Kapitel 22

»Don, es tut mir so leid«, sagte ich schnell, ohne zunächst auf mein Leben zu achten. »Ich glaube, das war echt eine blöde Idee. Keine Ahnung, warum ich geglaubt habe, das könnte klappen«, fügte ich, immer noch völlig aufgewühlt, hinzu.
»Jetzt entspann dich erst mal«, sagte er, und ich spürte seine Hand, die mir beruhigend den Rücken rieb.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür zum Eichenzimmer, und Mum erschien, die Hand an die Brust gedrückt, als würde ihr das das Atmen erleichtern oder als könnte sie so ihre Gefühle besser in Schach halten – ihr Herz in einen Käfig sperren, damit es sich nicht rührte, nichts fühlte, sondern nur pumpte, um sie am Leben zu erhalten, ausdruckslos, ohne inneren Tumult, immer angemessen. »Lucy, Schätzchen«, begann sie, bemerkte dann die beiden Männer und sagte – und das, nachdem sie sich so auf ihn vorbereitet hatte – zu meinem Leben: »Oh, hallo. Sie sind sicher der Teppichreiniger.« Es war absurd.
»Genaugenommen bin ich der Mann von der Teppichreinigung«, mischte Don sich ein und zog schnell die Jacke aus, die das Teppichemblem auf seinem T-Shirt verdeckt hatte. »Er ist Lucys Leben.«
»Oh«, staunte meine Mutter, ohne die Hand von der Brust zu nehmen. Sie wirkte kein bisschen verlegen, obwohl es ihr doch unangenehm sein musste, dass sie mein Leben für den Teppichreiniger gehalten hatte.
»Mum, das ist Don«, sagte ich. »Don ist ein guter Freund, einer von der Sorte, die sich in letzter Minute entschließt einzuspringen, weil unser Gast es nicht geschafft hat und ich euch nicht alle im Stich lassen wollte. Es tut mir leid, Mum, ich hab es einfach nicht fertiggebracht, euch zu sagen, dass er nicht kommt, weil ihr euch alle so gefreut habt.«
»Mir tut es leid, was da drin passiert ist«, sagte Don bescheiden und zerknirscht.
»Es war meine Idee«, fügte ich entschuldigend hinzu, noch immer ein wenig zittrig. Am liebsten wäre ich einfach verschwunden, aber ich wusste nicht, wie.
»Wir sollten alle zusammen eine Tasse Tee trinken«, schlug Edith vor, die plötzlich auftauchte. Anscheinend hatte sie an der Küchentür gestanden und gelauscht.
»Ja, das ist eine gute Idee«, sagte Mum, aber ich war nicht sicher, ob sie den Tee mehr für sich oder für mich wollte. »Ich bin übrigens Sheila, Lucys Mum«, stellte sie sich vor und streckte meinem Leben die Hand hin. »Freut mich, Sie kennenzulernen. Und Don«, fügte sie mit einem warmen Lächeln hinzu, »es war wirklich schön, Sie bei uns zu haben. Tut mir leid, dass unsere Gastfreundlichkeit nicht so funktioniert hat, wie ich es mir gewünscht hätte, aber Sie sind trotzdem herzlich zu unserem Hochzeitstag eingeladen.«
Mir war das höfliche Geplauder nahezu unerträglich. Edith schüttelte meinem Leben und Don die Hand, bot ihnen Tee an und diskutierte mit ihnen über verschiedene Kekssorten. An der Art, wie Mum sich ins Gespräch einbrachte, erkannte ich, dass sie herauszufinden versuchte, ob es angemessen war, Don den Teppich reinigen zu lassen, oder ob sie ihn lieber gehen lassen sollte. Dann redeten mein Leben und meine Mum über die Blumen für das Fest, und Don sah mich an. Das wusste ich nicht etwa, weil ich seinen Blick erwiderte, nein, ich bekam es nur aus dem Augenwinkel mit, und die ganze Zeit wurde die Unterhaltung in meinem Kopf von den Worten meines Vaters übertönt.
Schließlich trat mein Leben zu mir. »Du hast eine echt große Lüge erzählt.«
»Ich kann jetzt wirklich nicht mehr«, wehrte ich ab. »Und die Situation kann sowieso nicht mehr schlimmer werden, egal, was du sagst.«
»Ich will sie auch gar nicht schlimmer machen. Sondern besser.« Mein Leben räusperte sich, und Mum, die spürte, dass etwas Wichtiges vor sich ging, unterbrach ihr Gespräch mit Don und Edith.
»Lucy hat das Gefühl, dass sie für ihre Eltern nie gut genug ist, egal, was sie tut.«
Ein unbehagliches Schweigen trat ein, ich spürte, wie ich rot wurde, aber ich wusste, dass ich es verdient hatte. Eine große Lüge verdiente eine große Wahrheit. »Ich muss gehen.«
»Ach, Lucy.« Mum schaute mich traurig an, aber dann rastete irgendetwas in ihr ein, der Silchester-Hebel wurde umgelegt, und sie lächelte mich strahlend an. »Ich bringe euch zur Tür.«
»Das hast du wirklich nicht verdient, Lucy«, sagte mein Leben, als wir durch die Hügel von Wicklow zur Autobahn zurückfuhren. Ich saß am Steuer, er auf dem Beifahrersitz.
Es war der erste Satz seit fünfzehn Minuten, genaugenommen der erste überhaupt, seit wir ins Auto gestiegen waren. Mein Leben hatte nicht mal versucht, das Radio anzumachen, wofür ich ihm sehr dankbar war, denn der Lärm in meinem Kopf war schlimm genug. Hauptsächlich war es die Stimme meines Vaters, immer die gleichen Worte, und inzwischen machte ich mir keine Hoffnungen mehr, dass wir uns jemals versöhnen würden. Alles, was mein Vater heute über mich gesagt hatte, war ihm leicht und ohne jede gefühlsmäßige Beteiligung über die Lippen gekommen. Sicher, er war wütend gewesen, aber dahinter hatte ich keinen Schmerz gefühlt, keine Verletzung, die ihn dazu brachte, Dinge zu sagen, die er so nicht meinte. Nein, er hatte jedes Wort seiner Tirade ernst gemeint, und ich hätte gewettet, dass er bis zu seinem Tod dabeibleiben würde. Es gab kein Zurück. Eigentlich war es mir nicht recht gewesen, dass mein Leben mitfuhr, aber er hatte darauf bestanden, und mein Wunsch, so schnell wie möglich vom Haus meiner Eltern wegzukommen, war so überwältigend gewesen, dass ich wahrscheinlich auch einen bengalischen Tiger auf dem Rücksitz mitgenommen hätte.
»Ich hab bekommen, was ich verdiene. Ich hab gelogen.«
»Ja, das hast du schon verdient. Aber was dein Vater gesagt hat, das hast du nicht verdient.«
Ich antwortete nicht.
»Und jetzt?«
»Ich bin wirklich nicht in der Stimmung für eine tiefschürfende psychologische Diskussion.«
»Wie wäre es dann mit einer geographischen? Du hast die Auffahrt zur Autobahn verpasst.«
»Oh.«
»Dann fahren wir jetzt vermutlich nach Wexford?«
»Nein, wir fahren nach Hause.«
»Was ist mit deinem Plan, die Liebe deines Lebens zu besuchen?«
»Die Realität ist mir dazwischengekommen.«
»Und das heißt …?«
»Er hat die Vergangenheit hinter sich gelassen, und das muss ich auch.«
»Rufst du dann Don an?«
»Nein.«
»Oh, dann bist du jetzt für keinen mehr gut genug.«
Ich schwieg, aber in meinem Kopf schrie ich Ja.
»Was dein Vater gesagt hat, ist nicht wahr, weißt du.«
Ich sagte nichts.
»Okay, ich hab heute Vormittag die Beherrschung verloren und vielleicht ein paar unfaire Dinge gesagt.«
Ich sah ihn an.
»Okay, ich habe bestimmt ein paar unfaire Dinge gesagt, aber ich hab sie so gemeint.«
»Was für eine Entschuldigung ist das denn?«
»Gar keine. Ich sage nur, du hättest deinen Job nicht hinschmeißen sollen, bevor du dir einen anderen gesucht hast, aber das ist alles. Was dein Vater sonst noch von sich gegeben hat, ist alles Quatsch.«
»Ich kann die Miete nicht mehr bezahlen. Ich weiß nicht mal, ob ich genug Geld habe, um in dieser Schrottmühle nach Wexford zu kommen. Ich hab nicht genug Geld, um Don zu bezahlen, was ich definitiv will. Ich hätte den Job behalten sollen, und sei es nur für ein bisschen finanzielle Stabilität. Ich hätte mich nach einer anderen Arbeit umschauen sollen, während ich den Job noch hatte. Das wäre verantwortungsvoll gewesen.«
Er schwieg, was bedeutete, dass er mir recht gab. Aber im Eifer des Gefechts achtete ich nicht auf die Straße, bog ab, und plötzlich befanden wir uns auf einer Straße, die mir völlig unbekannt war. Ich wendete und nahm die nächste Abbiegung nach rechts, aber auch hier war mir alles fremd, also wendete ich in einer Auffahrt und nahm Kurs zurück zur Straße. Sah nach links und nach rechts. Und ließ den Kopf aufs Lenkrad sinken.
»Ich hab total die Orientierung verloren.«
Auf einmal spürte ich die Hand meines Lebens auf dem Kopf. »Keine Sorge, Lucy, du wirst den richtigen Weg finden, ich bin ja da, ich helfe dir.«
»Und, hast du eine Karte? Weil ich das nämlich geographisch meine – ich hab mich verfahren.«
Hastig zog er die Hand zurück und schaute sich um. »Oh.« Dann sah er mich an. »Du siehst müde aus.«
»Bin ich auch. Ich hab letzte Nacht kaum geschlafen.«
»So genau wollte ich es gar nicht wissen. Lass mich fahren.«
»Nein.«
»Doch, lass mich fahren. Dann kannst du dich auf den Rücksitz legen, und ich bring uns nach Hause.«
»Ich kann nicht mal den Arm ausstrecken auf dem Rücksitz, geschweige denn mich hinlegen.«
»Du weißt, was ich meine. Du kannst dich ein bisschen ausruhen.«
»Kannst du überhaupt fahren?«
Er griff in die Innentasche seiner Jacke, zog wieder einmal irgendwelche Papiere heraus und hielt sie mir unter die Nase. Ich nahm sie nicht, ich war viel zu müde zum Lesen.
»Das ist eine Genehmigung, jedes Fahrzeug zu fahren, so lange es der Unterstützung und Entwicklung deines Lebens zuträglich ist.«
»Jedes Fahrzeug?«
»Ja, jedes.«
»Sogar ein Motorrad?«
»Sogar ein Motorrad.«
»Und einen Traktor?«
»Sogar einen Traktor.«
»Ein Quad?«
»Auch ein Quad.«
»Und was ist mit Schiffen? Kannst du auch ein Schiff steuern?«
Er sah mich erschöpft an, und ich gab auf. »Na gut. Sebastian gehört dir.« Ich stieg aus und versuchte es mir auf dem Rücksitz einigermaßen bequem zu machen.
Und nun saß mein Leben am Steuer.
Ich erwachte mit einem Nackenkrampf, mein Kopf tat weh, weil er bei jeder Unebenheit ständig gegen die kalte Fensterscheibe rumste, mein Hals brannte, weil der Sicherheitsgurt auf der bloßen Haut scheuerte. Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, wo ich war. Im Auto. Mein Leben saß am Steuer und sang mit einer Stimme wie ein Sechsjähriger, der gerade einen in die Eier bekommen hat, einen Justin-Bieber-Hit mit.
Draußen war es dunkel, was nicht weiter verwunderlich war, denn wir hatten Glendalough um acht verlassen, und obwohl ein normales Auto ohne psychische Probleme weniger als eine Stunde zu meiner Wohnung gebraucht hätte, benötigte mein komplexbeladener Sebastian wesentlich mehr Zeit. An einem sommerlichen Juniabend wurde es nicht vor zehn Uhr dunkel, also war ein gewisses Maß an Dunkelheit zu erwarten – aber nicht das. Es war stockfinster, demzufolge mussten wir wesentlich länger als eine Stunde unterwegs sein, und da außer einem gelegentlichen kleinen Oval in einer Veranda oder dem Viereck eines Fensters in der Ferne keine Lichter zu sehen waren, konnten wir nicht in Dublin sein. Auf einmal hielten wir an, mit laufendem Motor, mitten im Nirgendwo. Ich sah mein Leben an. Er hatte sein iPhone aufs Armaturenbrett gelegt und schaute auf das Navi. In meinem Kopf klingelten die Alarmglocken, aber mein Leben schien zufrieden und setzte, obwohl niemand in der Nähe war, der ihn hätte sehen können, den Blinker, und langsam nahmen wir wieder Fahrt auf. Ich beugte mich zu ihm nach vorn.
»Wo sind wir?«, fragte ich dicht an seinem Ohr.
»Wahhh!«, schrie er erschrocken und drehte sich instinktiv um. Dabei verlor er einen Moment die Kontrolle über das Steuer, das Auto scherte nach links aus, er riss das Lenkrad nach rechts, gerade rechtzeitig, dass wir nicht im Graben landeten, nur leider so heftig, dass wir auf die andere Straßenseite hinübergetragen wurden. Trotz meines Sicherheitsgurts flog ich wie eine Gliederpuppe erst nach links und wurde dann unsanft gegen den Vordersitz geschleudert. Wir waren im gegenüberliegenden Graben gelandet.
Nichts regte sich mehr, alles war still, abgesehen von Justin Bieber, der unbeirrt sein Baby, Baby, Baby trällerte.
»Oh-oh«, sagte mein Leben.
»Oh-oh«, wiederholte ich und zerrte den Sicherheitsgurt von meinem Körper, so dass er mich nicht länger zu amputieren drohte. »Oh-oh? Jetzt sitzen wir im Graben, irgendwo im Nirgendwo. Was zum Teufel denkst du dir dabei?«
»Du hast mich erschreckt«, erwiderte er mit verletztem Stolz. »Und außerdem sind wir nicht im Nirgendwo, sondern mitten in Wexford.« Er drehte sich zu mir um. »Überraschung! Ich helfe dir, deinem Traum zu folgen.«
»Aber wir sitzen in einem Graben fest.«
»Ja, ironisch, was?« Er fuchtelte mit seinem Handy herum.
Ich kämpfte immer noch mit dem Sicherheitsgurt, um mich aus meiner unbequemen Position zu befreien, aber er klemmte. »Willst du es nicht mal mit dem Rückwärtsgang probieren?«, fragte ich frustriert. Endlich klickte der Gurt, und ich rauschte unvorbereitet mit dem Gesicht in die Kopfstütze vor mir und rammte mir die Nase. Ich spähte aus dem Fenster. Der einzige Hinweis auf unseren Standort war ein Haus in der Ferne, von dem ich aus meiner Perspektive ein paar diagonale beleuchtete Fenster sehen konnte.
»Der Rückwärtsgang wird uns hier auch nicht rausbringen. Jedenfalls nicht mit diesem Auto. Ich glaube, das Problem ist, dass ich zu früh von der Autobahn abgefahren bin. Schauen wir mal …«, murmelte er vor sich hin und fummelte wieder an seinem iPhone-Navi herum.
Ich versuchte die Tür aufzumachen. Sie ließ sich einen Spaltbreit öffnen, aber dann stieß sie gegen etwas auf der anderen Seite. Es war so dunkel, dass ich nicht aus dem Fenster sehen konnte, also kurbelte ich es nach unten und steckte den Kopf hinaus. Das Hindernis war ein Baum, der wahrscheinlich irgendwann bei einem Sturm umgestürzt war und mir jetzt als ein Haufen verschlungener Zweige und toter Blätter den Weg blockierte. Ich fasste mit der Hand ans Dach, zog meinen Oberkörper durchs Fenster und versuchte dann eine Möglichkeit zu finden, wie ich auch den Rest meines Körpers ins Freie manövrieren konnte. Zuerst probierte ich, mich zu drehen und gleichzeitig das angewinkelte Bein aus dem Fenster zu schieben, aber das war kompliziert. Um nachzuhelfen, nahm ich die Hand vom Dach, aber das war keine gute Idee: Ich verlor den Halt und plumpste rückwärts aus dem Auto, direkt auf den Baumstamm, was schlimmer weh tat als alles, was ich in letzter Zeit an Schmerzen erlebt hatte. Bekanntlich weinten Silchesters nicht, aber sie waren durchaus in der Lage, zu schimpfen und zu fluchen wie die sprichwörtlichen Bierkutscher. Ich hörte eine Tür zuschlagen, und kurz darauf sah ich mein Leben vom Rand des Grabens auf mich herunterblicken. Er streckte mir die Hand entgegen.
»Alles in Ordnung?«
»Nein«, grummelte ich. »Wie bist du aus dem Auto gekommen?«
»Durch die andere Tür.«
Oh. Daran hatte ich nicht gedacht. Ich griff nach seiner Hand, und mein Leben zog mich aus dem Graben.
»Ist was gebrochen?«, fragte er, drehte mich um und überprüfte meinen Rücken. »Abgesehen von dem armen Baum natürlich.«
Ich ruckelte ein bisschen herum und testete meine Gelenke. »Nein, ich glaube nicht.«
»Wenn du so rumwackeln kannst, ist bestimmt nichts kaputt, glaub mir. Jedenfalls nicht körperlich.« Die Hand in die Hüfte gestemmt, betrachtete er das Auto. »Wir sind nicht weit von dem Bed & Breakfast, das ich gebucht habe, wir könnten hinlaufen.«
»Laufen? In diesen Schuhen? Und wir können das Auto doch nicht einfach hier im Graben liegen lassen.«
»Ich rufe auf dem Weg zum Haus den Abschleppdienst an.«
»Ach was, das kriegen wir doch alleine hin. Du und ich. Los, komm.« Ich ließ nicht locker, bis er sich in Bewegung setzte, und kurz darauf saß ich am Steuer, während er Sebastian rauszuschieben versuchte. Als das nicht klappte, setzte er sich ans Steuer, und ich schob. Als auch das nichts brachte, holten wir schließlich doch unser Gepäck aus dem Kofferraum und trotteten nach den Anweisungen des iPhones die Straße hinunter. Wenn ich Straße sage, wende ich den Begriff ziemlich großzügig an – es war eher ein Trampelpfad für die Bauernhoftiere und Traktoren, völlig ungeeignet für Frauen in Wickelkleidern und Keilabsatzschuhen mit schmerzendem Rücken und Zweigen im Haar. Fünfundvierzig Minuten wanderten wir, bis wir das B&B endlich fanden, das, wie wir feststellten, direkt hinter einem nagelneuen Radisson Hotel lag. Mein Leben sah mich entschuldigend an. Das B&B war ein Bungalow mit altmodischen Teppichen und Tapeten und roch nach Raumspray, aber es war sauber. Da ich zum Lunch kein Mikrowellengericht zu mir genommen und bei meinen Eltern nur ein paar Löffel Zucchini-Erbsensuppe geschlürft hatte, die ich wegen der Beleidigungen meines Vaters nicht mal richtig geschmeckt hatte, war ich hungrig wie ein Wolf. Die Landlady bereitete im Handumdrehen ein paar Schinkensandwiches und eine Kanne Tee, was beides wunderbar schmeckte, und danach fuhr sie noch einen Teller mit Keksen auf – eine Sorte, die ich seit meinem zehnten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte. Dann saß ich mit Lockenwicklern im Haar auf dem Bett und lackierte mir die Fußnägel. Aber die Beschimpfungen meines Vaters gingen mir nicht aus dem Kopf, der sich hohl und leer anfühlte, sicher die ideale Einöde, in der solche Worte bis in alle Ewigkeit widerhallen konnten.
»Hör auf, ständig an deinen Vater zu denken«, sagte mein Leben.
»Kannst du Gedanken lesen?«, fragte ich.
»Nein.«
»Weil du manchmal genau das sagst, was ich gerade denke.« Ich sah ihn an. »Wie machst du das?«
»Vermutlich kriege ich irgendwie mit, was du fühlst. Aber es ist ja auch total naheliegend, dass du an deinen Dad denkst. Er hat dir ein paar ganz schön harte Dinge an den Kopf geworfen.«
»Er ist nicht mein Dad, sondern mein Vater«, korrigierte ich ihn.
»Möchtest du darüber reden?«
»Nein.«
»Deine Eltern sind also reich«, sagte mein Leben, den meine Antwort keineswegs dazu brachte, das Thema ruhen zu lassen.
»Wohlhabend«, sagte ich automatisch, ohne nachzudenken.
»Wie bitte?«
»Sie sind nicht reich, sondern wohlhabend.«
»Wer hat dir denn das schöne Wort beigebracht?«
»Mum. Mit acht war ich im Sommerlager, und die anderen Kinder haben dauernd davon geredet, wie reich ich bin, weil sie mich in einem BMW hatten vorfahren sehen – oder in irgendeinem anderen Wagen, den wir damals hatten. Ich hatte noch nie darüber nachgedacht, Geld war kein Thema, daran verschwendete man keinen Gedanken.«
»Weil ihr immer welches hattet.«
»Vielleicht. Aber irgendwann hab ich dann angefangen, das Wort selbst zu benutzen. Ich erinnere mich noch gut an eins unserer jährlichen Wintersonnwendfrühstücke mit den Maguires. Da hab ich aus irgendeinem Grund gesagt, wir wären reich, und meine Eltern haben mich so entsetzt angestarrt, dass ich wusste, ich würde dieses Wort nie wieder in den Mund nehmen. Es war, als hätte ich etwas Unanständiges gesagt. Als wäre reich ein ganz schlimmes Wort.«
»Was für Regeln hat man dir denn sonst noch eingebläut?«
»Oh, eine Menge.«
»Zum Beispiel …?«
»Ellbogen nicht auf den Tisch, nicht mit den Achseln zucken, nicht mit dem Kopf nicken … nicht mit neun Männern in einer Scheune Poitín trinken.« Er sah mich fragend an. »Lange Geschichte. Nicht weinen, überhaupt kein Gefühl zeigen, nicht das Gesicht oder sonst was verziehen. Du weißt schon, das Übliche.«
»Hast du immer alle Regeln befolgt?«
»Nein.«
»Hast du alle gebrochen?«
Ich dachte an die Nicht-Weinen-Regel, die eigentlich keine Regel war, sondern eher eine Angewohnheit. Ich sah meine Eltern einfach nie weinen, nicht einmal beim Tod ihrer eigenen Eltern; sie benahmen sich so gefasst und ruhig und angemessen wie immer.
»Nur die wichtigen«, antwortete ich schließlich. »Mein gottgegebenes Recht, mit neun Männern in einer Scheune Poitín zu trinken, werde ich mir niemals nehmen lassen.«
Das Handy meines Lebens piepte.
Er las, lächelte und simste sofort zurück.
»Ich bin nervös wegen morgen«, gestand ich.
Wieder ein Piepen, und er sah sofort nach, ohne meine großartige Offenbarung zu beachten. Abermals lächelte er und schrieb umgehend zurück.
»Wem simst du denn da?«, fragte ich und spürte eine sonderbare Eifersucht, weil er mir ausnahmsweise mal nicht seine volle Aufmerksamkeit schenkte.
»Don«, antwortete er, ganz auf seine SMS konzentriert.
»Don? Meinem Don?«
»Wenn du gern ein psychotisches Besitzrecht auf andere Menschen anmelden möchtest, dann ja. Ich schreibe deinem Don.«
»Das ist überhaupt nicht psychotisch, schließlich hab ich ihn zuerst kennengelernt«, grollte ich. »Aber egal – was will er denn?« Ich versuchte auf sein Telefon zu schielen, aber er hielt es schnell weg.
»Geht dich nichts an.«
»Warum schreibst du ihm überhaupt?«
»Weil wir gut miteinander auskommen und ich Zeit für ihn habe. Morgen Abend gehen wir zusammen einen trinken.«
»Morgen Abend? Das geht nicht, da sind wir noch weg, und überhaupt – was denkst du dir denn dabei? Ist das kein Interessenkonflikt für dich?«
»Falls sich das auf Blake bezieht, für ihn interessiere ich mich nicht. Also nein, kein Konflikt.«
Ich musterte ihn. Seine Körpersprache hatte sich verändert, er hatte sich abgewandt, und sein Rücken war ganz steif.
»Du magst ihn echt nicht, stimmt’s?«
Er zuckte die Achseln.
»Was passiert denn, wenn er und ich, du weißt schon – wenn wir wieder zusammenkommen?« Allein der Gedanke versetzte meinen Magen in Aufruhr, und jede Menge Schmetterlinge begannen zu tanzen. Ich stellte mir vor, wie Blake mich mit seinen perfekten Lippen küsste, überallhin. »Wie würdest du damit umgehen?«
Er verzog den Mund und dachte nach. »Wenn du glücklich wärst, dann würde es mir wahrscheinlich nichts ausmachen.«
»Dann müsstest du doch auch glücklich sein, oder nicht? Denn wenn ich glücklich bin, dann bist du auch glücklich, nicht wahr? Aber wenn ich mit ihm zusammen wäre und du wärst nicht glücklich, tja, das würde dann wohl bedeuten, dass ich ihn nicht wirklich liebe, stimmt’s?«
»Nein, es würde nicht bedeuten, dass du ihn nicht liebst. Es würde bedeuten, dass es auf irgendeine Art nicht richtig ist, nicht so, wie es sein soll.«
»Ich bin nervös. Zuerst war ich nervös, ihn wiederzusehen. Ich meine, es ist so lange her, und außer in der Fernsehsendung war ich nie in seiner Nähe. Ich hab ihn nie auf der Straße gesehen, ich bin ihm nie in einer Bar begegnet. Ich hab seine Stimme nicht gehört und auch – o mein Gott, was, wenn er mich hier nicht haben will? Was, wenn er einen einzigen Blick auf mich wirft und sich freut, dass er mich los ist? Was, wenn er dieses Mädchen wirklich liebt und den Rest seines Lebens mit ihr verbringen will?« Ich sah mein Leben an, entsetzt und verängstigt von all diesen neuen Gedanken. »Was, wenn ich nach all der Zeit immer noch nicht gut genug für ihn bin?« Tränen traten mir in die Augen, aber ich blinzelte sie schnell weg.
»Lucy«, sagte mein Leben ganz sanft. »Wenn es nicht funktioniert, heißt das nicht, dass du nicht gut genug bist.«
Aber es fiel mir schwer, das zu glauben.