Kapitel 21

Als ich abends am Esstisch meiner Eltern saß, war ich entsetzlich unruhig und konnte meine Nervosität kaum in Schach halten. Noch hatte ich nicht den Mut gehabt, den anderen mitzuteilen, dass ich mal wieder ohne Leben war, nicht weil ich es wie früher unter den Teppich gekehrt hatte, sondern weil meine Entscheidungen ihm nicht gepasst hatten und er mich verlassen hatte. Den ganzen Nachmittag hatte ich versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen, unter dem Vorwand, mich entschuldigen zu wollen, in Wirklichkeit aber, um herauszufinden, ob wir das Essen bei meiner Familie nicht doch noch absagen konnten. Er war nicht drangegangen, und nach sechs vergeblichen Versuchen merkte ich, dass er das Handy ausgestellt hatte. Weil ich nicht die richtigen Worte fand, hinterließ ich auch keine Nachricht. Es tat mir bei weitem nicht leid genug, als dass ich ihn hätte um Verzeihung bitten wollen, außerdem hätte er sofort durchschaut, dass ich es nicht ehrlich meinte. Mir war sehr unbehaglich zumute – das eigene Leben zu ignorieren, war eine Sache, aber wenn man vom eigenen Leben ignoriert und dann auch noch im Stich gelassen wurde, war das ein ganz anderes Kaliber. Wenn mein Leben mich aufgab, hatte ich dann überhaupt noch eine Chance?
Der Abend war zu kühl, um draußen zu essen, deshalb hatte Edith im Speisezimmer gedeckt, dem feierlichsten Raum meiner Eltern, der eigentlich nur für besondere Anlässe benutzt wurde. Zuerst dachte ich, sie wollte sich dafür rächen, dass ich ihren Kuchen geklaut und ihn Mum als mein eigenes Werk geschenkt hatte, wie neulich bei den Blumen, aber ich beobachtete sie und merkte, dass sie sich ehrlich auf den Ehrengast freute und ihm den tollsten Empfang bereiten wollte, den man bei Silchesters kannte. Auch Mum hatte sich schwer ins Zeug gelegt: In jedem Zimmer, das von der Eingangshalle abzweigte, standen Kristallvasen mit frischen Blumen, auf dem Esstisch lag eine edle Leinentischdecke, sie hatte das beste Silberbesteck herausgeholt, ihre Haare waren frisch geföhnt, und sie trug ein rosa-türkis gemustertes Etuikleid von Chanel, mit passendem Jäckchen und den üblichen flachen Pumps. Für die meisten Leute war das Esszimmer einfach nur das Esszimmer, aber unseres trug den hochtrabenden Namen Eichenzimmer. Dank unseres großen Schriftstellers waren die Wände vom Boden bis zur Decke mit Eichenholz getäfelt, und die kristallenen Wandleuchter brachten unsere vielseitige Sammlung wertvoller Gemälde erst richtig zur Geltung – es gab abstrakte Bilder, aber auch sehr realistische von Männern, die mit tief ins Gesicht gezogenen Tweedkappen in den Sümpfen von Mayo schufteten.
»Kann ich dir helfen?«, fragte ich Mum, als sie zum dritten Mal mit einem Silbertablett ins Zimmer flatterte, diesmal mit einem Nachtrag zu den verschiedenen Würzen, die bereits auf dem Tisch standen und die kein Mensch in seinem ganzen Leben, geschweige denn in einer Mahlzeit hätte leer machen können. Es gab kleine Silberschalen mit Mintsauce, mit Senf – grobkörnigem und Dijon –, mit Olivenöl, mit Mayonnaise und mit Ketchup, und neben jedem Schälchen lag ein winziges Silberlöffelchen.
»Nein, Liebes, du bist unser Gast.« Sie ließ den Blick prüfend über den Tisch schweifen. »Balsamico?«
»Mum, das reicht, echt, es steht schon mehr als genug auf dem Tisch.«
»Vielleicht mag er aber ein bisschen Balsamico zu dem leckeren Zwei-Bohnen-Salat, den du Mum mitgebracht hast, Lucy«, meinte Riley frech.
»Ja«, rief Mum sofort und sah Riley an. »Du hast recht. Ich hole ihn sofort.«
»Mum isst gern Salat«, verteidigte ich mein Geschenk.
»Und dass er in einem Plastikbehälter aus deiner Kantine kommt, macht ihn zu etwas ganz Besonderem«, grinste er.
Ich hatte noch keinem verraten, dass mein Leben nicht zum Essen kommen würde, zum Teil, weil ich wirklich nicht wusste, ob er nicht doch noch auftauchen würde, aber hauptsächlich, weil ich in meiner Dummheit angenommen hatte, dass es keine große Rolle spielen würde, ob er kam oder nicht, und dass mir rechtzeitig eine höfliche Entschuldigung für ihn einfallen würde, wenn er wegblieb. Aber anscheinend hatte ich mich gründlich verschätzt. Nicht in meinen kühnsten Träumen hatte ich damit gerechnet, dass sie alle so darauf brannten, mein Leben kennenzulernen. Gespannte Erwartung lag in der Luft, aber auch Aufregung, Nervosität. Ja, das war es. Meine Mutter war nervös. Sie wuselte herum und überprüfte ständig, ob auch alles perfekt war – so viel lag ihr daran, meinem Leben zu gefallen. Und auch Edith kam mir angespannt vor. Genaugenommen versuchten sie ja, mir zu gefallen, und ich fühlte mich geschmeichelt, aber in erster Linie ahnte ich, dass ich in Schwierigkeiten war. Die Eröffnung, dass er nicht kommen würde, würde bestimmt keine Freude hervorrufen, und je länger ich es hinauszögerte, desto unangenehmer würde es werden.
Endlich klingelte es am Tor, und Mum sah sich um wie ein gehetztes Reh im Scheinwerferlicht. »Sind meine Haare in Ordnung?« Ich war so erstaunt über ihr Verhalten, dass ich kein Wort herausbrachte – Silchesters gerieten normalerweise nicht so aus der Fassung –, woraufhin sie zu dem goldgerahmten Spiegel über dem großen Marmorkamin hastete und sich auf die Zehenspitzen stellte, um mit angelecktem Finger ein Härchen am Oberkopf zur Räson zu bringen. Auf einmal fiel mir auf, dass für acht Leute gedeckt war. Jetzt wurde ich richtig nervös.
»Vielleicht ist das ja der Teppichmann«, sagte Edith beruhigend zu Mum.
»Teppichmann? Was denn für ein Teppichmann?«, fragte ich, und mein Herz schlug schneller.
»Dein Lebens-Freund hat mir die Nummer einer Teppichreinigungsfirma gegeben, die in deiner Wohnung angeblich wahre Wunder vollbracht hat. Obwohl ich mir gewünscht hätte, er würde erst nach dem Essen kommen.« Mit gerunzelter Stirn sah sie auf die Uhr. »Aber ich muss sagen, es war sehr angenehm, mit ihm zu telefonieren, ich freue mich richtig darauf, ihn persönlich kennenzulernen. Er ist bestimmt sehr nett.« Mum kniff das Gesicht zusammen, zog die Schultern hoch und sah mich voller Zuneigung an.
»Der Teppichmann?«
»Nein, dein Leben«, lachte sie.
»Was ist mit dem Teppich passiert, Sheila?«, fragte meine Großmutter.
»Kaffeeflecken auf dem Perser im Salon. Lange Geschichte, aber er muss unbedingt morgen wieder sauber sein, denn da kommt Florrie Flanagan zu Besuch.« Mum wandte sich an mich. »Erinnerst du dich an Florrie?« Ich schüttelte den Kopf. »Doch, bestimmt, ihre Tochter Elizabeth hat grade einen kleinen Sohn bekommen. Sie haben ihn Oscar getauft. Ist das nicht schön?«
Ich überlegte, warum sie Riley nie fragte, ob die Geburt eines Babys schön war. In diesem Moment hörten wir Schritte an der Tür. Ich beobachtete, wie Mum tief Luft holte und vorsorglich ein Lächeln aufsetzte, und versuchte mir schnell etwas einfallen zu lassen, was ich tun könnte, wenn gleich entweder Don oder mein Leben auftauchte. Aber ich hätte mir gar keine Sorgen machen müssen, denn es war Philip, der den Kopf zur Tür hereinstreckte. Mum atmete hörbar aus.
»Ach, du bist es nur.«
»Oh, danke für die nette Begrüßung«, sagte Philip und kam, gefolgt von seiner siebenjährigen Tochter Jemima, ins Zimmer. Jemima wirkte so gelassen wie immer und schaute sich ruhig im Zimmer um. Erst als sie mich und Riley entdeckte, wurden ihre Augen ein bisschen größer und leuchteten auf.
»Jemima«, rief Mum und eilte auf sie zu, um sie in den Arm zu nehmen. »Was für eine wundervolle Überraschung!«
»Mum konnte heute nicht mitkommen, deshalb hat Daddy gesagt, ich darf ihn begleiten«, antwortete Jemima mit ihrer sanften Stimme.
Riley wölbte die Hände über der Brust und gab sich Mühe, nicht zu lachen. Philips Frau Majella hatte sich in den letzten zehn Jahren so vielen Schönheitsoperationen unterzogen, dass es an ihr kein Stück Haut mehr gab, das sich freiwillig bewegte. Philip war Schönheitschirurg, und obwohl er behauptete, dass es sich ausschließlich um Wiederherstellungschirurgie handelte, überlegten Riley und ich gelegentlich, ob das für seine Frau nicht zu einer Art Kosmetikbehandlung nebenbei geworden war. Jedenfalls hatte ich immer das Gefühl, dass Jemima als Reaktion auf die Operationen ihrer Mutter – sozusagen nach ihrem Vorbild – immer weniger Mimik zeigte. Genau wie bei ihrer botoxbehandelten Mutter war ihre Mimik kaum wahrnehmbar, sie grinste niemals breit und legte auch nie die Stirn in Falten. Auf dem Weg um den Tisch klatschte Jemima Riley ab. Meine Großmutter gab missbilligende Laute von sich.
»Hallo, Jemima Patschel-Watschel«, sagte ich, als die Kleine bei mir ankam, und schloss sie fest in die Arme.
»Darf ich neben dir sitzen?«, fragte sie.
Ich warf meiner Mutter einen kurzen Blick zu, die verwirrt aussah und anfing, Tischkärtchen auszuwechseln und laut darüber nachzudenken. Schließlich sagte sie ja, Jemima setzte sich zu mir, und Mum ging wieder dazu über, Messer und Gabeln zurechtzurücken, obwohl sie längst perfekt positioniert waren. Sie machte einen fahrigen Eindruck. Dabei wurden Silchesters doch nie fahrig.
»Hat die Teppichreinigung dir gesagt, wen sie vorbeischicken?«
»Ich hab mit einem Mann namens Roger gesprochen. Er meinte, er arbeitet abends nicht, aber sein Sohn würde vorbeikommen.«
Mein Herz hüpfte, dann wurde es schwer, dann hüpfte es wieder, rauf und runter wie eine Boje auf hoher See. Seltsamerweise freute ich mich darauf, Don zu sehen – aber nicht hier!
Mum schob immer noch das Besteck über den Tisch.
»Wie laufen die Hochzeitsvorbereitungen, Mum?«, erkundigte sich Philip.
Als Mum aufblickte, sah sie einen Moment gequält aus, aber der Ausdruck verschwand so schnell wieder, dass ich mich fragte, ob ich ihn mir nur eingebildet hatte.
»Alles läuft prima, danke, Philip. Ich habe schon die Anzüge für dich und Riley bestellt. Sehr elegant. Und Lucy, Edith hat mir deine Maße für das Kleid gegeben, danke. Ich hab einen wunderschönen Stoff ausgesucht, aber ich wollte ihn nicht bestellen, bevor du ihn dir angeschaut hast.«
Da ich niemandem meine Maße mitgeteilt hatte, musste es wohl mein Leben getan haben, was mich ärgerte – jetzt verstand ich immerhin, warum ich einmal mit dem Maßband um den Brustkorb aufgewacht war –, aber ich war froh, dass Mum mir wenigstens ein Vetorecht einräumte. »Danke.«
»Aber die Schneiderin meinte, wenn ich nicht bis spätestens Montag bestelle, wird das Kleid womöglich nicht mehr rechtzeitig fertig, deshalb musste ich dann doch schon zusagen.« Sie sah mich besorgt an. »Ist das in Ordnung? Ich hab mehrmals versucht, dich anzurufen, aber du warst beschäftigt, wahrscheinlich mit … wie sollen wir ihn denn nennen, Liebes?«
»Das erübrigt sich«, winkte ich ab, fügte aber mit zusammengebissenen Zähnen hinzu: »Das Kleid wird bestimmt schön.«
Riley kicherte.
»Es wird abfärben«, sagte meine Großmutter und erwachte plötzlich zum Leben. »Du wirst sehen, es wird abfärben.« Dann wandte sie sich mir zu. »Lucy, wir können nicht mit einem Gast am Tisch sitzen, dessen Namen wir nicht kennen.«
»Du kannst Cosmo zu ihm sagen.«
»Und wie kann ich zu ihm sagen?«, fragte Riley.
Jemima lachte, ohne die Stirn zu verziehen. Ein erstaunliches Naturphänomen, denn sie hatte ja noch keinen Tropfen Rattengift unter der Haut.
»Was ist denn das für ein Name?«, fragte meine Großmutter angewidert.
»Ein Vorname. Sein voller Name ist Cosmo Brown.«
»Oh, so heißt doch der Mann aus dem Film.« Mum schnippte mit den Fingern und versuchte sich zu erinnern. Meine Großmutter betrachtete sie voller Abscheu. »Donald O’Connor hat ihn gespielt in …« Sie schnippte und schnippte. »Singin’ in the Rain!«, rief sie endlich und lachte. Dann fügte sie besorgt hinzu: »Aber er hat keine Allergie gegen Nüsse, oder?«
»Donald O’Connor?«, fragte ich. »Ich weiß nicht, ich glaube, er ist vor ein paar Jahren gestorben.«
»An Nüssen?«, fragte Riley.
»Ich glaube, es war eine Herzinsuffizienz«, warf Philip ein.
»Nein, ich meine deinen Freund, Cosmo«, sagte Mum.
»O nein, der lebt noch.«
Riley und Philip lachten.
»Ich würde mir seinetwegen keine Gedanken machen«, sagte ich. »Ist es nicht schön, dass wir alle hier beisammen sind, ganz egal, ob er auch kommt?«
Riley bemerkte meinen Ton und beugte sich vor, um meinen Blick zu erhaschen. Aber ich sah ihn nicht an.
In diesem Augenblick stürzte Edith mit hochroten Wangen herein. »Lucy«, sagte sie leise. »Ich frage mich allmählich, wann dein Freund endlich eintrifft. Das Lammfleisch ist jetzt nämlich so durch, wie MrSilchester es gerne isst, und er hat um acht ein wichtiges Telefongespräch.« Ich schaute auf die Uhr. Mein Leben war bereits zehn Minuten zu spät, und Vater hatte in seinem Terminplan nur eine halbe Stunde für das Essen eingeplant.
»Sagen Sie MrSilchester bitte, dass er seinen Anruf verschieben soll«, sagte Mum so scharf, dass wir sie alle verwundert ansahen. »Und er kann sein Fleisch auch noch essen, wenn es ein bisschen mehr durch ist als normal.«
Alle schwiegen, einschließlich meiner Großmutter, ein beispielloses Vorkommnis.
»Es gibt wichtigere Dinge«, sagte Mum, richtete sich auf und begann wieder das Besteck zu verrücken.
»Vielleicht kann Vater sich ja jetzt zu uns setzen. Es hat doch keinen Sinn, auf meinen Freund zu warten, wenn er sich so viel verspätet«, sagte ich zu Edith mit meinem Notfallblick, den sie hoffentlich richtig als Er kommt nicht, Hilfe! interpretierte.
Im gleichen Moment klingelte es am Tor.
»Da ist er ja!«, rief Mum aufgeregt.
Ich warf einen Blick aus dem Fenster und sah Dons grellgelben Lieferwagen mit dem flammendroten fliegenden Teppich, der sich langsam drehte. Ich sprang auf und zog hastig die Vorhänge an den großen Fenstern zu. »Bleibt sitzen, ich will ihn alleine begrüßen!«
Riley musterte mich argwöhnisch.
»Ich möchte, dass es eine richtige Überraschung wird«, erklärte ich, dann rannte ich aus dem Zimmer und schloss schnell die Tür hinter mir. Gerade als ich die Eingangshalle durchquerte, kam Edith aus der Küche.
»Was hast du vor?«
»Nichts«, antwortete ich und kaute nervös an den Fingernägeln.
»Lucy Silchester, ich kenne dich schon dein ganzes Leben, und ich weiß, wie du aussiehst, wenn du etwas im Schilde führst. In einer Minute muss ich deinen Vater holen, also muss ich Bescheid wissen.«
»Na gut«, zischte ich. »Mein Leben und ich haben uns gestritten, und er kommt heute Abend nicht.«
»Herr des Himmels.« Edith schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Warum sagst du das den anderen nicht einfach?«
»Warum wohl?«, zischte ich.
»Wer ist das denn da draußen?« Wir hörten, wie der Lieferwagen hielt und der Motor abgestellt wurde.
»Der Teppichmann«, zischte ich.
»Und warum ist das so schlimm?«
»Weil ich letzte Nacht mit ihm geschlafen habe.«
Edith stöhnte leise.
»Aber ich liebe einen anderen.«
Sie ächzte.
»Das glaube ich jedenfalls.«
Sie seufzte abgrundtief.
»O Gott, was soll ich denn tun? Denk nach, Lucy, lass dir was einfallen.«
Auf einmal hatte ich eine Idee. Edith schien es an meinem Gesicht zu erkennen.
»Lucy«, sagte sie warnend.
»Keine Sorge.« Ich nahm ihre Hände, drückte sie fest und sah ihr in die Augen. »Du weißt von nichts, niemand hat dir was gesagt, du bist nicht verantwortlich, es hat nichts mit dir zu tun, es ist alles meine Entscheidung.«
»Wie oft habe ich das in meinem Leben schon gehört!«
»Und war es nicht immer okay?«
Ediths Augen wurden groß. »Lucy Silchester, ich fürchte, so schlimm wie heute war es noch nie.«
»Ich verspreche dir, niemand wird etwas merken«, sagte ich in dem Versuch, sie zu beruhigen.
Sie jammerte leise und schlurfte davon, um meinen Vater zu holen.
Ich ging hinaus und zog die Haustür hinter mir ins Schloss. Don stieg gerade aus dem Auto und sah mich überrascht an.
»Hi, willkommen auf meinem Landsitz«, sagte ich.
Er lächelte, wenn auch nicht ganz so strahlend wie sonst. Dann kam er die Treppe herauf, und ich spürte plötzlich den überwältigenden Impuls, ihn zu küssen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, aber aus dem Innern des Hauses hörte ich, wie die Tür zum Arbeitszimmer meines Vaters aufging und er mit raschen Schritten den Korridor überquerte.
»Lucy ist gerade draußen und begrüßt ihn, Sir«, erklang dann Ediths Stimme, etwas atemlos, weil sie ihm nachlaufen musste.
»Gut. Dann bringen wir den ganzen Unsinn jetzt hinter uns, ja?«, sagte er.
Auch Don hatte den Wortwechsel gehört.
»Tut mir leid wegen heute Morgen«, sagte ich und meinte es ganz ehrlich.
Er musterte mich prüfend.
»Ich hab dir ja gesagt, dass ich verkorkst bin. Nicht dass das irgendetwas besser macht, aber so ist es einfach. Ich weiß nicht, was ich will. Ich dachte, ich wüsste es. Aber mein Leben hat mir gezeigt, dass das nicht stimmt. Ich hab keine Ahnung, was ich machen soll, aber ich versuche es rauszufinden.«
Er nickte, musterte mich aber unablässig weiter. »Bist du noch in deinen Ex verliebt?«
»Ich glaube schon. Aber hundertprozentig weiß ich es nicht.«
Einen Moment schwieg er. »Dein Leben hat mir gesagt, dass er eine neue Freundin haben könnte.«
»Mein Leben hat eine Freundin?«
»Nein, Blake. Das hat dein Leben mir gesagt, als du unter der Dusche warst.«
»Ja, das könnte wahrscheinlich sein.«
Er sah sich auf dem Grundstück um und dann wieder zu mir. »Ich liebe dich nicht, Lucy.« Er hielt inne. »Aber ich weiß, dass ich dich gernhabe. Sehr gern sogar.«
Ich legte die Hand aufs Herz. »Das ist das Netteste, was jemals jemand zu mir gesagt hat.«
»Aber ich möchte ungern als Versuchskaninchen benutzt werden.«
»Du wirst nicht benutzt.«
»Und ich möchte auch keine zweite Wahl sein.«
»Das würdest du niemals sein. Ich habe nur das Gefühl, dass ich erst mal ein paar Probleme in meinem Leben lösen muss.«
Damit schien er zufrieden zu sein. Mir fiel auch sonst nichts zu sagen ein.
Er schaute zum Haus. »Bist du nervös?«
»Ja, total. Ich war seit drei Jahren nicht mehr in einer Beziehung, und ich mache jeden Fehler, den man sich vorstellen kann.«
Er lächelte. »Nein, ich meine, weil dein Leben sie kennenlernen wird?«
»Ach so. Nein. Das macht mich nicht nervös. Davon wird mir nur schlecht.«
»Es wird schon gutgehen, überlass ihm einfach das Reden.«
»Er ist nicht da, und ich glaube auch nicht, dass er noch kommt. Ich hab heute meinen Job verloren, und mein Leben spricht nicht mehr mit mir.«
Seine Augen wurden groß. »Kann ich irgendwie helfen?«
Als ich den Kopf wieder zur Tür hineinstreckte, saßen alle um den Tisch, mein Vater allerdings nicht wie sonst am Kopf der Tafel. Offenbar sollte dieser Ehrenplatz meinem Leben vorbehalten bleiben.
»Entschuldigt die Verspätung. Vater, ich weiß, dass du gleich ein wichtiges Telefonat führen musst, wir werden dich auch bestimmt nicht davon abhalten, aber ich möchte euch gern jemanden vorstellen …« Ich machte die Tür ein Stück weiter auf und zog Don herein.
»Das ist meine Familie. Liebe Familie« – ich sah Don an –, »das ist mein Leben.«
Er lächelte, seine Grübchen erschienen, und er begann zu lachen. Auf einmal bezweifelte ich stark, dass er der Rolle gerecht werden würde, die ich ihm zugedacht hatte.
»Entschuldigung.« Er hörte auf zu lachen. »Es ist mir eine große Ehre, Sie alle kennenzulernen.«
Er streckte Jemima die Hand hin. »Hallo, du.«
»Ich bin Jemima«, sagte sie schüchtern und nahm seine Hand.
»Freut mich, dich kennenzulernen, Jemima.«
Don ging von einem zum anderen, und meine Mum sprang sofort von ihrem Stuhl auf, während meine Großmutter stocksteif sitzen blieb und ihm nur eine schlaffe Hand entgegenstreckte.
»Victoria«, sagte sie.
»Ich bin Lucys Leben«, sagte er.
»Ja.« Sie musterte ihn von oben bis unten.
»Ich bin Riley.« Riley stand auf und schüttelte Don die Hand. »Und ich hab genau das gleiche Jackett.«
»Na, so ein Zufall«, sagte ich und komplimentierte Don hastig weiter zu meiner Mum.
»Ja, ich hab es draußen …« Riley schaute auf die geschlossene Tür zum Korridor. Während Don und Mum sich die Hände schüttelten, zog Riley die Vorhänge zurück, sah aus dem Fenster, und als er Dons Lieferwagen dort stehen sah, warf er mir einen vielsagenden Blick zu. Ich erwiderte ihn, Riley sah von Don zu mir, schüttelte den Kopf und nahm wieder Platz. Die anderen waren alle so mit Don beschäftigt, dass sie unsere Pantomime gar nicht mitbekamen.
»Das ist Lucys Vater, MrSilchester«, sagte Mum gerade zu Don.
Tapfer ging Don auf ihn zu und sah kurz zu mir herüber. Ich musste mich anstrengen, nicht loszuprusten, und ihm erging es anscheinend ebenso. Schließlich war die Begrüßungsrunde vollendet, und Don nahm am oberen Tischende Platz.
»Sie haben ein wunderschönes Haus«, sagte er und sah sich um. »Ist das Eichenholz?«
»Ja«, antwortete meine Mum. »Deshalb nennen wir den Raum auch das Eichenzimmer.«
»Wir sind eine sehr kreative Familie«, warf ich ein, und Don lachte.
»Sagen Sie uns doch – wie kommen Sie und Lucy denn miteinander aus?«, fragte Mum, die Hände nervös ineinander verschlungen.
»Lucy und ich«, begann Don, und mein Herz schlug schneller, »kommen sehr gut miteinander aus, danke. Sie hat eine unglaubliche Energie«, fuhr er fort, und Riley ließ sich auf seinem Stuhl ein Stückchen nach unten rutschen. »Deshalb muss man sich manchmal anstrengen, mit ihr Schritt zu halten. Aber ich bin verrückt nach ihr«, endete er, ohne mich aus den Augen zu lassen.
Und auch ich konnte meinen Blick nicht von ihm losreißen.
»Ist das nicht wunderbar«, flüsterte Mum fast ehrfürchtig. »Verliebt ins Leben! Ich sehe es an ihrem Gesicht. Wie schön.«
Als ich endlich merkte, wie Mum mich anstarrte, erwachte ich aus meiner Trance.
»Ja, hm …« Ich räusperte mich und wurde rot, denn inzwischen starrte mich nicht nur Mum an, sondern alle hatten ihren Blick auf mich gerichtet. »Warum erzählen wir ihm nicht ein bisschen was von uns?«
»Nun, MrSilchester und ich wollen unser Ehegelübde erneuern«, verkündete Mum aufgeregt. »Nicht wahr, Samuel?«
Mein Vater antwortete mit einem langgezogenen, nicht sehr begeisterten Ja. Verständlicherweise hielt Don seine Reaktion für einen Witz und lachte, aber da seine Annahme nicht der Wirklichkeit entsprach, kam das Lachen eher schlecht an.
Ein wenig verlegen fuhr Mum fort: »Es ist unser fünfunddreißigster Hochzeitstag dieses Jahr, und wir fanden, dass das eine schöne Art wäre, ihn zu feiern.«
»Herzlichen Glückwunsch«, sagte Don höflich.
»Danke. Ich habe Lucy gebeten, meine Brautjungfer zu sein, und ich hoffe sehr, dass Sie auch kommen.«
Don sah mich amüsiert an. »Lucy freut sich bestimmt schon sehr darauf.«
»Entschuldigen Sie meine Unwissenheit, aber wie lange haben Sie denn vor zu bleiben?«, fragte Mum.
»Noch eine ganze Weile, wenn es nach mir geht«, antwortete Don, und wieder spürte ich seine Augen auf mir ruhen. »Aber das liegt natürlich in erster Linie an Lucy.«
Ich warf Riley einen Blick zu, den er mit einem Zwinkern erwiderte, und trotz meines Plans, Blake zurückzugewinnen, konnte ich ein Lächeln nicht unterdrücken.
In diesem Moment kam Edith mit einem Servierwagen voller Teller und einer riesigen Suppenschüssel herein. Sie verteilte die Teller und begann zu servieren. »Zucchini und Erbsen«, erklärte sie Don und warf dann einen warnenden Blick in meine Richtung, um noch einmal deutlich zu machen, dass sie mit meinen Machenschaften nichts zu tun haben wollte.
»Mmmm, meine Lieblingssuppe«, schwärmte ich – etwas übertrieben. »Danke, Edith.«
Sie ignorierte mich komplett, füllte alle Suppenteller und ließ meinen bis zuletzt.
Es klingelte wieder.
»Das ist bestimmt der Teppichreiniger«, sagte Mum und sah Edith an. »Edith?«
»Ich führe ihn in den Salon«, sagte Edith und warf mir einen beunruhigten Blick zu.
Auch ich machte mir ein bisschen Sorgen. Wenn mein Leben nun doch beschlossen hatte, hier zu erscheinen, würde er bestimmt nicht begeistert reagieren, in ein Zimmer mit einem schmutzigen Teppich geführt zu werden und zu hören, dass er ihn reinigen sollte. Von meiner gewaltigen Lüge mal ganz zu schweigen. Vielleicht war ich jetzt echt zu weit gegangen. Aber er konnte es doch gar nicht sein, er hatte mich im Stich gelassen, um allein und ohne seine Hilfe mit meiner Familie fertig zu werden. Nur ein faules, fieses Leben würde bei so einer wichtigen Lektion kneifen. Es sei denn, er hatte geahnt, dass ich lügen würde, denn dann war es natürlich der perfekte Zeitpunkt, um hereinzuplatzen, und die Lektion noch wesentlich drastischer.
»Waren Sie schon bei Lucys Arbeitsstelle?«, fragte Philip, und mir wurde flau im Magen.
»Ja«, rief ich, ehe Don den Mund aufmachen konnte. »Und wo wir schon davon sprechen – es gibt berufliche Veränderungen bei mir.« Ich versuchte, meine schlechten Nachrichten positiv wirken zu lassen, indem ich sie sozusagen in hübsches Geschenkpapier einwickelte. Aber für den Fall, dass mein Leben plötzlich hereinstürmte, um meine gigantische Lüge zu quittieren, musste ich vorher wenigstens diese Information loswerden.
»Du bist befördert worden!«, rief Mum hoffnungsvoll, und ihre Stimme überschlug sich fast vor Freude.
»Nein, das nicht.« Nervös schaute ich zu Don, um mir moralische Unterstützung zu holen, dann wieder zu meiner Mutter. »Seit heute arbeite ich nicht mehr bei Mantic.«
Der Mund meiner Mutter bildete ein perfektes O.
»Wo arbeitest du jetzt stattdessen?«, fragte Riley, auch er offensichtlich in Erwartung guter Neuigkeiten.
»Äh … bis jetzt noch nirgends.«
»Oh, das tut mir leid. Aber Mantic macht ja seit Jahren Verluste, da musste man ja ständig mit Entlassungen rechnen.«
Ich war Philip sehr dankbar für diesen Kommentar.
»Zahlen sie dir wenigstens eine ordentliche Abfindung?«, erkundigte Riley sich besorgt.
»Nein. Ich hab selbst gekündigt.«
Mein Vater schlug mit der Faust auf den Tisch. Alle fuhren zusammen, Besteck und Geschirr klapperte auf dem weißen Leinen.
»Es ist alles okay, Schätzchen«, sagte Philip zu Jemima, die ein ängstliches Gesicht machte und ihn mit großen Augen ansah – zumindest vermutete ich, dass sie Angst hatte, denn außer den Augen veränderte sich in ihrem Gesicht nicht viel. Ich legte schützend den Arm um sie.
»Ist das Ihr Werk?«, fragte Vater, an Don gewandt.
»Vielleicht sollten wir jetzt nicht darüber reden«, sagte ich leise und hoffte, dass Vater auf meinen sanften Ton eingehen würde.
»Ich finde, es ist der perfekte Zeitpunkt, um darüber zu reden«, dröhnte er stattdessen noch lauter.
»Jemima, komm mit«, sagte Philip und führte seine Tochter aus dem Zimmer, begleitet vom tadelnden Zungenschnalzen meiner Großmutter. Als die Tür aufging, sah ich, wie Edith mein Leben ins Haus ließ. Unsere Blicke trafen sich, gerade als die Tür sich wieder schloss.
»Also, wollen Sie mir nicht antworten?«, fragte mein Vater Don verächtlich.
»Wir sind hier nicht im Gerichtssaal«, wandte ich leise ein.
»Wag es nicht, in meinem Haus so mit mir zu reden.«
Aber ich achtete nicht auf ihn, sondern löffelte weiter meine Suppe. Alle anderen saßen reglos und schweigend um den Tisch. Vater verlor nur sehr selten die Beherrschung, aber wenn es doch einmal passierte, war es immer sehr heftig. Und jetzt war so ein Fall, das hörte man an seiner Stimme: Die Wut gewann immer mehr die Oberhand, und obwohl ich mich bemühte, ruhig zu bleiben, nahm auch meine Anspannung zu.
»Er hatte nichts damit zu tun«, sagte ich leise.
»Und warum nicht? Ist er etwa nicht für deine Entscheidungen verantwortlich?«
»Nein, er ist eigentlich nicht mein …«
»Schon okay, Lucy«, fiel Don mir ins Wort. Ich wusste nicht, ob er es aus Angst tat, aber als ich ihn ansah, konnte ich in seinem Gesicht nichts dergleichen entdecken, nur ebenfalls Wut und einen ausgeprägten Beschützerinstinkt.
»Was für eine Rolle haben Sie denn überhaupt?«, fragte mein Vater.
»Meine Aufgabe ist es, Lucy glücklich zu machen«, antwortete Don und sah mich an.
»Unsinn.«
»Und wenn sie glücklich ist, dann wird sie den richtigen Weg finden«, fuhr Don unbeirrt fort. »Ich würde mir um Lucy an Ihrer Stelle keine Sorgen machen.«
»So einen Quatsch hab ich ja noch nie gehört. Das ist doch ausgemachter Blödsinn. Wenn Sie ihr helfen sollen, den richtigen Weg zu finden, dann sind Sie schon dabei zu scheitern.«
»Und wie schätzen Sie Ihre Fähigkeiten ein, die Vaterrolle auszufüllen?«, fragte Don, und nun hörte man die Wut auch in seiner Stimme. Er wollte mich beschützen, aber er wusste nicht, worauf er sich da einließ. Er kannte mich erst seit kurzem, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass er mich besser kannte als alle anderen an diesem Tisch. Ich traute meinen Ohren nicht. Ich konnte keinem ins Gesicht sehen und hatte keine Ahnung, was sie alle dachten.
»Wie können Sie es wagen, so mit mir zu sprechen«, brüllte Vater und stand auf. Er war ein großer Mann, und jetzt wirkte er im Vergleich zu uns, die wir am Tisch saßen, wie ein Riese.
»Samuel«, mahnte Mum leise.
»Lucy hat ihren Job gekündigt, weil sie dort nicht glücklich war«, fuhr Don fort. »Ich kann darin absolut nichts Verwerfliches entdecken.«
»Lucy ist nie glücklich mit ihrer Arbeit. Lucy ist einfach faul. Lucy wird sich niemals wirklich für einen Job engagieren. Sie hat sich nie für irgendetwas eingesetzt. Sie hat alles sausen lassen, was in ihrem Leben jemals von Nutzen war, und es sich mit allen verdorben, die ihr helfen wollten. Wir haben ihr eine ausgezeichnete Schulbildung geboten, die sie nicht im Geringsten zu schätzen wusste, sie haust in einer Wohnung, die nicht größer ist als dieses Zimmer, kurz, sie ist eine Enttäuschung und eine Schande für unsere ganze Familie – und für Sie, ihr Leben, gilt ganz offensichtlich das Gleiche.«
Silchesters weinen nicht. Silchesters weinen nicht. Silchesters weinen nicht. Nach jedem hässlichen Wort, das mein Vater ausstieß, musste ich dieses Mantra wiederholen. Wieder einmal hatte ich mit meiner Paranoia recht gehabt, ich hatte gewusst, dass mein Vater so über mich dachte, und nun sprach er es aus. Vor mir und dem Menschen, den er für mein Leben hielt, der in Wirklichkeit aber ein Mann war, für den ich etwas empfand und der mir am Herzen lag. Das war mehr als verletzend – es war das Schlimmste, was ich je gehört und über mich hatte ergehen lassen müssen. Schlimmer als die Trennung von Blake, schlimmer als jede Entlassung.
»Ich habe genug von Lucys Verhalten, von ihrem Unvermögen, sich zu engagieren. Wir kommen aus einer seit Generationen erfolgreichen Familie. Hier in diesem Zimmer sind es Philip und Riley, die sich als kompetent und hart arbeitend bewährt haben, während Lucy jedes Mal, wenn es darum ging, ein entsprechendes Niveau zu erreichen, kläglich versagt hat, obgleich wir ihr alles ermöglicht haben, was in unserer Macht stand. Sheila, ich habe mich zurückgehalten und zugelassen, dass der Kurs, den du für richtig hältst, eingeschlagen wird, aber jetzt ist deutlich geworden, dass Lucy, wenn man sie sich selbst überlässt, unfähig ist, sich Ziele zu setzen. Deshalb werde ich das in Zukunft für sie erledigen.«
»Lucy ist kein Kind«, wandte Don ein. »Sie ist eine erwachsene Frau. Sie ist sehr wohl in der Lage, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.«
»Und Sie, Sir«, fuhr mein Vater ihn an, und seine Stimme wurde noch lauter, so dass sie wahrscheinlich durchs ganze Tal hallte, »Sie möchte ich in meinem Haus nicht mehr sehen!«
Stille. Ich konnte kaum atmen.
Als Don aufstand, schrammte sein Stuhl lautstark über den Holzboden. »Es war nett, Sie alle kennenzulernen«, sagte er leise. »Danke für die Gastfreundschaft. Kommst du, Lucy?«
Nur zu gern wäre ich ihm gefolgt, aber ich konnte mich nicht rühren, konnte ihn nicht anschauen, konnte mich mit nichts und niemandem mehr konfrontieren. Wenn ich mich einfach nicht mehr bewegte, vergaßen die anderen vielleicht, dass ich da war. Mir standen heiße Tränen in den Augen, aber ich durfte nicht zulassen, dass sie überliefen, nicht vor ihm, nicht vor sonst jemandem, nie, nie, niemals.
»Ich bringe Sie zur Tür«, sagte meine Mutter. Ihre Stimme war nur ein Flüstern, und auch ihr Stuhl glitt nahezu lautlos über den Boden, als sie aufstand und mit leisen Schritten das Zimmer verließ. Wieder sah ich durch die offene Tür kurz mein Leben auf dem Flur, und sein Gesicht war aschfahl. Ich hatte auch ihn im Stich gelassen.
»Lucy, in mein Büro! Wir müssen einen Plan für dich machen.«
Ich reagierte nicht.
»Dein Vater spricht mit dir«, sagte meine Großmutter.
»Vater, ich finde, du solltest Lucy wenigstens erlauben, fertig zu essen. Ihr könnt das ja nachher besprechen«, sagte Riley mit fester Stimme.
Erlauben? Was hatte er mir zu erlauben?
»Edith kann ihr Essen warmhalten, das ist doch irrelevant.«
»Ich hab sowieso keinen Hunger«, sagte ich leise, ohne von meinem Teller aufzuschauen.
»Wir sind nicht enttäuscht von dir, Lucy«, fuhr Riley fort. »Vater macht sich nur Sorgen, er meint das nicht so.«
»Ich habe genau das gesagt, was ich meine«, beharrte Vater, aber er hatte sich gesetzt, und seine Stimme dröhnte nicht mehr ganz so laut.
»Du bist für keinen von uns eine Schande. Lucy, schau mich an«, fuhr Riley fort.
Aber ich konnte ihm nicht ins Gesicht sehen. Inzwischen war Mum ins Zimmer zurückgekommen, aber sie setzte sich nicht wieder, sondern blieb an der Tür stehen und peilte die Lage, wie jemand, der erst vorsichtig den Zeh ins Wasser hält, ehe er hineintaucht.
»Es tut mir leid«, sagte ich mit zitternder Stimme. »Es tut mir leid, wenn ich euch alle enttäuscht habe. Danke für das Essen, Edith. Jetzt muss ich leider gehen.« Ich stand auf.
»Setz dich!«, zischte mein Vater, scharf wie eine Peitsche. »Setz dich sofort wieder hin!«
Ich zögerte, ging aber weiter in Richtung Tür. Ohne Mum anzusehen, ging ich an ihr vorbei und schloss leise die Tür hinter mir.
Mein Leben und Don standen nebeneinander auf dem Flur und starrten mich an.
»Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin«, sagte mein Leben. »Das Taxi hat sich verfahren. Hab ich was verpasst?«
»Soll ich ihm sagen, wo der Perserteppich ist?«, fragte Don.
Beide hatten ein schelmisches Funkeln in den Augen, aber ihre Stimmen klangen sanft. Sie versuchten mich aufzuheitern. Das zumindest brachte mich zum Lächeln.