28n
Alexandrines Beine drohten immer wieder nachzugeben, als sie auf die Tür zustrebte. Einen erschreckenden Moment lang fürchtete sie, Rasmus habe sie eingeschlossen, doch beim zweiten Versuch ließ sich die Metalltür öffnen. Sie fühlte sich merkwürdig an, als sie sie berührte, als sei eine Energiequelle darin verborgen. Alexandrines Finger prickelten. Es war irgendwie unheimlich.
Sie stieß die Tür auf, dann drehte sie sich um, in der Erwartung, dass Durian und Xia dicht hinter ihr waren, damit sie so schnell wie möglich verschwinden konnten. Doch hinter ihr war niemand. Durian hatte es erst halbwegs bis zur Tür geschafft und schien sich kaum bewegen zu können. Xia war immer noch mit Rasmus beschäftigt.
Alexandrine ging zu Durian zurück und fasste ihn am Arm. Seine Haut glühte. »Beeil dich, Kumpel«, sagte sie.
Die Luft um sie herum schien abwechselnd zu brennen und zu Eis zu erstarren. Xia kniete über dem Magier, den Kopf wie im Gebet gesenkt. Rasmus mochte sich in einer ungünstigen Position befinden, doch er war weit davon entfernt, machtlos zu sein.
Alexandrines Herz schien für einen Moment auszusetzen. War dies nicht genau das, was Xia sich die ganze Zeit gewünscht hatte? Mehr als alles andere? Seinen Moment der Rache.
Doch nun war das einzig Wichtige, Xia dazu zu bringen, dass er aufstand und mit ihr und Durian floh. Statt dort zu knien, als würde er beten.
Xia hielt das Messer mit beiden Händen umklammert und hatte die Spitze auf Rasmus’ Brust gesetzt.
»Xia!«, rief Alexandrine.
Noch konnte sie kein Blut sehen, auch nicht auf der Klinge. Rasmus’ Beine bewegten sich, doch es waren nicht die letzten Zuckungen eines sterbenden Mannes, sondern der Versuch, nach Xia zu treten und ihm zu entkommen.
Alexandrine hatte sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ihre eigene Magie ihr nun nicht mehr gehörte, und die Art und Weise, wie ihr Vater mit seiner Kraft nach der Talismanmagie griff, verstärkte ihre Verwirrung. Alles erschien ihr irgendwie verkehrt, als würde sie durch die Rückseite eines Spiegels blicken. Ihr Herz schlug wie verrückt. Sie waren längst noch nicht außer Gefahr, ganz sicher nicht. Rasmus lebte noch, und überall hier im Haus befanden sich Magiegebundene, die ihm gehorchen mussten.
Die Augen ihres Vaters waren weit geöffnet und auf Xia gerichtet, doch es war nicht die Wut in seinem Gesicht, die Alexandrine so beunruhigend fand, sondern dass seine Lippen sich bewegten. Er murmelte Beschwörungen, während er Magie zog, was ihre Talismanmagie in Schwingungen versetzte. Und ein Teil von ihr wollte dieser unglaublichen Macht ganz nahe sein.
Auch wenn dieser Raum gegen Magie gesichert war, so ließen sich doch ab und zu Geräusche wahrnehmen. So wie eben jetzt. Schritte erklangen, Leute schienen oben im Haus hin und her zu laufen.
»Xia!«, sagte sie erneut. »Er ruft seine Magiegebundenen!«
Sie konnte Xia fühlen, auf Dämonenweise, genau wie sie Durian spürte. Die Verbindung zu den beiden Dämonen war ihr irgendwie unheimlich, denn sie hatte Schwierigkeiten, das zu deuten, was sie von ihnen empfing.
»Was auch immer du vorhast, Xia, erledige es schnell oder gib auf«, fügte sie hinzu. Verdammt, sie mussten endlich verschwinden. Alexandrine ließ Durian los und lief zu Xia, packte ihn am Arm. »Komm endlich. Jetzt!«
Xia murmelte etwas vor sich hin. Er setzte Magie ein.
Oben im Haus schrie jemand.
»Wir haben keine Zeit«, drängte sie.
Xia wandte ihr sein Gesicht zu, und einen Moment lang befand sie sich in seinem Kopf, ließ sich jedoch ebenso schnell wieder herausfallen, wie die Verbindung entstanden war. Seine Pupillen waren wie große schwarze Scheiben, die Iris weiß. Den Mund hatte er wie in Qual verzogen.
»Bring ihn um, Xia, oder sorg wenigstens dafür, dass er seine Magie nicht mehr einsetzen kann!«
»Verschwinde!«, sagte Xia und drückte ihr sein Messer in die Hand.
»Nicht ohne dich.« Sie kniete sich hin.
Xia schien einen mentalen Kampf mit ihrem Vater auszufechten, und dieser Kampf musste beendet werden. So oder so.
Alexandrine legte eine Hand auf Xias Schulter, und es war, als würde diese Verbindung sie verbrennen. Schmerz schoss durch ihren Körper, so gewaltig war die Magie, die Xia zog, ihre und seine. Alexandrine, nicht an ein solches Ausmaß von Macht gewohnt, wusste nichts aufzubieten, um die Auswirkungen auf sie abzumildern.
Ihr Blick fiel auf Rasmus’ Rubinring. Blitzschnell umfing sie sein Handgelenk, drückte es fest gegen den Boden. Mit zitternden Fingern streifte sie den Ring von seinem Daumen.
Rasmus’ Körper bog sich durch, und der Magier schrie etwas in seiner Muttersprache.
Doch der Fluss seiner Magie war nicht unterbrochen. Ihm den Ring abzunehmen reichte nicht aus, um ihn an dem zu hindern, was er vorhatte.
»Durian!«, rief Alexandrine.
Durian hatte sich wieder an die Wand gelehnt, stand vorgebeugt da, die Hände auf den Oberschenkeln. Als sie seinen Namen rief, blickte er auf.
»Fang!« Sie warf ihm den Ring zu. Durian hob die Hände, konnte die Bewegung jedoch nicht koordinieren. Klirrend fiel der Ring vor seinen Füßen zu Boden. Rasmus zog weiter. Immer noch holte er sich Energie aus dem Rubin.
»Shit …« Xias Messer fest umklammernd machte Alexandrine einen Satz, um den Ring zurückzuholen. Sie schlitterte über den Boden, prallte schließlich gegen Durian. Doch sie hielt den Ring wieder in der Hand, und das war alles, was zählte.
Sie kniete sich hin, und dann tat sie das Einzige, was ihr einfiel. Alexandrine konzentrierte sich auf die wenige Magie, die ihr noch geblieben war, und öffnete sich ihr ganz weit. Dann stieß sie die Spitze von Xias Messer in den Stein.
Alles hörte auf.
Oder sie war in Bezug auf Magie einfach nur blind und taub geworden.
Rasmus’ Körper wurde schlaff, sein Kopf rollte zur Seite. Seine Brust hob und senkte sich, also lebte er noch. Tat er ihr leid? Sie wusste es nicht.
Alexandrine schob den beschädigten Rubinring in ihre Hosentasche, erhob sich und ging zu Xia hinüber. Sie hörte, wie Durian heftig atmete.
Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um zu überlegen, was passiert war. Alexandrine packte Xia an den Armen. Verdammt, selbst er schien nicht ganz bei sich zu sein. Sie schüttelte ihn heftig, und Xia versuchte, seinen Blick, der in weite Fernen gerichtet gewesen war, wieder auf sie zu konzentrieren.
»Kannst du laufen? Oder muss ich dich tragen? Verdammt, wenn es nötig ist, trage ich dich tatsächlich!«
Sie beobachtete, wie er beinah schielte vor lauter Anstrengung, sie anzusehen. »Ich liebe dich, Alexandrine«, sagte er.
»Du bist nicht ganz bei dir, Süßer.« Es war klüger, wenn sie nicht vergaß, dass er das, was sie war, abgrundtief hasste. Doch damit würden sie sich später auseinandersetzen, wenn sie nicht länger in unmittelbarer Gefahr waren, ihr Leben zu verlieren.
Sie zog Xia hoch.
Durian war das nächste Problem. Mit mörderischem Hass blickte er auf Rasmus. Alexandrine ging mit Xia im Schlepptau zu ihm und packte ihn am Arm. Durian hielt sich zwar auf den Beinen, aber er wirkte immer noch elend. Sein Gesicht war leichenblass, Schweiß stand ihm auf der Oberlippe und lief ihm von der Stirn.
Alexandrine nahm den Geruch von Blut wahr. »Schaffst du es allein hier heraus?«
Durian stieß sich mühsam von der Wand ab. Eine Hand hielt er immer noch auf seine Brust gedrückt, die andere war rot von Blut. »Ja«, sagte er.
»Super. Denn es ist jetzt Zeit zu gehen, Jungs.«
Mist. Wer auch immer sich oben im Haus befand, würde sich sicher gleich auf den Weg hier herunter machen. Etwas prallte heftig auf den Boden.
Alexandrine konnte sie – oder ihn – nicht spüren, doch sie wusste nicht, woran es lag. Vielleicht, weil es Magiegebundene waren, vielleicht war sie auch nur ausgebrannt und vermochte gar nichts mehr zu spüren. Im Moment bezweifelte sie, dass sie überhaupt jemals wieder Magie wahrnehmen könnte.
»Ich denke, es sind Magiegebundene, die herunterkommen«, sagte sie. »Sie müssten mich als Hexe erkennen, also können wir nur hoffen, dass Rasmus’ Verbot, Hexen etwas anzutun, noch gilt. Bleibt also brav hinter mir. Alle beide.«
Sie schloss die Tür hinter ihnen, und wieder hatte sie dieses merkwürdige Gefühl, als sie das Metall berührte. Xia wandte sich um und tat etwas mit der Tür, verschloss sie, wie Alexandrine annahm, und unwillkürlich schüttelte sie sich.
Dann stiegen sie die Treppe hinauf, Alexandrine als Erste. Xia schien immer noch halb betäubt; wäre er bei Sinnen gewesen, hätte er ganz sicher nicht von Rasmus abgelassen, und dieser wäre inzwischen mausetot. Durian war im Moment völlig nutzlos.
Es machte Alexandrine nervös, so ungeschützt auf der Treppe zu sein. »Gibt es einen anderen Ausgang?«, fragte sie Durian. »Eine Hintertür? Ein Fenster? Einen Geheimgang?«
Durian und Xia schüttelten beide den Kopf.
»Na gut, dann also weiter.« Sie berührte Xia an der Schulter, und er zuckte zusammen. Was war auf einmal mit ihm?
Alexandrine ließ sich auf eine Stufe sinken. »Hör zu«, sagte sie zu Xia. »Bin ich ausgebrannt? Oder habe ich immer noch Magie in mir?«
Seine Augen flackerten in allen möglichen Blautönen und wurden dann weiß.
Alexandrines Herz begann wieder zu rasen. Merkwürdig klangen die Geräusche oben im Haus, gar nicht nach Freundschaft und Frieden. Was, um Himmels willen, sollte sie jetzt tun? Mit einem nur halbwegs brauchbaren Dämon und einem anderen, der völlig nutzlos war. Ohne eigene magische Kraft, angesichts einer unbekannten Anzahl Gegner, die gleich auf sie losgehen würden. Xias Messer war eine beeindruckende Waffe, aber Alexandrine konnte sich nicht vorstellen, wie sie im Alleingang ein ganzes Rudel Dämonen niederstrecken sollte.
»Ja, du verfügst noch über Magie«, erwiderte Xia und berührte ihre Stirn mit einem Finger. Augenblicklich war die Verbindung zwischen ihnen wiederhergestellt. Und dennoch spürte Alexandrine nichts. Keine Magie. Nicht seine und auch nicht ihre. Sie spürte nur Xia.
»Das wird wieder«, behauptete er.
Das wird wieder. Klar. Sie brauchte sich nur noch daran zu gewöhnen, wie es war, »taub« zu sein.
»Xia, ich denke, wir wollen herausfinden, ob es nur ein Zufallstreffer war, dass Durian wieder frei ist, oder ob wir auch andere Magiegebundene trennen können.« Sie wusste, dass sie nur lebend aus diesem Haus kommen konnten, wenn sie so viele Magiegebundene wie möglich befreiten.
»Du musst nur nah genug bei mir bleiben«, erwiderte Xia und legte eine Hand auf ihre Schulter.
Damit er leichter Magie von mir ziehen kann, dachte Alexandrine, und ihr Magen füllte sich mit Eis.
Oben schrie jemand wie am Spieß.
Xias Augen flackerten zwischen Eis- und Mitternachtsblau.
Sie stiegen weiter nach oben. Doch kurz bevor sie die Eingangshalle erreichten, blieb Alexandrine erneut stehen. Zum einen, weil ihr schwindelig war. Zum anderen, weil es oben plötzlich still geworden war. Sämtliche Härchen in ihrem Nacken richteten sich auf. Sie konzentrierte sich ganz auf die letzten Stufen und darauf, nicht in Ohnmacht zu fallen.
Der erste von Rasmus’ Magiegebundenen erschien an der Treppe. Ein furchteinflößender Typ, dem sie sich nun entgegenstellen musste, ohne auch nur einen Funken Magie zur Unterstützung.
Du bist eine Hexe, sagte sie sich. Er ist magiegebunden. Und jetzt wiederholen wir das Ganze: Du bist eine Hexe. Er ist magiegebunden. Er darf dich nicht verletzen, und er muss tun, was du ihm befiehlst.
Er war größer als Xia und wirkte fast genauso beängstigend. Drei kobaltblaue Streifen liefen über seine linke Gesichtshälfte.
Er hielt einen toten Dämon am Nacken gepackt. O verdammt! Seine Hand war voller Blut. Er sah gut aus, und er lächelte, was noch unheimlicher war als das handgroße Loch, das sich dort befand, wo das Herz des toten Dämonen hätte sein sollen.
Ein Magiegebundener durfte einen Magier nicht verletzen, und Alexandrine war sich ziemlich sicher – wenn auch leider nicht hundertprozentig –, dass sie immer noch als Hexe durchging. Deshalb hatte sie im Grunde nichts zu befürchten. Richtig? Richtig! Vielleicht würde er ihr tatsächlich am liebsten das Herz herausreißen, doch er konnte es nicht tun. Jedenfalls hoffte sie das.
»Geh mir aus dem Weg!«, sagte sie, als er keine Anstalten machte, beiseitezutreten. Sie tat ihr Bestes, ihre Stimme so klingen zu lassen, als wäre sie daran gewöhnt, dass man ihr gehorchte. Sie zwang ihre Beine, sich wieder zu bewegen und die Stufen weiter hinaufzusteigen. Hoffentlich hatte Rasmus nicht doch noch die Kraft gehabt, die Einschränkungen für seine Magiegebundenen aufzuheben, sonst hatten sie alle einen grässlichen Tod zu erwarten.
Der große Magiegebundene rührte sich nicht. Stattdessen ließ er den toten Dämon fallen, der mit einem abscheulichen Geräusch auf den Boden prallte. Blut tropfte von seiner Hand. Seine Augen wirkten wie tiefe blaue Seen, doch ein Hauch von Wahnsinn lag darin.
Alexandrine reagierte nicht auf den Geruch des Blutes. Nicht mehr.
»Ich gehe jetzt weiter«, kündigte sie an und tat einen Schritt. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und jeden Moment erwartete sie, dass er sie mit einem Feuerstoß zu Asche verbrennen oder auch ihr das Herz herausreißen würde. Was mochte der schnellere Tod sein?
Erst da fiel ihr auf, dass sein Haar nicht kurz geschoren, sondern lang und glatt nach hinten gekämmt war.
»Geh aus dem Weg, Iskander«, sagte Xia, und, dem Himmel sei Dank, er hörte sich wieder ganz wie der alte Xia an. »Das ist Harshs Schwester. Das heißt, sie wird keinesfalls umgebracht. Verstanden?«
Alexandrine wandte sich zu ihm um. »Ihr kennt euch?«
Xia zuckte mit den Schultern. »Er hat Nikodemus ebenfalls Gefolgschaft geschworen.«
Iskander trat zur Seite, und sie stiegen nun alle die letzten Stufen nach oben. In der Eingangshalle lagen drei weitere tote Dämonen, jeder mit einem Loch in der Brust. Überall war Blut.
»Sieht so aus, als hätte hier jemand Spaß gehabt«, meinte Alexandrine.
»Wo ist der Magier?«, wollte Iskander von Xia wissen.
Offensichtlich zählte sie nicht für ihn. Ihr war immer noch schwindelig und außerdem schlecht. Und sie war immer noch blind und taub, was Magie betraf.
»Unten«, erwiderte Xia. »Machtlos im Moment.«
»Kynan hat mich informiert, dass ihr Hilfe braucht«, berichtete Iskander.
Alexandrine suchte sich einen Weg zwischen den Toten und versuchte, möglichst nicht hinzuschauen. Ihre Übelkeit hatte sich verstärkt. Ihr Magen revoltierte. Und ihr Kopf drohte vor Schmerzen zu platzen.
»Wo sind die anderen Magiegebundenen?«, erkundigte sie sich.
»Haben sich hier verkrochen, die Feiglinge«, sagte Iskander und blickte verächtlich auf die Körper zu seinen Füßen.
»Xia muss sie trennen, bevor Rasmus wieder bei Kräften ist.«
Xia, Durian und Iskander starrten sie an, als wäre ihr plötzlich ein zweiter Kopf gewachsen.
Die Hände in die Hüften gestemmt starrte Alexandrine zurück.
Es ging ihr nicht gut, wirklich nicht. In sich verspürte sie nichts als Leere, und sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten.
»Glaubt ihr wirklich, ich würde einfach abhauen, ohne das zu tun, was nötig ist, um die zu befreien, die gegen ihren Willen hier festgehalten werden? Kommt schon, Jungs, ich brauche eure Hilfe.