Jacqueline und Vera waren in kürzester Zeit ein eingespieltes Team. Da die Hausarbeit im Nu erledigt war, konnten sie sich dem Gemüsegarten widmen, den sie ebenfalls schnell wieder auf Vordermann brachten. Als sie ihn vom Unkraut befreit, die Beete umgegraben und Samen gesammelt hatten, die sie trocknen und im nächsten Frühjahr aussäen würden, schlug Vera vor, den Vorgarten in Angriff zu nehmen.
Sie musste sich ständig beschäftigen, weil sie sofort an Ben dachte, sobald sie auch nur ein paar Minuten zur Ruhe kam. Sie war hin- und hergerissen. Auf der einen Seite erschien es ihr nicht richtig, so kurz nach dem Ende ihrer Ehe mit Mike eine neue Beziehung in Betracht zu ziehen. Auf der anderen Seite mochte sie Ben sehr gern und fühlte sich unglaublich wohl in seiner Gesellschaft. Sie hätte gern mit Jacqueline darüber gesprochen, aber sie zögerte. Was würde ihre Freundin wohl von ihr denken?
»Ich glaube, wir könnten Hilfe gebrauchen«, bemerkte Jacqueline, als sie mit Vera auf der vorderen Veranda stand und auf das verwahrloste Stück Land hinunterblickte, auf dem nach den heftigen Niederschlägen das Unkraut nur so wucherte.
»Du hast Recht«, pflichtete Vera ihr bei. »Aber unsere Männer können wir nicht fragen, die haben schon genug um die Ohren.« In ein paar Tagen sollte die Willkommensparty steigen, und Anfang der folgenden Woche würden die Schafscherer eintreffen. Bens Söhne hatten den ganzen Vormittag damit zugebracht, Werkzeuge und Geräte zu überprüfen, zu reinigen und zu schmieren. Die Brunnenpumpe war an diesem Morgen ausgefallen, sodass Nick mit der Reparatur beschäftigt war. Ben zimmerte Scherbänke für die Schafe, die geschoren werden sollten.
Die beiden Frauen auf der Veranda diskutierten gerade darüber, ob sie die abgestorbene Bougainvillea zurückschneiden oder herausreißen sollten, als Ben nach Hause kam. Er wartete immer noch auf Veras Antwort, wertete es aber als gutes Zeichen, dass sie sich bisher wenigstens nicht entschieden hatte, von Wilpena fortzugehen. Nick benahm sich Jacqueline gegenüber noch distanzierter als zuvor, und sie hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb.
»Hallo, die Damen!«, rief Ben fröhlich. »Was macht ihr denn hier draußen?«
»Wir haben gerade überlegt, ob wir den Garten wieder auf Vordermann bringen sollen, aber das ist eine Menge Arbeit, und wir fragen uns, wie wir zwei das ganz allein schaffen können«, erwiderte Jacqueline.
Ben grinste spitzbübisch wie ein Schuljunge. »In diesem Fall habe ich gute Neuigkeiten für euch.«
Jacqueline fragte sich, ob sie es sich nur einbildete oder ob Ben tatsächlich zu strahlen anfing in Veras Gegenwart. Vera wiederum wirkte in seiner Nähe ungewöhnlich scheu.
»Was für Neuigkeiten denn?«, fragte Vera.
Bens Anblick löste kein heftiges Herzklopfen in ihr aus, sondern rief eine wohlige Wärme hervor, so als wäre er immer schon Teil ihres Lebens gewesen, wie ein bequemer alter Schuh, von dem man sich nicht trennen mag. War das nun gut oder schlecht? Sie wusste es nicht.
Ben wurde ernst. »Unsere Nachbarn, die Bensons, stecken in ziemlichen Schwierigkeiten. Sie mussten wegen der Dürre fast ihren gesamten Viehbestand verkaufen und können ihre beiden Arbeiter nicht mehr bezahlen. Das ist das Schlimmste für sie. Teddy und Des sind schon so lange bei ihnen und sehr zuverlässig. Da habe ich ihnen angeboten, sie wenigstens ein paar Tage auf Wilpena zu beschäftigen.«
»Das ist wunderbar, Ben. Aber hast du nicht gesagt, dass es für dich auch keine leichten Zeiten sind? Ich meine, kannst du die denn bezahlen?«, fragte Jacqueline.
»Nun, wenn ich deinen Lohn kürze, dann reicht es schon«, erwiderte Ben mit todernster Miene.
»Das kann nicht dein Ernst sein!«, versetzte Jacqueline in gespielter Empörung. »Wenn ich noch weniger kriege als bisher, muss ich ja praktisch dafür bezahlen, dass ich hier arbeiten darf!«
Ben lachte. »Ich habe meine Herden ja noch, und die Schafscherer kommen nächste Woche – der Verkauf der Wolle wird einiges einbringen.«
»Wo willst du diese beiden Arbeiter denn einsetzen, Ben?«, warf Vera ein. »Beim Zimmern der Scherbänke?«
»Nun, ich dachte, sie könnten euch helfen, den Ziergarten anzulegen. Es wird höchste Zeit, dass er wieder zum Leben erweckt wird.« Ein trauriger Ausdruck huschte über sein Gesicht.
»O Ben, das wäre wundervoll!«, rief Jacqueline entzückt aus. »Dann könnten sie uns die schwere Arbeit abnehmen.«
»Genau. Ein paar Tage Arbeit haben oder nicht macht für sie und ihre Familien einen großen Unterschied.«
Vera lächelte gerührt. Diese Fürsorglichkeit und Hilfsbereitschaft war typisch für Ben.
»Überlegt euch, was ihr gemacht haben wollt, ich überlasse es euch«, fuhr er fort. »Sie werden gleich morgen Früh anfangen.«
»Hast du gehört, Vera? Wir können einen Garten anlegen!« Jacqueline klatschte vor Begeisterung in die Hände, während sie im Geist schon in einem Traum von Farben und üppigem Grün schwelgte.
»Sagt mir, was für Pflanzen ihr haben wollt, dann werde ich nach Hawker fahren und sie bestellen. Sie kommen aus einer Gärtnerei in Port Augusta, es wird also nicht allzu lange dauern, bis sie da sind.«
»Oh, danke, Ben!« Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft auf der Farm hatte Jacqueline etwas, auf das sie sich wirklich freuen konnte.
Ben nickte lächelnd, hatte aber nur Augen für Vera.
»Ja, danke, Ben«, sagte diese und erwiderte sein Lächeln.
»Nichts zu danken. Ihr beide habt mir und meinen Jungs so viel gegeben, dass es mir ein Vergnügen ist, mich zu revanchieren.« Bens Blick wanderte von Vera zu Jacqueline.
»Ich glaube eher, du willst uns nur davon abhalten, über die Stränge zu schlagen, hab ich Recht?«, neckte Jacqueline ihn.
Ben grinste. »Ja, das auch. Ich kann Vera in Zukunft nicht andauernd vom Wagen heben und ins Bett tragen. Das macht mein Rücken auf die Dauer nicht mit.«
Vera wurde rot. »Ach, hör schon auf!«
Er lachte laut. »Ich werd mich dann mal wieder an die Arbeit machen. Ich wollte euch nur kurz Bescheid sagen, damit ihr euch überlegen könnt, wo Teddy Binningup und Des Kirrawee anfangen sollen.«
Jacqueliness Lächeln gefror. »Binningup und Kirrawee? Was für Namen sind das denn? Doch nicht etwa Aborigine-Namen, oder?«
»Doch, warum fragst du? Sie sind überwiegend weiß, aber ihre Mütter oder Väter stammen zumindest zu einem Teil von den Ureinwohnern ab.«
»Ben, wie konntest du ihnen anbieten, hier zu arbeiten?«, fragte Jacqueline fassungslos.
Ben zog die Stirn in Falten. »Ich verstehe nicht ganz.«
»Was, wenn sie herausfinden, dass ich es war, die den heiligen Kreis zerstört hat? Womöglich wissen sie es bereits.« Jacqueline rang ängstlich die Hände.
»Keine Sorge«, erwiderte Ben lächelnd. »Teddy und Des haben mit dem hiesigen Klan nicht mehr zu tun als du oder ich. Teddy stammt aus der Gegend von Yarrawonga am Murray, drüben in Victoria, unweit von Aubury, und Des kommt ursprünglich aus Mulwala, das liegt Aubury gegenüber auf der anderen Seite des Flusses in New South Wales. Wie gesagt, beide sind mehr weiß als schwarz. Sie sind zwar entfernt mit dem Minjambutta- und dem Panderang-Klan verwandt, aber was hier passiert ist, interessiert sie nicht, glaub mir.«
Jacqueline nickte erleichtert. »Gut, wenn du das sagst.«
Ben hob grüßend die Hand und stapfte dann in Richtung Koppel davon.
»Ben ist wirklich ein feiner Mensch, findest du nicht auch?«, sagte Vera zu Jacqueline, als sie kurz darauf ins Haus gingen. Sie dachte das viele Male am Tag. Sie bewunderte Ben und schätzte seine Freundschaft.
»Du hast ihn sehr gern, nicht wahr?«, fragte Jacqueline, als sie sich an den Küchentisch setzten, um die Gestaltung ihres neuen Gartens zu planen.
»Ja, sicher«, erwiderte Vera leichthin, vermied es aber, ihre Freundin anzusehen.
»Ich meine, nicht nur als Freund.«
Vera blickte auf. »Ich bin mir nicht sicher, Jackie. Ben möchte, dass ich eine Weile bleibe, damit wir herausfinden können, ob mehr aus unserer Freundschaft werden kann. Aber ich weiß es einfach nicht.«
»Gefühle kann man nicht erzwingen, Vera. Wenn du nichts für ihn empfindest, solltest du es ihm sagen.«
»Das ist es ja gerade! Ich weiß nicht, was ich für Ben empfinde, weil ich noch für keinen Mann so empfunden habe. Ich respektiere ihn und fühle mich wohl in seiner Nähe. Er ist ein ganz wundervoller Mensch. Ich würde lieber sterben, als ihm wehzutun. Ich denke, ich könnte ihn lieben, aber ich habe kein Vertrauen mehr in mein Urteil. Deshalb ist es wahrscheinlich besser, wenn ich auf Distanz gehe.«
»Dann sag es ihm. Lass ihn nicht in dem Glauben, es könnte eine Zukunft für euch beide geben. Das wäre grausam. Er ist einsam, und ich bin sicher, er hätte gern wieder eine Ehefrau im Haus. Du siehst doch, wie glücklich es ihn macht, in ein ordentliches, gemütliches Zuhause zu kommen, sich an den Tisch setzen und eine richtige Mahlzeit essen zu können.«
Jacqueline hatte Recht, das wurde Vera jetzt klar. »Glaubst du, das ist der Grund, weshalb er sich wünscht, dass ich bleibe? Um die Leere zu füllen, die der Tod seiner Frau hinterlassen hat?«
»Nein, das glaube ich nicht.« Jacqueline schüttelte den Kopf. »Er mag dich wirklich. Ich finde nur, es wäre nicht richtig, ihm nach allem, was er durchgemacht hat, noch mehr Kummer zu bereiten.«
»Ja, das sehe ich auch so. Deshalb habe ich ihn um Bedenkzeit gebeten. Ich will ihm auf gar keinen Fall wehtun. Ich habe Mike schon wehgetan. Vielleicht sollte ich abreisen.«
»Nein, bitte nicht, Vera«, erwiderte Jacqueline panisch. »Ich weiß, das ist egoistisch von mir, aber geh nicht weg! Was soll ich denn ohne dich machen?«
Vera verzog kläglich das Gesicht. »Ist schon gut. Ich weiß doch auch gar nicht, wo ich hin soll. Am besten, ich sage Ben, dass wir nur Freunde sein können. Damit er sich keine falschen Hoffnungen macht.«
»Von mir darfst du keinen Rat erwarten, Vera«, murmelte Jacqueline bedrückt. »Ich bin die Letzte, die dir sagen darf, was du zu tun hast und was nicht.«
Vera begriff sofort, dass das eine Anspielung auf Nick war. Sie hatte das Knistern, die sexuelle Anziehung zwischen den beiden gespürt, aber nichts gesagt, weil sie Jacqueline für eine richtige Lady hielt.
Jacqueline zögerte. Sie hätte Vera gern ihr Herz ausgeschüttet, nur wollte sie nicht, dass ihre Freundin schlecht von ihr dachte. Aber vielleicht wusste Vera eine Erklärung, warum Nick ihr aus dem Weg ging.
»Was ist los, Jackie?«, forschte Vera, die ihren Gewissenskonflikt spürte.
»Ich habe eine Riesendummheit gemacht, Vera«, brach es aus Jacqueline hervor. »Gleich am Anfang, als ich hierherkam. Ich habe weder dir noch Tess etwas davon gesagt, weil ich fürchtete, ihr würdet mich für ein … ein Flittchen halten.« Ihre Stimme wurde brüchig. »So etwas habe ich noch nie gemacht, weißt du, und ich schäme mich wirklich dafür.« Ihre Wangen brannten vor Verlegenheit. Sie konnte Vera ansehen, dass sie allmählich begriff, wovon sie redete. »Das ist keine Entschuldigung«, fuhr sie hastig fort, »aber ich hatte viel zu viel getrunken, und mein Selbstbewusstsein war am Boden zerstört, und er war so ein wunderbarer Mann, und …«
»Willst du damit sagen, du hast mit Nick geschlafen?«, fragte Vera. Sie war sich sicher, dass Jacqueline es abstreiten würde.
Doch diese nickte zerknirscht und flüsterte: »Ja.« Ein schelmisches Lächeln spielte um Veras Mundwinkel. Jacqueline, die das falsch deutete, fügte hinzu: »Ich weiß, dass es nicht richtig war. Ich bereue es jeden Tag.«
»Aber warum denn? Warum sollte es dir leidtun? Wir leben in den Sechzigern, die Zeiten ändern sich. Es hat sich bestimmt richtig angefühlt, sonst hättest du es nicht getan, oder?«
»Ja, das stimmt. Es war wundervoll«, erwiderte Jacqueline seufzend. Das hatte sie bisher nicht einmal sich selbst eingestanden. »Nick ist ein faszinierender Mann. Er ist so … ich weiß auch nicht, so aufregend und männlich, genau das Gegenteil von Henry. Das ist das erste Mal, dass ich einem Mann einfach nicht widerstehen konnte. Ich muss unentwegt an unsere gemeinsame Nacht denken. Aber am nächsten Tag habe ich ihm gesagt, es sei ein Fehler gewesen, und wir sollten besser so tun, als wäre es nie passiert.«
»Das wird ihn ganz schön in seiner männlichen Eitelkeit gekränkt haben«, bemerkte Vera.
»Meinst du?«
»Aber sicher. Welcher Mann gibt schon gern den leidenschaftlichen Liebhaber, nur um sich dann anzuhören, er solle vergessen, dass es überhaupt passiert ist?«
»Oh.« Jacqueline kam sich furchtbar einfältig und unerfahren vor. »Vielleicht benimmt er sich deshalb so merkwürdig.«
Bisher hatte sie ihre gemeinsame Nacht nur von ihrer Warte aus betrachtet. Aber jetzt, wo sie darüber nachdachte, erinnerte sie sich, dass Nick am anderen Morgen ganz entspannt und locker gewesen war. Während er sogar darüber reden wollte, hatte sie in ihrer grenzenlosen Verlegenheit jedes Gespräch im Keim erstickt.
Jaqueline wünschte plötzlich inständig, sie hätte anders reagiert.
Teddy und Des kamen am folgenden Tag in aller Frühe auf die Farm hinaus. Sie waren älter, als die Frauen erwartet hatten – Mitte bis Ende sechzig schätzten sie, aber sehr rüstig für ihr Alter. Beide waren freundlich und nett und immer zu einem Scherz aufgelegt. Man sah ihnen kaum an, dass sie von Ureinwohnern abstammten. Ihre Haut war braun gebrannt und von Wind und Wetter gegerbt. Teddy hatte weißes Haar, Des überwiegend graues. Sie hatten große, ausdrucksstarke Augen und sprachen eine Art verkürztes Englisch, was aber wohl eher an ihrer mangelnden Schulbildung lag und weniger an ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Wie Ben vorausgesagt hatte, arbeiteten sie unermüdlich. Es war fast unmöglich, sie zu einer Pause, einer Tasse Tee und einem kleinen Imbiss zu überreden.
Vera und Jaqueline hatten sich überlegt, wo sie Blumenbeete anlegen, wo sie Sträucher pflanzen und wo Rasen ansäen wollten, und sogar eine Skizze angefertigt. Während Teddy und Des das Unkraut jäteten und den Boden umgruben, schnitten die Frauen die vertrocknete Bougainvillea zurück. Dabei entdeckten sie zu ihrer Überraschung einen kleinen grünen Trieb und schöpften neue Hoffnung, dass die Pflanze sich nach dem Regen erholen und wieder austreiben würde.
Jacqueline stellte den beiden Männern Fragen über den Murray und die Städte, in denen sie gelebt hatten. Sie hatten ihre eigenen Ansichten über den Fluss.
Jacqueline hörte ihnen fasziniert zu. »Am liebsten würde ich hinfahren und mir den Murray und Aubury und Mulwala ansehen«, sagte sie sehnsüchtig.
»Das sollten Sie auch tun, Missus«, meinte Teddy. »Fahren Sie mit einem der Schaufelraddampfer, das wird Ihnen bestimmt gefallen.«
»An einem Wintermorgen ist der Fluss am schönsten, Missus«, fügte Des hinzu. »Sie können viele Vögel beobachten. Man muss einmal gesehen haben, wie die Eisvögel in den Nebelschwaden dicht über dem Wasser fliegen und auf die Jagd gehen. Das ist ein wunderschöner Anblick, Missus. Und ein über dem Lagerfeuer gebratener Kabeljau aus dem Murray ist eine Delikatesse! Man kann verdammt große Burschen aus dem Wasser ziehen.«
Vera lächelte. »Klingt wirklich verlockend, nicht wahr, Jackie?« Als diese nicht antwortete, folgte Vera ihrem Blick Richtung Stall. »Was hast du denn?«
Jacqueline blickte beunruhigt drein. »Mir war, als hätte ich Dot dort drüben zwischen den Bäumen gesehen«, murmelte sie. »Ob sie uns wohl beobachtet? Ich wüsste nicht, was sie sonst dort zu suchen hätte.« Sie schaute noch eine Weile hinüber, zuckte dann die Achseln. »Vielleicht hab ich mich getäuscht, und es war nur ein Schatten.« Wolken zogen sich seit ein paar Stunden am Himmel zusammen, es herrschte ein diffuses Dämmerlicht.
Ob es wieder ein Unwetter gab?
Nachdem Vera den Männern einen Mittagsimbiss zubereitet hatte, ging Jacqueline am späten Nachmittag hinein, um Tee aufzubrühen. Als sie an der Spüle stand und den Teekessel mit Wasser füllte, sah sie durchs Fenster Yuri drüben bei der Waschküche.
Dann muss das vorhin doch Dot gewesen sein, dachte sie. Sie behielt den Jungen einen Moment im Auge, konnte seine Mutter aber nirgends sehen. Schließlich trat sie auf die hintere Veranda hinaus. Es hatte wieder leicht zu regnen angefangen.
»Yuri! Wo ist denn deine Mutter?«, rief Jacqueline dem Jungen zu.
Der Kleine blickte ganz verstört drein, so als hätte er sich verlaufen, aber das war ja wohl nicht möglich. Jacqueline ging die Veranda hinunter und winkte ihn zu sich.
»Komm doch ins Trockene, Yuri, du wirst ja ganz nass!«
Der Junge guckte sie erschrocken an und lief weg. Jacqueline seufzte und ließ hilflos die Arme sinken. Anscheinend hatte er immer noch Angst vor ihr. Sie hoffte, dass Dot in der Nähe war. Sie selbst wollte dem Jungen nicht nachlaufen, um ihn nicht noch mehr zu erschrecken.
Als sie Vera davon erzählte, beruhigte diese sie: »Du hast doch vorhin gemeint, du habest Dot gesehen, also wird sie sicher nicht weit weg sein.«
»Ja, wahrscheinlich hast du Recht«, erwiderte Jacqueline. Sie machte sich wieder an die Arbeit und dachte nicht mehr an den Vorfall.
Kurze Zeit später begann es heftiger zu regnen, und Teddy und Des stellten sich auf der Veranda unter.
»Bei dem Wetter könnt ihr doch nicht weitermachen«, meinte Jacqueline.
»Nein, Missus, aber wir kommen morgen Früh wieder, wenn’s bis dahin aufgehört hat«, sagte Des. Die beiden Männer erzählten den Frauen, dass sie ungefähr zehn Meilen weit weg wohnten, in Richtung Hawker.
»Wir haben dort ein paar Hütten auf einer Farm gemietet«, hatte Teddy erzählt.
»Habt ihr Frau und Kinder?«, fragte Vera.
»Ja, Missus. Sogar eine ganze Menge Kinder, aber die sind schon groß und leben nicht mehr bei uns«, antwortete Des lachend. »Jetzt sind bloß noch die Frauen und wir da. Mr. Dulton ist ein guter Mensch, er hat uns Arbeit gegeben. Dafür sind wir ihm dankbar, auch wenn wir nicht viel brauchen.«
Als der Regen nicht nachließ, versprachen die zwei noch einmal, am nächsten Tag wiederzukommen. Dann kletterten sie in ihren verrosteten alten Geländewagen und rumpelten davon.
Des und Teddy waren noch nicht lange fort, als Dot völlig aufgelöst an der Hintertür erschien. Ben, Nick und die Jungen waren schon zu Hause – bei dem anhaltenden Regen konnten sie nicht weiterarbeiten. Sie hatten sich gerade umgezogen, als sie Dot kreischen hörten:
»Yuri! Wo ist mein Junge?«
Ben ging und öffnete. Dot war nass bis auf die Haut. »Was ist denn los? Was schreist du denn so?«
Yuri war schon öfter verschwunden, und Dot neigte dazu, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen, deshalb nahmen die Männer sie nicht mehr allzu ernst.
»Yuri ist verschwunden!«
»Er ist bestimmt nicht weit weg, Dot«, erwiderte Ben ruhig. »Es ist doch nicht das erste Mal, dass er ausgerissen ist.«
Jacqueline kam an die Tür. »Ich habe den Jungen vor gut einer Stunde bei der Waschküche gesehen, Ben.«
»Da hörst du’s, Dot. Er steckt bestimmt hier irgendwo. Oder er ist inzwischen zu eurem Lager zurückgekehrt.«
»Nein, ist er nicht! Yuri ist nicht im Lager.« Dot war außer sich.
Ben wandte sich Jacqueline zu. »Hast du gesehen, in welche Richtung er gegangen ist?«
»Ich habe ihn gefragt, wo seine Mutter sei, als ich sie nirgends sehen konnte. Aber er hat immer noch ein bisschen Angst vor mir, deshalb ist er weggelaufen, zu den Ställen hinüber.«
Dots Gesicht nahm einen wilden Ausdruck an, eine Mischung aus Angst und Wut. »Du lügst!«, fuhr sie Jacqueline an. »Was hast du mit meinem Yuri gemacht? Deine Mama hat das Kind eines Schwarzen getötet! Und du hast meinen Jungen getötet!«
Sowohl Ben als auch Jacqueline verschlug es angesichts dieser ungeheuerlichen Anschuldigung die Sprache.
Alle Farbe wich aus Jacquelines Gesicht. Sie starrte die Aborigine aus weit aufgerissenen Augen an und stammelte: »Woher … woher weißt du das?«
Ben sah Jacqueline völlig verwirrt an. »Wovon zum Teufel redet sie?«
»Du hast meinen Yuri getötet! Ich fühle es! Wo ist mein Kind? Wo ist Yuri?«
Dot stürzte sich mit einem Aufschrei auf Jacqueline. Es gab ein kurzes Handgemenge, aber bevor Ben eingreifen konnte, gelang es ihr, sich loszureißen. Völlig aufgelöst rannte sie ins Haus.
»Was hat das zu bedeuten, Jackie?«
Nick hämmerte an ihre Tür, aber sie wollte ihn nicht sehen. Sie war völlig durcheinander. Tränen liefen ihr übers Gesicht. Vera schob Nick beiseite, schlüpfte ins Zimmer und schloss die Tür hinter sich.
»Jackie, beruhige dich doch«, sagte Vera sanft.
»Sie weiß es, Vera! Sie weiß es«, flüsterte sie mit tränenerstickter Stimme. »Wie kann sie das wissen?«
»Was, Jackie? Was weiß Dot?« Sie hatte die Aborigine durchs Küchenfenster gesehen. Dot hatte sich noch nicht beruhigt. Sie kreischte immer noch völlig hysterisch draußen herum.
»Dot sagte, meine Mutter habe das Kind eines Schwarzen getötet. Sie weiß, dass meine Mutter für Valmae Browns Tod verantwortlich gemacht wurde. Woher kann sie das wissen?«, murmelte Jacqueline fassungslos. Sie fragte sich allen Ernstes, ob Dot irgendwelche übernatürlichen Kräfte besaß.
Vera dachte kurz nach und fand sogleich eine ganz logische Erklärung. »Sie muss uns belauscht haben, ohne dass wir etwas davon mitbekommen haben.«
Jacqueline guckte sie verblüfft an.
»Als du aus deinem Tagebuch vorgelesen hast«, fuhr Vera fort. »Sie muss im Haus gewesen sein und an der Tür gelauscht haben. Weißt du noch, dass ein Marmeladentopf auf der Arbeitsfläche in der Küche stand und keine von uns beiden wusste, wie er dahingekommen war? Das muss Dot gewesen sein.«
Jacqueline nickte langsam. Jetzt kam sie sich ein bisschen dumm vor. »Ja, so muss es gewesen sein. Sie hat gehört, was mit Valmae Brown passiert ist, und jetzt meint sie, ich hätte Yuri etwas angetan.«
»Anscheinend hat sie den wichtigsten Teil unserer Unterhaltung nicht mit angehört«, bemerkte Vera entnervt.
Es klopfte. Vera öffnete. Ben stand vor der Tür.
»Dot sagt, dass die Männer auf walkabout sind, auf ihrer rituellen Wanderung. Deshalb haben wir ihr angeboten, nach Yuri zu suchen. Er kann nicht weit weg sein.« Ben musterte Jacqueline mit einem seltsamen Blick, so als sähe er eine völlig Fremde vor sich. Sie fühlte sich ganz elend, aber jetzt war keine Zeit für Erklärungen. »Wir müssen los, es wird bald dunkel.« Er wandte sich ab.
»Kann ich irgendetwas tun?«, fragte Jacqueline verzweifelt.
»Nein«, erwiderte Ben kurz angebunden. »Du bleibst besser hier. Ich hab keine Lust, auch noch nach dir suchen zu müssen.« Er stapfte davon.
»Wolltest du etwa ernsthaft bei diesem Wetter hinaus?«, wunderte sich Vera.
»Yuri ist irgendwo da draußen, ganz allein. Ben glaubt, ich hätte etwas mit seinem Verschwinden zu tun, sonst hätte er mich helfen lassen.«
»Ach was, Unsinn!«
»Du hast doch gesehen, wie er mich angeguckt hat«, erwiderte Jacqueline aufgebracht.
»Wir werden ihm später alles erklären«, beruhigte Vera sie.
Jacqueline schaute aus dem Fenster. Es regnete in Strömen. Das Tageslicht nahm rapide ab. »Der arme Kleine muss völlig verängstigt sein.«
Vera machte eine wegwerfende Handbewegung. »Die Aborigines leben doch im Freien, oder nicht? Ein bisschen Regen wird dem Jungen bestimmt nicht schaden.«
»Der Regen vielleicht nicht, aber es wird bald dunkel. Was, wenn er sich verlaufen hat? Oder von einem dieser Wildhunde angegriffen wird, einem Dingo? Oder in einen Fluss fällt? Einem Kind, das ganz allein da draußen unterwegs ist, kann doch alles Mögliche zustoßen. Kein Wunder, dass Dot völlig aufgelöst ist.«
Vera musste ihr Recht geben. »Mach dir keine Sorgen, die Männer werden ihn schon finden, du wirst sehen.«
Jacqueline schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass mich keine Schuld trifft. Trotzdem. Ich war vermutlich die Letzte, die ihn gesehen hat, und ich habe ihn erschreckt. Deshalb ist er weggelaufen. Wenn ihm etwas zustößt, werde ich mir die gleichen Vorwürfe machen wie seinerzeit meine Mutter. Ich brauche dir ja nicht zu erzählen, wie die Geschichte ausgegangen ist«, fügte sie bedrückt hinzu.
Ben, Nick und die Jungen kehrten einige Stunden später unverrichteter Dinge zurück. Sie hatten Yuri nicht gefunden. Inzwischen war es dunkel geworden, und es regnete immer noch.
»Ich hätte ihnen bei der Suche helfen sollen«, sagte Jacqueline, nachdem die völlig erschöpften Männer ins Bett gegangen waren. Das Warten und die Sorge um das Kind hatten sie zermürbt.
»Du hättest auch nichts ausrichten können«, entgegnete Vera. Sie stand auf der Veranda und blickte in die regennasse Dunkelheit hinaus. »Zumal du das Gelände nicht so gut kennst wie die Männer. Wenn dir nun auch etwas zugestoßen wäre? In ein paar Stunden wird es hell. Dann werden sie ihn schon finden, du wirst sehen.«
Bei Tagesanbruch setzten die Männer ihre Suche fort. Sie hatten nur Tee getrunken, aber nichts gegessen, und so hatte Vera ihnen einen Stapel belegte Brote zum Mitnehmen eingepackt. Wenigstens hatte es aufgehört zu regnen.
Jacqueline hörte, wie Ben und Nick besprachen, welches Gebiet sie als Nächstes absuchen wollten. Tags zuvor hatten sie sich auf die Gegend konzentriert, in der sich die Lager der Aborigines befanden, weil sie annahmen, dass Yuri in diese Richtung gegangen sei.
»Ich hab heute Nacht kein Auge zugemacht«, meinte Vera, als die Männer aufgestiegen und weggeritten waren. »Du wahrscheinlich auch nicht.«
Jacqueline schüttelte den Kopf. »Nein, ich musste dauernd an den kleinen Jungen denken. Sei so gut und gib den Hunden etwas zu fressen, Vera. Ich füttere unterdessen die Hühner.«
»Sicher, mach ich«, erwiderte Vera.
Sie war kaum durch die Hintertür hinausgegangen, als Jacqueline durch die Vordertür schlüpfte und zu den Ställen lief, wo sie in aller Eile Dixie sattelte. Sie setzte die Stute in leichten Galopp und schlug die Richtung zur Furt hinunter ein, die aufs Neue vom Wasser überspült wurde. Statt die Furt zu durchqueren, ritt sie am Ufer entlang auf die Stelle zu, wo sie und Geoffrey den Widder gerettet hatten. Ein seltsames Gefühl trieb sie in diese Richtung. Obwohl der Fluss nicht so stark angestiegen und die Strömung weniger reißend war als bei den heftigen Niederschlägen zuvor, war das ein gefährlicher Ort für einen kleinen Jungen.
Jacqueline suchte die feuchte Erde nach Fußspuren ab. Sie entdeckte viele Abdrücke. Die Spuren von Vögeln und Emus waren am leichtesten zu erkennen, die Fährten von Kängurus, Opossums und Wombats hingegen waren für ein ungeübtes Auge schwer zu unterscheiden. Aber den Abdruck eines nackten Kinderfußes würde sie mit Sicherheit erkennen. Jacqueline achtete auch auf die Sträucher – vielleicht war Yuri an einem hängen geblieben, und sie fand einen Stofffetzen von seinem T-Shirt oder seinen Shorts.
Mit den Blicken suchte sie die Uferböschung ab. Sie hoffte inständig, dass Yuri nicht in den Fluss gefallen war. Da die Flüsse jahrelang kein Wasser geführt hatten, konnte er bestimmt nicht schwimmen.
Als Jacqueline die Stelle passierte, wo der Schafbock fast ertrunken wäre, stieg das Gelände merklich an. Bäume säumten das Ufer, hauptsächlich stattliche alte Rieseneukalyptusbäume, von deren knorrigen, gewundenen Ästen das Regenwasser tropfte. Aufgrund des Gefälles war der Boden zwar nicht so schlammig wie weiter unten, aber dennoch rutschig, und Jacqueline war froh, dass Dixie sicher auftrat. Bei dem Gedanken, der kleine Junge könnte im Dunkeln am Fluss entlanggegangen sein, schauderte sie.
Ein Stück weiter oben entdeckte sie zu ihrer Linken in der feuchten, weichen Erde, wo nach dem letzten Regen da und dort ein bisschen Gras gewachsen war, Fußspuren. Jacqueline zog die Zügel an und beugte sich hinunter, um besser sehen zu können. Sie war sich ziemlich sicher, dass es sich um einen Fußabdruck handelte, der nur von einem Kind stammen konnte. Sorgfältig schaute sie sich um, konnte aber keine Spuren von einem Erwachsenen erkennen. Ein Kind, das allein unterwegs war – das konnte nur Yuri sein. Jacqueline überlegte, ob sie umkehren und Ben und Nick holen sollte, aber sie fürchtete, kostbare Zeit zu verlieren. Sie beschloss weiterzureiten.
Nach ungefähr einer Meile erreichte sie offenes Gelände. Da sie nirgendwo mehr eine Koppel sehen konnte, nahm sie an, dass sie sich nicht mehr auf Bens Land befand. Der Fluss machte einen Knick nach rechts. Jacqueline ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen. Vereinzelte Mulga-Sträucher wuchsen auf dem lehmigen Boden; in der Ferne standen Bäume, und eine gezackte, im Morgenlicht purpur schimmernde Hügelkette erhob sich dahinter. Jacqueline nagte unschlüssig an ihrer Unterlippe. Wasserlachen hatten sich im lehmigen Boden gebildet, es war schwer, irgendwelche Spuren zu erkennen. Zu guter Letzt folgte sie ihrem Instinkt und ritt geradeaus weiter.
Plötzlich tat sich die Erde vor ihr auf. Ein tiefer Riss, hervorgerufen vielleicht durch ein Erdbeben viele hundert Jahre zuvor, zog sich durch die Landschaft.
Sie stieg ab, trat näher und schaute in den Abgrund zwischen dem verwitterten Gestein, wo vielleicht einmal Wasser geflossen war. Jetzt standen dort unten nur einige wenige Pfützen, dazwischen ein paar Mulga-Sträucher. Jacqueline fragte sich, wie weit die Spalte wohl in die Berge hineinreichen mochte. Sie dachte an Yuri und fröstelte. Ob er in der Dunkelheit irgendwo da hinuntergefallen war?
Ben hatte gesagt, sie bräuchten einen Ureinwohner als Fährtensucher, und jetzt musste sie sich eingestehen, dass er Recht hatte. Sie blickte sich hilflos um. So ohnmächtig hatte sie sich nicht einmal gefühlt, als Henry ihr erklärte, er wolle sich scheiden lassen. Obwohl sie nichts dafür konnte, dass Yuri weggelaufen war, machte Jacqueline sich Vorwürfe. Jetzt wusste sie, wie ihre Mutter sich gefühlt hatte, als man sie für Valmaes Tod verantwortlich machte.
Eine Weile stand sie ratlos da und dachte nach. Da erklang auf einmal ein leises Wimmern. Sie lauschte angespannt. Da war es wieder. Jacqueline bekam Herzklopfen. Das war kein Tier, sie war sicher, dass das Yuri war. Abermals beugte sie sich über den Rand des Abgrunds und versuchte, in dem Zwielicht dort unten etwas zu erkennen.
Wieder vernahm sie ein leises Weinen. Sie ließ Dixie zurück und ging vorsichtig zu Fuß an der brüchigen Kante der Erdspalte entlang, die sich in einer Zickzacklinie einige Meilen weit erstreckte. Die Schlucht war ungefähr drei Meter tief. Ein kleines Kind würde nicht wieder heraufklettern können, aber vielleicht könnte sie ja hinunterklettern.
Und dann auf einmal sah sie den Jungen. Er drückte sich im Sitzen an die Felswand und schluchzte. Jacqueline brach es schier das Herz, so klein und verloren sah er aus. Er war völlig durchnässt, schmutzig und zitterte vor Kälte. Ob er verletzt war, konnte sie nicht erkennen. Sie wollte nicht rufen, weil sie ihn nicht wieder erschrecken wollte. Stattdessen suchte sie eine weniger steile Stelle zum Hinunterklettern.
Jacqueline hatte ihren Abstieg kaum begonnen, als sie ins Rutschen kam, weil das brüchige Gestein sich unter ihren Händen und Füßen lockerte. Sie verlor den Halt, stürzte ab und landete unsanft auf dem Rücken. Die Luft wurde ihr bei dem harten Aufprall aus den Lungen gepresst. Einige Augenblicke blieb sie ganz still liegen und versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch. Yuri kam zu ihr gekrochen. Sie blickte auf, in sein tränennasses Gesicht. Er hatte eine Schramme auf der Wange und Knie und Ellenbogen aufgeschürft, schien aber ansonsten unverletzt. Jacqueline war unsagbar erleichtert. Sie sagte nichts, lächelte ihm nur beruhigend zu. Vorsichtig, mit schmerzverzerrtem Gesicht, richtete sie sich auf. Sie presste die Lippen fest aufeinander, um nicht laut aufzustöhnen und den Jungen zu erschrecken. Ganz langsam schälte sie sich aus ihrer Strickjacke.
»Hab keine Angst, Yuri, es ist alles in Ordnung, ich will dir nur helfen«, sagte sie leise und begütigend. »Ich werde dich zu deiner Mama zurückbringen, okay?« Aber als sie dem Kind ihre Jacke umlegen wollte, wich es ängstlich zurück.
Jacqueline bedrängte den Jungen nicht. Sie rappelte sich hoch und blickte sich suchend nach einer Stelle um, wo sie hinaufklettern könnte. Als sie es versuchte, rutschte sie sofort wieder ab, die lehmige Erde gab nach. Yuri beobachtete sie wachsam.
Jacqueline ging weiter, und Yuri folgte ihr in einiger Entfernung. Abermals versuchte sie hinaufzuklettern, aber die Wand aus Erde und Fels war zu steil und bot ihr keinen Halt. Sie hätte schreien mögen vor Wut und Enttäuschung, doch sie beherrschte sich um Yuris willen.
Großartig, dachte sie bitter. Jetzt sitzen wir beide hier unten fest. Soviel sie wusste, hatte Ben nicht vor, den Jungen in dieser Gegend zu suchen. Ob Dixie inzwischen zur Farm zurückgekehrt war? Im Moment schien das ihre einzige Chance zu sein, gefunden zu werden. Die Sonne stand jetzt so hoch am Himmel, dass sie in die Felsspalte hineinschien. Jacquline setzte sich in ihr wärmendes Licht und winkte Yuri zu sich, doch der Junge blieb, wo er war, und rieb sich weinend die Augen.
»Armer kleiner Kerl«, sagte Jacqueline leise.
Alles was er brauchte, war eine liebevolle Umarmung, ein bisschen Trost und ein paar beruhigende Worte. Wenn er ihr doch nur vertrauen würde! Sie musste Geduld mit ihm haben, doch das fiel ihr schwer. Seufzend legte sie den Kopf auf ihre angezogenen Knie und schloss die Augen. Sie hatte den Eindruck, dass sie ihm noch mehr Angst einflößte, wenn sie ihn direkt ansah. Und tatsächlich: Nach ein paar Minuten spürte sie, dass der Junge sich neben sie setzte.
Jacqueline rührte sich nicht. Eine Weile blieben sie regungslos nebeneinander sitzen. Dann hob Jacqueline vorsichtig den Arm und legte ihn um die kalten Schultern des Kindes. Yuri ließ es zu und lehnte sich an sie. Er war völlig erschöpft und verängstigt und sehnte sich nach menschlicher Wärme. Jacqueline kamen die Tränen.
»Du hast bestimmt Hunger und Durst, nicht wahr?«, flüsterte sie.
Dann fiel ihr das Stück Brot ein, das sie sich an diesem Morgen in die Hosentasche gestopft hatte. Sie rutschte ein Stück zur Seite, um es herauszukramen. Es sah inzwischen reichlich mitgenommen aus, doch das störte Yuri nicht im Geringsten. Er riss es mit beiden Händen an sich und schob es sich gierig in den Mund. Ein zaghaftes, dankbares Lächeln spielte um seine Lippen, das Jacqueline ganz glücklich machte.
»Keine Angst, Ben und Nick werden uns finden, das verspreche ich dir.«
Bald stand die Sonne so hoch am Himmel, dass die Hitze schier unerträglich wurde. Sie mussten einen schattigen Platz finden, um nicht zu viel Flüssigkeit zu verlieren. Jacqueline stand auf. Das abgekämpfte, dösende Kind in den Armen ging sie schwankend durch die Schlucht. Sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten, und Yuri war schwer.
Plötzlich fiel ein Schatten auf sie. Sie drehte sich um und blinzelte in die gleißende Sonne hinauf.
»Ben? Bist du das? Nick?«, rief sie, aber eine innere Stimme sagte ihr, dass es ein Fremder war, dessen Umrisse sich dunkel dort oben abzeichneten.
Ein dumpfer Aufprall hinter ihr ließ sie erschrocken herumfahren. Vor ihr stand ein Aborigine mit einem Speer in der Hand und einem mörderischen Gesichtsausdruck. Er riss ihr den Jungen aus den Armen, trat an die Felswand und hob ihn dann hoch über seinen Kopf. Jemand, der oben stand, nahm das Kind entgegen. Jacqueline war erleichtert, dass Yuri in Sicherheit war.
Sie fragte sich allerdings, welches Schicksal ihr bevorstand.