Kapitel 27

Als ich aufwachte, saß mein Leben bereits angezogen im Sessel und beobachtete mich, was ziemlich unheimlich war – um es mal vorsichtig auszudrücken. Er machte ein trauriges Gesicht.
»Ich hab schlechte Nachrichten.«
»Wir sind hier zusammengekommen, um den Verlust von Sebastian zu betrauern«, sagte mein Leben, als wir auf dem Schrottplatz standen und auf mein armes Auto starrten, das von den Auto-Sanitätern hierhergebracht worden war.
»Wie lange weißt du es schon?«
»Seit gestern, aber da wollte ich es dir nicht sagen. Irgendwie erschien es mir nicht richtig.«
»Müssen wir ihn denn wirklich gehen lassen? Können wir ihn nicht noch ein Weilchen behalten?«
»Ich fürchte nein. Nicht mal ein ganzes Mechaniker-Team konnte ihn wieder zum Leben erwecken. Außerdem wärst du besser dran, wenn du dir von dem ganzen Geld, das du für seine Reparaturen ausgibst, ein neues Auto kaufen würdest.«
»Ich bin aber loyal.«
»Ich weiß.«
Wir schwiegen einen Augenblick, dann tätschelte ich Sebastians Dach. »Danke, dass du mich an all die Orte gebracht hast, wo ich hinwollte, und wieder zurück nach Hause. Lebe wohl, Sebastian, du hast mir treu gedient.«
Mein Leben gab mir eine Handvoll Erde.
Ich nahm sie und warf sie auf Sebastians Dach. Dann traten wir einen Schritt zurück, der Greifarm senkte sich herab, und Sebastian wurde hochgehoben, dem Himmel entgegen.
Und dann unverzüglich abgesetzt und zerdrückt.
Eine Hupe unterbrach meine Gedanken, und als wir uns umschauten, sahen wir Harry, der sich aus dem Fenster des Campers lehnte. »Der Kerl mit den Paranüssen will unbedingt losfahren. Seine Mum hat einen Wutanfall und braucht den Wagen unbedingt für irgendein irisches Tanzfestival.«
Auf dem Heimweg war ich sehr still, genau wie Harry. Er saß neben mir, schrieb eine SMS nach der anderen, und in den Intervallen, wenn er auf eine Antwort wartete, las er die vorhergehenden.
»Harry ist verliebt«, neckte ihn Annie.
»Glückwunsch.«
Er wurde ein bisschen rot, lächelte aber. »Und was ist mit deinem Freund?«
»Oh. Nichts.«
»Ich hab dir ja gesagt – in drei Jahren können Leute sich gewaltig verändern.«
Aber ich wollte mich nicht von einem College-Pimpf belehren lassen, es konnte ja nicht angehen, dass er sich einbildete, mehr über die menschliche Rasse zu wissen als ich, deshalb lächelte ich ihn an und erwiderte ziemlich herablassend: »Aber er hat sich nicht verändert. Er ist genau der Gleiche geblieben.«
Harry rümpfte die Nase. Anscheinend gefiel es ihm nicht, dass Blakes kleine Einführungsvorstellung gestern ganz normal für ihn war und nicht etwa die Folge davon, dass ihm irgendwann in den letzten drei Jahren jemand einen Schlag auf den Schädel verpasst hatte. »Dann hast du dich wohl verändert«, meinte er nüchtern und wandte sich dann wieder seinem Handy zu, um dem Mädchen, mit dem er Babys haben wollte, die nächste SMS zu schreiben.
Nach diesem Gespräch wurde ich noch stiller, denn ich hatte eine Menge nachzudenken. Mein Leben hatte offensichtlich Lust zu quatschen, aber nach einigen verzögerten und recht einsilbigen Antworten meinerseits merkte er schließlich, dass ich kein Interesse hatte, und ließ mich in Frieden. Ich hatte auf dieser Reise viel verloren: Nicht nur die Liebe, an die ich geglaubt hatte, und mein Auto, an dem ich so hing, sondern auch die Hoffnung, mich aus dem Netz meiner Lügen befreien zu können, schien auf einmal unrealistisch oder zumindest weit problematischer, als ich es erwartet hatte. Und nun? Ich hatte keinen Job, kein Auto, keine Liebe, kaputte oder zumindest angeschlagene Beziehungen zu meiner Familie, zu meinen Freunden und vor allem zu meiner besten Freundin, was mir am meisten Sorgen machte. Alles, was ich hatte, war eine gemietete Einzimmerwohnung, eine Nachbarin, die wahrscheinlich kein Wort mehr mit mir wechseln würde, und ein Kater, den ich zwei Nächte allein gelassen hatte.
Dann warf ich einen Blick auf meine andere Seite. Aber ich hatte mein Leben!
Als wir die Innenstadt erreichten, beugte sich mein Leben nach vorn. »Könnt ihr uns bitte hier rauslassen?«
»Warum hier?«
Wir stiegen in der Bond Street aus, im Herzen der Liberties, einer der historischen Gegenden von Dublin, wo die meisten Straßen – auch die, auf der wir uns befanden – noch Kopfsteinpflaster hatten. Hinter den schwarzen Toren der nahegelegenen Guinness-Brauerei stieg Dampf auf, ein Zeichen, dass dort von den Männern in den weißen Labormänteln fleißig Irlands wichtigster Exportartikel fabriziert wurde.
»Komm mit«, sagte mein Leben mit einem stolzen Lächeln. Ich folgte ihm über die Kopfsteinpflasterstraße, entlang der alten Mauern, hinter denen sich funktionierende Fabriken neben verfallenen Gebäuden mit verrammelten Fenstern verbargen. Gerade als ich zu vermuten begann, dass mir eine Lektion über die Probleme der Menschen in früheren Zeiten bevorstand, vielleicht der Menschen, die in dieser Straße gelebt hatten, und wie sie damit klargekommen waren – womöglich, indem sie im Zuge einer Massen-Selbstheilung ihre Fenster zugemauert hatten –, und hoffte, dass ich mich danach besser fühlen würde, holte mein Leben einen Schlüsselbund heraus und ging zielbewusst auf eine Tür in einem Gebäude voller zugemauerter Fenster zu.
»Was machst du denn da? Was willst du da drin?« Ich schaute mich um und wartete, dass jemand uns aufhalten würde.
»Ich will dir etwas zeigen. Was glaubst du, was ich die ganze Zeit gemacht habe, wenn ich mich von dir weggeschlichen hatte?«
Ich runzelte die Stirn, denn vor meinem inneren Auge erschien das Bild von meinem Leben, wie er mich mit einer jüngeren, hübscheren Version meiner selbst betrog, wie er sich als deren Leben ausgab, um sich an sie ranzumachen, und mit ihr am sonntäglichen Familientisch saß, wo er sich, da er ja so tun musste, als würde er sie schon immer kennen, unter den wachsamen Augen ihres vereinnahmenden Vaters die Anekdoten über ihr Heranwachsen zu merken versuchte. Währenddessen kämpfte er mit seinem schlechten Gewissen, zum einen, weil diese ausgeglichene junge Person sich jetzt fragte, ob sie vielleicht ihr Leben von Grund auf verändern musste, zum anderen natürlich, weil er mich im Stich ließ. Eine Doppellüge, die ihm gewaltig zusetzte.
Mein Leben sah mich an. »Du siehst total sauer aus. Woran denkst du denn?«
Ich zuckte die Achseln. »Ach, an gar nichts. Was ist das hier denn?«
Wir betraten das Gebäude, ein umgebautes Lagerhaus, weiträumig, mit hohen Decken und freiliegendem Mauerwerk, staubig von den Renovierungen. Wir stiegen in einen Aufzug, und ich erwartete halb, dass wir gleich durchs Dach katapultiert würden und über den Häusern in den Himmel segelten, wo mein Willy-Wonka-Leben mir dann all das zeigte, was mir gehörte. Aber nichts dergleichen geschah. Stattdessen führte mein Leben mich den Gang hinunter in einen lichtdurchfluteten quadratischen Raum, in dem jede Menge Kisten auf dem Boden standen. Aus den Fenstern überblickte man die ganze Stadt: In der Nähe bestimmten Mehrfamilien- und Reihenhäuser das Bild, in der Ferne waren die grünen Kupferdächer der St Patricks Cathedral beziehungsweise der Kuppel auf den Four Courts zu erkennen, dahinter die Dublin Bay, wo Baukräne neben den über zweihundert Meter hohen rotweißgestreiften Zwillingsschornsteinen von Poolbeg in den Himmel ragten. Erneut erwartete ich meine Lektion. Aber sie kam immer noch nicht.
»Willkommen in meinem neuen Büro«, strahlte mein Leben. Er sah so glücklich aus, so anders als der Mann, den ich vor zwei Wochen kennengelernt hatte – man konnte kaum glauben, dass er derselbe war.
Ich betrachtete die Kisten auf dem Boden. Die meisten waren noch zugeklebt, aber ein paar waren schon halb ausgepackt, und man konnte die Akten darin sehen, mit schwarzem Marker beschriftet: »Lügen 1981–2011«, »Wahrheiten 1981–2011«, »Freunde 1989–2011«, »Familienbande Silchester«, »Familienbande Stewart«. Es gab eine Kiste für »Lucys Freunde«, unterteilt in »Schule«, »Studium«, »Sonstiges« und jeweils einen Ordner für alle meine bisherigen Jobs – nicht dass ich dort viele Freunde gefunden oder behalten hätte. Dann gab es noch eine Schachtel mit der Aufschrift »Urlaub« mit getrennten Fächern für jede meiner Reisen samt Datum. Ich ließ den Blick über die Kisten schweifen, Daten und zufällige Momente sprangen mich förmlich an und brachten Erinnerungen in Gang, die ich längst vergessen geglaubt hatte. Diese Kisten enthielten mein ganzes Leben – auf Papier –, meine Beziehungen zu allen Leuten, mit denen ich jemals etwas zu tun gehabt hatte. Mein Leben hatte über sie Buch geführt, hatte sie analysiert und studiert, um herauszufinden, ob das Mobbing auf dem Schulhof etwas mit der gescheiterten Beziehung zwanzig Jahre später zu tun hatte und ob es einen Zusammenhang gab zwischen einer unbezahlten Rechnung auf Korfu und dem Drink, der in einem Dubliner Club in meinem Gesicht gelandet war. Letzteres erwähne ich nur deshalb, weil die beiden Dinge wirklich hundertprozentig in Zusammenhang standen, wie sich später herausstellte. Auf einmal sah ich mein Leben als eine Art Wissenschaftler und sein Büro als sein Labor, in dem er seine Tage verbracht hatte, bevor wir uns kennengelernt hatten, und wo er auch den Rest seiner Tage damit verbringen würde, mich zu analysieren, mit Philosophien und Theorien zu experimentieren und zu erforschen, warum ich so geworden war, wie ich war, warum ich welche Fehler gemacht und gelegentlich auch gute Entscheidungen getroffen hatte, warum ich erfolgreich gewesen und wo ich ins Schleudern geraten war. Das Lebenswerk meines Lebens.
»MrsMorgan meint, ich soll das alles entsorgen und lieber auf diesen kleinen USB-Sticks speichern, aber ich weiß nicht, ich bin altmodisch. Ich mag meine geschriebenen Berichte lieber, die haben Charakter.«
»MrsMorgan?«, fragte ich etwas benommen.
»Du erinnerst dich doch bestimmt an die Amerikanerin, der du damals den Schokoriegel geschenkt hast? Sie hat angeboten, mir zu helfen, alles in den Computer einzugeben, aber die Agentur will dafür kein Geld lockermachen, also werde ich es wohl irgendwann selbst in Angriff nehmen. Ich hab ja sonst nichts zu tun.« Er lächelte. »Wie du sicher von unserem ersten Treffen noch weißt, habe ich schon eine Menge wichtiges Zeug im Computer. Oh, und du wirst dich bestimmt freuen zu hören, dass ich mir einen neuen zugelegt habe«, fügte er hinzu und klopfte auf den nagelneuen PC auf seinem Schreibtisch.
»Aber … aber … aber …«
»Guter Punkt, Lucy, den habe ich selbst schon unzählige Male vorgebracht.« Wieder lächelte er sanft. »Kommt dir das alles jetzt ein bisschen seltsam vor?«
»Ich glaube, ich fange gerade erst an zu begreifen, dass ich wirklich dein Job bin. Nur ich?«
»Du meinst, ob ich nebenbei noch schwarz am Leben anderer Leute arbeite?«, lachte er. »Nein, Lucy, ich bin dein Seelenpartner, deine andere Hälfte, wenn du so willst. Du kennst doch sicher die altmodische Theorie, dass es irgendwo von jedem Menschen noch einen anderen Teil gibt … ich bin deiner.« Er winkte mir unbeholfen zu. »Hi.«
Keine Ahnung, warum mir alles plötzlich so sonderbar erschien. Schließlich hatte ich doch das Interview mit der Frau gelesen, die ihr Leben getroffen hatte, und sie hatte nicht nur ihren neuen Ernährungs- und Fitnessplan vorgestellt – der Übersichtlichkeit halber in einem Extrakasten, mit Bildchen von Porridge, Blaubeeren, Lachs und Brokkoli als Beispiel für die Nahrungsmittelgruppen, falls jemand damit nicht vertraut war –, sondern auch noch bis in die kleinsten Einzelheiten erklärt, wie das ganze »Lebens«-System funktionierte. Also wusste ich Bescheid und hatte keinen Grund, überrascht zu sein. Aber als ich das Ganze in diesem Büro vor mir sah, schien es mir plötzlich so normal und alltäglich, dass die ganze Magie verschwunden war. Nicht etwa, dass ich an Magie glaubte – was ich zumindest teilweise meinem Onkel Harold zu verdanken habe, der stets mit solch übertriebenem Nachdruck behauptete, er hätte mir meine fünfjährige Nase gestohlen, obwohl doch zwischen seinen Fingern unverkennbar sein eigener fetter gelber Daumen steckte, der meiner Nase kein bisschen ähnelte, denn die hatte keinen schmutzigen Fingernagel und stank auch nicht nach Zigarettenrauch.
»Woher weißt du, dass ich die Richtige für dich bin?«, fragte ich. »Was, wenn in diesem Moment ein deprimierter Mann namens Bob auf einer Couch sitzt, Nutellasandwiches verdrückt und sich fragt, wo in aller Welt denn bloß sein Leben ist, und das bist du, aber stattdessen bist du hier, und es ist alles nur ein Riesenfehler und …?«
»Ich weiß es eben«, unterbrach er mich schlicht. »Hast du nicht das gleiche Gefühl?«
Ich sah ihn an, sah ihm direkt in die Augen und war sofort überzeugt und beschwichtigt. Ja, ich wusste es auch. Wie ich es fünf Jahre lang jeden Tag gewusst hatte, wenn ich Blake in die Augen geschaut hatte. Es gab eine Verbindung zwischen uns. Jedes Mal, wenn ich in einem überfüllten Raum, wo nichts und niemand mir einen Sinn zu ergeben schien, mein Leben ansah, wusste ich, dass er genau das Gleiche dachte wie ich. Ich wusste es. Ich wusste es einfach.
»Und was ist mit deinem eigenen Leben?«
»Das wird immer besser, seit wir uns kennengelernt haben.«
»Wirklich?«
»Meine Freunde können gar nicht glauben, wie sehr ich mich verändert habe. Sie meinen schon, wir sollten heiraten, obwohl ich ihnen immer wieder erkläre, dass das nicht so funktioniert.« Er lachte, und auf einmal fühlte ich mich grässlich, was zugegebenermaßen sehr sonderbar war, aber es kam mir vor, als wäre ich soeben abserviert worden.
Ich schaute schnell weg, weil ich nicht wollte, dass mein Leben meine konfusen Gefühle mitkriegte, aber das führte nur dazu, dass mir schwindlig wurde, weil wieder ein Stück von meinem Leben direkt vor meinen Augen aufblitzte. »Lucy und Samuel 1986–1996«, ein ziemlich dünner Ordner. Damals hatten mein Vater und ich noch eine relativ normale Beziehung gehabt – sofern man es normal finden möchte, dass ich ihn an einem Sonntag im Monat zu sehen bekam, wenn ich aus dem Internat nach Hause kam. Die Ordner der folgenden Jahre wurden eine Zeitlang Stück für Stück dicker – mit etwa fünfzehn war mein Dickkopf etwa genauso groß wie der meines Vaters, und wir kriegten uns regelmäßig in die Wolle –, und dann, mit Anfang zwanzig, wurden sie wieder dünner, denn nun studierte ich – was er gut fand – und war oft weg. Aber der Ordner für die letzten drei Jahre war dicker als alle anderen. Natürlich gab es auch Ordner für die anderen Mitglieder meiner Familie, aber ich hatte nicht das geringste Interesse an ihnen. Ich hatte diese Beziehungen gelebt, ich wusste, was passiert war, ich wollte sie lieber so in Erinnerung behalten, wie ich sie in meinem jetzigen Entwicklungsstand sah, auch wenn das sicher die eine oder andere Fehlinterpretation enthielt. Unterdessen sprach mein Leben ganz normal weiter, noch immer aufgeregt und stolz auf seine Leistung. Von meinem Unbehagen merkte er nichts.
»Aber ich werde all diese Papiere aufheben, auch nachdem ich die Daten in den Computer eingegeben habe. Irgendwie bin ich da sentimental. Also, wie findest du es?« Strahlend sah er sich in seinem Büro um.
»Ich freue mich sehr für dich«, lächelte ich, obwohl ich traurig war. »Ich freue mich, dass alles so gut für dich läuft.«
Nun spürte er meine Stimmung anscheinend doch, denn sein Lächeln wurde blasser, aber ich wollte seinen besonderen Augenblick nicht dadurch schmälern, dass ich mich in den Vordergrund drängte.
»Ach, Lucy.«
»Nein, lass nur. Das ist okay. Alles in Ordnung«, sagte ich so munter ich konnte und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. Ich wusste, dass es gekünstelt wirkte, und ich wusste, dass meine Stimme einen falschen Klang hatte, aber das war besser als die Wahrheit. »Ich freue mich wirklich für dich, du hast dich so angestrengt, aber wenn es dir nichts ausmacht, möchte ich jetzt gehen. Ich habe … ähm … eine Verabredung mit dieser Frau. Wir haben uns im Fitnessstudio kennengelernt und …« Seufzend brach ich ab. Ich konnte nicht mehr lügen. »Nein, ich hab keine Verabredung, aber ich muss trotzdem gehen. Ich muss einfach gehen.«
Er nickte, und seine Begeisterung war deutlich gedämpft. »Das verstehe ich.«
Auf einmal hatte ich ein blödes Gefühl.
»Vielleicht kannst du dich heute Abend mit Don treffen oder so?«, fragte ich, hoffnungsvoller, als ich es beabsichtigt hatte, aber mein Leben machte ein langes Gesicht.
»Nein, ich glaube, das wäre keine gute Idee.«
»Warum?«
»Nicht nach gestern.«
»Du hast nur ein Bier verpasst, das ist doch keine große Sache.«
»War es aber für ihn«, erwiderte er ernst. »Du hast dich für Blake entschieden, Lucy. Das weiß er. Es war nicht nur ein Pint. Es war eine Entscheidung, die du getroffen hast. Das weißt du.«
Ich schluckte. »So hab ich das aber gar nicht gesehen.«
Mein Leben zuckte die Achseln. »Das spielt keine Rolle. Er sieht es so.«
»Aber das heißt doch nicht, dass du nicht mit ihm befreundet sein kannst.«
»Nein? Warum in aller Welt sollte er Zeit mit mir verbringen, wenn er mit dir zusammen sein will? Bei Blake war es das Gegenteil – er wollte dich, aber nicht dein Leben. Und Don kann nur dein Leben haben, aber nicht dich. Das ist doch paradox, oder nicht?«
»Ja.« Ich lächelte schwach. »Dann geh ich jetzt mal. Herzlichen Glückwunsch, wirklich, ich freue mich sehr für dich.« Aber ich konnte die Traurigkeit nicht verbergen, und meine Worte klangen hohl. Also ging ich.
Im Laden an der Ecke kaufte ich eine Dose Katzenfutter und eine Mikrowellen-Cottage-Pie. Als ich aus dem Aufzug kam, erstarrte ich und wäre am liebsten sofort umgekehrt. Denn an meiner Tür lehnte meine Mum. Sie wandte mir den Rücken zu und sah aus, als wäre sie schon sehr lange hier. Wie gesagt – meine spontane Reaktion wäre gewesen, wieder im Aufzug zu verschwinden, aber darauf folgte augenblicklich die Befürchtung, dass etwas Schlimmes passiert war. Ich rannte zu ihr.
»Mum!« Sie blickte auf, und als ich ihr Gesicht sah, wurde mir ganz übel. »Mum, was ist los?«
Ihr Gesicht verzerrte sich noch mehr, und sie streckte die Arme nach mir aus. Ich drückte sie an mich und streichelte ihr beruhigend über den Rücken, denn vielleicht brauchte sie ja nur ein bisschen Zuwendung, aber dann hörte ich ein leises Schnaufen, ein Wimmern und ein Schluchzen, und mir wurde klar, dass sie weinte.
»Es ist Vater, stimmt’s?«
Sie weinte noch heftiger.
»Er ist tot. Ist er tot?«, fragte ich panisch.
»Tot?« Sie unterbrach ihr Weinen für einen Moment und sah mich entsetzt an. »Hast du was von ihm gehört?«
»Gehört? Nein, nichts. Das war nur geraten. Weil du weinst. Sonst weinst du nie.«
»O nein, er ist nicht tot.« Sie fummelte in ihrem Ärmel herum und zog ein schon ziemlich feuchtes Taschentuch heraus. »Aber es ist vorbei. Alles ist vorbei.«
Schockiert legte ich ihr den Arm um die Schultern, wühlte mit der anderen Hand nach meinem Schlüssel und führte sie in meine Wohnung. Es roch nach dem gereinigten Teppich, und ich war dankbar, dass er sauber war und ich auch noch die Glühbirne ersetzt hatte. MrPan, der unsere Stimmen offensichtlich schon vor der Tür gehört und auf uns gewartet hatte, strich mir aufgeregt um die Beine und konnte sich gar nicht beruhigen.
»Er ist absolut unerträglich«, klagte Mum, und erst jetzt, wo sie in der Wohnung war, merkte ich, dass sie eine ziemlich große Tasche in der Hand hielt. Ohne sich umzusehen, setzte sie sich an die Frühstückstheke und stützte den Kopf in die Hände. MrPan hüpfte auf die Couch, von dort auf die Theke und schlich auf sie zu. Gedankenverloren streckte sie die Hand aus und fing an, ihn zu kraulen.
»Dann ist eure Ehe am Ende?«, fragte ich sie, während ich versuchte, das Alien zu begreifen, das den Körper meiner Mutter in Besitz genommen hatte.
»Nein, nein«, winkte meine Mutter ab. »Die Feier ist abgesagt.«
»Aber ihr seid noch verheiratet?«
»Natürlich«, antwortete sie, offensichtlich verwundert, wie ich auf so eine Idee kommen konnte.
»Okay, damit ich das richtig verstehe – er ist so unerträglich, dass du dein Ehegelübde nicht erneuern, aber trotzdem mit ihm verheiratet bleiben willst?« Ich setzte mich neben sie.
»Diesen Mann einmal zu heiraten war in Ordnung, aber zweimal geht nicht«, erklärte sie mit fester Stimme, aber dann stöhnte sie plötzlich und sank an der Theke in sich zusammen. Nach einer Weile hob sie den Kopf wieder. »Lucy, du hast eine Katze.«
»Ja. Das ist MrPan.«
»MrPan«, lächelte sie. »Hallo, mein Hübscher.« Er war im siebten Himmel. »Wie lange hast du ihn schon?«
»Zwei Jahre.«
»Zwei Jahre? Warum hast du uns das nie erzählt?«
Ich zuckte die Achseln, rieb mir die Augen und murmelte: »Damals kam mir das sinnvoll vor.«
»Ach, Liebes, komm, ich koch uns einen Tee«, sagte sie, denn sie ahnte ein Problem.
»Nein, setz dich. Ich erledige das. Mach du es dir auf der Couch gemütlich.«
Sie betrachtete mein Sofa, dieses große, L-förmige Ding, das den ganzen Raum in Anspruch nahm.
»Ich erinnere mich an diese Couch«, sagte sie und sah sich dann weiter im Zimmer um, als wäre ihr plötzlich klargeworden, dass sie noch nie hier gewesen war. Ich machte mich auf einen Vortrag gefasst, aber sie wandte sich zu mir um und lächelte. »Wie gemütlich. Du hast vollkommen recht. Dein Vater und ich, wir verlaufen uns ja in unserem großen Haus.«
»Danke.« Ich füllte den Wasserkocher. In diesem Moment begann Mums Handy zu klingeln, und sie schloss ihre Handtasche noch fester, um es zur Ruhe zu bringen.
»Weiß er, wo du bist?« Ich versuchte mir nicht anmerken zu lassen, dass ich die Situation durchaus amüsant fand.
»Nein, er weiß es nicht, und komm bitte nicht auf die Idee, es ihm zu sagen.«
Sie ging zum Fenster und suchte einen Weg um die Couch herum, aber als sie sah, dass sie bis zum Fenstersims reichte, trat sie den Rückzug an, um es auf der anderen Seite zu versuchen.
»Mum, was in aller Welt ist denn nun eigentlich passiert?«
Als sie am anderen Ende der Couch ankam, stellte sie fest, dass ihr hier die Küchentheke den Weg versperrte. Also tat sie das, was jede normale Person außer meiner Mutter schon längst getan hätte, hob das Bein und kletterte über die Rückenlehne.
»Ich habe ein egoistisches Untier geheiratet, das ist passiert. Und du kannst ruhig lachen, ich weiß, du denkst, wir gehören zum alten Eisen, aber ich sage dir, in diesem Eisen steckt noch eine ganze Menge Leben.« Nach dieser Erklärung machte sie es sich auf der Couch bequem, kickte ihre schwarzen Lackpumps von sich und zog die Füße unter den Hintern.
»Ich hab leider keine Milch da«, sagte ich schuldbewusst. Normalerweise servierte Mum den Tee auf einem Silbertablett in ihrem feinsten Porzellan. Was ich zu bieten hatte, war bestimmt nicht angemessen.
»Schwarz ist auch gut«, antwortete sie jedoch munter und griff nach einem Becher.
Ich kletterte auf den ihr gegenüberliegenden Teil des Ls und legte die Füße auf den Couchtisch. So gemütlich hatten wir noch nie zusammengesessen.
»Dann erzähl doch mal – was ist passiert?«
Sie seufzte und blies auf ihren Tee. »Eine Menge ist passiert, aber sein Verhalten dir gegenüber war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat«, erklärte sie beherzt. »Wie kann er es wagen, so mit meiner Tochter zu sprechen? Wie kann er es wagen, so mit deinem Gast umzuspringen? Und genau das hab ich ihm dann auch gesagt.«
»Aber Mum, so redet er doch immer mit mir.«
»Nein, so nicht.« Sie sah mir in die Augen. »Bis zu diesem Moment war er fies und grob wie immer« – mir klappte die Kinnlade herunter –, »und damit kann ich umgehen, aber dann hat er eine Grenze überschritten. Es ist dieser verfluchte Hochzeitstag. Ich wollte ihn organisieren, damit wir uns näherkommen. Ich wollte, dass er ein bisschen über die letzten fünfunddreißig Jahre unserer Ehe nachdenkt und mir hilft, sie zu feiern. Stattdessen ist ein Riesentrara daraus geworden, mit lauter Leuten, die ich ehrlich gesagt nicht mal leiden kann.«
Ich schnappte erneut nach Luft. Eine Offenbarung jagte die andere, und mich faszinierten die Ansichten und das Verhalten meiner Mutter weit mehr als der Zustand ihrer Ehe, der mich nicht sonderlich interessierte. Meine Eltern waren erwachsen, und es war albern, anzunehmen, die letzten fünfunddreißig Jahre wären nur eitel Sonnenschein gewesen.
»Und seine Mutter.« Zur Veranschaulichung tat sie so, als würde sie sich die Haare raufen. »Diese Frau ist noch schlimmer als vor fünfunddreißig Jahren. Zu allem gibt sie ihren Senf dazu, und der kümmert mich, offen gestanden, einen Scheiß.«
Einen Scheiß?
»Ehrlich, Lucy, sie ist so unhöflich, und du bist immer so witzig mit ihr.« Sie beugte sich vor und legte die Hand auf mein Knie. »Ich wollte, mir würden auch mal solche schlagfertigen Antworten einfallen.« Sie kicherte leise. »Wie war das mit dem Stillen? Meine Güte, das war echt der Knüller, ich dachte, ihr fällt das Gebiss aus dem Mund.« Dann wurde sie wieder ernst. »Nach meiner Hochzeit wollte ich nie wieder so etwas organisieren – deine Großmutter hat ihre Nase in alles gesteckt an diesem Tag, und meine eigene Mutter hat mitgemacht. Aber den fünfunddreißigsten Hochzeitstag wollte ich für mich haben, für mich ganz allein. Als schöne Erinnerung, die ich mit meinen Kindern teilen kann.« Zärtlich sah sie mich an und griff nach meiner Hand. »Meine wundervolle Tochter. Ach, Lucy, es tut mir leid, dass ich das alles bei dir ablade.«
»Kein Problem. Mach ruhig weiter, ich freue mich.«
Überrascht sah sie mich an.
»Ich meine, ich hab nicht erwartet, dass du so was sagst. Normalerweise machst du immer so einen beherrschten Eindruck.«
»Ich weiß.« Sie biss sich auf die Lippe und sah schuldbewusst aus. »Ich weiß«, flüsterte sie noch einmal, fast ängstlich und legte den Kopf in die Hände. Dann richtete sie sich plötzlich kerzengerade auf und sagte mit fester Stimme: »Ich weiß. Und genau das muss sich in Zukunft ändern. Ich muss anders werden, anders als bisher. Ich war mein ganzes Leben so, aber ich wünsche mir, ich wäre mehr wie du, Lucy.«
»Wie bitte?«
»Du bist so entschlossen, so konfliktbereit.« Sie stieß mit der Faust in die Luft. »Du weißt, was du willst, und es ist dir egal, was andere Leute sagen oder denken. So warst du schon immer, schon als Kind, und ich will auch so werden. Verstehst du, ich wusste nie, was ich will – ich weiß es immer noch nicht. Ich wusste nur, man erwartet von mir, dass ich heirate und Kinder kriege, genau wie meine Mutter und meine Schwestern. Und das wollte ich auch. Ich hab deinen Vater kennengelernt, und wir haben geheiratet. Da war ich eine Ehefrau. Dann hab ich Kinder bekommen.« Wieder streckte sie die Hand nach mir aus, vermutlich wollte sie mich bitten, ihr das, was sie sagte, nicht übelzunehmen. »Und war eine Mutter. Ich war Ehefrau und Mutter, aber ich weiß nicht, ob ich jemals wirklich irgendetwas richtig gut konnte – oder kann. Du und die Jungs, ihr seid erwachsen … und was bin ich jetzt?«
»Ich werde dich immer brauchen«, protestierte ich.
»Lieb von dir, das zu sagen.« Sie streichelte liebevoll meine Wange und fügte hinzu: »Aber es stimmt nicht.«
»Und jetzt bist du außerdem auch noch eine tolle Großmutter.«
Sie verdrehte die Augen, machte dann aber wieder ein schuldbewusstes Gesicht. »Ja, natürlich, und das ist alles auch schön und gut, glaub mir. Aber ich tue und bin wieder irgendwas für andere. Ich bin Jacksons und Lukes und Jemimas Großmutter, ich bin deine und Rileys und Philips Mutter, ich bin Samuels Frau, aber wer bin ich für mich? Manche Leute kennen ihre Fähigkeiten ganz genau. Meine Freundin Ann zum Beispiel wusste schon immer, dass sie Lehrerin werden will, und das ist sie auch geworden. Sie ist nach Spanien gezogen, hat einen Mann kennengelernt, und jetzt trinken sie Wein und essen feine Fleischgerichte und schauen sich den Sonnenuntergang an und sind jeden Tag Lehrer.« Sie seufzte. »Ich hab nie gewusst, was ich will, was ich kann. Und ich weiß es immer noch nicht.«
»Sag doch nicht so was. Du bist eine wunderbare Mutter.«
Sie lächelte mich traurig an. »Nichts für ungut, aber ich möchte mehr sein.« Sie nickte, als hätte sie gerade etwas Wichtiges begriffen.
»Momentan bist du vor allem wütend«, sagte ich beschwichtigend. »Das ist verständlich. Ich könnte keine drei Minuten mit Vater zusammenleben, von fünfunddreißig Jahren ganz zu schweigen. Aber wenn du dich beruhigt hast, kriegst du vielleicht wieder Lust auf das Fest.«
»Nein«, entgegnete sie bestimmt. »Das Fest ist abgeblasen. Das ist mein Ernst.«
»Aber es ist nur noch ein Monat Zeit. Die Einladungen sind verschickt. Alles ist gebucht.«
»Und das kann alles wieder abgesagt werden. Dafür ist reichlich Zeit. Vielleicht muss ich für manches eine kleine Gebühr bezahlen – aber die hübschen Kleider kann man auch zu anderen Gelegenheiten tragen, und die Jungs können immer einen eleganten Anzug brauchen. Das ist mir gleich. Zur Not schreibe ich einen Brief an sämtliche Gäste und teile ihnen persönlich mit, dass die Feier nicht stattfindet. Ich hab deinen Vater einmal geheiratet, ich heirate ihn nicht zum zweiten Mal. Einmal ist genug. Mein Leben lang habe ich immer das getan, was die anderen von mir wollten. Bei jedem Anlass habe ich mich verantwortungsvoll und pflichtbewusst und angemessen verhalten. Aber wenn ich mein Leben feiere – fünfunddreißig Jahre Ehe und drei wunderbare Kinder –, will ich kein Event im Rathaus mit Hinz und Kunz aus der Gerichtswelt. Das passt nicht. Es ist kein Symbol für das, was ich in meinem Leben geleistet habe, sondern nur für das, was mein Mann in seinem Beruf erreicht hat.«
»Wie stellst du dir die Feier denn vor?«
Erstaunt sah sie mich an, antwortete aber nicht.
»Weißt du es nicht?«
»O doch. Nur hat mich das noch nie jemand gefragt.«
»Es tut mir leid, dass ich dich nicht besser unterstützt habe. Ich war egoistisch.«
»Überhaupt nicht. Du hattest ein aufregendes Abenteuer mit deinem Leben. Das ist wichtig, glaub mir«, sagte sie wehmütig. »Wie läuft es überhaupt mit ihm?«
»Ach«, seufzte ich. »Ich weiß nicht.«
Sie sah mich an und wartete darauf, dass ich weitersprach, und nach allem, was sie vorhin über ihre Mutterrolle gesagt hatte, konnte ich mich nicht zurückhalten.
»Ich hab meinen Job verloren, mein Auto ist Schrott, ich hab einem tollen Mann weh getan, mit dem ich eine wundervolle Nacht verbracht habe, Melanie spricht nicht mehr mit mir, und meine anderen Freunde meiden mich auch, meine Nachbarin findet mich gemein, ich bin nach Wexford gefahren, um Blake zu sagen, dass ich ihn liebe und zu ihm zurückmöchte, habe aber, als ich dort war, festgestellt, dass das nicht stimmt, und jetzt macht mein Leben ohne mich weiter. So, das ist in Kurzform so ungefähr alles.«
Mum drückte ihre schlanken Finger auf die Lippen, ihre Mundwinkel zuckten, und sie stieß ein piepsiges »Oh« aus. Aber dann fing sie laut an zu lachen. »Ach du liebe Zeit, Lucy.«
»Schön, dass mein Leben dich amüsiert«, grinste ich, während ich zusah, wie sie auf die Couch plumpste und sich den Bauch hielt vor Lachen.
Mum bestand darauf, die Nacht bei mir zu verbringen, zum einen, weil mein Geburtstag bevorstand, aber vor allem weil sie Riley und seinen Freund nicht stören wollte – ganz gleich, wie oft ich ihr auch versicherte, dass er nicht schwul war. Während sie duschte, packte ich MrPan in eine große Tasche und ging mit ihm über die Straße in den Park gegenüber. Frische Luft war ja angeblich in allen Lebenslagen die richtige Medizin, und ich hoffte, dass der Wind so richtig auflebte und mir die Gedanken aus dem Kopf fegte. Auf einer Bank am Spielplatz saß Claire, meine Nachbarin, neben sich den Buggy.
»Stört es dich, wenn ich mich zu dir setze?«
Sie schüttelte den Kopf, ich setzte mich neben sie und nahm MrPan auf die Knie. Claire sah zu ihm herunter.
»Tut mir leid, ich dachte, du …«
»Ich weiß«, unterbrach ich sie. »Schon in Ordnung.«
Als MrPan auf meinem Schoß unruhig wurde, ließ ich ihn laufen.
Schweigend saßen wir nebeneinander.
»Er schaukelt so gern«, sagte Claire schließlich und sah hinüber. »Ich höre ihn nie so viel lachen, wie wenn er schaukelt.«
»Ich hab auch immer gern geschaukelt«, sagte ich, und wir schwiegen wieder.
»Wie geht es ihm?«
»Wie bitte?« Sie erwachte aus ihrer Trance.
»Conor? Du hast gestern gesagt, er fühlt sich nicht wohl. Wie geht es ihm jetzt?«
»Es wird einfach nicht besser«, antwortete sie wie von fern.
»Warst du mit ihm beim Arzt?«
»Nein.«
»Vielleicht solltest du.«
»Meinst du?«
»Wenn es einfach nicht besser wird.«
»Es ist nur … ich hasse Ärzte. Krankenhäuser hasse ich noch mehr. Jetzt, wo meine Mum so krank ist, muss ich ja hin, aber ich war nicht mehr im Krankenhaus, seit …« Sie ließ den Satz unvollendet und sah auf einmal ganz verwirrt aus. Wieder vergingen ein paar Minuten, bevor sie sagte: »Meiner Mum geht es besser.«
»Oh, das freut mich.«
»Ja.« Sie lächelte. »Schon komisch, sie muss das alles durchmachen, damit wir wieder zueinanderfinden.«
»War das dein Mann neulich, vor meiner Wohnung?«
Sie nickte. »Wir sind nicht zusammen, aber …«
»Man kann nie wissen«, brachte ich den Satz zu Ende.
Sie nickte. »Er ist nicht richtig krank.«
»Dein Mann?«
»Nein, Conor. Er ist nicht krank, nur anders.«
»In welcher Hinsicht?«
»Stiller.« Sie wandte sich mir zu. Ihre Augen waren groß, ängstlich und voller Tränen. »Viel stiller. Ich höre ihn kaum noch.«
Langsam wanderten unsere Blicke wieder zu den Schaukeln, die sich nicht bewegten. Ich dachte an Blake und daran, dass der Klang unserer Erinnerungen immer leiser wurde und dass die Gefühle, die ich für ihn gehabt hatte, sich mehr und mehr von meinem Herzen entfernten.
»Vielleicht ist das gar nicht so schlecht, Claire.«
»Er hat so gern geschaukelt«, sagte sie wieder.
»Ja«, antwortete ich und nahm zur Kenntnis, dass sie die Vergangenheit benutzte. »Ich fand Schaukeln auch toll.«