17n

Der beste Sex, den sie je gehabt hatte, hatte offensichtlich ihr Leben verändert.

Alexandrine hatte die Augen geschlossen und dachte nach. Sie fühlte ihren Höhepunkt immer noch nachklingen, doch sie spürte auch, dass etwas anders war. Das sie verändert hatte. Sehr stark sogar.

Nun, eine Überraschung war das nicht wirklich, denn Xia hatte sie von dem Talisman getrennt. Er fehlte ihr, fast ein wenig schmerzhaft empfand sie das, doch es war bei Weitem nicht so schlimm, wie sie es befürchtet hatte.

Xia hatte sich aus ihrem Geist zurückgezogen, doch körperlich waren sie immer noch verbunden. Er war noch nicht in seine menschliche Gestalt zurückgekehrt, und sie stellte fest, dass er ihr auch so gefiel. Dass er einfach großartig aussah.

Sie bewegten sich beide, doch Alexandrine hielt ihn an sich gedrückt, widerstrebend, diese Nähe aufzugeben. In seiner jetzigen Gestalt war er wesentlich größer als sie, doch sie hatte keine Angst, dass er sie verletzt haben könnte. Das würde er nicht tun. Blaue Lichter blitzten in den Schatten seines Körpers auf, und sie fuhr mit der Hand über seine Seite.

Xia entzog sich ihrer Berührung nicht, wie sie es befürchtet hatte. Er blieb bei ihr, fuhr mit einer in Klauen endenden Hand von ihrer Schulter zu ihrer Taille und dann zu ihrer Hüfte, schließlich an ihrem Bein hinab. Seine Hand war heiß und fühlte sich nicht menschlich an.

Er flüsterte ihren Namen, und seine tiefe Stimme ließ sie angenehm erschaudern.

»Mmm«, machte Alexandrine nur. Sie ließ ihn los, unwillig, sich von seiner Wärme zu trennen und zu spüren, wie der Nachhall der Lust in ihrem Körper verebbte.

Xia rollte sich auf den Rücken, ließ jedoch eine Hand auf ihrem Bauch liegen. Er stöhnte auf, dann begann die Luft um ihn herum zu schimmern, und plötzlich befand er sich wieder in seiner menschlichen Gestalt.

Interessant. Sie spürte seine Magie auf eine Weise, wie sie es zuvor nicht getan hatte. Er schien fest in ihrem Geist präsent zu sein, und dieses Gefühl belebte sie. Auf eine merkwürdige Art war der Talisman nicht verschwunden. Ein Teil von Xia war so mit ihr verbunden, wie sie mit dem Talisman verbunden gewesen war. Es war seltsam. Sie wollte Xia so nah bei sich haben, weil er sie an den Talisman erinnerte? Verrückt.

Alexandrine setzte sich auf und sah sich nach ihrem Shirt um. Es lag nur eine Armlänge entfernt. Sie griff danach und zog es über.

Xia stöhnte erneut auf. Seine Magie wirbelte, befand sich in einem überraschend chaotischen Zustand. Das hatte Alexandrine nicht erwartet.

Er setzte sich ebenfalls auf – all seine so wunderbar ausgebildeten Muskeln bewegten sich –, und dann saßen sie einander gegenüber, sahen sich an. Wahrhaftig ein Killer Boy. Verlangen blitzte erneut in ihr auf.

Xia beugte sich vor und küsste sie. Süß und zärtlich. Als ob er aufgehört hätte, darüber nachzudenken, welche peinvollen Möglichkeiten es gab, die Welt von einer weiteren Hexe zu befreien. Alexandrine verleitete zu Zärtlichkeit. Der Kontakt zwischen ihnen bewirkte, dass sie seine Hitze in sich spürte. Es rührte sie, dass er sie küsste, einfach so.

»Bist du in Ordnung?«, fragte sie.

Seine Hand lag mit leichtem Druck auf ihrer Schulter. »Nein.«

»Ich hatte keine Ahnung, dass du dich auf diese Weise verändern kannst.« Alexandrine schaute zu dem Kästchen hin, in dem das Copa lag. Ebenholz mit weißen Intarsien.

Ihr Hochgefühl ließ nach, und schon wünschte sie sich, dass es zurückkehrte. Sie wollte sich wieder in diesem perfekten Zustand befinden, in dem sie über Magie verfügte, die auch ihr Vater anerkennen musste, in dem sie die Macht besaß, alles zu tun. In dem Xia sie begehrte, weil sie eine Hexe war.

Xia langte um sie herum und schloss den Deckel des Kästchens, drückte das Schloss zu und wartete, dass es einrastete.

»Du bist nicht in Panik geraten, als ich mich gewandelt habe«, stellte er fest.

»Nein.« Obwohl seine Verwandlung schon ein wenig beängstigend gewesen war, war Alexandrine ruhig geblieben.

Ihre Blicke versanken ineinander. Im Moment zeigten seine Augen ein klares Eisblau, flackerten nicht in sämtlichen Nuancen der Farbe. »Es hat dich nicht gestört?«

»Nein«, meinte sie. »Du warst …« Sie suchte nach den richtigen Worten. »Größer. Gefährlich.« Sie berührte ihren Hals, fühlte die Unregelmäßigkeiten, dort, wo er sie gebissen hatte. Sein Bild war in ihr Gedächtnis eingebrannt. Haut wie Lapislazuli. Klauen. Scharfe Zähne. Seine Augen waren weiß mit blauen Schatten. Ja, er wirkte schon ein wenig furchteinflößend, wenn er aussah wie ein Wesen aus einem Buch über mittelalterliche Dämonen, aber, zum Teufel … Es hatte ihr gefallen. Mehr als nur »gefallen«.

»Es war gut, Xia. Verdammt mehr als gut.«

Er stand langsam auf und schaute sich um, bis er seine Jeans entdeckt hatte. Sie lagen nicht weit entfernt, doch er schwankte selbst auf diesem kurzen Stück, als er hinüberging.

Vor dem Kamin flackerte die Duftlampe auf.

»Es liegt am Copa, dass du so empfindest, Alexandrine. Vielleicht weißt du auch gar nicht mehr so genau, was du gesehen hast.« Die Muskeln an seinem Rücken bewegten sich, als er seine Boxershorts und die Jeans anzog.

»Und ob ich das weiß! Ich weiß ganz genau, was ich gesehen habe, Xia.«

Sie erhob sich und stellte fest, dass sie unerwartet sicher auf ihren Beinen stand. Anders als Xia.

Seine Magie spielte erneut verrückt. Als er sich nun umdrehte und Alexandrine ansah, wechselten seine Augen ununterbrochen die Farbe.

»Du warst wunderschön«, sagte Alexandrine leise. »Das erschreckend schönste Wesen, das ich je gesehen habe.«

Er griff in sein Haar, und sie betrachtete ihn skeptisch. »Willst du dich vergewissern, dass es noch da ist?«, fragte sie.

Xia starrte sie an. »Ich versuche, damit klarzukommen, was wir getan haben. Das ist alles.«

»Wir hatten Sex.«

Xias Lippen wurden schmal. »Lass uns deine Klamotten holen, ja?«

»Ja, sicher.«

Sie gingen in den Raum, in dem die Waschmaschine stand. Xia nahm ihre Kleidung und warf sie ihr zu.

Alexandrine zog sich an. »Also, Xia, wieso gibst du mir das Gefühl, ich hätte etwas Schlechtes getan?«, fragte sie, während sie ihr Shirt überstreifte. Ihre Finger zitterten.

»Ich habe die Kontrolle verloren, als wir miteinander geschlafen haben.«

»Mir hat es gefallen«, flüsterte sie. Xia zog sich von ihr zurück, und das wollte sie nicht.

»Du begreifst es nicht.« Er stützte sich mit einer Hand an der Wand ab. »Mist, elender.«

»Vielleicht solltest du es mir erklären.«

»Ich bin zeugungsfähig, wenn ich diese Gestalt annehme.« Wieder griff er sich ins Haar. »Ich hätte klüger sein sollen. Ich kenne schließlich die Konsequenzen. Aber es war mir egal. Ich hab’s trotzdem getan. Weil ich noch nie in meinem Leben dermaßen verrückt nach einer Frau war.«

»Und deshalb regst du dich so auf?« Alexandrine stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Entspann dich. Ich nehme die Pille.«

Er wandte ihr den Kopf zu und schaute sie an. »Als ob das etwas bewirken würde.«

»Ich kann nicht schwanger werden«, erwiderte sie. Xia schloss die Augen, als sei ihm plötzlich übel. »Hey, vielleicht solltest du dich lieber setzen.«

»Mir geht’s gut.« Er öffnete die Augen wieder und ballte die Hand zur Faust. »Dämonen können miteinander keine Kinder zeugen«, erklärte er. »Wir können uns nur mit Menschen fortpflanzen. Oder mit Magiern. Und, Alexandrine, das Problem liegt nicht allein darin, dass ich in dieser Gestalt fortpflanzungsfähig bin, sondern dass ich dich höchstwahrscheinlich empfängnisbereit gemacht habe, egal, ob du nun die Pille nimmst oder nicht. So funktionieren wir und unsere Magie nun mal.«

Ein Kältehauch lief Alexandrine über den Rücken. »Aha«, meint sie nur und hatte das Gefühl, dass jetzt sie es war, die sich setzen musste. Die Kälte wanderte geradewegs zu ihrem Herzen, und diesmal hatte es nicht das Geringste mit Magie zu tun. »Willst du damit andeuten, dass ich demnächst eine alleinerziehende Mutter bin?«

»Verdammt, nein!« Xia schwankte. Seine Beine wollten ihn nicht tragen, und es gelang ihm auch nicht, seinen Blick zu konzentrieren. »Wir lassen unsere Kinder nicht im Stich wie das Magiergeschlecht. Wir lieben sie, was auch immer geschieht. Und solltest du wirklich schwanger werden, dann wird man sich um dich kümmern.«

Sie trat zu ihm, weil sie fürchtete, er könnte fallen, wenn sie ihn nicht stützte. »Du solltest dich wirklich hinlegen. O Gott, Xia, du bist ja ganz heiß.«

»Das geht wieder vorbei.«

»Wann?«

Xia lachte. »Hoffentlich noch, bevor ich sterbe«, meinte er. Seine Augen fanden immer noch kein Ziel, und Alexandrine wurde schwindelig von dem chaotischen Zustand, in dem sich seine Magie befand.

O nein! Sie würde nicht zulassen, dass er starb.

»In der Zwischenzeit bringe ich dich in dein Bett. Wo ist dein Schlafzimmer, Xia? Du musst dich hinlegen.«

»Und du setzt dich wieder auf mich?« Seine Augen flackerten, wurden weiß mit einem Hauch von Eisblau, und so blieben sie.

»Männerfantasien!«, meinte sie nur, doch insgeheim fand sie, dass es eine verlockende Vorstellung war. »Also, wo ist das Schlafzimmer?«

»Oben. Zweite Tür rechts.« Er wischte sich mit dem Arm den Schweiß von der Stirn.

»Also, dann los.« Alexandrine schob ihre Schulter unter seine, und er legte einen Arm um ihren Rücken. Xia zitterte, und sie spürte den Widerhall seiner Schmerzen in ihrem Körper. »Vielleicht sollten wir einen Arzt rufen«, schlug sie vor.

»Kein Arzt!« Er umklammerte ihre Finger. »Niemals, verstehst du? Du darfst nie einen Arzt an mich heranlassen.«

»Gut, dann also keinen Arzt«, sagte sie. »Na ja.« Er war wohl ein bisschen eigen, was das betraf.

Das Schlafzimmer barg keine Überraschungen. Es war ganz normal eingerichtet. Mit einem Bett. Einer Kommode. Einem kleinen begehbaren Kleiderschrank. Einem Nachttisch mit Lampe und einem Bücherstapel darauf. Die Aussicht, die sich einem von hier oben bot, war noch beeindruckender als unten im Erdgeschoss.«

Sie zog Xia hinüber zum Bett. Seine Knie gaben nach, und sie fielen beide auf die Matratze, Alexandrine lag halb unter ihm, sein Ellbogen stieß in ihre Seite.

Xia rollte sich weg und drehte sich auf den Rücken, die Augen geschlossen. Seine Haut war heiß und trocken.

Alexandrine hatte keine Ahnung, was sie tun sollte. Himmel, sie wusste ja noch nicht einmal, ob sie ihm gefahrlos Aspirin geben konnte! Während sie ihn berührte und überlegte, was sie unternehmen konnte, wandelte er sich.

Er war nicht länger Xia, der hinreißende Bad Boy, sondern ein fremdartiges Wesen, dessen Haut wie Lapislazuli schimmerte, mit Fingern, die in tödlichen Krallen endeten, und Wangen, die so scharf geschwungen waren, dass sie nicht im Entferntesten etwas Menschliches hatten.

Ihr Magen krampfte sich in instinktiver, uralter Furcht zusammen.

Immer noch waren seine Augen geschlossen, seine Lippen zogen sich zurück, als ein tiefes Stöhnen aus seiner Kehle drang. Seine Zähne waren scharf. Sämtliche Zähne.

Alexandrine blieb. Obwohl alles in ihr nach Flucht schrie. Sie konnte nicht davonlaufen, denn Xia ging es nicht gut. Seine Haut fühlte sich weich unter ihren Fingern an. Weich und glühend heiß. Und anders als menschliche Haut.

Er hob eine Hand und schloss seine klauenbewehrten Finger um ihr Handgelenk. Seine Magie loderte auf, immer noch chaotisch und absolut unwiderstehlich. Ein feuriger Regenbogen spannte sich über dem Bett, verschwand wieder, knisternd und mit einem Knall, der Alexandrine in den Ohren schmerzte.

Xia wechselte zurück in seine menschliche Gestalt, seine Lider flatterten, öffneten sich dann. Die Iris waren weiß mit einem Hauch von Eisblau.

»Es wird alles gut«, flüsterte er. Dann schauderte er und bedeckte sein Gesicht mit einem Arm. »Mir geht es gut.«

Alexandrine stand auf. Ihr war schlecht vor Angst. Sie wollte nicht, dass Xia starb. Er durfte nicht sterben.

Dabei flüsterte eine kleine Stimme in ihr, dass, wenn er nicht mehr da wäre, niemand sie davon abhalten würde, Copa zu nehmen – egal, ob es sie abhängig machte – und zu einer von jenen Hexen zu werden, die er so hasste. Sie hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass es sofort zwischen Xia und ihr aus sein würde, wenn sie der Versuchung nachgab, die Droge zu nehmen, um die Kraft ihrer Magie erneut zu spüren.

»Bist du ganz sicher, dass ich keinen Arzt rufen soll?«, fragte sie.

»Der einzige Arzt, den ich in meine Nähe lassen würde, ist dein Bruder.« Xia hob den Arm so weit, dass er Alexandrine anschauen konnte. »Aber er ist mit Nikodemus in Paris. Warum weinst du?«

»Tue ich nicht.« Sie wischte sich über die Wangen. Mist. »Bitte, dann stirb eben. Glaub ja nicht, es würde mir etwas ausmachen.« Ihre Stimme brach.

»Unten.« Xia zitterte. Überall auf seinem Körper zeigte sich Gänsehaut. »Im Kühlschrank. Ein Krug. Bring mir ein großes Glas davon.«

»Zu Befehl!«

»Bitte. Beeil dich«, flüsterte er.

Als sie das Zimmer verließ, schien es ihr, als strahle er bizarre Impulse aus, die sie fühlen ließen, was er empfand. Es war nicht komisch. Kein bisschen. Für keinen von ihnen. Heftige Kopfschmerzen pochten hinter Alexandrines Augen, und sie wusste nicht, ob es ihre oder seine Schmerzen waren, die ihr den Schädel wegzusprengen drohten.

Als sie ein Viertel des Wegs zurückgelegt hatte und sich auf der Treppe befand, begann ihr Herz zu rasen. Zunächst dachte sie, die Reaktion rühre daher, dass sie sich nur ein paar Meter von dem schwarz-weißen Kästchen voller Copa befand. Ja, sie war sich dessen überdeutlich bewusst. Sehnsucht ließ sie schaudern.

Doch der Refrain, der in ihrem Kopf widerhallte, war keineswegs: Mehr Magie!, sondern: Was ist, wenn Xia etwas passiert, während ich hier unten bin? Was, wenn er stirbt? Wenn irgendjemand ihn mir wegnimmt?

Alexandrine verlangsamte ihre Schritte, legte eine Hand auf ihre Brust, die eine schmerzende Leere zu bergen schien.

Nun ja, sie kannte das Haus nicht, hatte keine Ahnung, was sich hier noch verbergen mochte, da war eine gewisse Ängstlichkeit verständlich, oder? Und ständig musste sie an das Copa denken, denn ihr war bewusst, wie rapide ihre Fähigkeit, ihre Magie zu berühren, nachließ.

Doch am meisten bewegte sie die Panik, die sie wegen Xia empfand. Und sie erinnerte sie verdammt an das Gefühl, das sie immer dann erfüllt hatte, wenn sie versucht hatte, den Talisman abzunehmen. Wie furchtsam sie dann jedes Mal gewesen war, wie widerstrebend. Paranoid. Wie verrückt und besitzergreifend sie sich verhalten hatte.

Alexandrine zwang sich dazu, die Stufen weiter hinunterzugehen. Ihr Magen tat weh, und ihr Puls dröhnte wie Trommeln in ihren Ohren. Aber der Schmerz lenkte ihre Gedanken von dem schwarz-weißen Kästchen ab, das sich im Wohnzimmer befand und den verzweifeltsten Traum ihres Lebens verschloss. In dem sich der Schlüssel zu ihrer Magie befand.

Als Alexandrine endlich die Küche gefunden hatte, zitterte sie. Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Nein, sie litt nicht unter Entzug. Xia hatte doch gesagt, dass ein Magier erst dann süchtig wurde, wenn er die Droge über einen längeren Zeitraum nahm. Aber, verdammt noch mal, so hoch, wie ihre Magie sie getragen hatte, war der Sturz nach unten umso härter! Doch ihr blieb wohl nichts anderes übrig, als dies wie ein großes Mädchen zu ertragen.

Sie suchte im Kühlschrank nach dem Krug, den Xia erwähnt hatte; in einem Schrank entdeckte sie etliche Becher aus schwarzem Glas. Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie fürchtete, alles zu verschütten, als sie einen der Becher füllte. Das Zeug roch ekelhaft.

Seltsamerweise waren kaum Lebensmittel im Haus. Eine Sechserpackung Bier mit einer Guillotine auf dem Etikett, eine halb leere Tüte Tortilla-Chips. Alles nur Zeug, das süchtig machte. Alkohol. Copa. Chips. Xia.

Alexandrine schaute sich weiter um und suchte nach einem Telefon, konnte aber nirgendwo eins entdecken. Offensichtlich hatte er keinen Festanschluss. Na super. Ihr Handy steckte in ihrem Rucksack. In ihrer zerstörten Wohnung.

Hoffentlich hatte wenigstens Xia noch sein Handy, denn sonst war sie nicht in der Lage, Hilfe zu holen. Und Hilfe hatten sie dringend nötig. Xia. Vielleicht auch sie selbst.

Alexandrine überlegte, ob sie ein Bier trinken sollte. Sie hatte nichts gegen Alkohol, sie mochte es nur nicht, deswegen die Kontrolle zu verlieren. Und ein Bier würde ihr jetzt vielleicht guttun. Es würde sie von dem Copa ablenken und von ihrer Angst um Xia.

Doch vor allem wollte sie so schnell wie möglich zu Xia zurückkehren.

Mit dem Becher in der Hand ging sie zur Treppe, blieb dann jedoch stehen. Im Wohnzimmer brannte die Duftlampe immer noch, öliger Rauch stieg ihr in die Nase. Das Öl konnte Feuer fangen und das ganze Haus in Brand setzen. Während sie sich darin befanden.

Also setzte Alexandrine den Becher auf der untersten Stufe der Treppe ab und ging ins Wohnzimmer. Mit jedem Schritt verstärkte sich ihr Zittern.

Dort stand es, das schwarz-weiße Kästchen. Gefüllt mit Copa. Alexandrine zitterte heftig, aber irgendetwas sagte ihr, dass ihr Zustand weder mit dem Copa noch mit ihrer Magie zu tun hatte. Die metallene Schale, in der sich das Öl befand, war glühend heiß. Alexandrine spürte die Hitze noch bevor sie sich hinkniete und überlegte, wie sie die Flamme löschen sollte. Das Problem war offensichtlich: Sie brauchte dazu Magie, und ihre eigene Kraft war fast verschwunden.

»Na super«, murmelte sie vor sich hin. »Ganz toll.«

Sie zog, und nichts passierte. Das Kästchen führte sie in Versuchung. Schon ein bisschen Copa würde reichen, ihr Problem zu lösen. Mehr als eine Viertelpille brauchte sie nicht. Vielleicht eine halbe. Xia würde sicher nicht bemerken, dass eine Pille fehlte.

Mit zitternden Fingern griff Alexandrine nach dem Kästchen. Panik stieg in ihr auf. Sie zog erneut, und diesmal erwischte sie ihre Magie in dem Moment, als sie noch einmal aufflackerte. Das Öl hörte auf zu rauchen.

Es ging ihr gut. Sie hatte es tatsächlich geschafft, auch ohne Copa Magie einzusetzen. Alexandrine umklammerte die Box so fest, dass ihre Finger schmerzten. Was, wenn Xia ihre Magie brauchte, sie jedoch wieder wie üblich versagte? Sie griff nach dem Schloss, doch es ließ sich nicht öffnen.

»Shit!«

Alexandrine verließ das Wohnzimmer und ging zurück zur Treppe, versuchte dabei immer noch, das Kästchen zu öffnen. Mit zitternden Händen, klopfendem Herzen und der Gewissheit, dass sie sterben würde, wenn sie nicht zu Xia zurückkehrte.

Klick. Der Deckel sprang auf. Gelbgold blinzelte es ihr entgegen. Das Copa.

Sie blieb stehen und schlug den Deckel ganz zurück. Alexandrine erinnerte sich, dass die Pillen leicht zerbröselten. Das Copa, das Xia mit in ihre Wohnung gebracht hatte, war in Papier eingewickelt gewesen.

Sie eilte in die Küche zurück, kämpfte die ganze Zeit gegen ihre Panik an. Im Mülleimer entdeckte sie ein Stück Papier, das noch ziemlich sauber war und groß genug. Sie öffnete das Kästchen erneut, nahm zwei Pillen heraus, und weil sie den Eindruck hatte, als fiele gar nicht auf, dass welche fehlten, nahm sie gleich noch drei weitere. Sorgfältig faltete sie das Papier zusammen und steckte es dann in die vordere Tasche ihrer Jeans.

Alexandrine fühlte sich grässlich. Sie war eine Diebin. Eine Schwindlerin. Eine Betrügerin. Wie lange hatte sie durchgehalten? Eine halbe Stunde? Eine Dreiviertelstunde?

Oh, verdammt, sie konnte es besser, oder?

Alexandrine ging zur Spüle, stellte das Wasser an und drehte das Kästchen um, kippte alle Pillen heraus. Sie lösten sich sofort auf. Vorsichtshalber reinigte sie die Spüle, bis kein einziger Krümel mehr zu entdecken war. Dann tat sie das Gleiche mit den Pillen, die sie in ihre Hosentasche gesteckt hatte. Problem gelöst!

Alexandrine ließ das Kästchen auf der Spüle stehen. Offen und leer.

Ihre Panik hielt an.

Sie nahm den Becher von der Treppe und ging endlich nach oben. Mit jeder Stufe, die sie hinaufstieg, ließ ihre Panik nach. Je näher sie Xia kam, desto besser fühlte sie sich. Als sie das obere Stockwerk erreichte, war ihre Angst verschwunden, und sie konnte sich kaum noch daran erinnern, wie schlecht sie sich eben noch gefühlt hatte.

Xia hatte sich halbwegs aufgerichtet und mühte sich, den obersten Knopf seiner Jeans zu öffnen. Wieder bewunderte Alexandrine seinen durchtrainierten Körper. Xia blickte auf, als sie hereinkam, und sie hatte das merkwürdige Gefühl, dass er über ihre Rückkehr erleichtert war.

Sie packte das Glas mit dem schlecht riechenden Inhalt fester. »Hier, ich hab dir das Zeug aus dem Kühlschrank mitgebracht.«

Xia bedankte sich und nahm den Becher entgegen. Blickte sie lange genug an, dass sie begann, das Schweigen als unbehaglich zu empfinden. Wusste er, was sie unten getan hatte?

Xia schloss die Augen und kippte die Flüssigkeit in einem Zug hinunter. Als er ausgetrunken hatte, glitt ihm der Becher aus den Fingern und fiel zu Boden. Seltsam, dass er nicht zerbrach.

»Hilf mir«, bat Xia leise. Sein Atem ging flach, als versuche er, heftige Schmerzen zu unterdrücken. »Ich muss meine Sachen ausziehen.«

»Klar doch.« Sie öffnete den Reißverschluss seiner Jeans.

Xia hatte sich auf die Ellbogen gestützt, was eine unglaubliche Wirkung auf seine Bauchmuskeln hatte.

»Beeil dich, ja?«, mahnte er.

»Ich mache so schnell ich kann. Und wenn du aufhören würdest, so herumzuzappeln, ginge es vielleicht leichter.«

Er streckte eine Hand aus und berührte ihre Wange. Hitze schoss durch Alexandrine, Hitze, die den Schmerz, der darunter lag, nicht verbergen konnte. Sie zuckten beide zusammen. Erneut strömte sein Schmerz in sie hinein, und er spreizte die Finger über ihrer Wange.

»Es hilft mir, wenn ich dich berühre«, sagte Xia.

»Okay.« Alexandrine drückte seine Hand gegen ihre Wange und wappnete sich gegen den Schmerz, der gleich zurückkehren würde. Und wie er zurückkehrte! Feuer verbrannte ihren Körper.

Aber gleichzeitig war ihre Magie wieder zum Greifen nah. Ihr Kopf summte, Farben blitzten vor ihren Augen auf. Sie spürte Xias Magie, ihre eigene und auch die des Talismans.

»Baby«, sagte er, »bleib bei mir, bitte!«

»Keine Bange, natürlich bleibe ich.«

Er wirkte nicht mehr so angespannt und versuchte erneut, seine Jeans herabzuschieben.

Richtig. Er wollte ja ausgezogen werden. Alexandrine wandte sich wieder seiner Jeans zu. Xia begann wieder zu zittern, doch seine Haut war glühend heiß. Alexandrine zog ihm Hose und Socken aus, und als sie sich wieder aufrichtete, hatte Xia sich erschöpft zurücksinken lassen. Er trug nur noch schwarze Boxershorts. Schob den Daumen unter den Bund, um auch sie abzustreifen.

Seine Lider zitterten. »Ich muss nackt sein, Alexandrine. Unbedingt.« Dieses drängende »unbedingt« hallte in Alexandrines Gedanken wider.

Xia versuchte, sich aufzurichten, und sie schob einen Arm in seinen Rücken, um ihn zu stützen, bemühte sich dann, ihn von seinem letzten Kleidungsstück zu befreien.

Seine aufgewühlte Magie, die ihm so zu schaffen machte, floss geradewegs in Alexandrine. Xia entspannte sich augenblicklich, doch nun tobte dieser gewaltige Aufruhr in ihr.

Xia sank zurück. Die Augen geschlossen, als sei er urplötzlich in einen betäubenden Schlaf gefallen. Und im selben Moment stoppte das Chaos in ihr. Einfach so.

»Xia?« Sie beugte sich über ihn, legte eine Hand auf seine Stirn. Sie spürte irgendetwas Dunkles, Unergründliches in ihm, und sie hatte nicht die geringste Ahnung, ob ihm dies schaden würde oder nicht. Seine Stirn war immer noch warm, doch längst nicht so glühend heiß wie zuvor.

Mit ein bisschen Schubsen und Drehen und Ziehen – was alles andere als einfach war – gelang es ihr, ihn unter die Bettdecke zu bugsieren. Anschließend hob sie seine Kleidung auf, um sie zusammenzufalten. Das Messer legte sie auf den Nachttisch.

Seine Magie lag wie ein aufgeschlagenes Buch vor ihr. Und sie konnte immer noch ziehen. Stärker noch als vorhin, als sie unten war und sich überlegt hatte, wie sie die Duftlampe löschen könnte. Sehr viel stärker sogar. Seine Nähe steigerte ihre magische Fähigkeit. Was überhaupt keinen Sinn ergab. Alexandrine ließ Xias Magie über sich fließen, durch sich hindurch, nahm sie in sich auf.

Ein paar Türen weiter gab es ein Badezimmer, und Alexandrine suchte es auf, um sich das Gesicht zu waschen. Wieder wurde sie von Angst erfasst, wenn auch nicht so heftig wie bei der Panikattacke, die sie vorhin im Erdgeschoss überfallen hatte. Seltsam. Ein weiteres Mal fühlte sie sich an das erinnert, was sie empfunden hatte, wenn sie von dem Talisman getrennt gewesen war.

Schnell wusch Alexandrine ihr Gesicht und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. In dem Schränkchen über dem Waschbecken entdeckte sie eine unbenutzte Zahnbürste und Zahnpasta, und so putzte sie sich auch gleich die Zähne. Schon besser. Hier gab es keine teuren Cremes. Gott sei Dank. Es gab also keine Frau, die sich in Xias Schlafzimmer zu Hause fühlte.

Als sie zu Xia zurückgekehrt war, setzte sie sich auf die Bettkante und blickte ihn nachdenklich an. Schmerz hatte sich in sein Gesicht gegraben, er bewegte sich unruhig. Einmal zischte er und bleckte die Zähne, behielt jedoch seine menschliche Gestalt. Sein Schlaf, so Xia denn schlief, schien nicht erholsam zu sein.

Alexandrine erinnerte sich daran, dass er behauptet hatte, es gehe ihm besser, wenn sie ihn berührte. Wohl, weil sie ihm durch den engen körperlichen und geistigen Kontakt, der dann zwischen ihnen bestand, einen Teil seiner Schmerzen abnahm.

Lediglich mit den Fingerspitzen berührte sie Xias Wange, doch das reichte schon, denn augenblicklich spürte sie seine Schmerzen wie ein Echo. Und je länger sie ihn berührte, desto intensiver wurde der Kontakt. Seine chaotisch wirbelnde Magie, in der sie hin und wieder den Talisman wahrnahm, drängte in ihren Geist.

Mit ihrem Körper jedoch fing sie einen Teil des physischen Schmerzes auf, der ihn quälte und der wie eine Woge über ihr zusammenbrach. Xias Körper entspannte sich.

Alexandrine jedoch wurde von einem Schmerz davongetragen, der schlimmer als jeder Albtraum war.