Kapitel 10

Ich belud meine Gabel mit einem Bissen von dem Drei-Bohnen-Salat, der allerdings nur zwei Bohnensorten enthielt und den ich zum ersten Mal seit zweieinhalb Jahren an meinem Schreibtisch verzehrte. Louise hatte irgendwo einen großen Leder-Chefsessel entwendet – nach den ganzen Entlassungen waren unbenutzte Ledersessel an der Tagesordnung –, und das Team führte eine Büro-Version von Mastermind auf. Zwinker-Quentin war im Hot Seat, und sein Thema war Coronation Street – wichtige Ereignisse 1960–2010. Mary-Maus war Quizmaster und feuerte Fragen aus dem Internet auf ihn ab, Louise stoppte die Zeit, und bisher machte Quentin sich mit dreimal Passen und fünfzehn Treffern ziemlich gut. Graham hatte den Kopf in die Hände gestützt, starrte auf sein aufgeklapptes Baguette hinunter und bewegte gelegentlich eine Hand vom Kopf weg, um ein Stück Gurke herauszuklauben.
»Ich weiß nicht, warum du denen nicht sagst, sie sollen keine Gurken draufmachen. Jeden Tag pickst du sie runter«, sagte Louise, die ihn beobachtete.
»Konzentrier dich auf die Zeit«, warf Mary-Maus ein und stellte ihre nächste Frage noch schneller. »Wie schied Valerie Barlow 1971 aus der Sendung aus?«
Ebenso schnell feuerte Zwinker-Quentin zurück: »Stromschlag mit einem kaputten Föhn.«
Jeden Moment konnte MrFernández zur Tür hereinmarschieren, und nach zweieinhalb Jahren in diesem Job würde ich offenbaren müssen, dass ich kein Spanisch sprach. Schon jetzt wäre ich vor Scham am liebsten im Boden versunken, aber zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass am schrecklichsten das Gefühl war, die anderen im Stich zu lassen, eine Regung, die mir bislang fremd gewesen war. Je kleiner unser Team wurde, desto mehr fühlte es sich wie eine dysfunktionale Familie an, und obwohl ich immer in der Beobachterposition blieb, begriff ich, dass wir uns zwar immer noch nicht sonderlich nah waren, unsere Gruppe jedoch spürbar zusammenrückte. Vielleicht hegten wir keine große Sympathie füreinander, aber wir schützten unser Team, und in gewisser Hinsicht hatte ich sie alle hinters Licht geführt. Heute Morgen hatte ich überlegt, mich krankzumelden oder zu Fischgesicht zu gehen und ihr zu beichten, dass ich kein Spanisch konnte. Damit hätte ich zwar die öffentliche Blamage vor dem Team vermieden, aber privat wäre es demütigend gewesen. Schließlich hatte ich mich gegen beides entschieden, weil ein Teil in mir glaubte, dass ich meinem Leben ein Schnippchen schlagen und vielleicht über Nacht eine komplette Fremdsprache lernen könnte. Nachdem ich also Don Lockwoods perfektes Ohr genügend bewundert hatte, hatte ich mich hinter meine Spanisch-Lehrbücher geklemmt. Um drei Uhr morgens war ich jedoch zu der Erkenntnis gelangt, dass es unmöglich war, eine komplette Sprache über Nacht zu lernen.
Inzwischen hatte Graham das Gurkenpicken aufgegeben und biss in sein Baguette, während er müde das Mastermind-Spiel beobachtete. In solchen Momenten fand ich ihn richtig attraktiv – dann nämlich, wenn er nicht vorgab, jemand anderes zu sein. Er sah zu mir herüber, und wir tauschten einen Blick liebevoller Genervtheit, aber dann zwinkerte er, und ich verabscheute ihn wieder.
»Okay, ich bin dran.« Louise schubste Zwinker-Quentin vom Stuhl und nahm selbst Platz.
Verwirrt stand Zwinker-Quentin auf und rückte seine Brille zurecht.
»Gut gemacht, Quentin«, sagte ich.
»Danke.« Er zog die Hose hoch, so dass sein Bauch über und unter der Gürtellinie zum Vorschein kam, und machte ein stolzes Gesicht.
»Was ist dein Spezialgebiet?«, erkundigte Mary-Maus sich bei Louise.
»Die Werke von Shakespeare«, antwortete Louise todernst. Graham, der gerade wieder in sein Baguette beißen wollte, erstarrte. Wir alle glotzten Louise an. »War nur ein Witz. ›Leben und Wirken von Kim Kardashian.‹«
Alle lachten.
»Du hast zwei Minuten, fangen wir an. Wessen Anwalt war Kim Kardashians Vater, Robert Kardashian, bei einem umstrittenen Fall in den Neunzigern?«
»OJ Simpson«, antwortete Louise so schnell, dass man sie kaum verstand.
Zwinker-Quentin setzte sich zum Zuschauen neben mich. »Was isst du da?«, fragte er.
»Drei-Bohnen-Salat, aber schau, da sind nur zwei Sorten drin.«
Zwinker-Quentin beugte sich näher, um das Bohnenangebot zu studieren. »Kidneybohnen, Kichererbsen … hast du die anderen vielleicht schon gegessen?«
»Nein, ganz sicher nicht, das hätte ich gemerkt.«
»An deiner Stelle würde ich den Salat zurückgeben.«
»Aber ich hab ihn ja schon halb auf, die denken garantiert, ich hätte die dritte Sorte gegessen.«
»Ein Versuch lohnt sich immer. Wie viel hat das Zeug denn gekostet?«
»Drei fünfzig.«
Fassungslos schüttelte er den Kopf. »Also, ich würde es zurückbringen.«
Ich hörte auf zu essen, und wir wandten uns wieder Mastermind zu.
»In welchem Spin-Off ist Kim Kardashian in eine andere Stadt gezogen, um dort mit ihrer Schwester einen neuen Klamottenladen aufzumachen?«
»Kourtney and Kim Take New York«, kreischte Louise. »Der Laden heißt D-A-S-H.«
»Du kriegst aber keine Zusatzpunkte für Zusatzinformation«, beschwerte sich Graham.
»Kscht«, brachte sie ihn zum Schweigen, ohne die Uhr aus den Augen zu lassen.
In diesem Moment hörte ich Michael O’Connors Stimme auf dem Korridor: Laut, selbstbewusst und informativ wies er auf die unbedeutenden Fakten des Stockwerks hin, auf dem ich Tag für Tag mein Leben fristete. Anscheinend hatte Edna ihn auch gehört, denn sie öffnete ihre Bürotür und nickte mir zu. Ich stand auf, strich mein Kleid glatt und hoffte, das knitterfreie, mit Kolibris bedruckte Material würde mir beim Spanischsprechen helfen. Michael O’Connor begrüßte Edna an der Tür, und nun lag es an mir, Augusto ins Büro zu holen.
Ich räusperte mich und ging mit ausgestreckter Hand auf ihn zu.
»Señor Fernández, bienvenido.«
Wir schüttelten einander die Hand. Der Spanier sah extrem gut aus, was mich zusätzlich durcheinanderbrachte. Wir sahen uns lange schweigend an.
»Ähm. Ähm.« Mein Kopf war vollkommen leer. Alle Sätze, die ich mir heute Nacht noch schnell eingetrichtert hatte, verließen in einem Sabotageakt geschlossen mein Gedächtnis.
»¿Habla español?«, fragte er.
»Mhmm.«
Er lächelte.
Endlich fiel mir etwas ein. »¿Cómo está usted?« Wie geht es Ihnen?
»Bien gracias, ¿y usted?« Er sprach schnell, und seine Worte klangen nicht so wie auf meiner Kassette, aber ich erkannte trotzdem ein paar von ihnen wieder. Also versuchte ich einfach mitzumachen und noch schneller zu sprechen als er.
»Äääh. Me llamo … Lucy Silchester. Mucho gusto encantado.« Es freut mich sehr, sehr erfreut.
Er antwortete etwas Langes, Schnelles und Kompliziertes, lächelte, wurde ernst, gestikulierte präsidial. Ich nickte, lächelte, wenn er auch lächelte, und setzte ein ernstes Gesicht auf, wenn er ernst wurde. Dann war er still und wartete offensichtlich auf eine Erwiderung.
»Okay. ¿Quisiera bailar conmigo?« Möchten Sie mit mir tanzen?
Er runzelte die Stirn. Hinter MrFernández’ Kopf konnte ich Graham sehen, der panisch sein Baguette in eine Schublade zu stopfen versuchte, als würde es ihn den Job kosten, wenn er seinen Lunch am Schreibtisch aß. Gürkchen flogen durch die Gegend, deshalb ging ich lieber zuerst zu Zwinker-Quentins Tisch. Das brachte mich allerdings vom Kurs ab, denn im Kopf hatte ich geplant, meinen kleinen Rundgang bei Graham zu beginnen, und jetzt musste ich beim zweiten Absatz meines auswendig gelernten Textes beginnen. Zwinker-Quentin stand auf und schob die Brille zurecht, stolz wie ein Pfau.
»Ich bin Quentin Wright, freut mich, Sie kennenzulernen.« Zwinker, zwinker.
Quentin sah mich an. Ich sah Augusto an. In meinem Kopf herrschte gähnende Leere.
»Quentin Wright«, sagte ich mit einem spanischen Akzent, und die beiden schüttelten sich die Hände.
Augusto sagte etwas. Ich sah Quentin an und schluckte schwer. »Er möchte wissen, was du hier so machst.«
Quentin runzelte die Stirn. »Bist du sicher, dass er das gefragt hat?«
»Äh, ja.«
Zwar sah er immer noch verwirrt aus, begann aber loszuschwafeln, erzählte von seinen Erfahrungen und welche Ehre es für ihn war, hier zu arbeiten. Wenn ich ihn nicht nach jedem einzelnen Satz hätte zum Schweigen bringen wollen, wäre es rührend gewesen. Ich sah Augusto an. Lächelte und stieß hervor: »Äh, er hat gesagt, un momento por favor.« Einen Moment bitte. »España es un país maravilloso.« Spanien ist ein wunderschönes Land. »Me gusta el español.« Ich mag Spanisch.
Augusto sah Quentin an. Quentin sah mich an.
»Lucy«, sagte Quentin dann vorwurfsvoll.
Ich schwitzte, ich spürte, wie eine Hitzewelle durch meinen Körper rollte. Nie in meinem ganzen Leben war mir etwas so … so peinlich gewesen. »Ähm …« Ich schaute mich um und zerbrach mir den Kopf nach einer Entschuldigung, mich aus dem Staub zu machen, und dann rettete mich wieder einmal Gene Kelly. Genauer gesagt Don Lockwoods SMS. »Estoy buscando a Tom.« Ich suche Tom.
Die beiden Männer sahen mich stirnrunzelnd an.
»Lucy, wer ist Tom?«, fragte Quentin ziemlich nervös und zwinkerte noch öfter, als ich es je miterlebt hatte.
»Du kennst doch Tom«, erwiderte ich lächelnd. »Ich muss ihn suchen, denn es ist sehr wichtig, ihn mit MrFernández bekanntzumachen.« Ich sah Augusto an und wiederholte: »Estoy buscando a Tom.«
Als ich mich zum Gehen wandte, fing der Raum an, sich zu drehen. Doch dann hörte ich plötzlich Geschrei auf dem Gang und blieb wie angewurzelt stehen. Ich war so froh über die Ablenkung, dass ich mich einen Moment fragte, ob ich mir den Lärm womöglich nur einbildete, doch an der Reaktion der anderen erkannte ich, dass er real war. Michael O’Connor und Edna unterbrachen ihr Gespräch, und er streckte den Kopf aus der Tür, um zu sehen, was los war. Wieder Geschrei, Männerstimmen, laut und wütend, schnelle Schritte, gefolgt von lautem Atmen und Keuchen, als gäbe es eine Schlägerei. Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Edna sagte etwas zu Michael O’Connor, und er schloss hastig die Tür, als wolle er uns alle vor dem in Sicherheit bringen, was da draußen passierte. Mary-Maus und Quetschi schmiegten sich aneinander, Checker ging zu ihnen, um sie zu beschützen. Edna machte ein Gesicht, als hätte sie einen Geist gesehen, und ich rechnete mit dem Schlimmsten. Mit schnellen, entschlossenen Schritten ging Michael O’Connor zu Augusto, packte ihn am Ellbogen, führte ihn in Ednas Büro, schloss die Tür und ließ uns auf dem Präsentierteller sitzen, dem ausgeliefert, was immer sich vor unserer Tür abspielen mochte.
»Edna, was ist denn hier los?«
Ihr Gesicht war schlohweiß, sie wirkte konfus und wusste nicht, was sie tun sollte. Die Stimmen draußen näherten sich und wurden lauter, ein Krachen ertönte, als würde ein Körper an die Wand geschleudert, dann hörten wir einen Schmerzensschrei, und alle sprangen erschrocken auf. Doch nun legte Edna endlich einen anderen Gang ein, erinnerte sich, dass sie hier die Chefin war, und ordnete mit fester Stimme an: »Ich möchte, dass ihr alle unter euren Schreibtischen in Deckung geht. Augenblicklich!«
»Edna, was ist denn …«
»Unter den Tisch, sofort, Lucy!«, schrie sie, und wir warfen uns alle auf den Boden und krochen unter unsere Schreibtische.
Von meinem Versteck aus konnte ich Mary unter ihrem Tisch kauern sehen, sie wiegte sich vor und zurück und weinte leise. Graham, der ganz in ihrer Nähe war, streckte die Hand aus, um sie zu trösten und zum Schweigen zu bringen. Louise konnte ich nicht sehen, sie war auf der anderen Seite des Raums, während Quentin mucksmäuschenstill auf dem Boden hockte und ein Foto von einem Familienpicknick anstarrte, auf dem er seinen Sohn auf den Schultern trug, seine Frau die Tochter auf dem Arm hielt und er noch den Großteil seiner Haare hatte. Unwillkürlich überlegte ich, ob er damals wohl glücklicher gewesen war, und wenn ja, ob es den Haaren zu verdanken war. Wenn ich den Hals ein bisschen reckte, konnte ich auch Edna sehen, wie sie dastand, tief ein- und ausatmete, an ihrem Jackett zupfte, atmete, wieder am Jackett zupfte. Alle paar Sekunden sah sie mit entschlossenem Gesicht zur Tür, als würde sie es mit jedem Eindringling aufnehmen, aber dann wurde sie wieder unsicher, atmete tief aus und ein und zupfte am Jackettsaum. Und ich? Ich konnte nur auf meinen Bohnensalat starren, der mir in dem ganzen Tumult auf den Boden gefallen war, und auf der Suche nach der dritten Bohnensorte eine Bohne nach der anderen durchgehen. Kidneybohne, Tomate, Mais, Paprika, Kichererbse, Kidneybohne, rote Zwiebel, Salat, Kichererbse, Tomate. Nur so konnte ich mich davon abhalten, das zu tun, was sowohl mein Körper als auch mein Geist tun wollten, nämlich auszuflippen.
Das Geschrei und Gepolter wurde immer lauter. Wir sahen Leute an unserem Fenster vorbeirennen, Frauen mit ihren Schuhen in der Hand, Männer ohne Jackett, alle liefen, so schnell sie konnten. Warum ergriffen wir nicht auch einfach die Flucht? Meine Frage wurde umgehend beantwortet. Ich sah nämlich jemanden in die entgegengesetzte Richtung rennen wie die Flüchtigen. Eine vertraute Gestalt, die direkt auf unsere Tür zuhielt, verfolgt von einer Gruppe von Sicherheitsleuten. Dann wurde unsere Tür aufgerissen.
Es war Steve. Steve die Wurst.
Er hatte seine Aktentasche in der Hand, sein Jackett war am Ärmel zerrissen, Blut strömte aus einer Wunde auf seiner Stirn. Ich war so schockiert, dass ich keinen Ton herausbrachte, und ich schaute zu Quentin hinüber, um mich zu vergewissern, dass er das Gleiche sah wie ich, aber er hatte die Hände vors Gesicht geschlagen, seine Schultern zuckten, und er weinte lautlos. Zuerst war ich erleichtert – es war ja nur Steve! Ich wollte schon unter dem Tisch hervorkommen und ihm entgegeneilen, da schleuderte er seine Tasche zu Boden, schleifte den nächstbesten Schreibtisch zur Tür und verrammelte sie. Völlig außer Atem hob er dann seine Tasche wieder auf und schleppte sich keuchend zu seinem Schreibtisch.
»Mein Name ist Steve Roberts«, brüllte er. »Ich arbeite hier! Mein Name ist Steve Roberts, und ich arbeite hier! Ihr könnt mich nicht einfach rausschmeißen.«
Als die anderen begriffen, wer hereingekommen war, krochen sie langsam aus ihrer Deckung.
Graham war als Erster auf den Beinen. »Steve, Mann, was hast du …«
»Komm mir nicht zu nahe, Graham«, rief Steve, noch immer atemlos. Das Blut tropfte von seiner Nase, rann über sein Kinn, hinunter auf sein Hemd. »Die können mir meinen Job nicht wegnehmen. Ich möchte mich nur an meinen Schreibtisch setzen und arbeiten. Sonst nichts. Jetzt geht bitte zurück. Du auch, Mary, du auch, Louise.«
Quentin war immer noch unter dem Schreibtisch. Ich stand auf.
»Steve, bitte hör auf«, sagte ich mit zitternder Stimme. »Damit handelst du dir nur Schwierigkeiten ein. Denk doch an deine Frau und deine Kinder.«
»Denk an Teresa«, fügte Graham als persönliche Note hinzu. »Komm, du willst sie doch nicht im Stich lassen«, sagte er sanft zu ihm.
Offensichtlich drang er damit zu Steve durch, denn seine Schultern entspannten sich, seine Augen verloren etwas von ihrer Härte, aber sie waren immer noch so schwarz, so dunkel und wild. Wie ein gehetztes Tier blickte er um sich, haltlos, unberechenbar, wie unter Drogen.
»Steve, bitte machen Sie Ihre Lage nicht noch schlimmer«, sagte Edna. »Jetzt können Sie noch umkehren.«
Aber auf einmal war es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, und Steve verhärtete sich wieder. Voller Wut starrte er Edna an, und einen Moment glaubte ich, er würde ihr seine Aktentasche an den Kopf schleudern. Mein Herz pochte wie verrückt. »Es kann nicht mehr schlimmer werden, Edna, Sie haben ja keine Ahnung, wie schlimm es ist. Keine Ahnung. Ich bin fünfzig Jahre alt, und heute hat mir ein zwanzigjähriges Mädchen erklärt, dass ich nicht mehr vermittelbar bin und keine Arbeit mehr bekommen werde. Mit fünfzig Jahren? Abgesehen von dem Tag, an dem meine Tochter geboren ist, hab ich in meinem ganzen Leben nie gefehlt!« Seine Stimme war voller Bitterkeit, und seine ganze Wut richtete sich nun auf Edna. »Ich hab Ihnen immer mein Bestes gegeben, immer.«
»Das weiß ich. Glauben Sie mir …«
»Sie sind eine Lügnerin!«, brüllte er zornig, sein Gesicht war knallrot, die Schlagader am Hals dick geschwollen. »Mein Name ist Steve Roberts, und ich arbeite hier!«
Er legte seine Tasche ab, zog seinen Stuhl heraus und setzte sich an seinen Schreibtisch. Mit zitternden Händen versuchte er, die Mappe zu öffnen. Als es nicht klappte, stieß er einen Schrei aus, so laut, dass wir alle zusammenzuckten, und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Graham, mach sie auf!«, befahl er. Sofort war Graham zur Stelle, öffnete die ramponierte Tasche, mit der Steve, seit ich hier war, jeden Tag zur Arbeit gekommen war, und trat dann sicherheitshalber ein paar Schritte zurück. Tatsächlich beruhigte Steve sich ein bisschen und begann auszupacken. Als Erstes stellte er den Becher mit der Aufschrift Steve trinkt seinen Kaffee schwarz mit einem Stück Zucker auf seinen Schreibtisch, allerdings so fest, dass unten ein Stück absprang, dann folgten der Basketball mit Korb und das Foto seiner Kinder. Ein Lunchpaket gab es heute nicht – wahrscheinlich hatte seine Frau nicht gewusst, dass er zur Arbeit gehen würde. Aber alles wirkte seltsam unordentlich, nicht so wie früher. Nichts war mehr so wie früher.
»Wo ist mein Computer?«, fragte er leise.
Niemand antwortete.
»Wo ist mein Computer?«, brüllte er.
»Ich weiß es nicht«, antwortete Edna, und auch ihre Stimme zitterte ein wenig. »Heute früh hat jemand ihn abgeholt.«
»Abgeholt? Wer hat ihn abgeholt?«
Draußen hämmerten die Sicherheitsleute laut an unsere Bürotür, aber die rührte sich nicht, denn Steve hatte ganz raffiniert – wenn auch sicher unabsichtlich – einen der Stühle so unter die Klinke gestellt, dass sie sich nicht bewegen ließ. Man hörte Stimmen, die hektisch diskutierten, was zu tun war. Sie machten sich Sorgen, vermutlich nicht so sehr unseretwegen als wegen der beiden Chefs, die mit uns hier festsaßen, und auch ich hoffte, dass Steve ihre Anwesenheit nicht so bald herausfinden würde. Die Unruhe vor der Tür brachte ihn nur noch mehr in Rage, und das ständige Klappern der Möbel, mit denen er sie versperrt hatte, war wie ein langsames Köcheln, das irgendwann zu einer großen Explosion führen würde. Allmählich geriet Steve in Panik.
»Na, dann geben Sie mir eben Ihren Computer«, sagte er zu Edna.
»Was?« Edna war konsterniert.
»Gehen Sie in Ihr Büro und holen Sie mir Ihren Computer. Oder noch besser – ich übernehme auch Ihren Schreibtisch, wie wäre das?«, rief er. »Dann bin ich hier der Boss, und die können mich nicht mehr rausschmeißen. Vielleicht feure ich Sie stattdessen«, krakeelte er. »Edna! Sie sind gefeuert, verdammt! Na, wie gefällt Ihnen das?«
Es war mehr als beunruhigend, einen Kollegen in diesem Zustand zu sehen. Edna starrte ihn wortlos an, schluckte und wusste nicht, was sie tun sollte. Ihre beiden Chefs, die sozusagen ihr Leben in der Hand hielten, versteckten sich in ihrem Büro.
»Da können Sie nicht rein«, stotterte sie. »Ich hab in der Mittagspause abgeschlossen und den Schlüssel verlegt.« Natürlich wussten alle, einschließlich Steve, dass es nicht stimmte.
»Warum lügen Sie mich an?«
»Ich lüge nicht, Steve«, entgegnete sie ein wenig überzeugter. »Sie können da wirklich nicht rein.«
»Aber es ist mein Büro«, beharrte er, ging auf Edna zu, und brüllte ihr ins Gesicht, so dass sie bei jedem Wort zusammenzuckte: »Es ist mein Büro, und Sie müssen mich reinlassen. Das ist das Letzte, was Sie hier tun, dann können Sie sofort Ihre Sachen packen und verschwinden!« Sein Verhalten war einschüchternd, und obwohl wir zu sechst waren und noch zwei weitere Männer in Ednas Büro saßen, waren wir wie gelähmt, starr vor Angst vor einem Mann, den wir doch zu kennen glaubten, obwohl wir ihn gemeinsam sicher hätten überwältigen können.
»Steve, geh da nicht rein«, sagte Graham.
Verwirrt sah Steve ihn an. »Warum? Wer ist denn da drin?«
»Lass es einfach, okay?«
»Jemand ist da drin, stimmt’s? Wer?«
Graham schüttelte stumm den Kopf.
»Quentin, wer ist da drin?«
Jetzt erst merkte ich, dass auch Quentin unter dem Schreibtisch hervorgekommen war.
»Sagen Sie denen da drin, sie sollen rauskommen«, befahl er Edna.
Sie rang die Hände. »Das kann ich nicht«, sagte sie nur. Sie hatte aufgegeben, ihr Selbstbewusstsein war wie weggeblasen.
»Quentin, mach mir die Tür auf.«
Quentin sah mich an. Was sollte ich tun?
»Mach die verdammte Tür auf!«, schrie Steve, und Quentin sauste los, machte langsam die Tür auf und rannte, ohne hineinzusehen, sofort wieder zu seinem Schreibtisch zurück, um nicht zwischen die Fronten zu geraten.
Steve ging zur Tür und spähte in Ednas Büro. Dann fing er laut an zu lachen. Aber es war kein fröhliches Lachen, sondern verrückt und beunruhigend.
»Raus!«, sagte er zu den Männern, die sich dort versteckt hatten.
»Schauen Sie, Mr …« Michael O’Connor schaute Edna hilfesuchend an.
»Roberts«, flüsterte sie.
»Sie kennen nicht mal meinen Namen«, kreischte Steve mit hochrotem Kopf. Seine Nase war blutig, der Fleck auf seinem Hemd breitete sich immer mehr aus. »Er weiß nicht mal meinen Namen«, rief er uns zu. »Gestern haben Sie mein Leben zerstört, und heute kennen Sie nicht mal mehr meinen Namen«, schrie er O’Connor an. »Mein Name ist Steve Roberts, und ich arbeite hier!«
»Wir sollten uns alle beruhigen. Vielleicht können wir die Tür aufmachen und denen draußen sagen, dass hier alles in Ordnung ist. Dann besprechen wir in Ruhe, was passiert ist und was wir jetzt tun können.«
»Und wer ist das?«, fragte Steve und sah Augusto an.
»Das ist … er spricht kein Englisch, MrRoberts.«
»Mein Name ist Steve«, rief er. »Lucy!«, brüllte er dann, und mein Herz hörte einen Moment auf zu schlagen. »Komm her. Du kannst doch alle möglichen Sprachen, also frag ihn, wer er ist.«
Ich rührte mich nicht. Quentin sah mich beklommen an, und auf einmal war mir klar, dass er Bescheid wusste.
»Das ist Augusto Fernández von unserem Büro in Deutschland, er besucht uns heute«, erklärte ich mit ersterbender Stimme.
»Augusto … von Ihnen hab ich schon gehört. Sie sind der Typ, der mich gefeuert hat«, sagte Steve, und man hörte, wie sich seine Aufregung wieder steigerte. »Sie sind der Scheißkerl, der mich gefeuert hat. Hm, ich weiß, was ich mit Ihnen mache.«
Mit raschen Schritten ging Steve auf den Spanier zu, und es sah aus, als wollte er ihn schlagen.
Im letzten Moment wollte Michael O’Connor Steve packen, aber der war schneller, versetzte O’Connor einen Fausthieb in den Magen, so dass er in Ednas Büro zurücktaumelte, mit dem Kopf gegen den Schreibtisch knallte und zu Boden stürzte. Doch das bemerkte Steve wahrscheinlich gar nicht. Er war dicht vor Augusto stehen geblieben, und wir warteten auf einen Kopfstoß, einen Kinnhaken, irgendetwas, was dieses perfekte sonnenverwöhnte spanische Gesicht übel zurichten würde, aber nichts dergleichen geschah.
»Bitte geben Sie mir meinen Job zurück«, sagte Steve stattdessen, so sanft, dass es mir fast das Herz brach. Inzwischen war ihm auch ein wenig von dem Blut in den Mund gelaufen, und es spritzte, wenn er sprach. »Bitte.«
»Das kann er nicht, MrRoberts«, sagte Michael O’Connor von drinnen, und man hörte seiner Stimme an, dass er Schmerzen hatte.
»O doch, das kann er. Geben Sie mir meinen Job zurück, Augusto. Lucy, sag ihm, er soll mir meinen Job zurückgeben.«
Ich schluckte. »Äh …« Doch sosehr ich auch nach Worten suchte, nach alldem, was ich gelernt hatte – es war alles verschwunden.
»Lucy!«, brüllte Steve ungeduldig und griff in seine Tasche. Ich dachte, er suchte ein Taschentuch, denn es wäre ja durchaus normal gewesen, wenn er sich das Blut hätte abwischen wollen, das aus der Stirnwunde quoll, seine Nase bedeckte und nun auch an seiner Hand klebte, mit der er sich den Mund abgewischt hatte. Ich wartete also auf das Taschentuch, aber stattdessen zog er eine Pistole aus der Tasche. Alle kreischten auf und warfen sich auf den Boden, nur ich nicht, denn die Waffe war direkt auf mich gerichtet, und ich war erstarrt.
»Sag ihm, er soll mir meinen Job zurückgeben.«
Langsam ging Steve auf mich zu, und ich sah nur das schwarze Ding, das er auf mich richtete und das nervös in seiner Hand zuckte. Ich sah Steves Finger auf dem Abzug, und er zitterte so, dass ich befürchtete, der Revolver könnte jede Sekunde losgehen. Meine Beine schlotterten, und ich spürte, dass meine Knie gleich nachgeben würden. »Wenn er mir meinen Job zurückgibt, dann lass ich ihn gehen. Sag ihm das.«
Ich brachte kein Wort heraus, die Pistole war ganz dicht vor meinem Gesicht. »Sag es ihm!«, brüllte Steve.
»Nimm die Waffe runter, Steve, verdammt nochmal!«, hörte ich Graham brüllen.
Dann begannen auch die anderen, sich einzumischen, und auf einmal hielt ich es nicht mehr aus. Ich hatte Angst, dass all diese Stimmen, diese erschrockenen, entsetzten Stimmen, für noch mehr Chaos sorgen und Steve das letzte bisschen Fassung rauben würden.
Meine Lippen zitterten, meine Augen waren voller Tränen. »Bitte, Steve, tu das nicht. Bitte tu das nicht.«
Er richtete sich auf. »Jetzt wein doch nicht, Lucy. Tu einfach, wofür man dich bezahlt, und sag diesem Mann, dass ich meinen Job zurückhaben will.«
Inzwischen zitterten meine Lippen so, dass ich kaum noch ein Wort zustande brachte. »Ich kann nicht.«
»O doch, du kannst.«
»Nein, Steve, ich kann nicht.«
»Tu es, Lucy!«, rief Graham ermutigend. »Sag einfach, was du sagen sollst.«
Auf einmal verstummte das Hämmern an der Tür, und ich fühlte mich verloren. Verlorener denn je, denn ich dachte, man hätte uns endgültig im Stich gelassen. Wir waren allein.
»Ich kann nicht.«
»Tu es!«, schrie Steve. »Tu es, Lucy!« Wieder fuchtelte er mit der Pistole vor meiner Nase herum.
»Himmel, Steve, ich kann das nicht, okay? Ich kann kein Spanisch. Kapierst du das denn nicht?«, schrie ich zurück.
Auf einmal wurde es ganz still. Alle starrten mich schockiert an, und einen Moment kam es mir so vor, als wäre mein Geständnis überraschender als das Gefuchtel mit der Waffe, aber dann fiel es auch den anderen wieder ein, und sie sahen schnell zu Steve.
Der glotzte mich genauso verdutzt an wie alle anderen, aber dann verdunkelten sich seine Augen erneut, seine Hand und sein Arm wurden fester. »Aber mich haben sie gefeuert.«
»Ich weiß. Es tut mir leid, Steve. Es tut mir wirklich leid.«
»Ich hab es nicht verdient.«
»Ich weiß«, flüsterte ich.
Mitten in dem betretenen Schweigen, in dem Michael O’Connor sich langsam auf die Seite rollte, um sich auf die Füße zu hieven, und die anderen sich furchtsam aneinanderdrängten, stand Quentin auf. Sofort wirbelte Steve mit dem Revolver zu ihm herum.
»Herrgott, Quentin, runter mit dir«, rief Graham.
Aber Quentin rührte sich nicht, sondern wandte sich MrFernández zu, der verängstigt am Boden kauerte, und begann mit fester Stimme in einwandfreiem Spanisch auf ihn einzureden. Augusto erhob sich langsam und antwortete ebenso gefasst, mit klarer, bestimmter Stimme, auch wenn keiner von uns die geringste Ahnung hatte, was er sagte. Mitten in dem ganzen Chaos führten die beiden ein vollkommen ruhiges, sachliches Gespräch. Aber dann hörten wir auf einmal von draußen das Geräusch eines Bohrers. Endlich kam Bewegung in die Sache, die Türklinke begann zu scheppern, Steve blickte zur Tür, und er sah aus, als würde zumindest ein Teil von ihm aufgeben.
»Was hat er gesagt?«, fragte er Quentin. Seine Stimme war so leise, dass wir sie im Lärm des Bohrers kaum hören konnten.
Zuckend und zwinkernd gab Quentin Augustos Antwort wieder. »Er hat gesagt, der Irrtum, der dazu geführt hat, dass du deinen Job verloren hast, tut ihm furchtbar leid. Er ist sicher, dass die Kündigung auf einen Fehler im System zurückzuführen ist, und sobald er kann, wird er im Hauptbüro anrufen, damit du deinen Arbeitsplatz wieder besetzen kannst. Er entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten, die für dich und deine Familie entstanden sind, und er wird dafür sorgen, dass du so schnell wie möglich wieder arbeiten kannst. Nach deinem heutigen Verhalten zu urteilen, bist du ein guter, engagierter Mitarbeiter, auf den er und das Unternehmen sehr stolz sein können.«
Selbstbewusst reckte Steve das Kinn in die Höhe. Dann nickte er. »Danke«, sagte er, nahm den Revolver in die andere Hand, ging zu Augusto und streckte ihm die blutige Rechte entgegen, die dieser ohne Zögern ergriff. »Vielen Dank«, wiederholte Steve. »Es ist mir eine Ehre, für Ihre Firma zu arbeiten.«
Augusto nickte, wachsam und erschöpft zugleich.
Dann fiel die Türklinke zu Boden, die Tür sprang auf, der Schreibtisch wurde schwungvoll zur Seite geschoben, und drei Männer stürzten sich auf Steve.
Sobald ich an diesem Tag Gelegenheit fand, griff ich zum Telefon.
Er meldete sich.
»Okay«, sagte ich, und meine Stimme zitterte immer noch von dem Schock. »Ich treffe mich noch mal mit Ihnen.«