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Oktober 1964
Küste von South Australia

»Da bist du ja, Henry!«, rief Jacqueline, als sie ihren Mann an der Schiffsreling erblickte.

Henry, der sich angeregt mit einer blonden Frau unterhalten hatte, fuhr erschrocken herum. »Jacqueline!« Die Umstehenden blickten verblüfft auf, so entgeistert hatte er den Namen seiner Frau ausgesprochen. »Ich habe gar nicht damit gerechnet … ich meine, schön, dass du an Deck gekommen bist, Liebes.« Er lächelte gezwungen.

Jacqueline hatte seit Wochen kaum etwas zu sich genommen, deshalb war sie entkräftet und ganz außer Atem, nachdem sie von ihrer Kabine auf dem C-Deck die drei Treppen zum Promenadendeck hinaufgestiegen war. Sie war so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie die merkwürdige Reaktion ihres Mannes nicht bemerkte. Auf wackligen Beinen stakste sie auf dem schlingernden Schiff an die Reling und umklammerte sie mit beiden Händen.

»Als ich durch das Bullauge Land gesehen habe, hielt ich es unten nicht mehr aus.« Jacqueline zog die salzige Seeluft tief in die Lungen. »Herrlich! Endlich wieder frische Luft!« Sie schloss die Augen und streckte ihr blasses Gesicht der Morgensonne entgegen, die sie mit ihren warmen Strahlen liebkoste.

Zum ersten Mal seit Wochen war ihr nicht sterbenselend. Seit sie in Amerika an Bord der Liberty Star gegangen war, war sie seekrank gewesen. Der Schiffsarzt hatte ihr verschiedene Mittel gegen die heftige Übelkeit verabreicht, aber nichts hatte wirklich geholfen. Viele Menschen würden seekrank, sogar Seeleute seien nicht dagegen gefeit, hatte er ihr erklärt, den einen oder anderen habe man schon auf seinem Bett festbinden müssen, damit er nicht über Bord sprang, weil ihm so fürchterlich übel war. Jacqueline hatte fast zwei Wochen in ihrer Kabine verbracht, Henrys verblüffte Reaktion über ihr unverhofftes Auftauchen verwunderte sie daher nicht.

»Falls du jemals wieder die Absicht haben solltest, eine Schiffsreise mit mir zu machen, bringe ich dich um, Henry«, drohte sie ihm.

Abermals atmete sie tief durch. Da sie die Augen immer noch geschlossen hatte, sah sie nicht, wie ein Ausdruck nervösen Unbehagens über das Gesicht ihres Mannes huschte.

Nach einiger Zeit öffnete Jacqueline die Augen wieder, blinzelte und seufzte. »Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so froh sein könnte, Land zu sehen«, flüsterte sie ergriffen. Sie ließ ihren Blick über den langen weißen Strand und die Kiefern dahinter schweifen und rief ihrem Mann zu: »Sag mir bitte, dass wir uns dem Hafen von Melbourne nähern.«

»Nein, das da vorne ist Outer Harbour in South Australia. Wir legen hier einen Zwischenstopp ein, bevor es nach Melbourne weitergeht.«

Jacqueline machte ein enttäuschtes Gesicht. »Aber wir werden doch von Bord gehen und uns ein bisschen die Beine vertreten können, oder?«

Henry schüttelte den Kopf. »Meines Wissens nicht. Hier dürfen nur die Passagiere, die nach Adelaide wollen, das Schiff verlassen.«

Jacqueline stöhnte. Doch dann sagte sie sich, dass es nach knapp vier Wochen auf See auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht ankam. »Wer war eigentlich die blonde Frau, mit der du dich unterhalten hast?«, fragte sie unvermittelt.

»Welche Frau?«, entgegnete Henry mit ausdrucksloser Miene.

Jacqueline schaute über seine Schulter auf die Frau, die ein Stück entfernt mit dem Rücken zu ihnen stand und sich jetzt mit einem anderen Passagier unterhielt, dessen Frau nicht besonders glücklich darüber schien.

»Na, die in dem kurzen lila Minirock, der weißen Bluse und den Schuhen mit den zerschrammten Absätzen.« Jacqueline hielt es für überflüssig, die schönen Beine zu erwähnen. Henry war kein Frauenheld, aber blind war er auch nicht.

Henry drehte sich nicht um. Es überraschte ihn nicht im Mindesten, dass seiner Frau ein unwichtiges Detail wie zerschrammte Absätze auffiel. Jacqueline hatte die Angewohnheit, die merkwürdigsten Dinge an anderen Menschen zur Kenntnis zu nehmen. Hatte ihn das anfangs noch fasziniert, fand er diese Marotte mittlerweile einfach nur nervtötend. »Ach so, die! Oh, das ist nur eine Mitreisende …«

»Das dachte ich mir beinahe, Henry«, versetzte Jacqueline trocken. »Ein Mitglied der Crew oder ein blinder Passagier würde wohl kaum mit Minirock und Pfennigabsätzen hier herumlaufen.«

Henry lief rot an. Er räusperte sich und wechselte das Thema. »Morgen um diese Zeit legen wir in Melbourne an, wenn alles gut geht, Jacqueline. Dann hast du wieder festen Boden unter den Füßen.«

»Ich kann’s kaum erwarten«, erwiderte sie.

Etwas am Gesichtsausdruck ihres Mannes irritierte sie. Aber sie führte die ängstliche Angespanntheit, die sich auf seiner Miene spiegelte, auf den bevorstehenden Neuanfang in einem fremden Land zurück und fand seine Gefühle verständlich. Henry würde in das Möbelgeschäft seines Bruders einsteigen, das sie zu vergrößern beabsichtigten. Nachdem er fünfzehn Jahre lang in New York City einen auf Küchengeräte spezialisierten Elektrohandel geführt hatte, war es ganz normal, dass ihm ein wenig mulmig bei dem Gedanken war, sich die Leitung einer Firma, die er nicht selbst aufgebaut hatte, mit seinem Bruder zu teilen, den er jahrelang nicht gesehen hatte. Dennoch waren sie beide der Meinung gewesen, dass ein neuer Anfang in einem fremden Land genau das Richtige für sie war. Henrys Bruder hatte Australien als Land der vielen Möglichkeiten beschrieben, ihnen von seiner endlosen Weite, dem warmen Klima und der leuchtenden Sonne vorgeschwärmt.

Henry warf einen flüchtigen Blick über seine Schulter. Die hübsche Blondine war fort. Er wandte sich wieder seiner Frau zu. Der Wind spielte mit ihren langen, seidigen braunen Haaren. Ihre blasse Haut ließ sie kränklich aussehen, ihr weißes Kleid unterstrich das noch. Da sie während der Überfahrt fast nichts bei sich behalten hatte, hatte sie ein paar Pfund abgenommen. Von den weiblichen Rundungen, die er einmal so geliebt hatte, war kaum noch etwas zu sehen.

Die angegriffene Gesundheit seiner Frau verstärkte Henrys Schuldgefühle. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr, er würde tun, was getan werden musste. Er holte tief Luft und sagte ernst: »Jacqueline.«

»Hm?«, machte sie abwesend, den Blick aufs Festland gerichtet, in Gedanken bei ihrem neuen Zuhause. Jetzt, wo Australien und ihr Ziel in diesem fremden Land in greifbare Nähe gerückt waren, war sie zum ersten Mal seit ihrer Abreise aus New York richtig aufgeregt.

»Ich muss etwas mit dir besprechen. Etwas sehr Wichtiges.«

Henrys Herz raste, der Schweiß brach ihm aus allen Poren, und es gelang ihm nicht, das Zittern in seiner Stimme zu unterdrücken. Er hatte eigentlich warten wollen, bis sich seine Frau vollständig erholt hatte, aber er merkte, wie ihm die Zeit davonlief.

»Jacqueline, hörst du mir überhaupt zu?«

»Was sagst du?« Sie wandte den Kopf und sah den Mann, mit dem sie seit zehn Jahren verheiratet war, prüfend an. Er sah besser aus denn je. »Hast du Sport getrieben, Henry?«

»Sport?« Er nestelte nervös an seinem Hemdkragen. »Unsinn! Wie kommst du denn auf so was?«

»Du siehst blendend aus, richtig gesund, irgendwie jünger.«

Er war vor einem knappen Jahr vierzig geworden, aber er wirkte nicht viel älter als sie selbst, und sie war einunddreißig. Obwohl er immer auf eine gepflegte Erscheinung geachtet hatte, war er noch sorgfältiger gekleidet als sonst. Außerdem konnte sie riechen, dass er sein bestes Rasierwasser benutzt hatte.

Jacqueline konnte sich sehr gut an den vierzigsten Geburtstag ihres Mannes erinnern, weil er Henry in eine Art Krise gestürzt hatte, die sich unter anderem in einem starken Wunsch nach Veränderung geäußert hatte. Das könne doch nicht alles gewesen sein, hatte er gesagt, es müsse doch noch mehr im Leben geben, es sei höchste Zeit, etwas Neues anzufangen. Nicht lange danach hatten sie den Entschluss gefasst, nach Australien auszuwandern.

»Im Gegensatz zu mir bist du auf See offenbar richtiggehend aufgeblüht«, bemerkte Jacqueline und versuchte, sich ihren Neid nicht anmerken zu lassen. Sie hatte das Gefühl, in den letzten Wochen um zehn Jahre gealtert zu sein. Befangen kramte sie ihre Sonnenbrille hervor und setzte sie auf, damit man ihre müden Augen nicht sah.

Henry, der von heftigen Schuldgefühlen geplagt wurde, machte den Mund auf, um zu protestieren, klappte ihn dann aber wieder zu und schwieg.

»Kein Wunder, dass sich Frauen, die halb so alt sind wie du, für dich interessieren«, neckte sie ihn. »Du bist der attraktivste Mann auf diesem Schiff, und du bist praktisch wochenlang allein gewesen.« Genau wie sie selbst. Sie hatte sich manches Mal sehr einsam gefühlt, aber sie machte Henry keinen Vorwurf deswegen. Sie konnte ja nicht erwarten, dass er die ganze Zeit bei ihr in der Kabine saß und ihr Gesellschaft leistete. Das wäre egoistisch. »Ein Glück, dass ich dir vertrauen kann und dich nicht ständig im Auge behalten muss.«

Sie scherzte nur, aber Henry fühlte sich höchst unbehaglich. »Lass uns nach unten gehen, Jacqueline, ich muss unbedingt mit dir reden.« Er hasste sich für das, was er ihr antun würde, aber er konnte nicht länger mit dieser Lüge leben.

»Nach unten? Ich denke gar nicht daran! Es wäre mir völlig egal, wenn ich diese Kabine nie wieder von innen zu sehen brauchte. Weißt du, was? Ich glaube, ich werde heute Nacht an Deck schlafen. Warm genug ist es.«

Obwohl es erst Morgen war, war es tatsächlich schon recht warm. Seit sie den Äquator überquert hatten, herrschte in den Kabinen bereits um die Mittagszeit eine unerträgliche Hitze, nachts war es nicht viel besser. Jacquelines Beschwerden wegen der unzureichenden Klimaanlage waren auf taube Ohren gestoßen, und das Lüftchen, das durch das Bullauge hereinwehte, reichte bei weitem nicht zur Kühlung aus. Sie konnte es Henry nicht übel nehmen, dass er die meiste Zeit oben an Deck verbracht und nachts manchmal sogar in einem Liegestuhl geschlafen hatte.

»Jacqueline, bitte!«, sagte Henry beschwörend. Er konnte diese Unterhaltung nicht noch länger hinausschieben, er hatte ohnehin bis zur letzten Minute damit gewartet.

Jacqueline musterte ihn irritiert. Er hörte sich so furchtbar ernst an. Andererseits neigte er dazu, die Dinge zu dramatisieren. »Wir können uns doch hier unterhalten, Henry. Die frische Luft und der Sonnenschein tun mir so unendlich gut!«

»Nein, Liebes, wir müssen unter vier Augen miteinander reden.« Henry fasste seine Frau bei der Hand und steuerte auf einen Niedergang zu. Er fürchtete, Jacqueline werde ihm eine Szene machen, und er wollte nicht, dass andere Passagiere etwas davon mitbekamen.

Jacqueline machte sich los. »Ich will aber nicht nach unten, Henry! Warum setzen wir uns nicht in einen Salon, damit ich wenigstens das Festland sehen kann?«

Normalerweise war er Wachs in ihren Händen, aber dieses Mal ließ er sich nicht erweichen. »Was ich dir zu sagen habe, ist nicht für fremde Ohren bestimmt. Ich muss darauf bestehen, dass wir unsere Kabine aufsuchen.«

»Na schön, wie du willst.« Jacqueline, die sich keinen Reim auf sein merkwürdiges Verhalten machen konnte, gingen die verrücktesten Gedanken durch den Kopf, als sie ihrem Mann durch einen Korridor zu einem der Niedergänge folgte, die zu den unteren Kabinendecks führten. Hätte er nicht so offensichtlich vor Gesundheit gestrotzt, hätte sie geglaubt, er werde ihr mitteilen, dass er schwer erkrankt sei. Wahrscheinlich, so vermutete sie, ging es um die Teilhaberschaft mit seinem Bruder. Sie hatte von Anfang an den Eindruck gehabt, dass er nicht wirklich begeistert war von der Vorstellung, Möbel zu verkaufen. Aber musste er deshalb gleich so theatralisch werden?

Henry schloss die Kabinentür und begann, nervös auf und ab zu gehen. Jacqueline setzte sich auf das Bett und strich mechanisch die Falten in der Tagesdecke glatt. Henry bemerkte es. Ihr Perfektionismus ging ihm auf die Nerven.

»Lass das doch, Jacqueline«, fauchte er.

Erschrocken blickte sie auf.

Er fuhr sich übers Haar. Jetzt, wo es so weit war, wusste er nicht, wie er vorgehen sollte. Einfach mit der Wahrheit herausplatzen oder es ihr schonend beibringen? Aber wie er es auch anfangen würde, das Ergebnis wäre das gleiche – Jacqueline wäre tief verletzt.

»Was ist denn los mit dir, Henry? Warum bist du so gereizt? Man könnte ja meinen, du hättest etwas zu verbergen«, stichelte sie und fügte scherzend hinzu: »Hast du eine heimliche Affäre mit einer Reisebekanntschaft?«

Henry blieb wie angewurzelt stehen. »Wie … wie kommst du denn darauf?«, stammelte er schuldbewusst.

Jacqueline musterte seinen entgeisterten Gesichtsausdruck. »Das war nur ein Witz, Henry. Du meine Güte, sei doch ein bisschen lockerer!« Sie hatte sich immer glücklich geschätzt, weil sie sich keinen treueren Mann wünschen konnte. Wenn er doch nur ein bisschen mehr Humor hätte!

Henry bekam plötzlich weiche Knie. Er ließ sich neben Jacqueline aufs Bett fallen und stützte seinen Kopf in beide Hände. Selten war ihm etwas so schwer gefallen, aber jetzt gab es kein Zurück mehr.

»Ist es wegen des Geschäfts?«, fragte Jacqueline und sah ihren Mann forschend an. »Hast du es dir anders überlegt? Willst du dich doch nicht mit deinem Bruder zusammentun? Ich könnte es verstehen, weißt du, und Philip sicher auch.«

Henry schüttelte den Kopf. »Nein, darum geht es nicht.« Er sah in die vertrauensvollen braunen Augen seiner Frau und versuchte, sich nicht wie ein erbärmlicher Schuft vorzukommen. »Ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, und deshalb sage ich es einfach geradeheraus. Ich habe … jemanden kennen gelernt …«

Er wandte sich ab und knetete nervös seine Hände. Henry kannte Jacquelines Wutausbrüche. In ihrer Ehe hatte er den einen oder anderen erlebt, ihr Jähzorn konnte ziemlich Furcht einflößend sein.

»Du hast … jemanden kennen gelernt«, wiederholte sie verwirrt. Sie glaubte, sich verhört zu haben. »Das ist nicht komisch, Henry.«

Er dachte an die Zukunft, die er sich so sehr wünschte, und nahm all seinen Mut zusammen. »Ich meine es ernst, Jacqueline. Ich habe eine andere Frau kennen gelernt, und ich möchte ein neues Leben mit ihr beginnen.«

Es war eine Wohltat gewesen, mit jemandem zusammen zu sein, der nicht nach Perfektion strebte, der keinen Gedanken an etwas so Unwichtiges wie zerschrammte Absätze verschwendete. Doch das behielt er für sich.

»Henry, ich verstehe kein Wort! Wovon redest du da?« Jacqueline starrte ihn bestürzt an. Falls das ein Witz sein sollte, konnte sie überhaupt nicht darüber lachen. Aber es schien ihm vollkommen ernst zu sein. »Du hast mich um die halbe Welt geschleppt, damit wir beide hier ein neues Leben beginnen können, du und ich!«

»Ich will dir nicht wehtun, Jacqueline, aber du weißt, dass ich mir immer eine Familie gewünscht habe.« Es war schäbig, ihr ein schlechtes Gewissen machen zu wollen, aber sie ließ ihm keine andere Wahl.

Jacqueline war wie vor den Kopf geschlagen. Kinder waren seit Jahren kein Thema mehr gewesen. Ihre Ehe war kinderlos geblieben, und irgendwann hatten sie sich damit abgefunden. Einmal hatten sie sogar eine Adoption in Erwägung gezogen, den Gedanken aber wieder verworfen.

Eine heftige Übelkeit erfasste sie, aber dieses Mal lag es nicht an den Schlingerbewegungen des Schiffs. »Ich weiß nicht, was du mir eigentlich sagen willst, Henry, aber was es auch sein mag, ich kann im Moment nicht damit umgehen.«

Panik stieg in ihr auf. Ihr Herz hämmerte. Das konnte nur ein schlechter Traum sein! In ihrer gegenwärtigen Verfassung war sie nicht in der Lage, eine seelische Krise zu meistern, und sie konnte nicht glauben, dass Henry sie ausgerechnet jetzt damit konfrontierte. Genauso wenig konnte sie glauben, dass er sie betrogen hatte. Sie hätte ihre Hand für ihn ins Feuer gelegt.

»Es tut mir leid, Jacqueline, aber wir können diese Unterhaltung nicht aufschieben. Ich habe mich auf dieser Reise in eine andere Frau verliebt – ich möchte sie heiraten und eine Familie mit ihr gründen.«

Plötzlich ertrug Henry die Nähe zu seiner Frau nicht mehr. Er stand auf und stellte sich mit dem Rücken zur Tür vor sie.

Jacqueline sah ihren Mann fassungslos an. Seine Worte schienen keinen Sinn zu ergeben. Es war, als hätte er in einer fremden Sprache zu ihr gesprochen. »Wie kannst du dich in dieser kurzen Zeit so sehr in eine andere verlieben, dass du sie heiraten und Kinder mit ihr haben willst? Das ist doch nicht möglich! Zumal du bereits eine Frau hast!«

»Ich weiß, dass das alles sehr schnell gegangen ist, aber unsere Gefühle füreinander sind nun einmal da, wir können sie nicht ignorieren.«

Jacqueline schüttelte nur den Kopf. Henry hatte offensichtlich den Verstand verloren, eine andere Erklärung konnte es nicht geben.

»Du kannst ja nichts dafür, dass du keine Kinder bekommen kannst«, fuhr er fort. »Du sollst wissen, dass ich dir deswegen nicht böse bin.«

Jacqueline starrte ihn offenen Mundes an. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass das Thema Kinder so wichtig für ihn war. Er hatte ihr nie diesen Eindruck vermittelt. »Wie großzügig von dir«, bemerkte sie bissig. »Ich dachte, wir seien uns einig gewesen, dass in unserem Leben kein Platz für Kinder ist.«

Henry senkte seinen Blick. »Du warst dir einig, Jacqueline.« Vielleicht hätte er darauf gedrängt, ein Kind zu adoptieren, wenn er nicht das Gefühl gehabt hätte, dass sie es im Grunde nicht wollte, weil es ihren Lebensstil zu sehr beeinträchtigen würde. »Ich habe mir immer Kinder gewünscht, und allmählich läuft mir die Zeit davon. Ich bin kein junger Mann mehr.«

Jacqueline musterte Henry wortlos. Das war nicht ihr Ehemann, der da vor ihr stand, sondern ein grausamer, herzloser Fremder. Jetzt kam es ihr auf groteske Weise absurd vor, dass sie ihm gerade eben noch gesagt hatte, wie jung und attraktiv er aussah. Zumindest war ihr jetzt der Grund dafür klar.

»Ist das nicht nur eine Ausrede, weil du scharf auf so ein junges Ding bist?« Es wollte ihr nicht in den Kopf, dass er sie nicht mehr liebte und sie betrogen hatte, während es ihr so schlecht gegangen war. »Seien wir doch mal ehrlich: Du bist viel zu egoistisch, um ein guter Vater zu sein.« Sie hatte ihn in all den Jahren verwöhnt, ihm jeden Wunsch von den Augen abgelesen und so dafür gesorgt, dass er bequem geworden war.

Henry zuckte zusammen. Er hatte natürlich damit gerechnet, dass sie ihn beschimpfen würde, aber für einen Egoisten hielt er sich nicht. Er wich unwillkürlich einen Schritt zurück und prallte gegen die Kabinentür.

»Wenn wir wirklich ehrlich sein wollen, Jacqueline, dann müssen wir zugeben, dass wir schon eine ganze Weile nicht mehr glücklich miteinander sind«, konterte er.

»Ich war glücklich, Henry, aber anscheinend hast du vergessen, mir zu sagen, dass du es nicht warst.«

»Jacqueline, ich … ich möchte die Scheidung«, sagte er ruhig.

Eine beklemmende Stille trat ein. Henry beobachtete seine Frau. Sie war sichtlich schockiert. Das kam schließlich völlig unerwartet, für ihn genauso wie für sie. Dennoch war er erleichtert, dass der gefürchtete Wutausbruch ausblieb.

»Die Scheidung«, murmelte sie nach einer Weile ganz benommen. Sie hätte nie gedacht, dass sich dieses Wort einmal auf sie und Henry beziehen könnte. »Du willst einfach so die Scheidung.« In diesem Moment war ihr die Tragweite dessen, was das Wort bedeutete, gar nicht bewusst. Sie wusste nur, dass das neue Leben, das sie gemeinsam geplant hatten, im Begriff war, sich in Luft aufzulösen.

Er nickte. »Ja. Es tut mir wirklich leid, Jacqueline. Ich weiß, dass der Zeitpunkt alles andere als günstig ist, aber solche Dinge passieren einfach, dagegen ist man machtlos.« Auch für ihn war das Ganze völlig überraschend gekommen.

Jacqueline blickte zu Boden. Dann stand sie langsam auf und versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen. »Soso, es tut dir leid«, sagte sie mühsam beherrscht. »Das ist wirklich reizend. Mal sehen, ob ich das richtig verstehe, Henry. Nur um weiteren Missverständnissen vorzubeugen. Während ich wochenlang krank hier unten liege, fängst du eine Affäre mit einer anderen Frau an, und jetzt willst du sie heiraten und eine Familie mit ihr gründen. Trifft das in etwa den Kern der Sache?« Sie hoffte immer noch, er werde gleich in Gelächter ausbrechen und sagen, er habe sie nur auf den Arm nehmen wollen.

Henry bekam einen roten Kopf. Der gefürchtete Wutausbruch schien unmittelbar bevorzustehen, das spürte er. »So, wie du es sagst, klingt es sehr billig, aber es stimmt, ich habe mich in eine andere verliebt«, sagte er leise. Er hoffte, sie besänftigen zu können, wenn er sich zerknirscht zeigte.

»Diese Frau, mit der du es hinter meinem Rücken getrieben hast, hat sie gewusst, dass du verheiratet bist, dass deine Frau schwer seekrank und ans Bett gefesselt ist und sich heftig übergeben muss, während ihr zwei … euch amüsiert habt?« Jacqueline wollte sich nicht im Einzelnen vorstellen, was die beiden miteinander machten, es war zu schmerzhaft.

»Ja«, antwortete Henry nur.

Jacqueline traute ihren Ohren nicht. »Sie hat es gewusst?«, kreischte sie. »Was für eine Sorte Mensch ist sie denn?«

Henry dachte daran, wie betroffen seine neue Liebe gewesen war, als er ihr gebeichtet hatte, dass er verheiratet und seine Frau mit an Bord war. Aber ihre Gefühle füreinander waren zu stark gewesen. »Ich weiß, was ich dir damit antue …«, stotterte er und wollte weiter zurückweichen, aber er stand schon mit dem Rücken an der Tür.

Jacqueline machte eine unwillige Handbewegung. »Woher willst du überhaupt wissen, dass deine neue Flamme Kinder bekommen kann?«, zischte sie wütend.

Henry trat verlegen von einem Fuß auf den anderen.

Jacqueline starrte ihn fassungslos an. Das Flittchen konnte in dieser kurzen Zeit ja nicht von ihm schwanger geworden sein, und das bedeutete … »Sie hat schon Kinder?« Der Gedanke, dass diese Frau ebenfalls verheiratet sein könnte, war ihr noch gar nicht gekommen.

»Eines. Einen kleinen Jungen.«

Jacqueline war, als hätte ihr jemand in den Magen geboxt. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Henry für das Kind einer anderen den Vater spielte. »Dann hat sie doch sicher auch einen Ehemann!«

Henry schüttelte den Kopf. »Nein. Hör zu, Jacqueline, ich möchte die Scheidung einreichen, sowie wir in Melbourne angekommen sind«, sagte er völlig emotionslos. »Wenn alles glattgeht, wirst du eine großzügige Abfindung bekommen, das verspreche ich dir.«

Sie funkelte ihn so hasserfüllt an, dass er sich vorkam, als wäre er mit einem blutrünstigen Raubtier in einem kleinen Käfig eingesperrt.

»Wenn alles glattgeht …«, äffte sie ihn nach. Es brachte sie zur Weißglut, dass er anscheinend glaubte, er könne sie mit Geld bewegen, den Weg für ihn und seine Geliebte freizumachen. »Wie heißt dieses Flittchen überhaupt, für das du mich so eiskalt abservierst?«

»Das tut nichts zur Sache.« Henry wollte nur noch weg. »Das ist völlig unwichtig.«

»Nicht für mich!«, schrie Jacqueline, außer sich vor Wut. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. »Ist es diese Blondine, mit der du dich vorhin so angeregt unterhalten hast, die mit den schäbigen Absätzen?« Sie sah die Frau im Geist vor sich – man konnte sie sich nur schwer als Mutter eines kleinen Jungen vorstellen.

Henry erschrak. »Bitte lass Verity aus dem Spiel!«

Er wollte auf keinen Fall, dass sie seiner neuen Liebe nachstellte. Verity hatte schon genug durchgemacht. Sie war verwitwet und reiste mit ihren Eltern, den Darcys, und ihrem zweijährigen Sohn. Ihr Mann war anderthalb Jahre zuvor bei einem Unfall auf einer Baustelle ums Leben gekommen. Henry war begeistert, dass er sofort die Rolle des Stiefvaters übernehmen konnte, aber das behielt er ebenso für sich wie den Hinweis darauf, dass Verity nicht nur sehr attraktiv und süß war, sondern auch mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand und sie mindestens noch zwei Kinder miteinander haben wollten. Auch ihre Eltern mochten ihn. Anfangs waren sie zurückhaltend gewesen, aber als sie merkten, wie gut er und Verity zusammenpassten, und erfuhren, dass er ihrer Tochter und ihrem Enkel ein angenehmes Leben bieten konnte, schlossen sie ihn in ihr Herz und boten ihm jede nur denkbare Unterstützung bei der Beendigung seiner »unglücklichen« Ehe an.

»Verity?«, wiederholte Jacqueline ungläubig. Was für ein Name für eine langbeinige Blondine.

»Nicht so laut!«, zischte Henry verlegen.

Sie schlug ihm mit der flachen Hand auf die Brust. »Was fällt dir ein! Ich rede so laut, wie ich will! Hast du Angst, jemand könnte von deiner schmutzigen kleinen Affäre erfahren? Oder dass du mich einfach wegwirfst wie eine alte Zeitung, weil ich keine Kinder bekommen kann?«

»Lass uns nicht streiten, Jacqueline.« Henry wich zur Seite, weg von der Tür. »Das hat doch keinen Sinn. Ich liebe dich nicht mehr, das ist nun mal nicht zu ändern.«

»Oh, wie reizend von dir! Ich soll mich heimlich, still und leise davonschleichen, damit du mit deiner Verity glücklich werden kannst! Was erwartest du von mir? Dass ich irgendwo im australischen Busch verschwinde, nachdem ich in die Scheidung eingewilligt habe?«

Er zuckte mit den Schultern. Seine Gleichgültigkeit machte sie rasend. »Ist es dir so egal, was aus mir wird?«, kreischte sie. »Ich bin fremd hier, ich kenne niemanden, ich habe weder Freunde noch Familie hier!«

»Ich habe dir doch gesagt, du bekommst eine großzügige Abfindung«, erwiderte er ungerührt. »Damit kannst du erster Klasse nach New York zurückfahren, wenn du das willst.«

Sie starrte ihn an. Sie konnte nicht glauben, dass er so kaltschnäuzig sein konnte. Sollte sie nach Hause zurückkehren und ihrem Vater und all ihren Freunden erzählen, dass ihr Mann sie wegen einer anderen Frau verlassen hatte, noch bevor sie Melbourne erreicht hatten? Was für eine Demütigung!

»Ich habe dir zehn Jahre meines Lebens geschenkt, und als Dank dafür, dass du immer ein schönes Zuhause und ein gutes Essen hattest, wirfst du mich weg für diese … diese …«

»Es war ja nicht so, dass du hättest putzen und kochen müssen, Jacqueline. Dafür hatten wir eine Haushälterin.« Er wollte nicht so grausam sein, sie darauf hinzuweisen, dass man das Arrangieren von Blumensträußen wohl kaum als Hausarbeit betrachten konnte.

»Aber ich war diejenige, die alles organisiert hat, Henry.«

Wut und Enttäuschung trieben Jacqueline Tränen in die Augen. Sie würde ihm allerdings nicht den Gefallen tun, in seiner Gegenwart zu weinen. Hastig wandte sie sich ab, bückte sich, zog ihren Koffer unter dem Bett hervor und fing an, ihre Sachen aus Schubläden und Schrankfächern zu reißen. Erbost faltete sie die Kleidungsstücke zusammen und warf sie hinein.

Henry schaute ihr einen Augenblick zu. »Was tust du denn da?« Er dachte, sie wolle vielleicht in eine andere Kabine umziehen. »Du kannst ruhig hierbleiben, Jacqueline. Ich werde …«

»Ich will aber nicht hierbleiben«, stieß sie grimmig hervor. Jetzt konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten.

»Ich glaube nicht, dass du für eine Nacht noch eine andere Kabine bekommen wirst«, gab Henry zu bedenken.

»Ich will keine andere Kabine. Ich will nur fort von diesem Schiff und von dir und von diesem Flittchen mit den schäbigen Absätzen.«

»Wir sind doch erst morgen da«, stammelte Henry.

»Ich will aber heute noch von Bord«, fauchte sie.

Sie würde keinen Tag länger auf diesem Schiff verbringen, zusammen mit Henry und seiner Geliebten. Jacqueline knallte den Kofferdeckel zu, obwohl sie erst einen kleinen Teil ihrer Sachen eingepackt hatte.

»Das … das kannst du doch nicht machen!«, stotterte Henry.

»Das werden wir ja sehen!« Wütend ließ sie die Schlösser einrasten.

»Jacqueline, ich bitte dich! Wir haben doch bis nach Melbourne gebucht und … und wir müssen doch den ganzen Papierkram wegen der Scheidung erledigen!«

»Ich muss gar nichts!«, geiferte sie wutschäumend. »Du bist derjenige, der die Scheidung will, also kümmere du dich gefälligst auch um den Papierkram!« Sie schnappte ihre Handtasche, nahm ihren Koffer und stürmte an Henry vorbei aus der Kabine.

Er folgte ihr in den Korridor. »Jacqueline! Jacqueline, warte doch!« Panik erfasste ihn. »Wo willst du denn hin? Du kannst jetzt nicht von Bord gehen!«

Jacqueline antwortete nicht. Ohne sich noch einmal umzudrehen, eilte sie nach oben, wo bereits alle Vorbereitungen für das Ausbringen des Fallreeps und das Ausbooten der Passagiere getroffen wurden. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als Henry durch ihr vorzeitiges Von-Bord-Gehen größtmögliche Unannehmlichkeiten zu bereiten und sein verlogenes Gesicht nie wiederzusehen.