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Alexandrine fiel und fiel, ohne irgendeinen Halt zu finden, und als sie schließlich nicht länger herumgewirbelt wurde, war sie von Xias Geist umgeben.
Xia unternahm nichts. Noch nicht.
Vom ersten Moment an, in dem sie miteinander verbunden waren, wusste sie, dass er es war, erkannte sie sein Wesen. Erkannte, wie tief sein Hass ging. Dass er sie für das hasste, was sie war: eine Hexe. Rasmus Kesslers Tochter.
Und doch begehrte er sie auch, und das flößte Alexandrine Angst ein. All dieser Hass, der auf sie gerichtet war, verbunden mit diesem heftigen Verlangen.
Im Zentrum seines Geistes entdeckte Alexandrine ein tiefes, kaltes Universum, das im Gleichklang mit dem Schlag ihres Herzens pulsierte. Magie. Seine Magie. Überwältigende Magie.
Als ihre Benommenheit nachließ, teilte sie auch seine körperlichen Wahrnehmungen, spürte sie immer wieder in sich aufblitzen. Er umklammerte ihr Amulett so fest, dass die Kanten in seine Hand schnitten. Der scharfe Stein schmerzte auch sie. Mit der anderen Hand berührte Xia sie. Oder vielleicht spürte sie durch ihn, wie sie ihn berührte.
Sie verlor die Orientierung. Es war zu verwirrend, dass sie seine Empfindungen nicht von ihren unterscheiden konnte. Sie schwankte, und die Bewegung half ihr, sich von Xia zu lösen. Alexandrine wollte sich aufrichten, doch es gelang ihr nicht, weil sie nicht länger wusste, wo oben und unten, wo links und rechts war.
Furcht erfüllte sie. Und da war noch etwas: ein tiefes Summen, so leise, dass sie fast nicht erkannt hätte, was es war: Xias Magie, die durch sie floss.
Das kann doch einfach nicht wahr sein!
Alexandrine legte die Hände über ihre Augen. »Verschwinde aus meinem Kopf!«
»Alexandrine!«
Er war so schön, dass es fast schmerzte. Seine Stimme war wie Samt; sie hätte ihm ewig zuhören können. Besonders, wenn er ihren Namen auf diese Weise aussprach, so sanft und zärtlich.
Ihr Kopf klärte sich ein wenig. Nicht viel. Doch nun krampfte sich ihr Magen zusammen. Alexandrine zwang sich, die Augen wieder zu öffnen, und blickte direkt in das unglaubliche Blau seiner Augen.
»Alexandrine«, sagte Xia erneut.
Ihre Benommenheit war nun fast gänzlich gewichen, und Alexandrine erkannte, dass sie immer noch kniete, sich immer noch an seine Schultern klammerte und dass auch er auf den Knien war. Einen Arm hatte er um ihre Taille gelegt. Er wollte sie stützen, die Finger gespreizt, damit sie nicht fiel, und sicher war es ein Zufall, dass seine Hand dabei unter ihre Bluse geglitten war. Mit der anderen Hand hielt er das Amulett, und sie konnte immer noch seinen Schmerz spüren.
»Atme!«, befahl Xia ihr.
Himmel, sie hatte nicht die geringste Ahnung, ob er das laut ausgesprochen oder es in ihrem Kopf gesagt hatte.
Sie holte tief Luft. Die Welt hörte auf, sich zu drehen, doch alles hatte sich verändert. Eiskalte Luft kratzte in ihren Lungen. Ihre Augen schmerzten.
Xias Augen schienen große, tiefe Seen von elektrischem Blau zu sein.
»Besser?«, wollte er wissen.
Alexandrine schob ihn weg. Wohl wissend, dass er nur zurückwich, weil er es wollte, nicht, weil sie genug Kraft besessen hätte, um ihn wegzuschubsen.
Er ließ den Talisman los, und im selben Moment brach die Verbindung zwischen ihnen ab.
»Und, war es für dich auch so nett?«, sagte Alexandrine.
»Du kannst mich, Hexe.« Nun ja, sie waren beide nervös. »Mein Fehler war das nicht.«
»Und meiner ganz bestimmt auch nicht.« Alexandrine hatte davon gelesen, dass Dämonen angeblich eine Gefahr für die Menschheit darstellten. Und in ebendiesem Moment erschien es ihr gar nicht mehr so unwahrscheinlich, dass diese Warnung zu Recht bestand.
»Ich dringe normalerweise nicht ohne Erlaubnis in den Geist eines anderen ein«, erwiderte Xia. »Ich schwöre dir, ich habe nicht die geringste Ahnung, was gerade passiert ist.« Er stieß sie leicht gegen die Schulter. »Aber wenn du deshalb unbedingt herumjammern willst, dann renn doch zu deinen Magierfreunden und heul ihnen vor, dass Dämonen in den Staub getreten und getötet oder zu Sklaven gemacht werden müssen. Vielleicht kannst du dich ja mit all deinen Nichtskönner-Kumpels zusammentun, damit ihr versuchen könnt, genug Magie zu ziehen, um euch euren eigenen Magiegebundenen einzufangen.« Er tippte mit dem Finger gegen ihr Amulett, drückte es in ihren Bauch. »Oder du brichst das hier auf und lebst ein bisschen länger.«
Wieder geriet Alexandrine völlig durcheinander, als sie ohne Vorwarnung direkt in ein Paar braune Augen starrte. Honigbraun, nicht unnatürlich blau. Ihre eigenen Augen. Und auf ihre eigenen Wangen. Ihre Nase, ihr Kinn, ihren Mund. Nichts davon erschien ihr vertraut. Es war, als würde sie in einen Spiegel blicken und ihr eigenes Gesicht nicht erkennen. Verlangen durchströmte sie. Heiß und wild.
»Was ist das?«, flüsterte sie. Und wieder bekam sie kaum Luft. »Was passiert mit mir?«
»Verdammt will ich sein, wenn ich das weiß.« Xia zog seine Hand zurück, doch noch bevor er den Satz beendet hatte, wusste Alexandrine, dass er log. Die Verbindung zwischen ihnen bestand weiterhin, wenn auch nur ganz schwach. Sie war immer noch da, in Wartestellung quasi, bereit, erneut aktiviert zu werden.
»Es ist der Talisman.« Sie nahm seine Hand – überrascht, dass er diese Berührung zuließ, nach all dem, was er ihr über die Gräueltaten ihres Vaters erzählt hatte – und öffnete seine Finger. Erwartete, Blut zu sehen. Und war seltsam enttäuscht, als sie keines sah.
Das Zimmer schien ihr plötzlich zu klein zu sein, zu intim. Ihre Gedanken und Emotionen wurden von einem Verlangen überflutet, das so heftig war, dass es schmerzte, und vermischten sich mit Ärger, Erstaunen, Furcht und Neugier.
Alexandrine wusste hundertprozentig, dass einige dieser Empfindungen nicht ihre waren, und doch hätte sie nicht sagen können, welche der Gefühle von ihr und welche von Xia stammten. Oder ob es überhaupt wichtig war, dies deutlich trennen zu können.
Sie zog seine Hand näher zu sich heran.
Xia holte tief Luft.
»Nun sieh dir das an«, wisperte sie. »Jetzt hast du deinen eigenen Panther.
Spiegelbildlich zeichnete sich auf seiner Handfläche der graue Umriss der Raubkatze ab. Alexandrine fuhr die Linien nach, dann ließ sie ihren Finger über sein Handgelenk bis hin zur Ellbogenbeuge gleiten und presste die Fingerspitze auf die sich dunkel abzeichnende Vene.
»Wer von uns beiden sehnt sich so sehr nach dem Geschmack von Blut?«, fragte sie sanft. »Ich kann es nicht auseinanderhalten.«
Einer seiner Mundwinkel zuckte. Xia löste seine Hand aus ihrer, die andere blieb weiterhin auf ihrem Rücken liegen.
Wenn sie wusste, dass er sie begehrte, dann musste auch Xia wissen, wie sie darauf reagierte. Ein Finger glitt zu ihrem Nacken, zu der Stelle, wo das Lederband ihre Haut aufgeschürft hatte.
Tief sog Alexandrine die Luft ein bei dieser Berührung.
»Baby, du hast dir wehgetan.« Seine Stimme klang tief und verführerisch und spiegelte sein Verlangen wider. »Hast du Schmerzen?«, wollte er wissen.
»Kaum.«
»Ich kann es besser machen.« Er blieb nahe bei ihr, und sie spürte in sich das Echo seines Verlangens, spürte, wie sehr er sich danach sehnte, sie zu berühren. Sie zu schmecken. Es würde etwas in ihm verändern, dachte sie. Ihr Blut zu schmecken.
Alexandrine wusste, dass sie selbst sich bereits verändert hatte. Obwohl sie nicht länger das Gefühl hatte, sich in seinem Geist zu befinden, bestand die Verbindung zwischen ihnen immer noch.
Als sie den Blick hob, ging es wieder los. Sie verlor sich in seinen Augen. Spürte Benommenheit, fühlte, wie sämtliche Grenzen verschwammen.
Woher zum Teufel sollte sie noch wissen, wo seine Gedanken aufhörten und ihre begannen? Sein Körper war eins mit ihrem. Ihrer mit seinem. Sie kannte ihn auf allerintimste Weise. Wie also sollte sie die Grenzen aufrechterhalten, wenn sie sie nicht mehr greifen konnte? Oder – und das war richtig verwirrend – wie sollte sie erkennen, wann sie seine Gedanken und Wünsche auffing?
Oder vielleicht bildete sie sich das alles auch nur ein.
Xia zog sie noch näher zu sich heran, und Alexandrine stemmte ihre Hände gegen seine Brust, gegen warme Haut und eisenharte Muskeln, und wandte den Kopf zur Seite. Xia strich ihr über den Hals, dort, wo ihr kurzes Haar endete, und sie spürte, wie Erregung sie packte.
»Ich dürfte dich nicht auf diese Weise begehren«, sagte Xia. »Und ich will es auch nicht. Du bist Rasmus’ Tochter.« Wieder berührte er ihren Hals, dann senkte er den Kopf und atmete tief ein. »Aber ich tue es. Ich will dich, Alexandrine. So sehr, dass es fast schmerzt.«
Alex wäre am liebsten dahingeschmolzen. Was auch immer er mit ihr tun wollte, sie war bereit, es ihn tun zu lassen. Aber auch sie würde nur allzu gern einiges mit ihm anstellen …
Xias Finger glitt über die Abschürfungen, die die Lederschnur hinterlassen hatte. Dann nahm er sie ganz fest in seine Arme, und tief aus seiner Kehle stieg ein Grollen auf. Ein Laut, der nicht menschlich war. Seine Lippen senkten sich auf ihren Nacken, federleicht zunächst, bis ihr Druck schließlich fester wurde. Mit der Zunge fuhr er die Wunde nach, schmeckte, berührte, bis ein Kuss daraus wurde und seine Lippen zu ihrer Kehle wanderten.
Alexandrine beugte den Kopf zurück, und seine Hände glitten ihre Arme hinab, zogen sie noch enger zu sich heran. Was sie nicht im Geringsten störte. Im Gegenteil. Je näher sie ihm war, desto besser. Sie ließ ihre Finger über seine Brust wandern, nach unten, bis dahin, wo der Bund seiner Hose saß.
Xia hielt sie fest, stützte ihren Rücken. Und plötzlich lagen seine Hände auf ihrem Po.
Ihre Finger glitten tiefer. Noch tiefer. »Du hast einen unglaublich schönen Körper«, flüsterte sie.
Seine Augen flackerten, und sie spürte Energie über ihre Arme kriechen.
Alexandrine beugte sich vor und küsste ihn auf einen Mundwinkel. Und prompt waren sie wieder in voller Stärke verbunden. Diesmal jedoch ohne das verwirrende Gefühl, den Platz getauscht zu haben. Alexandrine hielt den Atem an.
Xia warf den Kopf zurück und stöhnte. Sein Griff wurde fester. Seine Arme zitterten. Und dann ließ er sie los. Schob sie weg. So weit, dass sie ihn nicht mehr berühren konnte.
»Alexandrine …«
Sie sah ihn an. Er wirkte genauso erschüttert, wie sie sich fühlte. »Wieso?«, fragte sie. »Es war so schön. Das hast du auch empfunden. Wieso hast du dann aufgehört?«
Er ließ sich zurück auf das Bett sinken.
Alexandrine sah, wie sein Gesicht für einen Moment ganz ausdruckslos wurde, um gleich darauf umso deutlicher widerzuspiegeln, was er empfand: hungriges Verlangen, Vorfreude, Begehren.
»Weil das alles irgendwie außer Kontrolle geraten ist«, antwortete Xia, den Blick immer noch zur Zimmerdecke gerichtet. »Tut mir leid.«
»Mir nicht. Ich habe mich besser gefühlt. Anders als zuvor.«
Nun schaute er sie doch wieder an. »Du weißt, was ich will«, sagte er leise. »Jetzt. In diesem Moment.«
»Ja.«
»Und ich weiß, was du willst«, fügte er nach einem Moment hinzu. »Was du zu wollen glaubst.«
»Es war fantastisch, Xia. Warum sollte ich darauf verzichten?«
Immer wieder fing sie auf, was Xia empfand, und andersherum funktionierte es vermutlich ebenfalls. Ihre Blicke trafen sich. Prallten aufeinander. Verschmolzen.
»Und wie zum Teufel sollen wir das Problem nun lösen, Alexandrine?«, fragte er.
Sie rutschte näher, ließ einen Finger innen über seinen Unterarm gleiten.
Xia hob seine panthergezeichnete Hand und legte sie auf ihre Schulter, schob dabei ihre Bluse zur Seite, sodass er ihre bloße Haut berührte.
Für einen Moment hatte Alexandrine das verrückte Gefühl, dass sich der Panther auf seiner Hand bewegte, ihre Haut ganz leicht streifte.
»Du musst sagen, dass du bereit bist, dies geschehen zu lassen«, flüsterte Xia.
»Ja«, erwiderte sie. »Ich bin bereit, dies geschehen zu lassen.«
Er zog sie zu sich heran, und wieder bot sie ihm unwillkürlich ihre Kehle dar. Sie spürte seinen warmen Atem.
Mit einem Finger zog Xia eine Linie. Kälte biss sie, dann sengende Hitze. Er hatte sie geritzt. Es tat weh, doch Alexandrine ignorierte den leichten Schmerz. Blutstropfen quollen heraus.
Und dann spürte sie seine Lippen. Er kostete ihr Blut. Noch einmal. Mehr. Kostete es intensiver.
Farben wirbelten hinter ihren geschlossenen Lidern. Violett wie ein Amethyst, grün wie ein Smaragd, rot wie ein Rubin schweiften sie über endlosem Schwarz.
Alexandrine fiel in ihn hinein, pulsierte im Gleichklang mit seiner Kraft, einer Magie so dunkel und tief und weit, dass sie niemals die Grenzen entdecken würde.
Xia löste seine Lippen von ihr. Alexandrine war sich nun bewusst, dass er sie in seiner Umarmung hielt, eine Hand stützte ihren Kopf, die andere ihren Rücken, sodass sie seiner Nähe nicht entkommen konnte. Tief holte er Luft.
Wie eine Welle schlugen ihre Gefühle über ihr zusammen, sinnliche Erwartung mit einem Hauch von gierigem Hunger. Alexandrine zuckte zusammen, als sie erneut seine Lippen fühlte. Sie waren so warm. Seine Zunge glitt über die Wunde, die er ihr zugefügt hatte. Es fühlte sich so gut an. So richtig. Himmel, wie sehr sie sich danach sehnte, ihn zu berühren!
Xia ließ sie los und griff nach seinem Messer, ritzte ihr mit der Klinge das Handgelenk.
Alexandrine zuckte zusammen, doch dann betrachtete sie fasziniert die rote Linie. Tiefrot war ihr Blut. Der Geruch stieg ihr in die Nase, sie konnte es fast schon schmecken.
Das Gefühl, dass Xia in ihrem Kopf war, verstärkte sich. Oder war sie in seinem Kopf? Alexandrine wusste es nicht. Kam das Verlangen, Blut zu schmecken, von ihr oder von ihm?
Das Blau von Xias Augen veränderte sich, zeigte unterschiedliche Nuancen.
»Worauf wartest du?«, fragte sie.
Er führte ihr Handgelenk zu seinem Mund, und ganz sanft, ganz langsam nahm er mit seiner Zunge den ersten Tropfen auf.
Der Geschmack explodierte in ihrem Mund, wurde von Xia auf sie übertragen. Was auch immer Alexandrine erwartet haben mochte: Ganz bestimmt war es nicht dieses Gefühl der Verbundenheit, so kraftvoll, dass es sie zittern ließ. Tiefer und tiefer zog diese Verbindung sie in Xias Geist, ins Zentrum seiner Magie.
Als sie den Kopf hob, hatte sie Mühe, sich zurechtzufinden. Sie hockte auf ihren Fersen, hoffte, der Raum würde endlich aufhören, sich um sie zu drehen.
Xia stützte sie. »Ich hasse nichts mehr als Hexen«, sagte er. Seine Hand, groß und warm und durchaus fähig, einen Menschen zu töten, glitt an ihrem Rückgrat entlang nach oben. Er zog Alexandrines Kopf zu sich heran, und dann küsste er sie. Es war ein harter Kuss, den sie mit ungehemmter Leidenschaft erwiderte. Mit einem schnellen Griff langte er nach den Knöpfen an ihrer Bluse, zerrte ungeduldig daran, bis sie sich entweder öffnen ließen oder einfach absprangen.
Während er die Kurven ihrer Brüste nachzeichnete, tat sie das, wonach sie sich sehnte, seit sie ihn das erste Mal gesehen hatte: Sie küsste ihn.
Er schob sie nicht weg. Erwiderte sogar ihren Kuss. Eine seiner Hände glitt zum Verschluss ihres BHs und öffnete ihn. Legte sich über ihre Brust. Dann lehnte er sich ein Stück zurück, um sie besser ansehen zu können.
»Du hast mehr als deutlich gemacht, was du von jemandem wie mir hältst«, sagte sie. »Willst du trotzdem herausfinden, wohin das führt? Ganz sicher?«
»Ja. Und du?«
»Auch.« Sie legte ihre Finger über seine und packte ihn am Handgelenk, drückte seine Hand fester gegen ihre Brust. »Ich will, dass du mich berührst.«
Xia spreizte die Beine und zog Alexandrine zu sich heran. Aus dem Gleichgewicht gebracht, wäre sie fast auf ihn gefallen. Konnte sich gerade noch mit einer Hand an der Wand abfangen. Der Duft von Lavendelseife stieg ihr in die Nase.
Ihr Amulett pendelte vor, baumelte zwischen ihren Körpern. Alexandrine beobachtete, wie es hin und her schwang.
Er hatte behauptet, sie zu hassen, doch Hass war ganz und gar nicht das, was er für sie empfand.
Alexandrine verharrte regungslos.
Er sah sie an. Seine Hand, die auf ihrem Rücken lag, verstärkte ihren Druck. Mit der anderen, der panthergezeichneten, berührte er ihren Bauch, und Alexandrine sog scharf den Atem ein.
Sie küsste ihn erneut, und ja, o ja, er erwiderte ihren Kuss. Er war verdammt gut. Seine Lippen waren weich. Er war ein unglaublich guter Küsser, und Alexandrine ahnte, es brauchte nicht mehr viel, damit sie ihn jegliche Kontrolle vergessen ließ.
Sein Kuss wurde noch leidenschaftlicher, und sie schmolz dahin. Wohin auch immer er sie führen mochte, sie würde mit ihm gehen.
Alexandrine sehnte sich danach, ihn zu berühren. Musste ihn berühren. Sie richtete sich auf, packte den Saum seines Shirts, um es ihm über den Kopf zu streifen.
»Weg damit«, flüsterte sie.
Doch Xia hinderte sie daran.
»Was ist?«
»Nein.« Er hielt ihre Hände fest. »Nicht dass ich dich nicht begehren würde … du bist verdammt schön … aber …« Seine Augen blitzten weiß auf, was Alexandrine irritierte. »Ich kann es nicht tun. Wir können es nicht tun.«
»Wieso nicht?«
Er gab sie frei und ließ sich zurücksinken, legte einen Arm über die Augen. Es war offensichtlich, wie erregt er war – in diesem Bereich war das Problem also wohl kaum zu suchen. Da schien alles zu funktionieren. Himmel, wie sehr sie ihn begehrte!
»Ich kann nicht«, wiederholte Xia.
»Weil ich eine Hexe bin? Das Thema hatten wir doch bereits abgehakt.« Alexandrine setzte sich neben ihn, zog die Beine an, schlang ihre Arme darum und legte das Kinn auf die Knie. »Das war dir doch bewusst, als wir angefangen haben. Wieso kneifst du jetzt auf einmal?«
Eins seiner unglaublich blauen Augen wurde sichtbar, als er den Arm leicht bewegte. »Weil ich nicht dachte, dass du mich so sehr erregen könntest.« Er nahm den Arm vom Gesicht und richtete seinen Blick zur Decke. »Ich habe das schon ewig nicht mehr getan.«
»Kann ich mir kaum vorstellen. Die Frauen müssten doch Schlange stehen bei dir.«
»Stimmt auch. Seit ich frei bin«, erwiderte Xia. »Ich kann jede Frau haben, die nicht magiebegabt ist. Aber das meinte ich nicht. Ich meinte, dass ich es schon ewig lange nicht mehr mit einer Hexe getan habe. Richtig jedenfalls.«
»Und?« Alexandrine sehnte sich wie verrückt danach, ihn zu berühren. Seine Nähe zu spüren. Sie wollte in seinen Armen liegen und ihre nackte Haut an seiner fühlen. Sie wollte seinen Körper erforschen, überall, und herausfinden, was ihn dazu brachte, jegliche Kontrolle zu verlieren.
»Als ich magiegebunden war«, begann er mit leiser Stimme, »hat Rasmus mir nicht erlaubt, Sex zu haben. Nicht oft, jedenfalls.« Immer noch hielt er den Blick nach oben gerichtet, auf die stilisierte goldene Sonne, die sie über ihrem Bett an die Decke gemalt hatte. »Wenn er mich losschickte, um eine Hexe zu jagen, hat er mir normalerweise ausdrücklich verboten, mit ihr zu schlafen.«
Sie griff nach seiner Hand, der panthergezeichneten. Und er schien nichts dagegen zu haben, dass sie ihre Finger mit seinen verschränkte. Alexandrines Hand prickelte. Vielleicht hatte er gar nicht bemerkt, dass sie ihn berührte, so tief, wie er in seine Erinnerungen versunken war.
»Aber es wäre auch nicht die Art von Sex gewesen, die ich mir wünschte. Es ist verdammt anders, wenn man alles und jeden nur verletzen will. Und es ist anders, wenn man dazu gezwungen wird.«
Xia blickte sie an. »Rasmus Kessler gehört zum Magiergeschlecht, und das heißt, dass er ein rachsüchtiger Bastard ist. Einige Male befahl er mir, es zu tun. Mit irgendwelchen Hexen, die er tot sehen wollte. Ich musste ihm gehorchen. Nicht dass es mir in so einem Fall viel ausgemacht hätte. Magier und Hexen wie dich ins Jenseits zu befördern war meine Lieblingsbeschäftigung. Rasmus hat es Spaß gemacht, bei solchen Gelegenheiten in meinem Kopf zu sein, damit er alles spüren konnte, was ich ihnen antat. Verstehst du, was ich damit meine? Er wusste, wie gemein und was für ein verdammt widerlicher Bastard ich war.«
»Xia, ich weiß«, flüsterte sie. Und wünschte, sie wüsste es nicht. »Es ist okay.«
»Wenn ich einen aus dem Magiergeschlecht getötet habe, fühlte sich das fast so an, als sei ich frei. Ich habe für diese Aufträge gelebt.«
Alexandrine drückte seine Hand. »Es ist okay«, wiederholte sie. »Ich verstehe.« Und verdammt, das tat sie. Kein Wunder, dass er sie nicht wollte.
»Ab und zu hatte ich allerdings schon Sex. Richtigen.« Seine Wimpern verbargen seine Augen. »Ein Magiegebundener hält immer nach Lücken Ausschau, nach einer Möglichkeit zu rebellieren, auch wenn er sie nicht oft entdeckt. Fast immer, wenn ich mit einer Frau geschlafen habe, wollte es Rasmus auch.«
»Es tut mir so leid für dich.«
»Es war die Schuld einer Hexe, dass ich gebunden wurde.« Xia richtete sich auf, setzte sich im Schneidersitz hin. Ihre Hände blieben verschränkt. »Betrogen von einer Hexe. Sie besaß keine sonderlich beeindruckenden Kräfte – genug, um damit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, doch sie konnte längst nicht so machtvoll wie Rasmus oder Christophe ziehen. Sie gehörte zu Rasmus, doch das fand ich erst heraus, als es bereits zu spät war.«
»Und ich bin auch eine Hexe.« Nicht diejenige, die ihn betrogen hatte, das wusste Xia sehr wohl. Er konnte Hexen nur nicht ausstehen. Aus gutem Grund, unglücklicherweise.
Xia stieß langsam seinen Atem aus und legte seine Hand samt ihrer auf seinen Oberschenkel. »Ja, das bist du. Eine, die keine Kontrolle über ihre Magie hat. Das macht dich so gefährlich.« Er sah ihr in die Augen. »Ich werde mich auf keinen Fall in eine Situation bringen, in der ich erneut gebunden werden könnte. Egal, wie wild ich darauf bin, mit dir zu schlafen.«
Die bloße Vorstellung raubte ihr für einen Moment den Atem. »Ich könnte dich nicht binden, Xia. Nie. Nicht einmal dann, wenn ich Ahnung hätte, wie das ginge. Das weißt du, Xia.«
Seine Augen wurden schmal, behielten aber ihren Farbton bei. »Du hast nicht die geringste Ahnung, was passieren könnte, würdest du mit jemandem wie mir schlafen – genauso wenig wie ich.« Er legte seine freie Hand auf das angezogene Knie. Er hatte lange, schlanke Finger.
»Glaubst du denn, dein Talisman wäre zu dir zurückgekehrt, weil die Gesetze der Physik mal eben für einen Moment beschlossen hätten, Ferien zu machen?«, fuhr er fort. »Du hast gezogen, Alexandrine. Magie gezogen. Und es hat funktioniert. Es könnte wieder funktionieren, zum Beispiel dann, wenn mich die Leidenschaft vergessen ließe, mich gegen deine Kräfte abzuschotten … nein, es gibt nur eine Möglichkeit für mich, mit einer Hexe zu schlafen.«
»Oh. Und die wäre?« Sie musterte ihn. Er meinte es ernst. Und, was noch wichtiger war, er hatte es nicht grundsätzlich abgelehnt, oder? Er stellte lediglich Bedingungen.
»Dass du dich komplett unter meine Kontrolle begibst.«
Alexandrine versuchte zu verstehen, was das bedeutete. Einige komische Bilder entsprangen ihren Gedanken, doch sie war sicher, dass er so etwas nicht meinte. »Ich nehme nicht an, dass du vorhast, mich zu fesseln oder so.«
Xia ließ ihre Hand los. »Worüber zum Teufel haben wir die ganze Zeit geredet? Verdammt, Alexandrine, du bist doch nicht dumm. Ich meinte Kontrolle.« Er tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Stirn, und Alexandrine spürte, wie ein Schauder durch ihren Körper lief. »Dass du und deine Magie komplett und vollkommen unter meiner Kontrolle wärt.«
»Das kannst du?« Natürlich hatte sie schon davon gelesen. Mit den anderen darüber geredet, die genauso waren wie sie und versuchten, auf sich allein gestellt, alles Wissenswerte zu lernen und falsche Behauptungen von der Wahrheit zu unterscheiden. Sie selbst hatte sich niemals vorstellen können, dass es eine solche Kontrolle gab. Aber sie hatte sich ja auch nicht vorstellen können, dass magiegebundene Dämonen existierten, geschweige denn frei lebende wie er.
Xia drückte Alexandrine unvermittelt zurück und rollte sich auf sie, und sie reagierte mit voller Stärke auf ihn. Schneller, als sie Luft holen konnte.
Er legte eine Hand unter ihr Kinn. »Baby«, sagte er sanft, »du wärst verblüfft über das, was ich alles tun kann.« Sein Blick, dieses großartige Blau, brannte sich in sie. Und sein Mund war so schön, wie zum Küssen geschaffen. »Willst du eine Kostprobe?«, fügte Xia hinzu.
»Vielleicht.« Sie schlang ihre Arme um seine Schultern. Himmel aber auch! Dieser Mann bestand aus nichts als Muskeln.
»Ja oder nein?« Er presste seinen Unterleib gegen ihren. Seine Stimme klang warm und verführerisch. Es war verdammt unfair. »Weil ich nämlich deine Zustimmung dazu brauche.«
»Also dann, ja.« Alexandrine bog sich ihm entgegen, spürte seine Erregung. Und wollte noch viel mehr davon spüren, mit ihrem Körper und ihrer Seele.
Erneut berührte er ihre Stirn. Alexandrine meinte ein Summen zu fühlen und einen immer stärker werdenden Druck gegen ihren Schädel. Und dann befand sich Xia in ihrem Kopf. Wirklich und wahrhaftig, und es war ganz anders, als sie es erwartet hatte. Ganz anders als zuvor. Sie geriet in Panik, hatte das Gefühl zu ersticken, weil ihr Ich zurückgedrängt war in einen verschwindend kleinen Teil ihres Geistes.
Xia empfand das genaue Gegenteil. »Alexandrine …«, flüsterte er, »das ist gut. Du fühlst dich so gut an.« Seine Augen veränderten sich, durchliefen unzählige Nuancen von Blau, bis sie ein Weiß mit dem winzigsten Hauch von hellem Blau zeigten.
Wieder drängte er sich gegen sie, und obwohl es ihren Körper erregte, wusste sie, dass Xia jede Reaktion von ihr zu bestimmen vermochte. Als er sich zurückzog, fühlte sie sich nicht mehr ganz so unbehaglich. Obwohl er sie immer noch beherrschte. Und sie nur das empfinden konnte, was er ihr zu empfinden erlaubte.
Es war so offensichtlich, wie sehr ihm das gefiel. Es gefiel ihm, jede ihrer Regungen zu bestimmen, doch ihr gefiel es nicht zu wissen, dass er sie dazu bringen konnte, alles zu tun, was er wollte, auch wenn sie nicht einverstanden war. Alles.
Xia zog sich aus ihrem Geist zurück. Sie gehörte wieder sich selbst, doch sie war noch so erschüttert, dass sie zitterte. Er wollte sie küssen, doch nun war sie es, die die Hände hob, um ihn abzuwehren.
»Nein, das ist …« Nein. Das wollte sie nicht. Keine fünf Minuten würde sie das ertragen können. »Ich … ich kann das nicht.«
Xia zog sich von ihr zurück. »Sag mir Bescheid, wenn du bereit bist, es auf diese Weise zu tun … und dann bin auch ich bereit, das Risiko einzugehen, dass Harsh mich umbringt, weil ich es gewagt habe, dich zu berühren.«
»Warum?« Alexandrine setzte sich auf. Ihre Hände zitterten fürchterlich, und sie versuchte, es zu verbergen, indem sie die Arme um ihre Knie schlang. »Warum muss es auf diese Weise sein?«
Xia verzog den Mund. »Weil ich anders nie wieder eine Hexe so nah an mich heranlassen werde. Niemals.« Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Egal, wie verrückt ich nach dir bin. Entweder schlafen wir unter meinen Bedingungen miteinander oder gar nicht.«
Alexandrine stand auf, obwohl ihre Beine sie kaum tragen wollten.
»Das habe ich befürchtet«, sagte er leise.
Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. »Tut mir leid, Xia. Tut mir echt leid.«