Kapitel 16

»Was möchtest du heute machen?«, fragte ich mein Leben.

Wir fläzten faul auf der Couch, umgeben von den verstreuten Blättern der Sonntagszeitung, aus der sich jeder die Teile geklaubt hatte, die ihn am meisten interessierten und die wir dann schweigend gelesen oder uns laut vorgelesen und lachend kommentiert hatten. Ich fühlte mich wohl und entspannt in der Gesellschaft meines Lebens, und wie es schien, ging es ihm genauso. Meine Kleider-Vorhänge waren offen, um die Sonne hereinzulassen, durch die Fenster strömten frische Luft und sonntägliche Stille zu uns herein. Die ganze Wohnung duftete nach Pfannkuchen mit Ahornsirup, die mein Leben zubereitet hatte, und nach frischem Kaffee, der noch heiß auf der Theke stand. MrPan hatte es sich auf einem Schuh meines Lebens gemütlich gemacht und sah so zufrieden aus wie die sprichwörtliche Katze, die von der Sahne genascht hat, was er übrigens wirklich getan hatte. Zu der Sahne hatte es frische Blaubeeren aus meinem Biogarten gegeben, den ich auf dem Dach angelegt hatte, als mein Leben in meine Welt gekommen war. Ich hatte die Beeren heute früh gepflückt, einen weißbebänderten Strohhut auf dem Kopf, in einem weißen durchsichtigen Leinenkleid, das hypnotisch in der sanften Brise flatterte, sehr zur Freude der männlichen Nachbarn, die sich sorgfältig eingeölt auf ihren Liegestühlen in der Sonne präsentierten wie Autos im Showroom.

Okay, ich hab gelogen.

Die Heidelbeeren hatte mein Leben mitgebracht. Wir hatten keinen Dachgarten. Das Kleid hatte ich in einer Zeitschrift gesehen, und in meinem Tagtraum hatte ich mich auf wundersame Weise in eine Blondine verwandelt.

»Ich jedenfalls hätte Lust, heute einfach im Bett zu bleiben«, beantwortete ich meine Frage selbst und schloss wohlig die Augen.

»Du solltest deine Mutter anrufen.«

Sofort gingen meine Augen wieder auf. »Warum?«

»Weil sie versucht, eine Hochzeit zu planen, und du hilfst ihr nicht dabei.«

»Das ist ja wohl auch das Lächerlichste, was ich je gehört habe. Die beiden sind längst verheiratet, dieses Fest ist doch bloß eine Entschuldigung, damit sie was zu tun hat. Da wäre ja selbst ein Töpferkurs noch besser. Außerdem helfen weder Philip noch Riley, und heute kann ich auch gar nicht weg, weil die Teppichleute kommen. Wahrscheinlich zu spät. Solche Leute kommen doch immer zu spät. Ich glaube, ich sage lieber ab.« Schon griff ich nach dem Telefon.

»Auf gar keinen Fall! Ich hab heute ein graues Haar auf meiner Socke gefunden, und das war garantiert kein Kopfhaar und auch garantiert nicht von mir.«

Ich legte das Telefon wieder weg.

»Und du solltest Jamie anrufen.«

»Warum?«

»Wann hat er dich das letzte Mal angerufen?«

»Er hat überhaupt noch nie angerufen.«

»Also muss es was Wichtiges sein.«

»Oder er war betrunken, ist aufs das Telefon gefallen und hat aus Versehen meine Nummer erwischt.«

Mein Leben machte ein unzufriedenes Gesicht.

»Na gut, vielleicht will er sich für die Szene gestern Abend entschuldigen, aber das muss er nicht, er hat ja nichts falsch gemacht. Er war auf meiner Seite.«

»Dann ruf ihn zurück und sag ihm das.«

»Ich möchte aber mit niemandem darüber reden.«

»Gut, dann kehrst du eben noch mehr Mist unter den Teppich, und eines Tages ist der Teppich so uneben, dass du stolperst und auf die Nase fällst.«

»Du meinst also, diese Telefonate sind wichtiger als die Zeit, die ich mit meinem Leben verbringe?«, fragte ich und rechnete fest damit, dass ihm das den Wind aus den Segeln nehmen würde.

Aber er verdrehte bloß die Augen. »Lucy, ich glaube, du verstehst da irgendwas ganz falsch. Ich wollte nicht, dass du nur noch rumsitzt und dich mit dir und deinem Leben beschäftigst. Du musst die richtige Balance finden, du musst lernen, dich um dich selbst, aber auch um die Menschen zu kümmern, denen du wichtig bist.«

»Aber das ist so schwierig«, jammerte ich und steckte schnell den Kopf unter ein Kissen.

»So ist das Leben eben«, grinste er. »Warum wollte ich dich treffen?«

»Weil ich dich ignoriert habe«, antwortete ich brav. »Weil ich mich nicht mit meinem Leben befasst habe.«

»Und was tust du jetzt?«

»Ich befasse mich mit meinem Leben. Ich verbringe jede Sekunde mit meinem Leben, ich kann kaum noch alleine pinkeln gehen.«

»Du könntest aber ganz ungestört pinkeln, wenn du die Glühbirne im Bad auswechseln würdest.«

»Das ist so kompliziert«, seufzte ich.

»Kompliziert?«

»Erstens komm ich nicht dran.«

»Dann nimm eine Leiter.«

»Ich hab keine.«

»Dann stell dich auf die Toilette.«

»Die hat einen billigen Plastikdeckel, da krach ich garantiert durch.«

»Dann stell dich auf den Badewannenrand.«

»Das ist gefährlich.«

»Soso.« Mein Leben erhob sich. »Steh auf.«

Ich stöhnte.

»Steh auf«, wiederholte er.

Widerwillig wie ein muffeliger Teenager hievte ich mich von der Couch.

»Jetzt geh zu deiner Nachbarin und frag sie, ob sie dir eine Trittleiter leiht.«

Ich ließ mich auf die Couch zurückfallen.

»Tu es«, sagte er streng.

Beleidigt stand ich wieder auf und ging zur Tür, überquerte den Korridor zu Claires Wohnung, klopfte und kehrte wenig später mit einer Trittleiter zurück.

»Siehst du, war doch gar nicht so schlimm.«

»Wir haben über das Wetter geredet, also war es wohl schlimm. Ich hasse sinnloses Gequatsche.«

Er schnaubte. »Jetzt bring die Leiter ins Bad.«

Ich tat, was er sagte.

»Kletter rauf.«

Ich folgte seinen Anweisungen.

»Jetzt dreh die Birne raus.«

Er leuchtete mir mit der Taschenlampe, damit ich sehen konnte, was ich tat. Ich drehte die alte Birne heraus, wimmernd wie ein Kind, das man zwingt, Gemüse zu essen. Endlich löste sich die Birne, und ich hörte auf zu jammern, um mich besser konzentrieren zu können. Ich reichte ihm die alte Birne.

»Tu so, als wär ich gar nicht da.«

Ich schnalzte missbilligend mit der Zunge und fing an, »Ich hasse mein Leben, ich hasse mein Leben« zu trällern, immer wieder, während ich von der Trittleiter herunterstieg, die alte Birne ins Waschbecken legte, meinem Leben einen bösen Blick zuwarf, die neue Birne aus der Schachtel nahm, die Leiter wieder hochkletterte und die Birne in die Fassung zu drehen versuchte. Schließlich war sie drin. Ich stieg die Leiter hinunter, drückte auf den Schalter, und der Raum erstrahlte in hellem Licht.

»Yay, ich hab’s geschafft!«, rief ich und hob die Hand, um mein Leben abzuklatschen.

Er sah mich an, als wäre ich die traurigste Kreatur, die ihm je über den Weg gelaufen war.

»Ich klatsch nicht mit dir ab, nur weil du eine Glühbirne ausgewechselt hast.«

Ein bisschen beleidigt zog ich die Hand zurück, lebte aber gleich wieder auf. »Und jetzt? Noch ein paar Pfannkuchen?«

»Du könntest das Bad endlich mal putzen – jetzt, wo du Licht hast.«

»Neeeeein«, ächzte ich. »Siehst du, deshalb fang ich mit so was erst gar nicht an, denn es führt immer eins zum anderen.« Ich klappte die Trittleiter zusammen und stellte sie auf den Flur unter die Garderobe. Neben die Schlammstiefel vom Musikfestival – dem letzten Festival, auf dem ich mit Blake gewesen war und von meinem Aussichtspunkt auf seinen Schultern sogar einen kurzen Blick auf Iggy Pop erhascht hatte.

»Die lässt du da nicht stehen.«

»Warum nicht?«

»Weil sie sonst die nächsten zwanzig Jahre auf diesem Fleck stehen bleibt und verstaubt, genau wie deine verdreckten Gummistiefel. Bring Claire die Leiter zurück.«

Resigniert befolgte ich den Befehl und schleifte die Leiter über den Flur zu meiner Nachbarin zurück. »Komm, jetzt kuscheln wir aber wieder auf der Couch«, sagte ich, als ich zurückkam, und griff nach seiner Hand.

»Nein«, entgegnete er und machte sich los. »Ich habe keine Lust, hier stundenlang rumzuliegen, ich nehme mir den Rest des Tages frei.«

»Wie meinst du das? Wo willst du denn hin?«

Er grinste. »Ich brauch auch mal eine Pause.«

»Aber wo gehst du hin? Wo wohnst du eigentlich?« Ich schaute zum Himmel hinauf. »Da oben?«

»In der Etage über dir?«

»Nein! Im … du weißt schon«, ich zuckte wieder mit dem Kopf.

»Im Himmel?« Er sperrte den Mund so weit auf, dass er sich fast die Kinnlade ausrenkte, und fing dann laut an zu lachen. »Ach, Lucy, du bist echt lustig.«

Ich lachte mit, als hätte ich wirklich einen Witz gemacht, was keineswegs der Fall war.

»Wenn du möchtest, kann ich dir Hausaufgaben aufgeben. Nur damit du mich nicht so vermisst.«

Ich rümpfte die Nase. Er machte sich auf den Weg zur Tür.

»Okay, gut, setz dich wieder hin.« Ich klopfte aufs Sofa. Auf einmal wollte ich überhaupt nicht allein sein.

»Wovon träumst du, Lucy?«

»Cool, ich liebe Traumgespräche.« Das war gemütlich. »Letzte Nacht hatte ich im Traum mal wieder Sex mit dem süßen Typen im Zug.«

»Ich bin ziemlich sicher, dass das illegal ist.«

»Wir haben es ja nicht im Zug gemacht.«

»Nein, nicht deswegen, aber der Knabe ist doch noch so jung, und du wirst demnächst dreißig«, neckte er mich. »Aber das hab ich auch nicht gemeint. Sondern: Was sind deine Wünsche und Hoffnungen?«

»Oh«, machte ich gelangweilt. Dann dachte ich darüber nach und sagte: »Ich verstehe die Frage nicht.«

Mein Leben seufzte und erklärte mir dann geduldig wie einem Kind: »Was würdest du wirklich gerne tun? Was würdest du gerne machen, was wäre zum Beispiel dein Traumjob?«

Wieder musste ich eine Weile nachdenken. »Jurymitglied bei X-Factor, dann könnte ich die Teilnehmer richtig runterputzen, wenn sie schlecht sind. Oder eine Falltür öffnen, damit sie in eine Wanne voller Baked Beans plumpsen oder so. Das wäre cool. Und ich würde gern jede Woche den Fashion Contest gewinnen, dann würden Cheryl und Dannii sagen: ›Oh, Lucy, woher hast du bloß dieses Kleid?‹, und ich würde antworten: ›Ach das? Das hab ich bloß zufällig an der Vorhangstange gefunden.‹ Und Simon würde sagen: ›Hey, ihr beiden Mädels solltet euch von Lucy mal ein paar Tipps geben lassen, sie ist …‹«

»Okay, okay, okay«, winkte mein Leben ab, legte die Finger an die Schläfen und massierte sich den Kopf. »Hast du auch ein paar bessere Träume?«

Allmählich geriet ich etwas unter Druck beim Nachdenken. »Ich würde total gern im Lotto gewinnen, damit ich nie mehr arbeiten muss und mir all die Sachen kaufen kann, die ich gerne hätte.«

»Das ist kein richtiger Traum«, sagte er.

»Warum denn nicht? So was passiert. Erinnerst du dich nicht an diese Frau aus Limerick? Sie hat dreißig Millionen gewonnen und lebt jetzt auf einer einsamen Insel. Oder so.«

»Dann träumst du also von einer einsamen Insel?«

»Nein«, winkte ich ab. »Das wäre bestimmt stinklangweilig, und ich hasse Kokosnüsse. Aber das Geld würde ich schon nehmen.«

»Das ist ein echt schwacher Traum, Lucy. Wenn man einen Traum hat, dann möchte man zumindest versuchen, ihn in die Tat umzusetzen, auch wenn er auf den ersten Blick unerreichbar scheint. Man strengt sich an, weil man glaubt, dass man es schaffen könnte, auch wenn es schwer wird. Zum Zeitschriftenladen an der Ecke gehen und sich einen Lottoschein kaufen, das ist doch langweilig. Bei einem richtigen Traum denkt man: DAS würde ich machen, wenn ich den Mut hätte und mir egal wäre, was andere davon halten.« Er sah mich erwartungsvoll an.

»Was willst du denn von mir – ich bin ein ganz normaler Mensch! Soll ich davon träumen, dass ich die Sixtinische Kapelle sehen möchte? Wenn ich mir den Hals verrenken muss, um gute Malerei zu sehen, dann lass ich es lieber bleiben. So was ist für mich kein Traum, sondern das Pflichtprogramm für einen Rom-Urlaub. Wo ich nebenbei bemerkt schon war, auf meinem ersten Wochenendtrip mit Blake.« Inzwischen war ich aufgesprungen und redete mit lauter Stimme, ich konnte einfach nicht anders, so brachte mich dieses alberne Thema in Rage. »Wovon träumen andere Menschen denn so? Vielleicht von einem Fallschirmsprung? Hab ich schon gemacht, ich hab sogar den Trainerschein, ich könnte dich also jederzeit aus einem Flugzeug schubsen, wenn ich wollte. Oder die Pyramiden sehen? Schon erledigt. An meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, mit Blake. Es war heiß, die Pyramiden sind genauso groß und majestätisch, wie man sie sich immer vorstellt, aber ob ich sie mir noch mal anschauen würde? Die Antwort lautet Nein. Ein seltsamer Mann hat versucht, mich in sein Auto zu zerren, als Blake gerade bei McDonald’s nebenan auf der Toilette war. Mit Delphinen schwimmen? Auch abgehakt. Will ich es noch mal machen? Nein, danke. Niemand sagt einem vorher, dass die Viecher aus der Nähe furchtbar stinken. Bungeejumping? Na klar, hab ich auch schon hinter mir, mit Blake, in Sydney. Sogar Haikäfig-Tauchen hab ich probiert, in Kapstadt, nicht zu vergessen den Ballonflug, den Blake mir mal zum Valentinstag geschenkt hat. Ich hab die meisten Sachen gemacht, von denen andere Leute träumen, und nichts davon war wirklich mein Traum, es waren bloß Sachen, die ich gemacht habe. Was stand heute in der Zeitung?« Ich hob eine der Seiten, die ich vorhin gelesen hatte, vom Boden auf und deutete auf den Artikel. »Ein siebzigjähriger Mann möchte sich in einem dieser Raumflugzeuge in den Weltraum schießen lassen, damit er sich die Erde von dort oben ansehen kann. Na ja, ich lebe auf der Erde, und von hier aus gesehen, ist sie schon ziemlich beschissen, warum sollte ich sie mir auch noch aus einer anderen Perspektive anschauen? Was soll das bringen? Solche Träume sind für mich reine Zeitverschwendung, und das war die blödeste Frage, die du mir jemals gestellt hast. Früher hab ich die ganze Zeit irgendwas unternommen, wie kannst du es da wagen, mir das Gefühl zu geben, dass ich ohne einen Traum nichts wert bin? Reicht es nicht, dass du mein Leben ungenügend findest, müssen es jetzt auch noch meine Träume sein?«

Nach dieser Tirade musste ich erst mal tief Luft holen.

»Okay.« Mein Leben stand auf und nahm seine Jacke. »Es war eine dumme Frage.«

Argwöhnisch kniff ich die Augen zusammen. »Warum hast du sie dann gestellt?«

»Lucy, wenn du dich nicht für dieses Gespräch interessierst, dann brauchen wir es auch nicht zu führen.«

»Ja, dieses ganze Traumzeug interessiert mich nicht, aber ich möchte wissen, warum du mir diese Frage gestellt hast.«

»Du hast vollkommen recht, du hast dein Leben ausgekostet bis zur Neige, es gibt nichts mehr für dich zu tun. Zeit aufzuhören. Du könntest dich genauso gut hinlegen und sterben.«

Ich schnappte nach Luft.

»Ich sage damit nicht, dass du demnächst sterben wirst, Lucy«, fuhr er fort, ganz offensichtlich frustriert von mir. »Aber irgendwann schon.«

Ich schnappte erneut nach Luft. »Jeder stirbt irgendwann.«

»Ja, stimmt.«

An der Tür drehte er sich noch einmal zu mir um. »Der Grund, warum ich dich gefragt habe, ist folgender: Ganz egal, was du sagst oder wie viele Lügen du erzählst, Tatsache bleibt, dass du mit deiner momentanen Situation nicht glücklich bist, aber wenn ich dich frage, was du willst, was du dir mehr als alles andere auf der Welt wünschst, einfach so, ohne Einschränkung, dann fällt dir nichts anderes ein als ›im Lotto gewinnen und Sachen kaufen‹.« Seine Stimme klang scharf, und ich schämte mich.

»Aber bestimmt würden die meisten Leute sagen, dass sie im Lotto gewinnen möchten.«

Er warf mir einen Blick zu und wandte sich wieder zur Tür.

»Du bist sauer auf mich. Ich verstehe nicht, warum du sauer auf mich bist, nur weil mein Traum dir nicht gefällt, ich meine, das ist doch lächerlich.«

Er antwortete ganz sanft und freundlich, was mich noch mehr nervte: »Ich bin sauer, weil du nicht nur nicht glücklich bist, sondern weil dir nicht das Geringste einfällt, wie du etwas daran ändern könntest. Und ich finde, das ist …« Er suchte nach dem richtigen Wort. »… einfach nur traurig. Kein Wunder, dass du so festgefahren bist.«

Obwohl ich noch einmal in mich ging, obwohl ich noch einmal angestrengt nachdachte über meine Träume, meine Wünsche, meine Ziele, was ich gern ändern, was ich erreichen wollte – mir fiel nichts ein.

»Dachte ich mir«, sagte mein Leben schließlich. »Dann bis morgen.« Er nahm seine Jacke und seinen Rucksack und verließ meine Wohnung, und so endete der Tag, der so schön angefangen hatte, auf die schlimmstmögliche Art.

Was er gesagt hatte, ließ mir keine Ruhe. Seine Argumente gaben mir immer zu denken. Es war, als würde er in einem bestimmten Ton mit mir sprechen, der mein Hirn ganz direkt erreichte, wie eine Trillerpfeife, die für das menschliche Ohr unhörbar ist, für einen Hund. Ich zermarterte mir den Kopf. Was wollte ich wirklich? Wahrscheinlich muss man, um zu wissen, was man will, erst einmal wissen, was man nicht will, aber da kam ich lediglich zu der Erkenntnis, dass ich mir wünschte, mein Leben hätte mich nicht kontaktiert und ich hätte so weitermachen können wie bisher. Sein Erscheinen hatte alles unendlich verkompliziert, weil er versuchte, Dinge zu verändern, mit denen ich absolut zufrieden war. Vielleicht sah es für ihn so aus, als wäre ich festgefahren, aber er hatte mich ja schon aus meinem Trott herausgeholt, und allein dadurch, dass er mich darauf aufmerksam gemacht hatte, würde ich nie mehr dorthin zurückkehren können. Dabei mochte ich meinen Trott, ich vermisste meinen Trott, ich würde meinem Trott ewig nachtrauern.

Um die Mittagszeit hatte ich Kopfschmerzen, aber eine saubere, aufgeräumte Wohnung, und erwartungsgemäß war die Reinigungsfirma unpünktlich. Es wurde Viertel nach zwölf, und es war immer noch niemand da. Um halb eins begann ich mich zu freuen, dass man mich vergessen hatte, und überlegte, was ich mit meiner Freiheit anfangen wollte. Aber es wollte mir nichts Rechtes einfallen. Melanie war nicht da, aber wir hatten seit unserer letzten Begegnung auch keinen Kontakt mehr gehabt, und ich stand im Augenblick sicher nicht ganz oben auf der Liste der Menschen, mit denen sie sich am liebsten unterhalten wollte. Und nach dem Essen gestern Abend hatte ich auch keine Lust, mich mit einem meiner anderen Freunde zu treffen. Sie glaubten, dass ich Blake betrogen hatte, und seit ich gestern erfahren hatte, dass sie meine abrupte Veränderung sehr wohl wahrgenommen und ihre eigenen Schlüsse daraus gezogen hatten, verstand ich auch, wie sie darauf kamen. Aber es tat trotzdem weh.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach mich in meiner Grübelei. Es war Claire, mit nassem, verweintem Gesicht.

»Lucy«, schniefte sie. »Es tut mir so leid, Sie am Sonntag zu stören, aber ich habe den Fernseher gehört, und … na ja, ich wollte fragen, ob Sie wohl so nett wären, noch mal auf Conor aufzupassen. Ich würde Sie lieber nicht darum bitten, aber das Krankenhaus hat wieder angerufen, und sie sagen, es ist ein Notfall, und …« Sie brach ab.

»Selbstverständlich. Würde es Ihnen etwas ausmachen, ihn zu mir rüberzubringen? Ich muss nämlich hierbleiben, weil ich Leute zum Teppichreinigen bestellt habe.«

Einen Moment geriet sie ins Schwanken, obwohl eigentlich klar war, dass sie gar keine andere Wahl hatte, und sie ging in ihre Wohnung zurück. Ich fragte mich, ob sie sich einfach hinsetzte und bis zehn zählte, ehe sie zurückkam, oder ob sie tatsächlich so tat, als würde sie ein Baby hochnehmen und in den Buggy setzen. Auf einmal spürte ich eine tiefe Traurigkeit für sie. Dann ging die Tür wieder auf, und der leere Buggy wurde heraus- und zu mir herübergeschoben.

»Er schläft seit fünf Minuten«, flüsterte Claire. »Normalerweise macht er tagsüber ungefähr zwei Stunden Mittagsschlaf, also müsste ich eigentlich wieder da sein, bis er aufwacht. Aber es ging ihm irgendwie nicht gut in letzter Zeit, ich weiß nicht, was er hat.« Mit gerunzelter Stirn machte sie sich an dem leeren Buggy zu schaffen. »Vielleicht schläft er deshalb auch ein bisschen länger als sonst.«

»Okay.«

»Vielen Dank.« Nach einem letzten Blick in den leeren Kinderwagen wandte sie sich zum Gehen. Als sie in den Korridor hinausschaute, stand ein Mann vor ihrer Tür.

»Nigel«, sagte sie erschrocken.

Er wandte sich um. »Claire.« Ich erkannte den Mann von den Fotos in ihrer Wohnung, ihren Mann, Conors Vater. Er schaute auf die Nummer über ihrer und dann auf die Nummer über meiner Tür. »Ist das die falsche Wohnung?«

»Nein, das ist Lucy, unsere … meine Nachbarin. Sie passt auf Conor auf.«

Er warf mir einen Blick zu, dass ich am liebsten im Erdboden versunken wäre. Bestimmt dachte er jetzt, ich würde Claire ausnutzen – aber was sollte ich denn tun? Ihr sagen, dass es kein Kind mehr gab? Das wusste sie doch bestimmt tief in ihrem Herzen.

»Ich nehm auch kein Geld dafür«, platzte ich heraus, denn ich wollte unbedingt verhindern, dass er schlecht von mir dachte. »Aber sonst will sie nicht weggehen.«

Er nickte kurz und verständnisvoll, dann sah er wieder zu Claire. »Ich fahr dich, okay?«, sagte er sanft.

Schnell schloss ich die Tür.

»Hallo«, sagte ich zu dem leeren Buggy. »Mummy und Daddy sind bald wieder da.«

Dann legte ich den Kopf in die Hände und saß eine Weile zusammengesunken an der Küchentheke. MrPan sprang herauf, und ich spürte seine kalte Nase an meinem Ohr. Schließlich stellte ich meinen Laptop an und googelte die Träume und Ziele, die Menschen so hatten, aber das langweilte mich so, dass ich den Computer schnell wieder zuklappte. Es wurde Viertel vor eins, und dann hatte ich eine Idee. Ich fotografierte Gene Kellys Gesicht auf dem Poster an meiner Badezimmertür und schickte es als MMS an Don Lockwood.

Hab das hier gesehen und an dich gedacht.

Dann wartete ich. Und wartete. Erst gespannt. Dann hoffnungsvoll. Dann enttäuscht. Dann zutiefst verletzt. Nicht dass ich ihm einen Vorwurf machte – ich hatte ihm ja gesagt, dass er nie wieder anrufen sollte, aber ich hoffte trotzdem darauf. Dann verblasste die Hoffnung, und ich war nur noch deprimiert. Allein, leer, verloren. Dabei war nicht mal eine Minute vergangen.

Ich öffnete die Kühlschranktür und starrte in die leeren Fächer. Nichts Essbares tauchte auf. Dann piepte mein Handy, ich knallte die Tür zu und stürzte hin. Typischerweise klingelte es im gleichen Moment an der Wohnungstür. Ich beschloss, mir für die SMS Zeit zu lassen, und ging erst zur Tür. Ein roter fliegender Teppich starrte mich an. Bei genauerem Hinsehen schmückte er die Brust des Mannes, der mir gegenüberstand. Ich blickte an ihm hoch: Er trug eine blaue Kappe, ebenfalls mit einem Teppichemblem, tief in die Stirn gezogen. Ich spähte hinter ihn, doch da war niemand, auch keine Werkzeuge oder Geräte.

»Roger?«, fragte ich und trat zur Seite, um den Mann in die Wohnung zu lassen.

»Roger ist mein Dad«, erklärte er und ging hinein. »Er arbeitet am Wochenende nicht.«

»Okay.«

Er sah sich um. Dann sah er mich an.

»Kenne ich Sie irgendwoher?«, fragte er.

»Äh, ich weiß nicht. Mein Name ist Lucy Silchester.«

»Ja, das steht auf dem …« Er hob das Klemmbrett in die Luft, vollendete seinen Satz aber nicht. Stattdessen starrte er mich weiter an, direkt in die Augen. Forschend und neugierig. Allmählich wurde ich nervös. Ich schaute weg, ging ein paar Schritte in die Küche und suchte Schutz hinter der Theke. Er bemerkte es und machte selbst ein paar Schritte zurück, wofür ich ihm dankbar war.

»Wo sind denn die anderen?«, fragte ich.

»Welche anderen?«

»Na, die anderen Reinigungsleute«, antwortete ich. »Arbeiten Sie nicht als Team?«

»Nein, nur ich und mein Dad. Wie gesagt arbeitet er nicht am Wochenende, deshalb …« Er sah sich um. »Ist es okay, dass nur ich hier bin?«

Dass er das fragte, machte die Sache für mich wesentlich leichter.

»Ja, klar.«

»Meine Geräte sind noch unten im Wagen. Ich wollte nur kurz hochkommen und mich umschauen, ehe ich das ganze Zeug die Treppe hochschleppe.«

»Oh. Okay. Soll ich Ihnen bei irgendwas helfen?«

»Nein, danke. Sie können das Baby doch bestimmt nicht allein lassen …« Er lächelte, bekam kleine Grübchen und war auf einmal der schönste Mann, den ich jemals gesehen hatte. Dann dachte ich an Blake, und schon war der Teppichtyp nicht mehr so attraktiv. Das passierte immer.

Ich folgte seinem Blick zu Claires Buggy. »Oh, das. Es gehört nicht mir. Ich meine, er – er gehört meiner Nachbarin. Ich passe nur auf ihn auf.«

»Wie alt ist er denn?« Wieder lächelte er und reckte das Kinn, um in den Wagen sehen zu können.

Schnell zog ich das Dach ein Stück weiter herunter. »Oh, ungefähr ein Jahr. Er schläft gerade.« Als würde das alles erklären.

»Dann werde ich so leise wie möglich arbeiten. Gibt es denn irgendwelche Stellen, auf die ich besonders achten soll?«

»Nein, nur den Boden.« Eigentlich meinte ich das vollkommen ernst, aber es kam ziemlich komisch heraus, und der Mann lachte.

»Den ganzen Boden?«

»Nur die schmutzigen Stellen.«

Jetzt grinsten wir beide. Ich fand ihn immer noch süß, selbst wenn ich das Blake-Barometer anlegte.

»Also wahrscheinlich alles«, fügte ich hinzu.

Er musterte den Boden, und auf einmal wurde mir klar, dass ein ziemlich attraktiver Mann in meiner armseligen Wohnung stand. Ich schämte mich. Plötzlich ging er auf die Knie, untersuchte eine Stelle genauer und rubbelte mit der Hand darüber.

»Ist das …?«

»O ja, ich musste da was aufschreiben und hatte gerade keinen Zettel zur Hand.«

Mit einem breiten Grinsen blickte er zu mir auf. »Mit Permanentmarker?«

»Äh …« Ich wühlte in der Küchenschublade nach dem Edding. »Dieser hier.«

Er sah ihn sich an. »Ja, der ist permanent.«

»Oh. Kriegen Sie’s trotzdem raus? Sonst wickelt mich mein Vermieter nämlich in den Teppich und schmeißt mich raus.«

»Ich werd’s versuchen«, antwortete er und sah mich amüsiert an. »Jetzt hol ich erst mal meine Ausrüstung.«

Ich setzte mich wieder auf den Küchenhocker und vertrieb mir die Zeit mit Don Lockwoods Antwort.

Oh, sie taucht wieder auf! Wie war denn die letzte Woche?

Hatte seit Dienstag keine Wasserpistole mehr am Kopf. Wie geht’s Tom?

Ich hörte auf dem Flur draußen ein Handy piepen und vermutete, dass der Reinigungsmann zurück war. Aber er tauchte nicht auf. Als ich den Kopf aus der Tür streckte, entdeckte ich ihn. Er hatte sein Telefon in der Hand. »Sorry«, rief er und steckte das Handy schnell in die Tasche. Dann packte er ein Gerät, das aussah wie ein überdimensionierter Staubsauger, und schleppte es in die Wohnung. Dabei schwollen die Muskeln an seinen Armen zum dreifachen Umfang meines Kopfs an. Ich gab mir Mühe, nicht zu glotzen, scheiterte aber.

»Ich setz mich einfach hierher. Wenn Sie irgendwas brauchen, wenn Sie sich verirren oder so, sagen Sie einfach Bescheid.«

Er lachte und beäugte mein riesiges Sofa.

»Das stand ursprünglich in einer größeren Wohnung«, erklärte ich.

»Schöne Couch.« Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und betrachtete sie immer noch. »Könnte aber ein Problem werden, sie von der Stelle zu kriegen.«

»Sie geht auseinander.« Wie alles andere hier drin.

Er sah sich um. »Ist es okay, wenn ich ein paar Teile davon aufs Bett lege und ein paar im Bad abstelle?«

»Klar. Nur wenn Sie Geld darunter finden, gehört es mir. Alles andere können Sie behalten.«

Er hob die Couch an, und ich starrte wieder auf seine Muskeln, die kurzfristig alle anderen Gedanken aus meinem Kopf verdrängten. »Dafür hab ich wahrscheinlich selten Verwendung«, lachte er und sah auf einen verstaubten kirschrosa BH, der unter der Couch zum Vorschein gekommen war. Ich zerbrach mir den Kopf nach einer witzigen Antwort, aber dann rannte ich doch lieber schnell hin, um den BH aufzuheben, stieß aber mit dem Zeh an die Ecke der Küchentheke und landete auf der Couch.

»Sch…eiße!«

»Alles klar?«

»Ja«, quiekte ich, packte meinen BH, versuchte ihn zu einem Ball zusammenzuknüllen und hielt dann meinen Zeh fest, bis der Schmerz langsam nachließ. »Bestimmt haben Sie noch nie einen BH gesehen, gut, dass ich mich so unauffällig draufgestürzt habe«, scherzte ich mit zusammengebissenen Zähnen.

Er lachte. »Was ist das eigentlich mit diesem Kerl hier?«, fragte er dann, als er an Gene Kelly auf der Badezimmertür vorbeikam und drinnen einen Teil der Couch deponierte. »Anscheinend lieben ihn die Mädels.«

»Er war ein Mann aus dem Volk«, erklärte ich, während ich mir weiter den Zeh massierte. »Nicht so ein hochtrabender Zylinder-Smoking-Typ wie Fred Astaire. Gene war, na ja, Gene war eben ein richtiger Mann.«

Der Teppichmann machte einen interessierten Eindruck, ging dann aber wieder an die Arbeit und sagte nichts weiter dazu. Kurz darauf bekam ich aus dem Augenwinkel mit, dass sich nichts mehr bewegte, und blickte auf. Mein Teppichmann stand mit einem Stück Couch auf dem Arm mitten im Zimmer und sah sich ratlos um. Auf dem Bett türmten sich die Couchteile, das Badezimmer war voll, inklusive der Badewanne, und sonst war nirgends Platz.

»Wir könnten was nach draußen auf den Korridor stellen«, schlug ich vor.

»Aber dann kommt man nicht mehr durch.«

»Wie wäre es mit der Küche?«

Dort, wo der Buggy stand, war noch ein bisschen freier Raum auf dem Boden. Ich schob den Wagen zur Seite, und der Teppichmann stapfte mit seiner Last auf mich zu. Ich weiß nicht, was dann genau passierte, jedenfalls geriet er ins Stolpern – wahrscheinlich blieb er mit dem Schuh an der Küchentheke hängen –, das Couchstück flog ihm aus den Armen und landete auf dem Buggy.

»Um Gottes willen«, rief er. »Um Gottes willen!«

»Alles okay«, sagte ich schnell und setzte an, ihm die Lage zu erklären. »Alles okay, es ist nichts …«

»Ach du Scheiße. Oh, mein Gott.« Ohne auf mich zu achten, versuchte er, das Couchteil von dem Kinderwagen zu heben.

»Entspannen Sie sich, alles ist okay. Da ist kein Baby drin«, sagte ich laut. Er hielt inne und sah mich verwundert an.

»Was – da ist kein Baby drin?«

»Nein, schauen Sie.« Ich half ihm, das Couchstück anzuheben und auf die Küchentheke zu wuchten. »Sehen Sie, der Wagen ist leer.«

»Aber Sie haben doch gesagt …«

»Ja, ich weiß. Das ist eine lange Geschichte.«

Er schloss die Augen und schluckte, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. »O Mann.«

»Ich weiß, tut mir leid, aber es ist alles okay.«

»Warum haben Sie dann …?«

»Bitte fragen Sie mich nicht.«

»Aber Sie …«

»Ehrlich, es ist wirklich das Beste, wenn Sie nicht fragen.«

Er sah mich noch einmal forschend an, aber ich schüttelte entschieden den Kopf.

»Scheiße«, flüsterte er und schöpfte tief Luft. Dann inspizierte er den Buggy noch einmal, um sich zu vergewissern, dass er es sich nicht eingebildet hatte, holte abermals tief Luft und widmete sich dann seinem riesigen Staubsauger. Auf einmal aber zog er sein Handy aus der Tasche und begann zu tippen. Tipp, tipp, tipp. Ich sah MrPan an und verdrehte die Augen. Wenn der Typ so weitermachte, saßen wir den ganzen Rest des Tages hier fest.

»So.« Endlich wandte er sich wieder mir zu. »Zuerst einmal werde ich Ihren Teppich mit der Heißwasser-Extraktions-Methode reinigen, dann wird er mit einem schützenden Pflegemittel besprüht und deodoriert.«

»Okay. Haben Sie zufällig mal in einem Werbespot mitgemacht?«

»Nein, nein«, antwortete er und stöhnte. »Das war mein Dad. Er glaubt nämlich, er hat schauspielerisches Talent und möchte immer, dass ich mitmache, aber ich glaube, ich würde lieber …« Er dachte nach. »Japp, ich würde lieber sterben.«

Ich lachte. »Aber so was könnte doch ganz lustig sein.«

Er sah mich an und riss erstaunt die Augen auf. »Echt? Sie würden das machen?«

»Wenn man mich ordentlich bezahlt, würde ich fast alles machen.« Ich runzelte die Stirn. »Aber nicht das, wonach sich das jetzt angehört hat. Das würde ich nicht machen.«

»Keine Sorge, ich würde Sie nicht drum bitten. Nicht für Geld, meine ich.« Er wurde rot. »Können wir bitte das Thema wechseln?«

»Ja, unbedingt.«

Mein Handy piepte wieder, und wir nahmen es beide als willkommenen Anlass, unser Gespräch abrupt zu beenden.

Dieser Tom! Er hat eine Frau kennengelernt und beschlossen, erwachsen zu werden. Nächste Woche ziehen sie zusammen. Jetzt fehlt mir ein Mitbewohner, also … fünfunddreißigdreivierteljähriger, großer, dunkler, gutaussehender Mann sucht jemanden, der die Miete bezahlen kann.

Ich schrieb zurück: Du bist also auch auf der Suche? Ich werde die Nachricht weitergeben. Persönliche Frage: Was ist dein Traum? Etwas, was du wirklich willst?

Das Handy des Teppichreinigers piepte. Ich gab ein missbilligendes Geräusch von mir, aber die Reinigungsmaschine war so laut, dass man es nicht hörte. Er stellte das Gerät ab und holte sein Handy aus der Tasche.

»Sie sind ganz schön gefragt heute.«

»Ja, tut mir leid.« Er las die SMS. Dann schrieb er zurück.

Mein Handy piepte.

Momentan hab ich nur einen Wunsch: Kaffee.

Ich sah den Teppichmann an, der tief in Gedanken den Schmutz aus meinem Teppich extrahierte, und stieg von meinem Hocker.

»Möchten Sie einen Kaffee?«

Er reagierte nicht.

»Entschuldigung – möchten Sie einen Kaffee?«, sagte ich lauter.

Jetzt blickte er auf. »Können Sie Gedanken lesen? Ein Kaffee wäre toll, danke.«

Er trank einen Schluck, stellte die Tasse auf die Theke und machte weiter mit seiner Arbeit. Ich setzte mich wieder auf den Hocker und las meine SMS durch, suchte zwischen den Zeilen nach Informationen, die mir bisher vielleicht entgangen waren, und wartete auf eine weitere Antwort. Der Teppichmann holte schon wieder sein Handy aus der Tasche. Eigentlich wollte ich etwas sagen, aber ich hielt den Mund und beobachtete ihn, wie er mit einem kleinen Lächeln seine Botschaft eintippte, und auf einmal begann ich die Person am anderen Ende der Leitung zu hassen. Bestimmt schrieb er einer Frau. Ich hasste sie.

»Dauert das noch lang?«, fragte ich schließlich nicht besonders freundlich.

»Wie bitte?« Er blickte von seinem Telefon auf.

»Der Teppich. Dauert die Reinigung noch lange?«

»Etwa zwei Stunden.«

»Dann gehe ich mit dem Baby ein bisschen spazieren.«

Er sah mich verwirrt an. Gut. Ich war es auch. Im Aufzug traf Dons Antwort ein.

Mein Traum ist es, im Lotto zu gewinnen, damit ich meinen Job aufgeben kann und nie wieder arbeiten muss. Aber was ich mir wirklich, wirklich wünsche? Dich zu treffen.

Mit offenem Mund starrte ich die Nachricht an. Inzwischen war der Aufzug im Erdgeschoss angekommen und die Türen hatten sich geöffnet, aber ich war so verdutzt, dass ich ganz vergaß auszusteigen, zum einen, weil wir den gleichen faulen Traum hatten, aber vor allem, weil er so etwas wunderschön Kitschiges gesagt hatte. Ich war hingerissen, bekam aber auch ein bisschen Angst. Die Türen gingen zu, und ehe ich auf den Knopf drücken konnte, fuhr der Aufzug wieder nach oben. Ich seufzte und lehnte mich an die Wand. Auf meinem Stockwerk blieb er stehen. Der Teppichmann stieg ein.

»Hallo.«

»Ich hab vergessen auszusteigen.«

Er lachte und schaute auf den Buggy. »Wie heißt er denn?«

»Conor.«

»Er ist süß.«

Wir lachten.

»Sind Sie sicher, dass wir uns nicht kennen?«

»Waren Sie früher Börsenmakler?«

»Nein«, lachte er.

»Haben Sie sich jemals als einer ausgegeben?«

»Nein.«

»Tja, dann kennen wir uns nicht.« Ich war überzeugt, dass ich mich an ihn erinnern würde, wenn wir uns schon einmal begegnet wären – er hatte den bisher höchsten Wert auf dem Blake-Barometer erreicht, höher als jedes andere menschliche Wesen, lebendig oder tot. Irgendwie war er mir vertraut, aber vielleicht kam das daher, dass ich ihn den ganzen Nachmittag angestarrt hatte. Stirnrunzelnd schüttelte ich den Kopf. »Tut mir leid, ich weiß ja nicht mal Ihren Namen.«

Er deutete auf seine Brust, auf der sich ein gesticktes Etikett befand. Donal stand darauf. »Meine Mutter hat das gemacht, sie war fest davon überzeugt, dass die Firma dadurch moderner wirkt. Der Werbespot war übrigens auch ihre Idee. Sie hat irgendein Marketing-Buch über Starbucks gelesen, und jetzt denkt sie, sie ist Donald Trump.«

»Mit einer besseren Frisur hoffentlich.«

Er lachte. Als die Türen aufgingen, ließ er mir den Vortritt. »Wow«, sagte ich, als wir ins Freie traten. Der Van war knallgelb und auf der Seite mit einem roten fliegenden Teppich bemalt, und auch auf dem Dach befand sich ein gigantischer roter Plastikteppich.

»Sehen Sie? Damit muss ich rumfahren. Wenn der Motor läuft, dreht sich der Teppich auch noch.«

»Das muss ja ein tolles Buch sein, das Ihre Mutter da gelesen hat. Aber der Wagen ist nur für die Arbeit, oder? Nicht Ihr Alltagsfahrzeug.« An der Art, wie er mich ansah, konnte ich erkennen, dass ich mich irrte. Schnell ein neuer Gedanke. »Wäre es nicht cool, wenn Sie das Geschoss hier immer fahren könnten?«

»Japp«, sagte er und lachte. »Ein echter Frauen-Magnet, oder nicht?«

»Ein Superheldenauto«, sagte ich, während ich um den Van herumging, und ich merkte sofort, dass er seinen Wagen schon mit anderen Augen ansah.

»Eine ganz neue Perspektive.« Dann musterte er mich wieder, so als wollte er etwas sagen, könnte es aber nicht. Ich bekam eine Gänsehaut. »In etwa einer Stunde bin ich fertig«, verkündete er stattdessen. »Der Teppich ist dann ziemlich feucht, deshalb würde ich Ihnen raten, ein paar Stunden nicht darauf herumzulaufen. Ich komme heute Abend noch mal vorbei, um Ihre Möbel wieder aufzubauen, wenn das okay ist, und um mich zu vergewissern, dass Sie mit der Arbeit zufrieden sind.«

Ich wollte ihm sagen, dass er sich nicht so viel Mühe machen sollte, dass ich bisher auch alles allein geschafft hatte, aber in letzter Sekunde biss ich mir auf die Zunge. Zum einen konnte ich die ganzen Möbel nicht allein zurückschleppen, aber vor allem wollte ich, dass er zurückkam. »Machen Sie sich keine Gedanken wegen dem Abschließen, ziehen Sie einfach die Tür hinter sich zu.«

»Okay, wunderbar. War nett, Sie kennenzulernen, Lucy.«

»Das fand ich auch, Donal. Bis später dann.«

»Zu unserem Date!«, rief er, und wir lachten wieder.

Dann saßen Conor und ich auf der Bank im Park, und als niemand hinschaute, setzte ich ihn auf die Schaukel. Ich wusste, dass er nicht wirklich da war, aber für Claire und die Erinnerung an ihr Baby blieb ich dort, bis die Sonne hinter den Parkbäumen verschwand, schaukelte Conor hin und her und hoffte, dass seine kleine Seele irgendwo da draußen Huiiiiii rief, so fröhlich wie meine es plötzlich auch tat.

 

 

An diesem Abend, als der Buggy wieder sicher in Claires Wohnung stand, zog ich die Schuhe aus, schleppte einen Hocker mitten ins Zimmer und setzte mich darauf, um mir Blakes Reisesendung anzuschauen. Sie hatte gerade angefangen, da hörte ich den Schlüssel in der Tür, und mein Leben kam herein. Er trug ein neues Jackett.

»Woher hast du denn den Schlüssel?«

»Den hab ich nachmachen lassen, als du geschlafen hast«, antwortete er, zog das Jackett aus und warf den Schlüssel auf die Theke, als wohnte er schon immer hier.

»Danke, dass du mich gefragt hast.«

»Das war nicht nötig, deine Familie hat schon das Formular unterschrieben.«

»Vorsicht!«, rief ich, als er auf den Teppich treten wollte. »Schuhe aus, er ist gerade gereinigt worden.«

»Was schaust du da?«, fragte er, während er tat, was ich gesagt hatte. Ich hatte auf Pause gedrückt, und auf dem Standbild sah man eine Schlange, die aus einem Korb emporstieg.

»Blakes Reisesendung.«

Er zog die Augenbrauen hoch und musterte mich. »Echt? Ich dachte, du guckst die Sendung nie.«

»Manchmal schon.«

»Wann denn?«

»Ach, nur sonntags.«

»Sie kommt doch auch nur sonntags.« Er holte sich einen Hocker und stellte ihn neben meinen. »Der Teppich sieht kein bisschen anders aus als vorher.«

»Weil er nass ist. Wenn er getrocknet ist, wird er sauberer aussehen.«

»Wie waren sie denn?«

»Wer?«

»Die Teppichleute.«

»Es war nur einer.«

»Und?«

»Und er war sehr nett und hat den Teppich saubergemacht. Kannst du bitte eine Weile den Mund halten? Ich möchte mir die Sendung ansehen.«

»Was bist du denn so zickig?«

MrPan hüpfte auf seinen Schoß, und so saßen wir unbequem auf unseren Hockern und sahen uns an, wie Blake in einem felsigen Gebirge herumkletterte, in einem dunkelblauen ärmellosen Shirt voller Schweißflecken, unter dem seine Rückenmuskeln schwollen. Unwillkürlich musste ich an den Teppichmann denken. Es war ungewöhnlich, dass ich beim Anblick von Blake, dem allerperfektesten Mann des Universums, an einen anderen Mann denken musste, und das auch noch mit einem positiven Unterton. Als ich mich einigermaßen von meinem Schock erholt hatte, verglich ich ihre Muskeln.

»Benutzt er Selbstbräuner?«

»Halt den Mund.«

»Macht er seine Stunts selber?«

»Halt den Mund.«

Ich drückte auf Pause und suchte nach Jenna, konnte sie aber nicht entdecken.

»Was machst du denn da?«

»Halt den Mund.«

»Warum bist du eigentlich so besessen von Blake?«

»Ich bin nicht besessen.«

»Gestern Abend beispielsweise. Ich weiß, du hast gesagt, du willst nicht darüber reden, aber ich glaube, das sollten wir. Ich meine, ihr habt euch vor drei Jahren getrennt. Was ist los mit deinen Freunden? Warum müssen sie so genau wissen, was mit dir und ihm passiert ist?«

»Weil Blake ihr Gravitationszentrum ist«, antwortete ich und sah zu, wie mein Exfreund ohne Handschuhe über die Klippen kraxelte. »Genaugenommen wir beide, ob du es glaubst oder nicht. Wir haben alles organisiert, bei uns hat man sich versammelt. Jede Woche haben wir ein großes Essen gekocht, wir haben Partys veranstaltet, Urlaube geplant, Ausgeh-Abende, Ausflüge, all so was.« Ich drückte wieder auf Pause, studierte die Szene, ließ die Sendung weiterlaufen. »Blake kann Leute begeistern, er macht süchtig, alle mögen ihn.«

»Ich nicht.«

»Wirklich?« Überrascht sah ich mein Leben an, dann wandte ich mich schnell wieder dem Fernseher zu. »Na ja, du bist voreingenommen, das zählt nicht.«

Wieder hielt ich an und ließ dann weiterlaufen.

»Was genau machst du da eigentlich?«

»Halt den Mund.«

»Hör auf damit.«

»Dann quatsch nicht dauernd dazwischen.«

Den Rest der Sendung sah er sich größtenteils schweigend an, nur ganz gelegentlich machte er eine spitze Bemerkung. Dann war Blake fertig mit dem Feilschen in den Souks und den Schlangenbeschwörungen – wozu mein Leben die sehr erwachsene Bemerkung machte, dass Blake selbst auch so eine beschwörende Schlange sei –, setzte sich in ein Café auf dem Djemaa el Fna, dem großen zentralen Platz in der Altstadt von Marrakesch, und sprach den Abschlusstext direkt in die Kamera.

»Ein kluger Mensch hat mal gesagt, die Welt ist ein Buch, und wer nicht reist, liest nur eine einzige Seite davon.«

Mein Leben stöhnte und steckte sich den Finger in den Mund, als wollte er sich übergeben. »Was für ein peinlicher Schwachsinn!«

Ich war überrascht, denn mir hatte der Spruch gefallen.

Dann das übliche Augenzwinkern, und ich genoss hingebungsvoll meine letzten Sekunden mit ihm in dieser Staffel. Nun war ich für eine Weile auf die Propaganda der Blake-Partei angewiesen, wenn ich etwas über ihn erfahren wollte – falls ich überhaupt jemals wieder etwas von meinen Freunden hörte.

»Vielleicht hat er dich verlassen, weil er schwul ist, schon mal überlegt?«, fragte mein Leben.

Ich knirschte mit den Zähnen und kämpfte gegen den Impuls, ihn vom Hocker zu schubsen. Aber das wäre sinnlos gewesen, ungefähr so, als würde ich mir die Nase abschneiden, um mein Gesicht zu ärgern, und gerade als ich darüber nachdachte, veränderte sich mein Leben für immer. Die nächste Einstellung war schnell, so schnell, dass ein ungeübtes Auge es vielleicht übersehen hätte, aber ganz sicher nicht meines. Nicht einmal mein schlechtes Auge, mit dem ich nicht mehr so gut sehe, weil Riley mir, als ich acht war, einmal eine Stiftbombe reingeschossen hat. Ich hoffte und betete, dass ich mir das, was nun kam, aufgrund meiner noch nicht diagnostizierten, aber vorhandenen psychotischen Tendenzen lediglich einbildete. Die Kamera zoomte weg, ich drückte auf Pause und suchte. Und da war sie. Jenna. Das Miststück. Aus Australien. Jedenfalls glaubte ich das. Die Reisegruppe, mindestens ein Duzend Leute, saß in einem vollen, lauten Café, an einem mit Essen beladenen Tisch. Es sah aus wie das letzte Abendmahl. Ich sprang von meinem Hocker und stellte mich direkt vor den Bildschirm. Wenn sie es war, dann würde ich dafür sorgen, dass es tatsächlich ihr letztes Abendmahl war.

»He, pass auf, der Teppich«, sagte mein Leben.

»Scheiß auf den Teppich«, entgegnete ich giftig.

»Wow.«

»Diese kleine …« Ich wanderte vor dem Fernseher auf und ab und beobachtete, wie Blake und Jenna sich im Standbild zuprosteten, ihre Gläser vielsagend nah beieinander, und sich dabei in die Augen schauten. Zumindest sah sie ihn an, und er starrte auf etwas hinter ihrer Schulter, aber trotzdem, die Richtung stimmte. »Schlampe«, stieß ich schließlich noch hervor. Dann ließ ich die Szene laufen, die ganze Zuprosterei, spulte zurück, betrachtete sie noch mal und richtete mein Augenmerk jetzt besonders auf den Blick der beiden. Ja, sie schauten sich eindeutig an, als ihre Gläser zusammenklimperten. Hatte das eine tiefere Bedeutung? War es ein Code? Sagten sie wortlos zueinander: Komm, lass uns heute Abend zusammen anstoßen, wie wir es damals auf dem Gipfel des Everest getan haben? Bei dem Gedanken drehte sich mir der Magen um. Dann analysierte ich die Körpersprache und das Essen auf ihren Tellern. Ein paar Gerichte teilten sie sich, ekelhaft. Mein Herz pochte schwer in meiner Brust, und ich hatte das Gefühl, als wollte mein Blut meine Venen sprengen. Ich musste durch den Fernseher in ihre Welt kriechen, damit ich sie auseinanderreißen und ihnen die marokkanischen Fleischbällchen um die Ohren hauen konnte.

»Was in aller Welt ist denn los mit dir?«, fragte mein Leben. »Du siehst aus, als wärst du besessen, und außerdem ruinierst du den Teppich.«

Ich drehte mich um und fixierte ihn mit dem entschlossensten Blick, den ich zustande brachte. Was nicht sehr schwer war, denn ich fühlte die Entschlossenheit überall in mir. »Ich weiß, warum du hier bist.«

»Warum denn?«, fragte er mit besorgtem Gesicht.

»Weil ich immer noch in Blake verliebt bin. Und jetzt weiß ich, was mein Traum ist, was ich wirklich, wirklich will, was ich tun würde, wenn ich den Mut hätte und es mir egal wäre, was die anderen denken. Er ist es! Blake! Ihn will ich. Ich muss ihn wiederhaben.«