Kapitel 11

Wir vereinbarten, uns am nächsten Tag bei meinem Starbucks an der Ecke zu treffen. Am Tag des Vorfalls im Büro war ich dazu nicht mehr in der Lage, ich wollte nichts und niemanden mehr sehen außer MrPan und meinem Bett, aber meine Mutter hatte irgendwo in den Nachrichten von der Sache gehört und war außer sich vor Sorge. Mein Vater tobte. Mum hatte ihn im Gericht benachrichtigen lassen, dass im Büro seiner Tochter jemand mit einer Pistole herumfuchtelte, und Vater hatte mitten in der Verhandlung eines kontroversen prominenten Falls eine Pause beantragt. Auf der Heimfahrt hatte er zum ersten Mal in seinem Leben die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten, um möglichst schnell zu Mum zu kommen, und dann hatten sie zusammen am Küchentisch gesessen, Apple Pie gegessen und Tee getrunken, hatten geweint und sich im Arm gehalten, während sie in Lucy-Anekdoten schwelgten und meiner Seele gedachten, als wäre ich im Büro erschossen worden.

Okay, ich hab gelogen.

Wie mein Vater darüber dachte, weiß ich nicht genau – vermutlich war die Grundlage, dass ich es nicht besser verdient hatte, weil ich mir einen derart belanglosen Job bei dermaßen ordinären Menschen zugelegt hatte –, aber ich war auch nicht in der Stimmung, seine Meinung zu erfahren. Ich hatte mich geweigert, meinen Eltern einen Besuch abzustatten, hatte darauf beharrt, dass es mir gutging, obwohl mir diesmal bewusst war, dass ich log, und so war Riley unangemeldet vor meiner Tür gelandet.

»Eure Kutsche steht bereit«, sagte er, als ich zur Tür kam.

»Riley, mir geht’s gut«, sagte ich, obwohl ich wusste, dass das alles andere als glaubwürdig klang.

»Nein, es geht dir nicht gut«, entgegnete mein Bruder. »Du siehst beschissen aus.«

»Danke.«

»Hol deine Sachen und komm mit. Wir fahren zu mir. Mum ist auch da.«

Ich stöhnte laut. »Bitte, ich hab sowieso schon einen schweren Tag hinter mir.«

»Red doch nicht so über sie«, sagte er, ausnahmsweise sehr ernst, und sofort fühlte ich mich schlecht. »Sie macht sich Sorgen deinetwegen. Es kam den ganzen Tag in den Nachrichten.«

»Na gut«, gab ich nach. »Warte hier.«

Damit schloss ich die Tür und fing an, meine Sachen zusammenzusuchen, aber ich konnte nicht denken, ich war wie betäubt. Schließlich sammelte ich nur mich selbst und holte meinen Mantel. Als ich auf den Korridor trat, unterhielt sich Riley mit meiner Nachbarin, deren Namen ich vergessen hatte. Er neigte sich zu ihr, ohne mich wahrzunehmen, und erst als ich mich so lang, laut und verschleimt räusperte, dass es im ganzen Flur widerhallte, geriet ich wieder in seinen Fokus. Verärgert über die Unterbrechung sah er mich an.

»Hi, Lucy«, sagte meine Nachbarin.

»Wie geht es Ihrer Mutter?«

»Nicht so gut«, antwortete sie, und zwischen ihren Augenbrauen erschienen tiefe Sorgenfalten.

»Waren Sie schon bei ihr?«

»Nein.«

»Oh. Wenn Sie hinwollen … Sie wissen ja, dass ich hier bin.«

»Deine Nachbarin scheint sehr nett zu sein«, sagte Riley, als wir in seinem Auto saßen.

»Sie ist nicht dein Typ.«

»Was soll das denn heißen? Ich hab keinen Typ.«

»O doch. Hirnlose Blondinen.«

»Stimmt überhaupt nicht«, sagte er, »ich nehme auch hirnlose Braunhaarige.«

Wir lachten.

»Hat sie dir von ihrem Baby erzählt?«

»Nein.«

»Interessant.«

»Versuchst du, sie schlechtzumachen? Wenn du mir erzählst, dass sie ein Baby hat, wird das wohl kaum funktionieren, schließlich hatte ich mal eine Beziehung zu einer Frau mit zwei Kindern.«

»Aha. Du interessierst dich also tatsächlich für sie.«

»Vielleicht ein bisschen.«

Mir kam das seltsam vor. Schweigend saßen wir nebeneinander, und mir fiel wieder ein, wie Steve mir die Pistole an den Kopf gehalten hatte. Woran Riley dachte, wollte ich lieber nicht wissen.

»Wo ist ihre Mutter denn?«

»Im Krankenhaus. Ich weiß nicht, in welchem, und ich weiß auch nicht, was sie hat. Aber es ist was Ernstes.«

»Warum war sie dann noch nicht bei ihr?«

»Weil sie sagt, sie will ihr Baby nicht allein lassen.«

»Hast du ihr angeboten, auf es aufzupassen?«

»Ja.«

»Nett von dir.«

»Ich bin kein durch und durch schlechter Mensch.«

»Ich glaube nicht mal, dass du teilweise schlecht bist«, entgegnete er und sah mich an. Da ich seinen Blick nicht erwiderte, konzentrierte er sich schließlich wieder auf die Straße. »Warum nimmt sie das Baby denn nicht mit ins Krankenhaus? Das verstehe ich nicht.«

Ich zuckte die Achseln.

»Du weißt es. Komm schon, sag es mir.«

»Nein, keine Ahnung«, sagte ich und starrte aus dem Fenster.

»Wie alt ist das Baby denn?«

»Weiß ich nicht.«

»Ach komm, Lucy.«

»Ich weiß es ehrlich nicht. Sie fährt es im Buggy rum.«

Er sah mich an. »Es?«

»Na, das Baby. Bis Kinder ungefähr zehn sind, kann ich nicht unterscheiden, ob sie Jungs oder Mädchen sind.«

Riley lachte. »Akzeptiert ihre Mutter nicht, dass sie das Kind allein erzieht? Ist das das Problem?«

»Irgendwas in der Art«, antwortete ich und versuchte mich auf die Welt zu konzentrieren, die vor dem Fenster vorüberzog, und nicht auf die Pistole, die ich ständig auf mich zielen sah.

Riley wohnte zwei Kilometer östlich vom Zentrum in Ringsend, einem Stadtteil am Wasser, in einem Penthouse mit Blick über Boland’s Mills am Grand Canal Dock.

»Lucy«, sagte meine Mum, als ich zur Tür hereinkam, musterte mich mit großen, besorgten Augen und drückte mich an sich. Aber ich erwiderte ihre Umarmung nicht.

»Keine Sorge, Mum, ich war ja nicht mal im Büro«, sagte ich zu meiner eigenen Überraschung. »Ich hatte was zu erledigen und hab den ganzen Spaß verpasst.«

»Wirklich?«, fragte sie, und Erleichterung breitete sich in ihrem Gesicht aus.

Riley starrte mich an, was mir ein unbehagliches Gefühl machte. Überhaupt hatte er sich in den letzten Tagen sehr seltsam benommen, nicht mehr wie mein Bruder, den ich kannte und liebte, sondern eher wie jemand, der wusste, dass ich log.

»Na, egal, jedenfalls hab ich dir das hier mitgebracht«, sagte ich und holte hinter meinem Rücken den Fußabstreifer hervor, den ich vor der Tür von Rileys Nachbarn hatte mitgehen lassen. Ich bin echt gut in Matte! stand darauf, und er sah so gut wie neu aus.

Mum lachte. »Ach Lucy, du bist so lustig, herzlichen Dank.«

»Lucy«, sagte Riley nur tadelnd.

»Ach, reg dich nicht auf, Riley, das war doch nur eine Kleinigkeit.« Ich klopfte ihm beschwichtigend auf den Rücken und ging weiter in die Wohnung. »Ist Ray da?« Ray, Rileys Mitbewohner, war Arzt und nie gleichzeitig mit meinem Bruder zu Hause, weil sie beide zu entgegengesetzten Zeiten arbeiteten. Wenn Ray doch einmal auftauchte, flirtete Mum hemmungslos mit ihm. Einmal hatte sie mich allerdings auch schon gefragt, ob er Rileys Partner war. Aber das war Wunschdenken ihrerseits – ein trendig schwuler Sohn würde sie nie mit einer anderen Frau ersetzen.

»Ray ist bei der Arbeit«, erklärte Riley.

»Also ehrlich, habt ihr beiden denn nie ein bisschen Zeit füreinander?«, fragte ich und musste mir das Lachen verkneifen, denn Riley machte ein Gesicht, als wollte er mich mit einem Double Leg Takedown zu Boden werfen, wie er das gern gemacht hatte, als wir jünger gewesen waren. Ich wechselte schnell das Thema. »Wonach riecht es denn hier?«

»Pakistanisches Essen«, antwortete Mum nervös. »Wir wussten nicht, was du möchtest, also haben wir die halbe Speisekarte bestellt.« Wie immer war Mum total aufgeregt, weil sie sich in der Wohnung ihres gutaussehenden, unverheirateten Sohns befand, wo sie lauter exotische Dinge tun konnte, beispielsweise pakistanisches Essen bestellen, Top Gear anschauen oder per Fernbedienung die Farbe des elektrischen Kaminfeuers verändern. In der Nähe meiner Eltern gab es keine pakistanischen Restaurants, und Vater hatte ohnehin kein Interesse, sie zu begleiten, und auch keine Lust, im Fernsehen etwas anderes als CNN anzuschauen. Wir öffneten eine Flasche Wein und setzten uns an einen Glastisch, von dem aus man durch die bodentiefen Fenster den Fluss überblicken konnte. Die ganze Umgebung glänzte, schimmerte und funkelte im Mondlicht.

»Also«, sagte Mum, und ihrem Ton entnahm ich, dass sie einen ganzen Vorrat bohrender Fragen auf Lager hatte.

»Was machen die Pläne für eure Feier?«, fragte ich schnell, um sie abzulenken.

»Oh.« Sofort hatte meine Mutter alles andere vergessen. »Ich hab so viel mit dir zu besprechen. Ich suche gerade einen guten Veranstaltungsort.« Dann hörte ich ihr zu, während sie die nächsten zwanzig Minuten über Probleme redete, die ungefähr so absurd waren wie die Überlegung, ob ein unbedachter Raum mit drei Wänden eine verlockende Alternative zu einem Raum mit Dach und vier Wänden sein könnte.

»Wie viele Gäste kommen denn?«, fragte ich, als sie ein paar Orte aufzählte, die in Betracht kamen.

»Vierhundertzwanzig bisher.«

»Wie bitte?« Um ein Haar wäre ich an meinem Wein erstickt.

»Oh, das sind größtenteils Kollegen deines Vaters«, erklärte sie. »In seiner Position ist es schwierig, einige einzuladen und andere nicht. Diese Leute sind sehr schnell gekränkt.« Und als hätte sie das Gefühl, eine unpassende Bemerkung gemacht zu haben, fügte sie rasch hinzu: »Und das völlig zu Recht.«

»Dann ladet einfach keinen von denen ein«, sagte ich.

»Ach, Lucy«, entgegnete meine Mutter lächelnd. »Das kann ich nicht machen.«

Mein Handy begann zu klingeln, und Don Lockwoods Name erschien auf dem Display. Ehe ich Gelegenheit hatte, meine Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu bringen, verwandelte ich mich in ein hibbeliges kleines Mädchen.

Mum warf Riley einen vielsagenden Blick zu und zog die Augenbraue hoch.

»Entschuldigt bitte, ich geh draußen dran«, sagte ich und trat auf den Balkon. Es war eine umlaufende Terrasse, und ich ging so weit weg, dass ich außer Sicht- und Hörweite war.

»Hallo?«

»Und – bist du heute gefeuert worden?«

»Nein. Noch nicht jedenfalls. Der Typ wusste nicht, wer Tom ist. Aber trotzdem danke für den Tipp.«

Er lachte leise. »Das ist mir in Spanien auch passiert. Tom ist ein Mysterium. Aber keine Sorge, es hätte schlimmer kommen können. Zum Beispiel, wenn du in dem Büro gewesen wärst, wo heute dieser arme Kerl ausgerastet ist.«

Ich zögerte. Mein erster Gedanke war, dass er mir eine Falle stellte, aber dann gewann meine Vernunft die Oberhand. Er kannte ja nicht mal meinen richtigen Namen, wie in aller Welt hätte er da herausfinden sollen, wo ich arbeitete?

»Hallo?«, fragte er besorgt. »Bist du noch da?«

»Ja«, antwortete ich leise.

»Oh, gut. Ich dachte schon, ich hätte was Falsches gesagt.«

»Nein, nein. Es ist nur … na ja, das war in meinem Büro.«

»Ist das dein Ernst?«

»Ja. Leider.«

»O Gott. Geht es dir gut?«

»Jedenfalls besser als diesem Typen.«

»Hast du ihn gesehen?«

»Es war die Wurst«, antwortete ich und starrte über den Fluss zu den Boland’s Mills.

»Wie bitte?«

»Ich hatte ihm den Spitznamen ›die Wurst‹ verpasst. Er war der friedlichste Mann in der ganzen Firma, und er hat mir eine Pistole an den Kopf gehalten.«

»Scheiße«, sagte er. »Bist du in Ordnung? Hat er dich verletzt?«

»Nein, mir geht’s gut.« Aber es ging mir überhaupt nicht gut, und das wusste Don Lockwood, aber er war nicht da, und ich kannte ihn nicht, also spielte es keine Rolle, und ich redete weiter. »Es war bloß eine Wasserpistole, weißt du, das haben wir hinterher entdeckt, als sie … als sie ihn überwältigt und zu Boden geworfen hatten. Sie gehört seinem Sohn. Er hat sie heute Morgen eingesteckt und seiner Frau gesagt, dass er sich seinen Job zurückholen will. O Mann, wegen einer verdammten Wasserpistole habe ich mein ganzes Leben in Frage gestellt.«

»Natürlich. Ich meine, das ist verständlich – du hast ja nicht gewusst, dass es bloß eine Wasserpistole ist, richtig?«, meinte er sanft. »Und wenn er abgedrückt hätte, hättest du womöglich total krisselige Haare gekriegt.«

Ich lachte. Warf den Kopf in den Nacken und lachte. »O Gott. Da war ich und hab mir gewünscht, dass ich gefeuert werde, und er hat sein Leben riskiert, um seinen Job wiederzukriegen.«

»Na ja, sein Leben vielleicht nicht direkt, es war ja keine tödliche Waffe. Obwohl ich dich natürlich noch nie mit krisseligen Haaren gesehen habe. Ich hab dich überhaupt noch nie gesehen. Hast du überhaupt Haare?«

»Ja, braune«, antwortete ich lachend.

»Hm, noch ein Puzzleteilchen.«

»Erzähl mir von deinem Tag, Don.«

»Deinen kann ich sowieso nicht mehr toppen, so viel ist sicher. Ich würde dich gern auf einen Drink einladen, ich wette, den hast du nötig«, meinte er. »Dann kann ich dir von Angesicht zu Angesicht von meinem Tag erzählen.«

Ich schwieg.

»Wir können uns irgendwo treffen, wo es voll ist, wo du oft bist, wie du willst, bring meinetwegen zehn Freunde mit, zehn große Muskelmänner. Große Männer sind übrigens nicht mein Ding, Männer sind an sich nicht mein Ding, mir wäre es lieber, du bringst keine mit, aber wenn ich dir das als Erstes gesagt hätte, hättest du bestimmt gedacht, ich will dich entführen. Was ich nicht vorhabe.« Er seufzte. »Mein Redetalent ist umwerfend, oder nicht?«

Ich lächelte. »Danke, aber ich kann nicht. Mein Bruder und meine Mutter halten mich als Geisel.«

»Das passt ja zum Rest deines Tages. Dann ein andermal? Am Wochenende vielleicht? Du wirst sehen, an mir ist mehr dran als nur ein hübsches linkes Ohr.«

Schon wieder musste ich lachen. »Don, du hörst dich echt nett an …«

»Oh-oh.«

»Aber ich stehe im Moment ehrlich gesagt völlig neben mir.«

»Na klar, das würde jedem so gehen nach dem, was du heute erlebt hast.«

»Nein, nicht nur deswegen. Sondern im Allgemeinen.« Müde rieb ich mir das Gesicht, und mir wurde klar, dass es mir entgegen meiner eigenen landläufigen Überzeugung wirklich schlechtging. »Ich erzähle einer falschen Verbindung mehr über mich als meiner Familie.«

Er lachte leise, und einen Moment glaubte ich seinen Atem an meinem Ohr zu spüren. Ich schauderte. Es fühlte sich an, als würde er direkt neben mir stehen.

»Das ist doch bestimmt ein gutes Zeichen, oder nicht?«, meinte er zuversichtlich. »Ach, komm schon, wenn sich herausstellt, dass ich ein hässliches Ekelpaket bin, das du nie wiedersehen möchtest, dann kannst du einfach gehen, und ich belästige dich auch bestimmt nie wieder. Oder wenn sich herausstellt, dass du ein hässliches Ekelpaket bist, dann musst du dir auch keine Sorgen machen, denn dann will ich dich sowieso nie wiedersehen. Falls du allerdings auf der Suche nach einem hässlichen Ekelpaket bist, wäre es sinnlos, dass du dich mit mir triffst, denn das bin ich nicht.«

»Ich kann nicht, Don. Tut mir leid.«

»Aber du kannst doch jetzt nicht einfach mit mir Schluss machen, ich weiß ja nicht mal deinen Namen.«

»Ich hab doch gesagt, ich heiße Gertrude.«

»Gertrude«, wiederholte er ein bisschen niedergeschlagen. »Na gut, aber vergiss nicht, dass du mich zuerst angerufen hast.«

»Da hab ich mich verwählt«, lachte ich.

»Okay, okay«, meinte er abschließend. »Ich lass dich in Ruhe. Und bin froh, dass dir nichts passiert ist.«

»Danke, Don. Tschüss.«

Wir legten auf. Ich lehnte mich ans Geländer und schaute hinunter auf das dunkle Wasser, in dem sich die Lichter des Gebäudes spiegelten. Dann piepte mein Telefon.

Ein Abschiedsgeschenk.

Ich scrollte weiter nach unten.

Zwei wunderschöne blaue Augen blickten mich an. Ich sah sie so lange an, bis ich mir fast einbildete, sie würden mir zuzwinkern.

Als ich wieder zu Mum und Riley hineinging, waren sie wenigstens so anständig, mir keine Fragen zu stellen, aber während Riley seine Autoschlüssel holte, um mich heimzufahren, ergriff Mum die Chance zu einem kleinen Vieraugengespräch.

»Lucy, ich hatte keine Gelegenheit, mit dir zu reden, nachdem du letzte Woche vom Lunch weggegangen bist.«

»Ich weiß. Tut mir leid, dass ich so überstürzt los bin«, sagte ich. »Das Essen war lecker, mir ist nur plötzlich eingefallen, dass ich eine Verabredung hatte.«

Mum runzelte die Stirn. »Wirklich? Ich hatte nämlich das Gefühl, dass du gegangen bist, weil ich die Formulare für das Treffen mit deinem Leben unterschrieben habe.«

»Nein, nein, das war es nicht«, unterbrach ich sie. »Echt nicht. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, aber es war irgendwas Wichtiges. Dummerweise hatte ich beide Termine zugesagt, du weißt ja, wie vergesslich ich manchmal bin.«

»Oh. Ich war sicher, dass du sauer auf mich bist.« Sie musterte mich wieder. »Es ist okay, wenn du mir sagst, dass du sauer auf mich warst.«

Worauf wollte sie denn jetzt wieder hinaus? Solche Dinge gaben Silchesters niemals preis.

»Nein, ich war nicht sauer. Du hast es doch nur gut gemeint.«

»Ja«, antwortete sie erleichtert. »Das stimmt. Ich habe endlos darüber gegrübelt, was das Beste wäre. Wochenlang lagen die Formulare bei mir herum, bis ich sie endlich unterschrieben habe. Ich dachte immer, wenn irgendwas mit dir los ist, kannst du doch zu mir kommen und mit mir darüber reden. Auch wenn ich weiß, dass Edith dir so gut helfen kann, dass du es deiner Mummy vielleicht lieber nicht erzählen magst.« Sie lächelte schüchtern und räusperte sich. Was für ein peinlicher, schrecklicher Moment. Vermutlich wartete Mum darauf, dass ich ihr widersprach, aber ich war nicht sicher und sagte deshalb lieber nichts. Wo war mein Lügentalent, wenn ich es mal brauchte? »Schließlich hab ich es dann mit deinem Vater besprochen und beschlossen zu unterschreiben.«

»Er hat dir gesagt, du sollst unterschreiben?«, fragte ich, so ruhig ich konnte, aber ich spürte, wie die Wut in mir hochstieg. Was wusste mein Vater denn schon über mein Leben? Er hatte mir nie eine persönliche Frage gestellt, nie das geringste Interesse gezeigt …

»Nein, eigentlich nicht«, unterbrach Mum meine Gedanken. »Er hat gesagt, das wäre alles ein Haufen Unsinn, aber da ist mir klargeworden, dass ich anderer Meinung bin als er. Ich glaube nicht, dass es ein Haufen Unsinn ist. Jedenfalls kann es ganz sicher nicht schaden. Verstehst du? Wenn mein Leben sich mit mir treffen wollte, würde ich das ziemlich spannend finden, glaube ich.« Sie lächelte. »Wenn so etwas Aufregendes passiert, das muss doch wunderbar sein.«

Ich war beeindruckt, dass sie gegen die Anweisungen meines Vaters gehandelt hatte, und es überraschte mich, dass sie sich gern mit ihrem Leben getroffen hätte. Ich hätte gewettet, dass das so ziemlich das Letzte war, was sie sich wünschte. Was würden denn die Leute dazu sagen?

»Aber hauptsächlich habe ich mir Sorgen gemacht, dass ich auch irgendwie daran schuld bin, wenn es dir schlechtgeht. Ich bin deine Mutter, und wenn mit dir etwas nicht in Ordnung ist, na ja, dann …«

»Mit mir ist alles in Ordnung, Mum.«

»Na ja, vielleicht hab ich mich falsch ausgedrückt, entschuldige. Ich meinte …«

»Ich weiß, was du gemeint hast«, unterbrach ich sie ruhig. »Und es ist nicht deine Schuld. Wenn etwas nicht mit mir in Ordnung wäre, wärst du nicht schuld daran, meine ich. Du hast nichts falsch gemacht.«

»Danke, Lucy.« Auf einmal sah sie zehn Jahre jünger aus. Bis zu diesem Moment war es mir nie in den Sinn gekommen, dass sie sich für den Zustand meines Lebens verantwortlich fühlen könnte. Ich hatte immer gedacht, das wäre ganz und gar meine Sache.

»Und – hast du dich mit deinem Leben getroffen? Wie ist es denn so?«, fragte sie, wesentlich entspannter.

»Mein Leben ist ein Mann, und ja, wir haben uns letzte Woche getroffen.«

»Dein Leben ist ein Mann?«

»Ja, ich war auch überrascht.«

»Ist er attraktiv?« Mum kicherte.

»Mum, das ist ja eklig – er ist mein Leben!«

»Ja, natürlich«, räumte sie ein und versuchte ein Lächeln zu unterdrücken, aber ich konnte genau sehen, dass sie insgeheim auf Hochzeitsglocken hoffte. Jeder Mann wäre ihr als Schwiegersohn recht gewesen. Vielleicht hoffte sie aber auch auf einen Partner für Riley.

»Er ist überhaupt nicht attraktiv, genaugenommen ist er sogar hässlich«, antwortete ich trotzdem und stellte ihn mir vor, mit seiner klammen Haut, seinem Mundgeruch, seiner Schniefnase und seinem zerknitterten Anzug. »Aber egal, es ist alles in Ordnung, alles wunderbar. Ich glaube nicht, dass er sich noch mal mit mir treffen möchte.«

Wieder runzelte Mum die Stirn. »Bist du sicher?« Dann ging sie kurz nach draußen und kam mit einem Beutel voller Umschläge zurück, mit der Lebensspirale und meinem Namen darauf, verschickt an die Adresse meiner Eltern. »Wir haben letzte Woche jeden Tag einen davon gekriegt. Und gestern früh schon wieder.«

»Oh«, sagte ich. »Dann hat er bestimmt meine Adresse verlegt.« Lachend schüttelte ich den Kopf. »Vielleicht ist das große Problem meines Lebens sein mangelndes Organisationstalent.«

Mum lächelte mich ziemlich traurig an.

Im gleichen Augenblick kam Riley wieder aus seinem Schlafzimmer, die Autoschlüssel in der Hand. Als er den Umschlag sah, fragte er: »Oh, sind wir jetzt bei diesem Thema?« Dann öffnete er eine Schublade in der Flurkommode, kam mit einem Packen Briefe zurück, knallte sie auf den Tisch, steckte sich noch ein Papadam in den Mund und zermalmte es. »Tu mir bitte einen Gefallen, Schwester, ja? Hör auf, dein Leben zu ignorieren. Dieses Zeug hat den ganzen Briefkasten verstopft.«

Zuerst war mir mein Leben egal gewesen, aber nach dem Tag heute war ich schon wütend, und diese ganzen Briefe an meine Familie machten mich stinksauer. Morgen war der Termin bei Starbucks, den ich mit ihm abgesprochen hatte. Ich hatte darauf bestanden, dass wir uns nicht in meiner Wohnung treffen konnten. Edna hatte mich angerufen und gesagt, wir hätten den Tag frei, und ich war froh darüber, nicht nur wegen der Arbeitspause, sondern weil es mir echt peinlich war, wie spektakulär meine mangelnden Spanischkenntnisse ans Tageslicht gekommen waren. Mich absichtlich in so eine Situation zu bringen, damit ich bereit war, mich mit ihm zu treffen, war mehr als perfide. Er hatte nicht nur meine Sicherheit, sondern die aller Anwesenden aufs Spiel gesetzt. Inzwischen war ich so wütend, dass ich das zweite Treffen mit meinem Leben kaum erwarten konnte.

 

 

Am nächsten Abend war ich noch damit beschäftigt, mir intelligente Bosheiten auszudenken, die ich ihm an den Kopf werfen konnte, als mein Handy klingelte. Da ich die Nummer nicht kannte, ignorierte ich das Klingeln zunächst, aber es ging nach einer kurzen Pause sofort wieder los. Und darauf gleich noch einmal. Dann klopfte es an die Tür. Ich rannte hin und machte auf. Es war meine Nachbarin, deren Namen ich mir nicht merken konnte, vollkommen aufgelöst.

»Es tut mir total leid, dass ich Sie stören muss. Es ist wegen meiner Mutter. Mein Bruder hat gerade angerufen, ich soll sofort in die Klinik kommen.«

»Kein Problem.« Ich schnappte mir meine Schlüssel und zog die Tür hinter mir zu. Meine Nachbarin zitterte heftig.

»Kein Problem, gehen Sie zu ihr«, wiederholte ich sanft.

Sie nickte. »Es ist nur … ich hab ihn noch nie allein gelassen …«

»Alles klar. Vertrauen Sie mir, alles wird gut.«

Sie führte mich in ihre Wohnung, zeigte mir alles und ratterte zittrige Anweisungen herunter. »Das Fläschchen hab ich schon gemacht, Sie müssen es aber aufwärmen, bevor Sie ihn füttern, er trinkt sie nämlich nur, wenn sie warm ist, so um halb acht, und er schaut sich gern In the Night Garden an, bevor er ins Bett geht. Drücken Sie einfach auf Play hier am DVD-Player. Dann schläft er problemlos ein. Aber nicht ohne Ben. Das ist der Piraten-Teddy da drüben. Wenn er aufwacht und heult, können Sie ihm was vorsingen, das beruhigt ihn immer.« Sie zeigte mir alles: Beißringe, Kuscheltiere, den Sterilisator, falls ich die Flasche fallen ließ und eine neue zubereiten musste. Dann schaute sie auf die Uhr. »Also, dann geh ich jetzt mal«, meinte sie zögernd. »Oder soll ich doch lieber dableiben?«

»Gehen Sie. Ich mach das schon.«

»Ja, Sie haben recht.« Sie schlüpfte in ihren Mantel und öffnete die Tür. »Okay. Ich erwarte nicht, dass jemand vorbeikommt, und Sie bekommen ja sicher auch keinen Besuch von Freunden oder so, nicht wahr?«

»Nein, natürlich nicht,«

»Und Sie haben meine Handynummer, ja?«

»Hier drin.« Ich schwenkte mein Telefon in der Luft.

»Okay. Danke.« Sie beugte sich über den Laufstall. »Bye-bye, Conor. Mummy ist bald wieder da«, sagte sie mit Tränen in den Augen. Und dann war sie weg.

Und ich war in Schwierigkeiten. Ich rief das Büro an, in dem ich mich mit meinem Leben getroffen hatte, aber niemand antwortete, was bedeutete, dass die Sekretärin schon Feierabend gemacht hatte und er bereits unterwegs zu Starbucks war. Also wartete ich bis zu der Uhrzeit, die wir abgemacht hatten, und rief dann bei Starbucks an.

»Hallo«, antwortete eine gestresste Männerstimme.

»Hi, ich bin bei euch mit jemandem verabredet, und ich muss ihm sagen …«

»Wie heißt er denn?«, fiel er mir ins Wort.

»Oh, hm, das weiß ich nicht, aber er trägt einen Anzug, sieht wahrscheinlich ziemlich müde und gestresst aus und …«

»Hey, da ist jemand für Sie am Telefon«, brüllte der Mann mir ins Ohr, dann war er weg. Ich hörte, wie das Telefon weitergereicht wurde.

»Hallo?«

»Hi«, sagte ich, so freundlich ich konnte. »Sie werden nicht glauben, was mir passiert ist.«

»Hoffentlich rufen Sie nicht an, um abzusagen«, sagte er sofort. »Ich hoffe wirklich, dass Sie sich nur verspätet haben, was ehrlich gesagt schon unhöflich genug wäre, aber nicht ganz so schlimm wie eine Absage.«

»Ich muss absagen, aber der Grund ist nicht das, was Sie denken.«

»Was denken Sie denn, was ich denke?«

»Dass ich mich nicht für Sie interessiere, aber das stimmt nicht, na ja, irgendwie schon, aber ich verstehe ja inzwischen, dass ich daran was ändern muss. Trotzdem ist das alles nicht der Grund, weshalb ich absage, sondern eine Nachbarin hat mich gebeten, auf ihr Baby aufzupassen. Ihre Mutter ist schwerkrank, und sie musste ganz schnell ins Krankenhaus.«

Schweigend ließ er sich meine Ausführungen durch den Kopf gehen. »Das ist als Ausrede ungefähr so überzeugend wie die mit dem Hund, der die Hausaufgaben gefressen hat.«

»Nein, überhaupt nicht. Nicht mal annähernd.«

»Wie heißt denn Ihre Nachbarin?«

»Ich kann mir ihren Namen leider nicht merken.«

»Das ist die schlechteste Lüge, die Sie sich jemals ausgedacht haben.«

»Weil es keine Lüge ist. Wenn ich lügen würde, dann würde ich mir einen Namen ausdenken wie … beispielsweise Claire. Wobei mir einfällt – ich glaube, so heißt sie. Claire«, sagte ich. »Sie heißt Claire.«

»Sind Sie betrunken?«

»Nein. Ich passe auf das Baby auf.«

»Wo?«

»In Claires Wohnung. Gegenüber von meiner. Aber Sie können nicht herkommen, falls Sie das vorhaben. Claire hat unmissverständlich gesagt, dass ich keine Fremden reinlassen soll.«

»Ich wäre ja auch kein Fremder, wenn Sie Ihre Verabredungen mit mir einhalten würden.«

»Na ja, wir sollten Claire aber nicht für meine Fehler büßen lassen, oder?«

Er beendete das Telefonat weniger wütend, als er es begonnen hatte, und ich hoffte, dass er mir glaubte. Aber als ich es mir im Schaukelstuhl bequem gemacht hatte, mir anschaute, wie Makka Pakka im Night Garden auf dem Pinky Ponk ihren Pinky-Ponk-Saft trank, dabei aber an die Ereignisse des vergangenen Tages dachte, hörte ich zum zweiten Mal an diesem Abend ein Klopfen an meiner Wohnungstür. Ich öffnete Claires Tür und sah mein Leben vor meiner Tür stehen, mit dem Rücken zu mir.

»Kontrollieren Sie mich etwa?«, fragte ich.

Er drehte sich um.

»Sie haben sich rasiert«, stellte ich überrascht fest. »Sie sehen gar nicht mehr so mies aus wie letztes Mal.«

Er versuchte, in Claires Wohnung zu sehen. »Und wo ist das Baby?«

»Sie können nicht reinkommen. Das ist nicht meine Wohnung, ich kann Sie nicht reinlassen.«

»Na gut, aber Sie können mir wenigstens das Baby zeigen. Nachher sind Sie hier eingebrochen, um mir zu entkommen. Und schauen Sie mich nicht so an, das würde doch genau in Ihr Verhaltensmuster passen.«

Ich seufzte. »Ich kann Ihnen das Baby nicht zeigen.«

»Bringen Sie es einfach zur Tür. Ich fass es nicht an.«

»Ich kann Ihnen das Baby nicht zeigen«, wiederholte ich.

»Zeigen Sie mir das Baby«, beharrte er. »Zeigen Sie mir das Baby, zeigen Sie mir das Baby.«

»Halten Sie den Mund«, zischte ich. »Es gibt kein Baby.«

»Wusste ich’s doch.«

»Nein, Sie haben keine Ahnung«, flüsterte ich. »Claire glaubt, dass sie ein Baby hat, aber das stimmt nicht. Sie hatte ein Baby, aber es ist gestorben, und sie tut nur so, als wäre es noch da. In Wirklichkeit gibt es kein Baby.«

Er sah mich unsicher an und äugte wieder in die Diele. »Aber da liegen doch jede Menge Babysachen herum.«

»Ja. Sie geht auch mit dem leeren Buggy spazieren. Sie glaubt, dass das Baby Zähne kriegt und die ganze Nacht heult, aber ich höre keinen Ton. Hier ist kein Baby. Ich hab mir die Fotos angesehen, und das hier muss wohl eines der letzten sein. Ich denke, er war mindestens ein Jahr alt, als er gestorben ist. Hier.«

Ich nahm ein Foto vom Dielentischchen und gab es ihm.

»Wer ist der Mann?«

»Ich glaube, er ist Claires Mann, aber ich hab ihn seit über einem Jahr nicht mehr gesehen. Ich glaube, er ist nicht damit klargekommen, dass sie sich so verhält.«

»Also, das ist wirklich deprimierend.« Mein Leben gab mir das Foto zurück. »Dann sitzen Sie jetzt hier rum und passen auf ein Baby auf, das gar nicht da ist?«

»Ich kann ihr ja schlecht sagen, dass ich gegangen bin, weil sie ja gar kein Baby mehr hat. Das wäre grausam.«

»Also können Sie nicht raus, und ich kann nicht rein«, stellte er fest. »Ach, wie ironisch.« Er lächelte, und für den Bruchteil einer Sekunde fand ich ihn tatsächlich attraktiv. »Aber wir können uns auch hier unterhalten«, meinte er.

»Das tun wir ja schon.«

Er ließ sich am Türpfosten herunterrutschen, bis er auf dem Korridorboden saß. Ich folgte seinem Beispiel an der Tür gegenüber. Ein Nachbar kam aus dem Aufzug, sah uns an und ging zwischen uns hindurch. Stumm starrten wir uns an.

»Sie sind aber nicht unsichtbar, oder?«, fragte ich.

»Was glauben Sie denn – dass ich ein Gespenst bin oder was?« Er verdrehte die Augen. »Für Sie bin ich vielleicht unsichtbar, aber andere Menschen auf dieser Welt schenken mir reichlich Aufmerksamkeit. Andere Menschen interessieren sich tatsächlich für mich.«

»Okay, okay, scheint ja ein wunder Punkt zu sein.«

»Können wir uns unterhalten?«

»Ich bin wütend auf Sie«, platzte ich heraus, und auf einmal fiel mir alles wieder ein, was ich mir in Gedanken zurechtgelegt hatte.

»Warum?«

»Wegen dem, was Sie den Leuten gestern alles angetan haben.«

»Ich?«

»Ja, die haben es alle nicht verdient, Ihren … Ihren komischen Curveball abzukriegen oder wie Sie das genannt haben.«

»Moment, Sie glauben also, dass ich die Ereignisse von gestern manipuliert habe?«

»Na ja … stimmt das etwa nicht?«

»Nein!«, rief er mit Nachdruck. »Wofür halten Sie mich denn? Oder nein, antworten Sie nicht. Nur die Sache mit Augusto Fernández habe ich koordiniert. Aber ich habe nichts zu tun mit diesem – wie hieß Ihr Kollege doch gleich?«

»Steve«, antwortete ich fest. »Steve Roberts.«

Amüsiert sah er mich an. »Aha, höre ich da einen ganz neuen Unterton? Eine gewisse Loyalität? Wie haben Sie den Mann noch letzte Woche genannt? Steve die Wurst?«

Beschämt schaute ich weg.

»Jedenfalls habe ich das nicht organisiert. Jeder Mensch ist für sein eigenes Leben verantwortlich und für das, was darin geschieht. Mit Steves Geschichte hatte Ihr Leben nichts zu tun. Sie haben ein schlechtes Gewissen«, stellte er fest, und da es keine Frage war, antwortete ich auch nicht.

Stattdessen stützte ich den Kopf in die Hände. »Ich habe Kopfweh.«

»Das kommt vor, wenn man über gewisse Dinge nachdenkt, und das haben Sie seit einer ganzen Weile nicht mehr getan.«

»Aber Sie haben gesagt, dass Sie die Sache mit Fernández geplant haben. Also haben Sie sich doch in sein Leben eingemischt.«

»Nein, nicht eingemischt. Ich habe nur sein Leben mit Ihrem koordiniert. Ich habe dafür gesorgt, dass eure Wege sich kreuzen, um euch beiden zu helfen.«

»Um uns zu helfen? Der arme Mann hatte eine Pistole am Kopf, das wäre nicht nötig gewesen.«

»Der arme Mann hatte eine Wasserpistole am Kopf, und ich glaube, dass es ihm seither deutlich besser geht.«

»Wie denn das?«

»Ich weiß es nicht. Das müssen wir im Auge behalten.«

»In dem Moment hat es aber keinen Unterschied gemacht, dass es eine Wasserpistole war«, knurrte ich.

»Nein, sicher nicht. Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Ich schwieg.

»Hey.« Er streckte das Bein aus und tippte spielerisch über den Korridor hinweg mit seinem Fuß gegen meinen.

»Ja. Nein. Ich weiß nicht.«

»Ach, Lucy«, seufzte er. Dann stand er auf, kam auf meine Seite des Flurs und nahm mich in den Arm. Zuerst wollte ich ihn wegschieben, aber er hielt mich einfach fester, und schließlich gab ich nach, drückte die Wange an sein billiges Jackett und atmete seinen muffigen Geruch ein. Nach einer Weile trennten wir uns wieder, und er wischte mir mit den Fingern zärtlich die nicht vorhandenen Tränen von der Wange. Seine Freundlichkeit machte ihn ein bisschen attraktiver. Dann reichte er mir ein Taschentuch, und ich putzte mir ausführlich die Nase.

»Vorsicht«, sagte er. »Sonst wacht das Baby auf.«

Wir lachten beide schuldbewusst.

»Ich bin erbärmlich, stimmt’s?«

»Ich tendiere dazu, ja zu sagen, aber zuerst sollte ich fragen: in welcher Hinsicht?«

»Zuerst werde ich mit einer Wasserpistole bedroht, dann passe ich auf ein Baby auf, das nicht existiert.«

»Und unterhältst dich mit deinem Leben.«

»Genau. Ich unterhalte mich mit meinem Leben, das ein Mann ist. Viel seltsamer geht es ja wohl kaum.«

»Wer weiß. Wir haben ja noch nicht mal richtig angefangen.«

»Warum läuft Claires Leben ihr eigentlich nicht nach? Wie traurig ist das denn?«, fragte ich und deutete auf die Spielsachen, die überall auf dem Boden herumlagen.

Er zuckte die Achseln. »Ich mische mich da nicht ein. Mich gehst nur du was an.«

»Claires Leben scheint gut verdrängen zu können«, sagte ich. »Von ihm solltest du dir eine Scheibe abschneiden.«

»Oder von dir.«

Ich seufzte. »Bist du wirklich so unglücklich?«

Er nickte und sah schnell weg. Seine Kiefermuskeln arbeiteten heftig, während er die Fassung wiederzugewinnen versuchte.

»Aber ich verstehe nicht, warum es so schlimm für dich ist. Mir geht es doch gut.«

»Dir geht es gar nicht gut«, entgegnete er kopfschüttelnd.

»Ich wache vielleicht nicht jeden Morgen mit einem Lied auf den Lippen auf«, räumte ich ein und senkte die Stimme, »aber ich tue auch nicht so, als wären Dinge da, die in Wirklichkeit gar nicht da sind.«

»Ach nein?« Er machte ein amüsiertes Gesicht. »Es ist doch so: Wenn du stürzt und dir ein Bein brichst, dann hast du Schmerzen und gehst zum Arzt. Der macht ein Röntgenbild, und wenn du das ans Licht hältst, kann jeder den gebrochenen Knochen erkennen. Richtig?«

Ich nickte.

»Oder du hast einen kaputten Zahn, und der tut weh, also gehst du zum Zahnarzt, der steckt dir eine Kamera in den Mund, diagnostiziert das Problem und verordnet dir eine Wurzelbehandlung oder so. Richtig?«

Wieder nickte ich.

»Solche Dinge werden in unserer modernen Gesellschaft ohne weiteres akzeptiert. Du bist krank, du gehst zum Arzt, du kriegst Antibiotika. Du bist deprimiert, du redest mit einem Therapeuten, der verschreibt dir vielleicht Antidepressiva. Du kriegst graue Haare, gehst zum Friseur und lässt sie färben. Aber mit deinem Leben triffst du ein paar falsche Entscheidungen, hast vielleicht ein bisschen Pech, was auch immer, aber du musst trotzdem weitermachen, stimmt’s? Niemand kann die Unterseite dessen sehen, was du bist, und wenn man in unserer modernen Welt etwas nicht sehen kann – wenn man weder mit einem Röntgenapparat noch mit einer Kamera ein Bild davon machen kann –, dann existiert es einfach nicht. Aber ich bin da. Ich bin der andere Teil von dir. Das Röntgenbild deines Lebens. Ich bin das Bild im Spiegel, ich zeige dir, wenn dir etwas wehtut, wenn du unglücklich bist. Das alles spiegelt sich in mir. War das verständlich?«

Das erklärte jedenfalls den Mundgeruch, die feuchten Hände und den schlechten Haarschnitt. Ich ließ es mir durch den Kopf gehen. »Ja, aber das ist doch ziemlich unfair dir gegenüber.«

»Aber genau das ist meine Aufgabe. Es liegt an mir selbst, dafür zu sorgen, dass ich glücklich werde. Du siehst also, dass es hier genauso um mich geht wie um dich. Je mehr du dein Leben lebst, umso glücklicher bin ich, je zufriedener du bist, desto gesünder bin ich.«

»Also hängt deine Zufriedenheit von mir ab.«

»Ich betrachte uns lieber als ein Team. Du bist die Lois Lane für meinen Superman. Der Pinky für meinen Brain.«

»Das Röntgenbild für mein gebrochenes Bein«, fügte ich hinzu, wir lächelten, und ich hatte das Gefühl, dass wir Frieden geschlossen hatten.

»Hast du deiner Familie erzählt, was passiert ist? Ich wette, die haben sich Sorgen gemacht.«

»Du weißt doch genau, was ich denen erzählt habe.«

»Ich glaube, es ist besser, wenn wir beide unsere Gespräche so behandeln, als wüsste ich gar nichts.«

»Keine Sorge, das mache ich. Gestern hab ich mich mit meiner Mum und mit Riley getroffen. In Rileys Apartment. Wir haben was vom Pakistaner gegessen, und Mum hat es sich nicht nehmen lassen, mir eine heiße Schokolade zu machen, wie früher, wenn ich hingefallen bin und mir weh getan habe«, berichtete ich lachend.

»Klingt nett.«

»War es auch.«

»Hast du mit ihnen auch über gestern gesprochen?«

»Ich hab ihnen gesagt, dass ich in einem anderen Büro war. Dass ich irgendwas erledigen musste und die ganze Aufregung nicht mitgekriegt habe.«

»Warum hast du das gesagt?«

»Ich weiß auch nicht. Damit sie sich meinetwegen keine Sorgen machen.«

»Was bist du doch rücksichtsvoll«, meinte er sarkastisch. »Du hast es nicht gesagt, um sie zu schützen, sondern, um dich zu schützen. Damit du nicht darüber reden musst, damit du nicht zugeben musst, dass du etwas fühlst. Dieses komische Wort, das du gar nicht leiden kannst.«

»Keine Ahnung. Vielleicht. Was du sagst, klingt alles sehr kompliziert, und so denke ich nicht.«

»Möchtest du meine Theorie hören?«

»Schieß los«, sagte ich und stützte mein Kinn in die Hand.

»Vor ein paar Jahren, als Blake …«, er zögerte, »… als Blake von dir verlassen wurde …«

Ich grinste.

»… da hast du angefangen, andere Leute anzulügen, und weil du sie angelogen hast, war es auch leichter, dich selbst anzulügen.«

»Das ist eine interessante Theorie, aber ich habe keine Ahnung, ob sie stimmt.«

»Tja, das werden wir überprüfen. Bald musst du mit dem Lügen aufhören – was übrigens schwerer sein wird, als du denkst –, und dann wirst du Stück für Stück die Wahrheit über dich erfahren, was auch schwerer sein wird, als du denkst.«

Ich rieb mir die schmerzenden Schläfen und wünschte mir, ich wäre nicht in diesen Schlamassel geraten. »Und wie soll das gehen?«

»Indem du Zeit mit mir verbringst.«

»Klar. Einmal die Woche?«

»Nein, ich meine, ich gehe mit dir zur Arbeit, ich treffe zusammen mit dir deine Freunde, all so was.«

»Das geht nicht.«

»Warum?«

»Ich kann dich nicht einfach mit zu meinen Eltern nehmen. Oder wenn ich mit meinen Freunden ausgehe. Die denken ja, ich bin verrückt.«

»Du hast Angst, was sie dann über dich erfahren könnten.«

»Wenn mein Leben – also du – neben mir am Tisch sitzt, dann werden sie so ziemlich alles über mich erfahren.«

»Warum macht dir das solche Angst?«

»Weil es meine Privatangelegenheit ist. Du bist meine Privatangelegenheit. Niemand nimmt sein Leben mit zu einer Dinnerparty.«

»Ich denke, du wirst merken, dass die meisten Menschen, die du liebst, genau das tun. Aber darum geht es nicht, es geht darum, dass wir anfangen, mehr zusammen zu machen.«

»Das ist okay, aber nicht auch noch mit meinen Freunden und meiner Familie. Die möchte ich lieber getrennt halten.«

»Aber das tust du doch die ganze Zeit. Keiner von denen weiß wirklich etwas über dich.«

»Auf gar keinen Fall«, beharrte ich.

Er schwieg.

»Du wirst trotzdem mitkommen, stimmt’s?«, fragte ich.

Er nickte.

»Ich lüge nicht alle Leute an«, seufzte ich.

»Ich weiß. Die falsche Verbindung.«

»Siehst du? Auch ganz schön seltsam.«

»Eigentlich nicht. Manchmal sind die falschen Verbindungen genau die richtigen«, grinste er.