wilden Zwiebeln gewürzt und mit kühlem Wasser aus einem Bergbach hinuntergespült, waren das beste Frühstück, das ich je gegessen hatte. »Ich habe es dir ja gesagt!«, krähte Tom, rülpste und erstarrte mit großen Augen.
Ich drehte mich um, um über die Schulter zu blicken. Die beiden Wilden standen am Rande der Lichtung, ihre Gewehre auf uns gerichtet.
Tom krabbelte hektisch zu seinem gestohlenen Gewehr, und ich ließ meinen Stiefel darauf herabkrachen. Er hatte keine Möglichkeit, es vor ihnen abzufeuern. Sie könnten ihn töten. Sie würden mich töten, aber der Junghäuptling hegte keinen Groll gegen Tom Jenkins. Vielleicht konnte ich …
»Aleyk ta nodrie!«
»Hent!«
»Ihr Söhne von diebischen Bastarden!«, schrie Tom. »Wagt es ja nicht …«
»Tom! Nicht!«, brüllte ich – umsonst. Tom war aufgesprungen und hatte sein Messer gezogen. Er griff an. Zwischen ihm und den Fremden waren mindestens zwanzig Fuß Abstand. Gemächlich visierte einer der Wilden an der glatten Metallröhre seines Gewehrs entlang. Er würde jeden Augenblick feuern. Ich schrie wieder, etwas Unverständliches, Verzweifeltes.
Eine graue Gestalt stürzte sich auf den Wilden, und er fiel, während der Schuss harmlos in die Luft ging.
Der zweite Wilde stieß einen Schrei aus und machte eine Vierteldrehung, um seine Waffe von mir weg auf die graue Gestalt zu richten. Bis dahin hatte der Hund den ersten Mann auf den Boden geworfen. Tom überbrückte die verbleibenden Schritte zwischen ihnen und packte den zweiten Wilden.
Als Schatten die vier Soldaten in dem Haus von Almsburg getötet hatte, war ich fort gewesen im Land der Toten. Ich hatte es nicht gesehen. Nun schien es, als wäre jede Sekunde gedehnt und ich würde das Geschehen außergewöhnlich detailliert wahrnehmen. Alles ätzte sich in mein Gehirn ein: der Hund, der sich über den gefallenen Soldaten beugte, anmutig wie ein Liebender, um seine Kehle zu suchen. Das Blut, das in einem starken Strahl hervorsprudelte, während die Augen des Soldaten nach hinten rollten und sein Körper vor Qualen zuckte. Der andere Wilde, der mit Tom rang. Der Zusammenstoß von starken Männerleibern, der Soldat der Ältere, aber Tom der Größere, der bereits sein Messer gezogen hatte. Sie fielen auf den Boden, so dicht an dem anderen Paar, dass das Blut bis zu Tom spritzte. Ich sah das Glitzern des Sonnenlichts auf seinem erhobenen Messer und den helleren Blitz, als das Messer niederging, und auf einmal vermengte sich dieses Bild in meinem Verstand mit einem Blitz, den ich einmal im Land der Toten gesehen hatte, als etwas Helles und Schreckliches den Himmel in dem Augenblick zerrissen hatte, als ich mit meiner gestohlenen Armee der Toten auf dem Pfad der Seelen zurückgekehrt war. Hell und schrecklich – hier und dort.
Dann war es vorbei, und Tom kam stolpernd auf die Beine, blutig und triumphierend. »He! Oh, verflucht, hast du das gesehen? Peter, alles in Ordnung? Wir haben sie erwischt, was, Schatten? He, Schatten, guter Hund!«
Ich sagte benommen: »Das ist nicht Schatten.«
Tom hörte mich nicht. Er tätschelte den Hund, knuffte ihn zum Spaß. Untersuchte die toten Wilden. Bewunderte seine eigene Tapferkeit. »He, schau, sie legen sich besser nicht mit uns an, das will ich dir schwören! Wir sind zu viel für sie, was, Schatten? Verflucht, Peter! Ich behaupte, dein Vetter George hätte es nicht besser machen können! Was meinst du, Schatten? Guter Hund, was für ein mutiger Kämpfer …«
»Das ist nicht Schatten.«
Dieses Mal hörte es Tom. Er hörte auf zu plappern, sah verwirrt drein und blickte dann auf den Hund hinab.
»Natürlich ist er das. Was hast du, Peter?«
Ich ging vor und stellte mich neben Tom. Der Hund blickte zu mir auf und wedelte mit dem Schwanz. Sein Maul war noch blutverschmiert. Ich wusste nicht, wie ich darauf kam, dass das nicht Schatten war. Dieser Hund hatte das gleiche graue Fell, den kleinen Schwanz und die graue Schnauze, die grünen Augen. Aber genauso wie ein Mann weiß, welche von zwei Zwillingsschwestern er geheiratet hat, wie ähnlich sie auch für andere aussehen mögen, wusste ich, dass dies nicht Schatten war.
Tom kniete sich hin. »Gib Pfote, Junge.«
Der Hund schaute mich weiterhin an und tat nichts.
Tom richtete sich auf. »Du hast recht, Peter, das ist nicht Schatten. Der hier weiß nicht, wie man Pfote gibt. Also, das ist eine merkwürdige Wendung! Zwei Hunde, die sich so ähnlich sehen und dir beide das Leben gerettet haben! Merkwürdige Wendung! He, jetzt haben wir zwei weitere Gewehre, und vielleicht haben die Bastarde auch Geld oder Essen bei sich!«
Merkwürdige Wendungen fochten Tom Jenkins nicht groß an. Wohingegen sie mir das Blut in den Adern gefrieren ließen und mich in meinen Träumen verfolgten.
Tom, der kein bisschen zimperlich war, durchsuchte die Taschen und das Gepäck der Leichen. Ich ging vor dem Hund in die Hocke und fragte leise und töricht: »Was bist du?«
Der Hund antwortete natürlich nicht. Was immer er sonst noch war, oder wo immer er hergekommen war, er war unzweifelhaft ein Hund. Er leckte mir die Hand, wedelte mit dem Schwanz und sprang hinüber zu Tom, als dieser bei einer der Leichen einen Brocken gebratenes Kaninchen fand, in sauberen Stoff eingewickelt.
Ich richtete mich auf. »Tom, es könnten noch mehr Wilde in der Gegend sein. Wir müssen gehen. Jetzt.«
»Ja … nur noch eine Minute, um mir … Verflucht! Silberstücke!«
Er streckte seine riesige Hand aus. Darauf lagen sechs oder sieben Silber des Königinnenreichs, auf denen noch Königin Carolines Bild eingeprägt war. Ihr hübsches Profil lag auf seiner schmutzigen Hand, zarte Silberlinien auf verschmiertem, trocknendem Blut.