Nach der Ankunft in Melbourne mietete Henry im Ambassador Hotel durch Türen verbundene Suiten für sich, Verity und ihren Sohn sowie die Darcys. Eigentlich hätten er und Jacqueline mit dem Zug in die eine Stunde entfernten Dandenong Ranges zu seinem Bruder Philip und dessen Frau Ruth fahren sollen, wo sie wohnen wollten. Doch Henry wusste, er konnte schlecht mit einer anderen Frau und drei ihrer Angehörigen bei ihm auftauchen. Philip war ein eifriger Kirchgänger und ein Mann mit strikten altmodischen moralischen Grundsätzen. Falls er sich nicht radikal geändert hatte, was Henry für unwahrscheinlich hielt, würde er wenig Verständnis dafür zeigen, dass sein Bruder seine Frau während der Überfahrt abgeschoben und sich mit einer anderen eingelassen hatte.
Henry fand erst drei Tage nach seiner Ankunft den Mut, Philip anzurufen.
Philip, der wusste, wann der Dampfer in Melbourne angelegt hatte, war in großer Sorge.
»Ich dachte schon, es sei etwas passiert! Wo bleibt ihr denn, Henry? Ich habe in der Reederei angerufen, aber die konnten mir auch keine Auskunft geben. Ruth und ich haben drei Züge aus Melbourne abgepasst. Wir haben uns große Sorgen gemacht und die ganze Zeit neben dem Telefon gesessen!«
»Entschuldige, Philip, es tut mir wirklich leid. Ich musste mich erst ein wenig erholen.«
»War die Überfahrt so schlimm?«, fragte Philip. Das konnte aber doch kein Grund sein, nicht wenigstens kurz anzurufen.
»Sie war … lebensverändernd«, erwiderte Henry viel sagend. »Es tut mir wirklich leid, dass ihr euch solche Sorgen gemacht habt. Sag mal, würde es dir etwas ausmachen, wenn wir uns morgen hier in der Stadt treffen würden?«
»In der Stadt?«, wiederholte Philip verdutzt. »Habt ihr es euch anders überlegt? Wollt ihr doch nicht hier bei uns wohnen?«
Henry zögerte kurz. »Es hat eine Planänderung gegeben. Das möchte ich aber nicht am Telefon mit dir besprechen. Kannst du morgen herkommen? Allein?«
Philip war verwirrt, aber seine Neugier überwog. »Sicher. Ich werde den Zug nehmen.«
»Wunderbar. Können wir uns um zwölf im Blue Daisy Café in der Bourke Street treffen?«
»Ja, sicher.« Philip kam das alles höchst merkwürdig vor. Irgendetwas stimmte nicht, da war er sich ziemlich sicher. Hatte Henry Eheprobleme oder Geldsorgen? Beides schien ihm eher unwahrscheinlich, aber er wusste nicht, was er sonst denken sollte. »Ist auch wirklich alles in Ordnung, Henry?«
»Ja, ja, alles bestens. Dann bis morgen.«
»Sag mal, in welchem Hotel seid ihr eigentlich abgestiegen?«, fragte Philip schnell, bevor Henry auflegen konnte.
»Äh …«, stotterte Henry verlegen. »Ich … äh … bin im Ambassador.« Er hoffte, Philip war nicht aufgefallen, dass er »ich« gesagt hatte. »Aber wir treffen uns in dem Café in der Bourke Street. Also dann bis morgen, Philip.« Henry legte schnell auf. Er wollte auf keinen Fall, dass sein Bruder vorschlug, ihn im Hotel aufzusuchen.
Das Ambassador war sehr luxuriös und, wie Henry bald feststellen sollte, sehr teuer. Verity und ihre Mutter nutzten vom ersten Tag an sämtliche Einrichtungen, die den Gästen zur Verfügung standen, darunter waren auch ein Kosmetiksalon und ein Swimmingpool. Es schien Verity nicht im Geringsten zu stören, dass die Kosten auf Henrys Zimmerrechnung gesetzt wurden.
Das Abendessen und das Frühstück nahmen sie im Hotelrestaurant ein. Henry hatte noch nie jemanden solche Portionen essen sehen wie die Darcys. Sie bestellten jedes Mal ein Drei-Gänge-Menü und ließen sich zusätzlich morgens Tee und abends eine warme Mahlzeit aufs Zimmer kommen. Henrys Rechnung wurde immer länger.
Verity und ihre Mutter suchten jede Boutique im Umkreis von einer Meile auf und gaben eine Unmenge Geld für Kleider aus. Obwohl er bis über beide Ohren in Verity verliebt war, war Henry angesichts seines schnell schrumpfenden Kapitals klar, dass er bald Arbeit brauchte. Das bedeutete, er würde seinem Bruder alles beichten müssen, und vor dieser Konfrontation schreckte er zurück.
Nachmittags gingen die Darcys immer mit ihrem Enkel in den Botanischen Garten oder machten einen Spaziergang am Yarra River, wo der Kleine Enten und Schwäne füttern und sich richtig austoben konnte. Henry hatte zwar keine Erfahrung mit Kindern, aber Johnny kam ihm doch viel lebhafter und quirliger als andere Kinder vor. Musste er zu lange im Hotelzimmer bleiben, wo er seinen immensen Bewegungsdrang nicht ausleben konnte, bekam er solche Tobsuchtsanfälle, dass sich die anderen Gäste beschwerten – nicht nur die vom selben Stockwerk, sondern auch die darüber und darunter.
Henry und Verity genossen die Zeit, die sie für sich allein hatten, wenn Johnny etwas mit seinen Großeltern unternahm. Im Bett ihrer luxuriösen Suite sorgte Verity dafür, dass Henry nicht an seine schwindenden finanziellen Mittel dachte. Sie ahnte nichts von seinen Schuldgefühlen gegenüber Jacqueline und seiner Sorge um sie.
Henry hatte einen Privatdetektiv engagiert, der den Aufenthaltsort seiner Frau ausfindig machen sollte. Früher oder später würde sie finanzielle Forderungen an ihn stellen. Da sie nie gearbeitet hatte, würde es ihr nicht leichtfallen, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Henry malte sich aus, wie sie von der Fürsorge leben musste, und dieser Gedanke war furchtbar für ihn. Aber mit der Abfindung, die er ihr zahlen wollte, wollte er hauptsächlich sein eigenes schlechtes Gewissen beruhigen.
Jacquelines persönliche Habseligkeiten hatte er in einen großen Koffer gepackt und diesen eingelagert; er würde ihn ihr nachsenden, sobald er ihre Adresse herausgefunden hatte. In erster Linie brauchte er ihre Adresse aber, um die Scheidung einreichen zu können.
An jenem Abend saßen Henry und die Darcys in einer Ecke des Speisesaals im Hotel, als Philip und Ruth hereinkamen. Die beiden ließen ihre Blicke suchend über die Gäste schweifen. Da sie nach einem Paar Ausschau hielten, achteten sie zunächst nicht auf die vier Erwachsenen und den übermäßig lauten Jungen.
Der kleine Johnny war nach einem langen Tag in der Hitze völlig übermüdet. Er quengelte und steigerte sich langsam in Wut. Maxine Darcy versuchte, ihn mit einem Stück Brot zu besänftigen, bis ihr Essen serviert wurde, aber Johnny nahm es und schleuderte es mit einem Wurf, der einem Baseballspieler zur Ehre gereicht hätte, zum Nebentisch hinüber, wo es zielsicher in einem Suppenteller landete. Henry entschuldigte sich tausendmal, aber der mit Suppe bekleckerte Gast war wütend und ließ sich nicht besänftigen. Johnny wiederum war keineswegs einsichtig und tobte weiter. Verity, die ihre neuen Designerschuhe und die dazu passende Handtasche bewunderte, während sie an ihrem Aperitif nippte, tat, als sei nichts passiert, was Henry unbegreiflich war.
Unterdessen hatten sich Philip und Ruth an den Kellner gewandt, der sie an Henrys Tisch führte.
»Hallo, Henry«, sagte Philip und berührte ihn an der Schulter. Als Henry sich erstaunt umdrehte, grinste Philip übers ganze Gesicht. »Überraschung! Ruth und ich konnten es einfach nicht erwarten, dich zu sehen, deshalb haben wir uns in den nächsten Zug gesetzt und uns im Carlisle eine Straße weiter eingemietet. Na, da staunst du, was?«
Das Carlisle war ein vornehmes Hotel, aber nicht so sündhaft teuer wie das Ambassador. Ruth und Philip waren keineswegs geizig, sie warfen ihr Geld aber auch nicht zum Fenster hinaus. Statt eine große Hypothek aufzunehmen und sich eine Villa in Toorak, einem feinen Vorort von Melbourne, zu kaufen, waren sie in ein geräumiges, gemütliches Haus in die ruhigen Dandenong Ranges gezogen. Ihr Anwesen verfügte über Swimmingpool und Tennisplatz, aber beides wurde jetzt, wo die Kinder ausgezogen waren und geheiratet hatten, kaum noch genutzt.
Philip und Ruth liebten die Nähe zur Natur. Es war nicht ungewöhnlich, dass sich farbenprächtige Papageien sowie Koalas und Opossums in ihren Garten verirrten. Rhododendren und Azaleen gediehen prächtig in dem kühlen Bergklima, von ihrem Wohnzimmer aus hatten sie einen spektakulären Blick auf das Yarra Valley. In den angrenzenden, dunstigen Ebereschenwäldern, die sich mit saftig grünen, farnbestandenen Tälern abwechselten, konnte man stundenlang wandern. Die älteste Dampflok Australiens, Puffing Billy genannt, brachte jedes Wochenende Touristen in Bergdörfer wie Belgrave, Gembrook und Emerald, wo köstlicher englischer Tee serviert wurde.
Philip hatte für sich die ideale Lösung gefunden: Er wohnte in einem Paradies in den Bergen und doch nahe genug an der Stadt, dass er täglich in sein Geschäft fahren konnte. Er hatte sich darauf gefreut, dieses Leben mit seinem Bruder zu teilen, doch Henry schien gar nicht erfreut, ihn zu sehen.
Henry bekam den Schock seines Lebens. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht, als er aufsprang und stotterte: »Ph… Ph… Ph… Philip!«
»Jawohl, höchstpersönlich!«, rief Philip leutselig aus. Er schüttelte Henrys schlaffe, schweißnasse Hand und klopfte ihm kräftig auf den Rücken. »Die Haare sind weniger geworden, der Bauch dicker. Lass dich ansehen! Gut siehst du aus, kleiner Bruder, wirklich gut!«
Philip war kleiner und weniger durchtrainiert, als Henry ihn in Erinnerung hatte, aber er sah gesund und glücklich aus. Ruth stand hinter ihm. Als Henry sie das letzte Mal gesehen hatte, waren die beiden frisch verheiratet gewesen. Ruth hatte ein paar Pfund zugenommen, und ihre Haare waren heller, aber ihr Lächeln war noch so herzlich wie damals. Jetzt jedoch heftete sich ihr scharfer Blick auf Verity und deren Familie.
Auch Philip musterte die blonde Frau an Henrys Seite. Sie schien ihm noch sehr jung, er hatte sich Henrys Frau älter vorgestellt. »Guten Tag«, sagte er in das verlegene Schweigen hinein. »Ich bin Philip, Henrys Bruder, und das ist meine Frau Ruth.«
Er streifte erst Johnny, dann Ron und Maxine Darcy mit einem kurzen Blick. Der Junge, dessen Gesicht so hochrot war wie der künstliche Weihnachtsstern auf dem Tisch, hampelte auf seinem Stuhl herum. Ron und Maxine blickten erschrocken drein. Hätte noch ein weiterer Stuhl am Tisch gestanden, auf dem es dank Johnny ziemlich wüst aussah, hätte Philip angenommen, dass sein Bruder und Jacqueline sich zu anderen Hotelgästen gesetzt hatten. Doch das war nicht der Fall. Wer also waren diese Leute, und zu wem gehörte das Kind?
Verity, Ron und Maxine sahen erst Philip, dann Henry an. Dieser war von der unverhofften Begegnung so schockiert, dass er nicht wusste, was er sagen sollte.
»Guten Abend«, murmelte Verity leicht verdrossen. Henry hatte ihr zwar erklärt, dass er seinen Bruder noch nicht ins Vertrauen gezogen hatte, aber sein Zögern wurmte sie dennoch. Warum trat er nicht selbstsicherer auf? War es ihm so wichtig, was sein Bruder von ihm dachte?
»Willkommen in Melbourne, Jacqueline«, sagte Ruth und lächelte zaghaft. »Ich habe mich so darauf gefreut, dich endlich kennen zu lernen.«
Sie kannte Jacqueline nur von den Hochzeitsfotos, die Henry ihnen seinerzeit geschickt hatte – die attraktive Brünette, die darauf zu sehen war, strahlte Anmut, Charme und Eleganz aus. Die Blondine hier am Tisch hätte genauso gut Kellnerin in irgendeiner Kneipe in einem Arbeiterviertel von Melbourne sein können.
»Oh … äh … ich … äh … bin nicht …«, stotterte Verity und sah Henry Hilfe suchend an. Erwartete er von ihr, dass sie sich als Jacqueline ausgab?
Henry holte tief Luft und nahm all seinen Mut zusammen. Es half nichts, früher oder später würde die Wahrheit doch ans Licht kommen. »Philip, Ruth, ich möchte euch Verity vorstellen. Ron und Maxine, ihre Eltern. Und der junge Mann hier ist Johnny, Veritys Sohn.«
Der Junge jammerte inzwischen in einer Lautstärke, dass die anderen Gäste alle böse zu ihnen hersahen. Verity achtete jedoch nicht auf ihren Sohn. Sie wartete immer noch darauf, dass Henry sie als die neue Frau in seinem Leben vorstellte.
Eine Sekunde lang waren Philip und Ruth verwirrt, dann zeigte sich Erleichterung auf ihren Gesichtern. »Guten Abend«, sagten sie wie aus einem Munde.
»Entschuldigen Sie«, wandte sich Philip an Verity. »Wir dachten, Sie seien Jacqueline, Henrys Frau.« Er war heilfroh, dass Jacqueline nichts von dieser Verwechslung mitbekommen hatte. Für sie könnte das unmöglich ein Kompliment sein.
Verity nahm die offensichtliche Erleichterung der beiden pikiert zur Kenntnis. Ihr künftiger Schwager und ihre künftige Schwägerin waren ein bisschen zu hochnäsig für ihren Geschmack. Sie bezweifelte, dass sie gut mit ihnen auskommen würde.
Philip sah Henry an. »Und Jacqueline? Wo ist sie? Wir haben uns schon so auf sie gefreut.«
Henry lockerte mit einem Finger seinen Hemdkragen und lief rot an. »Sie … äh … ist nicht hier.«
»Wo ist sie denn?«
Ruth blickte sich flüchtig im halb vollen Speisesaal um. Unter den Hotelgästen befanden sich auch einige prominente Frauen, die sie aus den Klatschspalten kannte, sowie deren Ehemänner, angesehene Geschäftsleute. Alle starrten verärgert zu ihnen her, weil Johnny sich so unmöglich aufführte, und Ruth wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken.
Sie und Philip verkehrten zwar nicht in den sogenannten besseren Kreisen, aber sie waren in den Dandenongs und den äußeren Randbezirken der Stadt durch Philips Möbelgeschäft – dasselbe, in das Henry als Teilhaber einsteigen sollte – bekannte und geachtete Leute.
Henry überlegte, ob er seinen Bruder und seine Schwägerin in die Hotelhalle bitten und ihnen die Situation dort erklären sollte. Doch der Feigling in ihm dachte, die beiden würden die Nachricht besser aufnehmen, wenn Verity dabei war.
Die Darcys wechselten einen Blick und standen auf. »Ich glaube, wir bringen den Kleinen lieber ins Bett«, sagte Ron und nahm den mittlerweile brüllenden Jungen auf den Arm. Sowohl Ron als auch Maxine waren dankbar für den Vorwand, sich aus der Schusslinie verziehen zu können. »Mir scheint, schlafen ist im Moment wichtiger für ihn als essen. Könnten wir vielleicht … äh …« Er räusperte sich verlegen. »… den … äh … Schlüssel haben?«
Philip entging nicht, dass Henry Ron den Zimmerschlüssel zusteckte.
Verity gab ihrem Sohn einen Gutenachtkuss, und die Darcys verließen mit Johnny den Speisesaal, sehr zur Erleichterung der anderen Gäste.
»Wollt ihr euch nicht zu uns setzen und mit uns essen?«, fragte Henry seinen Bruder und seine Schwägerin betont unbekümmert, während er das Tischtuch glatt strich. Obwohl er sich alle Mühe gab, konnte er seine Nervosität nicht verbergen. Er setzte sich wieder und trank sein Bier in einem Zug aus.
»Danke, aber wir haben im Carlisle einen Tisch reserviert«, erwiderte Philip mit einem Seitenblick auf seine Frau, die nicht weniger verblüfft war als er selbst.
Philips frostiger Ton machte Henry noch nervöser. Er wünschte, sie würden endlich wieder gehen. Warum hatte sein Bruder sich nicht an ihre Absprache gehalten? Er hasste es, überrumpelt zu werden.
»Ja, heute ist nämlich unser fünfundzwanzigster Hochzeitstag«, fügte Ruth stolz hinzu. In ihrer Stimme schwang aber auch leiser Tadel mit.
Henry und Verity sahen sie an. Beiden war angesichts der offenkundigen Missbilligung äußerst unbehaglich zumute.
»Ich denke, ein paar Minuten können wir uns schon zu euch setzen«, sagte Philip dann und half seiner Frau, sich zu setzen. Er fand, sein Bruder war ihm eine Erklärung schuldig.
Verity wandte sich dem sichtlich angeschlagenen Henry zu. Seine Rückgratlosigkeit gefiel ihr zwar nicht, aber zum Zeichen dafür, dass sie zu ihm hielt, legte sie ihre Hand auf seine. Es war eine beruhigende, zugleich aber auch Besitz ergreifende Geste. Sie nahm sich vor, Henry später im Bett klarzumachen, dass sie den Segen seines Bruders nicht brauchten.
Philips Züge wurden hart. Er fand diese Zurschaustellung von Vertraulichkeit absolut geschmacklos. Obwohl er Jacqueline nicht kannte, tat sie ihm von ganzem Herzen leid. »Henry, was wird hier eigentlich gespielt? Wo ist deine Frau? Hast du sie in New York zurückgelassen?«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Henry mit einem Seitenblick auf Verity. Er atmete tief durch, sah seinen Bruder ernst an und hoffte inständig, dass er ihn verstehen würde. »Sie ist in Adelaide von Bord gegangen.«
»In Adelaide von Bord gegangen?«, wiederholte Philip entgeistert. »Soll das heißen, sie hat dich verlassen?« Er war fassungslos. Hatte er Henry etwa vorschnell verurteilt?
»Ja, aber …«, druckste Henry, der es Jacqueline ja nicht verdenken konnte. Er wollte ihr auch keine Schuld zuweisen, nicht einmal, um sein Gesicht zu wahren.
»Henry kann nichts dafür, er wollte ja, dass sie nach Melbourne mitkommt«, warf Verity trotzig ein.
Philip warf der Begleiterin seines Bruders einen finsteren Blick zu, und sie verstummte. »Und warum ist sie dann schon in Adelaide von Bord gegangen?« In diesem Moment hörte er sich wie der große Bruder von einst an, der den jüngeren zurechtwies, wenn dieser eine Dummheit gemacht hatte.
»Sie war … sehr aufgebracht … weil …« Henry war nicht imstande, den Satz zu beenden. Er senkte den Kopf und murmelte stattdessen: »Ich habe versucht, mit ihr zu reden, aber sie hat nicht auf mich gehört.«
»Aufgebracht?« Philip, der seinem Bruder das schlechte Gewissen ansah und die verstohlenen Blicke bemerkte, die er mit Verity wechselte, kam plötzlich ein Verdacht. »Ich nehme an, Sie waren auch an Bord?«, wandte er sich in scharfem Ton an Verity. Er kannte die Antwort bereits.
Verity wollte sich nicht nachsagen lassen, eine Ehe zerstört zu haben. Manchmal, so hätte sie gerne erklärt, war es eben Schicksal, wenn zwei Menschen sich begegneten, die füreinander bestimmt waren. Im Grunde hatten sie Jacqueline einen Gefallen erwiesen, denn jetzt hatte sie die Gelegenheit, den Mann zu finden, der wirklich zu ihr passte.
»Ganz recht«, erwiderte sie und reckte trotzig das Kinn in die Höhe. »Ich bin mit meinem Sohn und meinen Eltern gereist.«
Und ohne Mann, dachte Philip. »Ich glaube, allmählich verstehe ich«, sagte er langsam, während er seinen Blick über ihr üppiges, tief ausgeschnittenes Dekolletee, den viel zu knappen Rock und die stark geschminkten Augen wandern ließ.
Doch er konnte nicht ihr allein die Schuld geben. Henry hatte sich in Begleitung seiner Frau befunden. Er hätte mehr Stärke beweisen und der Versuchung widerstehen müssen.
»Ich wollte dir morgen alles erklären«, sagte Henry hastig. »Wenn ihr uns nur eine Minute zuhört, dann …«
»Ich glaube, ich habe genug gehört«, fiel Ruth ihm ins Wort und machte ein verkniffenes Gesicht. »Erspare uns bitte die Einzelheiten.« Sie mochte sich gar nicht ausmalen, was die arme Jacqueline durchgemacht hatte.
»Ja, wir haben auch so verstanden«, fügte Philip hinzu. Er stand auf und sagte zu seiner Frau: »Komm, Liebes, ich möchte nicht, dass unser Tisch anderweitig vergeben wird.« Eigentlich hatte er Henry und Jacqueline zum Essen einladen wollen, um gemeinsam ihr Wiedersehen und seinen Hochzeitstag zu feiern, doch das hatte sich nun in Rauch aufgelöst, genau wie Henrys Ehe. Er hatte nicht die Absicht, den Abend mit seinem Bruder und diesem billigen Flittchen zu verbringen.
Philip und Ruth wandten sich ohne ein weiteres Wort ab.
Henry geriet in Panik. »Philip!«
Sein Bruder drehte sich um. Sein Blick war kalt, seine Miene frostig.
»Was ist mit unserer Verabredung morgen? Wir wollten doch über unsere Teilhaberschaft reden.«
»Ich lasse von mir hören«, erwiderte Philip kurz angebunden mit einem letzten strafenden Blick auf Verity. Dann fasste er seine Frau um die Taille und ging in Richtung Tür.
Henry sah den beiden nach. Als sie den Speisesaal verlassen hatten, sank er stöhnend in sich zusammen. Verity musterte ihn ärgerlich, auf der anderen Seite war sie froh über diese Entwicklung. Henrys Bruder schien voller Vorurteile zu stecken, ein Glück, dass nun wahrscheinlich nichts aus der Teilhaberschaft werden würde.
»Philip ist stocksauer«, sagte Henry bedrückt und winkte dem Kellner, damit er ihm nachschenkte. »Was, wenn er mich jetzt nicht mehr als Kompagnon haben will?«
»Dann suchst du dir eben etwas anderes«, erwiderte Verity achselzuckend.
»Ohne Partner geht es aber nicht«, fuhr Henry sie an. »Wer ein Geschäft gründen will, braucht eine Menge Startkapital.«
»Du hast doch genug, oder etwa nicht?« Diesen Eindruck hatte er ihr zumindest vermittelt.
»Ich habe auch Verpflichtungen Jacqueline gegenüber.«
»Sie hat doch gesagt, dass sie nichts von dir will.«
»Sie hat in ihrem Zorn nicht gewusst, was sie gesagt hat. Es ist nur gerecht, dass ich ihr nach zehn Jahren Ehe eine anständige Abfindung zahle.«
»Wie du meinst«, erwiderte Verity spitz. Ihre Augen funkelten vor Eifersucht. Anscheinend dachte er öfter an seine Frau, als sie ahnte. »Ich hätte da eine Idee. Einer der Geschäftspartner meiner Eltern ist abgesprungen, vielleicht kannst du ja seine Anteile übernehmen.«
Henry hörte nur mit halbem Ohr zu. Der Kellner hatte ihm kaum nachgeschenkt, als er sein Glas auch schon wieder leerte. »Als Geschäft kann man das im Grunde nicht bezeichnen, oder?« Er hatte sich mit Ron und Maxine auf dem Dampfer kurz über deren Pläne unterhalten, sich aber nicht wirklich dafür interessiert.
»Vielleicht nicht in dem Sinne, wie du es kennst. Aber Dad hat heute erfahren, dass einer der Investoren für das geplante Bauvorhaben sein Kapital für ein anderes Projekt benötigt. Nach allem, was ich gehört habe, scheint das Ganze sehr profitabel zu sein, das Kapital ist nicht lange gebunden. Sie kaufen Lagerhallen auf, die nicht mehr genutzt werden, und bauen sie zu Wohnungen um. Normalerweise dauert das nicht länger als ein halbes Jahr. Danach werden die Apartments mit großem Gewinn verkauft. Anscheinend ist die Nachfrage sehr groß, weil so viele Menschen nach Australien auswandern. Hätte ich genug Geld, würde ich selbst in die Gesellschaft investieren. Aber mein Mann hatte keine Lebensversicherung abgeschlossen.«
Henrys Neugier war geweckt. »Ich kann ja mal mit deinem Vater reden«, meinte er nachdenklich.
Er kannte in New York einige Bauunternehmer, die mit dem Aufkauf, dem Umbau und dem Wiederverkauf alter Häuser reich geworden waren. Das Risiko eines solchen Geschäfts war ihm immer zu groß gewesen, aber in einem Land wie Australien mit seinen zahllosen Einwanderern war mit dieser Methode vielleicht Geld zu machen.
»Ja, das solltest du«, stimmte Verity erfreut zu.