»Ben!«, schrie Vera, als sie draußen Stimmen hörte.
Sie lief zur Tür hinaus und durch den frisch gejäteten Garten zum Zaun, hinter dem Ben, Nick und die vier Jungen von ihren Pferden stiegen. Sie hatten einen Zeitpunkt ausgemacht, um sich zu treffen und über ihr weiteres Vorgehen zu beraten, falls sie Yuri bis dahin nicht gefunden hätten. Vera konnte ihren finsteren Mienen ansehen, dass ihre Suche erfolglos geblieben war.
»Ist was passiert?«, fragte Ben stirnrunzelnd, als er Veras panischen Ausdruck sah.
»Jacqueline ist verschwunden! Ich habe heute Morgen die Hunde gefüttert, und als ich zurückkam, war sie fort. Dixie ist auch weg.«
»Verdammt«, stieß Ben zornig hervor.
Nick stieg sofort wieder in den Sattel.
»Was tust du denn da?«, wollte Ben wissen.
»Wonach sieht es denn aus?«
»Ich dachte, wir seien uns einig gewesen, dass wir Verstärkung anfordern.«
»Tu das. Ich werde unterdessen weitersuchen, nicht nur nach Yuri, sondern vor allem auch nach Jackie.«
Ben seufzte. Er war zu müde, um sich zu streiten. »Keine Angst, wir werden sie schon finden«, sagte er beruhigend zu Vera. Er schickte sich an, ebenfalls wieder aufzusteigen.
»Du bleibst da«, befahl Nick. »Du bist völlig erledigt.«
»Du etwa nicht?«
»Ich bin jünger als du«, konterte Nick. »Also nimm wenigstens ein Mal Vernunft an!« Er sah Vera an. »Hast du eine Ahnung, in welche Richtung sie geritten ist?«
»Mir war, als hätte ich jemanden zur Straße hinunterreiten hören. Ich dachte, es sei einer von euch, aber das könnte natürlich auch Jackie gewesen sein.«
Nick schüttelte den Kopf. »Von uns war es keiner.«
»Dann ist sie bestimmt am Fluss entlanggeritten, dorthin, wo wir den Widder gefunden haben«, meinte Geoffrey.
»Das wäre denkbar«, murmelte Nick nachdenklich.
Das Gebiet am Fluss entlang war das einzige, das sie noch nicht abgesucht hatten. Da abgesehen von den Eukalyptusbäumen kaum etwas entlang des meist ausgetrockneten Wasserlaufs wuchs, war es kein guter Platz zur Nahrungssuche für die Aborigine-Frauen. Wurzeln oder Früchte gab es dort kaum. Nur die Männer gingen dort gelegentlich auf die Jagd. Das bedeutete, dass Dot nie, oder nur höchst selten, mit ihrem Jungen in der Gegend gewesen war, und deshalb war es unwahrscheinlich, dass Yuri dorthin gegangen war.
Bevor Ben etwas einwenden konnte, riss Nick sein Pferd herum und galoppierte davon.
Ben sah ihm grimmig nach. »Wir sollten unsere Nachbarn anfunken und eine breiter angelegte Suche starten.«
»Ich finde, wir sollten abwarten und Onkel Nick eine Chance geben«, erwiderte Geoffrey. »Bis auf die Flussufer haben wir alles abgesucht. Vielleicht hat er Glück.«
Ben überlegte kurz und nickte dann. »Also gut. Wir werden uns stärken und ein wenig ausruhen. Falls er in ein paar Stunden nicht zurück ist, werden wir ihm nachreiten.«
Die Anspielung auf sein Alter nahm er seinem Bruder zwar übel, aber er konnte selbst seinen Söhnen ansehen, dass sie völlig erschöpft waren. In den letzten vierundzwanzig Stunden hatten sie kaum geschlafen, und wenn er ehrlich war, konnte er sich kaum noch auf den Beinen halten.
Vera musterte ihn besorgt. »Du musst dich unbedingt ausruhen, Ben. Man sieht dir und deinen Jungs an, wie abgekämpft ihr seid.«
»Erst müssen wir Yuri finden«, erwiderte er mit matter Stimme. »Der kleine Kerl muss nach einer Nacht ganz allein in der Wildnis doch völlig verängstigt sein. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen.«
Vera war zutiefst gerührt. Ben war so ein wundervoller Mann. Wie könnte sie ihn nicht lieben? Sofort jedoch schob sie diesen Gedanken von sich. So etwas durfte sie nicht denken. Eine Beziehung zu ihm konnte einfach nicht richtig sein.
Vera machte Rühreier und brühte starken, belebenden Tee auf.
»Was hat sich Jacqueline bloß dabei gedacht, sich ganz allein auf die Suche zu machen?«, fragte Ben, der ihr in die Küche gefolgt war, kopfschüttelnd. Er setzte sich mit seinen Söhnen an den Tisch. »Sie kennt sich doch praktisch nicht aus hier in der Gegend! Wahrscheinlich hat sie sich jetzt auch noch verirrt.«
»Sie fühlt sich schuldig«, erwiderte Vera zerstreut.
Ben starrte sie an. »Soll das heißen, sie hat etwas mit Yuris Verschwinden zu tun?«
»Nein, nein, so hab ich das nicht gemeint.«
»Wie dann? Und was hat es mit Dots Behauptung, Jackies Mutter habe ein schwarzes Kind getötet, auf sich? Stimmt das etwa?«
»Nein. Dot hat nur den ersten Teil der Geschichte gehört.« Vera setzte sich zu Ben. »Jackies Mutter hat 1946 an einer Ballettschule in Atlanta, Georgia, unterrichtet. Es war keine einfache Zeit, weil es immer wieder Konflikte zwischen Weißen und Schwarzen gab, die letztendlich die Bürgerrechtsbewegung in Gang setzten.«
»Die schwarze Bevölkerung wollte sich das Wahlrecht erkämpfen, nicht wahr?«, warf Geoffrey ein, der im Schulunterricht darüber gelesen hatte.
»Nicht nur das. Nach jahrzehntelanger Diskriminierung, vor allem in den Südstaaten, hatten die Schwarzen mit Recht genug von den Erniedrigungen, denen sie ausgesetzt waren. Sie durften zum Beispiel nur Schulen für Schwarze besuchen und mussten in öffentlichen Bussen ganz hinten sitzen. Oft genug wurden Schwarze für Verbrechen angeklagt, die sie nicht begangen hatten. Es gab viele Weiße, die erbitterten Widerstand gegen die Integration leisteten, und so kam es zu oftmals gewalttätigen Zusammenstößen. Jackies Mutter hätte mit Freuden schwarze Kinder unterrichtet, aber die Gründerinnen der Ballettschule waren strikt dagegen. Eines der kleinen schwarzen Mädchen, das unbedingt tanzen lernen wollten, kletterte immer wieder die Feuerleiter außen am Gebäude hinauf, um dem Unterricht zuzuschauen. Das machte es auch, als es geschneit hatte und die Stufen vereist waren.« Vera schwieg einen Moment. »Eines Abends rutschte die Kleine aus und stürzte zu Tode. Sie fiel auf dem Parkplatz in eine Schneewehe, wo man sie nicht sehen konnte. Als Jackies Mutter im Dunkeln ausparkte, streifte sie mit dem Auto die Leiche, ohne es zu merken. Die Polizei ging zunächst von einem tödlichen Unfall mit Fahrerflucht aus. Als sie den Wagen untersuchten, entdeckten sie winzige Blutspuren an der Karosserie.«
»Wurde sie festgenommen?«, fragte Ben.
»Nein, sie erzählte der Polizei von dem kleinen Mädchen, das immer wieder die Feuerleiter hinaufgestiegen war. Daraufhin wurde die Leiter genau untersucht, und so fand man heraus, dass sie gestürzt und an ihrer schweren Kopfverletzung gestorben war. Jackies Mutter fühlte sich trotzdem für ihren Tod verantwortlich. Obwohl sie Valmae gewarnt hatte, ihr immer wieder gesagt hatte, wie gefährlich es war, die vereiste Leiter hinaufzuklettern und zu später Stunde im Dunkeln allein nach Hause zu gehen, machte sie sich Vorwürfe, weil sie energischer hätte sein sollen.«
Ben schwieg nachdenklich. Dann fragte er: »Und woher weiß Dot von dieser Geschichte?«
»Jackie hat mir aus dem Tagebuch ihrer Mutter vorgelesen. Dot muss ins Haus gekommen sein und uns belauscht haben. Sie hat aber nicht die ganze Geschichte gehört. Sie hat nicht gehört, dass sich herausstellte, dass Jackies Mutter unschuldig war oder dass die Familie des Mädchens ihr die Schuld am Tod der Kleinen gab oder dass ein wütender Pöbel sich vor ihrem Haus zusammenrottete und es in Brand steckte.«
»Das ist ja furchtbar«, murmelte Ben betroffen. »Und was geschah dann?«
»Jackies Familie flüchtete im Auto. Aber sie wurden gesehen und verfolgt. Der Wagen kam auf der vereisten Straße ins Schleudern und überschlug sich. Jackies Mutter und ihr jüngerer Bruder kamen dabei ums Leben.«
Die vier Jungen waren sichtlich schockiert, und Ben schüttelte bestürzt den Kopf. »Das ist wirklich tragisch.« Ein bedrücktes Schweigen entstand, als alle am Tisch sich vorzustellen versuchten, was Jacqueline durchgemacht hatte.
»Ich verstehe aber immer noch nicht, warum sich Jackie wegen Yuris Verschwinden schuldig fühlt«, sagte Ben nach einer Weile. »Sie kann doch nichts dafür, dass er weggelaufen ist.«
»Das hat er schon öfter gemacht«, ergänzte Jimmy.
»Ich habe ihr gesagt, sie solle sich keine Vorwürfe machen und die Suche euch Männern überlassen«, erwiderte Vera. »Aber weil sie vermutlich die Letzte war, die ihn gesehen hat, und weil Dot ihr die Schuld an seinem Verschwinden gab, fühlte sie sich verpflichtet, nach ihm zu suchen. Und jetzt ist es wahrscheinlich so gekommen, wie du gesagt hast, Ben. Jetzt hat sie sich auch noch verirrt.«
»Onkel Nick wird sie schon finden«, sagte Geoffrey im Brustton der Überzeugung. Er hatte den Eindruck, dass sein Onkel Jacqueline sehr gern hatte, deshalb, da war er sich sicher, würde er sich doppelt so viel Mühe geben, sie zu finden.
Die Aborigines, die Jacqueline und Yuri gerettet hatten, waren auf der Jagd gewesen. Zwei trugen an einer Stange ein erlegtes Känguru, ein anderer hatte sich einen großen Goanna über die Schultern geworfen. Das Blut, das von den Tieren tropfte, zog Unmengen von Fliegen an. Jacqueline, die auf Dixie ritt, während Yuri auf den Schultern eines der Männer saß, wurde übel bei dem Anblick der fliegenumschwärmten Kadaver. Sie versuchte, den Ureinwohnern zu erklären, dass sie zur Farm zurückkehren wolle, aber sie gaben ihr mit barschen Worten und aufgebrachten Gesten zu verstehen, sie solle schweigen.
Jacquelines Gedanken kreisten unentwegt um den heiligen Kreis aus Steinen auf Wilpena, den sie zerstört hatte. Die Aborigines waren aus Zorn darüber in ihr Zimmer eingedrungen und hatten ihr eine Haarsträhne als Warnung abgeschnitten. Was würden sie jetzt wohl tun, wenn sie glaubten, sie habe versucht, Yuri etwas anzutun? Töten würden sie sie!
Irgendwann erreichten sie das Lager der Aborigines. Dot schloss ihren Sohn überglücklich in die Arme. Sowohl Dot als auch Yuri vergossen Tränen der Freude und der Erleichterung. Nach einer Weile löste die Mutter sich von ihrem Jungen und wandte sich Jacqueline zu. Sie fuhr zeternd auf sie los, beschimpfte sie und wäre handgreiflich geworden, wenn die Männer sie nicht zurückgehalten hätten.
Jacqueline war vor Angst wie gelähmt. Hätte sie gewusst, dass Wirapundu sich im Lager befand, hätte sie sich noch viel mehr gefürchtet. Ben hatte ihr von ihm erzählt.
Sie blickte sich verstört um und fragte sich, ob sie vielleicht fliehen könnte. Das Lager bestand aus einigen grob errichteten Hütten, sogenannten wiltjas, zu einem Rund aneinandergestellte Äste mit einer oder mehreren Öffnungen. Jeweils ein paar dieser wiltjas bildeten eine kleine Einheit, zu der ein Lagerfeuer in einem Kreis aus Steinen gehörte, über dem gekocht wurde und das in kalten Nächten Wärme spendete. Der Geruch von versengten Haaren stieg Jacqueline in die Nase. Das Känguru war in die glühenden Kohlen einer Feuerstelle geworfen worden, mitsamt Fell, Schwanz, Kopf. Den Goanna hatte das gleiche Schicksal an einem anderen Lagerfeuer ereilt. Jacqueline sah Knochen vergangener Mahlzeiten ringsum verstreut, und ihr drehte sich der Magen um.
Da sie schrecklichen Durst hatte, bat sie die Frauen um Wasser, aber entweder sie verstanden sie nicht, oder sie ignorierten ihre Bitte absichtlich. Ihr Blick fiel auf ein Gefäß, das aussah, als könnte es Wasser enthalten. Sie griff danach, ohne zu fragen, schnupperte daran und trank dann ein paar Schlucke, als sie feststellte, dass es sich tatsächlich um Wasser handelte. Dann brachte sie Yuri, der stundenlang keine Flüssigkeit zu sich genommen hatte, den Krug. Sofort fuhr Dot wieder auf sie los, aber Jacqueline stammelte eine hastige Erklärung.
Yuri streckte beide Hände nach dem Krug aus. Dot ließ ihn trinken, funkelte die Weiße aber weiter böse an.
Plötzlich näherte sich ein Mann und befahl Jacqueline, in eine der Hütten zu gehen.
Man ließ sie allein.
Als es dämmerte, betrat ein Aborigine die Hütte und zerrte Jacqueline hinaus und an ein Lagerfeuer, wo er sie aufforderte, sich zu setzen. Ihr gegenüber hatten bereits drei ältere Männer, darunter Wirapundu, Platz genommen. Ihre Gesichter waren ockerfarben bemalt, was ihnen ein wildes, Furcht einflößendes Aussehen verlieh. Sie trugen keine Kleidung an ihren dünnen, sehnigen Körpern. Die Männer begannen zu reden und zu gestikulieren, und obwohl Jacqueline sie nicht verstehen konnte, war die Drohung hinter ihren Worten und Gebärden eindeutig.
Ein weiterer Mann trat näher und setzte sich seitlich zwischen die Stammesältesten und Jacqueline. Auch er war ein Ureinwohner, und doch war etwas an ihm anders.
»Ich heiße Djula«, stellte er sich vor. »Als ich noch unter den Weißen lebte, nannte man mich David. Ich werde für dich dolmetschen.«
»Du sprichst meine Sprache!«, rief Jacqueline freudig aus. »Wie soll ich dich nennen, Djula oder David?«
»Hier bin ich Djula«, erwiderte er reserviert.
»Gut. Bitte sag diesen Männern, dass ich Yuri retten wollte. Ich wollte ihm ganz bestimmt nichts tun«, sprudelte es aus Jacqueline hervor. Sie hatte nur noch einen Wunsch: so schnell wie möglich zur Farm zurückzukehren. »Und es war auch nicht meine Absicht, den heiligen Kreis auf Wilpena Station zu zerstören. Ich hatte keine Ahnung, welche Bedeutung er hat.«
»Die heilige Stätte wird nie wieder erwähnt werden. Hast du verstanden?«
Sein strenger Ton schüchterte Jacqueline ein. Sie nickte eifrig. Wenn nicht darüber gesprochen werden durfte, bestand immerhin die Möglichkeit, dass sie ihr verziehen hatten.
»Das hier ist eine Ratsversammlung, und du wirst den Stammesältesten einiges erklären müssen, bevor sie dich wieder gehen lassen.«
»Sie können mich doch nicht gegen meinen Willen hier festhalten«, brauste Jacqueline auf. »Das ist gegen das Gesetz! Dafür können sie festgenommen werden.«
»Das Gesetz der Weißen hat hier keine Gültigkeit«, erwiderte Djula gelassen. »Hier bist du dem Gesetz des Stammes unterworfen, und man wird dich entsprechend bestrafen, wenn du die Stammesältesten nicht von deiner Unschuld überzeugen kannst. Aber sie sind gerecht, falls dir das ein Trost ist.«
»Nein, das ist mir überhaupt kein Trost!« Jacqueline hielt das alles für einen bösen Traum. Und was bedeutete »das Gesetz des Stammes«? »Was wirft man mir denn vor?«
Bevor Djula antworten konnte, rief einer der alten Männer ihm etwas zu.
»Wir müssen beginnen«, sagte er, ohne auf Jacquelines Frage einzugehen.
Inzwischen war es Nacht geworden, und die Augen der alten Männer und ihre Haut glitzerten im Schein des Lagerfeuers, wodurch sie noch bedrohlicher wirkten. Unvermittelt stimmten sie einen monotonen Singsang an und schlugen Stöcke rhythmisch gegeneinander. Jacqueline warf Djula einen verstohlenen Blick zu. Er hatte den Kopf gesenkt, musste aber gespürt haben, dass sie ihn ansah, denn er flüsterte:
»Die Ältesten bitten die Geister ihrer Ahnen um Beistand. Sie sollen dich dazu bringen, die Wahrheit zu sagen.«
»Ich habe kein Problem damit, die Wahrheit zu sagen«, zischte Jackie wütend, was ihr einen strafenden Blick der alten Männer eintrug.
Als einer von ihnen schließlich das Wort ergriff, sah er Djula an, zeigte aber auf Jacqueline.
Djula wandte sich ihr zu. »Die Ältesten wollen wissen, warum deine Mutter ein schwarzes Kind getötet hat. Sie wollen auch wissen, ob sie dafür mit dem Tode bestraft wurde.«
Jacqueline riss bestürzt Mund und Augen auf. »Sie hat das Kind nicht getötet. Man fand heraus, dass sie unschuldig war.«
Djula übersetzte, was sie gesagt hatte. Die Ältesten wurden zornig, Wirapundu griff nach seinem Speer, und Jacqueline duckte sich unwillkürlich.
Djula sah sie beunruhigt an. »Sie glauben dir nicht. Man hat gehört, wie du zu einer Weißen sagtest, deine Mutter habe das Kind getötet. Wenn du je wieder nach Hause zurückwillst, musst du die Wahrheit sagen.«
»Das ist die Wahrheit«, beteuerte Jacqueline. »Ich habe aus dem Tagebuch meiner Mutter vorgelesen. Sie dachte, sie habe das Kind getötet, aber dann stellte sich heraus, dass das nicht der Fall gewesen war.« Da das verwirrend und nicht sehr überzeugend klang, fügte sie hinzu, sie werde ganz am Anfang beginnen und alles erklären.
»Das solltest du tun«, pflichtete Djula ihr bei. »Nur so kannst du dich retten.«
Jacqueline konnte zwar nicht glauben, dass sie sie einfach umbringen würden, aber andererseits wusste sie nichts über die Aborigines und ihre Sitten und Bräuche. Ben und Nick jedenfalls nahmen ihre Warnungen ernst, und deshalb wollte sie das auch tun. Die Ältesten nickten zustimmend, als Djula ihnen übersetzte, was Jacqueline gesagt hatte.
Sie begann ihre Geschichte mit der Ankunft ihrer Familie in Atlanta. In ihren Gedanken kehrte sie oft an diesen Punkt in der Vergangenheit zurück, weil nicht lange danach ihre Familie zerstört wurde und nichts mehr so wie früher war. Sie legte immer wieder kurze Pausen ein, damit Djula übersetzen konnte. Zuerst sprach sie leise und unbeholfen, ihre Worte klangen hohl und leer. Den Blick in die Flammen gerichtet, trat sie die Reise in ihre Vergangenheit an.
Nach einer Weile hatte sie die Anwesenheit der Aborigines fast vergessen. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich die Frauen, darunter auch Dot, genähert und hinter ihr versammelt hatten. Das Geschichtenerzählen war ein wesentlicher Bestandteil der Kultur der Ureinwohner. Auf diese Weise gaben sie ihr Wissen und ihre Bräuche von einer Generation zur nächsten weiter.
Rings um das Lagerfeuer herrschte eine tiefe, undurchdringliche Finsternis. Die Dunkelheit brach in Australien sehr schnell herein. Ben hatte den Sonnenuntergang auf diesem Kontinent einmal mit einem Stein verglichen, der vom Himmel fiel. Im Schein der Flammen tanzten Insekten. Nur das Knistern und Prasseln des Feuers und das gelegentliche Zirpen einer Grille im Busch waren zu hören.
Jacqueline hatte noch nie in ihrem Leben an einem Lagerfeuer gesessen. Das einzige freie Stück Natur, das sie kannte, war der Central Park in New York, und der lag inmitten der Großstadt. Es war grün dort, und es gab Bäume, aber mit der unermesslichen Weite des Outback konnte man das natürlich nicht vergleichen. Und im Park waren zu jeder Tageszeit Leute unterwegs, allein oder gar einsam fühlte man sich dort nie.
Meilenweit von der Zivilisation entfernt zu sein hatte etwas Beängstigendes und zugleich Magisches. Jacqueline wusste nicht, ob es an ihrem nagenden Hunger lag, aber sie fühlte sich seltsam schwerelos. Alles kam ihr so unwirklich vor. Sogar ihre Denkvorgänge schienen anders abzulaufen. Ob dem Wasser, das sie getrunken hatte, etwas beigemischt gewesen war? Der Gedanke war absurd, aber sie wusste nicht mehr, was sie noch glauben konnte und was nicht. Diese ganze Situation war so unerwartet über sie hereingebrochen und so fern jeder Realität.
Es dauerte nicht lange, da hatte Jacqueline fast vergessen, weshalb sie ihre Geschichte erzählte. Unter dem dunklen, wolkenverhangenen Nachthimmel tauchte sie vollständig in die Vergangenheit ein, zum allerersten Mal. Sie erzählte von Valmae Brown, dem kleinen schwarzen Mädchen, von ihrem tragischen Tod und von dem Autounfall, bei dem ihre Mutter und ihr Bruder ums Leben gekommen waren. Darüber zu sprechen wirkte unglaublich befreiend, so als fiele endlich eine schwere Last von ihr ab. Unter Tränen erzählte sie von Mitchell, ihrem kleinen Bruder. Wie sehr sehnte sie sich danach, sein glückliches Gesicht wiederzusehen!
»Mitchell war ganz verrückt nach Flugzeugen. Und nach Eisenbahnen. Sein Zimmer war voll davon. Er wollte entweder Pilot oder Lokomotivführer werden, wenn er groß war. Ich glaube, er mochte einfach diese großen, lauten Maschinen.« Ein trauriges Lächeln spielte um ihre Lippen, während sie in die glühende Asche des Lagerfeuers blickte. »Ich habe mich bei meiner Mutter immer über ihn beklagt, weil er so viel Krach machte. Dann lächelte sie nur und meinte: ›Er ist ein Junge, Jacqueline, und Jungs sind nun mal laut.‹ Es war ihm nicht vergönnt, seinen Traum zu leben. Er wurde viel zu früh aus dem Leben gerissen.« Kummer und Schmerz stiegen in ihr auf und legten sich wie ein eisernes Band um ihre Brust. Sie schloss die Augen. Tränen quollen unter ihren Lidern hervor und liefen ihr übers Gesicht.
Einer der Stammesältesten wollte wissen, ob sie oder ihr Vater Verbitterung über den Tod ihrer Angehörigen empfunden hätten. Die Frage schien aus reiner Neugier gestellt und nicht als Prüfung gedacht.
»Wir fühlten eine grenzenlose Trauer.« Sie öffnete die Augen und starrte von neuem ins Feuer. »Aber wir trugen unser Leid nicht gemeinsam.« Sie wünschte, sie hätten es getan, es hätte vieles leichter gemacht, sie hatten jedoch versucht, einander zu schützen. Heute erkannte sie das. »Es brach uns das Herz, so wie Valmae Browns Tod ihren Eltern das Herz brach. Ihr tödlicher Sturz von der Feuerleiter war ein tragischer Unglücksfall. Der Tod meines Bruders und meiner Mutter brachte nur noch mehr Unglück über noch mehr Menschen. Meine Mutter hatte sich gesorgt, das kleine Mädchen könnte herunterfallen, aber was hätte sie tun können? Es war nicht ihre Schuld, dass die Kleine da war. Es war niemandes Schuld.«
Jacqueline erzählte von der Ballettschule, erklärte, was Ballett war – eine andere Art, eine Geschichte zu erzählen, sagte sie – und wie sehr sie ihre Tanzstunden geliebt hatte. Die Ureinwohner lauschten gebannt. Tanz als Ausdrucksmittel war ihnen vertraut. Jacqueline fügte hinzu, dass ihre Mutter für ihr Leben gern unterrichtet habe, dass es ihr größter Wunsch gewesen sei, nach vielen Jahren als professionelle Balletttänzerin ihr Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Dann wollten die Ältesten wissen, weshalb sie nach Australien gekommen und wo ihr Vater sei.
Nick näherte sich leise dem Lager, Jacqueline bemerkte ihn nicht. Er war Dixies Spuren bis zu der Felsspalte gefolgt, wo er zahlreiche Fußabdrücke und Blutspuren entdeckt hatte. Er hatte sofort gewusst, dass Jacqueline sich in der Gewalt der Aborigines befand, auch wenn er vermutete, dass das Blut von einem erlegten Tier stammte. Zutiefst beunruhigt hatte er die Spuren bis zum Lager verfolgt. Als er Jacqueline unversehrt am Lagerfeuer sitzen sah, überkam ihn eine unsagbare Erleichterung.
Nick hatte viele Male Lager der Ureinwohner aufgesucht, so auch an diesem Tag auf seiner Suche nach Yuri. Da die Aborigines sich frei auf Wilpena bewegen durften, erhoben sie keine Einwände gegen seine Anwesenheit. Dennoch musste er ihnen mit Respekt begegnen. Er wandte sich an Dot und erfuhr, dass Jacqueline zusammen mit Yuri gefunden worden war und sie den Ältesten Rede und Antwort stehen musste. Nick hielt sich abwartend im Hintergrund.
»Mein Vater lebt in Amerika, ich bin mit dem Schiff nach Australien gekommen, zusammen mit meinem Mann«, antwortete Jacqueline.
Nick fiel aus allen Wolken. Mit ihrem Mann? Von einem Ehemann war bisher nie die Rede gewesen. Er presste grimmig die Lippen aufeinander. Ihm warf sie eine heimliche Beziehung vor, aber sie selbst war verheiratet! Was für eine Heuchlerin.
Jacqueline hatte ihre anfängliche Befangenheit abgelegt. Hatte sie zunächst das Gefühl gehabt, sich verteidigen zu müssen, so kam es ihr jetzt so vor, als seien die Stammesältesten aufrichtig an ihr und ihrem Leben interessiert. Sie empfand es als Privileg, dass sie ihr die Möglichkeit gaben, von sich zu erzählen. Auch wenn das nicht der Fall gewesen sein sollte, so spürte sie, dass sie weise waren. Sie sah es ihren Gesichtern an. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie sie nicht bestrafen würden, nicht, nachdem sie ihnen ihr Innerstes offenbart hatte. Vielleicht würden sie sie sogar an ihrer Weisheit teilhaben lassen.
Wo ihr Ehemann sei, wurde sie gefragt.
Jacqueline schwieg einen Augenblick. Ihre letzte Begegnung mit Henry schien eine Ewigkeit zurückzuliegen. Sie hatte Mühe, sich sein Gesicht ins Gedächtnis zurückzurufen. »Er ist in Melbourne«, antwortete sie leise. »Und er ist nicht länger mein Mann.« Er hatte die Scheidung bestimmt unmittelbar, nachdem sie die unterzeichneten Papiere zurückgeschickt hatte, eingereicht.
Nick horchte auf.
Obwohl die Ältesten sie nicht danach fragten, fuhr Jacqueline, der es guttat, darüber zu reden, fort: »Ich war auf der Überfahrt nach Australien sehr krank, weil das Schiff so schlingerte. Deshalb verbrachte ich die meiste Zeit in unserer Kabine, während mein Mann die meiste Zeit in der Kabine einer anderen Frau verbrachte. Ich wusste von nichts.«
Jacqueline blickte auf, als Djula ihre Worte übersetzte. Die Ältesten musterten sie einen Moment mit ausdruckslosen Gesichtern und wechselten dann viel sagende Blicke. Aber keiner sagte etwas.
»Als das Schiff in Adelaide anlegte, erklärte mir mein Mann, er wolle Kinder mit dieser anderen Frau haben, und bat mich um die Scheidung.« Wieder keine Reaktion. »Er bot mir Geld an, aber ich lehnte es ab und ging von Bord, und mein Mann fuhr mit der neuen Frau weiter nach Melbourne.« Djula übersetzte. Die Ältesten verzogen keine Miene.
Jacqueline sah Djula an. »Finden sie es in Ordnung, dass ein Mann sich einfach eine neue Frau sucht?«, fragte sie ungehalten.
»Sie verstehen nicht, was daran falsch sein soll. Sie selbst haben mehrere Frauen und viele, viele Kinder.«
»Ach so, sie gehören zu den Völkern, die nicht monogam leben.«
»Ganz recht. Ist dir aufgefallen, dass einige wiltjas mehr als einen Eingang haben?« Als Jacqueline nickte, fuhr er fort: »Jeder Eingang ist für eine andere Frau.« Er übersetzte den Ältesten, was er mit Jacqueline geredet hatte.
Sie seufzte. Wenn sie schon kein Mitleid mit ihr hatten, sollten sie wenigstens erfahren, wie tief Henrys Verrat sie verletzt hatte.
»Ich war zehn Jahre verheiratet und habe keine Kinder bekommen. Es ist schlimm für eine Frau, keine Kinder bekommen zu können.« Sie ließ den Kopf hängen. »Etwas Schlimmeres kann einer Frau nicht passieren.« Zum ersten Mal gestand sie sich ihre wahren Gefühle ein. »Ich fühlte nichts als eine große Leere in mir. Ich kam mir wie eine Versagerin vor. Aber ich ließ mir nichts anmerken, weil ich Henry schützen wollte. Irgendwann akzeptierte ich, dass ich unfruchtbar war, und ich glaubte, Henry habe es auch akzeptiert. Er war ein egoistischer Mensch. Seine Wünsche, seine Bedürfnisse kamen immer an erster Stelle. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er ein guter Vater geworden wäre, weil es ihm an Wärme und Opferbereitschaft fehlt. Aber er hat gut für mich gesorgt, mir fehlte es an nichts. Ich versuchte, meine Kinderlosigkeit dadurch wettzumachen, dass ich Henry jeden Wunsch von den Augen ablas. Wir hatten ein schönes Zuhause und viele gesellschaftliche Verpflichtungen. Ich achtete darauf, dass er seine Termine einhielt, sich gesund ernährte. Ich tat wirklich alles, um ihn glücklich zu machen, ich willigte sogar ein, mit ihm nach Australien zu gehen, obwohl ich mich in New York sehr wohl fühlte. Nichts deutete darauf hin, dass er mich verlassen wollte oder dass er sich sehnlichst ein Kind wünschte. Hätte er mich in Amerika verlassen, hätte ich das sogar noch verstanden. Aber mich während der Überfahrt hinter meinem Rücken zu betrügen und mich dann für eine Jüngere sitzen zu lassen war das Letzte.« Jacquelines Zorn flammte jäh wieder auf. »Es war schäbig und verabscheuenswert. Ich stand da ohne einen Cent in der Tasche, in einem fremden Land, in dem ich weder Angehörige noch Freunde hatte. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte ich nicht zufällig Tess und Vera getroffen. Und das Schönste ist, dass Henry anscheinend erwartete, ich würde zu allem Ja und Amen sagen und einfach das Feld räumen.« Sie kämpfte gegen die Tränen an.
Die Ältesten besprachen sich.
Da Djula nicht übersetzte, fragte Jacqueline ihn, was sie redeten.
»Sie sagen, das neue Leben deines Mannes wird nicht so werden, wie er es sich erhofft hat. Und du wirst das Glück einer Frau finden.«
Jacqueline verstand nicht, was das zu bedeuten hatte. Doch da die Ältesten sich immer noch berieten, wagte sie nicht, sie zu unterbrechen.
»Jetzt wird über dein Schicksal entschieden«, sagte Djula nach einer Weile zu ihr. Wirapundu winkte Dot und Yuri heran. Djula forderte Jacqueline auf, sich zu erheben und den beiden gegenüberzutreten, was sie tat.
Yuri werde über ihr Schicksal entscheiden, so hätten die Ältesten es beschlossen, teilte Djula ihr mit.
Jacqueline traute ihren Ohren nicht. »Yuri? Ein Kind soll über mein Schicksal entscheiden?«
»Die Ältesten sagen, dass das Kind vor dir zurückscheuen wird, wenn du ihm ein Leid getan hast, und dann wirst du dem Gesetz des Stammes gemäß bestraft.«
Jacqueline war fassungslos. »Obwohl ich dem Jungen nie etwas getan habe, hat er immer Angst vor mir gehabt. Sag das den Ältesten.«
Djula schüttelte den Kopf. Er forderte Dot auf, Yuri zu sagen, er solle zu Jacqueline gehen und ihre Hand nehmen. Der Junge hatte offenbar etwas zu essen bekommen, er hatte einen ganz verschmierten Mund. Er sah sehr müde aus. Dot warf Jacqueline einen misstrauischen Blick zu, wagte es aber nicht, sich der Anordnung der Ältesten zu widersetzen. Sie tat wie geheißen.
Jacqueline stand da wie versteinert, während ihr das Herz vor Aufregung bis zum Hals schlug.
Yuri schaute zu seiner Mutter auf. Wieder redete sie mit ihm und zeigte auf Jacqueline. Der Junge sah die weiße Frau an.
Sie erinnerte sich, wie er zu ihr gekommen war, als sie in der Felsspalte gelegen hatte. Dot war klein, Jacqueline war groß; zu voller Größe aufgerichtet musste sie Furcht einflößend auf den Jungen wirken. Sie ging langsam in die Hocke und sah Yuri gelassen an.
Er betrachtete sie wachsam. Ganz ruhig streckte sie ihre Hand aus und lächelte ihn schüchtern an. Der Junge zögerte einen Moment, und sie dachte, er würde zurückweichen, doch dann machte er einen Schritt auf sie zu, ergriff ihre Hand und erwiderte ihr Lächeln.