9

Mike traf am Dienstag um die Mittagszeit auf Wilpena ein. Vera, die sich in Jacquelines Zimmer für die Trauung fein machte, sah ihn aus seinem Pick-up aussteigen. Er trug einen dunklen Anzug mit Krawatte und hatte sich die Haare ordentlich frisiert, wie sie entzückt feststellte. Sie seufzte verträumt. Er sah so elegant aus, dass sie auch in einer Kathedrale hätten heiraten können. Doch dann fiel ihr Blick auf seine Füße, und sie musste unwillkürlich lachen. Zum Anzug trug er seine staubigen Arbeitsstiefel. Sie beobachtete, wie er das Bier und das Fleisch für die Hochzeitsfeier aus dem Ute auslud und hörte Ben und Nick wegen seiner Aufmachung frotzeln. Vera konnte gar nicht aufhören zu lächeln. In ihren Augen sah Mike wie der absolute Traummann aus – trotz der staubigen Stiefel.

Sie drehte sich zu Tess und Jacqueline um. »Ist er nicht ein attraktiver Mann?«, schwärmte sie. Sie konnte kaum glauben, wie positiv sich die Dinge für sie entwickelt hatten. Sie hätte platzen können vor Glück.

»Ja, ja«, gab Tess zurück und zog sie von der Verandatür weg. »Jetzt beeil dich lieber, sonst kommst du noch zu spät zu deiner eigenen Trauung.« Sie gab sich alle Mühe, sich ihre Niedergeschlagenheit nicht anmerken zu lassen.

Es wäre ihr viel lieber gewesen, Tim hätte ihr ins Gesicht gesagt, dass sie nicht sein Typ sei oder dass er doch nicht heiraten wolle, aber sich nach ihrer ersten Begegnung ohne ein Wort der Erklärung nicht mehr zu melden war, als hätte er sie vor dem Altar sitzen lassen. Wenn nicht noch schlimmer. Die Nachricht, dass sie den weiten Weg von Amerika hierhergekommen war, um zu heiraten, und Tim ihr eine Abfuhr erteilt hatte, würde sich wie ein Lauffeuer verbreiten. Sie wusste, wie gerne die Leute klatschten, und die Männer auf Wilpena bildeten da keine Ausnahme.

Den Vormittag über hatten die Frauen verschiedene Salate zubereitet, während Nick und Ben und die vier Jungen im Schuppen Bänke und Tische aufgestellt und alles für die Hochzeitsparty vorbereitet hatten. Tess hatte durch das halb geöffnete Badezimmerfenster zufällig eine Unterhaltung zwischen Ben und Nick belauscht.

»Es wäre schön gewesen, wenn Tess und Vera am selben Tag geheiratet hätten«, meinte Ben. »Ich hatte den Eindruck, dass Tess und Tim sich gut verstanden. Aber anscheinend hat er doch noch kalte Füße gekriegt und ist abgehauen.«

»Glaubst du wirklich, er ist fort und hat seinem Verwalter die Leitung der Farm überlassen?«

»Sieht ganz danach aus. Kein Mensch hat ihn seit dem Grillfest mehr gesehen. Das ist wirklich ungewöhnlich.«

Tess fühlte sich gedemütigt, als sie das hörte.

»Tess ist eine klasse Frau, es wird sich schnell herumsprechen, was für ein Esel Tim ist, weil er es nicht gemerkt hat«, sagte Nick.

»Da hast du allerdings Recht.« Nach einer kleinen Pause fuhr Ben fort: »Da wir keine Doppelhochzeit feiern, habe ich mir gedacht, wir feiern im kleinen Kreis. Ich habe die Bensons eingeladen. Tom Stevens und Cyril Luxton waren zufällig dort, um sich eine Schurschere von Ian zu borgen, und haben sich gleich selbst eingeladen. Ein paar Bierchen umsonst, das lassen sich die beiden natürlich nicht entgehen. Aber ich denke mir, dass vor allem Tess der Grund ist. Hoffentlich endet das Ganze nicht damit, dass sie sich ihretwegen die Köpfe einschlagen, wenn sie sich erst mal ein paar hinter die Binde gekippt haben.«

»Ich werde einen Eimer kaltes Wasser bereitstellen. Für alle Fälle«, meinte Nick. Man konnte hören, dass er dabei grinste.

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tess sich für einen von ihnen erwärmen kann«, sagte Ben nachdenklich. Tess schien große Sympathie für Tim zu hegen. Sie war sichtlich bedrückt und enttäuscht, weil er sich nicht mehr meldete.

»Ich kann es ihr nicht verdenken«, erwiderte Nick lachend. »Wäre ich eine Frau, müsste ich ein halbes Fässchen Bier trinken, bevor ich einen der beiden sympathisch finden könnte. Oder besser noch ein ganzes Fass.«

»Hast du in letzter Zeit mal in einen Spiegel geschaut?«, zog Ben ihn auf.

»Nein, weil alle einen Sprung haben, nachdem du das letzte Mal reingeschaut hast«, gab Nick zurück.

Die Brüder lachten.

»Aber ganz im Ernst«, fuhr Ben nach einem Augenblick fort. »Mich wundert’s nicht, dass diese Amerikanerinnen entschieden haben, nicht herzukommen, um Tom und Cyril kennen zu lernen. Das war eine wirklich kluge Entscheidung. Die zwei sind gute Kumpel, aber manchmal muss man sich schon fragen, ob sie zusammen wenigstens ein Hirn haben. Ich gehe jede Wette ein, dass sie von Frauen rein gar nichts verstehen. Ich würde zu gern wissen, was sie den beiden Amerikanerinnen geschrieben haben.«

Nick lachte abermals. »Ja, ich auch. Aber eines muss man ihnen lassen: Für das Grillfest am Samstagabend haben Cyril und Tom sich richtig in Schale geworfen.«

»Ja, aber auch nur, weil Mike ihnen zwei Hemden geliehen und darauf bestanden hat, dass sie saubere Hosen anziehen. Bin gespannt, wie sie heute zur Hochzeit aufkreuzen werden. Aber ich glaube, alle Mühe wäre vergebens. Tess ist einfach viel zu gut für die beiden.«

Tess lächelte, als sie das hörte. Dennoch war sie niedergeschlagen. Sie mochte Tim mehr, als sie zugeben wollte. Ihr einziger Trost war, dass sie keine Zeit gehabt hatte, ihre Gefühle zu vertiefen, sonst hätte die Zurückweisung noch viel mehr geschmerzt.

Um Viertel vor eins traf Reverend Meeke ein, der die Trauung vollziehen würde. Er war jung und erst sechs Monate zuvor in Adelaide zum Priester geweiht worden. Die Stelle als Stellvertreter von Reverend Hopkins in der Kirche St. Luke in Hawker war seine erste. Reverend Meeke war ein stiller, einfühlsamer und fürsorglicher Mensch und bei den Frauen sehr beliebt. Da er Schwierigkeiten hatte mit der rauen Art der Männer auf dem Land und ihren teils recht groben Scherzen, war er gleichsam zur Abhärtung in die Berge geschickt worden. Mit Erfolg: Inzwischen zog er sich bei entsprechenden Bemerkungen nicht mehr in sein Schneckenhaus zurück, sondern lachte mit.

Bräute pflegten im Allgemeinen verspätet zu ihrer Trauung zu erscheinen. Nicht so Vera. Sie war so aufgeregt, dass sie lange vor der eigentlichen Zeremonie in die Scheune eilte. Sie trug ein schlichtes knielanges, ärmelloses cremefarbenes Kleid, das sie sich eigens für ihre Hochzeit gekauft hatte. Es betonte ihre schlanke Figur und passte sehr gut zu ihren goldblonden Haaren. Mike strahlte, als er sie erblickte.

Tess und Jacqueline begleiteten ihre Freundin. Tess hatte das butterblumengelbe Kleid angezogen, das sie sich eigentlich für ihre Hochzeit gekauft hatte, weil es ihr einziges wirklich gutes Kleid war. Als Tom und Cyril sie und Jacqueline sahen, sperrten sie Mund und Augen auf und gafften die Frauen ungeniert an, bis Ben sie in die Rippen stieß und strafend ansah.

Die zwei Farmer waren zu Pferd und in ihrer Arbeitskleidung – verdreckten Hosen und ausgeleierten, schmuddeligen, einst marineblauen Unterhemden – gekommen. Beide waren unrasiert und stanken nach Schaf. Sogar ihre Hüte waren zerbeult und speckig. Als Ben sie beiseitenahm und darauf hinwies, dass es angebracht gewesen wäre, vorher zu baden und sich umzuziehen, guckten sie ihn erstaunt an.

»Wozu denn so ein Aufwand?«, meinte Tom. »Bloß weil Mike diese Kleine heiratet, die er praktisch kaum kennt?«

»Kein Wunder, dass ihr immer noch ledig seid«, knurrte Ben.  

»Ich weiß gar nicht, was du hast«, erwiderte Cyril beleidigt. »Wir haben den ganzen Morgen gearbeitet.« Da sie sich selten in Gesellschaft von Frauen befanden, war ihr Äußeres normalerweise unwichtig.

Ben schüttelte den Kopf. »Ist euch schon mal aufgefallen, dass mehr Fliegen um euch herumschwirren als um einen Misthaufen?«

»Sind auch nicht mehr als sonst«, brummelte Tom und verscheuchte mit einer lässigen Handbewegung die Fliegen von seinem Gesicht.

»Frauen aus der Stadt mögen keine Fliegen«, sagte Ben und trat ein paar Schritte zurück, als fürchtete er, die üble Dunstwolke könnte an ihm hängen bleiben. Er hatte geduscht und trug saubere Sachen.

»Warum kommen sie dann zu uns aufs Land, wenn sie keine Fliegen leiden können?«, entgegnete Cyril mit seiner Ansicht nach unschlagbarer Logik.

»Genau. Wenn eine Frau einen Farmer heiraten will, dann erwartet sie doch, dass er wie sein Vieh riecht«, ergänzte Tom selbstgefällig.

»Aber nicht auf einer Hochzeit.« Ben sah Nick an und schüttelte den Kopf. Er wusste, dass er nur seine Zeit vergeudete. Tom und Cyril stierten schon wieder zu Tess und Jacqueline hinüber.

Nick lachte. »Sogar die Schafe rennen vor den beiden davon«, raunte er seinem Bruder zu. »Verdenken kann man’s ihnen nicht.«

Tom und Cyril konnten es kaum erwarten, dass die Zeremonie anfing, weil die Getränke erst nach der Trauung ausgeschenkt wurden. Sie brauchten ein paar Bierchen, um sich Mut anzutrinken, damit sie sich an Jacqueline und Tess heranmachen konnten.

Zwei weitere Viehzüchter kamen herangeritten. Ben war nicht überrascht, sie zu sehen. Sobald sich herumgesprochen hätte, dass sich zwei unverheiratete Frauen auf Wilpena aufhielten, würden sicher noch mehr Männer den Weg auf seine Schaffarm finden. Die Neuankömmlinge wurden herzlich willkommen geheißen. Kurz darauf trafen die Bensons, die nächsten Nachbarn, mit ihrem Pick-up ein. Meryl hatte ein hübsches geblümtes Sommerkleid an und trug Schuhe mit hohen Absätzen. Ian, ihr Mann, sah aus, als wäre er direkt aus einem Schafpferch gekommen. Das war er auch, aber Meryl hatte darauf bestanden, dass er sich wenigstens ein frisches Hemd anzog.

Dann war es endlich so weit. Reverend Meeke bat das Brautpaar, sich bei den Händen zu fassen.

»Du siehst wunderschön aus«, flüsterte Mike Vera zu. Seine Hände zitterten.

»Du aber auch«, erwiderte sie leise. Sie war so aufgeregt. Dass Mike sich ihretwegen solche Mühe gegeben und einen Anzug angezogen hatte, obwohl er sich sichtlich unwohl darin fühlte, rechnete sie ihm hoch an.

»Liebe Freunde, liebe Nachbarn. Wir haben uns heute hier versammelt …«, begann der Reverend.

In diesem Moment war in der Auffahrt wieder Hufgetrappel zu hören. Tess drehte sich um, aber es war nicht Tim, wie sie gehofft hatte, sondern erneut zwei Viehzüchter. Enttäuscht wandte sie sich wieder um und kramte ein Taschentuch aus ihrer Handtasche. Sie wusste, sie würde während der Trauzeremonie weinen müssen.

Sie und Vera hatten sich auf der Überfahrt fast jeden Abend ihre Hochzeit ausgemalt, hatten überlegt, ob sie morgens kirchlich oder ganz leger am Nachmittag oder abends in einem Garten oder vielleicht sogar unter dem Sternenhimmel heiraten würden. Aber jedes Mal hatten sie sich vorgestellt, dass sie es Seite an Seite taten. Nie war ihnen der Gedanke gekommen, nur eine von ihnen könnte vor dem Altar stehen. Vera hatte sich schon einige Male entschuldigt, aber sie konnte ja nichts dafür, und Tess hatte nach Kräften versucht, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

Unmittelbar vor dem Ringtausch bat Mike den Reverend, ein paar Worte sagen zu dürfen. Er war es nicht gewohnt, über seine Gefühle zu sprechen, aber er wusste, dass sich das ändern musste. Diese Eheschließung war für ihn die erste und sollte auch die letzte sein. Und eines hatte er sich geschworen: Er würde Vera niemals für selbstverständlich nehmen.

Reverend Meeke nickte. »Aber natürlich. Nur zu.«

Mike blickte in Veras glänzende blaue Augen und versuchte, seine Gefühle in den Griff zu bekommen. Nach ein paar Sekunden räusperte er sich und begann leise:

»Ich hatte die Hoffnung, eine Frau zu finden, mit der ich mein Leben teilen kann, fast schon aufgegeben. Da hatte Ben die Idee mit der Anzeigenkampagne. Anfangs war ich skeptisch, aber dann sagte ich mir: Was soll’s? Du hast doch nichts zu verlieren. Ich hätte nie gedacht, dass das funktionieren würde, aber dann hast du, Vera, auf meine Anzeige geantwortet. Als wir uns schrieben, habe ich mir ein Bild von dir gemacht. Und du hast dir wahrscheinlich auch eines von mir gemacht.« Ben hatte geraten, keine Fotos auszutauschen, damit man sich nicht von Äußerlichkeiten beeinflussen ließ.

Vera nickte lächelnd.

»Ich weiß nicht, ob ich deinen Vorstellungen entspreche, aber ich weiß, dass du tausendmal besser bist als die Frau, von der ich jede Nacht geträumt habe. Ich habe mir offen gestanden keine allzu großen Hoffnungen gemacht, dass wir Zuneigung füreinander empfinden würden, aber dann habe ich mich im ersten Moment schon in dich verliebt, und zwar heftig …« Er lachte verlegen, und Vera stimmte mit ein, weil sie genauso empfand. Sie würden ohne jeden Zweifel eine leidenschaftliche Hochzeitsnacht verbringen.

»He, Rawnsley, benimm dich«, rief Ian Benson dazwischen, und die Männer lachten schallend.

Mike bekam rote Ohren, sah Vera aber unverwandt an. »Ich glaube, ich darf sagen, dass wir ein bisschen älter und klüger als zwei schwärmerische Teenager sind.« Vera nickte zustimmend. Aus dem Hintergrund rief ihm jemand zu, er sei ein alter Knacker, und wieder lachten alle. Mike achtete nicht darauf. »Ich glaube, unsere Ehe hat wirklich alle Chancen. Ich fühle mich auserwählt, weil ich mich jetzt auf meine Zukunft freuen kann, und ich habe einen Grund, morgens aufzustehen und den ganzen Tag hart zu arbeiten. Du wartest auf mich, wenn ich abends nach Hause komme.«

Vera standen Tränen in den Augen. Sie drückte Mikes Hände und sah ihn zärtlich an. »Es war ein großes Wagnis, hierherzukommen, um einen wildfremden Mann zu heiraten«, erklärte sie bewegt. »Daheim in den Staaten erklärte uns jeder für verrückt. Aber etwas sagte mir, dass ich das Richtige tue – vielleicht war es weibliche Intuition, vielleicht war es Wahnsinn, ich weiß es nicht. Ich habe mir einen schüchternen, einsamen Farmer vorgestellt. Er sah nicht so gut aus wie du, und er brachte mein Blut nicht in Wallung wie du, und trotzdem bin ich gekommen. Und jetzt … Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Gefühl, meinen Platz gefunden zu haben. Ich freue mich auf eine gemeinsame Zukunft mit dir, und ich fühle mich geehrt, dass du mich zur Frau nimmst.« Vera lächelte, aber in ihren Augen schimmerten Tränen. »Ich bin mir ganz sicher, dass unsere Gefühle füreinander sich zu einer tiefen Liebe entwickeln werden, einer Liebe, die ein Leben lang halten wird.«

Mike lächelte. Ihre Worte hatten auch ihn sichtlich bewegt, und sie spürte, dass er das Gleiche dachte wie sie.

Sie tauschten die Ringe, und dann sagte der Reverend: »Hiermit erkläre ich euch zu Mann und Frau. Sie dürfen die Braut jetzt küssen, Mr. Rawnsley.«

Mike zögerte einen Augenblick.

»Na los, Mike, gib ihr einen kräftigen Schmatz!«, forderte Nick ihn auf, und alle lachten, pfiffen und jubelten. Die Worte erinnerten Jacqueline an ihre heiße Liebesnacht, und ihre Wangen brannten, als Nick sich kurz zu ihr umdrehte.

Mike nahm Vera in seine Arme und küsste sie stürmisch. Alle klatschten Beifall, traten dann näher und gratulierten dem Paar mit Küsschen oder Schulterklopfen.

Plötzlich fiel ein Lasso über Tess’ Kopf. Die Schlinge zog sich zu, sodass ihre Arme seitlich an ihren Körper gefesselt waren. Tess schnappte erschrocken nach Luft und drehte sich um. Was sie entdeckte, ließ ihr Herz aufgeregt höher schlagen. Einige Meter hinter ihr saß Tim in weißem Hemd und mit einem weißen Cowboyhut auf einem großen Schimmel. Das andere Ende des Lassos hatte er um den Sattelknauf geschlungen.

»Was soll das denn?«, stammelte Tess, als sie sich von ihrem ersten Schreck erholt hatte.

Alle drehten sich zu Tim um. Eine Sekunde lang wirkte er verunsichert, doch dann sagte er: »Ich habe mir meine Frau eingefangen.«

»Was?« Tess fiel aus allen Wolken. Keiner sprach ein Wort, alle starrten Tim ungläubig an.

Der wurde blass und schluckte schwer. Er hatte nicht damit gerechnet, dass alle ihre Aufmerksamkeit auf ihn richten würden. Seine Kehle war so trocken wie der Staub, den die leichte Nachmittagsbrise aufwirbelte.

Tess fürchtete schon, er werde sein Pferd herumreißen und davongaloppieren, aber Tim sah ihr fest in die Augen und platzte heraus: »Willst du … willst du meine Frau werden, Tess Clarke?«

Tess traute ihren Ohren nicht. »Deine Frau?«, wiederholte sie kaum hörbar.

Tim stieg ab, ging zu ihr, streifte ihr das Lasso über den Kopf und wickelte es mit zitternden Händen auf. »Ja, Tess, meine Frau. Willst du mich heiraten?« Er sah sie ernst an.

Da erst kam Tess zu Bewusstsein, dass er es tatsächlich ernst meinte. Sie suchte einen Augenblick nach Worten. »Als du dich nicht mehr gemeldet hast, dachte ich, du möchtest mich nicht«, sagte sie leise.

Tim gingen tausend Fragen durch den Kopf. Hatte sie sich in einen anderen verliebt? Es gab genug ledige Männer, die keine Zeit verlieren und sich um sie bemühen würden. Er verwünschte sich für sein Zaudern.

»Ich war unterwegs, ich habe die ganze Gegend nach einem Schimmel abgesucht, weil ich dir einen romantischen Antrag machen wollte.« Tim warf den anderen Männern einen flüchtigen Blick zu und wurde rot. »Aber ich sehe schon, es war ein Fehler.« Er ließ den Kopf hängen. Er kam sich wie der größte Idiot ganz Australiens vor.

Tess löste sich augenblicklich aus ihrer Erstarrung. »Nein! Nein, das war kein Fehler! Das ist wundervoll, was du dir da ausgedacht hast, und du siehst so … so unheimlich gut aus!« Sie lachte nervös.

»Dann willst du mich also heiraten?«, fragte Tim mit brüchiger Stimme. Er konnte es noch gar nicht glauben.

»Ja! Ja, ich will!«, erwiderte Tess halb lachend, halb weinend und warf sich in seine Arme.

Tim strahlte, als er sie hochhob und herumwirbelte. »Ich hab mir immer schon ein Mädchen einfangen wollen. Aber sich eine Ehefrau einzufangen ist tausendmal besser!« Er küsste sie leidenschaftlich. Die Hochzeitsgäste johlten und klatschten Beifall.

Tim hatte für sein Vorhaben seinen ganzen Mut zusammennehmen müssen. Er hatte als Dreizehnjähriger ein Erlebnis gehabt, das ihn nachhaltig geprägt hatte. Fast ein ganzes Jahr hatte er heimlich für seine Klassenkameradin Lucy Fisher geschwärmt. Als er seinen Vater fragte, wie er ihre Zuneigung gewinnen könne, riet er ihm, ihr eine Schachtel Pralinen zu schenken. Tim wusste, wann Lucy Geburtstag hatte, und so überraschte er sie an diesem Tag nach der Schule mit einer riesigen, goldfarbenen Schachtel erlesener Köstlichkeiten, für die er wochenlang sein Taschengeld gespart hatte. Lucys Freundinnen waren zugegen, als er ihr das Geschenk überreichte. Sie waren neidisch und eifersüchtig und kicherten und machten sich lautstark über ihn lustig. Lucy, die sich vor ihren Freundinnen nicht blamieren wollte, lachte Tim ins Gesicht, warf die Schachtel achtlos auf den Boden und ließ ihn stehen.

Tim hatte während seiner ganzen Schulzeit nie wieder ein Mädchen angesehen. Nach der Schule zogen die Mädchen entweder fort, um anderswo Arbeit zu suchen, oder heirateten, und Tim hatte keine Gelegenheit mehr gehabt, eine Frau kennen zu lernen, die ihm geholfen hätte, seine schlechte Erfahrung zu vergessen.

In der Nacht nach seinem ersten Treffen mit Tess hatte Tim kein Auge zugetan. Er musste unentwegt an sie denken. Er wusste, die Gelegenheit, noch einmal einer Frau wie ihr zu begegnen, würde sich nie wieder bieten, und er hatte panische Angst, durch seine Unfähigkeit alles zu verderben. Er fürchtete, dass es schon zu spät war, weil er das Grillfest so überstürzt verlassen hatte, und sah nur noch eine Chance: Er musste ihr irgendwie imponieren. Aber wie?

Tim dachte an seinen Vater, der ein überaus romantischer Mann gewesen war, der seiner Frau oft Blumen mitgebracht oder ihr kleine Gedichte geschrieben hatte. Seine Mutter hatte ihm einige Male erzählt, wie er auf einer Kutschfahrt durch den Londoner Hyde Park um ihre Hand angehalten hatte. Sie war so hingerissen, dass sie gar nicht auf den Gedanken gekommen wäre, seinen Antrag abzulehnen. Diese kleinen romantischen Gesten waren es, die eine Beziehung lebendig erhielten, hatte sie ihrem Sohn mit auf den Weg gegeben.

Eine Kutsche würde er nicht auftreiben können, das wusste Tim, und so war er auf die Idee mit dem Schimmel gekommen. Doch dann war es schwieriger und zeitaufwendiger gewesen, einen Schimmel zu finden, als er gedacht hatte. Und als er Tess mit dem Lasso eingefangen und ihr entsetztes Gesicht gesehen hatte, fühlte er sich wieder wie damals als Dreizehnjähriger vor Lucy Fisher. Eine Sekunde lang hatte er fest damit gerechnet, aufs Neue ausgelacht zu werden.

»Wer hätte das von Tim gedacht«, sagte Ben zu seinem Bruder. Er grinste übers ganze Gesicht. Er freute sich vor allem über die fassungslosen Mienen von Tom und Cyril.

»Ich bestimmt nicht«, erwiderte Nick kopfschüttelnd. »Bist du sicher, dass das Tim Edwards ist und nicht irgendein Doppelgänger, der sich als Cowboy verkleidet hat?«

»Schätze, er will einen edlen Ritter darstellen«, meinte Ben, war sich aber nicht ganz sicher.

Nick zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber er hat sein Mädchen gekriegt, das ist die Hauptsache.«

»Na, ihr zwei, habt ihr gut aufgepasst?«, wandte sich Ben an Tom und Cyril. »So erobert man eine Frau! Und nicht mit einem dreckigen Unterhemd und einem Knuff in die Rippen.«

Cyril machte ein beleidigtes Gesicht, aber Tom schien unbeeindruckt. »Wenn mich eine haben will, dann muss sie mich nehmen, wie ich bin«, maulte Cyril.

»Ja, mich auch«, ergänzte Tom. Kein Mensch würde ihn dazu kriegen, in so einem Aufzug herumzulaufen, nur um Eindruck bei einer Frau zu schinden.

»Tja, warum zieht ihr zwei dann nicht zusammen?«, schlug Nick vor.

Ben lachte laut heraus. Tom und Cyril wechselten einen verlegenen Blick und liefen rot an.

»Heißt das, ich soll noch eine Trauung vollziehen?«, fragte Reverend Meeke.

»Sieht ganz danach aus«, erwiderte Ben.

Tim hatte es gehört. »Vielleicht können Sie mir ja ein Sonderangebot machen, Reverend. Zwei zum Preis von einer«, scherzte er. Sein Selbstbewusstsein hatte gewaltigen Auftrieb bekommen.

Der Reverend lachte. »Ja, warum nicht!«

Jacqueline hielt sich im Hintergrund, als Tim und Tess getraut wurden. Sie freute sich sehr für Vera und besonders für Tess, die ihren Traummann doch noch bekam. Aber das Glück der anderen erinnerte sie auch an ihr eigenes Unglück. Sie dachte an Henry und fragte sich unwillkürlich, ob er seiner Verity schon einen romantischen Antrag gemacht hatte, obwohl er von ihr, Jacqueline, noch gar nicht geschieden war.

Jacqueline ahnte nicht, dass Nick sie beobachtete. Etwas beschäftigte, ja bedrückte sie, das konnte er ihr ansehen, auch wenn sie sich alle Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen. Er hätte zu gern gewusst, was hinter dieser hübschen Stirn vor sich ging.

Nach der Trauzeremonie grillte Ben das Fleisch und bewirtete seine Gäste, und Jacqueline ging ihm dabei zur Hand. Sooft einer der Männer mit ihr zu flirten versuchte, ließ sie ihn höflich, aber bestimmt abblitzen. Als sie das Gefühl hatte, dass es nichts mehr für sie zu tun gab, entfernte sie sich unauffällig von der Hochzeitsgesellschaft und ging ins Haus zurück.

Sie war innerlich viel zu aufgewühlt, um zur Ruhe zu kommen. Früher hatte sie sich immer in einem ausgiebigen Bad entspannt, aber diesen Luxus konnte sie sich auf Wilpena nicht leisten. Oder vielleicht doch? Sie dachte an die ausrangierte Badewanne hinter dem Geräteschuppen. Dort wäre sie völlig ungestört. Aber Ben würde sicherlich zornig werden, wenn sie Wasser für ein Bad verschwendete. Ach was, sagte sie sich dann. Ein einziges Bad! Die anderen würden sowieso nichts merken, die würden die nächsten Stunden mit Essen und Trinken beschäftigt sein.

Jacqueline ging noch einmal hinaus und vergewisserte sich, dass die Hunde Wasser hatten – füttern würde sie sie später. Zurück in der Küche suchte sie nach einem Lappen, um die Badewanne vor dem Füllen zu putzen. In diesem Moment kamen Vera und Tess aufgeregt plappernd herein und gingen in ihr Zimmer. Jacqueline folgte ihnen und streckte den Kopf zur Tür hinein.

»Was habt ihr denn vor?«

»Wir packen, wir werden bald abreisen. Unser neues Zuhause wartet«, sagte Vera fröhlich.

»Oh«, machte Jacqueline enttäuscht.

»Was hast du denn?«, fragte Tess.

»Ach, nichts. Es ist nur … Ihr werdet mir ganz schrecklich fehlen«, fügte sie bedrückt hinzu.

Vera und Tess wechselten einen schuldbewussten Blick. In ihrer überschwänglichen Freude hatten sie keinen Gedanken mehr an Jacqueline und deren Gefühle verschwendet.

»Wir sind doch nicht aus der Welt«, tröstete Tess sie. »Ben hat uns versprochen, dass er dich so oft wie möglich zu uns fährt.«

»Trotzdem«, murmelte Jacqueline geknickt. »Ich weiß nicht, wie ich ohne euch hier zurechtkommen soll. Das wird eine einzige Katastrophe werden.« Wenn sie nur ans Kochen dachte, noch dazu für so viele Personen. Sie würde darauf bestehen, dass diese Dot das übernahm.

»Du schaffst das schon.« Tess legte ihr einen Arm um die Schultern.

Jacqueline war sich da nicht so sicher. Bens Söhne konnten sie nicht leiden, das Verhältnis zu Nick war getrübt, und Ben schien entschlossen, sie wie eine Sklavin zu halten. Könnte ich doch mein altes Leben zurückhaben!, dachte sie. Sie wünschte sich inständig, alles wäre wieder so wie früher. Ihr war nach Weinen zumute, aber sie kämpfte tapfer gegen die Tränen an. Sie wollte Vera und Tess nicht ihren Hochzeitstag verderben. »Kommt ihr mich auch besuchen?«, fragte sie kläglich.

»Sooft es geht«, versicherte Tess, während sie ihren Koffer aufklappte.

»Tim und Mike haben ja auch Funkgeräte zu Hause, wir drei können also jeden Tag miteinander plaudern«, meinte Vera.

Das war nicht das Gleiche wie miteinander unter demselben Dach zu wohnen, aber Jacqueline sagte nichts.

»Du kommst schon klar, das klappt schon, du wirst sehen«, fuhr Vera aufmunternd fort.

»Wie weit seid ihr denn weg?«, fragte Jacqueline und merkte selbst, dass sie sich wie ein kleines Mädchen anhörte.

»Nur ein paar Meilen«, erwiderte Vera.

»Was sagst du zu Tims Heiratsantrag, Jacqueline?«, fragte Tess erwartungsvoll. »War das nicht süß?«

»O ja, das war es wirklich«, entgegnete Jacqueline. Sie versuchte so viel Begeisterung zu zeigen wie möglich. »Wer hätte gedacht, es könnte so romantisch sein, wie ein Stier mit dem Lasso eingefangen zu werden?«

»Also, ich nicht! Ich war so perplex, dass es mir glatt die Sprache verschlagen hat, und das sieht mir gar nicht ähnlich.«

»Das stimmt allerdings«, warf Vera ein. »Tess ist wirklich nicht auf den Mund gefallen. Und je glücklicher sie ist, desto besser funktioniert ihr Mundwerk. Der arme Tim tut mir jetzt schon leid!«

»Ach, du!« Tess schlug im Spaß nach ihr. »Tim hat mir erzählt, er habe mich von dem Moment an heiraten wollen, als er gesehen habe, dass ich mich fürs Lassowerfen interessiere. Jetzt werde ich natürlich auch in Zukunft so tun müssen, als ob mich das faszinieren würde.« Sie verdrehte in gespielter Verzweiflung die Augen. »Aber er hat auch gesagt, dass er mich unwiderstehlich und wunderschön findet«, fügte sie strahlend hinzu. »Die Mühe lohnt sich also.«

»Und er hat wirklich so lange nach einem Schimmel suchen müssen?«, fragte Jacqueline.

Das war schon bemerkenswert. Sie hatte gar nicht gewusst, dass es Männer gab, die sich so sehr bemühten, eine Frau glücklich zu machen. Sie hatte noch keinen getroffen.

»Ja, er musste bis nach Peterborough – das liegt weiß Gott wie viele Meilen weit weg. Deshalb dachten alle, er hätte kalte Füße gekriegt und sich aus dem Staub gemacht.«

»Einen Mann wie diesen muss man schon suchen«, meinte Vera kopfschüttelnd.

Tess strahlte vor Stolz. »Ja, nicht wahr? Ich hoffe nur, dass er auch während der Ehe so romantisch bleibt.«

Irgendwo vor dem Haus wurde gehupt.

»Das wird mein Mann sein«, sagte Vera ganz aufgeregt und ließ den Kofferdeckel zuschnappen. An Jacqueline gewandt, fügte sie hinzu: »Wir nehmen Tess und Tim nach Arkaba Station mit, bevor wir nach Hause fahren, weißt du.« Der Schimmel würde auf Wilpena bleiben, bis Tim ihn holen konnte.

Jacqueline musste lächeln über Tess’ ehrfürchtig staunenden Gesichtsausdruck, als Vera die Worte »nach Hause« benutzte. Sie umarmte die beiden ein letztes Mal. »Viel Glück, ihr zwei. Ich hoffe, ihr werdet sehr, sehr glücklich.«

»Wir tun unser Bestes«, erwiderte Tess trocken. »Und du hör auf, dir Sorgen zu machen. Dieses eine Jahr wird im Nu herum sein, und du wirst eine Menge nützliche Dinge lernen, du wirst sehen.«

»Ja, vielleicht«, entgegnete Jacqueline leichthin.

Falls sie durch irgendein Wunder tatsächlich ein Jahr aushalten sollte, würde sie gewiss nie wieder eine Stelle annehmen, wo sie kochen oder putzen musste, so viel stand fest.

Jacqueline stand auf der Veranda und beobachtete, wie Tim und Tess auf die Ladefläche von Mikes ramponiertem Ute kletterten. Vera saß natürlich vorne bei ihrem Mann. Mike ließ den Motor an, und dann fuhren die vier winkend und unter dem lauten Jubel der Hochzeitsgäste in einer Staubwolke davon. Ein wehmütiges Lächeln spielte um Jacquelines Lippen. Dann wandte sie sich ab, ließ in der Küche einen Eimer voll Wasser laufen und ging wieder hinaus, um die alte Wanne zu putzen.

Zur gleichen Zeit bat Ben Sid, nach den Hunden zu sehen, für den Fall, dass Jacqueline es vergessen haben sollte. Als Sid den Zwinger betrat, sah er zufällig, wie Jacqueline hinter dem Zaun neben dem Geräteschuppen verschwand. In aller Eile gab er den Hunden ihr Fressen. Dann schlich er Jacqueline hinterher. Er spähte um die Ecke des Schuppens und sah, dass sie die alte Wanne säuberte. Schnell flitzte er zu seinen Brüdern zurück und erzählte ihnen von seiner Beobachtung.

»Was sie wohl vorhat?«, überlegte Geoffrey. »Im Haus hat sie doch noch kein einziges Mal einen Putzlappen angefasst, und jetzt macht sie die Wanne sauber? Merkwürdig.«

»Vielleicht will sie ein Bad nehmen«, sagte Bobby. »Es sei denn, Dad hat sie darum gebeten, die Wanne zu schrubben, weil er sie braucht.«

»Kann ich mir nicht vorstellen.« Jimmy schüttelte den Kopf. »Im Moment brauchen wir keinen weiteren Wassertrog.«

»Bobby hat Recht. Sie will baden. Kommt, das sehen wir uns an.« Geoffrey grinste.

»Bist du verrückt?« Bobby starrte seinen Bruder entgeistert an. »Dad bringt uns um, wenn er herauskriegt, dass wir … dass wir heimlich eine nackte Frau beluchst haben.«

Geoffrey boxte ihn auf den Arm. »Ich will sie doch nicht nackt sehen, du Trottel«, zischte er. »Vielleicht fällt uns etwas ein, wie wir sie dazu bringen können, von hier abzuhauen.«

»Ach so, das ist was anderes«, meinte Bobby erleichtert.

Die vier Brüder vergewisserten sich, dass ihr Vater abgelenkt war, dann huschten sie davon.

Als die alte Wanne voll war, holte Jacqueline ein Handtuch aus dem Bad und zog sich dann hinter dem Geräteschuppen aus. Ihre Sachen warf sie über den Zaun des Gemüsegartens, an dem eine Kletterpflanze emporrankte, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Der Zaun war vollständig zugewuchert, sodass sie vor neugierigen Blicken sicher war. Sie stieg in die Wanne und ließ sich genüsslich seufzend in das Wasser gleiten.

Jacqueline legte den Kopf zurück, schloss die Augen und spürte, wie ihre Anspannung allmählich nachließ. Sie konnte sich fast vorstellen, in ihrem Badezimmer daheim in New York zu sein. Fast. Jener Teil ihres Lebens kam ihr jetzt schon wie eine ferne Erinnerung vor.

Unterdessen schlichen sich Bobby und Geoffrey von der anderen Seite an den Zaun heran, über dem Jacquelines Kleider hingen. Sid und Jimmy standen Schmiere – der eine hinter dem Haus, der andere an der Seite. Ganz leise und vorsichtig zogen die beiden Brüder die Kleidungsstücke und das Handtuch vom Zaun und ließen sie auf ihrer Seite hinunterfallen, wo sie für Jacqueline unerreichbar waren. Sie würde zum Gartentor und um den Zaun herumgehen müssen, um sie wiederzuholen. Angezogen waren ein paar Meter keine Entfernung, splitterfasernackt allerdings schon. Die Jungen mussten sich beherrschen, um nicht laut loszuprusten.

Nach einer Weile öffnete Jacqueline die Augen. In den Bäumen ringsum saßen Vögel. Sie hörte eine Krähe krächzen, eine zweite antwortete. Irgendwo in der Ferne stieß ein Kookaburra sein keckerndes Lachen aus. Ein Schwarm Gelbwangenkakadus flog kreischend über sie hinweg, und unter einem Baum schrie ein Galah, der nach Samenkörnern suchte. Sogar der eine oder andere Schmetterling flatterte vorbei, und ein paar neugierige Spatzen ließen sich in den Büschen ringsum nieder. Ein tiefer Frieden erfüllte Jacqueline, zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Australien.

Sie ließ ihre Blicke über die Eukalyptusbäume schweifen, deren Schönheit sich ihr erst jetzt erschloss. Sie kamen ihr nicht mehr so eintönig wie bei ihrer Ankunft vor. Ein endloser blauer Himmel spannte sich über ihr. Die beschauliche Landschaft tat ihrer wunden Seele gut. Alles würde gut werden, sie musste die Dinge einfach auf sich zukommen lassen und nicht jede Einzelheit im Voraus planen, wie sie das früher immer getan hatte. Jacqueline hatte lernen müssen, dass vier kleine Wörter jeden noch so perfekten Plan zunichte machen konnten, vier kleine Wörter: Ich möchte die Scheidung.

Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Eukalyptusbäumen zu. Ihre Stämme schimmerten in verschiedenen Weiß- und Grautönen. Einige waren vollkommen glatt, während andere ihre Rinde in großen Stücken abwarfen, was einmalig auf der Welt war, soviel Jacqueline wusste. Einige Bäume waren schwarz und verkohlt, wie sie sorgenvoll bemerkte. Offenbar ein Andenken an ein Buschfeuer. Die Eukalyptusbäume waren ganz anders als die Bäume, die sie aus den Staaten kannte. Sie schienen unter härtesten Bedingungen um ihr Leben kämpfen zu müssen. Dieser Gedanke half Jacqueline, ihre eigene Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Das Leben war nicht immer leicht, aber irgendwie musste es weitergehen.

Ein Rascheln schreckte sie aus ihren Überlegungen. Sie fuhr auf, Wasser schwappte über den Wannenrand. Vorsichtig beugte sie sich vor und suchte ängstlich den Boden nach Schlangen ab. Nichts. Dann sah sie ein Känguru auf der anderen Seite des Gemüsegartens und lehnte sich erleichtert zurück. Das Tier hatte sich aufgerichtet und beobachtete sie neugierig. Jacqueline schmolz beim Anblick des possierlichen Beuteltiers dahin. Sein gräuliches Fell sah seidenweich aus. Seinem sehnsüchtigen Blick auf den Gemüsegarten nach zu urteilen, hatte der arme Kerl Hunger. Da es lange nicht geregnet hatte, wuchs kaum noch ein Grashalm, und die spärlich vorhandene Nahrung mussten die Kängurus sich mit den Emus und den Schafen oder Rindern der Viehzüchter teilen.

Während Jacqueline wieder ihren Träumen nachhing, überlegten die vier Brüder, wie sie ihren Vater dazu bewegen konnten, im Haus nach Jacqueline zu suchen.

»Wir könnten sagen, wir hätten Rauch gerochen«, schlug Sid vor.

»Nein.« Geoffrey schüttelte den Kopf. »Dad würde sofort merken, dass nirgendwo ein Feuer brennt.« Er dachte nach. Plötzlich hellte sich seine Miene auf. »Ich hab’s!«

Er ging zu seinem Vater, setzte eine besorgte Miene auf und meinte: »Als Sid zu den Hunden gegangen ist, kam es ihm so vor, als hätte er Jackie weinen hören, Dad.«

Ben nickte. »Ich werd mal nach ihr sehen.« Er konnte sich gut vorstellen, dass sie nach dem Abschied von ihren beiden Freundinnen traurig war und sich allein fühlte.

Nick, der den Wortwechsel zufällig mit angehört hatte, sagte: »Lass nur, Ben, ich muss sowieso ins Bad, ich werde mich um Jackie kümmern.«

»Ich weiß nicht recht.« Ben zögerte. Jacqueline hatte sich ihm anvertraut, deshalb hielt er es für besser, wenn er zu ihr ging.

»Wir sind prima miteinander ausgekommen«, versicherte Nick. »Ich seh mal nach ihr.«

Ob sie ihm auch von ihrem untreuen Mann erzählt hatte? Ben wollte nicht danach fragen. »Na gut. Aber sag Bescheid, wenn ich etwas tun kann.«

»Mach ich.«

Nick ging zum Haus. Seine Neffen schauten ihm nach und grinsten verstohlen. Ob Jacqueline nun von ihrem Vater oder ihrem Onkel nackt im Garten überrascht wurde, spielte keine Rolle. Es würde ihr auf alle Fälle furchtbar peinlich sein.

Jacqueline fühlte sich tatsächlich etwas entspannter und kletterte rasch aus der Wanne. Sie drehte sich nach dem Handtuch und ihren Kleidern, die sie über den Zaun geworfen hatte, um und schnappte erschrocken nach Luft. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie waren nicht mehr da. Sich mit beiden Händen so gut es ging bedeckend, huschte sie an den Zaun und spähte auf die andere Seite. Jacqueline geriet in Panik, als sie ihre Sachen auf der staubigen Erde liegen sah. Wie war das möglich? Es war doch gar nicht windig.

»O nein!«, jammerte sie ärgerlich.

Und was jetzt? Sie schaute sich nach einem Stock um, der lang genug wäre, dass sie sich hinüberbeugen und nach ihren Sachen fischen konnte, aber sie fand nichts Geeignetes. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als am Zaun entlang und durch das Tor auf die andere Seite zu gehen. Aber wenn nun jemand kam?

Jacqueline holte tief Luft und nahm ihren ganzen Mut zusammen. Auf einmal hörte sie Schritte. Erschrocken ging sie in die Hocke und presste sich dicht an den Zaun. Falls es möglich war, am ganzen Körper rot zu werden, dann tat sie das jetzt mit Sicherheit. Sie kniff die Augen fest zu, wie ein kleines Kind, das sich dadurch unsichtbar zu machen glaubt.

Nick, der das ganze Haus nach Jacqueline abgesucht, sie aber nirgends gefunden hatte, ging wieder hinaus. Ob sie spazieren gegangen war? Als er seinen Blick in die Runde schweifen ließ, bemerkte er ein seltsames Bündel auf dem Boden am Zaun unweit des Geräteschuppens. Nick ging hin, bückte sich, hob die Kleidungsstücke auf und schüttelte sie aus. Ein Handtuch fiel herunter, und er hob es nachdenklich auf.

Jacqueline hockte auf der anderen Seite des Zauns und hielt den Atem an. Sie hatte die Augen immer noch fest geschlossen.

Nick konnte sich im ersten Augenblick keinen Reim auf seine Entdeckung machen, dann fiel ihm jedoch die alte Badewanne ein, und er musste grinsen. Er schaute über den Zaun. Die Wanne war mit Wasser gefüllt, aber es saß niemand darin. Er stutzte. Dann dämmerte es ihm. Schmunzelnd beugte er sich über den Zaun und konnte nur mühsam ein Lachen verkneifen, als er Jacquelines nackten Rücken erblickte.

»Sie haben nicht zufällig etwas verloren?«

Jacqueline erkannte seine Stimme sofort. Sie riss die Augen auf, blickte nach oben und sah entsetzt, wie Nick ihre Kleider und das Handtuch über den Zaun hielt. Sie schnappte sich ihre Sachen, blieb aber in der Hocke.

»Verschwinden Sie«, fauchte sie wütend. Sie wäre am liebsten im Boden versunken, so peinlich war ihr das Ganze.

»Aber, aber! Ich wollte Ihnen doch nur behilflich sein«, erwiderte Nick belustigt. Dass er offensichtlich seinen Spaß an ihrer misslichen Lage hatte, brachte sie noch mehr in Rage.

»Haben Sie meine Sachen hinuntergeworfen?«

»Nein, ich habe sie eben erst entdeckt.«

»Sie könnten wenigstens so viel Anstand besitzen und die Augen schließen«, zischte Jacqueline.

Nick zuckte die Achseln. »Wozu? Es ist nicht das erste Mal, dass ich Sie nackt sehe …«

»Halten Sie den Mund!«, fuhr sie ihn an. »Dann drehen Sie sich wenigstens um!«

»Von mir aus.« Übers ganze Gesicht grinsend, drehte er sich Richtung Haus und verschränkte die Arme vor der Brust.

Jacqueline richtete sich auf und wickelte sich in ihr Handtuch. Sie würde ins Haus huschen und sich dort anziehen. Sie wollte keine Sekunde länger als unbedingt nötig in Nicks Gegenwart verbringen.

»Nick!«, rief eine Frauenstimme.

»Verdammt«, brummte er. Es war Rachel Roberts, die gerade um die Hausecke bog und auf ihn zukam. Jacqueline duckte sich schnell wieder hinter den Zaun.

»Was machst du denn hier draußen?«, fragte Rachel. »Ben hat gemeint, du wärst im Haus.«

»Ach, ich, äh … ich hab gedacht, ich hätte eine Schlange gesehen«, stammelte er.

Als Jacqueline das Wort Schlange hörte, gab sie vor Schreck einen erstickten Laut von sich. Nick drehte sich unwillkürlich um.

»Was war das denn?«, fragte Rachel näher kommend.

»Das? Oh, äh … das … muss die Schlange gewesen sein.« Nick eilte ihr entgegen, legte ihr den Arm um die Schultern und drehte sie in Richtung Haus.

Rachel zog eine Braue hoch. »Schlangen geben nicht solch quiekende Laute von sich!«, entrüstete sie sich.

»Das war eindeutig ein Zischen, und es war eine sehr große Schlange. Lass uns besser zum Haus zurückgehen. Wer weiß, vielleicht ist sie giftig.«

»Willst du nicht dein Gewehr holen? Ich hab gehört, ihr habt eine neue Haushälterin. Vielleicht hat sie Angst vor Schlangen.«

»Nein, nein, sie fürchtet weder Tod noch Teufel«, erwiderte Nick.

Jacqueline konnte Nick anhören, dass er sich das Lachen verbeißen musste, und das brachte sie zur Weißglut. Sie spähte durch eine winzige Lücke im überwucherten Zaun. Die Frau an Nicks Seite war groß, schlank und blond, ein Typ wie Verity. Sie hatte sich die Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Ben hatte erzählt, dass sie ihr Haar so frisierte, wenn sie beruflich unterwegs war – in ihrer Freizeit trug sie es offen.

»Wie wär’s mit einem Drink?« Nick legte seinen Arm um Rachels Taille. Die Geste hatte etwas sehr Vertrauliches, beinah Intimes.

»Zu einem Glas Limonade sag ich nicht Nein. Ich muss noch Patienten besuchen, weißt du.«

»Schön, dass du vorbeigekommen bist. Ich freue mich immer, dich zu sehen«, sagte Nick mit schmeichelnder Stimme.

»Das ist lieb von dir«, erwiderte Rachel erfreut. »Ich war gerade in der Nähe, und da dachte ich, ich schau kurz bei euch vorbei. Ich hatte ja keine Ahnung, dass auf Wilpena heute eine Hochzeit gefeiert wird.«

Ihre Stimmen wurden leiser, als sie sich entfernten und schließlich um die Hausecke bogen.

Jacqueline stand langsam auf. Vorsichtig schaute sie sich nach allen Seiten um, dann ließ sie das Wasser aus der Wanne ablaufen und huschte, ihr Handtuch mit einer Hand festhaltend und die Kleider unter dem Arm, eilig zum Haus zurück. Sie hätte Nick umbringen können. Er hatte sie nicht nur in größte Verlegenheit gebracht und sich auch noch köstlich darüber amüsiert, sondern absichtlich mit Rachel geflirtet, weil er genau wusste, dass sie ihn hören konnte. Sie hatte keine Ahnung, was für ein Spiel er da spielte, aber es gefiel ihr ganz und gar nicht.