Eine Woche, nachdem Henry den Privatdetektiv Brent Masterson engagiert hatte, meldete sich dieser und schlug ein Treffen vor. Sie verabredeten sich für drei Uhr am selben Nachmittag in der Bar des Criterion Hotel.
Das Criterion war ein typisches Arbeiterlokal, ein Treffpunkt für jene, die auf Baustellen, in Handwerksbetrieben, in Restaurants und Reinigungsfirmen arbeiteten. Es war klein und ein bisschen schmuddelig, aber das Essen war billig, die Portionen groß, und Drinks wurden nicht selten mit einem derben Witz serviert, der bei der Kundschaft gut ankam.
Henry wachte gegen zwei Uhr von seinem Mittagsschläfchen mit Verity auf. Sie hatten wie üblich gut gegessen: Kartoffel-Lauch-Suppe, Schweinebraten, Nachtisch. Danach waren Ron und Maxine mit Johnny am Yarra spazieren gegangen. Henry und Verity hatten sich wie fast jeden Tag in ihre Suite zurückgezogen, wo sie sich lange und leidenschaftlich liebten.
Vorsichtig, um Verity nicht zu wecken, schälte sich Henry aus den zerwühlten Laken. Er blieb einen Augenblick neben dem Bett stehen und betrachtete die Schlafende liebevoll. Ihre goldblonden Haare lagen auf dem Satinkopfkissen ausgebreitet, unter der dünnen Decke zeichnete sich ihre wohlgeformte Figur ab. Das Dämmerlicht hinter den schweren geschlossenen Vorhängen schmeichelte ihren Zügen und ließ sie noch jünger aussehen. Henry schaute auf, und sein Blick fiel auf den Frisiertischspiegel. Sein Haar war zerzaust, sein Gesicht aufgedunsen, sein Körper erschlafft. Er sah aus wie ein Mann mittleren Alters, und das erschreckte ihn zutiefst. Es war eine unsanfte Landung auf dem Boden der Tatsachen.
Voller Schuldgefühle erinnerte er sich an seine letzte Unterhaltung mit Jacqueline. Er lasse sie fallen wegen einer Frau, die halb so alt sei wie er, hatte sie ihm vorgeworfen. Zum ersten Mal, seit er Verity kannte, fühlte er sich tatsächlich wie ihr Vater.
Er seufzte und ließ seinen Blick über ihre Hüften schweifen. Sie waren rundlicher geworden. Kein Wunder – er war noch nie einer Frau begegnet, die einen größeren Heißhunger gehabt hatte, sowohl auf Essen als auch auf Sex. Gegen Letzteres hatte er nichts einzuwenden, aber ihre Esslust könnte sie seiner Meinung nach schon ein wenig zügeln. Doch er hütete sich, etwas zu sagen. Er kannte sie lange genug, er wusste, dass sie ihm das Leben zur Hölle machen würde, wenn er etwas Derartiges auch nur andeutete.
Dass er selbst zugenommen hatte, lag an seiner neuen Lebensweise, und er war alles andere als erfreut darüber. In New York hatte Jacqueline darauf geachtet, dass Mrs. Bronte ihm etwas Gesundes wie Salat und Obst zum Mittagessen mit ins Geschäft gab. Obwohl er sechs Tage in der Woche von acht Uhr morgens bis fünf Uhr abends arbeitete, fand er fast täglich noch eine Stunde Zeit, um Sport zu treiben. Je mehr er sich dabei quälte, desto besser fühlte er sich. Den halben Tag im Bett zu verbringen und sich zu viele zu üppige Mahlzeiten einzuverleiben passte nicht zu ihm.
Es erstaunte ihn immer wieder aufs Neue, welche Wendung sein Leben genommen hatte. Doch sobald er über die Vergangenheit nachdachte, musste er unweigerlich auch an Jacqueline denken. Hoffentlich war es Brent Masterson gelungen, sie ausfindig zu machen. Er musste wissen, ob es ihr gut ging.
Eine halbe Stunde später verließ Henry die Suite und machte sich auf den Weg zum Criterion, das zu Fuß etwa zehn Minuten entfernt lag. Er ging zügig, und so brach ihm schnell der Schweiß aus allen Poren. Die brütende Hitze, die seit ihrer Ankunft herrschte, zermürbte und ermattete ihn.
Der Privatdetektiv erwartete Henry in der Hotelbar. Sie erinnerte ihn an die anrüchigen Spelunken in den Staaten, um die er stets einen Bogen gemacht hatte.
»Haben Sie etwas herausgefunden?«, erkundigte er sich sofort.
Brent Masterson war sechzig Jahre alt und hätte eigentlich seinen wohlverdienten Ruhestand genießen sollen. Er war vielleicht körperlich ein bisschen langsamer als früher, aber sein messerscharfer Verstand funktionierte immer noch einwandfrei. Er spürte jeden Ausreißer im Nu auf und erkannte einen untreuen Ehepartner auf dreißig Schritt. Seine Haare waren kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag silbergrau geworden, genau wie sein kurz gestutzter Bart. Seinen lebhaften blauen Augen jedoch entging nichts, sie waren so scharf wie damals, als er als Fünfzehnjähriger seine Ausbildung in der Privatdetektei Steele begonnen hatte. Sein Beruf war sein Leben. Er hatte nicht vor, sich jemals zur Ruhe zu setzen und angeln zu gehen oder was Ruheständler sonst so machten.
»Ja, in der Tat«, erwiderte er und stellte Henry ein kaltes Bier hin.
Henry war erleichtert. »Prost!«
Er schlürfte den Schaum von seinem Glas, trank es dann in großen Zügen gierig halb aus und seufzte. Was für eine Wohltat! In dieser Hitze ging nichts über ein kühles Bier.
»Wissen Sie, ich bin jetzt seit fast fünfzig Jahren in diesem Geschäft«, fuhr Brent fort. »Ich hätte nicht gedacht, dass mich noch irgendetwas überraschen kann, aber Ihnen ist das gelungen, Mr. Walters.«
»Henry, bitte … Ich verstehe nicht ganz.«
»Darf ich offen zu Ihnen sein, Henry?«
»Ich bitte darum.«
»Ich bin unzählige Male von Frauen beauftragt worden, ihre Ehemänner aufzustöbern, weil diese ihren Unterhaltsverpflichtungen nicht nachgekommen sind. Aber noch nie hat mich ein Mann engagiert, damit ich seine künftige Exfrau ausfindig mache, damit er ihr eine Abfindung zahlen kann. Das ist wirklich einmalig.«
Brent musterte den Mann an seiner Seite neugierig. Entweder war Henry sehr ehrenwert oder sehr dumm. Oder aber er litt unter massiven Schuldgefühlen. Und falls Letzteres der Fall war, war eine andere Frau im Spiel. Dann allerdings stünde ihm noch eine Menge Ärger ins Haus, das wusste Brent aus langjähriger Erfahrung.
»Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das einmal tun würde«, gestand Henry. »Haben Sie sie gefunden?«
»Ich glaube, Ihre Frau lebt in den Flinders Ranges auf Wilpena Station.«
Henry glaubte, sich verhört zu haben. Er wusste, dass eine Station in Australien eine große Farm oder Ranch war, meistens irgendwo in einer gottverlassenen Gegend. »Was ist Wilpena Station, und wo liegt dieser Ort?«, fragte er verdutzt.
»Das ist eine Schaffarm in South Australia. Eine erfolgreiche, nach allem, was ich gehört habe, obwohl sie natürlich auch von der Dürre betroffen ist.«
»Eine Schaffarm? Das kann nicht sein. Was soll meine Frau auf einer Schaffarm?«
Henry hätte mit allem gerechnet, nur nicht damit. Da Jacquelines einziges großes Talent das Geldausgeben war, hatte er vermutet, dass sie entweder in einem Einzimmerapartment in der Stadt wohnte und in einem Damenbekleidungsgeschäft arbeitete oder aber auf öffentliche Fürsorge angewiesen war, weil sie keinen Beruf erlernt hatte und niemand sie einstellen wollte.
»Anscheinend arbeitet sie dort als Haushälterin. Sie fand die Stelle durch eine Arbeitsvermittlung in Port Adelaide.« Brent warf einen Blick in seine Notizen. »Die Agentur Cavendish.«
Eine Arbeitsvermittlung war immer ein guter Ansatzpunkt, wenn man jemanden suchte, vor allem neu Zugewanderte, die keine Angehörigen im Land hatten. In Port Adelaide gab es drei davon, durch einen Zufall hatte er gleich bei der ersten Glück gehabt.
Henry klappte die Kinnlade herunter. Dann lachte er schallend.
Brent sah ihn verblüfft an.
»Entschuldigen Sie.« Henry wischte sich Lachtränen aus den Augenwinkeln, schüttelte den Kopf und trank dann sein Bier aus. »Sie müssen die falsche Jacqueline Walters erwischt haben. Meine Frau kann sicherlich eine Haushälterin einstellen, aber die Vorstellung, dass sie selbst als eine arbeitet, ist einfach zu komisch.«
»In den Unterlagen, die sie in der Agentur ausgefüllt hat, nennt sie sich Miss Jacqueline Walters«, fuhr Brent unbeirrt fort.
»Sehen Sie? Ich sage Ihnen doch, Sie haben die Falsche erwischt. Jacqueline würde so etwas nie machen.«
Zerstrittene Eheleute begingen oft den Fehler, etwas für ausgeschlossen zu halten, oder, im Gegenteil, als selbstverständlich zu betrachten. Auch das wusste Brent aus Erfahrung. »Ich überprüfe die Identität der Personen, die ich suche, immer mehrfach. Ihre Frau hat sich für ein Jahr als Haushälterin verpflichtet.«
»Das ist nicht meine Frau, so glauben Sie mir doch«, beharrte Henry.
Brent ließ sich nicht aus dem Konzept bringen. »Sie hat zwar kein Geburtsdatum eingetragen, was bei einer Frau nicht ungewöhnlich ist, aber ihre Beschreibung passt genau auf Ihre Frau.«
»Das heißt noch lange nicht, dass sie es auch ist. Ich bin sicher, dass diese Beschreibung auf viele Frauen zutrifft. Jacqueline würde niemals eine Stelle als Haushälterin antreten, glauben Sie mir. Sie würde eher in dieser Hitze zu Fuß nach Melbourne marschieren und mich um Geld bitten, als irgendjemandes Toilette zu schrubben!«
»Ich habe dem Inhaber der Agentur das Foto gezeigt, das Sie mir gegeben haben, Henry. Er war sich absolut sicher, dass das die Frau ist, die er nach Wilpena vermittelt hat.«
An das Foto hatte Henry gar nicht mehr gedacht. Er machte eine bestürzte Miene. Als er die Nachricht einigermaßen verdaut hatte, sagte er: »Falls das tatsächlich stimmt, wird sie die Stelle bald wieder los sein. Das Einzige, was sie am Herd zustande bringt, ist mit Käse überbackener Toast, und selbst der ist meist angebrannt. Ich wette, sie weiß nicht einmal, wie man einen Besen benutzt.«
Brent zuckte die Achseln. Frauen konnten sich sehr viel besser auf neue Lebensumstände einstellen als Männer, vor allem, wenn es um ihr Überleben ging. Doch das wollte Henry sicherlich nicht hören. »Was soll ich jetzt machen?«, fragte er.
»Angenommen, Jacqueline arbeitet immer noch auf dieser Farm, dann möchte ich, dass Sie ihr ihren Koffer zusenden und sie bitten, die Scheidungspapiere zu unterzeichnen. Im Gegenzug werde ich ihr schnellstmöglich eine Abfindung zahlen, und zwar die Hälfte dessen, was wir ursprünglich besprochen hatten.«
Brent zog eine silbergraue Braue hoch. »Die Hälfte?«
Henry besaß wenigstens den Anstand, zerknirscht dreinzublicken. »Nun ja, ich denke, ich war im ersten Moment ein bisschen zu großzügig. Ich hatte Mitleid mit Jacqueline, verstehen Sie, aber anscheinend kommt sie ja ganz gut zurecht, und ich muss schließlich auch leben.« Es war nicht Mitleid gewesen, sondern sein schlechtes Gewissen, das ihn anfangs zu seinem großzügigen Angebot getrieben hatte, doch das wollte er nicht eingestehen, genauso wenig wie die Verschwendungssucht seiner Geliebten. »Beeilen Sie sich besser, bevor sie gefeuert wird und wir von neuem nach ihr suchen müssen.«
Henry hatte beschlossen, sich an dem Geschäft der Darcys zu beteiligen, doch dafür benötigte er mehr Kapital als ursprünglich geplant. Die Darcys hatten ihm einige der Projekte gezeigt, die enormen Gewinn abwarfen, und Henry war zuversichtlich, dass er das investierte Kapital verdoppeln oder sogar verdreifachen konnte. Die Darcys hatten nicht nur jeden Cent, den sie besaßen, in das Unternehmen gesteckt, sondern sich auch noch Geld geliehen. Alles war in einen Treuhandfonds der Baugesellschaft eingezahlt worden.
Brent nickte. »Wie Sie wünschen. Ich werde sofort ein entsprechendes Schreiben mit Ihrem Angebot aufsetzen lassen.«
Henry bestellte noch zwei Bier. »Ich verstehe einfach nicht, wie Jacqueline auf die Idee gekommen ist, auf einer Schaffarm zu leben. Sie ist ein Stadtmensch. Sie hat New York in der ganzen Zeit, die wir dort gewohnt haben, nicht ein einziges Mal verlassen.«
»Sie hat sich anscheinend mit zwei Frauen angefreundet, die in die Flinders Ranges gingen, weil sie dort Farmer heiraten wollen«, berichtete Brent. George Cavendish hatte ihm bereitwillig Auskunft gegeben, nachdem er vorgegeben hatte, Jacqueline einer Erbschaft wegen zu suchen. »Die Frauen befanden sich ebenfalls an Bord der Liberty Star.«
»Tatsächlich?«
Henry war erleichtert, dass Jacqueline offenbar nicht allein unterwegs war. Seine Vernarrtheit in Verity hatte ihn blind gemacht, er hatte überhaupt nicht bedacht, welche Konsequenzen eine Scheidung nach sich zog. Aus seiner Fantasiewelt war er erst unsanft erwacht, als Jacqueline ihn in Adelaide so plötzlich verlassen hatte. Er wusste jetzt, wie naiv er gewesen war. Es war höchste Zeit, das Richtige zu tun.
Auf einmal durchzuckte ihn ein Gedanke. Jacquelines Vater! Wie würde er reagieren, wenn er erfuhr, dass seine Tochter von ihrem Mann ohne einen Cent in der Tasche sitzen gelassen worden war? Auch mit seinen sechzig Jahren war Lionel Gordon-Smith nicht zu unterschätzen.
»Die Agentur Cavendish hat eine Kampagne gestartet, um Frauen aus den usa als mögliche Ehefrauen für einsame Farmer ins Land zu holen«, fuhr Brent fort. »Einige Frauen sind bereits in den Südosten von South Australia sowie in die ehemaligen Bergarbeitersiedlungen Clare, Saddleworth und Burra nördlich von Adelaide vermittelt worden. Die beiden Frauen, die mit Ihrer Frau in die Flinders Ranges gefahren sind, sind die ersten in jener Gegend.«
Henry war fassungslos. »Soll das heißen, diese Frauen kennen die Männer, die sie heiraten wollen, überhaupt nicht?«
Das erinnerte ihn an ein Filmmusical aus dem Jahr 1954, Sieben Bräute für sieben Brüder mit Howard Keel und Jane Powell. Aber das war eine erfundene Geschichte gewesen, nicht Wirklichkeit. Was für eine Frau würde denn tausende Meilen weit in ein fremdes Land reisen, um einen völlig Unbekannten zu heiraten?
»Sie haben sich vorher eine Zeit lang geschrieben, mehr nicht. Nicht einmal Fotos haben sie ausgetauscht. Das hört sich merkwürdig an, ich weiß, aber Mr. Cavendish meint, im Outback herrscht ein chronischer Mangel an Frauen. Aus den Großstädten hierzulande will niemand aufs Land ziehen, also sucht er in den usa nach Heiratswilligen. Die bisher geschlossenen Ehen sind offenbar alle glücklich geworden.«
»Chronischer Frauenmangel, sagen Sie …« Nannte Jacqueline sich deshalb Miss Walters? Weil sie auf der Suche nach einem neuen Ehemann war? Er würde es wissen, wenn sie in die Scheidung einwilligte. »Glauben Sie, dass meine künftige Exfrau sich einen reichen Farmer zu angeln versucht?«
»Denkbar wäre es«, antwortete Brent Masterson.
Er persönlich hielt es in diesem Fall zwar für eher unwahrscheinlich, aber er war gespannt auf Henrys Reaktion. Der machte ein langes Gesicht. Offenbar war er in seinem männlichen Stolz gekränkt. Nicht selten besann sich ein Mann, der seine Frau wegen einer Jüngeren verlassen hatte, wieder auf seine Frau, sobald diese einen neuen Partner gefunden hatte. Brent hatte dies mehr als einmal erlebt.
Er wusste aber auch, dass der Ehemann nur in den seltensten Fällen eine zweite Chance bekam. Meistens ging es so aus, dass er sowohl seine Ehefrau als auch seine Geliebte verlor.
Bei ihren Ausritten mit Nick konnte Jaqueline sich selbst davon überzeugen, wie trocken der Boden war. Jetzt verstand sie, weshalb Ben sich so um sein Vieh sorgte. An diesem Nachmittag war ihre dritte Reitstunde. Ein heißer Nordwind war aufgekommen, der dichte Staubwolken aufwirbelte.
Nick war ihr gegenüber höflich, aber distanziert, und das war ihr ganz recht. Das Reiten machte ihr jedoch keinen Spaß. Zurück auf der Farm sagte sie das auch. Sie fühlte sich unsicher, während Nick auf sie den Eindruck machte, als wäre er im Sattel geboren worden.
»Cindy ist immer gern auf Dixie geritten. Sie ist eine lammfromme Stute.«
»Cindy? War Dixie etwa ihr Pferd?«
»Ja, warum?« Nick stieg ab und löste den Sattelgurt seines Pferdes.
»Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt?«
»Was spielt das denn für eine Rolle?«
Jacqueline konnte es nicht fassen. »Was das für eine Rolle spielt? Wie kann man nur so gefühllos sein!«
»Ich bin überhaupt nicht gefühllos.« Nick wurde allmählich ungeduldig. »Warum machen Sie so ein Aufheben davon? Ben wird sich freuen, dass Dixie bewegt wird.«
Jacqueline warf ihm einen bösen Blick zu. »Dann weiß er also gar nicht, dass ich das Pferd seiner Frau reite?«
»Nein, aber er hat bestimmt nichts dagegen.«
»Sind Sie sicher?« Jacqueline stieg ebenfalls ab. »Wenn Dixie nur irgendein altes Pferd ist, warum hat er sie dann nach Cindys Tod nicht verkauft? Er hat mir selbst gesagt, dass das Futter knapp und sehr teuer ist.«
Nick betrachtete die Angelegenheit zum ersten Mal von dieser Seite. »Wahrscheinlich ist er einfach noch nicht dazu gekommen.«
»Ich glaube eher, dass er sich nicht von ihr trennen mag, und ich bin sicher, dass er alles andere als begeistert sein wird, wenn jemand anderes sie reitet.«
»Ich kenne meinen Bruder, Ben ist ein praktisch veranlagter Mann. Es stört ihn bestimmt nicht, wenn sie von jemand anderem geritten wird.«
»Kein Wunder, dass Sie nicht verheiratet sind, so dickfellig wie Sie sind«, fauchte Jacqueline.
Nicks Züge wurden hart. »Sie tragen doch auch keinen Ehering.«
Jacqueline schnappte empört nach Luft. Sie wandte sich rasch ab, weil sie spürte, wie ihr die Tränen kamen.
Nick war verblüfft über ihre Reaktion. »Das war nicht so gemeint«, sagte er besänftigend, weil er sich plötzlich mies fühlte. »Ich weiß ja nichts über Sie, aber Sie wissen auch nichts über mich, und manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen. Wollen wir nicht Frieden schließen? Wenigstens vorläufig.« Er nahm seinem Pferd wie auch Dixie den Sattel ab und band die beiden Pferde an den Koppelzaun.
Jacqueline atmete tief durch. »Einverstanden. Aber ich bleibe dabei: Ben sieht es bestimmt nicht gern, dass ich Cindys Pferd reite, und seine Söhne erst recht nicht.«
In diesem Moment fuhr Ben, der in der Stadt gewesen war, mit dem Ute die Auffahrt herauf und hielt vor dem Haus.
»Sie irren sich«, meinte Nick. »Aber wir werden es gleich wissen.« Er blickte zum Haus hinüber. Ben war ausgestiegen und kam auf sie zu.
Jacqueline folgte seinem Blick. »Egal, was er sagt, ich will keinen Reitunterricht mehr, und damit basta.«
»Reiten zu können kann Ihnen hier draußen unter Umständen das Leben retten. Was, wenn ein Buschfeuer ausbricht und wir irgendwo draußen auf den Weiden sind, um das Vieh in Sicherheit zu bringen? Sie würden hier festsitzen.«
Jacqueline hielt das für höchst unwahrscheinlich. Sie wollte nichts weiter als ein Stück Unabhängigkeit. »Ich würde viel lieber Auto fahren lernen.«
»Ben und ich teilen uns ein Auto, und wir können unmöglich darauf verzichten.«
»Was ist mit dem alten Vehikel in der Garage?« Es stand neben dem Ute – mit einer dicken Staubschicht bedeckt. »Auf dem könnte ich doch fahren lernen. Falls es nicht Cindy gehört hat. Und nachdem es gründlich geputzt worden ist.«
»Das ist Bens Morris Minor Saloon, Baujahr 1928. Ich bezweifle, dass er noch verkehrssicher ist, auch wenn Ben bestimmt anderer Meinung ist.«
Jacqueline wollte unbedingt Tess und Vera besuchen. Tess ging es ausgezeichnet, sie war rundherum glücklich. Tim hatte ihr das Reiten beigebracht, und sie begleitete ihn fast täglich zur Arbeit draußen auf der Farm. Sie lernte sogar, wie man Schafe zusammentrieb.
Vera dagegen klagte nach wie vor über die Einsamkeit. Sie hatte offenbar eine Pferdehaarallergie, konnte also nicht reiten lernen, und Auto fahren konnte sie auch nicht. Sie saß meistens allein zu Hause, und weil Mike keine Hausangestellten beschäftigte, hatte sie den ganzen Tag niemanden zum Reden. Mit Tess, die tagsüber draußen mit Tim unterwegs war, konnte sie sich nur abends über Funk unterhalten. Jacqueline hatte versprochen, sie so bald wie möglich zu besuchen.
»Ich werde Ihnen das Fahren in dieser alten Kiste bestimmt nicht beibringen«, sagte Nick. »Sie würden den ganzen Verkehr gefährden.«
»Oh, vielen Dank! So viel also zum Thema Waffenstillstand.« Jacqueline verschränkte wütend die Arme vor der Brust.
»Wieso? Ich sage doch nur die Wahrheit.«
»Ach ja?« Sie warf ihm einen bösen Blick zu. »Dann werde ich eben Ben bitten, mir das Fahren beizubringen.«
Nick wollte nicht bevormundend sein. Er dachte nur an die Viehtransporter, die die Landstraße befuhren. Wenn Jacqueline als unsichere Fahrerin in dem alten Morris zwischen die riesigen Lastwagen geriet, konnte sie leicht die Kontrolle über das Fahrzeug verlieren.
»Kommt nicht infrage. Ich will nicht, dass Sie das Leben meines Bruders aufs Spiel setzen. Seine Jungs haben schon ihre Mutter verloren, sie müssen nicht auch noch den Vater verlieren.«
»Wir können doch hier auf dem Grundstück bleiben.«
Nick seufzte gereizt. »Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist – Ben ist abends so erschöpft wie ein zwanzigjähriger Hirtenhund nach einem harten Arbeitstag.«
Jacqueline wusste nichts darauf zu erwidern. Es stimmte, Ben arbeitete hart, und sie wollte ihm nicht noch zusätzliche Sorgen aufbürden. Sie wollte andererseits ihr Vorhaben aber auch nicht aufgeben.
Ben war inzwischen fast bei ihnen angelangt. »He, Nick, in der Stadt reden alle über die neueste Wettervorhersage. Es sieht ganz so aus, als würden wir Regen kriegen«, rief er seinem Bruder lächelnd zu.
»Wunderbar. Dann werde ich morgen mit dem Düngen anfangen.«
»Aber nur, wenn der Wind sich legt, sonst kannst du nicht mit dem Flugzeug aufsteigen.«
»Das klappt schon«, erwiderte Nick zuversichtlich.
Ben kannte seinen Bruder. Er war ein Draufgänger. Aber es kam nicht infrage, dass er sein Leben riskierte, um den Dünger auszubringen. »Wir werden morgen Früh entscheiden, was wir machen.« Er warf Jacqueline einen prüfenden Blick zu. Sie wirkte angespannt. »Alles in Ordnung?«, fragte er.
»Sicher.«
Jetzt erst bemerkte Ben die Pferde, die ein paar Schritte hinter ihr am Koppelgatter festgebunden waren. »Sie sind auf Dixie ausgeritten?« Ein Schatten huschte über sein Gesicht.
Jacqueline nickte. »Ich muss mich entschuldigen, Ben. Ich habe nicht gewusst, dass sie Cindys Pferd war.«
»Sie hat nie jemanden auf ihr reiten lassen. Deshalb habe ich Dixie auch nicht verkauft.«
»Das Pferd muss bewegt werden, Ben«, sagte Nick so mitfühlend er konnte.
»Ja, ich weiß«, erwiderte Ben leise. Er kämpfte sichtlich mit sich.
»Ich habe nicht daran gedacht, dass es dir vielleicht etwas ausmachen könnte, wenn jemand anderes Dixie reitet«, fuhr Nick fort. »Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich manchmal ein wenig dickfellig bin, wie man mir gerade gesagt hat.«
Jacqueline schmunzelte.
»Wie alle Männer, schätze ich.« Bens Miene hellte sich auf. Er sah seine Haushälterin an. »Cindy hätte sicher nichts dagegen, dass Sie ihr Pferd reiten. Sie hätte nicht gewollt, dass Dixie vernachlässigt wird, und in letzter Zeit ist sie wirklich zu kurz gekommen.«
»Eigentlich würde ich viel lieber Auto fahren lernen, Ben. Ist das alte Auto in der Garage noch verkehrstüchtig?«
»Mein Morris? Natürlich. Wieso fragen Sie?«
»Wenn ich fahren könnte, könnte ich Vera und Tess besuchen. Verstehen Sie mich nicht falsch, aber mir fehlt die Gesellschaft anderer Frauen.«
Ben nickte. Cindy, die auch nicht hatte Auto fahren können, hatte sich ebenfalls nach weiblicher Gesellschaft gesehnt. Der gelegentliche Besuch einer Nachbarin war zu wenig. »Es tut mir wirklich leid, dass ich Sie noch nicht wie versprochen habe hinfahren können, Jackie. Aber abends bin ich total erledigt.«
»Das verstehe ich ja. Und deshalb wollte ich Sie bitten, mir Fahrstunden in Ihrem Morris zu geben. Ich könnte meinen Führerschein machen und Tess und Vera besuchen, wann immer ich Lust oder Zeit dazu habe. Wir können ja auf dem Grundstück bleiben, wir brauchen nicht hinaus auf die Straße, wo ich womöglich den Verkehr gefährde.« Sie sah Nick viel sagend an.
»Den Verkehr gefährden?« Ben lachte schallend. »Na ja, stimmt! Ich denke, Sie könnten eine Krähe auf einem Zaun erschrecken. Oder eine Eidechse überfahren.«
Jacqueline zog eine Braue hoch und guckte Nick abermals bedeutungsvoll an. »Das möchte ich auf gar keinen Fall. Ich will doch die australische Tierwelt nicht in Gefahr bringen«, bemerkte sie ironisch.
Ben lachte abermals. »Nun, ich denke, das mit den Fahrstunden wird sich einrichten lassen. Ich weiß nur noch nicht, wann.«
»Wie wär’s Sonntagnachmittag nach dem Essen?«, schlug Jacqueline aufgeregt vor. »Hätten Sie da ein Stündchen Zeit?«
»Mal sehen. Falls nichts dazwischenkommt.«
Jacqueline warf Nick einen triumphierenden Blick zu. »Ich werde das Auto auf alle Fälle schon mal putzen.«
»Würden Sie das tun?« Ben machte ein erfreutes Gesicht. »In dem Fall werde ich zusehen, dass ich es einrichten kann.«
»Danke, Ben. Dann bis später.« Sie winkte Nick, der sich wohl oder übel geschlagen gab und begann, die Pferde zu versorgen, zu und wandte sich zum Gehen.
»Ach, Jackie!«, rief Ben ihr nach. »Ich habe die Post geholt, da ist eine Sendung für Sie dabei.«
Jaqueline blieb abrupt stehen und drehte sich langsam um. »Für mich? Niemand weiß, dass ich hier bin.« Sie hatte sich schon seit Tagen vorgenommen, ihrem Vater zu schreiben, was passiert war. Aber das bedeutete, dass sie die ganze fürchterliche Geschichte im Geiste noch einmal durchleben musste, und davor schreckte sie zurück.
»Anscheinend doch. Es ist ein Schrankkoffer für Sie eingetroffen – und ein Brief.«
»Ein Schrankkoffer?«, wiederholte Jaqueline verdutzt.
»Ganz recht.«
Sie wurde blass. Ihren Schrankkoffer hatte sie auf dem Schiff zurückgelassen und nicht damit gerechnet, ihn jemals wiederzusehen. Jaqueline folgte Ben ins Haus.
»Anscheinend hat Ihr Mann herausgefunden, wo Sie sich aufhalten, und Ihnen die Sachen geschickt«, sagte Ben leise.
»Wie ist das möglich?« Jacquelines Herz klopfte. Sie hatte sich in ihrer Anonymität so sicher gefühlt.
»Ich vermute, er hat bei der Agentur Cavendish Erkundigungen eingeholt.«
Jacqueline schüttelte benommen den Kopf. Doch je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer war sie, dass Ben Recht hatte. »Henry muss einen Privatdetektiv engagiert haben«, sagte sie. »Das würde ihm ähnlich sehen. Anders kann ich mir das nicht erklären.«
»Ich werde Nick bitten, den Koffer mit mir ins Haus zu schaffen.«
»Nein«, sagte Jacqueline schnell. »Ich werde Ihnen helfen. Das schaffen wir schon.«
»Sind Sie sicher? Das Ding ist ganz schön schwer.«
»Das macht nichts, das kriegen wir schon hin.«
Nick sah seinem Bruder und Jacqueline nach, wie sie in ein Gespräch vertieft zum Haus zurückgingen. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass Ben mehr über sie wusste als er. Hatte sie ihm etwas über ihre Vergangenheit anvertraut? Nick wusste nicht, warum, aber er verspürte eine leise Eifersucht.