Kapitel 14

Ich bereute es, dass ich mich für den folgenden Abend mit Melanie verabredet hatte. Nicht nur, weil mein Leben mich mit seinem Schnarchen die ganze Nacht wach gehalten hatte, sondern weil der Abend mit Melanie wie eine Kanonenkugel war, der ich schon die ganze Zeit auszuweichen versuchte. Um wettzumachen, dass ich letzte Woche vorzeitig aus dem Restaurant verschwunden war, hatte ich ihr versprochen, zu ihrem nächsten Auftritt in Dublin zu kommen. Und der war am Freitag im – zumindest für diesen Monat – coolsten Club der Stadt angesetzt. Der Club war so cool, dass er nicht mal einen Namen hatte, so dass alle ihn den »Club ohne Namen in der Henrietta Street« nannten, was an sich schon wieder absurd war. Es war ein Privatclub, zumindest war er mit dieser Absicht renoviert und vermarktet worden. Aber wegen der horrenden Eintrittspreise – vermutlich sollte so der Energieverbrauch der Hunderte Heizpilze bezahlt werden, die den Gästen vorgaukelten, dass sie sich nicht in Dublin, sondern in West Hollywood aufhielten – und der angespannten wirtschaftlichen Lage wurde so gut wie jeder eingelassen. Am Wochenende jeder, den die Türsteher schön und glamourös genug fanden, und unter der Woche einfach nur jeder, der reinwollte, denn die Angestellten mussten ja irgendwie bezahlt werden. Heute war Freitag, was bedeutete, dass sie nach schön und glamourös Ausschau hielten, was wiederum bedeutete, dass mein Leben keine besonders guten Karten hatte. Allerdings hatte ich läuten hören, dass der Club nicht mehr ganz so voll war wie früher – hundert Besucher weniger an einem Freitag –, was in der Gerüchteküche als Zeichen der Zeit ausgelegt wurde. Ich fand das ziemlich unsinnig, weil es eher ein Zeichen der Zeit war, wenn ein Club ohne Namen in einer Gegend eröffnete, die früher einer der schlimmsten Slums Europas gewesen war. In den georgianischen Häusern, die von den Reichen verlassen worden waren, weil sie das Leben in den Vororten angenehmer fanden, hatten teilweise bis zu hundert Menschen gewohnt, fünfzehn Personen zusammengepfercht in einem Zimmer, heimgesucht von allen möglichen Krankheiten, mit einer Gemeinschaftstoilette auf dem Hinterhof, wo außerdem noch Nutztiere gehalten wurden.

Ich drückte auf den Klingelknopf neben der großen roten Tür und erwartete halb, dass ein Teil davon aufging und ein Zwerg herauskam. Das passierte aber nicht – die ganze Tür wurde von einem kahlköpfigen, schwarzgekleideten Mann geöffnet, der mich an eine Bowlingkugel erinnerte. Er empfing die Leute, als wäre er der Märchenprinz und könnte sich unter den weiblichen Gästen eine als Traumprinzessin aussuchen, bevor ihr böser Vater sie mit einem Ungeheuer verheiratete. Mit meinem Äußeren schien der Türsteher ganz zufrieden zu sein, aber mein Leben gefiel ihm leider gar nicht. Man hätte die Natur der Clubszene kaum besser auf den Punkt bringen können – man sollte auf gar keinen Fall das eigene Leben mitbringen, das musste brav zu Hause bleiben, irgendwo im Badezimmerchaos zwischen dem Haarspray und dem Selbstbräuner und all den anderen Utensilien, mit denen man zu erreichen versuchte, dass man sich wie ein anderer Mensch fühlte.

Die Bowlingkugel starrte mein Leben so voller Abscheu an, als hätte er einen schlechten Geschmack im Mund. Wieder einmal griff mein Leben in die Innentasche seiner Jacke und zog das Papier heraus, das ihm bisher zu allen Bereichen meines Lebens Zugang verschafft hatte.

»Lass stecken«, sagte ich und hob die Hand.

»Warum?«

»Das passt hier nicht.« Ich sah den Türsteher an. »Könnten Sie bitte Melanie Sahakyan holen?«

»Wen?«

»DJ Dark. Wir sind ihre Gäste.«

»Wie heißen Sie denn?«

»Lucy Silchester.«

»Und er?«

»Cosmo Brown«, verkündete mein Leben lauthals, und ich brauchte ihn nicht anzuschauen, um zu wissen, dass er die Situation unglaublich amüsant fand.

»Sein Name ist nicht auf der Liste. Aber bei mir müsste ›in Begleitung‹ stehen.«

»Hier steht aber nichts von Begleitung«, sagte der Türsteher in einem Ton, als enthielte allein sein Klemmbrett die Lösung für alle Geheimnisse der Welt. Der Mann musterte mein Leben. Mein Leben kümmerte das nicht besonders, er hatte sich gemütlich an das glänzendschwarze Geländer gelehnt, an dem früher einmal ärmliche Kinder mit schmutzigen Gesichtern herumgeturnt waren, und schien die Szene zu genießen.

»Das muss ein Missverständnis sein. Könnten Sie bitte Melanie herholen?«

»Dann muss ich aber die Tür zumachen. Sie können meinetwegen hier drin warten, aber er muss draußen bleiben.«

Ich seufzte. »Ich warte lieber auch hier draußen.«

Mit meinem Äußeren durfte ich in den Club, mit meinem Leben nicht. Grausame Welt. Gruppen junger Leute zogen an uns vorbei, ich hörte Bruchstücke ihrer Unterhaltung und fragte mich, ob der Club wohl ganz leer bleiben würde, wenn alle auf diese Art beurteilt würden. Das wäre dann wirklich ein Zeichen der Zeit. Fünf Minuten später flog die Tür auf, und Melanie stand vor uns, in ihrem schwarzen Flatterkleid, die sonnenbraunen Arme bis zu den Ellbogen mit Armreifen geschmückt, die Haare zu einem Pferdeschwanz hochgebunden, die Wangenknochen dunkel und glänzend, als wäre sie eine ägyptische Prinzessin.

»Lucy!«, rief sie und breitete die Arme aus. Ich drehte mich so, dass sie, als wir uns umarmten, zur Seite und nicht über meine Schulter hinweg auf mein Leben schaute. »Wen hast du denn mitgebracht?« Ich drängte mich an ihr vorbei zum Eingang und zeigte ihr mein Leben. Er folgte mir, Melanie musterte ihn kurz, so rasch, dass nur ich merkte, wie ihre dichten Wimpern sich bewegten. Meinem Leben fiel nichts auf, er war ganz damit beschäftigt, sein zerknittertes Jackett an der Garderobe – die aus einer Reihe muskulöser goldener Arme bestand, die aus der Wand ragten – abzugeben. Die Garderobenfrau hängte das Jackett über den Mittelfinger eines der Arme. Was für ein Statement. Mein Leben rollte die Ärmel bis zu den Ellbogen auf – er sah inzwischen zwar wesentlich besser aus, aber an die goldenen Muskelpakte reichte sein Bizeps natürlich nicht heran.

»Da hast du mir ja was verheimlicht, Süße«, sagte Melanie zu mir.

»Es ist nicht so, wie du denkst, ganz und gar nicht«, entgegnete ich und schauderte unwillkürlich.

»Oh«, sagte sie deutlich enttäuscht. »Hallo, ich bin Melanie«, wandte sie sich dann an mein Leben und streckte ihm den bereiften Arm entgegen.

Mein Leben erwiderte ihren Gruß mit einem Megawatt-Lächeln. »Hi, Melanie, freut mich, dich endlich persönlich kennenzulernen, nachdem ich schon so viel von dir gehört habe. Ich bin Cosmo Brown.«

»Cooler Name«, lachte sie. »Ist das nicht …?«

»Ja, der Typ aus dem Film. Er war noch nie hier und ist schon total gespannt, also los, führ uns ein bisschen herum!« Ich tat so, als wäre ich ganz aufgeregt und steckte Melanie damit an, und so zogen wir eilig los. Überall, wo wir auftauchten, blieben die Männer stehen und starrten Melanie an – Pech, denn bei ihr waren sie an der falschen Adresse. Für mich war das ein Segen gewesen, denn seit Melanie sich mit sechzehn als lesbisch geoutet hatte und die Männer merkten, dass sie nicht nur kein Interesse hatte, sondern auch nicht offen für Verhandlungen war, wandten sie sich an mich, und mir war das nur recht, weil ich als Teenager noch weniger Stolz besaß als heute.

Die Räume, die wir bisher gesehen hatten, waren nach dem Thema der vier Elemente gestaltet. Nun standen wir vor einer Tür mit der Nummer fünf. Mein Leben sah mich fragend an.

»Das fünfte Element«, erklärte ich.

»Und das ist … die Liebe?«

»Wie romantisch«, sagte Melanie. »Leider nein.« Sie stieß die Tür auf und zwinkerte ihm zu. »Das fünfte Element ist der Alkohol.«

In einem riesigen Champagnerglas posierte eine Gogo-Tänzerin mit Nippelquasten und ansonsten – soweit ich sehen konnte – ohne Klamotten, es sei denn, sie waren in der Po-Ritze verschwunden. Ich hatte fest damit gerechnet, dass Melanie gleich mit ihrer DJ-Arbeit beginnen würde und das Gespräch sich bestenfalls auf belanglose, mühsam von den Lippen abgelesene Ein-Wort-Sätze reduzieren würde, aber es war noch früh, und ihr Set begann erst nach zwölf. Also setzten wir uns an einen Tisch, und Melanie nahm mein Leben ins Verhör.

»Woher kennt ihr zwei euch denn?«

»Wir arbeiten zusammen«, antwortete ich.

Er sah mich an, und in Gedanken hörte ich ihn sagen: Denk an unsere Abmachung!

»Na ja, mehr oder weniger.«

»Du arbeitest auch bei Mantic?«, wandte sich Melanie direkt an mein Leben.

»Nein.« Er starrte mich an. Für jede Lüge eine Wahrheit.

»Nein«, lachte ich. »Er arbeitet da nicht. Er … er ist … äh … er ist … von außerhalb«, sagte ich und sah mein Leben an, ob er diese Version billigte, denn es war ja eigentlich nicht gelogen. Ich sah, wie er es sich durch den Kopf gehen ließ.

Dann nickte er mir zu, sah mich aber mit einem Blick an, der bedeutete: Du stehst auf dünnem Eis.

»Cool«, sagte Melanie und sah ihn an. »Aber woher kennt ihr euch denn nun?«

»Er ist mein Cousin«, platzte ich heraus. »Er ist krank. Todkrank. Er verbringt den Tag mit mir, weil er einen Artikel über moderne Frauen schreiben will. Das ist sein letzter Wunsch.« Ich konnte einfach nicht anders.

»Ihr seid verwandt?«, fragte Melanie überrascht.

Mein Leben begann zu lachen. »Von dem ganzen Zeug, das sie da erzählt hat, überrascht es dich am meisten, dass wir verwandt sind?«

»Na ja, ich dachte, ich würde ihre ganze Verwandtschaft kennen.« Leiser fügte sie hinzu: »Aber das ist ja schrecklich – du bist Journalist! Sonst alles einigermaßen klar?« Mein Leben und Melanie lachten. »Ach komm, ich bin schon mein ganzes Leben lang mit Lucy befreundet, ich merke, wenn sie lügt.«

Leider irrte sie sich da gründlich.

»Du kannst es einfach nicht lassen, stimmt’s?«, sagte mein Leben zu mir. »Okay, jetzt bin ich dran.« Er beugte sich zu Melanie, und ich machte mich auf alles gefasst. Sie lächelte und wandte sich ihm kokett zu. »Lucy mag deine Musik nicht«, sagte er und lehnte sich wieder zurück.

Melanies Lächeln verblasste langsam, und sie lehnte sich ebenfalls zurück. Ich vergrub den Kopf in den Händen.

Mein Leben sah mich an. »Ich glaube, ich hole uns mal was zu trinken. Lucy?«

»Mojito«, sagte ich durch meine Finger.

»Für mich auch«, kam von Melanie.

»Gut.«

»Sag ihnen, sie sollen es auf meine Rechnung setzen«, sagte Melanie, ohne ihn anzusehen.

»Schon okay, ich kann es als Spesen abrechnen«, sagte er und wanderte davon.

»Wer ist denn dieser fiese kleine Mann?«, fragte Melanie.

Ich wand mich. Wie sollte ich ihr das jetzt erklären? »Melanie, ich hab nie gesagt, dass ich deine Musik nicht mag, ich hab nur gesagt, dass ich sie nicht verstehe. Was nicht das Gleiche ist. Sie hat manchmal Beats, also so rhythmische Sachen, die ich einfach nicht erkenne.«

Sie sah mich an, blinzelte einmal und fragte dann erneut: »Lucy, wer ist dieser Mann?«

Ich versteckte wieder mein Gesicht in den Händen. Das war meine neue Methode. Wenn ich nichts sehen konnte, dann konnte ich auch nicht gesehen werden. Schließlich kam ich aber doch wieder aus meinem Versteck hervor, weil ich Luft holen musste, legte mein Telefon neben mich auf den Tisch und sah zur Rückenstärkung in Dons Augen. »Na gut, hier kommt die Wahrheit. Dieser Mann ist mein Leben.«

Sie riss die Augen auf. »Das ist aber romantisch!«

»Nein, ich meine, er ist wirklich mein Leben. Ich hab vor einer Weile von der Lebensagentur einen Brief gekriegt, dass ich mich mit ihm treffen soll. Und das ist er nun, mein Leben.«

Melanie sperrte Mund und Nase auf. »Du verarschst mich! Das ist dein Leben?«

Instinktiv drehten wir uns beide zu ihm um. Er stand auf Zehenspitzen an der Bar und versuchte zu bestellen. Ich wand mich erneut.

»Er ist … wow, na ja, er ist …«

»Erbärmlich«, beendete ich den Satz für sie. »Du hast mein Leben selbst einen fiesen kleinen Mann genannt.«

Ihre Bambiaugen waren voller Mitgefühl. »Fühlst du dich denn erbärmlich, Lucy?«, fragte sie.

»Ich? Nein. Ich fühle mich nicht erbärmlich.« Das war keine Lüge. Ich fühlte mich nicht erbärmlich, nur ein bisschen unglücklich, seit mich mein Leben mit sich selbst und mit meinen Fehlern bekanntgemacht hatte. »Er ist erbärmlich.«

»Erklär mir, wie das funktioniert.«

»Er ist wie Pinky und ich wie Brain«, sagte ich. »Oder ich das Röntgenbild und er der gebrochene Fuß«, versuchte ich zu erklären, kam aber schnell ins Schwimmen. »Er ist die Nase und ich Pinocchio. Ja, das klingt richtig«, fügte ich lächelnd hinzu.

»Was redest du denn da?«

Ich seufzte. »Er begleitet mich. Überallhin.«

»Warum?«

»Um mich zu beobachten und mir zu helfen, dass alles besser wird.«

»Für wen? Für dich?«

»Und für ihn.«

»Was denn zum Beispiel? Was muss besser werden?«

Ich durchforschte mein Hirn nach einer Antwort, die nicht gelogen war. Leider waren in meinem Kopf nur sehr wenige Gedanken verfügbar. Aber Melanie las nie die Zeitung und hörte auch nie Nachrichten, also hatte sie bestimmt noch nichts von dem Vorfall in der Firma erfahren. »Beispielsweise hatten wir da vor ein paar Tagen diese Sache im Büro. Ein Mann, mit dem ich zusammenarbeite, ist entlassen worden und am nächsten Tag mit einer Pistole aufgekreuzt – keine Angst, es war bloß eine Wasserpistole, obwohl wir das nicht wussten. Jedenfalls hat er alle ziemlich aufgemischt, und dann ist alles Mögliche passiert, und jetzt ist mein Leben eine Weile hier.« Ich drückte es möglichst vage aus.

In diesem Moment hörte ich ein Sirenengeheul und dachte, es wäre der Feueralarm. Meine erste Reaktion war Dankbarkeit, dass wir jetzt sicher evakuiert wurden und ich das Thema fallenlassen konnte, aber dann begriff ich, dass es das Sirenengeheul eines amerikanischen Streifenwagens war, und als ich mich umsah, entdeckte ich die Kellnerin mit einem Tablett, auf dem neben unseren Drinks ein blinkendes Blaulicht stand.

»Oh, wie unauffällig«, sagte ich.

»Hi, Leute«, säuselte die Kellnerin. »Der Mann hat gesagt, er bleibt erst mal an der Bar.«

»Danke.« Melanie musterte sie von oben bis unten und lächelte sie verführerisch an. Als das Mädchen wieder gegangen war, wandte sie sich wieder mir zu. »Sie ist neu. Und sehr süß.«

Ich sah ihr nach. »Hübsche Beine.«

Wir waren noch Teenager gewesen, als Melanie mir erzählt hatte, dass sie lesbisch war. Mich verunsicherte ihr Geständnis, aber ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen. Ich war nicht schwulenfeindlich oder so, aber wir waren uns immer sehr nahe gewesen und hatten alles Mögliche miteinander geteilt – die Umkleidekabine, die Dusche, beim Ausgehen auch mal die Toilette, lauter solche Dinge eben. Jetzt, wo ich wusste, dass sie Frauen mochte, war ich nicht sicher, was nun aus diesen Gewohnheiten werden würde. Als ich mich dann eines Abends allein in einer Toilettenkabine verbarrikadierte, informierte sie mich – und den Rest der Schlange – klipp und klar, dass sie sich nicht im Geringsten für mich interessierte und sich auch nie für mich interessieren würde. Daraufhin fühlte ich mich noch schlechter als zuvor, vor allem durch ihre Bekräftigung, dass ihr Desinteresse auch für die Zukunft galt. Sie zog mich also nicht mal in Betracht? Es war doch gut möglich, dass ich mich veränderte, und es störte mich, dass sie so engstirnig war.

Nun saßen wir in ihrem Club, nippten an unseren Drinks, und ich hoffte gegen besseres Wissen, wir könnten endlich das Thema wechseln. Aber nichts dergleichen.

»Was ist denn alles passiert?«, hakte sie genau dort ein, wo wir aufgehört hatten.

»Ach nichts, ich hatte nur ein bisschen Ärger.«

Ihre Augen wurden groß. »Was denn für Ärger?«

»Ich hab auf meinem Lebenslauf ein bisschen geschwindelt«, erklärte ich mit einer wegwerfenden Handbewegung.

Melanie warf den Kopf in den Nacken und lachte laut. »Was hast du geschrieben?« Sie amüsierte sich köstlich, aber ich wusste, dass das nicht lange anhalten würde, denn dieses Gespräch entwickelte sich in keine angenehme Richtung. Gerade setzte ich an, ihr eine saftige Lüge aufzutischen, als mein Leben zu unserem Tisch zurückkam. Vermutlich hatte er mein Vorhaben geahnt.

Melanie betrachtete ihn mit neuer Bewunderung. »Lucy hat mir erklärt, dass du ihr Leben bist.«

Mein Leben sah mich an, ganz glücklich, dass ich die Wahrheit gesagt hatte. »Wunderbar, Lucy«, lobte er mich.

»Das ist so cool! Darf ich dich mal in den Arm nehmen?« Ohne die Antwort abzuwarten, stürzte Melanie sich auf ihn, schlang ihre langen Gliedmaßen um ihn und drückte ihn an sich. Mein Leben schien unter ihrer Zuwendung dahinzuschmelzen und schloss andächtig die Augen. »Moment mal«, sagte Melanie und rückte wieder weg. »Ich muss unbedingt ein Foto machen.« Sie kramte in ihrer Tasche nach ihrem Handy, schmiegte sich erneut an mein Leben und drückte ab. Mein Leben lächelte, und seine senfgelben Zähne fielen neben Melanies leuchtend weißem Gebiss besonders auf. »Für Facebook. Also – Lucy hat gerade erzählt, dass sie auf ihrem Lebenslauf geschwindelt hat«, grinste sie und machte sich bereit für ein bisschen Klatsch und Tratsch, den Strohhalm fest zwischen den vollen, glänzenden Lippen.

»Echt?« Mein Leben sah mich an. Schon wieder beeindruckt. Ich erntete einen Pluspunkt nach dem anderen.

»Ja«, sagte ich und kratzte mich am Kopf. »Ich hab behauptet, ich könnte eine Sprache, die ich gar nicht kann«, stieß ich dann hervor und hoffte, dass wir darüber lachen und es dann vergessen könnten. Aber ich wusste, dass ich nicht so viel Glück haben würde.

Melanie warf wieder den Kopf in den Nacken und lachte. »Was denn für eine Sprache? Swahili oder so?«

»Nein.« Ich lachte gezwungen.

»Welche Sprache war es denn? Ehrlich, Cosmo, ich muss ihr jeden Wurm einzeln aus der Nase ziehen.«

»Spanisch.«

Jetzt verdunkelten sich ihre dunklen Augen ein bisschen mehr, aber sie lächelte immer noch, wenn auch weniger begeistert. »Du bist noch schlechter in Spanisch als ich?«

»Ja«, grinste ich und wünschte mir, ich könnte das Thema wechseln, aber es fiel mir nichts zu sagen ein, was nicht entweder an den Haaren herbeigezogen oder unpassend war.

»Aber was wäre gewesen, wenn du etwas auf Spanisch hättest machen müssen?«, fragte sie, und ich war sicher, dass sie mich nur auf die Probe stellen wollte.

»Musste ich ja.« Ich nahm einen Schluck von meinem Drink. »Die ganze Zeit. Unsere Gebrauchsanweisungen sind hauptsächlich auf Deutsch, Französisch, Niederländisch und Italienisch.«

»Und auf Spanisch«, fügte Melanie hinzu und musterte mich.

»Und auf Spanisch«, bestätigte ich.

Sie saugte an ihrem Strohhalm, sah mir dabei aber unverwandt in die Augen. »Und was hast du gemacht?« Allmählich dämmerte es ihr – vielleicht hatte sie aber auch längst begriffen. Oder ich war paranoid. Andererseits wusste ich ja schon, dass meine Paranoia meist auf Intuition beruhte, also war ich auf jeden Fall in Schwierigkeiten.

»Ich hab mir Hilfe geholt.«

Mein Leben sah zwischen uns hin und her, ahnte wohl, dass etwas im Busch war, wusste aber nicht, was. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er sein iPhone herausgeholt hätte, um dort die Antwort nachzuschauen, aber er tat es nicht, sondern saß die Sache höflich aus.

»Von wem?«, fragte Melanie. Ganz ruhig. Angespannt. Als würde sie nur noch auf die Bestätigung ihres Verdachts warten.

»Melanie, es tut mir leid.«

»Es braucht dir nicht leidzutun, beantworte einfach meine Frage«, sagte sie kühl.

»Die Antwort ist, ich habe mir Hilfe geholt, und es tut mir leid.«

»Du hast Mariza gefragt.«

»Ja.«

Völlig geschockt starrte sie mich an. Obwohl sie es geahnt hatte, wollte sie es nicht wahrhaben. Ich rechnete fast damit, dass sie mir ihren Drink ins Gesicht schütten würde, aber dann ließ die Wut nach, und sie sah einfach nur zutiefst gekränkt aus. »Du hattest Kontakt mit Mariza?«

Mariza war die Liebe ihres Lebens, die ihr das Herz gebrochen hatte, und wir hatten alle den Auftrag, sie bis ans Ende unserer Tage zu hassen. Ich hatte das auch getan, bis sie mir eines Tages eine E-Mail geschickt und sich nach Melanie erkundigt hatte. Zuerst hatte ich mich so verhalten, wie man es von einer guten Freundin erwartet, war kühl distanziert und distanziert kühl geblieben und hatte ihr vorgelogen, dass es Melanie hervorragend ging. Aber als ich Mariza dann brauchte, hatte sich alles geändert.

»Es war nur ein ganz oberflächlicher Kontakt. Nur wegen der Übersetzungen, nichts Persönliches.«

»Nichts Persönliches?«

»Okay, vielleicht ein bisschen, sie hat mich immer nach dir gefragt. Ich hab ihr erzählt, dass du um die Welt reist, wahnsinnig erfolgreich bist und ständig interessante neue Leute kennenlernst. Aber ich hab nie etwas erzählt, was du nicht gewollt hättest, das schwöre ich. Sie hat sich Sorgen um dich gemacht.«

»Na klar.« Dann kam ihr ein anderer Gedanke. »Wie lange machst du deinen Job jetzt eigentlich schon?«

»Zweieinhalb Jahre«, murmelte ich. Mir war das alles unendlich peinlich – nicht nur, weil mein Leben anwesend war, sondern hauptsächlich, weil es überhaupt passierte.

»Dann hast du also seit zweieinhalb Jahren Kontakt mit ihr, Lucy, das ist unglaublich.« Melanie stand auf, machte ein paar ziellose Schritte, kam dann zum Tisch zurück, setzte sich aber nicht wieder. »Wie würdest du dich fühlen, wenn ich die letzten zweieinhalb Jahre ohne dein Wissen Kontakt mit einem deiner Exfreunde gehabt hätte, während du selbst seit der Trennung nichts mehr von ihm gehört hast? So oft hab ich mir überlegt, was Mariza wohl gerade macht oder wo sie ist, und du hast es die ganze Zeit gewusst und mir nichts davon gesagt. Wie würdest du dich fühlen, wenn ich dich so behandeln würde?«

Mein Leben sah mich an. Ich fühlte, dass er mich drängte, etwas zu sagen, etwas über Blake. Ich konnte auf keinen Fall riskieren, dass er irgendeine Wahrheit verkündete, nicht jetzt, nicht zu diesem Zeitpunkt. Aber ich konnte auch nicht lügen.

»Ich wäre auch total verletzt.« Ich schluckte. »Aber du sprichst auch die ganze Zeit mit Blake«, fügte ich zu meiner Verteidigung hinzu.

Sie sah mich an, als wäre ich beschränkt. »Blake ist doch was ganz anderes. Blake hat nicht einfach eines Tages entschieden, dein Herz mit Füßen zu treten und es in tausend kleine Einzelteile zu zerlegen. Du hast Blake verlassen. Also hast du keine Ahnung, wie ich mich fühle.«

Mein Leben durchbohrte mich mit Blicken. Sprich jetzt oder schweig für immer. Ich schwieg.

Melanie hielt inne, als wollte sie lieber nicht zu viel sagen. Aber das hatte sie längst. »Ich muss mal eine Minute raus zum Luftschnappen«, sagte sie, griff nach ihren Zigaretten, die auf dem Tisch lagen, und verschwand.

Ich sah mein Leben an. »Und – bist du jetzt glücklich?«

»Ein bisschen besser fühle ich mich jedenfalls, ja.«

»Je besser ich es für dich mache, desto mehr stoße ich andere Menschen vor den Kopf. Was hab ich davon?«

»Momentan nicht viel, aber auf lange Sicht wird es sich lohnen. Die anderen müssen dich ja erst mal kennenlernen.«

»Die kennen mich doch.«

»Du kennst dich ja nicht mal selbst, wie kannst du es dann von anderen erwarten?«

»Sehr philosophisch.« Ich griff nach meiner Handtasche.

»Wo willst du hin?«

»Nach Hause.«

»Aber wir sind doch grade erst gekommen.«

»Sie will mich hier nicht mehr sehen.«

»Das hat sie nicht gesagt.«

»Das braucht sie auch nicht.«

»Dann mach es wieder gut.«

»Wie denn?«

»Indem du bleibst. Das hast du noch nie getan.«

»Und was soll ich tun?«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Tanzen.«

»Ich tanze nicht mit dir.«

»Ach, komm schon.« Er stand auf, packte meine Hand und zog mich von der Bank. Ich wehrte mich, aber er war stark.

»Ich tanze nicht«, protestierte ich noch einmal und versuchte mich loszureißen.

»Früher hast du getanzt. Mit Blake hast du zwei Jahre in Folge den Dirty-Dancing-Wettbewerb gewonnen.«

»Na ja, jetzt tanze ich aber nicht mehr. Und es tanzt hier doch auch sonst niemand, wir würden uns nur zum Affen machen. Und mit dir werde ich ganz bestimmt kein Dirty Dancing versuchen.«

»Tanz einfach, als würde keiner zuschauen.«

Natürlich glotzten alle, einschließlich Melanie, die wieder hereingekommen war, im Schatten stand und uns nicht aus den Augen ließ. Aber obwohl sie sauer auf mich war, spürte ich, wie sich eine Last, von deren Existenz ich nichts gewusst hatte, von meinen Schultern löste, nur weil ich die Wahrheit gesagt hatte. Mein Leben tanzte wie John Travolta in Pulp Fiction, wie ein betrunkener Onkel bei einer zweifelhaften Hochzeit, aber er war glücklich, und ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen. Also legte ich die passende Uma-Thurman-Imitation hin und tanzte mit meinem Leben, als würde uns niemand zuschauen. Am Ende des Abends waren wir die Letzten auf der Tanzfläche, und wir verließen den Club ebenfalls als Letzte. Mein Leben konnte sehr überzeugend sein, denn wenn das Leben wirklich weiß, was es will, dann bekommt es das auch.