Sally wischte gerade den Fußboden auf, als ein Fremder die Bar des Hawker Hotel betrat.
»Morgen«, grüßte sie und warf einen flüchtigen Blick auf die Uhr an der Wand. Es war kurz nach elf. Wochentags kamen die ersten Gäste normalerweise erst am Spätnachmittag. »Falls Sie einen Drink wollen, ich komme gleich.«
»Was könnte ich sonst wollen in einer Bar?«, gab Henry patzig zurück. Sein Ton war schärfer gewesen als beabsichtigt, aber er war furchtbar nervös.
Sally richtete sich auf, funkelte ihn grimmig an und stellte ihren Mopp in eine Ecke. Sie musterte den Fremden, einen arroganten Lackaffen aus der Stadt mit einem selbstherrlichen breiten amerikanischen Akzent. In den zehn Jahren, die sie und ihr Mann dieses Hotel im ländlichen South Australia führten, hatte sie schon allerhand gesehen und erlebt. Davor hatte sie mit Rick einen Gemischtwarenladen in Ceduna an der Westküste betrieben. In dieser Gegend gab es zwar viele Farmen, allerdings lebten auch sehr viel mehr Ureinwohner dort, was eine Reihe sozialer Probleme mit sich brachte. Sally hatte sich mit den Jahren ein dickes Fell zugelegt.
Sie trat hinter die Theke und schnauzte: »Was darf’s denn sein?«
Henry merkte, dass er ihr auf den Schlips getreten war, und verwünschte sich für seine Dummheit. Schließlich brauchte er ihre Hilfe. »Ein Bier, bitte«, antwortete er so liebenswürdig er konnte. »Ein reizvolles Lokal haben Sie da«, fügte er hinzu.
Sally erwiderte nichts darauf. Henry betrachtete die mit Kuhhörnern, Peitschen und Fotos von preisgekrönten Widdern, von Viehhirten und Schafscherern dekorierten Wände. Ein Foto zeigte einen Mann, der einen erlegten Fuchs am Schwanz hochhielt. Hinter ihm konnte man einen Drahtzaun erkennen, an dem mehrere Fuchspelze aufgehängt waren. Henry verzog unwillkürlich das Gesicht. Er hatte noch nie etwas für die Jagd übrig gehabt.
Mit einem Blick, der so warm wie ein arktischer Wind war, stellte Sally sein Bier auf die Theke. »Sie sind wohl auf der Durchreise.«
Klingt eher nach einem Wunsch und nicht nach einer Frage, dachte Henry. »Ja, ich möchte zu einer Farm, Wilpena Station. Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich dahinkomme?«
»Bleiben Sie immer auf der Hauptstraße, dann können Sie es gar nicht verfehlen.« Sally wandte sich ab, griff nach ihrem Mopp und arbeitete weiter.
Diese Wegbeschreibung war noch vager als die, die er von dem Angestellten der Autovermietung in Port Augusta bekommen hatte, wo er sich nach dem Weg nach Hawker erkundigt hatte. Henry setzte sich auf einen Barhocker, schlürfte sein Bier und dachte über die Ereignisse der vergangenen Monate nach, die ihn an diesen Punkt seines Lebens geführt hatten.
Als Sally, die die ganze Zeit über ein wachsames Auge auf Henry hatte, mit dem Boden fertig war, ging sie hinter die Theke und begann, Gläser zu polieren. Henry starrte dumpf vor sich hin. Er musste sich Mut antrinken, um Jacqueline gegenübertreten zu können. Alles hing von dieser Begegnung ab, deshalb war er aufs Höchste angespannt und nervös.
Sally riss ihn aus seinen Gedanken. »Sie sind doch nicht von der Bank, oder?« Er sah wie ein Bankangestellter aus: schwarze Hose, weißes Hemd, Schlips. Niemand kleidete sich so auf dem Land, jedenfalls nicht an einem gewöhnlichen Werktag. Außerdem trug er schwarze, auf Hochglanz polierte Schuhe, und sie hatte noch nie einem Mann in sauber geputzten Schuhen getraut. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass jemand mit glänzenden Schuhen einer ehrlichen Arbeit nachging – die Frauen natürlich ausgeschlossen.
»Von der Bank?«, wiederholte Henry verdutzt.
»Ja. Sie sind doch nicht etwa hier, weil Bens Farm versteigert werden soll, oder?« Sally wusste, dass Ian und Meryl Benson wie so viele andere jeden Tag mit dem Besuch des Gerichtsvollziehers rechneten. »Ihr habt doch keine Ahnung, was es bedeutet, eine Dürre durchzustehen. Jetzt, wo es geregnet hat, werden die Farmer auch wieder auf die Beine kommen, ihr müsst ihnen bloß ein bisschen Zeit geben. Einige wie Ben Dulton haben sich mit Mühe und Not gerade so über Wasser halten können. Aber ihr stürzt euch gleich wie die Geier auf jeden, der …«
»Ich bin hier, weil ich meine Frau sehen will«, fiel Henry ihr ins Wort. Er wusste überhaupt nicht, wovon die Wirtin redete.
Sally hielt überrascht mitten in der Bewegung inne. Sie war so perplex, dass sie sich nicht einmal für ihren Wortschwall entschuldigte. Stattdessen beugte sie sich über die Theke und sah Henry prüfend an. Ihm wurde unbehaglich unter ihrem kritischen Blick. Er hatte einen amerikanischen Akzent, und die beiden Frauen auf Wilpena kamen aus den usa. Sally wusste noch nichts von Veras Abreise, Ben hatte es niemandem erzählt. Er brachte es einfach noch nicht fertig, über Vera zu sprechen.
»Welche ist es?«, fragte sie.
»Wie bitte?« Henry hatte das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein, auf dem nichts einen Sinn ergab. »Ich habe nur eine Frau.«
»Nein, ich meine, welche von den beiden draußen auf Wilpena ist Ihre Frau – Vera oder Jackie?«
Henry schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich kenne weder eine Vera noch eine Jackie. Meine Frau heißt Jacqueline Ann Walters.«
»Ich wusste gar nicht, dass Jackie verheiratet ist.« Sally richtete sich auf. Irgendetwas stimmt hier nicht, dachte sie.
»Jacqueline«, verbesserte Henry. »Meine Frau heißt Jacqueline. Sie will nicht Jackie genannt werden.« Das Scheidungsurteil war ihm an einem Tag, der nicht schlimmer hätte sein können, zugestellt worden, aber er hoffte, Jacqueline hatte die Post noch nicht bekommen.
Sein feines Getue reizte Sally zum Lachen, sie konnte sich gerade noch beherrschen.
»Sie kennen sie?«, fragte er.
Sally nickte. »Sie ist schon hier gewesen, ja.«
»Hier?« Henry machte ein ungläubiges Gesicht. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Frau eine Kneipe wie diese besuchen würde«, fügte er angewidert hinzu.
Sally schwoll der Kamm. »Ihr Männer denkt, ihr wüsstet alles, nicht?«, spottete sie. »Sie hat sich großartig amüsiert. Sie hat mit den Einheimischen Billard und Darts gespielt, barfuß getanzt und kräftig dem Wodka zugesprochen. Sie hat nicht wenige Männer unter den Tisch getrunken, kann ich Ihnen sagen!« Sie freute sich diebisch über den bestürzten Ausdruck auf Henrys Gesicht. Einfach köstlich. Hätte sie doch nur einen Fotoapparat zur Hand!
»Mir scheint, ich bin gerade noch rechtzeitig gekommen.« Henry leerte sein Glas und kramte in seiner Hosentasche nach Kleingeld.
»Trinken Sie doch noch eins«, meinte Sally, die plötzlich eine Idee hatte.
»Nein, danke.« Henry lief rot an, als er ein paar Münzen auf die Theke warf. Sally hatte das Gefühl, dass er sich kein zweites Glas leisten konnte.
»Das geht aufs Haus«, meinte sie und schenkte ihm nach.
»Oh. Das ist sehr nett von Ihnen.« Und es kam völlig unerwartet.
»Wir hier auf dem Land sind eben gastfreundlich«, erwiderte Sally und rang sich ein Lächeln ab. »Bitte entschuldigen Sie mich, ich bin gleich wieder da.« Sie ging nach hinten in ihre Wohnung und geradewegs zum Funkgerät.
Ben war in der Küche, als das Funkgerät sich einschaltete. Da Jacqueline draußen im Gemüsegarten arbeitete, ging er in ihr Zimmer und setzte sich vor das Gerät.
»Ben, hier ist Sally vom Hawker Hotel. Over.«
»Hallo, Sally. Kannst du ein bisschen lauter sprechen? Over.« Es rauschte und knisterte, dass er Mühe hatte, sie zu verstehen.
»Hör zu, Ben, in der Bar sitzt ein Typ, der behauptet, Jackies Ehemann zu sein. Er wird sich bald auf den Weg nach Wilpena machen. Ich dachte, das solltest du wissen. Over.«
Stille.
»Ben? Bist du noch da? Over.«
»Ja. Ja, ich bin noch da, Sally, entschuldige. Ich bin nur so überrascht. Ich hätte nie damit gerechnet, dass Jackies Mann hierherkommt. Das Letzte, was ich hörte, war, dass er sich irgendwo in Melbourne aufhält. Over.«
»Dann stimmt es also? Er ist tatsächlich ihr Mann? Over.«
»Streng genommen nicht mehr. Er hat die Scheidung eingereicht, und Jackie hat eingewilligt und die Papiere unterschrieben. Over.«
»Gut für sie. Der Typ ist ein eingebildeter Großkotz! Over.«
Ben grinste. »Danke für den Tipp, Sally. Ich werde Jackie Bescheid sagen. Over und Ende.«
Er blieb einen Moment sitzen und versuchte, die Nachricht zu verarbeiten. Nick kam wahrscheinlich erst in ein paar Stunden zurück. Er war bei den Bensons und half Ian, den Generator zu reparieren. Für Jacqueline hatte er in den letzten Tagen kaum Zeit gehabt, ständig war irgendetwas dazwischengekommen. Die Nachbarn wussten, dass er sich mit Generatoren auskannte, und der von den Bensons war der zweite innerhalb von drei Tagen, der ausgefallen war.
Die Jungen hatten als Belohnung für die harte Arbeit in letzter Zeit den Nachmittag über frei. Bobby, Sid und Jimmy waren schwimmen gegangen; der Fluss führte immer noch genug Wasser, und so hatten sie die seltene Gelegenheit nutzen wollen. Geoffrey besuchte einen ehemaligen Klassenkameraden, Derek Shultz, der auf einer Nachbarfarm wohnte.
Ben ging langsam in die Küche zurück. Als Jacqueline kurze Zeit später hereinkam, sah sie ihm sofort an, dass etwas nicht stimmte. Sie stellte den Korb mit frischem Gemüse auf die Anrichte. »Was ist? Ist was passiert? Ist was mit den Jungs?«
»Nein, nein, denen geht’s gut. Aber du solltest dich besser setzen.«
Jacqueline schlug das Herz bis zum Hals. »Ist was mit Nick?« Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.
»Nein.« Ben schüttelte den Kopf. »Ich habe gerade mit Sally vom Hawker Hotel gesprochen.«
»Und?« Jacqueline ließ sich auf einen Stuhl fallen. Warum machte es Ben nur so spannend? Sie legte eine Hand auf ihren Bauch. Ihr war ein bisschen übel, aber jetzt, wo sie den Grund dafür kannte, ertrug sie es mit freudiger Gelassenheit.
»In der Bar sitzt ein Mann, der behauptet, dein Ehemann zu sein.« Ben sah sie prüfend an.
Das Scheidungsurteil war rechtskräftig, Jacqueline waren die Dokumente zugestellt worden. »Ich habe keinen Ehemann mehr«, erwiderte sie verwirrt. »Außerdem ist Henry in Melbourne. Was sollte er im Hawker Hotel wollen?« Es musste sich um eine Verwechslung handeln.
»Keine Ahnung.«
»Selbst wenn es tatsächlich Henry wäre, was ich nicht glaube, würde er sich doch nicht als mein Ehemann ausgeben, nachdem er sich von mir hat scheiden lassen.«
»Er hat Sally nach dem Weg hierher gefragt.« Ben beobachtete, wie sich unterschiedliche Emotionen auf Jacquelines Gesicht spiegelten: Schock, Wut, Verwirrung, Kummer.
»Ist er … allein?«, fragte sie nach einer Pause.
»Ich denke schon. Sally hätte es bestimmt erwähnt, wenn er jemanden bei sich hätte.«
»Was kann er hier wollen?«, murmelte Jacqueline nachdenklich.
»Meiner Meinung nach gibt es nur eine Möglichkeit.«
Sie sah ihn an. »Und die wäre?«
»Er will dich zurückhaben.«
Jacqueline klappte die Kinnlade herunter. Dann lachte sie laut heraus. »Ich würde nicht zu Henry zurückkehren, und wenn er der letzte Mann auf der Welt wäre!«, sagte sie heftig.
»Bist du sicher?«
»Natürlich bin ich sicher!« Wie konnte Ben nur eine Sekunde lang etwas anderes annehmen? »Er hat mich einfach abgeschoben, weggeworfen, für eine andere, mit der er Kinder haben wollte.«
Sie war laut geworden vor Zorn und Verbitterung. Dann kam ihr plötzlich der Gedanke, dass Henry niemals eigene Kinder haben würde. Es schien doch so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit zu geben. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Jacqueline fing Bens Blick auf. Er wusste offenbar nicht, wie er ihre Reaktion deuten sollte. »Kann ich dir ein Geheimnis verraten, Ben?«
Sie musste die gute Nachricht endlich mit jemandem teilen, sonst würde sie noch platzen. Die ganzen letzten Tage hatte sie Nick nicht einen Augenblick für sich allein gehabt, aber sie nahm sich fest vor, es ihm noch am selben Abend zu sagen.
»Ja, sicher«, erwiderte Ben verwundert.
»Ich bin schwanger!« Jacqueline strahlte.
Bens Verwirrung wuchs. »Ich verstehe nicht. Hast du nicht gesagt, dein Mann habe dich verlassen, weil du keine Kinder bekommen kannst?«
»Ja, aber anscheinend war nicht ich es, die unfruchtbar ist! Es kann auch am Mann liegen! Rachel hat mir das bestätigt, aber Henry in seiner Eitelkeit hat diese Möglichkeit natürlich nie in Betracht gezogen.«
»Ja … aber … wie … es tut mir leid, Jackie, aber ich komme da nicht ganz mit«, stammelte Ben ratlos.
Jacqueline holte tief Luft. »Ich erwarte ein Kind von Nick.« Da sie und Nick noch keine Gelegenheit gehabt hatten, Ben von ihrer Beziehung zu erzählen, war sie ein bisschen nervös, wie er wohl reagieren würde.
Ben fiel aus allen Wolken. »Du erwartest ein Kind von Nick«, wiederholte er benommen.
Jacqueline nickte. »Bitte, sei nicht böse. Ich bin so glücklich!«
»Du … und Nick?« Dass sich die beiden mochten, hatte er ja schon gemerkt, aber dass sich die Dinge so weit entwickelt hatten, war ihm neu.
Abermals nickte Jacqueline.
»Zu mir hat er kein Wort gesagt«, wunderte er sich.
»Er weiß es noch gar nicht. Ich habe die ganze Zeit auf den richtigen Moment gewartet, aber es hat einfach nicht hingehauen.«
»Ach so!« Ben strahlte, sprang auf, nahm Jacqueline in die Arme und küsste sie herzlich auf die Wange. »Meinen Glückwunsch! Das ist eine wunderbare Nachricht! Ich werde Onkel!«
»Und ich werde Mutter! Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal diese Worte sagen könnte.«
Sie war überglücklich, Ben konnte es ihr ansehen, und er freute sich von ganzem Herzen für sie. Dann wurde er plötzlich ernst. »Und was machen wir jetzt mit diesem Henry? Sally hat ihn einen eingebildeten Großkotz genannt, er hat offenbar nicht den besten Eindruck hinterlassen. Und Sally ist ziemlich scharfsichtig, weißt du.«
»Einen eingebildeten Großkotz würde ich ihn nicht nennen.« Jacqueline war so glücklich, dass sie sich diese Nachsicht erlauben konnte. »Er hat mir sehr wehgetan, aber er hatte auch seine guten Seiten.« Nicht alles in ihrer zehnjährigen Ehe war schlecht gewesen.
»Soll ich ihn dir vom Hals halten, wenn er herkommt? Es wäre mir ein absolutes Vergnügen«, versicherte Ben.
»Nein, ich bin neugierig, was er will. Ich werde mit ihm reden.«
Ben nickte, obwohl er nicht begeistert war. »Soll ich hierbleiben?«
»Nein, Ben. Ich würde lieber mit ihm allein reden, wenn es dir nichts ausmacht.«
»Gut. Ich bin im Stall, falls du mich brauchst.«
Henry traf eine knappe Stunde später auf der Farm ein. Er hatte an jedem Tor gehalten, bis er endlich das Schild mit der Aufschrift wilpena station entdeckte. Ungläubig war er die lange, staubige Auffahrt hinaufgefahren. Er war sicher, dass er falsch war.
Jacquelines erster Gedanke war gewesen, sich umzuziehen und in ihre New Yorker Sachen zu schlüpfen, doch ihr war schnell klar geworden, wie albern das gewesen wäre. Die Zeiten, in denen sie Henry hatte gefallen wollen, waren längst vorbei.
Als Henry aus dem Mietwagen stieg, schaute er sich sprachlos um und versuchte, sich seine Jacqueline in dieser ländlichen Abgeschiedenheit vorzustellen. Er ließ seine Blicke über die rote Erde, die Eukalyptusbäume, die schlichten Gebäude schweifen. Statt sanfter grüner Hügel sah er im Hintergrund nur kupferfarbene Felsen aus dem Boden ragen. Das steinere Haupthaus war ein schmuckloser Bau. Der Acker vor dem Haus erinnerte ihn kein bisschen an den kleinen farbenfrohen Garten, den sie in New York ihr Eigen genannt und den Jacqueline so geliebt hatte. Es war ein umgegrabenes Fleckchen Erde, das völlig kahl war und nicht sehr einladend aussah.
Jacqueline stand am Fenster und beobachtete Henry. Seine Miene erinnerte sie an ihre eigene bestürzte Reaktion bei ihrer Ankunft auf Wilpena. Eine Ewigkeit schien seitdem vergangen, und ihre Einstellung der Farm gegenüber war eine völlig andere geworden. Sie trat auf die Veranda hinaus und lehnte sich an einen Pfosten.
Als Henry Jacqueline erblickte, starrte er sie fassungslos an. Er erkannte sie kaum wieder. Sie trug ein weites, sackähnliches Kleid und flache Schuhe, hatte sich die Haare zurückgebunden und war ungeschminkt. Er hätte nie gedacht, dass sie ihr Äußeres so vernachlässigen könnte.
»Jacqueline?«, sagte er zaghaft.
Sie wusste, dass es ihre äußere Erscheinung war, die ihn so aus dem Gleichgewicht brachte. »Henry«, erwiderte sie kalt.
Er öffnete das Tor, das in den Angeln quietschte. Dieses Geräusch und die fremde Stimme weckten die Hunde, die auf der hinteren Veranda gedöst hatten. Blue und Rusty schossen um die Ecke und auf Henry zu, den sie wütend anbellten. Sie taten nur so grimmig, sie wedelten mit dem Schwanz vor freudiger Aufregung über den unbekannten Besucher. Doch das wusste Henry nicht. Er wich erschrocken zurück und hüpfte vor Angst vor ihren gefletschten Zähnen hin und her. Jacqueline genoss das Schauspiel einen Augenblick, bevor sie die Hunde zurückrief und hinters Haus schickte.
»Was willst du hier, Henry?«
Er holte ein paarmal tief Luft, bis er sich einigermaßen von dem Schrecken erholt hatte. Henry hatte nie etwas für Hunde übrig gehabt, Jacqueline seines Wissens auch nicht. Und dennoch gehorchten ihr die Hunde aufs Wort. Er ging langsam auf sie zu, wobei er sich ängstlich nach allen Seiten umschaute, ob er vielleicht wieder attackiert würde. Hühner gackerten, womöglich wurde er gleich von einem rabiaten Hahn angegriffen.
»Ich … äh … du … äh … siehst gut aus, Jacqueline.« Er bemühte sich zwar, diplomatisch zu sein, aber sein Gesichtsausdruck sprach Bände.
»Mir geht es auch sehr gut, danke, Henry. Aber ich nehme nicht an, dass du hergekommen bist, um mir das zu sagen«, erwiderte sie frostig.
Henry musterte Jacqueline befremdet. Er fragte sich, ob er die Schuld an ihrem schlampigen Äußeren trug. Hatte sie die Trennung von ihm nicht verkraftet und vernachlässigte sich deshalb? »Du … hast dich verändert.«
»Du dich auch«, bemerkte sie. »Du hast zugenommen. Bewegst du dich nicht mehr?« Nicht, dass es sie wirklich interessiert hätte.
»Nein.« Henry zog verlegen seinen Bauch ein. »Du scheinst nicht sehr überrascht über meinen Besuch.«
»Sally, die Wirtin vom Hawker Hotel, hat dich per Funk angemeldet.« Sie wusste, was Henry jetzt denken würde.
»Per Funk?«
»Es gibt kein Telefon hier draußen.«
»Kein Telefon? Was zum Teufel ist das hier?«
»Eine Schaffarm. Komm rein, Henry.« Jacqueline ging ihm voraus in die Küche. Henry blickte sich angewidert um. Die Küche kam ihm sehr primitiv vor.
»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet.« Sie bedeutete ihm, sich zu setzen, und nahm ebenfalls am Küchentisch Platz. »Also? Was willst du hier?«
»Ich wollte dich sehen, mit dir reden.«
»Ich wüsste nicht, worüber wir zu reden hätten. Wir sind geschieden. Das Scheidungsurteil ist rechtskräftig, meine Abfindung habe ich bekommen. Es ist alles erledigt.« Jacqueline hatte sich überlegt, die Summe für einen wohltätigen Zweck zu spenden, sich dann jedoch entschieden, das Geld zu behalten und für schwere Zeiten zurückzulegen.
Henry war zwar ein wenig entmutigt, gab aber noch nicht auf. »Ich wollte, dass du die Wahrheit erfährst.«
»Die Wahrheit«, wiederholte Jacqueline verwirrt. »Wovon redest du, Henry?«
»Ich bin auf ein paar Hochstapler hereingefallen.«
Jacqueline blieb die Sprache weg.
»Die Darcys sind polizeibekannte Betrüger. Sie leben davon, dass sie wohlhabende Männer ausnehmen. Und sie leben offenbar sehr gut davon.«
Jacqueline verstand überhaupt nichts mehr. »Wer sind die Darcys?« Und was hatte das alles mit ihr zu tun?
»Verity und ihre Eltern, Ron und Maxine.«
Jetzt dämmerte es ihr. »Was für eine Ironie des Schicksals«, bemerkte sie.
Henry ging nicht darauf ein. »Ich habe einen Privatdetektiv beauftragt, ein paar Nachforschungen anzustellen, und er fand heraus, dass sie in mehreren Ländern von der Polizei gesucht werden. Sie suchen sich ihre Opfer auf Kreuzfahrtschiffen oder in mondänen Ferienorten. Meistens ist es ein reicher Mann, der nicht selten verheiratet ist.« Er lief rot an. »Verity verführt ihn, und die Darcys überreden ihn, in ein angeblich todsicheres lukratives Unternehmen zu investieren, das es überhaupt nicht gibt. Dabei verliert er oft genug sein ganzes Vermögen.« Henry verstummte, damit Jacqueline das, was er ihr erzählte, verarbeiten konnte. Er schämte sich, es offen zuzugeben, aber er war völlig pleite. Er besaß rein gar nichts mehr.
Verity war wenige Stunden nach dem Umzug ins Exchange Hotel verschwunden. Als Henry feststellte, dass sie all ihre Habseligkeiten mitgenommen hatte, war er zwar beunruhigt gewesen, sagte sich aber, sie wolle ihm vermutlich nur eine kleine Lektion erteilen, weil sie aus dem Ambassador hatte ausziehen müssen. Doch Verity tauchte nicht wieder auf.
Henry geriet in Panik. Er hatte weder die Anschrift noch die Telefonnummer ihrer Eltern, er hatte überhaupt nichts in der Hand. Als er sein Bankkonto überprüfen wollte, auf das die Darcys zum Schein auch ihr eigenes Geld eingezahlt hatten, wurde ihm mitgeteilt, es sei aufgelöst worden. Da kam ihm zum ersten Mal der Gedanke, dass er Betrügern auf den Leim gegangen war. Und doch konnte er es einfach nicht glauben. Henry konnte nicht glauben, dass Veritys Gefühle für ihn nicht echt gewesen waren, dass sie ihm nach allem, was er für sie getan hatte, so etwas antat. Er wandte sich an die Baugesellschaft. Dort hatte man noch nie von den Darcys gehört.
»Ich habe mir doch die Projekte angesehen, die Sie mit ihnen geplant haben«, schrie er hysterisch ins Telefon. Die Darcys hatten ihm Wohnanlagen gezeigt, ihm eine Mappe mit Informationen über abgeschlossene Projekte, Verkaufszahlen, geplante Sanierungen und Neuüberbauungen vorgelegt. Er hatte alles genauestens studiert.
»Viele potenzielle Investoren besichtigen unsere Anlagen, aber wir haben keine Kunden mit Namen Darcy oder Walters. Es tut mir sehr leid.«
»Hören Sie, das muss ein Irrtum sein!« Henry dachte an das viele Geld, das er investiert hatte. Ihm wurde so übel, dass er sich beinah übergeben hätte. »Ich will mit dem Geschäftsführer sprechen.«
Er bekam einen Termin und legte die Nummer des Treuhandkontos vor, auf das er sein Geld eingezahlt hatte. »Man sagte mir, Ihre Gesellschaft verwalte diesen Treuhandfonds.« Der Geschäftsführer schüttelte bedauernd den Kopf und teilte Henry mit, die Kontonummer sei ihm völlig unbekannt.
In seiner Verzweiflung hatte Henry Brent Masterson eingeschaltet. Dieser fand heraus, dass die Darcys unter anderem wegen Betrugs und Hochstapelei in Neuseeland, in England und in den Vereinigten Staaten gesucht wurden. Ron und Maxine hatten das Land bereits verlassen. An Bord derselben Maschine befand sich auch eine Verity McKell in Begleitung eines Jungen. Entweder war Verity verheiratet oder verheiratet gewesen, oder aber sie war nicht die Tochter der Darcys. Henry war nach allen Regeln der Kunst über den Tisch gezogen und ausgenommen worden wie eine Weihnachtsgans.
Dass er sein Vermögen verloren hatte, war schlimm genug, aber dass seine Eitelkeit ihn dazu verleitet hatte, den größten Fehler seines Lebens zu begehen und Jacqueline zu verlassen, war fast mehr, als er ertragen konnte. Er ließ sich drei Tage lang volllaufen, wurde festgenommen und verbrachte vierundzwanzig Stunden in der Ausnüchterungszelle. Tiefer konnte er nicht mehr sinken. Brent Masterson stellte die Kaution für ihn. Es überraschte ihn gar nicht, dass es so weit mit Henry gekommen war.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Jacqueline machte eine fahrige Handbewegung, eine Geste der Hilflosigkeit. Sie wusste nicht, ob Henry ihr leidtat oder nicht.
»Ich erwarte kein Mitleid von dir, Jacqueline. Ich weiß, dass ich das nicht verdient habe.« Aber er spekulierte auf ihr weiches Herz.
»Warum erzählst du mir das alles, Henry? Ich bin nicht mehr deine Frau, das alles geht mich überhaupt nichts an.«
Ihre Kälte erstaunte ihn doch ein wenig. »Ich weiß, aber immerhin haben wir zehn Jahre unseres Lebens miteinander verbracht, deshalb dachte ich, es würde dich interessieren, was mir passiert ist.«
»Du dachtest, es würde mich interessieren?«, wiederholte Jacqueline zornig. »Du hast mir meinen Koffer und die Scheidungsunterlagen zugeschickt, ohne auch nur zu fragen, wie es mir geht. Was glaubst du denn, wie ich mich da gefühlt habe? Wo waren da die zehn Jahre, die wir miteinander verbracht haben?«
»Es tut mir leid.« Er setzte eine zerknirschte Miene auf. »Aber ich habe mich schon um dich gesorgt, deshalb habe ich ja einen Privatdetektiv engagiert.«
»Du wollest lediglich wissen, wo ich mich aufhalte, damit du dich scheiden lassen und deine Verity heiraten kannst«, versetzte Jacqueline eisig.
Henry besaß immerhin den Anstand, schuldbewusst dreinzublicken. »Ich weiß, ich hätte einen Brief beifügen und mich erkundigen sollen, wie es dir geht. Ich bin ein egoistischer Mistkerl gewesen. Die Quittung dafür habe ich jetzt ja bekommen. Aber glaub mir, ich habe schon lange vorher unser altes Leben vermisst. Ich wollte nur nicht zugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe, nicht einmal vor mir selbst.«
Sie konnte sich gut vorstellen, wann er sein altes Leben vermisste: immer dann, wenn es nicht so lief, wie er sich das dachte. »Was erwartest du von mir, Henry? Dass ich dir verzeihe?«, fragte sie sachlich. Sie hätte ihm gern alles Gute gewünscht, aber nach allem, was er ihr angetan hatte, fiel ihr das unendlich schwer.
»Ja, ich denke schon«, murmelte er mit gesenktem Kopf. Eins nach dem anderen, sagte er sich.
»Ich bin dir nicht mehr böse, Henry. Du hättest mir keinen größeren Gefallen tun können.« Jacqueline dachte an das Kind, das in ihr heranwuchs.
Henrys Kopf fuhr hoch. »Das kann nicht dein Ernst sein! Sieh dich doch mal um! Wie kannst du hier glücklich sein?«
Jacqueline strahlte.
»Hast du den Verstand verloren, Jacqueline?«, fragte Henry entgeistert.
»Nein, ganz und gar nicht. Weißt du, es gab einmal eine Zeit, da habe ich das genauso wie du gesehen. Als ich hierherkam, konnte ich nicht kochen und weigerte mich zu putzen, aber jetzt kann ich das alles. Ich kümmere mich außerdem um den Gemüsegarten und füttere die Hühner und die Hunde.«
»Du solltest nicht die Arbeiten einer Hausangestellten verrichten, Jacqueline.« Henry dachte an das Geld, das sie von ihrem Vater bekommen würde. Damit könnte sie sich zehn Hausangestellte leisten.
»Das macht mir überhaupt nichts aus, ich tue das gern, auch wenn es viel Arbeit ist. Ben hat vier Söhne, weißt du, aber es ist schön, sie um mich herum zu haben.«
»Du wärst eine gute Mutter geworden, Jacqueline. Ein Jammer, dass du keine Kinder bekommen kannst«, bemerkte Henry eine Spur herablassend.
Diese Worte machten jedes Mitgefühl, das sie vielleicht mit ihm empfunden hätte, zunichte. »Ist dir nie der Gedanke gekommen, dass du derjenige sein könntest, der unfruchtbar ist?«, brauste sie auf. Sie hatte das Thema eigentlich nicht auf den Tisch bringen wollen, aber seine Arroganz machte sie rasend. Wie hatte sie nur so blind sein können?
»Ich?« Er starrte sie an, als zweifelte er an ihrem Verstand.
»Die Ärzte, die mich untersucht haben, konnten nichts feststellen. Du hast dich nie untersuchen lassen. Wieso eigentlich nicht? Wieso hast du immer mir die Schuld gegeben?«
Henry machte ein beleidigtes Gesicht. »Die Ärzte wissen auch nicht alles«, gab er patzig zurück, als wüsste er es besser. »Ärzte können sich irren.«
Jacqueline ballte wütend die Fäuste. »In meinem Fall nicht. Du wirst derjenige sein, der keine Kinder haben wird, Henry.«
Er sprang auf. »Wie kannst du so etwas behaupten? Hätte es Verity nicht auf mein Geld abgesehen, hätte ich sehr wohl eine Familie mit ihr gegründet.«
Jacqueline schüttelte den Kopf.
»Wie kannst du dir so verdammt sicher sein?« Jetzt war es Henry, der ärgerlich wurde.
»Weil ich schwanger bin«, antwortete Jacqueline und stand ebenfalls auf. Sie liebte es, diese Worte laut auszusprechen.
Henry wurde blass und starrte sie ungläubig an. »Heißt das, dass wir …?«
Wieder schüttelte sie den Kopf. »Nicht ›wir‹, Henry. Ich bin mit einem anderen Mann zusammen und erwarte ein Kind von ihm.«
Henry stand da wie vom Donner gerührt, während sein Verstand zu erfassen versuchte, was sie gerade gesagt hatte. Er nahm ihre innere Stärke zur Kenntnis. Sie war nicht zusammengebrochen, wie er insgeheim gehofft hatte. Sie war nicht in seine Arme gesunken und hatte geschluchzt, wie sehr ihr altes Leben ihr fehle. Nein, sie wirkte ruhig und gefasst. Zum ersten Mal fiel ihm auf, dass sie auch ohne teure Kleider oder Make-up richtig gut aussah.
Er konnte es nicht fassen. In seiner Welt war kein Stein auf dem anderen geblieben, aber Jacqueline war glücklich in ihrer Welt, auch wenn es eine andere war als die, die sie gekannt hatte. Seine Hoffnungen, alles könnte wieder so wie früher werden, zerstoben schlagartig. Er schlug die Hände vors Gesicht und fing zu weinen an.
Jacqueline war verblüfft. Das hatte sie nicht erwartet. So kannte sie Henry überhaupt nicht. Instinktiv legte sie ihre Arme um ihn, tröstend, wie eine gute Freundin.
Sie sah Nick nicht kommen, aber er sah, wie sie den anderen Mann umarmte.
Nick war mit Ian Benson in die Stadt gefahren, um ein Ersatzteil für seine Brunnenpumpe zu besorgen. Auf dem Heimweg waren sie auf ein schnelles Bier bei Sally eingekehrt. Sie hatte von dem Mann erzählt, der behauptete, Jacquelines Ehemann zu sein, und der sich nach dem Weg zur Farm erkundigt hatte.
Nick war beunruhigt. »Ich muss sofort nach Hause.«
Unterwegs gab er Ian Benson eine Kurzfassung der Ereignisse. »Brauchst du Hilfe?«, fragte Ian spontan.
»Nicht nötig, das schaffe ich schon. Lass mich oben an der Zufahrt raus.« Er wollte das Überraschungsmoment auf seiner Seite haben, aber nun war er es, der überrascht worden war.
Ihm war nie der Gedanke gekommen, Jacqueline könnte zu ihrem Mann zurückkehren. Daher haute es ihn schier um, als er die beiden eng umschlungen in der Küche stehen sah. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht damit.
Ein Bild aus der Vergangenheit blitzte vor seinem inneren Auge auf. Er sah die Frau, die er damals in Broome geliebt hatte, in den Armen seines besten Freundes.
Jacqueline hörte das Aufheulen eines Motors, Reifen, die auf dem Kies knirschten. Als sie durch die geöffnete Haustür blickte, sah sie Nick im Geländewagen davonpreschen. Sie wusste sofort, dass Nick das Schlimmste annahm.
»Geh jetzt, Henry«, sagte sie panisch. Wo war Ben? Sie musste Ben finden. Er würde wissen, wo Nick hingefahren war.
»Was? Aber wieso denn?«, stammelte er. »Was ist denn?«
»Gar nichts«, lautete die knappe Antwort.
»Aber …«
»Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft, aber geh jetzt. Ich habe etwas Wichtiges zu erledigen.« Sie schob ihn Richtung Tür.
Aber Henry musste erst noch ein weiteres Geständnis ablegen.
Eine halbe Stunde später kletterten Jacqueline und Ben in den Morris und fuhren in die Stadt.
»Bist du sicher, dass Nick in der Bar ist?«, fragte Jacqueline zum dritten Mal.
»Ziemlich sicher.« Ben trat das Gaspedal durch, so weit es ging.
Unterwegs erzählte Jacqueline ihm, was Henry zugestoßen war. Dass er sie auch noch um Geld gebeten hatte, verschwieg sie ihm allerdings. Vielleicht hatte er gehofft, sie werde ihm ihre Abfindung anbieten. Doch sie hatte andere Pläne mit dem Geld. Sie wollte Nick ein neues Flugzeug kaufen und den Bensons ein bisschen unter die Arme greifen, damit sie sich Vieh kaufen und sich die Bank vom Halse halten konnten, bis wieder bessere Zeiten kamen. Wenn Henry so dumm war, sein ganzes Vermögen zu verlieren, hatte er eben Pech gehabt.
Jacqueline gab ihm so viel, dass er nach Melbourne zurückfahren konnte. Er solle doch seinen Bruder um einen Job bitten, schlug sie vor. Seinen Gesichtsausdruck würde sie niemals vergessen. Henry war verdammt tief gesunken. Das Leben hatte ihm eine bittere Lektion erteilt, aber vielleicht half ihm das, ein besserer Mensch zu werden.
»Ich weiß, was es heißt, plötzlich mit nichts in Händen dazustehen«, hatte sie ohne jede Bosheit zu ihm gesagt. »Das ist hart, aber es formt den Charakter.«
»Gut gemacht, Jackie«, sagte Ben anerkennend. Er war ja so froh, dass Henry genau das bekommen hatte, was er verdiente.
»Ich weiß genau, was Nick denkt.« Jacqueline rang nervös die Hände. Sie war halb krank vor Sorge. »Er wird denken, dass sich die Geschichte wiederholt.«
»Wir finden ihn, und dann kannst du ihm alles erklären«, beruhigte Ben sie. »Hör auf, dir Sorgen zu machen. Das ist nicht gut für das Baby.« Er war sehr fürsorglich geworden, seit er von ihrer Schwangerschaft wusste. Und er war fest entschlossen, Nick den Kopf zurechtzurücken, wenn es sein musste.
Jacqueline seufzte erleichtert auf, als sie den Ute vor dem Hotel stehen sah. Ihr Magen schlug Purzelbäume. Wäre sie nicht schwanger gewesen, hätte sie ein großes Glas Wodka heruntergestürzt, bevor sie Nick gegenübertrat.
Als Ben aussteigen wollte, hielt sie ihn zurück. »Gib mir zehn Minuten«, bat sie. »In der Zeit sollte ich ihm eigentlich alles erklärt haben.«
»Gut. Aber was auch passieren mag, versprich mir, dass du ganz ruhig bleibst.«
Jacqueline verdrehte die Augen. »Soll das jetzt noch gut sieben Monate lang so weitergehen?«
Ben dachte kurz nach. »Ich fürchte, ja.«
Sie lächelte und drückte seine Hand. »Irgendwie finde ich es nett von dir, dass du dich so um mich sorgst.«
Nick saß an der Theke. Außer ihm waren nur zwei weitere Gäste, zwei alte Männer aus der Stadt, in der Bar. Rick stand hinter dem Schanktisch. Nick leerte sein Glas und bestellte gerade noch ein Bier, als Jacqueline hereinkam.
Sie tippte ihm auf die Schulter. Als er sich umdrehte und sie sah, wich alle Farbe aus seinem Gesicht. Er war sicher, dass sie gekommen war, um ihm zu sagen, sie reise mit ihrem Mann ab. Das würde er nicht verkraften. Er drehte sich wieder der Theke zu.
»Kann ich dich unter vier Augen sprechen, Nick?«
»Wozu? Hab ein schönes Leben, Jackie«, knurrte er, ohne sie anzusehen.
Rick guckte ihn verblüfft an. Er kann froh sein, dass Sally nicht da ist, dachte er. Sie hätte ihm mit Sicherheit eins übergebraten für seine Grobheit.
Nick trank sein Glas halb aus und wischte sich mit dem Handrücken den Schaum vom Mund. Er konnte sich nur mit Mühe beherrschen, Jacqueline sah es ihm an.
»Nick, ich will, dass du mir zuhörst«, sagte sie streng.
Er drehte sich ganz zu ihr herum und sah sie an. »Dein Mann war da, ich hab euch gesehen.«
»Exmann«, verbesserte sie. »Wir sind geschieden.«
»Er will dich zurückhaben, oder?«
»Ja«, gestand sie. Henry hatte sie um eine zweite Chance angefleht, doch ihm war schnell klar geworden, dass er bestenfalls ein paar Pfund bekommen würde.
Nick war niedergeschmettert. »Ich hab keine Lust, mir anzuhören, dass du es dir schuldig bist, deiner Ehe noch eine Chance zu geben.«
»Gut, das wollte ich nämlich auch nicht sagen.«
»Dann hättest du es mir eben ein bisschen anders gesagt. Aber wie auch immer, es ist mir völlig egal, und ich will es nicht hören. Und jetzt entschuldige mich bitte, ich muss mich nämlich volllaufen lassen.«
Die Hände in die Seiten gestemmt, starrte Jacqueline grimmig sein Profil an. »Na schön, wie du willst. Aber ich finde das reichlich verantwortungslos von einem werdenden Vater.«
Rick schaute verdutzt auf, und auch die anderen beiden Gäste wandten sich Jacqueline und Nick zu.
Nick drehte sich ganz langsam zu ihr um.
»Na endlich hörst du mir zu!«
»Hast du gerade ›werdender Vater‹ gesagt?«, flüsterte er kaum hörbar. Hatte sie den Aborigines nicht erzählt, ihr Mann habe sich von ihr getrennt, weil sie keine Kinder bekommen könne?
»Ja, du hast richtig gehört. Wir bekommen ein Kind! Ich bin wahnsinnig glücklich, und ich hoffe, du freust dich auch, sobald du deinen Schock überwunden hast.«
Nick stand langsam auf. »Wir bekommen ein Kind«, wiederholte er ganz benommen. »Wir beide? Du und ich?«
»Ja!«, jauchzte sie. »Rachel hat mir vor ihrer Abreise bestätigt, dass der Schwangerschaftstest positiv ist!«
»Gratuliere, Nick!« Rick beugte sich über die Theke und klopfte ihm auf die Schulter.
Sally kam in die Bar. »Was ist denn los?«
Rick strahlte. »Nick und Jacqueline bekommen ein Baby!«
»Was?« Sally lachte fröhlich. »Darauf müssen wir anstoßen! Ich geb einen aus!«
Nick führte Jacqueline an der Hand ein paar Schritte weg von der Theke. »Und du freust dich wirklich darüber?«, fragte er.
»Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich mich darüber freue! Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals Mutter sein würde. Aber das ist eine andere Geschichte, ich werde sie dir später erzählen. Und du? Freust du dich denn? Sag mir bitte die Wahrheit.«
»Liebst du mich so sehr, wie ich dich liebe?«, fragte er, statt ihr eine Antwort auf ihre Frage zu geben.
Jacquelines Augen leuchteten auf. »Mehr«, antwortete sie.
»Das bezweifle ich.« Nick nahm sie in seine Arme und küsste sie leidenschaftlich.
Ben sah durch das Fenster in den Schankraum. Er lächelte zufrieden, als er das eng umschlungene Paar erblickte. Jetzt konnte er endlich entspannen. Er würde sich erst einmal ein ordentliches Bier genehmigen.
In diesem Moment fuhr das Postauto vor. Es bremste so abrupt, dass die Reifen quietschten und eine ordentliche Staubwolke aufgewirbelt wurde. Ben wartete, weil er dem Postboten den Weg ins Lokal abnehmen wollte, doch der Wagen fuhr weiter.
»Was zum Teufel …« Sich verdutzt am Hinterkopf kratzend, guckte er dem Auto nach, das die Straße hinunterfuhr, ohne noch einmal anzuhalten. Langsam legte sich der Staub wieder.
Und dort, wo gerade eben das Postauto gehalten hatte, stand Vera.
Ben klappte die Kinnlade herunter. Spielte ihm sein Verstand einen Streich? Sah er jetzt schon Gespenster? »Vera«, murmelte er ungläubig.
»Hallo, Ben.« Sie hatte ihn vor dem Lokal stehen sehen und den Postboten, der sie freundlicherweise von Port Augusta mitgenommen hatte, gebeten zu halten.
»Was machst du denn hier?«, stammelte Ben. Er war so verdutzt, dass ihm das Denken schwerfiel.
Vera, ihren Koffer in der Hand, ging langsam auf ihn zu. Ob er sich überhaupt freute, sie zu sehen? Plötzlich war sie unsicher. »Ich habe tagelang mit mir gekämpft, aber ich konnte einfach nicht in den Zug nach Adelaide steigen. Ich konnte einfach nicht.« Sie sah ihn prüfend an. »Gilt dein Angebot noch?«
»Welches Angebot?«, fragte Ben, der seinen Augen immer noch nicht ganz traute.
»Dass ich zurückkommen darf.«
Ben schluckte und räusperte sich. »Jederzeit«, erwiderte er mit belegter Stimme. »Aber was hat dich bewogen, deine Meinung zu ändern?«
Vera stellte ihren Koffer ab. »Ich dachte schon einmal, ich sei verliebt, aber ich weiß jetzt, dass das ein Irrtum war. Du hast mir gefehlt, es war eine Qual, von dir getrennt zu sein.«
Ben wusste genau, wovon sie sprach. Seine Augen wurden feucht.
»Hierherzukommen war die richtige Entscheidung. Bei der Trauung mit Mike sagte ich, ich hätte meinen Platz im Leben gefunden. Und so ist es auch. Ich stand nur neben dem falschen Mann. Ich habe viel nachgedacht in den letzten Tagen, Ben. Ich weiß jetzt, dass du der Richtige für mich bist. Ich will den Rest meines Lebens mit dir verbringen. Falls du mich noch haben willst.«
Ben konnte sein Glück kaum fassen. Er war mit der wundervollsten Frau der Welt verheiratet gewesen, er hätte sich nicht träumen lassen, dass ihm so viel Glück ein zweites Mal beschieden wäre. »Gib mir eine kleine Bedenkzeit, okay?«
Vera sah ihn einen Sekundenbruchteil lang bestürzt an, ehe ihr klar wurde, dass er sie nur auf den Arm nehmen wollte. Schon grinste Ben, riss sie an sich und küsste sie stürmisch.
»Ich liebe dich, Vera. Mit dir an meiner Seite werde ich der glücklichste Mann auf der Welt sein.« Er küsste sie abermals. »Und jetzt komm, lass uns hineingehen, das muss gefeiert werden. Zwei anstehende Hochzeiten und ein Baby! Wenn das kein Grund zum Anstoßen ist!«
»Was?« Vera guckte Ben erstaunt an. »Wer ist denn schwanger?«
Ben lachte nur und schob sie in das Lokal. Als Vera Jacqueline und Nick Arm in Arm erblickte, strahlte sie.
»Vera!« Jacqueline eilte der Freundin entgegen und umarmte sie. »Wie schön, dass du wieder da bist.« Sie freute sich riesig, vor allem für Ben.
»Was ist denn los, sag mal?«, wunderte sich Vera. »Ich war doch bloß ein paar Tage weg.«
»Tja, bei uns auf dem Land wird es eben nie langweilig, da ist immer was geboten«, bemerkte Sally. »Also, was darf’s denn sein?«