Vera schaute aus dem Wohnzimmerfenster auf die von den sintflutartigen Regenfällen verschleierte Landschaft hinaus und wünschte sich sehnlichst, dass von irgendwoher ein menschliches Wesen auftauchen würde. Aber sie konnte nirgendwo ein Anzeichen von Leben entdecken. Kein einziger Vogel, kein Känguru, kein Emu und schon gar kein Mensch war zu sehen.
Vera sehnte sich nach Gesellschaft. Es musste nicht einmal Mike sein, wie sie sich mit schlechtem Gewissen eingestand. Jeder wäre ihr recht: ein Schafscherer, ein Reisender, der sich zufällig auf ihre Farm verirrte, oder einer der Aborigines, die in der Nähe lebten. Sie wollte endlich einmal wieder eine richtige Unterhaltung führen, ein Gespräch ohne Schuldzuweisungen oder versteckten Groll. Vera würde sogar mit Freuden über das grässliche Wetter plaudern, wenn sie sich nur endlich mit jemandem austauschen könnte.
Mike zog sich immer mehr von ihr zurück, und Vera kannte auch den Grund: Ihre Verbitterung wuchs mit jedem Tag. Kaum betrat er abends das Haus, fing sie an, sich über ihre Einsamkeit zu beklagen. Sie konnte einfach nicht anders. Sie hatte es versucht, sie hatte es wirklich versucht. Zwei Tage zuvor hatte sie ihm schluchzend ihr Herz ausgeschüttet. Sie habe sich verändert, sie erkenne sich selbst nicht mehr wieder, und sie hasse die Person, die sie geworden sei. Mike hielt sie ganz offensichtlich für hysterisch. Sie solle sich beschäftigen, sich Aufgaben suchen, die sie ausfüllten. Das hatte er ihr schon einmal geraten. Er begriff nicht, dass harte Arbeit nichts an der Tatsache änderte, dass sie von morgens bis abends ganz allein war. Wo waren denn die versprochenen Besucher? Kein Mensch war bisher zu Besuch gekommen. Er hatte sie auch nicht ein einziges Mal zu Jacqueline nach Wilpena oder zu Tess nach Arkaba gefahren, was sie ihm jeden Tag schmollend vorhielt.
Vera drückte das Gesicht an die Fensterscheibe. Die Fenster waren schmutzig, aber es war ihr egal, und das sah ihr gar nicht ähnlich. Wozu sollte sie die Fenster putzen oder die Fußböden schrubben? Wozu den Kampf gegen den Staub oder den Morast aufnehmen, wenn niemand da war, der blitzblanke Fenster oder Böden zu würdigen wusste? Wenn Mike abends todmüde heimkam, interessierte ihn weder ein sauberes Zuhause noch seine Frau – jedenfalls kam es Vera so vor.
Die Enttäuschung über ihre Ehe und der Verdruss über die Einsamkeit nagten fortwährend an ihr. Sie wusste, das war nicht gut, aber sie konnte nichts dagegen tun. Es war, als hätte sich eine dunkle Wolke über sie gesenkt und hüllte sie vollständig ein. Und das Traurige war, dass sie das alles schon einmal durchgemacht hatte.
Mike hatte darauf bestanden, nach seiner Schafherde zu sehen. Es sei doch Wahnsinn, bei diesem Unwetter das Haus zu verlassen, hatte Vera ihm entgegengehalten. Sie hatte ihn angefleht, bei ihr zu bleiben. Vergebens. Jetzt, einige Stunden später, stand sie einsam am Fenster und starrte auf das rund dreitausend Hektar große, durch Zäune in symmetrische rechteckige Koppeln eingeteilte Land hinaus, das sich in eine rote Schlammwüste verwandelt hatte. Und noch immer goss es in Strömen. Es war ein deprimierender Anblick. Nicht einmal der beeindruckende St. Mary Peak, die höchste Erhebung in der Gegend, konnte sie trösten. Sie fühlte sich wie eine Gefangene in diesem Haus, dessen Wände sich unaufhaltsam auf sie zuzubewegen schienen.
Die beklemmende Stille wurde nur vom Ticken der Standuhr, einem Erbstück der Rawnsleys, unterbrochen. Da das Dach über dem Hauptteil des Hauses relativ hoch war, war das Trommeln des Regens auf dem Blech nur gedämpft zu hören. Im Anbau allerdings war das Dach bereits eine Stunde, nachdem Mike und sein Verwalter gegangen waren, undicht geworden. Das Wasser tropfte direkt über dem Funkgerät, das dort auf einem Tisch stand, von der Decke. Vera hatte zwar versucht, den Tisch wegzurücken, aber er war viel zu schwer, und so hatte sie das Funkgerät ein Stück weggerückt und einen Eimer unter die durchlässige Stelle gestellt. Sie konnte das monotone Tropfen des Wassers in den Blecheimer hören – wie ein Echo des Tickens der Standuhr. Auch das Verandadach war an mehreren Stellen undicht geworden, sodass sie nicht einmal einen Schritt vor die Tür machen konnte.
Veras Beklommenheit wuchs mit jeder Minute. Ihre Nervosität steigerte sich ins Unerträgliche. Sie hatte viel Zeit gehabt, über ihr früheres Leben nachzudenken. Sie hatte allein in einer bezaubernden kleinen Wohnung im fünften Stock in New Jersey gelebt und als Telefonistin in einer großen Werbeagentur gearbeitet, die den ganzen elften Stock in einem der höchsten Gebäude New Jerseys einnahm. Das Wetter hatte sie praktisch nur zur Kenntnis genommen, wenn sie von ihrer Wohnung zur Bushaltestelle geeilt und in einem überfüllten Bus, der direkt vor ihrem Büro hielt, zur Arbeit gefahren war. Sie hätte sich nicht träumen lassen, dass sie sich einmal Gedanken um Überschwemmungen oder undichte Dächer machen musste. Tagsüber hatte sie unzählige Menschen gesehen und mit einigen hundert am Telefon gesprochen, deshalb war sie abends froh gewesen, wenn sie in ihre stille Wohnung zurückkehren konnte. Außerdem hatte sie oft Besuch von Freunden gehabt, und der Verkehr unter ihrem Fenster riss nie ab.
Vera hatte sich das Leben im australischen Outback völlig anders vorgestellt. Natürlich war sie auf Probleme und Schwierigkeiten vorbereitet gewesen, aber sie hatte geglaubt, dass sie diese gemeinsam mit ihrem Mann bewältigen würde. Womit sie nicht gerechnet hatte, war diese entsetzliche Einsamkeit, die den Verstand betäubte und die Seele abtötete.
Sie sorgte sich mit jeder Stunde mehr, dass das Dach des Anbaus den Wassermassen nicht standhalten und einstürzen würde. Mike war wie meistens in ihrer kurzen Ehe nicht da, wenn sie ihn brauchte. Sie versuchte, Tess anzufunken, bekam aber keine Antwort. Auch Jacqueline konnte sie nicht erreichen.
»Die werden doch bei dem Wetter nicht draußen unterwegs sein«, murmelte Vera vor sich hin.
Die absurdesten Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Waren Wilpena und Arkaba womöglich überflutet worden? Sie knetete nervös die Hände. Ihre irrationalen Ängste nahmen überhand. Was, wenn Mike da draußen etwas zustieß? Sie würde verhungern, weil niemand wusste, dass sie ganz allein auf der Farm war.
Vera lief in den Anbau hinüber. Der nasse Fleck hatte sich weiter ausgebreitet, das Wasser tropfte unaufhörlich, die Decke hing schon ein klein wenig durch.
»O Mike, wo bleibst du nur?«, wimmerte sie voller Angst.
Ben und seine Söhne trugen Nick ins Haus und brachten ihn in Bens Bett. Erst nach zehn Minuten konnten sie Rachel in Austral Downs erreichen. Als sie auf der Farm eintraf, war Nick bereits wieder zu sich gekommen.
»Ein Glück, dass du in der Nähe warst«, sagte Ben erleichtert, als er Rachel die Tür öffnete.
»Mrs. Wilsons Neugeborenes hat erhöhte Temperatur und einen Ausschlag, deshalb war ich in Austral Downs«, erklärte sie. »Was ist passiert? Nick ist bewusstlos geworden?«
»Ja, eben ging es ihm noch gut, und dann ist er plötzlich umgefallen wie ein Mehlsack.«
»Na, dann wollen wir uns den Patienten mal ansehen.«
Ben hatte seinen jüngeren Bruder immer für unverwundbar gehalten. Selbst bei dem Flugzeugabsturz hatte er nur eine leichte Kopfverletzung davongetragen. Deshalb erschreckte Nicks Zusammenbruch ihn umso mehr.
»Ich habe ihm gesagt, er gehört ins Bett, aber du weißt ja, wie stur er sein kann«, klagte Ben.
»O ja, allerdings, er ist fast so stur wie du«, frotzelte Rachel. »Was hat er denn gemacht, als er bewusstlos wurde?«
»Einige unserer Zäune sind durch umstürzende Bäume eingerissen worden, wir waren draußen und haben unsere Schafe wieder eingefangen. Als wir zurückkamen und unsere Pferde im Stall trocken rieben, ist er plötzlich umgekippt.« Ben führte Rachel in sein Zimmer.
Nick machte ein verdrießliches Gesicht, als er sie sah, und warf seinem Bruder einen bösen Blick zu. »Mir fehlt überhaupt nichts, du hättest dir den Weg hierher ruhig sparen können.«
»Überlass das nur mir«, erwiderte Rachel und betrachtete ihn prüfend. »Ein Glas Milch hat mehr Farbe als dein Gesicht.«
Nick verdrehte die Augen. »Du übertreibst maßlos. Gibt es keine Pille für so was?« Er schickte sich an, seine Beine aus dem Bett zu schwingen, um aufzustehen.
»Du bleibst schön liegen!« Rachel drückte Nick aufs Bett zurück. »Wenn du so weitermachst, werde ich dir was gegen Dickköpfigkeit verschreiben müssen.« Während sie ihn untersuchte, stellte sie ihm eine Reihe von Fragen. Einige beantwortete er ausweichend, andere nicht wahrheitsgemäß. Sie kannte ihn lange genug, um das beurteilen zu können. »Nick, ich kann dir nicht helfen, wenn du mir nicht die Wahrheit sagst«, schimpfte sie ärgerlich. »Hast du seit dem Absturz Kopfschmerzen, ja oder nein?«
»Ich habe gelegentlich leichte Kopfschmerzen, nichts, weswegen man sich Sorgen zu machen braucht.«
Rachel sah ihn gereizt an und kniff ihm in den Handrücken.
»Au! Was soll das denn jetzt?«
»Ein kleiner Test, ob dein Körper ausreichend Flüssigkeit hat. Du musst mehr trinken, und damit meine ich nicht Bier.«
»Ich bin den ganzen Morgen draußen gewesen, wie soll es mir da an Flüssigkeit fehlen?«, maulte Nick.
»Sofern du nicht mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden gelegen und aus Pfützen getrunken hast, ist das sehr gut möglich«, erwiderte Rachel spitz. »Du hast die Wahl: Entweder nimmst du ausreichend Flüssigkeit zu dir, oder ich weise dich ins Krankenhaus ein, damit du an den Tropf gehängt wirst. Ich glaube nicht, dass du eine Gehirnerschütterung hast. Die Kopfschmerzen könnten also eine Folge von Flüssigkeitsmangel sein.«
Rachel bat Ben, der vor der angelehnten Tür wartete, um ein großes Glas Wasser. Als er es brachte, reichte sie Nick das Glas mit den Worten: »Davon trinkst du heute mindestens ein halbes Dutzend, verstanden?«
»Zu Befehl, Ma’am!«, antwortete Nick spöttisch.
»Benimm dich!« Sie drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. Rachel konnte Nick nie lange böse sein, und das wusste er dummerweise; deshalb nahm er sie nicht ernst.
Er sah sie nachdenklich an. »Ich glaube, ich muss mich bei dir entschuldigen«, sagte er leise.
Sie lächelte. »Das glaube ich auch. Du bist mein aufsässigster Patient.«
»Ich kann mich ehrlich gesagt nicht so genau an deinen Besuch nach dem Flugzeugabsturz erinnern.«
»Das wundert mich nicht. Aber ich bin dir nicht böse deswegen. Wenigstens hast du mir nicht widersprochen«, neckte sie ihn.
Nick rieb sich verlegen das Kinn. »Ich weiß nur noch, dass ich mich danebenbenommen habe. Muss die Kopfverletzung gewesen sein.«
»Danebenbenommen? Ich weiß nicht, was du meinst.« Rachel packte ihre Instrumente wieder ein.
»Na ja«, druckste er, »ich habe dich doch in die Arme genommen und geküsst, oder nicht?« Er war sich auch ziemlich sicher, dass er ihr gesagt hatte, er liebe sie. »Passiert dir das so oft, dass du dich nicht an jeden einzelnen Fall erinnern kannst?«
Rachel lachte gutmütig. »Glaub mir, daran würde ich mich garantiert erinnern! Du musst halluziniert haben. Vielleicht hast du ja doch eine Gehirnerschütterung. Oder es war Wunschdenken«, zog sie ihn auf und tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Brust.
»Es ist also nicht passiert?«, fragte Nick, um ganz sicherzugehen.
Rachel schüttelte den Kopf. »Nein, es ist nicht passiert. Ich würde mich ja gern noch ein bisschen mit dir darüber unterhalten, aber ich muss weiter.« Sie stand auf.
Nick war verwirrt. Er hatte sich den Kuss nicht eingebildet, da war er sich ganz sicher. Zumal seine Umarmung leidenschaftlich erwidert worden war.
Es klopfte. In der angelehnten Tür stand Jacqueline, in den Händen ein Tablett mit einer Teekanne und ein paar belegten Broten darauf. »Wie geht’s dem Patienten?«
»So weit ganz gut«, antwortete Rachel. »Das Wichtigste ist, dass er ausreichend Flüssigkeit zu sich nimmt.«
»Dann war es also ein Schwächeanfall, weil er zu wenig getrunken hat.«
»Genau.«
Jacqueline war froh, dass es nichts Schlimmeres war. Nick hatte ihnen allen einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Sie sah Rachel an. »Das ist sicher kein Vergnügen, bei dem Wetter Patienten besuchen zu müssen.«
»Ach, mein Jeep ist geländegängig, der bringt mich eigentlich überallhin. Und die Straßen in dieser Ecke hier sind alle passierbar. So, jetzt muss ich aber los!«
»Sei vorsichtig, Rachel«, mahnte Nick. »Bei Quorn soll es verheerende Überschwemmungen geben.«
Sie nickte. »Ja, so etwas habe ich hier überhaupt noch nicht erlebt. Pass auf dich auf, Nick! Und viel trinken, hörst du?«
»Möchten Sie nicht noch eine Tasse Tee?«, fragte Jacqueline.
»Geht leider nicht. Ich muss mich auf den Weg machen. Donny Braddock ist heute Morgen im Quorn Hotel vom Stuhl gefallen und hat sich anscheinend den Knöchel gebrochen.«
»Wie kann man sich denn bei einem Sturz vom Stuhl den Knöchel brechen?« Nick schüttelte den Kopf. »Der gute Donny muss ganz schön blau gewesen sein.«
»Er ist wohl auf den Stuhl geklettert, um eine Glühbirne auszuwechseln«, erklärte Rachel. »Kurt hat ihn darum gebeten.« Sie lächelte. Es war bekannt, dass der Hotelbesitzer Höhenangst hatte. Er stieg nicht einmal eine Treppe hinauf; aus diesem Grund hatte er sich im Erdgeschoss ein Schlafzimmer eingerichtet.
Nick machte ein zweifelndes Gesicht. »Wahrscheinlich hat Donny wieder den Clown gespielt, wie üblich.«
»Gut möglich. So richtig nüchtern ist er vermutlich nie. Aber du würdest dich wundern, wie oft jemand, der nicht alkoholisiert ist, beim Auswechseln einer Glühbirne vom Stuhl fällt. Also dann, tu, was ich dir gesagt habe, hörst du? Dann wirst du mich hier so schnell nicht wieder sehen, wenigstens nicht in meiner Eigenschaft als Ärztin.« Sie drückte liebevoll Nicks Hand.
Jacqueline wandte sich verlegen ab. »Ich lasse euch besser allein, damit ihr ungestört seid.«
»Nein, nein, nicht nötig«, wehrte Rachel ab und ging zur Tür. »Ich bin schon weg.«
Jacqueline stellte das Tablett neben dem Bett ab und folgte der Ärztin in den Flur hinaus. »Ist mit Nick wirklich alles in Ordnung?«
»Nun, er hat keine Sehstörungen und klagt auch nicht über irgendwelche Schmerzen. Soweit ich das beurteilen kann, fehlt ihm nichts Ernstes. Warum fragen Sie?«
»Er ist irgendwie anders, so launisch und schroff und gereizt. Er und Ben sind schon ein paarmal heftig aneinandergeraten. Er benimmt sich einfach merkwürdig.« Jacqueline zuckte hilflos mit den Schultern.
»Oh, ich weiß, was Sie meinen. Bei mir hat er sich gerade dafür entschuldigt, dass er mich bei meinem Besuch nach dem Absturz geküsst hat. Das muss er geträumt haben.«
Jacqueline starrte sie groß an und wurde rot.
Rachel entging ihre Reaktion nicht. »Waren Sie das, die er geküsst hat?«, fragte sie.
Jacqueline holte schon Luft, um die Frage zu verneinen, aber ihr Erröten hatte sie verraten. Sie nickte. »Ja, aber er hat nicht gewusst, was er tat.«
»Vielleicht doch«, murmelte Rachel viel sagend.
»Nein, ganz bestimmt nicht. Er hat mich für Sie gehalten, seien Sie bitte nicht böse.«
»Warum sollte ich böse sein?« Rachel guckte sie verwirrt an. »Na, egal. Ich muss jetzt wirklich gehen. Sagen Sie mir Bescheid, falls sich sein Zustand verschlechtern sollte.«
Rachel lief über die Veranda und rannte zu ihrem Jeep. Jacqueline wartete, bis sie davongefahren war, dann schloss sie langsam die Tür. Dass es Rachel gar nichts ausmachte, dass Nick sie geküsst hatte! Ob er häufiger etwas mit anderen Frauen hatte? War sie es gewöhnt und störte sich deshalb nicht mehr daran? Das wäre wirklich traurig, dachte Jacqueline.
Später an diesem Tag setzte sich Vera noch einmal ans Funkgerät und versuchte, Jacqueline zu erreichen. Dieses Mal klappte es.
»Jackie, wo warst du denn? Over.«
»Wieso? Hast du es schon einmal versucht? Over.«
»Schon ein paarmal. Ich hab mir schon Sorgen gemacht. Over.«
»Ich war mit den Männern draußen unterwegs, wir haben entlaufene Schafe gesucht.«
Nick und Ben und seine Söhne waren nach einer schnellen Mahlzeit wieder hinausgegangen, um die Zäune zu reparieren. Ben hatte gar nicht erst versucht, Nick davon abzuhalten, er wusste, es war sinnlos. Er hatte ihm lediglich gedroht, ihn draußen im Regen liegen zu lassen, wenn er noch einmal bewusstlos würde. Tatsache war, dass er Nick brauchte, und Nick wusste das.
»Ist alles in Ordnung bei dir? Over.«
»Nein. Mike ist nicht da, und das Dach ist undicht.« Dicke Wassertropfen platschten auf das Funkgerät. Vera schaute ängstlich zur Decke hinauf. »O nein!«
»Vera? Was ist denn? Over.«
»Das Wasser tropft direkt auf das Funkgerät! Und es wird immer schlimmer, ich kann es nicht noch weiter wegrücken. Ich halte das nicht mehr aus, Jackie. Ich habe es satt, dass Mike mich immerzu allein lässt und ich zusehen kann, wie ich mit allem fertig werde. Over«, klagte sie.
Einmal hatte der Generator zu rauchen angefangen. Vera, die dachte, er werde explodieren, war in Panik aus dem Haus geflohen und hatte sich mehrere hundert Meter entfernt unter einen Baum geflüchtet, wo Mike sie dann am Abend entdeckte. Ein andermal war die Pumpe ausgefallen, die das Wasser aus dem Regenwasserspeicher heraufbeförderte, und sie hatte den ganzen Tag kein Wasser gehabt. Zwei Tage zuvor waren unzählige Ameisen ins Haus marschiert, und sie hatte nicht gewusst, wie sie der Plage Herr werden sollte. Einmal war ein Opossum durch eine offene Tür hereinspaziert. Vera war so erschrocken, dass sie laut schrie, was wiederum das Tier in Panik versetzte. Es hatte nicht gleich wieder hinausgefunden und war auf den Tisch gesprungen, den Vera liebevoll fürs Abendessen gedeckt hatte, weil sie und Mike sich zwei Wochen zuvor kennen gelernt hatten. Alles war heruntergerissen worden, das Geschirr in tausend Scherben zersprungen.
»Ein undichtes Dach ist doch nicht so schlimm, Vera. Over«, tröstete Jacqueline.
»Du verstehst das nicht, Jackie. Ich bin wirklich anpassungsfähig, aber die Isolation hier draußen bringt mich noch um den Verstand. Over.«
Plötzlich stieß Vera einen markerschütternden Schrei aus. Jacqueline hörte ein lautes Krachen und dann ein Platschen.
»Vera? Vera! Alles in Ordnung? Over.«
Es knisterte ganz fürchterlich im Funkgerät. Die Verbindung wurde so schlecht, dass Jacqueline nur noch ein paar Wortfetzen aufschnappte. »Eingestürzt … Angst … elektrischer Strom … komm schnell … Name … am Gatter …« Dann brach die Verbindung vollends ab.
Jacqueline hatte Herzklopfen vor Angst und Aufregung. War die Decke eingestürzt und hatte Vera unter sich begraben? Oder hatte sie einen Stromschlag bekommen? Was tun? Sie funkte Tess an, konnte sie aber nicht erreichen. Zudem lag Arkaba noch weiter von Rawnsley Park Station entfernt als Wilpena, Tess würde Vera also auch nicht helfen können. Jacqueline überlegte fieberhaft. In Notfällen könne sie das Hawker Hotel oder das Quorn Hotel anfunken, hatte Ben ihr erklärt, aber erstens war sie nicht sicher, ob sie es richtig machen würde, und zweitens lagen sowohl Hawker als auch Quorn weit entfernt. Und was sollte sie sagen? Dass das Funkgerät auf Rawnsley Park Station ausgefallen war? Das war sicherlich kein Grund, bei diesem Wetter Hilfe loszuschicken.
Jaqueline überlegte, ob sie Dixie satteln sollte. Aber im strömenden Regen den langen Weg zu Pferd zurückzulegen, hielt sie nicht für eine gute Idee. Die Männer arbeiteten ziemlich weit vom Haus entfernt, es würde zu lange dauern, sie zu suchen und zu bitten, mit dem Pick-up nach Rawnsley Park zu fahren. Vera brauchte Hilfe, jede Sekunde war kostbar.
»Was soll ich bloß machen?«, jammerte Jacqueline verzweifelt, während sie vor dem stillen Funkgerät auf und ab ging.
Und dann fiel ihr der Morris ein.
Ben hatte den Schlüssel im Zündschloss stecken lassen. Aber als Jacqueline ihn drehte, sprang der Motor nicht an.
»Oh, komm schon!«, flehte sie entnervt.
Sie versuchte es ein zweites Mal, und dieses Mal klappte es. Der Motor röhrte auf und lief gleichmäßig weiter. Jacqueline schloss für einen Moment die Augen und rief sich ihre Fahrstunde mit Ben ins Gedächtnis zurück. Es war ihr absolut nicht geheuer, allein zu fahren, aber sie dachte an Vera, die vielleicht verletzt war und Hilfe brauchte. Sie öffnete die Augen, holte noch einmal tief Luft, legte dann den ersten Gang ein, nahm ihren Fuß von der Kupplung und der Bremse und trat aufs Gaspedal. Der Wagen schoss vorwärts, aus der Garage und in den Hof. Der strömende Regen klatschte auf die Scheiben, und Jacqueline sah überhaupt nichts mehr. Den Fuß immer noch auf dem Gaspedal suchte sie fieberhaft nach dem Schalter für die Scheibenwischer.
Plötzlich prallte sie abrupt gegen ein Hindernis. Der Wagen kam zum Stillstand, der Motor starb ab. Jacqueline stieß einen spitzen Schrei aus und war einen Augenblick wie versteinert. Ihr Herz klopfte heftig, als sie die Wagentür öffnete, um nachzusehen, was sie gerammt hatte. Es war der Kreis aus Steinen, ein heiliger Ort für die Aborigines, wie sie von Ben wusste. Durch den Aufprall waren einige Steine verschoben worden. Alles halb so schlimm, entschied sie. Sie besah sich das Auto, konnte aber keine Schäden feststellen. Ein Glück, dass das Chassis aus Stahl war.
Eilig stieg sie wieder ein. Als sie nach einigem Suchen den Schalter für die Scheibenwischer entdeckt hatte, ließ sie den Motor wieder an und ratschte durch die Gänge, bis sie den Rückwärtsgang gefunden hatte. Behutsam gab sie Gas und fuhr ein Stück zurück, um zu wenden. Als sie den ersten Gang einlegen wollte, hämmerte jemand an die Scheibe auf ihrer Seite. Jacqueline zuckte erschrocken zusammen. Sie wandte den Kopf, sah aber nicht Ben oder Nick, wie sie erwartet hatte, sondern einen Ureinwohner, der ein wütendes Gesicht machte, drohend die Faust schüttelte und erregt auf sie einredete.
Jacqueline trat das Gaspedal bis zum Boden durch und schoss die morastige Auffahrt hinunter.
Als sie die Furt vor sich sah, über die das tosende Wasser hinwegspülte, warf sie einen ängstlichen Blick zurück. Sie konnte nicht viel erkennen, weil der Regen so stark war, aber war es möglich, dass die Aborigines sie verfolgten? Unwillkürlich blitzten Kindheitserinnerungen vor ihrem inneren Auge auf. Sie hatte schon einmal voller Angst durch die Heckscheibe eines Autos gespäht, weil sie verfolgt worden war, und kurz darauf hatte sich der Wagen überschlagen, und ihre halbe Familie war ausgelöscht worden. Sie sah heute noch das blutverschmierte, bleiche, unbewegte Gesicht ihres jüngeren Bruders vor sich. Energisch verdrängte sie dieses Bild.
Jacqueline trat das Gaspedal abermals durch, kniff die Augen zu und preschte in die Furt. Sie spürte, wie die Wassermassen das Auto bremsten, wie die Strömung an ihm zerrte. Fontänen schossen zischend auf beiden Seiten hoch. Sie hoffte inständig, dass der Motor nicht absoff. Tatsächlich gelang es ihr, die andere Seite zu erreichen. Mit unverminderter Geschwindigkeit fuhr sie weiter in Richtung Straße.
Der Regen ließ ein wenig nach, was den Männern draußen die Arbeit erleichterte. Bobby und Nick hatten den auf die Koppel gestürzten Baum zersägt und die Teile beiseitegeräumt, während die Jungen gemeinsam jenes Stück Zaun ausbesserten, das von der Baumkrone niedergerissen worden war.
»Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du den Widder gerettet hast«, sagte Ben zu Geoffrey. »Er wird dafür sorgen, dass wir viele Lämmer bekommen werden, von deren Verkauf wir eine ganze Weile leben können. Dazu noch der Regen, der uns ausreichend Futter sichert! Es geht wieder aufwärts, und das haben wir zu einem großen Teil dir zu verdanken.«
Geoffrey erwiderte nichts. Er konnte seinem Vater nicht in die Augen sehen. Die Bewunderung in seiner Stimme war mehr, als er ertrug.
Ben sah seinen Sohn prüfend an. »Stimmt was nicht, mein Junge? Du bist so still.«
»Dad, ich muss dir etwas sagen«, murmelte Geoffrey mit belegter Stimme. Er räusperte sich. »Du denkst, ich bin furchtbar tapfer gewesen, weil ich meine Ängste überwunden habe, aber das stimmt nicht«, fuhr er fort, ohne aufzuschauen. »Jackie hat den Widder gerettet. Sie hat ihr Leben dafür aufs Spiel gesetzt, und als sie den Schafbock gerettet hatte, musste sie auch noch mich retten.«
Ben fiel aus allen Wolken. »Jackie? Jackie war es?« Er konnte es nicht glauben.
Geoffrey nickte. Endlich blickte er auf, und als er die Fassungslosigkeit in den Augen seines Vaters sah, brach es ihm schier das Herz. »Ich wollte den Widder retten. Aber dazu musste ich auf einem umgestürzten Baum über den Fluss balancieren und bin ausgerutscht …« Er ließ den Kopf hängen. Er hörte selbst, wie jämmerlich das klang.
»Mein Gott, Geoffrey, bist du etwa ins Wasser gefallen?« Alle Farbe wich aus Bens Gesicht, als ihm klar wurde, dass er seinen Sohn hätte verlieren können.
»Nein, ich hab mich wie ein kleines Kind an den Stamm geklammert – wie gelähmt vor Angst, Dad. Ich war feige …« Er fuhr fort, den Zaun aufzurollen.
Ben spürte, wie schwer es seinem Sohn fiel, seine Schwäche einzugestehen. Er fühlte seinen Schmerz, als wäre es sein eigener, und wünschte, er könnte irgendetwas sagen, damit der Junge sich besser fühlte, aber er wusste nicht, was. So schwieg er hilflos.
»Während ich an dem Baumstamm hing und nicht vor- und nicht zurückkonnte, kam Jackie auf Dixie vorbei.« Geoffrey streifte seinen Vater mit einem flüchtigen Blick. Ben machte ein völlig verstörtes Gesicht. »Sie ist durch den Fluss geritten und hat den Widder die Böschung hinaufgezerrt. Sie war unglaublich mutig, während ich nichts weiter getan habe, als mich an den verdammten Baum zu klammern.«
»Aber du hast den Widder doch gefunden, oder?« Ben konnte sich nicht vorstellen, dass Jacqueline ihn angelogen hatte. »Wenn du ihn nicht aufgespürt hättest, wäre die Geschichte ganz anders ausgegangen.«
Geoffrey schwieg. Er hielt seinen Beitrag für so unbedeutend, dass er nicht der Rede wert war.
Ein bedrückendes Schweigen trat ein. Ben, der völlig durcheinander war, versuchte, seine Gedanken zu ordnen.
Nach einer Weile sagte er: »Weißt du, mein Junge, du hättest mich auch weiter in dem Glauben lassen können, dass du es warst, der den Widder aus dem Fluss gezogen hat. Jackie hätte den Mund gehalten. Ich finde es sehr anständig von dir, dass du die Wahrheit gesagt hast.« Jetzt, wo er darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, dass Jacqueline die Geschichte so dargestellt hatte, als hätte Geoffrey den Schafbock gerettet.
»Du kannst ruhig zugeben, dass du enttäuscht von mir bist, Dad«, sagte Geoffrey bitter. »Ich werde in deinen Augen nie ein richtiger Mann sein, und ich kann es dir nicht verdenken. Ich sehe mich selbst ja auch nicht so.«
»Ach, Junge, da irrst du dich aber gewaltig.« Ben kämpfte gegen Tränen an. »Glaubst du denn, ein richtiger Mann darf keine Schwäche zeigen oder nicht weinen?«
Geoffrey hatte seinen Vater noch nie so verletzlich erlebt. »Du bist der stärkste Mann, den ich kenne, Dad. Ich werde nie so sein wie du.«
»Sag so was nicht, Geoffrey.«
»Warum nicht? Es stimmt doch.«
»Nein, es stimmt eben nicht. Stell mich nicht auf ein Podest, das habe ich nämlich nicht verdient. Ich habe viele Fehler und Schwächen. Frag Rachel Roberts. Sag ihr, sie soll mir Blut abnehmen, und du wirst keinen größeren Feigling als mich weit und breit sehen.«
Geoffrey glaubte ihm nicht. Sein Vater sagte das sicher nur, um ihn zu trösten.
Ben sah seinem Sohn die Zweifel an. »Ich habe eine Heidenangst vor Nadeln. Du weißt selbst, wie oft ich mich schon geschnitten habe. Glaubst du, ich weigere mich aus Heldenmut, zum Arzt zu gehen? Nein, ich gehe nicht, weil ich eine panische Furcht habe, die Wunde müsse genäht werden. Als du nach deinem Unfall letztes Jahr an der Heuballenpresse behandelt wurdest, habe ich deinen Mut bewundert. Ich konnte nicht mal hinsehen, weißt du noch? Ich habe euch erzählt, ich hätte noch draußen zu tun, aber das war geflunkert. Ich hatte schlicht Angst, ich könnte vor dir und Rachel umkippen.«
Geoffreys Mundwinkel hoben sich. »Ich wär auch fast umgekippt, Dad. Rachel musste mir Riechsalz unter die Nase halten.«
Ben grinste. »Armer Teufel. Es scheint, als kämst du ganz nach deinem Vater.« Er wurde wieder ernst und rang einen Augenblick mit sich, ob er Geoffrey noch mehr erzählen sollte, entschied sich dann aber dafür. »Nach dem Tod eurer Mutter habe ich viel geweint, mein Junge«, sagte er. »Ich habe zwar versucht, mir nichts anmerken zu lassen und euretwegen tapfer zu sein, aber glaub mir, es gab viele, viele Tage, wo ich mich am liebsten in einem Loch verkrochen hätte und nie wieder herausgekommen wäre. Deine Mutter war die Starke in unserer Familie, ohne sie bin ich verloren. Ich weiß offen gestanden nicht, wie ich es bis heute geschafft habe. Wahrscheinlich, weil es sein musste, aber es ist verdammt hart.«
Geoffrey hatte seinen Vater noch nie so reden hören. »Mom fehlt dir sehr, nicht? Du bist einsam ohne sie.« Er hatte gedacht, er und seine Brüder seien dem Vater Gesellschaft genug, doch das war ein Irrtum. Und vermutlich nicht sein einziger Irrtum, wie ihm jetzt zum ersten Mal klar wurde. Er musste noch eine Menge lernen, wenn er erwachsen werden wollte.
Ben nickte. »Einsamer, als du dir vorstellen kannst.«
»Vielleicht wirst du eines Tages noch einmal eine Frau finden, die du liebst, Dad.«
Ben sah seinen Sohn überrascht an. So erwachsen kannte er ihn gar nicht. »Das ist unwahrscheinlich, mein Junge, aber das macht nichts. Ich hatte großes Glück, eine Frau wie deine Mutter lieben zu dürfen. Ich kann nicht erwarten, ein zweites Mal so viel Glück zu haben.«